Dämmermarathon 2022 (Teil 2)

Der Dämmermarathon… mein neues Personal Best, sogar die 3:10 unterboten. Damit könnte alles gesagt sein, aber irgendwie ist es das doch noch nicht. Auf 42,195 Kilometern, in der Rennvorbereitung und auch nach dem Lauf passiert so einiges, und vieles davon fühlt sich auch berichtenswert an. Ob es das auch ist, sei dahingestellt, aber das hier ist ja ein Blog…

Mein Wettkampftag begann natürlich nicht in Mannheim, sondern zuhause. Am Vorabend hatte ich meinen Mann zu dessen Firmenjubiläumsfeier begleitet. Das Essen dort war von der Qualität her top, von der Zusammenstellung aber nicht zwingend das Essen für den Vorabend des Marathons – aber es hat ja dennoch funktioniert. Wir waren auch mit dem Rad zum Restaurant gefahren und dann natürlich auch wieder nach Hause. Am Morgen des Wettkampftags traf mein „Rheinland-Pfälzer Fanclub“ ein, in Gestalt meines Nennbruders und dessen Vater. Wir frühstückten zusammen, machten noch einen Spaziergang zum Supermarkt und brachen dann zu viert nach Mannheim auf… heiß war es, und ich merkte schon, dass die Wärme auch an meinen Reserven etwas zehrte. Wahrscheinlich wäre ich bei einem am Morgen gestarteten Marathon schneller gewesen, aber ich hatte mir nun einmal den Dämmermarathon ausgesucht. Nachdem ich meine drei Herren – Ehemann und Fanclub – in einem Café zurückgelassen hatte, holte ich meine Startnummer und gesellte mich dann wieder zu den dreien, montierte die Startnummer mit Magneten auf das Trikot, trank noch eine Flasche Wasser und ging noch einmal auf Toilette.

Ready to go.

Dann ging es in die Startblöcke auf der Augusta Anlage. Ein bisschen lief ich mich im Startblock ein, drehte kurze Runden und sah einen, bei dem ich dachte: „Den kennst du doch!“ Kurze Zeit später wurde es mir bestätigt: Simon Stützel von der LG Region Karlsruhe war im Teilnehmerfeld und somit war mir klar, dass es bei den Herren vorne schnell werden würde. Langsam wurde ich ein bisschen nervös, erst kurz nach 19:00 wurden wir von der Augusta Anlage vor den Rosengarten geführt, wo eigentlich um 19:00 schon gestartet werden sollte – aber die Strecke war noch nicht freigegeben. Als wir zwischen Tribüne und Sprecher-Bühne an die Startlinie gingen, und der Sprecher vom „Einmarsch der Athleten“ sprach, hatte ich schon das erste Mal richtig Gänsehaut. Und dann ging es los!

Recht schnell war mir klar, dass die 3:15-Pacer nicht meine Orientierung sein würden. Ich lief 4:28/km und fühlte mich wohl dabei. Ich hatte viel 4:30 bis 4:26 pro Kilometer trainiert, ich war stark, ich war vorbereitet. Bereits auf der anderen Seite des Wasserturms hatte ich ein bisschen nach „langsam“ zu korrigieren, aber das schaffte ich dann auch. Raus auf die Augusta Anlage und dann am Planetarium links, schließlich raus Richtung Seckenheim stellte sich ein halbwegs konstantes Tempo ein. Plötzlich schloss jemand zu mir auf: „Hi, ich glaub‘, ich kenn‘ Dich von Strava!“ Tatsache, ja, er kannte mich von Strava und ich ihn. Eigentlich müsste er schneller sein, aber es war sein erster Marathon. Wir quatschten miteinander und flogen mit konstanten ca. 4:30/km, vielleicht etwas schneller, durch die recht einsame Passage nach Seckenheim und südlich um Seckenheim herum. Wie stets ist das Einbiegen in die ersten Wohnstraßen von Seckenheim erstmal eine Enttäuschung: „Stadionatmosphäre ist das nun nicht…“ Dann, nächste Kurve, BÄM! Überall Leute an der Straße, Kinder, die Hände zum Abklatschen hinhalten, teils auch Erwachsene, die das tun. Wenn man Kamikaze machen wollte, würden sie einem sicher auch Sekt zureichen, all die Leute, die da an der Straße sitzen, stehen, jubeln, anfeuern… drängende, treibende Musik spielen und einen mit der Begeisterung in restlos zu schnelle Pace treiben. Zum Glück – auf der ersten Runde zum Glück – kommt dann die lange Landstraße wieder rein nach Mannheim und der verhältnismäßig ruhige Radweg am Neckar entlang, so dass man wieder ein bisschen ausgleichen kann. Mein Gefährte und ich sprachen nun weniger, waren viel mit Ausweichen beschäftigt: Der schnelle Part des Halbmarathons überholte uns und wir liefen von hinten in das langsame Ende des Monnemer Zehners rein. Fünf Kilometer dauerte dieser anstrengende Part, ein Stück durch die Quadrate durch. Dann wurde es am Wasserturm wieder laut, anfeuernd, motivierend – und dann waren wir wieder einsam, bei freier Strecke allein auf dem Weg hinaus Richtung Seckenheim. Hier war das noch angenehm – es war hell, es war endlich genug Platz, man konnte sein Tempo laufen. Knapp schneller als 4:30/km waren wir unterwegs, wenn ich von 21 Kilometern hochrechnete, war eine Zeit deutlich unter 3:10 drin. Aber der Marathon hat zwei Hälften, und die harte zweite beginnt nicht bei 21, sondern bei 32 Kilometern.

