Der Hammer kommt zum Schluss

Ich habe es gerade ausgelesen…

Tom Clancys „Ehrenschuld“ endet mit einem Hammer, den ich vielleicht besser nicht vor dem Schlafen gelesen hätte. Dass ich aus anderen, unangenehmeren Gründen diese Nacht nicht so viel Schlaf bekommen habe, steht auf einem anderen Blatt. Aber irgendwie versuche ich, meine Geschichten versöhnlicher enden zu lassen, als Clancy das bei „Ehrenschuld“ getan hat. Ich möchte niemanden spoilern, daher werde ich nicht explizit schreiben, was am Ende des Buches passiert. Dennoch kann ich so viel sagen: In einem Buch, in dem es um einen nicht erklärten, schwer fassbaren Krieg geht, ist die Aktion, die die meisten Opfer fordert, bereits nach Auflösung des Konflikts der Schlussakkord – oder vielleicht sogar der Schlusspaukenschlag.

Auch wenn ich um die bindenden Effekte des Cliffhangers weiß, habe ich versucht, sowohl bei „Am Rand des Strömungsabrisses“ als auch im Howard-Goldstein-Vortex keine solchen Hämmer an den Schluss zu setzen. Ich weiß nicht, ob das gut oder richtig ist, aber für mich fühlt es sich gut an. Allzuoft habe ich bei Serien erlebt, dass nach dramatischem Cliffhanger am Staffelende keine neue Staffel kam. Das gilt zum Beispiel für Space: Above and Beyond, aber auch für viele andere. Mir selbst war es immer unangenehm, denken zu müssen: „Vielleicht kannst du aus dem einen oder anderen Grund nicht weiter machen, also lass es spannend, aber lass den Leuten auch eine Chance, sich mit der Geschichte mit Hilfe ihrer eigenen Phantasie zu versöhnen, wenn du aus irgendeinem Grund nicht weitermachen kannst.“

Bei Clancy geht es weiter. Einen Teil dieses „Weitergehen“ habe ich in Form von „Im Zeichen des Drachen“, bis zu dem es vom Ende von „Ehrenschuld“ noch zwei Bücher hin ist, schon gelesen. Wenigstens das! Ich bin gespannt, ob das Ende des Howard-Goldstein-Vortex sich irgendwann mal als Cliffhanger anfühlen wird, denn obwohl der Text der Staffeln 2 und 3 noch nicht geschrieben, nur grob geplant ist, das Ende steht schon. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Was man vor dem Besuch erledigt

Heute kam zu uns der Gegenbesuch jener Freunde, die wir vergangene Woche in Unkel am Rhein besucht haben. Gegen zehn fuhren sie los – und ich saß morgens noch eine Runde am Rechner und spielte meine Dailies in Guild Wars 2, schaufelte zwei vorgeschriebene Episoden des Howard-Goldstein-Vortex in die Schleife zur Veröffentlichung und ging dann laufen.

Als ich vom laufen zurückkam, war mein Mann bereits daran, einige Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen hatte – Spülmaschine einräumen, Bettwäsche für den Besuch beziehen. Hätte ich auch gemacht, ich war ihm aber sehr dankbar, dass er es gemacht hat. Danach frühstückten wir – war zwar gegen Mittag, aber hey, es war die erste Mahlzeit des Tages. Dabei schauten wir eine Folge „The Big Bang Theory“, da eine Folge „Sanctuary“ zu lang gewesen war. Als ich mit meinem Müsli noch nicht durch war, schauten wir noch eine Folge an, die dann in der zweiten Hälfte unser Besuch mit anschaute.

Und nun ist der Besuch da, und ich fühle mich super-wohl!

Symbiose-Phantasie

Kennt Ihr die Trill aus Star Trek? Für diejenigen, die hier ein „Nein!“ gegenüber ihrem Bildschirm äußern oder ihren Kopf zu einem Fragezeichen verformen: Die Trill sind eine symbiotische Spezies – oder eher zwei Spezies, die teils in Symbiose leben, innerhalb des Star Trek Universums. Sie bestehen aus einer menschlich anmutenden „Wirtsrasse“ und den wurmähnlichen, langlebigen Symbionten, die im Bauchraum des Wirts leben, mit dem Wirt verbunden sind und auch seinen Geist beeinflussen. Beim ersten Auftritt der Trill in „The Next Generation“ wurde dem Wirt die Persönlichkeit des Symbionten aufgeprägt. Als man dann in „Deep Space Nine“ eine Trill als Hauptcharakter einführte, nämlich Jadzia Dax, änderte man das Konzept etwas: der langlebige Symbiont und der Wirt verschmolzen bei der Vereinigung zu einer ganz neuen Persönlichkeit mit Komponenten und Talenten des Wirts und des Symbionten.

