[KuK] Matter of Perspective

Kennt Ihr das? Ihr tut etwas, und eigentlich kommt es Euch nicht wie eine große Sache vor. Aber ringsum gucken alle, als wäre das völlig abwegig, dass ausgerechnet Ihr ausgerechnet das tut, was Ihr da getan habt?

Tja. So ging es mir heute. Auf der einen Seite unken um mich herum diverse Leute in die Triathlon-Richtung, dass ich mal beim Schwimmen mit einer Freundin bitterlich gefroren habe, um Grunde aber gerne schwimme, habe ich auch einigen erzählt. Außerdem gibt’s da eine Ecke am Fluss, wo ein kleiner, flacher Kanal – zumindest bei aktuellem Wasserstand – zwischen einer im Moment trockenen Sandbank und dem Ufer verläuft, mit ordentlich Strömung zwar, aber man kann überall stehen und hat es nirgends mehr als zehn Meter zum Ufer.

Rein in den Rhein. Teils musste ich aufpassen, dass ich nicht mit den Ellenbögen unten anschlage.

Nun staune ich etwas: Was ich für komische Experimente mache, fragt ein Laufkumpel – sicherlich ein bisschen neckend – ich vermute, er meint eher den Shorty als den Rhein. Ob ich wirklich im Rhein geschwommen bin, fragt eine andere Lauffreundin.

In Anbetracht der Strömung, die ich zwar dank Bodenkontakt überall nicht fürchtete, die dann aber doch unkomfortabel beim Schwimmen war, weil ich nicht dauernd aufpassen wollte, dass ich nicht am Ende des kleinen Kanals raustreibe, war’s nur ein kurzes Experimentieren, ob der Shorty passt und es sich gut drin schwimmt – und wie es sich so im Rhein schwimmt.

Selbst das pienzige Ich ist nun – dank zumindest für mittelkalte Temperaturen ausreichendem Neopren und FiveFingers Aqua gegen „Ihgitt, Bodenkontakt im Wasser!“ – für Freiwasserschwimmen auch außerhalb der badewannenwarmen Saison gerüstet. Wenn ich bedenke, wie langwierig das mit dem Umziehen ist, hab‘ ich erst recht keinen Bock auf einen Wettkampf, der Schwimmen mit was anderem kombiniert. Strömung macht auch keinen Spaß, es gibt aber stehendes Freiwasser. Aber von den Freibädern ein bisschen unabhängiger zu sein, ist doch schonmal was!

Unverbrüchlich

Das Wort „unverbrüchlich“ verbinde ich immer mit einer Treueforderung, die in ihrer Intensität fast schon fanatisch ist, und zugleich auf Zeiten hindeutet, in denen solche Treueforderung mit düsterer Ideologie zu tun hatte. Aber eventuell ist das nur, wie der Begriff für mich konnotiert ist.

Unzerbrechlich hingegen hat sich meine kleine Zehe gezeigt. Am Donnerstag hatte ich einen „kleinen“ Unfall mit unserem Glastisch im Wohnzimmer. Nachdem ich ausgeschlafen hatte und beschloss, die Radfahr- und Schwimmaktion, die ich am Donnerstag geplant hatte, auf Freitag zu verschieben, wollte ich noch rasch den Tisch abräumen… verhakte meine kleine Zehe mit dem Tischbein und ging beherzt los.

Die Sirenen in meinem Kopf gingen dann auch beherzt los. Über den Tag hinweg bildete sich ein wahrhaft beeindruckender Bluterguss, begleitet von einer spektakulären Schwellung. Da ich die kleine Zehe weiterhin normal bewegen konnte und auch der Schmerz nicht besonders groß war, zudem keine unnatürliche Haltung auftrat, war ich recht zuversichtlich, dass das Teil nicht gebrochen war – aber durch doch ein wenig Schmerz und eben die spektakuläre Natur von Schwellung und Bluterguss ging ich dann am Freitag zum Arzt. Gebrochen ist die Zehe nicht, die Schwellung geht schon zurück, der Bluterguss ist erheblich besser und verteilt einen blau-roten Schimmer entlang der Zehengelenke.

