Atruvia Baden-Marathon 2022

Nachdem ich außer Form bin – dank Corona im Juli, Fingerbruch Anfang August und Zahnschmerzen Ende August – habe ich ernsthaft überlegt, meine bezahlte Startnummer für den Baden-Marathon einfach sausen zu lassen. Mein Drang, hinzugehen und zu laufen, wurde von der bereits früher beschriebenen, im Newsletter verkündeten Favoritenrolle nicht gerade größer, da ich ja wusste, dass ich diese Rolle definitiv nicht ausfüllen hätte können.

Ich habe es auch nicht getan – also die Favoritenrolle ausgefüllt. Gelaufen bin ich. Vor Beginn des Laufes habe ich – bei jedem, der es hören wollte, und vielleicht auch einigen, die es nicht hören wollten – mein Ziel ausgerufen: Voller Erfolg ist, alle Verpflegungsstationen zu sehen, am besten an allen was nehmen, vor allem überall, wo’s Bananen gibt, Bananen zu essen. Halber Erfolg ist, wenn ich die erste Hälfte der Verpflegungsstationen…

Ich glaube, Ihr versteht das Konzept: Ich wollte durchlaufen. Zeit war mir völlig wurscht. Das habe ich noch mehr kultiviert, da diverse Leute mich begrüßten und viele fragten, ob ich wieder so ein Feuerwerk abbrennen würde wie in Mannheim. Den Zahn habe ich denen allen dann gezogen. Über Fotos machen, Zeug abgeben und andere Dinge verging die Zeit wie im Flug.

Los geht’s!

Trotz meiner Favoritennummer (16! Wo ich mir doch eigentlich die 1701 gewünscht hatte!) ordnete ich mich im dritten Startblock ein, zwischen den 4:00-Pacern und den 4:15-Pacern. Nummer und Startblock-Einteilung hin oder her, wenn ich nicht in den Bereich von unter 3:20 laufen kann, habe ich nichts zu suchen zwischen oder gar vor den Leuten, die es können. Ich traf noch Manu und Yvonne im Startblock, auch noch Stephanie, erstere kenne ich aus der Facebook-Laufgruppe, letztere von bei uns im Ort. Kalt war’s, wirklich saukalt, zumindest im Kontrast zu diesem heißen, trockenen Sommer, aus dem wir gerade kommen. Aber als ich loslief, wurde es dann schnell warm. Recht flott kristallisierte sich heraus, dass 4:15 auf dem Marathon vielleicht doch Understatement gewesen waren, aber ich stand niemandem im Weg und viel Stress beim Überholen hatte ich auch nicht. Auf dem Ostring lief ich langsam an die 4:00-Pacer heran, auf der Brücke über die A5 kamen sie in greifbare Nähe. Ich traf Michael vom Oberwald parkrun hinter den 4:00-Pacern, er war aber ein bisschen am Kämpfen. Im Umfeld der 4:00-Zugläufer, irgendwo in Durlach, bildete ich dann ein Team mit Mona vom Oberwald parkrun. Wir unterhielten uns nett – ich hatte ein bisschen mehr Puste als sie, aber ganz so einseitig war’s nicht. Es machte Spaß, zusammen zu laufen, bei Mona zu bleiben ließ mich nicht überpacen. Nach dem ersten Lauf über den Schlossplatz sahen wir die für die zweite Runde geltende Markierung „37 Kilometer“. Da fiel bei mir die Entscheidung, Mona auch über die Marathonweiche hinweg zu begleiten. Das Gedränge der nächsten fünf Kilometer ist mir gar nicht mehr so präsent, nur nervig war’s, weil es allmählich wirklich eng wurde – die Straßen sind breit, aber nicht so breit wie zuvor, und das merkte man deutlich.

Baden-Marathon. Die Überschrift kommt daher, dass ich gefragt wurde: „Sage, was Du am Wochenende tun wirst, aber tue es im Stil der Folge „Darmok“ aus der fünften Staffel von Star Trek: The Next Generation. Siehe dazu auch, auf welche Weise der Marathonlauf für die ersten modernen Olympischen Spiele 1896 in Athen geschaffen wurde.

Der zweite Teil

Ich analysierte schon, was ich um mich hörte. Für meine Begriffe atmete Mona etwas schneller, so dass ich schon dachte, das würde nun gleich etwas langsamer. Tatsächlich ließen wir die 4:00-Pacer zunehmend ziehen, aber das war zwischen uns auch so angekündigt. Als ich den Freibrief bekam, schneller zu laufen, lehnte ich ab – peinlicherweise noch mit einem lockeren Spruch: „Nein, ich lasse Dich jetzt nicht allein. Das kommt erst, wenn es wirklich hart wird.“ Dreimal habe ich mich entschuldigt, aber Mona war’s scheinbar egal, dass ich mein loses Mundwerk mal wieder nicht unter Kontrolle hatte, wir liefen gemeinsam und einig weiter. Durch Bulach, dann rüber ins Weiherfeld und nach Rüppurr blieb das auch so, Staffelläufer überholten uns, auch ein paar Marathonis, aber es war alles cool. Bananen hatten wir auch schon genommen. In Rüppurr war’s dann so weit. Mona musste etwas länger gehen und es wurde wirklich hart für sie, nachdem uns zuvor Patricia, auch von Monas Lauftreff, überholt hatte. Zwar mit Monas Zustimmung, aber eben doch genau wie angekündigt, als es wirklich hart für sie wurde, lief ich dann doch weiter und ließ sie allein.

Die „echte“ zweite Hälfte

Marathon hat zwei Hälften, und die zweite, harte beginnt bei Kilometer 30, sagte mir mein Begleiter vor einigen Monaten in Mannheim. Ich lief allein und fand’s gar nicht hart, feuerte Leute an, vor allem auf der Rampe zur Brücke über den Güterbahnhof taten sich einige Leute durchaus schwer – ich hoffe, mein Zuspruch hat geholfen und nicht genervt. Dann verging die Zeit aber auch wie im Fluge – mein zweiter Durchlauf am Schloss, bei der Marke zum Kilometer 37, war von laut und SEHR motiviert anfeuernden Oberwald parkrunnern begleitet. Am Schloss waren sie für mich am präsentesten, aber sie hatten schon zuvor zweimal an der Strecke ein wirklich sympathisches Anfeuer-Theater veranstaltet. Ich rief ihnen zu, sie sollten bei Mona noch lauter sein, sie brauche das – und ich weiß inzwischen von beiden Seiten, dass sie auf mich gehört haben! Im Zuge dieser Kommunikation ist ein toller Schnappschuss entstanden!