Star Trek spielt an dieser Stelle mit Geschlechtswechseln und auch damit, ob die neue Symbiose aus Wirt und Symbiont für Taten des früheren Wirt-Symbionten-Duos verantwortlich gemacht werden kann – benutzt das Ganze also (wie so oft) als Vehikel, um in plakativer, aber codierter Weise Fragen zu stellen, die uns auch sonst moralisch umtreiben oder umtreiben könnten. Ich für meinen Teil fand die Idee eines Wurms oder einer anderweitigen Lebewesens, das sich mit dem Hirn verbindet, ein bisschen komisch. Dann kam mir aber die Idee mit den Einzellern, den „Yrr“ aus Frank Schätzings „Der Schwarm“. Und so ergab sich eine symbiotische Spezies, die in Form von auf dem Genom Information speichernden Einzellerkollektiven Wesen übernehmen kann – und von Wirt zu Wirt wechseln kann. Mit auf dem Genom gespeicherter Information ist so ein Einzellerkollektiv, das sich in einem menschenähnlichen Wirt einnisten, sich in Persönlichkeit mit ihm verbinden oder ihn ganz übernehmen kann, virtuell unsterblich – selbst wenn nur eine Zelle überlebt, die sich dann wieder teilen kann …

Die folgende Szene spielt auf einem Kloster im Gebirge, einem Kloster einer meditativen Religion des Wirtsvolkes der Einzeller-Kollektiv-Symbionten, und sie illustriert so ein bisschen, wie ich mir das mit den Symbionten vorstelle. Es ist etwas länglich geworden und beschreibt den Übergang eines Symbionten mit Hilfe einer Trägerin eines Symbionten in einen neuen Wirt. Vielleicht … naja … vielleicht illustriert es was. Und vielleicht gefällt’s ja jemandem von Euch!

Es ist ein heller Saal, der Boden besteht aus geschliffenem, unversiegeltem Holz, ist also eher „weich“ und warm. Die Wände sind weiß lackierte Geflechtmatten aus Reisig oder Reisstroh oder so etwas, an einigen Stellen hängen tiefblaue, rechteckige Vorhänge mit goldener Zeichnung drauf – die Farben von Zhiang: Weiß für die Leere, Blau für die Ruhe und Gold für den hellen Erleuchtungsweg. Die Wand gegenüber dem Eingang existiert nicht, ein Geländer und Säulen bilden hier ein breites Panorama-Fenster über fast die volle Höhe des Saales und die gesamte Breite. Draußen sind Wolken zu sehen, die bis knapp unter die Kante des Raumes wogen, gegenüber ist ein teils von Schnee bedeckter, graufelsiger Steilhang zu sehen, wohl ungefähr vierzig Meter vom Raum entfernt. Ein leicht goldener Schimmer der scheinenden Sonne liegt auf den Wolken.

In der Mitte des Saales liegt eine Vertiefung, in die man mit zwei Stufen hinunter gehen kann, auch hier besteht der Boden aus dem geschliffenen Holz. Hinter der Vertiefung geht es noch eine Stufe nach oben – der zu der breiten Fensterfront hin liegende Boden liegt eine Stufe höher als der Bereich des Einganges. Im Raum halten sich einige Männer und Frauen in blau-weiß-goldenen Kleidern auf – die Männer in armfreien Roben, die an buddhistische Mönche erinnern (nur eben in anderer Farbe), die Frauen tragen etwas, das an Saris erinnert. Auffällig sind zwei Leute in dieser Kleidung – ein Mann und eine Frau – die einen alten Mann in schlichter, grau-weißer Robe stützen und links der Senke in der Mitte des Raumes in Richtung des Fensters führen.