Vier Tage nach dem Unfall. Große und lange Zehe haben die Verfärbungen der Nägel von früheren Lauf-Blessuren, die eigentlich längst der Vergangenheit angehören, aber Zehennägel vergessen nicht so schnell.

Aber gebrochen ist nichts. Meine unzerbrechliche kleine Zehe hält mir die unverbrüchliche Treue. Sowas braucht man doch!

Abgeleitete Leistungswerte

Vor einiger Zeit hatte ich eine Unterhaltung mit jemandem über meine Sport-Auswertungen. Mein Gegenüber fand meine abgeleiteten Daten wohl etwas „magisch“ (immer gemäß dem dritten Clarke’schen Gesetz, dass jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist), er sei mehr der „ZDF“-Typ, was „Zahlen, Daten, Fakten“ bedeutet.

Am Ende des Tages war ich da ein wenig beleidigt, habe das aber nicht nach außen gezeigt. Die Werte, die ich benutze, sind letztlich einfach nur Quotienten oder Produkte von Messwerten, also nichts anderes als „Zahlen, Daten, Fakten“, nur eben ein bisschen aufbereitet, um die Umstände rauszurechnen. Aber genug der gekränkten Eitelkeit.

Derzeit arbeite ich zur Erkennung von Trends in meiner Sport-Entwicklung mit drei verschiedenen Form-Schätzern. Einer davon ist inzwischen für das Laufen, das Radfahren und das Schwimmen gut etabliert und funktioniert nachweislich. In jedem Falle benutze ich dafür die „Pulsreserve“, auf der die Karvonen-Formel basiert. Dafür zieht man vom Puls einer Aktivität den Ruhepuls ab und setzt das dann mit dem Maximalpuls minus dem Ruhepuls in Beziehung. Das unterscheidet sich von der inzwischen sehr weitreichend üblichen Angabe von Trainingszonen in Prozent der Maximalherzfrequenz, ohne Beachtung des Ruhepulses. Ich habe Leistungspuls minus Ruhepuls deswegen etabliert, weil meine Leistungsschätzer nur dann unabhängig von der Intensität meiner Aktivität meinen Trainingsstand anzeigen.

Long Story short: Ich nehme Puls minus Ruhepuls für eine Aktivität und multipliziere mit der „Pace“, also der Läufer- und Schwimmer-Geschwindigkeit in Minuten pro Kilometer bzw. Minuten pro 100m. Beim Radfahren teile ich durch die Geschwindigkeit. Das ergibt dann über den Ruhepuls hinaus zusätzliche Herzschläge pro Strecke. Um handliche Werte zu bekommen, rechne ich beim Schwimmen zusätzliche Herzschläge pro 25 m, beim Laufen zusätzliche Herzschläge pro 100 m und beim Radfahren zusätzliche Herzschläge pro 200 m. Ich nenne diese Schätzer „PRASPP“ (Puls-Reserve-Ausnutzungs-Schwimm-Pace-Produkt), „PRAPP“ (Puls-Reserve-Ausnutzungs-Pace-Produkt) und „PRAGQ“ (Puls-Reserve-Ausnutzungs-Geschwindigkeits-Quotient). Es ist natürlich keine „dimensionslose Kennzahl“, auf die die Maschinenbauer unter Euch so stehen, aber so viel Unterschied besteht da nicht. Wie sich die jeweiligen Werte des PRASPP, PRAPP und PRACQ über die letzten zwölf Monate entwickelt haben, seht Ihr in den Bildern hierunter:

Ich schwimme nicht so oft, aber in den Werten von Aktivitäten im Laufen und Radfahren, wo ich für jede einzelne auch PRAPP und PRAGQ bestimme, kann ich Infektionen schon Tage vor Ausbruch erkennen. Gibt es keinen sichtbaren Grund (schlecht geschlafen, viele Höhenmeter…) für die Erhöhung der zusätzlichen Herzschläge pro Strecke, so reduziere ich Trainingsmenge und vor allem Intensität – meistens kommen die Symptome dann etwas später. Neben der Eigenschaft als Leistungsschätzer sind die Werte also zuverlässige Krankheitsvorhersage.