Im Falle des Dämmermarathons beginnt diese harte zweite „Hälfte“ nach dem zweiten Durchlauf durch Seckenheim. Es wird dunkel, Lampions und Feiernde sind an der Strecke – und dann kommt man zurück auf die Seckenheimer Landstraße. Plötzlich ist da keiner mehr. Plötzlich ist da gar nichts mehr – es wird dunkel, keine Leute an der Strecke, kaum noch Läufer auf der Strecke… Kilometer 32 beginnt. Noch kann man sich der Illusion hingeben, dass es nur heißt, dass es nun hart wird. Noch scherzt man darüber. Dann ist es völlig dunkel, man weicht den letzten Halbmarathonis aus, wenn man sie gerade sieht, auf dem Radweg nahe des Neckars ist keiner mehr, spätestens am City Airport wünscht man sich, es wären nur noch drei, vier Kilometer – und nicht noch acht oder neun. Dann brach, nach vorheriger kurzer Gehpause und Wiederaufschließen, kurz vor dem Wiedereintritt in die Innenstadt, auch noch mein Laufgefährte bei Kilometer 36 weg. Der Geist bäumt sich auf, ich bin auf dem Weg zu meiner Bestzeit – ihr geschniegelten Affen, die aus dem Theater kommen und unbedingt über die Rennstrecke in meinen Weg stolpern müssen, die Ordner, die sie nicht zurückhalten: „Ey, was soll’n das!?!“ Der Ärger ist gut, er hält aufrecht. Dann geht es wieder in die Quadrate, und dann dürfen die Halbmarathonis zwischen O3 und O4 links abbiegen, haben noch 1500 Meter zum Ziel. Die Planken ziehen sich, und dann geht es rechts auf die Fressgasse – da ist die Mitte als Strecke abgesperrt, kein Mensch auf der Straße, das Licht gelblich, vor mir kaum noch zu erkennen, aber nicht weit weg ein anderer Läufer in schwarzem Trikot, hinter mir scheinbar lange keiner mehr. Es scheint gar nicht mehr aufzuhören. Die Moral ist am Ende…

Aber wenn die Psyche nicht mehr mitzumachen scheint, ist sie noch nicht am Ende, und der Körper sowieso nicht. Jetzt umkehren wäre auch blöd, nicht? Und die Zeit ist zu gut, um zu gehen oder gar stehen zu bleiben. Und dann geht es am Arbeitsgericht den Radweg runter Richtung Ludwigshafen – was? DA runter? Ein paar Meter runter zum Rhein, man könnte meinen, es sei eine Wohltat, aber mein Geist sagt nur: „Seid Ihr verrückt? Ich muss das auch wieder hoch laufen, ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne eine Seilbahn schaffen soll!“ Aber ich schaffe es, zeitweise zeigt die Uhr erschreckende 5:25/km an, aber der Kilometer bleibt doch unter der fünf-Minuten-Grenze. Dann die Wendepunktstrecke vor der Universitätsbibliothek – rechts abbiegen, obwohl es links zum Wasserturm ginge. Aber da läuft eine andere Frau!