Rechts der Senke im Raum, allerdings schon auf der erhöhten Fläche in Richtung der Fensterfront, kniet ein Mädchen in weißem Gewand, sie schaut in Richtung des Fensters und wirkt völlig in sich versunken. Eine nervös wirkende, etwas ältere Frau steht einige Meter hinter ihr auf der unteren Ebene, sie trägt ein weißes, knielanges Kleid und hat die Hände vor dem Bauch ineinander geschlungen. Sie wirkt sehr nervös. Vor dem Fenster sprechen eine Frau in blau-weiß-goldenem Gewand mit einigen, kleine roten und schwarzen Symbolen auf dem Stoff und eine Frau in rotem Sari mit einigen blau-weiß-schwarzen Symbolen auf dem Stoff leise miteinander, die im roten Gewand wirkt besorgt, während die andere ruhig und gefasst aussieht.

Der alte Mann kniet sich nun, gestützt von seinen Begleitern, links der Senke im Raum auf die obere Ebene. Die beiden Begleiter bleiben bei ihm, treten aber ein kleines bisschen von ihm zurück. Nach ein paar Minuten wird der Atem des Mannes ruhiger und er schließt die Augen. Er wartet zuerst noch merklich, doch dann scheint er in Meditation zu fallen. So vergeht eine ganze Weile, in der der goldene Glanz auf den Wolken draußen etwas intensiver wird und gleichzeitig der etwas feuchte Eindruck der Luft im Raum etwas verschwindet.

Dann, nach wohl ungefähr zwanzig Minuten, tritt die Frau in blau-weiß-gold mit wenig rot und schwarz nach vorne, die andere in Rot folgt ihr leicht versetzt. Die Frau bleibt stehen, als sie zwischen dem knienden alten Mann und dem Mädchen ist, auf der oberen Ebene des Raumes, direkt vor der Senke im Raum. Vor ihr geht es drei Stufen nach unten in die Senke, in der sich aber außer einer Geflechtmatte im Moment nichts und niemand befindet. Sie beginnt, einige Worte zu sagen, die aber in einem festen, offenbar genau festgelegten Rhythmus und einer genau festgelegten Betonung kommen. „Ein Leben neigt sich zum Ende. Ein Leben erblüht. Wir sind bei beiden, wir sind der Anfang, das Ende. Dies ist der Übergang. Der Übergang von Catyin.“ Nur der letzte Begriff, der Name, scheint nicht zum ritualisierten Wortlaut zu gehören.

Sie lässt die Worte wirken und bleibt noch einen Weile so stehen. Ihre Augen schauen nicht die Menschen an, die im Raum sind, sie schauen irgendwo an die Wand über der Tür, doch sie scheinen nicht darauf zu blicken, sondern in weiter Ferne scharf gestellt zu sein. Ob die Frau ihre Umgebung überhaupt wahrnimmt, niemand kann es so genau sagen. Nach einer ganzen Weile verneigt sie sich leicht, tritt etwas zurück und hinter das Mädchen. Sanft und von dem Mädchen unterstützt dreht sie das Mädchen in ihrem knienden Sitz zur Seite, so dass sie nun zur Raummitte blickt. All das geschieht sehr langsam, und genau so langsam dreht sie dann auch den alten Mann, ebenfalls mit dem Gesicht zur Raummitte. Während dessen spricht niemand im Raum, nur selten ist das Rascheln von Stoff zu hören.

Schließlich kommt die Frau, die gesprochen hat, wieder in der Mitte zwischen dem alten Mann und dem Mädchen zu stehen. Sie verneigt sich, in Richtung der Senke und damit der meisten anwesenden Leute, dann verneigt sie sich in Richtung des Fensters. Sie löst eine Spange aus dem Stoff, der über ihre Schulter geschlagen ist, und reicht diese der Frau in Rot, die noch immer fensterwärts steht. Diese verneigt sich und zieht sich zum Fenster zurück, nicht ohne einen besorgten Blick auf die Leiterin des Rituals zu werfen. Schließlich verneigt sich die Sprecherin noch einmal in Richtung des alten Mannes – und dann ein weiteres Mal in Richtung des Mädchens. Beide scheinen es nicht zu bemerken, ihre Augen sind geschlossen, auf den Gesichtern steht ein indifferentes Lächeln.