„Hey, bei Mona müsst Ihr NOCH lauter sein!“ – Bild: Dorothee Langenbach.

Im Ziel erwartete mich dann, fünf Kilometer weiter, Michael vom Oberwald parkrun, um ein Bild von mir zu machen. Daher kommt hier gleich das nächste:

Im Ziel. Bild: Michael Ayala Vizan.

Ein bisschen überlaufende Augen kriegte ich dann schon auf der Zielgeraden, das ist einfach ein großartiges Gefühl, nach 42 Kilometern in ein Stadion mit jubelnden Menschen einzulaufen. Ein wenig bedrückend war nur, dass ich kurz vor dem Ziel bereits einen anderen Läufer gesehen hatte, um den sich bereits gekümmert wurde – der hatte sich wohl total übernommen. Auch im Ziel sah ich gleich noch eine solche Szene. Das ist dann natürlich heftig.

Am Ende…

Mit 4:11:11 als Nettozeit kam ich als 51. Frau von insgesamt 100 Finisherinnen… Finishsies… wie auch immer ins Ziel. Bananen habe ich mir überall geholt, Getränke nicht jedes Mal. Viele Leute habe ich auf dem Weg getroffen, geredet, mich gefreut. Es war wunderschön, so viele liebe Leute vor, während und nach dem Lauf zu treffen und sich auszutauschen.

Mit der erklärten Zielzeit von 3:05, die ich vor Corona und Fingerbruch anvisiert hatte, hätte’s tatsächlich sogar eine Erfüllung der Favoritenrolle ergeben. Sabrina, die gewonnen hat, brauchte etwa 3:15. Mein Lauf- und Vereinskumpel Nobse stellte sie mir später dann noch vor.

Insgesamt war der Baden-Marathon für mich ein Erfolg – auch sportlich. Ich habe gelernt, dass ich die Strecke noch bewältige, habe den Kickoff für neue Longruns gesetzt. Ein Personal Best konnte ich nicht setzen, aber hey, das war auch nicht (mehr) das Ziel. Schön war’s, danke allen, denen ich begegnen und ggf. auf die Nerven gehen durfte!

Berlin-Marathon

Jetzt wundert Ihr Euch, was?

Nein, ich laufe nicht in Berlin mit. Ich bin dem Blog auch noch den Bericht vom Baden-Marathon in Karlsruhe schuldig. Aber ich hatte Anfang dieser Woche anderes zu tun. Warum ich den Berlin-Marathon dennoch erwähne: Vor einigen Tagen erreichte mich eine Umfrage, die ein anderer Laufblogger zum Berlin-Marathon startete, und daran habe ich teilgenommen. Die Ergebnisse und auch, was ich dazu geschrieben habe, findet Ihr in seinem Beitrag:

Umfrage bei „Der Mensch läuft“ zum Berlin-Marathon. Auch meine Antworten sind dabei.

Ich hoffe, mein Fazit zum Baden-Marathon gibt’s morgen – kann aber auch noch ein Momentchen dauern. Schöne Bilder habe ich dank zweier Lauffreunde vom Oberwald parkrun auf jeden Fall dafür!

Nostalgie

Das Leben ist eine seltsame Sache.

Da kommt man aus einem Sommer, der „außen“ unheimlich heiß und trocken war. Das ist einerseits ein Zeichen für Klima… Wandel? Krise? Katastrophe? – wahrscheinlich von allem ein bisschen, und mehr vom Schlimmeren. Andererseits ist warm bis heiß und trocken, zumindest mit nächtlicher Abkühlung, rein von dem, was mein Körper und mein Geist abgetrennt von „Wahrnehmung der Entwicklung in Natur und Klima“ mögen, genau mein Ding. Es wäre also ein Sommer gewesen, in dem ich gerne Sport getrieben hätte, im Freibad gelegen hätte, einfach die trockene Hitze genossen hätte. Aber am Anfang der Phase hatte ich Covid, brauchte wie erwartet etwas länger, mich davon zu erholen, dann brach ich mir den Finger, schließlich kämpfte ich noch mit Zahnschmerzen. Dazu nimmt meinen Geist ziemlich ein, dass ein weiteres Tabu gebrochen wurde: Krieg zur Grenzverschiebung in Europa. Stück für Stück wurden Gewissheiten, die im kalten Krieg und auch in der Zeit danach herrschten, in den letzten dreißig Jahren erodiert: Krieg wird weniger – nein, mehr. Krieg in Europa gibt’s nicht mehr – doch, schon lange wieder! Autokratien und Diktaturen sind auf dem Rückzug – nicht anderswo, in Europa auch nicht mehr. Selbst in der EU sind Gewaltenteilung, Pressfreiheit und breite Zustimmung für die liberale Demokratie mit mindestens drei verschiedenen, institutionell getrennten Gewalten, vor denen jeder Mensch gleich ist, nicht mehr breiter Grundkonsens: In einigen Ländern erodieren Regierungen diese Grundsätze, in anderen behaupten oder „fühlen“ gar nicht mal so kleine, in jedem Falle aber sehr laute Gruppierungen, dass sie in Diktaturen leben würden, obwohl dem keineswegs so ist. Dazu ist nach bald drei Jahren weltweiten Lebens mit vermutlich nur der ersten unter vielen superansteckenden Zoonosen, nach immer mehr an Fahrt gewinnender Klimakatastrophe und zunehmend isolationistischen, nationalistischen und antiliberalen Entwicklungen weltweit der Optimismus aufgebraucht, der Verteilungskampf wird verschärft, die Kombination aus Kapitalismus und Agenda lässt uns alle spüren, dass die Bettdecke jeden Tag ein bisschen kleiner wird und es weniger denn je in unserer Hand ist, dass wir nicht irgendwann im Kalten liegen. Versteht mich nicht falsch: In diesem Verteilungskampf haben die, die unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen gelassen haben, den ersten Stein geworfen, den Wirtschaftskrieg haben wir nicht begonnen. So wie Panzer in der Osteuropäischen Ebene nicht zuerst Richtung Osten, sondern zuerst Richtung Westen gerollt sind, sind die wirtschaftlichen Angriffe, mit langfristiger strategischer Vorbereitung, nicht vom Westen ausgegangen. Aber sie treffen alle – Verteidiger wie auch Angreifer.