Mittlerweile habe für das Laufen und Radfahren, wo mir durch Stages-Leistungsmesser-Kurbeln und Stryd-Footpod jeweils Leistungsmessungen zur Verfügung stehen, weitere Schätzer etabliert. Die sind aber noch im Experimentierstatus:

Die neuen Schätzer sind die physikalische Arbeit (also Joule = Wattsekunden) pro Herzschlag bzw. pro Schritt oder Pedaltritt. Vermutlich sollte ich die Arbeit nicht pro Herzschlag ableiten, sondern pro zusätzlichem Herzschlag. Aber wie gesagt, noch ist das Ganze im Experimentierstatus, während PRASPP, PRAPP und PRACQ hochgradig etabliert und auf Belastbarkeit ihrer Aussagekraft überprüft sind.

Natürlich sind das andere Schätzer als in der konventionellen Trainingslehre – aber einem funktionierenden Leistungsschätzer, den ich genau verstehe, traue ich mehr, als einem in der Blackbox meiner Fénix oder meines Edge-Fahrradcomputers nach einem von Garmin nicht veröffentlichen Modell berechneten VO2_max, zumal ich ja schon oft gesehen habe, dass insbesondere in PRAPP und PRAGQ Infektionen oder andere körperliche Probleme sichtbar werden, noch bevor ich sie wirklich spüre.

Sport-Fazit: Abernten im Mai

Der Mai war mein erster sportlicher Saisonhöhepunkt 2022. Das äußerte sich in drei Laufwettkämpfen mit drei jeweiligen Bestzeiten:

  • Badische Meile über 8,88889 Kilometer am 08.05.2022:
    Fünfter Platz der Damen in einer Zeit von 34:21 (Verbesserung von 1:41 gegenüber 36:02 bei der Badischen Meile im Jahr 2019)
  • SRH Dämmermarathon in Mannheim am 14.05.2022:
    Dritter Platz der Damen und Sieg in der Altersklasse W40 in 3:09:56 (Verbesserung von 8:37 gegenüber 3:18:33 beim Badenmarathon 2019)
  • Oberwald parkrun über 5 Kilometer am 21.05.2022:
    Gesamt-Erste mit 19:08 (Verbesserung von 0:08 gegenüber 19:16 beim Herbstlauf der TGÖ im Jahr 2019)

Dass in einem so laufwettkampfintensiven Monat nicht ganz so viel sonst gelaufen wurde, ist irgendwie klar: Man muss sich ja auf den Wettkampf hin erholen („Tapering“). Allerdings bin ich wieder richtig viel Rad gefahren – viel zur Arbeit, zu Dienstreisen und Vorträgen, aber auch ein bisschen aus Spaß an der Freude. Außerdem habe ich das Schwimmen endlich wieder aufgenommen. Und so fasste ich mal in Bildern zusammen:

Laufen wurde wegen Taperings weniger, Radfahren wieder erheblich mehr, Schwimmen kam endlich wieder dazu. Insgesamt geht die Kilometerleistung nicht stetig, aber doch nach oben, seit der Krankheit im letzten Herbst.
Mehr als die Hälfte der Zeit beim Sport habe ich auf dem Rad verbracht, etwa ein Drittel beim Laufen, dazu zwei Stunden beim Schwimmen und drei bei sonstigen Aktivitäten.
Der Löwenanteil meines Trainings fand im moderaten Bereich statt, wenig war sehr intensiv.

Nun geht es in den Juni, wo sich dank Stadtradeln für den Wohnort und Stadtradeln für den Arbeitsort die Radkilometer häufen sollten – und dank des Wetters wohl die Schwimmleistung weiter hoch geht. Erst Mitte Juli will ich wieder ins Marathontraining einsteigen, dann für den Badenmarathon. Großartig ist, dass ich die Lauftreffs des Regierungspräsidiums, mindestens die abteilungsübergreifenden, wieder gepusht hat, und es auch angenommen wird. Da wird wohl einige schöne Lauferei zusammenkommen!