Die Frau lässt sich langsam und bedächtig nieder, setzt sich auf ihre Fersen. Ihr Blick geht in Richtung der Tür, und ihre Augen sind dabei geschlossen. In etwa Armeslänge von ihr, zu ihrer rechten, sitzt der alte Mann, etwa genauso weit weg zu ihrer linken das Mädchen. Sie spricht leise, als sie sagt: „Kommt. Dies ist der Übergang. Euer Übergang.“ Die beiden rücken mit konzentrierten Bewegungen, ohne die Augen zu öffnen, näher heran. Als sie die leicht abgestreckten Hände der Meisterin zwischen sich spüren, halten sie inne. Nach einigen Augenblicken treten jeweils ein Mönch in blau-weiß-gold hinter die beiden Knienden, die Frau in Rot tritt noch einmal hinter die Meisterin.

Zeitgleich und ohne ein Geräusch lösen die Stehenden den Stoff von den Schultern der drei Knienden, bei den Frauen freilich nur den über die Schulter geworfenen Stoff. Der alte Mann sitzt mit entblößtem Oberkörper da, der Stoff der Robe liegt auf seinen Knien, bei den beiden Frauen liegt das gelöste Stück Stoff in eine Spirale gelegt vor den Knien, sie tragen enge, kurzärmelige und bauchfreie Wäsche darunter. Dann ziehen sich die drei Stehenden wieder weit von den Knienden zurück.

Wieder vergeht einige Zeit, in der nichts geschieht. Lediglich die Konzentration der drei Knienden wird merklich intensiver, gewinnt eine fast schon körperliche Qualität. Ein Geruch von immergrünen Bergbüschen scheint die Luft des Saales zu erfüllen. Und dann, ganz langsam, tastet die rechte Hand der Meisterin auf den entblößten Bauch des alten Mannes. Sie bewegt sich langsam, vorsichtig, und sehr behutsam. Erst, als ihre Hand fast fünf Minuten still lag, beginnt ihre linke sich zu bewegen – und auf den Bauch des Mädchens zu tasten. Auch hier scheint es lange, sehr lange zu dauern, bis die behutsam geführten Bewegungen ihr finales Ziel finden. Und dann verharrt sie wieder für einige Minuten still. Das Mädchen und der alte Mann haben unter den Berührungen leicht gezittert, werden nun aber wieder völlig still.

Ganz langsam scheint sich ein Geruch wie von Blüten im Raum auszubreiten, und so langsam, dass man es zuerst nicht bemerkt, bildet sich ein leichtes Leuchten auf den Händen der Meisterin aus – und dann scheinen ihre Hände leicht in die Bäuche der beiden anderen Knienden einzusinken. Im Raum ist es so still, dass das heftigere Einatmen der Mutter und einiger weiterer Anwesender hörbar, fast schon laut wirkt. Auf der Haut der Meisterin bildet sich Schweiß aus … und dann wird das Leuchten wieder stärker, das Leuchten auf den Händen der Meisterin. Plötzlich, erstaunlich schnell in der sehr langsamen Bewegung des Rituals, rinnt in schmalen, metallisch wirkenden Tropfen und Fäden etwas durch die Haut des Alten auf die rechte Hand der Meisterin.

Die leuchtenden Tropfen und Fäden strömen den Unterarm hinauf, breiten sich immer mehr auf dem Unterarm aus, dann dem Ellbogen, danach auch auf dem Oberarm der Meisterin. Der Geruch von Blüten wird intensiver, viel intensiver, und die Haut der Meisterin rötet sich erhitzt, Schweiß läuft über ihren Körper, ebenso schwitzt der alte Mann in einer gewaltigen, übermenschlichen Anstrengung. Als die metallische, leuchtende Flüssigkeit unter dem bauchfreien Oberteil der Meisterin eindringt, und dann leuchtend-metallische Fäden auf ihr Dekolleté und ihren Bauch zeichnet, weiter vordringt und dem linken Arm zuströmt, beginnt auch das Mädchen schwerer zu atmen, erhitzt zu wirken. Der Nachstrom an metallisch-leuchtender Flüssigkeit auf der rechten Hand der Meisterin wird zunehmend spärlicher, die Fäden von strömender Flüssigkeit dünner.