Gleichzeitig ist auch im Kleinen vieles los: Unvorhergesehenes, zum Teil Schönes, zum Teil nicht so Schönes lässt mein direktes Umfeld, Dinge, mit denen ich mich Drittel meines Tages herumschlage, hektischer, konfrontativer, schriller werden.

Ich hänge der Vergangenheit nach. Den – wohl verklärten – 90ern, in denen man sich der Illusion hingeben konnte, dass Handel und Zusammenarbeit die Armut irgendwann wegspülen werden, dass gegen die Verbreitung der drängendsten Infektionskrankheit ein Kondom hilft, dass jeder in der Zukunft mehr dürfen wird, und sich weniger drum scheren wird, dass man selbst zu sein kein Privileg der reichen, weißen, cis-heterosexuellen, gebildeten Menschen mit aus Sicht der Vorgeneration „normalem“ Musik-, Kunst- und Arbeitsgeschmack sein wird. Dass sich die Menschen freuen, was sie dürfen, und sich nicht darüber definieren, dass sie mehr dürfen als andere. Erinnert Ihr Euch an „Love Message“ von einer ganzen Reihe von Eurodance-Projekten?

Vor kurzem habe ich auf Twitter erfahren, dass ich zur späten „Generation X“ gehöre, keine „Boomerin“ bin und auch nicht Gen Y. Zu einer Generation, die erstmals Zweifel hatte, dass es nur bergauf geht, zu einer Bevölkerungskohorte in Westeuropa, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt. Als Kind glaubte ich, das riesige, ohne Grenzen dargestellte Gebiet, das auf den Karten des furchtbaren Krieges in der Tagesschau dargestellt wurde, müssten die USA sein, da ja eigentlich USA, Iran und Irak die einzigen Nationen waren, die in diesen Sendungen genannt wurden. Als Kind habe ich Grenzen kennen gelernt – die nach Österreich fühlte sich „zivilisiert“ an: Ausweis vorzeigen, bisschen warten, vielleicht noch sowas wie Zoll und Währungsumtausch, gut war. Von Österreich nach Ungarn war da schon etwas krasser. Die Innerdeutsche, das war bedrückend. Auf der einen Seite meine Heimat, auf der anderen Seite Menschen, die aus Angst vor Gefängnis selbst bei neutralen Äußerungen die Stimme senkten. Sie hatten nicht Angst, dass ihnen widersprochen würde – nein, sie hatten Angst, dass man sie holte, internierte, wenn sie bestimmte Dinge sagten, die jeder wusste. Dazwischen eine Kombination aus Panzersperren, Stacheldraht, bewaffneten und aus Prinzip unfreundlichen Grenzern, aus Schikane und Angst. Wenn ich heute Leute höre, die von Diktatur reden, denke ich an die DDR- und Zonengrenz-Erfahrungen meines sechs- bis zehnjährigen Ichs und zucke die Schultern. Wenn ich daran denke, wie geschockt, wie angstvoll etliche meiner jüngeren Kollegen auf zwei Überschallknalle reagierten, ich nur dachte: „Hups? Explosion auf einem Schrottplatz wäre nicht gut, hoffentlich sind’s übende Kampfflugzeuge.“… es waren zwei Eurofighter. Als ich in die Grundschule ging, zertrampelten französische Soldaten meiner Mutter den Vorgarten, standen die Bauernhöfe auf den Feldern hinter dem Haus voller Panzer, beim NATO-Brückenkopfmanöver am Neckar, Überschallknalle waren während und auch abseits des Manövers etwas, das man kannte, genau wie Kampfflugzeuge am Himmel.

Ich möchte niemandem vorhalten, über die aktuellen Entwicklungen zu Krieg, Unsicherheit, wirtschaftlichen Abschwungs bestürzt zu sein, Angst zu haben, nach Lösungen zu rufen, obwohl man selbst nicht weiß, wie das gehen soll. Aber bloß, weil wir privilegierten, abgeschotteten „Westler“ im westlichen Mitteleuropa, in Westeuropa und Nordamerika für dreißig Jahre Ruhe davor hatten, heißt das nicht, dass die Methoden, die im Rest der Welt nie aufgehört haben – Repression, Krieg, echte Zensur, nicht nur Widerspruch gegen abseitige oder weniger abseitige Meinungen, Gewalt gegen Andersdenkende, -aussehende, -fühlende – die Lösung sind, oder dass sie bei uns schon da sind, bloß weil wir merken, dass sie anderswo nie aufgehört haben.

Aber es macht mich fertig. Mein Sommer war nicht so gut, ich konnte den Sommer nicht genießen, gleichzeitig stürzt die Welt in die Krise und viele Menschen in meinem Umfeld glauben, dass sie nicht mehr frei sagen dürfen, was sie wollen, nur weil ihnen widersprochen wird, dass unsere Freiheit nicht in Wirtschaft und auch auf dem Schlachtfeld verteidigt wird, sondern wir den Aggressor angegriffen hätten – der unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen lassen hat, um uns erpressen zu können, der Panzer über eine Grenze hat rollen lassen. Weltschmerz nennt man das, oder?

Nun wurde mein Vater, der letzte meiner Familie, dessen Leben mehrheitlich vor der großen Zäsur des späten 20. Jahrhunderts verlief, am Mittwoch 70 Jahre alt. Wir schenkten ihm eine Ballonfahrt, was meine Schwester und ich mit ihm schon einmal gemacht hatten – vor vielen Jahren, ich kann Euch gar nicht sagen, ob vor oder nach dem Mauerfall, ob vor oder nach dem Zerfall der Sowjetunion. Irgendwann zwischen 1987 und 1992 fuhren meine kleine Schwester, mein Vater und ich Ballon, unser Ballonführer (ich glaube, so nennt man ihn) funkte demonstrativ über dem Odenwald unsere Position „drei Meilen südlich von Korsika“, meine Ballonfahrer-Taufe habe ich in Erinnerung, die Urkunde habe ich nicht mehr. Dreißig Jahre später sehe ich Bilder von meiner Mama, von meinem Papa auf die Wand projiziert, bei der Übergabe des Geschenks, höre ein Lied, das meine Mama mir schmackhaft machte – sie ist seit 16 Jahren tot. Harpos „Movie Star“ ist vier Jahre älter als ich. Mama mochte es sehr. Am Mittwoch spielten sie’s, während wir ausgelassen, aufgedreht zusammensaßen, um den 70. meines Vaters zu feiern.