[KuK] Zu müde…

…für ein Mai-Fazit zeige ich Euch erstmal etwas, wegen dessen ich ursprünglich meinen Strava-Account gemacht habe. Heatmaps. Meine Aktivitätscluster seit meinem Beitritt zu Strava.

Von links oben nach rechts unten:

  • Sommerurlaub 2020 in Bensersiel: Zehn Läufe, zwei Radfahrten.
  • Besuch bei Freunden 2022 nahe Buxtehude: Zwei Läufe, zwei Spaziergänge. Nicht dargestellt: Eine Schwimmaktivität.
  • Besuche bei Freunden 2020 und 2021 nahe Bonn: Ca. 20 Läufe, der Rest Spaziergänge.
  • Nordbaden: Läufe, Radfahrten, Freiwasserschwimmen… Spaziergänge, Skating-Einheiten. Marathon-Wettkämpfe… ca. 1600 Aktivitäten.
  • Main-Tauber-Kreis, Dienstreise 2020: Zwei Läufe.
  • …und zuletzt, ganz unten: Trainingslager in Castellana Grotte 2022, zehn Läufe, fünf Spaziergänge.

[KuK] Läuft…

Entwicklung meiner Wettkampfleistungen über die Zeit.

Es kommen wieder Wettkämpfe – wie man sieht. Mit dem Rißnertlauf, der Badischen Meile und dem Dämmermarathon bin ich dieses Jahr wieder drei Wettkämpfe gelaufen. Da mich interessiert, wie sich meine Leistung über die Zeit entwickelt, aber meine Wettkampfdistanzen sehr differieren (5, knapp 9, 10, 12, 15, 20 Kilometer sowie Halb- und voller Marathon) und entsprechend auch das Tempo sehr unterschiedlich ist, musste ich mir was ausdenken. Also habe ich an meine persönlichen Bestleistungen Modellkurven angefittet (eine Parabel und eine Exponentialfunktion). Was besser passt, bewerte ich über die Summe der quadratischen Abweichungen („Chi-Quadrat“) bei der Anpassung. Mit dieser Kurve rechne ich dann meine Wettkampf-Geschwindigkeit auf das um, was ich wohl bei einem Zehner gelaufen wäre… und stelle damit Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Distanzen her.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mit einem Rechenmodell mache ich aus jedem Wettkampf ein „Was wäre, wenn’s ein Zehner gewesen wäre.“ Diese geschätzten Tempowerte für Zehner (bei gelaufenen Zehnern sind’s natürlich exakte Werte) trage ich dann über die Zeit auf… und heraus kommt das oben gezeigte Bild.

Bis auf den einen doppelt virtuellen Zehner im Jahr 2020 bin ich also mit meinen Wettkämpfen in der Saison 2022 bisher sehr gut dabei, (fast) besser als je zuvor.

Dämmermarathon (Teil 3)

Was wäre ein Lauf ohne eine gewisse Analyse, zumindest auf diesem, meinem Blog? Zunächst einmal die Strecke…

Der Dämmermarathon – zwei Runden, vom Wasserturm (grüner Pfeil) raus nach Seckenheim, durch Seckenheim zurück, am Neckar entlang. Auf der ersten Runde eher kurz durch die Quadrate und über den Friedrichsplatz am Wasserturm wieder raus Richtung Seckenheim – auf der zweiten Runde elend lang durch die nächtlichen Quadrate.

Eigentlich wollte ich ja die hohe Kunst produzieren und negative Splits laufen. Wie man in den folgenden Diagrammen sieht, ist mir das nicht gelungen, aber sowas von gar nicht. Dafür waren insbesondere Kilometer zehn, elf, neunzehn und zwanzig zu schnell. Seckenheim, Planken und Wasserturm, Stadionatmosphäre, oh Rausch des jubelnden Publikums, was verführt ihr mich zu Unvernunft! Auch wieder in Seckenheim, um Kilometer dreißig, wird es vom Publikum getragen nochmal schneller – und dann habe ich mich nur noch durchgebissen, die gute Zeit nach Hause zu laufen.