Der Kopf des Mannes sinkt ein Stück nach vorne, er wirkt sehr erschöpft, seine Lider flattern, während die Meisterin leicht den Kopf nach hinten senkt, und die ersten leuchtend metallischen Tropfen in den Bauch des Mädchens eindringen. Es dauert endlose Minuten, in denen immer wieder verirrte Fäden und Tropfen des leuchtenden Materials den Weg auf den linken Arm der Meisterin finden – und schließlich allesamt in den Bauch des Mädchens eindringen. Die Meisterin lässt den Kopf noch etwas mehr nach hinten sinken, ihre Züge wirken angespannt, während das Mädchen von Zuckungen, von Krämpfen geschüttelt wird, aber ihren Bauch nicht von der Hand der Meisterin löst. Nach einer Weile wird das Mädchen ruhiger, und der Geruch der Blüten lässt merklich nach. In der Leere, die dieser Geruch hinterlässt, ist der Körpergeruch der drei erhitzten, knienden Menschen deutlich zu spüren.

Noch einige Minuten halten die drei ihre Position, dann zieht die Meisterin vorsichtig und sehr langsam ihre Hände zu sich. Beide, das Mädchen wie auch der alte Mann, versuchen, ihre Haut in Kontakt mit der Hand der Meisterin zu belassen, doch die Meisterin zieht ihre Hände langsam, aber stetig zurück zu sich. Das Geräusch, als sich die Hand von der Haut des Mädchens löst, trägt beider schweißnasser Haut Rechnung. Der Mann hält länger den Kontakt – und dann löst sich mit einem ebenso feuchten Geräusch die Hand der Meisterin von der Haut des Mannes. Doch wo die Haut des Mädchens unter der Hand unversehrt war, ist die Haut des Mannes dort nass, gerötet, und nässt weiter, eine Verletzung von der Form einer Hand, die wirkt wie eine Verbrennung.

Langsam, unendlich langsam wendet die Meisterin den Kopf zu dem Mädchen, und als sie dem Mädchen zugewandt ist, entspannen sich ihre Züge etwas. Wie auf ein unhörbares Kommando kommen zwei in blau-weiß-gold Gekleidete heran und nehmen das Mädchen zwischen sich, führen sie in Richtung der Tür. Sie kann selbstständig gehen, aber sichtlich ist sie nicht Herr ihrer Entscheidungen. Nahe beim Ausgang wechselt sie ein paar Worte mit der nebenhergehenden Mutter, die diese offenbar sehr beruhigen – und dann verlassen die vier den Raum. Die Meisterin derweil dreht sich im Sitzen dem alten Mann zu. Ihre Hände greifen die Schultern des in Zeitlupe nach vorne in sich zusammensackenden Körpers.

Die Meisterin zittert stark, als der Mann seinen Kopf auf ihre Schulter ablegt und dann ein paar Worte in ihr Ohr flüstert. Dann hört das Flattern der Lider des Mannes auf und er erschlafft zunehmend – zwei weitere Mönche eilen heran und richten vorsichtig den Körper des Mannes wieder auf, um ihn dann zwischen sich zu heben. Der Mann bleibt schlaff und wird von den beiden Mönchen nach draußen getragen, seine Beine schleifen hinter den beiden Mönchen her. Und dann, ganz langsam, fällt die Meisterin auf die Seite, ihre Arme lösen sich aus der Verkrampfung und noch bevor die Frau in Rot sie erreicht, liegt sie seitlich aus der sitzenden Position hingestreckt und scheint nur zu atmen und zu zittern.

Mühsam beherrscht lässt sich die Frau in Rot neben der Hingestreckten nieder, und berührt ihre Hand – und tut erst einmal nichts weiter. Nach einer Weile tritt eine Frau in blau-weiß-rot zu ihr hin und die rot gekleidete folgt ihr, sie verlässt den Raum. Erst etwa eine halbe Stunde später setzt die Meisterin sich wieder auf. Sie bringt sich wieder in kniende Position und starrt mit leerem Blick, nunmehr zum Fenster gerichtet, hinaus. So findet auch die rotgekleidete die Meisterin vor, als sie Stunden später wieder kommt – und als sie die Meisterin sanft an der Schulter berührt, lächelt die Meisterin sie an und steht, merklich erschöpft, auf. Halb auf die rot gekleidete, die beruhigt wirkt, verlässt die Meisterin den Meditationssaal.

Weltenbau – Side-Quest des Schreibens

Meine Zeichnung über die Abkunft verschiedener Stile des „Yaji“, einer an Zen und Yoga angelehnten spirituellen Praxis auf der Welt „Tethys“, auf der „Am Rand des Strömungsabrisses“ spielt.