In Seckenheim haben sie mir beim zweiten Durchgang zugebrüllt, ich seit die vierte Frau. Das muss die dritte sein, schauen wir mal, wie lange die Wendepunktstrecke ist, wie weit sie weg ist. Zu weit in jedem Fall, um sie einzuholen, aber vielleicht dranbleiben, irgendwie! Aber es geht ganz schon weit nach rechts, bevor wir zurück dürfen. Als ich dort bin, wo ich die Frau vor mir gesehen haben, biegt mein ehemaliger Begleiter gerade ein: „Tally, lauf es fertig! Du schaffst es!“, brüllt er! Ich gebe mir Mühe, aber noch immer sind die gelben Lichter und die Einsamkeit eine Herausforderung, die alles in meinem Inneren schwer werden lässt. Seit wann trage ich diese schweren, schweren Gefühle mit mir herum? Hätte ich früher nochmal trinken, hätte ich meinen zweiten Fruchtriegel noch essen sollen? Eine Straßenbahn, die scheinbar im Weg steht, holt mich aus meinen düsteren Gedanken. Man hält die Straßenbahn auf, ich darf die Schienen überqueren, und ich laufe endlich wieder auf den Kapuzinerplanken – die Sicht ist geradeaus frei bis zum Wasserturm! Das Ende ist nah, und das ist nun nichts mehr Apokalyptisches. Als die Halbmarathonis von links wieder auf unsere Strecke geführt werden, wird es noch besser – da sind Leute, die jubeln mir zu, da sind Leute, die brüllen begeistert, und die brüllen auch für die ganzen erschöpften Halbmarathonis, die ich nun überhole. Ich werde wieder schneller – keine 4:30/km, nein, das nicht mehr, aber schneller! Der Wasserturm, das bunte Licht zieht mich an wie eine Motte, der Jubel trägt mich.

Meine Uhr zeigt Kilometer 42 an, als ich den Kaiserring überquere, ich weiß, 300 Meter zu wenig zeigt sie. Noch ein halber Kilometer. Kurz bevor ich in das Halbrund des Friedrichsplatzes einbiege, das dritte Mal, höre ich den Sprecher meinen Namen sagen, auf der anderen Seite des Platzes, am Ziel vor dem Rosengarten. Dieses Mal muss ich nicht in die Augusta Anlage biegen, dieses Mal darf ich rum laufen. Der Jubel lässt mich aufdrehen, ich merke, es ist bald vorbei, ich bin grandios in der Zeit, ich habe lange nicht mehr auf die Uhr geschaut, aber es KANN nicht so schlimm sein, es muss weit unter dem sein, was ich mir vorgenommen habe. „Und da kommt sie, die dritte Frau – Talianna Schmidt!“, ruft der Sprecher, und ich begreife: Irgendwo, unter all den Frauen, deren Startnummern ich nicht nicht auf roten Zehner-Rahmen, blauen Halbmarathon-Rahmen, orangen Staffelläufer-Rahmen angeschaut habe, muss die vormals Viertplatzierte gewesen sein, die ich überholt habe…

Rotleuchtend ticken die Zahlen über dem Zielbogen. 3:09:39… 3:09:40… unter 3:10! Ich brülle… ich reiße die Arme hoch, wild schwingt mein Kopf die beschleunigenden Schritte mit… zu schnell, um ohne Blitz von meinem Nennbruder fotografiert zu werden:

…und dann hängen sie mir den Zugangsbendel zur Bühne, zur Siegerehrung um. Erst als ich stehe, realisiere ich richtig, wie erschöpft ich bin. Als wir gefühlt ewig auf die Zweite warten, der Betreuer, die Siegerin und ich, setzen Krämpfe ein: Oberschenkel, Waden, Längsgewölbe, Zehen. Ich ziehe sie Schuhe aus, dehne, leide – und kann dann doch lächeln auf der Bühne:

…mehrfach heule ich, muss stehen bleiben, wegen Krämpfen oder weil mir in Freudentränen alles verschwimmt. Man lässt uns rein, im Restaurant, weil ich meinen Pokal trage, und endlich, über das Salz auf der Pizza, lassen die Krämpfe nach.

Was ein wilder Ritt!

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