Seit dem drehe ich mich um mich selbst. Denke an frühere Zeiten, an wohlig-imaginierte Geschichten, die ich mit meinem besten Freund zusammen geteilt, „bespielt“ habe. Teils habe ich Grundlagen dieser Geschichten geschrieben, um den Tod meiner Mutter zu verarbeiten. Eskapismus in Phantasiewelten, parallel Musik aus Zeiten, die scheinbar besser, einfacher waren – aber ob’s so viel besser war, in den Kalter-Krieg-80ern, den unsicheren 90ern, den Nach-9/11-Nullern, den Nach-Lehman-Brothers-Zehnern? Glaub‘ nicht, ich glaube eher, wir verklären das.

Jedenfalls hänge ich den Dingen nach. Betreibe Eskapismus. Vielleicht auch, weil’s Herbst wird.

Steile These: Wir sind betrogen worden

Es begann bestimmt viel früher. Aber ich möchte mich im Interesse der Verständlichkeit des Punkts, den ich machen möchte, begrenzen. Also beginne ich Ende der „Nuller-Jahre“, also kurz vor 2010. So manche Deutsche und so mancher Deutscher sah damals schon klarer als ich damals, dass nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in ein riesiges Klima-Problem, eine Klima-Krise, eine Klima-Katastrophe hinein steuerten oder eigentlich schon mittendrin waren. Auch weltpolitisch war die Hoffnung auf Frieden und ein „Ende der Geschichte“, die auf die Auflösung der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung zumindest in meinen Augen, zumindest in Deutschland folgten, schon längst wieder dahin: Alle Staaten, auch die westlichen, stellten sich der Sicherheitslage, die durch den 11.09.2001 grundlegend verändert erschien, es natürlich auch war und ist, sich aber nicht so plötzlich änderte.

Nach Schröder war in Deutschland Merkel gekommen, und in so mancher Hinsicht war Rot-Grün antifossil und antiatom gewesen, Schwarz-Rot wie auch Schwarz-Gelb das Gegenteil. Wir hatten Laufzeitverlängerung, aber kein grundsätzliches Abrücken vom Atomausstieg, also keine Änderung von § 1 AtG „Zweckbestimmung“:

Zweck dieses Gesetzes ist,

1. die Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität geordnet zu beenden und bis zum Zeitpunkt der Beendigung den geordneten Betrieb sicherzustellen,

§ 1 Nummer 1 AtG

Ideen wie fünf Mark für den Liter Benzin waren mit CDU-geführten Regierungen vom Tisch, und letztlich war das damals nur recht verunglückte Kommunikation im Wahlkampf der Grünen, denn wir sind inzwischen in diesem Bereich angekommen – ganz ohne zusätzliche staatliche Aufschläge, einfach wegen Erzeuger- und Weiterverarbeiterpreisen und -profiten.

Fakt ist, dass wir damals wie heute fossile Kohlenwasserstoffe zu nicht unwesentlichen Anteilen aus Staaten bezogen, die bezogen auf unsere politischen Werte fragwürdig waren und sind. In Russland, Stichwort „lupenreiner Demokrat“, wollten wir das nicht sehen oder hingen „Handel durch Wandel“ an. Dieses Konzept war auch damals schon sowas von „Neunziger“: Geprägt von einer falschen, überbordend optimistischen, trügerischen Hoffnung, dass nach Ende des Kalten Krieges schon alles gut werden würde.

Aber ich schweife doch ab. Worauf ich hinaus wollte: Das Konzept der verschiedenen Merkel-Kabinette war, die viel Aufregung auslösende EEG-Umlage gering zu halten, länger nuklear zu bleiben und mit Feigenblättern die fossilen Energien zurückzufahren. Probleme wie Stromtrassen vom windreichen Norden in den energieverbrauchenden Süden, Speicherung von regenerativ erzeugter Energie z.B. durch „smarte Netze“, ziemlich unattraktive Pumpspeicher oder wolkige Ankündigungen von „Wasserstoff und regenerativ auf Wasserstoff und atmosphärischem CO2 erzeugtem Methan/künstlichem Erdgas“ blieben wolkig. Man hatte ja die Kernkraftwerke…

So weit, so gut. Dann kam Fukushima und – ganz unabhängig davon, was das Tohoku-Erdbeben, der Tsunami und die Havarien der Reaktoren in Fukushima im Lichte der Sicherheit von deutschen Kernkraftwerken wirklich bedeutete – Anti-Atom hatte Oberwasser. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg brachte Panik. Also beschloss man den beschleunigten Ausstieg, verabschiedete sich von Restlauf-Strommengen, legte einige Kernkraftwerke direkt still und ließ die anderen bis zu festen Zeiten weiterlaufen, egal, wie viel Strom bis dahin gemacht worden wäre. Die dadurch entstehende Lücke sollte mit Ausbau der erneuerbaren Energien gefüllt werden, aber halt nicht schneller als zuvor. Betrugspunkt 1: Wir behaupten, der Ausbau der Erneuerbaren geht nun schneller, aber sobald man das im Geldbeutel merken würde… haben wir Angst um unsere Wiederwahl. Also machen wir’s nicht. Versorgungssicherheit ist aber kein Problem. Man beschwichtigt die Anhänger von billiger oder sich nicht zu stark verteuernder Energie einerseits und versucht, die Anti-Atom-DNA der Grünen nicht so zu bedienen, dass sie noch mehr Bundesländer mit- oder gar führend regieren.