Weltenbau ist so ein lustiges Ding. Viele Bücher oder auch Serien und Filme erschaffen eine Welt vor den Augen des Lesers oder Zuschauers, die manchmal ähnlich wie unsere Welt, manchmal recht fremdartig ist. Gerade in der Science Fiction und der Fantasy geht da viel, aber auch die sich in vielen Details von unserer Historie unterscheidende Welt der „Jack-Ryan“-Reihe von Tom Clancy ist eine Welt, die nicht der unsrigen entspricht.

Als ich vor langer Zeit überlegt habe, noch recht unbedarft, meiner Figur „Jenny Korrenburr“ eine Geschichte zu geben und diese zu schreiben, gab es einige Dinge zu entscheiden. Ich wollte den Realismus nicht auf die Spitze treiben – denn er hätte mich Freiheit gekostet. Zugleich wollte ich mich nicht am Realismus und meinem Perfektionismus darin messen lassen. Also habe ich die Welt Tethys geschaffen und Jennys Geschichte dort angesiedelt. Es ergab sich, dass nach einiger Zeit das junge, wütende Mädchen mit einem Affektproblem von einem Kameraden etwas lernt, das ihr hilft, ein wenig besser mit sich klarzukommen. Das war Yaji – bei dem meine Gedanken tatsächlich von Zen, von Yoga und vom autogenen Training „klauten“. Da ich das Ganze aber zuendedenken wollte, habe ich dem Yaji verschiedene Strömungen gegeben, die auch in die Kultur des Landes Arselia eingebettet sind, wo Yaji herkommt. Etliche der unzähligen Götter Arselias dienen als stilbildende Figuren der verschiedenen Strömungen … vor allem der Rabe, der Pfau, der Phönix, die Schildkröte und die Seeschlange. Eine Spezialität des Yaji ist, dass es zumeist nur von Mann zu Mann weitergegeben wird, oder von Frau zu Frau. So entwickeln sich die „Schulen“ geschlechtspezifisch unterschiedlich, vereinen sich dann aber doch wieder über Ehen, denn nur Ehepartner sind im traditionellen Arselia hinreichend vertraut, als dass die Yaji-Praxis untereinander weiterzugeben auch bei unterschiedlichem Geschlecht akzeptiert ist.

So ergeben sich genuin männliche, genuin weibliche und gemischte Traditionen, die miteinander wechselwirken und ein komplexes Netz von Abhängigkeiten bilden. Ich wollte die weibliche, seit langem sich selbst „rein“ von männlichen und nicht-Phönix-Einflüssen haltende „Urnenträger“-Tradition, deren Meisterinnen in früherer Zeit fast stets Witwen waren, und den in männliche Tradition vererbten Schildkröten-Jaripur-Stil in dieses Netzwerk einbetten und habe mir daher Gedanken darüber gemacht. So entstand das oben gezeigte Diagramm, das ich immer wieder, wenn ich Yaji in Geschichten hineinschreibe oder hineinphantasiere, für mich als Wegweiser dient. Es fiel mir beim Aufräumen unter anderen Papieren verschüttet wieder in die Hände – und da dachte ich: Das wäre doch ein Blogbeitrag …

Heldentum

Immer wieder stelle ich mir Helden vor – Gestalten, die etwas leisten, die sich einsetzen. Dann schreibe ich auch über diese und lasse sie Teil von Geschichten sein. Meist ist es mir wichtig, diese Helden mit Schwächen zu versehen, seien es nun Schwächen, an denen man sie greifen kann – wie Supermans Kryptonit – oder charakterliche Schwächen. Besonders die charakterlichen Schwächen interessieren mich. Dahingehend finde ich auch die Gestalt des „Superian“ in der Serie „The Tick“ sehr spannend: Ein Außerirdischer mit nahezu unbegrenzten Kräften, der aber unter Geltungssucht und dem Drang, gemocht zu werden, leidet und dahingehend oftmals Dinge tut, die ihn unsympatisch machen und zugleich das ihn umtreibende Ressentiment der Menschen anfeuern.