Mit 190 bis 200 Schritten pro Minute und relativ konstanter vertikaler Bewegung hat immerhin der Laufstil verhältnismäßig wenig unter den Härten gelitten. Klar ist auch: Der Running Dynamics Pod von Garmin (pink im Bild unten) und der Stryd Footpod (grün) liefern Daten, die ganz gut zueinander proportional sind, aber doch einen deutlichen systematischen Offset zueinander zeigen. Da die Daten des Stryd deutlich näher an dem liegen, was ich als realistisch erachte, werde ich wohl künftig auch weiterhin der Stryd-Power mehr vertrauen als dem RD Pod. Für die Laufstilanalyse und Optimierung sind aber die absoluten Normierungen nicht so wichtig, dass man Schritthöhe nicht übertreibt, hochfrequent läuft, ein gutes Verhältnis von physikalischer Leistung (=Kraftaufwand) zu Pace erhält, ist mit beiden Mitteln zu machen.

Insgesamt hat der Dämmermarathon gezeigt, dass ich mit dem Training nach Greif einiges erreicht habe – indes, die maximale Tempohärte für die zweite Hälfte habe ich nicht so geschafft, wie ich mir das vorgenommen habe. Die Abstände waren allerdings ab Kilometer 30, 35 schon so groß, dass nach einigen Überholaktionen im Bereich der hohen 20er und frühen 30er am Ende keiner mehr überholte – ich allerdings auch niemanden überholte. Am Ende des Tages haben wohl alle mehr oder minder so stark nachgelassen wie ich.

Was sich nun an Fragen stellt: Welchen Effekt hatten die hohen Temperaturen? Wie viel ist noch drin, wenn ich statt Altra Escalante Racer auf Altra Vanish Carbon laufe? Diese Fragen gedenke ich ein bisschen zu wälzen und mit dem Badenmarathon im September zu beantworten. Da wird dann auch volle acht Wochen nach Greif trainiert, wenn keine Krankheit dazwischen kommt.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon.

Dämmermarathon 2022 (Teil 2)

Der Dämmermarathon… mein neues Personal Best, sogar die 3:10 unterboten. Damit könnte alles gesagt sein, aber irgendwie ist es das doch noch nicht. Auf 42,195 Kilometern, in der Rennvorbereitung und auch nach dem Lauf passiert so einiges, und vieles davon fühlt sich auch berichtenswert an. Ob es das auch ist, sei dahingestellt, aber das hier ist ja ein Blog…

Mein Wettkampftag begann natürlich nicht in Mannheim, sondern zuhause. Am Vorabend hatte ich meinen Mann zu dessen Firmenjubiläumsfeier begleitet. Das Essen dort war von der Qualität her top, von der Zusammenstellung aber nicht zwingend das Essen für den Vorabend des Marathons – aber es hat ja dennoch funktioniert. Wir waren auch mit dem Rad zum Restaurant gefahren und dann natürlich auch wieder nach Hause. Am Morgen des Wettkampftags traf mein „Rheinland-Pfälzer Fanclub“ ein, in Gestalt meines Nennbruders und dessen Vater. Wir frühstückten zusammen, machten noch einen Spaziergang zum Supermarkt und brachen dann zu viert nach Mannheim auf… heiß war es, und ich merkte schon, dass die Wärme auch an meinen Reserven etwas zehrte. Wahrscheinlich wäre ich bei einem am Morgen gestarteten Marathon schneller gewesen, aber ich hatte mir nun einmal den Dämmermarathon ausgesucht. Nachdem ich meine drei Herren – Ehemann und Fanclub – in einem Café zurückgelassen hatte, holte ich meine Startnummer und gesellte mich dann wieder zu den dreien, montierte die Startnummer mit Magneten auf das Trikot, trank noch eine Flasche Wasser und ging noch einmal auf Toilette.