Der wesentlich bedeutendere Knackpunkt in meinen Augen kommt aber danach. Die Antwort auf „keine Pumpspeicher, weil Öko-Sauerei“, „Strom großtechnisch mit Akkus speichern is‘ nich'“ und „Erneuerbare machen nicht nur keine Lastfolge, sondern sind ggf. sogar gegenläufig zur Last aktiv“ war… Gas. Warum Gas? Einerseits sind Gaskraftwerke schnell hochgefahren. Dass Siedewasserreaktoren, mit ca. 50 % ihrer Leistung als Grundlast gefahren, auch sehr schnell auf 100 % ihrer Leistung hochgehen können (Stichwort: Umwälzpumpe), geschenkt. Warum also Gas, abgesehen davon, dass Gaskraftwerke sehr schnelle Transienten von Null auf Hundert fahren können? „Wir können die Infrastruktur nutzen, wenn wir künstliches Erdgas aus Wasserstoff und Kohlendioxid machen!“ – „Wann?“ – „Innovation!“ – „Und bis dann?“ – „Russisches Erdgas. Und Biogas!“ – „Wie viel Biogas?“ – „Innovation!“

Und da stehen wir heute. Kaum Biogas – geht das technisch nicht? Schaut nach Dänemark. Unsere Förderung von Biogas geht an der Notwendigkeit für Gaskraftwerke zur Netzstabilisierung vorbei. Künstliches Erdgas? Fehlanzeige, wir machen nichtmal Elektrolysewasserstoff für chemische Industrie und AdBlue-Erzeugung, sondern gewinnen diesen Wasserstoff aus… russischem Erdgas. Wow. Das sehe ich als den wesentlichen Punkt, an dem wir betrogen wurden. Wolkige Innovationsversprechungen wurden genutzt, um auch ökologisch interessierten Wählern schwarz verantwortete Gaskraftwerke und geradezu wahnwitzige Blockade von Netzausbau und Ersatz von Fossilen durch Erneuerbare auch außerhalb des reinen Energiesektors schmackhaft zu machen, während man ihnen gleichzeitig den Atomausstieg gab.

Und wo stehen wir jetzt? Für Kleinhalten der Grünen mittels Atomausstieg und „Infrastruktur für Biogas und Elektrolysewasserstoff“, wobei Biogas und Elektrolysewasserstoff nicht umgesetzt wurden, haben uns vier Merkelkabinette unter Beteiligung von FDP und SPD in die Abhängigkeit von Putins Gas verkauft. Das mag sehr drastisch formuliert sein.

Diese drastische Formulierung wähle ich aber aus einem Grund: Die schrille Polemik, mit der Politiker aus CDU und CSU (sowie FDP) (mir auf Twitter besonders aufgefallen: Lindner, Bär, Söder, Merz) die Energiepolitik der Ampel und konkret Robert Habeck kritisieren, ignoriert völlig, dass das Problem von großen Koalitionen und schwarzgelben Koalitionen überhaupt erst geschaffen wurde und deren Rezepte (äh, Rezepte dagegen, welche eigentlich?) dagegen noch weniger gebracht hätten als das, was die Ampel im Moment tut.

Sind wir betrogen worden? Bestimmt. Politik ist die Kunst des Machbaren, sagt man, und Populismus die Kunst der Augenwischerei. Wenn man beides mischt, was leider die kurzfristig erfolgreichste Wahlstrategie zu sein scheint, und Krisen dazu mischt, kommt Betrug dabei heraus. Mir persönlich war an dieser Stelle aber wichtig, in diesem einen konkreten Fall klar zu machen, dass im Moment die Betrüger über die schimpfen, die das wieder einfangen müssen, und somit eigentlich keine Berechtigung dazu haben.

Ganz klar möchte ich aber machen: Sicher gibt es andere Fälle, in denen die, die’s sehenden Auges oder auch aus Versehen verbockt haben, nach Kräften den danach kommenden „Fixern“ ihre eigenen Fehler zuschreiben, um nicht verantwortlich zu sein. Das ist genauso Betrug, von der Farbe der Partei ganz unabhängig. Im konkret beschriebenen Fall würde ich aber wirklich so weit gehen, dass der Betrug von großen Koalitionen und Schwarzgelben ausging, und nun auf die Ampel und konkret die Grünen abgewälzt bzw. mit Nebelkerzen abgelenkt werden soll.

[KuK] Frühstück bei komischen Leuten

Der Plüsch-Tiger fragt die Plüsch-Schneeleopardin, ob sie sein Astromech-Schneeleo beim Angriff auf die Todesstern-Keksdose sein will. Die Ehefrau futtert zwei Schälchen knoblauchfreie Tzatziki, die noch übrig ist, eine Schale rote-Beete-Salat und ein Schälchen Heidelbeeren. Der Ehemann futtert Toast mit Pfälzer Leberwurst.

Geräusche von Turbolasern der Plüschi-Attacke auf den Keks-Todesstern überlagern eine Folge „Sherlock“, die Kaffeemühle surrt, während sich ein pedalgetriebener Y-Wing mit Luchs-Pilotin und Astromech-Wolf dem X-Wing des Tigers und der Schneeleopardin anschließt.

Und parallel fragen wir uns anlässlich der Hochzeit Dr. Watsons, ob die Ehe uns verändert hat. Wenn ja, dann sind wir bestenfalls noch exzentrischer geworden.

Stück für Stück

Vor einigen Wochen, mit gebrochenem Finger und reichlich wenig Sport auf dem August-Konto, beschloss ich, mein in Excel geführtes Trainingstagebuch zu überarbeiten. Ich begann, ein Leistungsverzeichnis zu schreiben, packte diverse Dinge, die mich gestört hatten, in das Überarbeitungspaket hinein. Nach zwei Wochen Überarbeitungszeit sind einige Dinge inzwischen erledigt:

Konsistente Werte-Anordnung

Ein Anliegen, dessen Tragweite ich gar nicht voll auf dem Schirm hatte, war mir die thematische Anordnung der verschiedenen Summen-, Durchschnitts- und Analysewerte für die jeweiligen Sportarten, und das konsistent durch die jeweiligen Sportarten durchgezogen. Erstens wurde mir erst im Laufe der Überarbeitung klar, wie sehr mich die Ergänzung von Spalten an willkürlicher, nicht bei jeder Sportart gleicher Stelle störte. Musterbeispiel war die Leistung – die hatte ich beim Laufen an ganz anderer Stelle eingeordnet als beim Radfahren. Natürlich hatte das historische und ein bisschen auch technische Gründe: Leistungsmesserkurbeln habe ich mir im Sommer 2021 gekauft, den Stryd erst Weihnachten 2021. Mit dem Stryd kamen Laufeffizienz-Werte, zu denen die Leistungsschätzung auch irgendwie gehört, während die Leistung beim Radfahren eher im Bereich der Belastungssteuerung, also neben dem Puls eingeordnet war. Das mag seine Berechtigung haben, aber es machte die Tabellen sehr unterschiedlich und meiner Meinung nach unbefriedigend. Also restrukturierte ich… und entdeckte Inkonsistenzen en masse. Das zu Sortieren schien einfach, kostete aber einen Haufen Zeit.