Auch bei meinen eigenen Figuren ist mir wichtig, dass sie auch solche Schwächen haben – wie schon gesagt: physische und charakterliche. Meine Schelmin „Aus dem Weg“ aus dem Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ zum Beispiel, sie hat einen unglaublich nervigen, derben Humor, was bei Schelmen ja nicht ungewöhnlich ist. Dazu hat sie – schelmentypisch – die derb-humoristischen Zaubersprüche … eine ungute Kombination, die Schelme verhasst werden lässt, gerade unter den anderen Spielern. Ich habe habe der lieben „Aus dem Weg“ eine Schwäche verpasst, die ihre Zauber beim Misslingen nicht einfach misslingen lassen – sondern auf sie zurückschlagen. Ich finde, es ist nur fair, wenn jemand Menschen dazu bringen kann, sich vor Lachen auf dem Boden zu wälzen, ihre Kleider in aller Öffentlichkeit von ihnen herunterrutschen zu lassen oder statt zu sprechen nur noch Vogelgezwitscher von sich zu geben, dasselbe auch befürchten muss. Sowas führt dann dazu, dass der entsprechende Charakter vorsichtig und verantwortungsbewusst mit solchen Sprüchen umgeht – oder, und nun sind wir bei „Aus dem Weg“, selbst die Würde und den Humor entwickeln muss, das zu ertragen, was sie im Dienste des Humors anderen antut. Vorsicht? Nein, danke! Wenn der nervige Typ auf dem Markt dem Zauber widersteht, dass seine Klamotten von um runterrutschen und „Aus dem Weg“ selbst mit einem Knäuel Kleider um die Füße nackt auf dem Markt steht, wird sie lachen, sich verbeugen und dann in aller Ruhe aus dem Klamottenknäuel steigen – „Practice what you preach!

Etwas weniger augenfällig, weniger lustig und weniger sympathisch habe ich eine Gestalt im „Howard-Goldstein-Vortex“ gestaltet. Elizabeth „Liz“ Ames ist die Anwältin von Esther Goldstein-Howard. Liz hat ihre Probleme mit ihrer Rolle als Begleiterin ihrer trauernden Chefin in der Öffentlichkeit, da ist sie noch nicht so richtig sicher und schwankt zwischen Scheu und Schärfe. Vor Gericht und in ihrem Büro jedoch mangelt es ihr nicht an Selbstvertrauen. Sie spielt die persönlichen Schwächen eines Konkurrenten in Kombination mit ihren persönlichen Schwächen gegen diesen aus, und solange sie es öffentlich tut, ist sie dabei nur die Provokateurin, die selbst ruhig bleibt. Hinter ihrer Bürotür aber, da nimmt sie das alles viel zu persönlich – feiert den Triumph eines vor Gericht auf ihre Provokation hin unflätig werdenden Gegners exzessiv mit Whisky, lässt sich von einem Klienten in ihrem Büro mit dem Whisky bedienen und zeigt ihren Triumph in fast schon exhibitionistischer Weise vor. Genau so nimmt sie es mit Wut, Trotz und Ärger sehr, eigentlich viel zu persönlich, wenn es mal nicht klappt. Kurz: Sie ist ein Mensch, der Triumph und Niederlage in für das Umfeld unangenehmer Weise auslebt.

Aber sie ist auch eine Heldin. Nach jenem Exzess mit den restlichen zwei Dritteln in einer Flasche Laphroaig Ten Years, den Liz nach ihrer erfolgreichen Provokation des Gegners betreibt, dabei ihren Klienten Thomas Arden wie einen Bittsteller oder Sekretär behandelt, hat sie verständlicherweise einen Kater, der schon fast Dimensionen eines sibirischen Tigers erreicht. Doch obwohl es ihr solchermaßen furchtbar geht, reagiert sie sofort auf den Hilferuf der Sekretärin Thomas Ardens – Aufwachen, Kotzen, Duschen und dann auf in den Kampf mit den Anwälten der Gegenseite! Doch sobald diese Schlacht gewonnen ist, bricht sie zusammen – aber nicht vorher. Und trotz aller Miststück-Attitüde ist sie an dieser Stelle … nun … eine Heldin!

Irgendwie möchte ich gleichzeitig, dass Liz nicht gemocht und doch gemocht wird. Bei mir ist das jedenfalls der Fall. Ich hoffe, das transportieren zu können.

Das Wortspiel an sich …

… ist eine Kunstform, finde ich. Die Leute um mich herum neigen dazu, aufzustöhnen und mit den Augen zu rollen, wenn ich in Form bin, mit Wortspielen um mich zu werfen.