Nun sieht das alles sehr regelmäßig aus, denn ich habe thematisch gruppiert, in folgender Reihenfolge:

  • Kinematik (Summen): Zahl der Aktivitäten, Dauer, Distanz, Höhenmeter aufwärts
  • Kinematik (Mittelwerte): Mittlere Dauer, mittlere Distanz pro Aktivität, monatsgemittelte Geschwindigkeit, mittlere Steigung
  • Effizienz/Leistung: Laufeffizienzwerte wie Schritthöhe und Bodenkontaktzeit, aber auch Schritt-, Tritt- und Zugfrequenz sowie Leistungsmessung sind hier eingeordnet
  • Physiologie: Herzfrequenz, Atemfrequenz, verbrauchte Kalorien… wenn ich irgendwann noch Sauerstoffsättigung oder Blutzuckerspiegel in irgendeiner Weise messen will oder werde, dann hätte das hier ein logisches Zuhause
  • Formschätzer: Hier packe ich alles rein, was abgeleitete Größen sind – PRAPP, PRAGQ und PRASPP finden hier Platz, aber auch abgeleitete Leistungswerte wie zum Beispiel die Schritt-/Trittleistung (Joule pro Schritt bzw. Tritt), die Schlagleistung (Joule pro Herzschlag) oder – ganz neu – der „Wirkungsgrad“, in dem ich die laut Leistungsmessung erbrachte, physikalische Arbeit (Leistung mal Zeit) durch die verbrauchten Kalorien teile (natürlich unter korrekter Umrechnung von kCal in kJ)

Dieser eher klein erscheinende Baustein der Änderungen fraß SEHR viel Zeit und Mühe, ist aber nun abgeschlossen.

Die Tabelle beim Laufen.
…und beim Radfahren.

Aufräumen der Sportartliste, Trennung von Anlass und Trainingsform

Eine der fiesesten Inkonsistenzen war, dass Indoor-Radfahren über Anlass/Trainingsform, Indoor-Laufen über die Sportart („Laufband“) erfasst war. Das hatte historische Gründe, ich fand’s aber dann irgendwie richtig blöd. Also ging ich es grundsätzlich an: Ich warf den Ort, wo etwas stattfindet, aus der Sportart heraus, an allen Stellen. Laufen, Radfahren, Schwimmen, Skaten und Sonstiges blieben bei den Ausdaueraktivitäten übrig, dazu kam noch Krafttraining und der Ruhetag, um hier Daten wie die Dauer, an Ruhetagen die Ruheherzfrequenz, das Gewicht und dergleichen über die übliche Maske erfassen zu können. Dafür wurden Anlass und Trainingsform getrennt. Zuvor hatte ich Radfahren eher nach dem Anlass, Laufen eher nach der Trainingsform sortiert, und beides in derselben Spalte. Das musste unbedingt weichen – und hatte große Konsequenzen: Ich musste eine neue Erfassung der Daten anlegen, aber wollte die Kompatibilität mit der Liste seit 2017 wahren. Natürlich war es nicht möglich, jeder Laufaktivität seit 2017 noch individuell einen Anlass zuzuordnen, genau wie es nicht möglich war, jeder Radfahraktivität seit Dezember 2019 eine Trainingsform zuzuordnen.

Die neue Erfassungstabelle.

Die neue Erfassungstabelle ist schon fertig, aber die Herstellung der Kompatibilität mit der alten Tabelle, in der dann „über einen Kamm geschert“ alle Laufaktivitäten unter Training als Anlass erfasst werden und alle Radfahrten als Grundlagentraining, ist noch nicht gegeben. Für 2022 spielt das eine Rolle, da ich den Systemübergang mit dem 01.08. gewählt habe. Ab 2023 ist eh alles im selben Raster erfasst und die Historie hat ja ohnehin ihre Ungenauigkeiten, weil sich meine Datenhaltung entwickelte. Nun werden künftig folgende drei Ordnungs-Parameter angewendet:

  • Sportart: Laufen, Radfahren, Schwimmen, Skaten, Sonstiges, Krafttraining und Ruhetag
  • Anlass: Indoor (was für das Laufband, den Rollentrainer, den Heimtrainer und das Hallenbad stehen wird), Bahn (Stadion, Freibad), Training (Outdoor-Aktivität mit dem Anlass das Trainings und keinem sonst), Arbeitsweg, Besorgungen, Therapie (da ich ja durchaus mal gegen meine Kopfschmerzen anlaufe oder Kraft-/Technik-/Beweglichkeitsübungen gegen den Spannungskopfschmerz mache) sowie Freizeit (was dann für Spaziergänge steht, für erfasste Geh-Aktivitäten z.B. im Zoo oder Park, halt alles, was nicht Training, Einkaufen oder Arbeitsweg ist).
  • Trainingsform: Regeneration, Grundlage, Lang (was die Kurzform für „Grundlage – Lang“ sein soll und für lange Läufe mit oder ohne Endbeschleunigung ebenso steht wie für sehr lange Radfahrten), Tempo, Intervall, Wettkampf, Technik/Kraft und Berg/Trail.

Das reduziert komische Inkonsistenzen und erlaubt, auch mal ein Intervalltraining auf dem Rad auf dem Heimweg von der Arbeit korrekt als solches zu erfassen, oder einen Tempodauerlauf zur Arbeit nicht entweder als Arbeitsweg (war beim Laufen so bisher für mich nicht vorgesehen) oder Tempodauerlauf, sondern als beides zu dokumentieren.

Kleinkram

Bisher hatte ich auch den Anlass bzw. die Trainingsform „Multisport“. Das zeigte die Inkonsistenz zwischen den Sportarten besonders augenfällig auf. Dieses Feld habe ich nun gesondert. Wenn ich also ein Koppeltraining oder vielleicht auch mal einen Duathlon-Wettkampf machen sollte, kann ich das einfach so erfassen. Insbesondere, wenn ich mit dem Rad ins Freibad fahre, auf dem Rückweg auf der Laufbahn vorbei und dort Intervalle laufe – was ist das dann? Multisport? Intervalltraining? Sprich: Das neue Feld war erforderlich. Erhalten habe ich das Feld für den Schwimmstil, die Verwendung oder Nichtverwendung von Cleats sowie die Frage, ob ich bei Laufaktivitäten Lauf-ABC gemacht habe. Das ist zwar Technik-Training, aber gesonderte Aktivitäten für 400 Meter Gesamtstrecke mit sieben Lauf-ABC-Übungen, Warmlaufen und Intervalle jeweils gesondert zu erfassen, das erschien mir dann doch übertrieben. Die Auswertung hier muss ich mir noch ausdenken, aber das wird einfacher als vorher sein.

Krankheits- und Schmerztagebuch

Kopfschmerzpatienten wird geraten, ein Schmerztagebuch zu führen. Man kann dann die Schmerzen Anlässen zuordnen und eventuell Methoden zum Gegensteuern entwickeln, Verschlechterungen deutlicher sehen und hat einfach auch eine bessere Erklärungsbasis, wenn man wegen des chronischen Leidens zum Arzt geht, weil man „das Gefühl“ hat, es sei was im Busch. Mit dem Tagebuch hat man nicht nur das Gefühl, sondern tatsächlich ein Dokument, das sagt: „Es IST anders als vorher!“ Da ich nicht nur Kopfschmerzen als wiederkehrendes Leiden habe, sondern auch Colitis ulcerosa, und außerdem der emotionale Zustand manchmal maßgeblicher Auslöser der Kopfschmerzen sein kann, habe ich gleich Nägel mit Köpfen gemacht: Ich dokumentiere tagesscharf, ob ich gesund, krank oder gar attestiert krank war, und auf einer Skala von Null bis Zehn, wie stark ich unter Kopfschmerzen, Colitis-ulcerosa-Symptomen, emotionaler Dysbalance und/oder Sonstigem gelitten habe. Wie gut Strukturerkennung dann funktionieren wird (z.B. ansteigendes psychisches Unwohlsein mit anschließender Kulmination in Kopfschmerzen und/oder Darmprobleme), wird man sehen. Erstmal erfasse ich die Daten und gucke, wie es mir hilft – DASS es mir helfen wird, daran habe ich keinen Zweifel.

Ein erster Nebeneffekt ist allerdings auch, dass ich meine Jahresziele um 1/365 je Kranktag abschwächen kann – und neben der Erfassung habe ich das auch schon eingebaut:

An Tagen, an denen ich krank war oder bin, will ich natürlich nicht 20 Kilometer Radfahren oder 10 Kilometer Laufen von mir verlangen – und auch nicht, direkt nach dem Gesundwerden das Ganze aufzuholen. Daher wird das Jahresziel um 1/365 pro Kranktag reduziert.

Trainingsplan

Eine Idee, die mir dann kam, war die Nachverfolgbarkeit eines Trainingsplans in der Datenbank zu ermöglichen. Genau das habe ich nun auch eingebaut. Ein Interface zum Erstellen des Trainingsplans ist schon da:

Das Trainingsplan-Gesamtinterface.

Ich habe mich nach Marquardt orientiert und drei Vorbereitungszyklen, einen Wettkampfzyklus und einen Regenerationszyklus vorgesehen. Diese kann ich jeweils zwischen einer und zehn Wochen Dauer einstellen, mit tagesscharf geplanten Wochenplänen versehen. Die Prüfung, ob der Plan so weit erfüllt wurde, erfolgt wochenscharf – unter Berücksichtigung von Krankheitstagen. Dafür habe ich auch zwei Spalten im Trainingstagebuch vorgesehen: Welches Training aus dem Trainingsplan ich gemacht habe und ob ich die Vorgabe erfüllt habe. Das wird dann im großen Trainingsplan-Tab erfasst.

Um das Ganze besser nachvollziehbar zu machen, plane ich erstens eine Hervorhebung und/oder gesonderte Anzeige der jeweils aktuellen Woche mit ihrem jeweiligen Erfüllungsstand und eine grafische Darstellung der jeweiligen Makro- und Mikrozyklen. Das ist aber noch nicht aufgebaut.

Am Ende…

…bin ich mit der Überarbeitung noch lange nicht, aber vieles ist angelegt, etliches ausgeführt und die Basisfunktionen, die vorher funktionierten, funktionieren wieder – und besser.

Krise – Chance

Manchmal ist ein Problem, eine Krise, auch eine Chance. Ich beziehe mich nicht auf den Post von gestern – das dort geschilderte, nur in mir drin liegende Problem fällt noch unter die Kategorie „Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem“. Nicht, dass es ein großes wäre.

Aber es geht tatsächlich um die „Krise“, die mir das heftige „Gebeuteltsein“ der letzten zwölf bis dreizehn Monate gemacht hat. Zuerst ein dreimonatiger Zeitraum mit fiebriger Schwäche, Rückenschmerzen und Doppelbildern, wahrscheinlich durch unerkannt irgendwo eingefangene und recht spät erkannte Borreliose, dann zwei Monate Wiederaufbau, heftiger grippaler Infekt, vier Monate ganz gute Zeit, dann Covid, Fingerbruch Zahnschmerzen – der erste Zahn überhaupt, den ich verloren habe.

Über die Zeit hatte sich einiges angesammelt, was ich an meiner Dokumentation von Sport, Bewegung und Krankheiten besser machen wollte. Ich hatte vor Jahren mal eine ziemlich aufgeblasene Krankheitsdatei erstellt, in der ich den Zustand der jeweiligen körperlichen und psychischen Baustellen verfolgte – war oversized, ich habe es irgendwann nicht mehr genutzt. Zugleich fiel mir mehr und mehr auf, dass ich mir Trainingspläne baue, diese aber in meiner Excel-Datei, die als Trainingstagebuch fungiert, nicht nachvollziehbar verfolge. Weitere Baustelle war, dass mein Trainingstagebuch die Art der Aktivität je nach Sportart unterschiedlich verfolgte: Beim Laufen erfasste ich genau die Trainingsform, nicht aber den Anlass, beim Radfahren eher den Anlass – und beim Laufen war die Frage „Indoor oder Outdoor“ über die Sportart erfasst, beim Radfahren über Anlass/Trainingsform.