„Was benutzen verletzte Trolle? – Pflastersteine!“

Für mich begann das alles mit dem „Sprachbastelbuch“, das meine Eltern mir schenkten, als ich 12 oder 13 war. Darin werden Palindrome, Wortspiele, Alliterationen … und vieles mehr behandelt und ein spielerischer Umgang mit der Sprache eingeführt.

„Nein, nein, bitte nicht“, sagte das Dreieck. Doch der Osterhase schüttelte den Kopf: „Doch!“ Dann nahm er das Ei, hoppelte davon und zurück blieb Dreck.

Das mit dem Hasen und dem Ei und dem Dreieck ist aus dem „Sprachbastelbuch“. Wortspiele können plump, aber auch durchaus raffiniert sein. Mein Hirn ist darauf gepolt, sie zu erzeugen. Sobald ich etwas in die Richtung höre, läuft die Assoziationsmaschine an, und plötzlich breche ich in Gelächter aus.

„Ich bin entrüstet“, sprach der Ritter, und stand nackt im Wind.

Die Sprüche anderer würdigen, auch das tue ich gerne. Den nackten Ritter habe ich damals aus einem Facebook-Post einer Freundin gezogen und immer wieder adaptiert. Es gibt hunderte, tausende dieser Wortspiele, kleinen Assoziations-Spielen, Synonym-Schabernack und dergleichen, die ich immer wieder treibe, aber gelegentlich auch mal was Neues. Der oben einleitende Spruch mit den Pflastersteinen ist von heute, und ich wüsste nicht, wo ich ihn geklaut haben sollte, falls Ihr den schonmal gehört habt.

Ich weiß auch sehr zu schätzen, wenn so ganz beiläufig mit Bekanntem gespielt wird.

„Was haben wir getan?“, fragt Yukio am Ende von Deadpool 2. Die ersten Töne eines Liedes beginnen, Tally liegt vor Lachen unter ihrem Kinosessel. Bis die anderen begreifen, dass es Chers „If I could turn back time“ ist, habe ich schon Bauchschmerzen vor lachen.

Begeistert hat mich auch der Name des Stabschefs des US-Präsidenten in den Jack Ryan Büchern von Tom Clancy: Arnold van Damm. Wie gesagt, der ganze Kram macht mir einen Riesenspaß, wenn man mit nicht offensichtlichen Assoziationen oder weit hergeholtem spielt, das dann dennoch auf einer formalen Ebene super zusammenpasst, wo es auf der Bedeutungsebene so richtig gar nichts miteinander zu tun hat – dann bin ich in meinem Element. Es war für mich ein großes Kompliment, als mich in meiner Zeit in Stuttgart mal ein Kollege nach so einem zweifelhaften Brüller als „die Königin des Schabernacks“ bezeichnete.

In-[somnia/spiration]

Ich habe es schon oft gemerkt: Wenn ich schlecht schlafe, lese ich meine eigenen Geschichten und spinne sie weiter. Das ist auf jeden Fall besser, als sinnlose Gedanken an Geld, Arbeit oder andere Dinge, die ich im Schlaf oder Wachliegen eh nicht lösen kann, weiter zu wälzen. Wenn man nicht schlafen kann, kommt früher oder später solcher Mist auf. Was mache ich also?

Alte Texte lesen, manchmal auch nicht so alte. Gedanken verfolgen, an nicht oder noch nicht aufgeschriebene Geschichten. Erschreckenderweise kann ich dann meist recht schnell schlafen – und träume daran weiter und erzähle diese Geschichten dann am nächsten Tag weiter – im Geist oder indem ich sie aufschreibe. Das gehört an manchen Stellen echt zu meinem Schaffensprozess und ist mir sehr wichtig.

Wenn es also gut läuft, besiege ich Insomnia mit Inspiration … dass aus den inspirierten Geschichten eine Menge … nun, um im alliterierenden Wortspiel zu bleiben: Transpiration nötig ist, steht dann auf einem anderen Blatt. Diese leiste ich dann aber meist nach einem nicht ganz langen, aber im Verhältnis zu Real-Life-Gedankenmühlen erholsamen Schlaf. Ist vielleicht nicht die schlechteste Art und Weise, mit Einschlafproblemen oder Aufwachen aus einem Albtraum umzugehen, denke ich.