Nun ist gerade der große Wurf im Gange: In der überarbeiteten Version meiner Trainingsdatei werden nun Sportart, Anlass, Trainingsform und Sportgerät erfasst werden. Dazu habe ich meinen spaßigen „Streak-Nachverfolgungs-Tab“ gecancelt und stattdessen einen Trainingsplan-Tab geschaffen. Die dort definierten Trainingsformen und ob’s geklappt hat, können bei jeder Aktivität ausgewählt werden – mit einer Eingabe-Kontrolle. Damit wird dann erfasst, ob ich in der jeweiligen Woche das richtige Training durchgeführt habe und ob’s funktioniert hat. Ein Schmerz- und Krankheitstagebuch habe ich auch integriert, so dass ich einerseits Schmerz, Krankheit und dergleichen nachverfolgen und mit restlichen Lebensumständen (mit dem Sport innerhalb der Datei, mit allem anderen aus der Datei heraus) korrelieren und Schlüsse ziehen kann, andererseits meine Kilometer- und Zeitziele im Training (meistens als Kilometer, Zeit, Übungswiederholungen pro Tag im Jahresschnitt definiert) automatisch um 1/365 für jeden Kranktag abschwächen kann.

Noch ist’s nicht fertig, aber mächtig in Arbeit. Vor allem anstrengend wird werden, die Kompatibilität mit vorher (insbesondere für’s laufende Jahr in der Bilanzierung) darstellbar zu halten. Der Rest funktioniert denke ich ganz gut. Ich bin sehr gespannt, wann und was ich davon hier präsentieren können werde.

Wie gehe ich damit um?

Es ist ein Problem, wie es sicher weit professionellere, stärkere und ambitioniertere Sportler als ich es öfter haben. Aber nun hat es auch mich erreicht…

Im letzten Newsletter des Atruvia Baden-Marathons in Karlsruhe wurde ich, neben Jennifer Honek von der LSG Karlsruhe, als Aspirantin auf den Marathon-Sieg mit einer angepeilte Zeit um die 3:10 genannt. Erst heute hat mich ein Kollege, der ebenfalls Sportler ist, darauf hingewiesen, vorher hatte es ich gar nicht mitbekommen. Eine Favoritenrolle also… nur in diesem Falle eine, die ich auf gar keinen Fall ausfüllen können werde! Schließlich hatte ich bereits direkt nach der Bergdorfmeile mit Covid einen schweren Rückschlag in meiner Vorbereitung. Ich wollte Mitte Juli mit der spezifischen Marathon-Vobereitung (einem neun-Wochen-Countdown) beginnen, alles war geplant, aber da ich am 03.07. den ersten positiven Covid-Test hatte, wurde schon klar, dass das schwierig werden würde. Meine erste geplante Trainingswoche ab dem 18.07. nutzte ich erstmal, um mich ganz langsam wieder auf die Strecke zu tasten und mit EKG und Blutwerten eine Myokarditis auszuschließen. Die Urlaubsreise zu Freunden an den Mittelrhein über, in der Folgewoche, merkte ich schon, dass ich noch viel zu tun haben würde, zugleich waren die Erholungszeiten verzögert. Und dann brach ich mir bei einem Sturz den Finger. Zu beschäftigt mit Genesung habe ich natürlich meine Zeitprognose beim Baden-Marathon zu korrigieren vergessen.

Und so stehe ich nun da, bin persönlich als Sieg-Aspirantin genannt und weiß nicht einmal, ob ich überhaupt den Marathon bis dahin durchlaufen können werde, und selbstverständlich werde ich es nicht in einer Zeit können, die Ambitionen auf einen Sieg auch nur vage realistisch erscheinen lässt!

Ich muss ganz aufrichtig gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich mit dieser öffentlich gewordenen Prognose umgehen soll. Sicher, ich lebe nicht vom Sport, weder Sponsoren noch ein Verband drängen auf Erfolge. Es ist nur der eigene Ehrgeiz, und die Gesundheit ist mir immer noch wichtiger. Im Wissen allerdings, dass ich rein vom Trainingsstand nicht einmal annähernd in der Lage sein werde, ein Top-10-fähiges Ergebnis abzuliefern, aber als Favoritin genannt werde, empfinde ich im Moment echte Unsicherheit. Wenn alles glatt gegangen wäre, würden diese Woche der letzte lange Tempodauerlauf im Marathonrenntempo (18-22 Kilometer) und der letzte lange Lauf mit Endbeschleunigung (35 Kilometer, die letzten 15 im Marathonrenntempo) anstehen. Ich bin aber vergangenen Sonntag das erste Mal seit Juni wieder mehr als 20 Kilometer gelaufen, und das langsam. Mehr als 30 Kilometer bin ich seit dem Dämmermarathon im Mai nicht mehr gelaufen.

Aber so ist es eben. Auch Sportler, die davon leben (müssen) haben das Problem, dass man einen für Bestleistungen tauglichen Trainingsstand nur erreicht, wenn nicht zu lange und nicht zu viele Krankheiten dazwischen kommen. Auch denen passiert das. Wie sehr mich das nun gerade verunsichert, erstaunt mich aber dennoch. Gedanklich hatte ich den Baden-Marathon aus den genannten Gründen schon als „vielleicht langer Trainingslauf mit Versorgungspunkten, vielleicht auch nur Halbmarathon“ schon abgehakt, war schon weiter gegangen zum Frühjahrs-Saisonhöhepunkt nächstes Jahr. Dass ich beim Baden-Marathon nun vielleicht gefragt werde, warum’s mit 3:10 nicht wieder geklappt hat, wahrscheinlich nichtmal mit 3:30, vielleicht nicht einmal mit voller Marathondistanz, das kommt überraschend und macht mich erstaunlich nachdenklich.

Es ist… eine Erfahrung.

[KuK] Radfahren!

Die letzten paar Tage waren fies – erst der Fingerbruch, dann Zahnschmerzen. Inzwischen bin ich einen verfaulenden Backenzahn ärmer, habe nun keine Schmerzen mehr und Platz für den gesunden Weisheitszahn.

Lyn fährt weiterhin mit mir zur Arbeit und hat mir nun eine Startnummer aus dem Kreuz geleiert – schließlich bin ich für ihre Sprint-Siege an der Unterführung unter der A5 zwischen Ettlingen und Rüppurr die „Edelhelferin“ und sie mein Teamcaptain.

Im Büro erzählt sie jedem, der sich bereiterklärt, mit einem radfahrenden Luchs zu sprechen, dass sie Teamcaptain ist, ich ihre Edelhelferin bin und dass das X in Lyn X. van Rad für X steht.