Ready to go.

Dann ging es in die Startblöcke auf der Augusta Anlage. Ein bisschen lief ich mich im Startblock ein, drehte kurze Runden und sah einen, bei dem ich dachte: „Den kennst du doch!“ Kurze Zeit später wurde es mir bestätigt: Simon Stützel von der LG Region Karlsruhe war im Teilnehmerfeld und somit war mir klar, dass es bei den Herren vorne schnell werden würde. Langsam wurde ich ein bisschen nervös, erst kurz nach 19:00 wurden wir von der Augusta Anlage vor den Rosengarten geführt, wo eigentlich um 19:00 schon gestartet werden sollte – aber die Strecke war noch nicht freigegeben. Als wir zwischen Tribüne und Sprecher-Bühne an die Startlinie gingen, und der Sprecher vom „Einmarsch der Athleten“ sprach, hatte ich schon das erste Mal richtig Gänsehaut. Und dann ging es los!

Recht schnell war mir klar, dass die 3:15-Pacer nicht meine Orientierung sein würden. Ich lief 4:28/km und fühlte mich wohl dabei. Ich hatte viel 4:30 bis 4:26 pro Kilometer trainiert, ich war stark, ich war vorbereitet. Bereits auf der anderen Seite des Wasserturms hatte ich ein bisschen nach „langsam“ zu korrigieren, aber das schaffte ich dann auch. Raus auf die Augusta Anlage und dann am Planetarium links, schließlich raus Richtung Seckenheim stellte sich ein halbwegs konstantes Tempo ein. Plötzlich schloss jemand zu mir auf: „Hi, ich glaub‘, ich kenn‘ Dich von Strava!“ Tatsache, ja, er kannte mich von Strava und ich ihn. Eigentlich müsste er schneller sein, aber es war sein erster Marathon. Wir quatschten miteinander und flogen mit konstanten ca. 4:30/km, vielleicht etwas schneller, durch die recht einsame Passage nach Seckenheim und südlich um Seckenheim herum. Wie stets ist das Einbiegen in die ersten Wohnstraßen von Seckenheim erstmal eine Enttäuschung: „Stadionatmosphäre ist das nun nicht…“ Dann, nächste Kurve, BÄM! Überall Leute an der Straße, Kinder, die Hände zum Abklatschen hinhalten, teils auch Erwachsene, die das tun. Wenn man Kamikaze machen wollte, würden sie einem sicher auch Sekt zureichen, all die Leute, die da an der Straße sitzen, stehen, jubeln, anfeuern… drängende, treibende Musik spielen und einen mit der Begeisterung in restlos zu schnelle Pace treiben. Zum Glück – auf der ersten Runde zum Glück – kommt dann die lange Landstraße wieder rein nach Mannheim und der verhältnismäßig ruhige Radweg am Neckar entlang, so dass man wieder ein bisschen ausgleichen kann. Mein Gefährte und ich sprachen nun weniger, waren viel mit Ausweichen beschäftigt: Der schnelle Part des Halbmarathons überholte uns und wir liefen von hinten in das langsame Ende des Monnemer Zehners rein. Fünf Kilometer dauerte dieser anstrengende Part, ein Stück durch die Quadrate durch. Dann wurde es am Wasserturm wieder laut, anfeuernd, motivierend – und dann waren wir wieder einsam, bei freier Strecke allein auf dem Weg hinaus Richtung Seckenheim. Hier war das noch angenehm – es war hell, es war endlich genug Platz, man konnte sein Tempo laufen. Knapp schneller als 4:30/km waren wir unterwegs, wenn ich von 21 Kilometern hochrechnete, war eine Zeit deutlich unter 3:10 drin. Aber der Marathon hat zwei Hälften, und die harte zweite beginnt nicht bei 21, sondern bei 32 Kilometern.

Im Falle des Dämmermarathons beginnt diese harte zweite „Hälfte“ nach dem zweiten Durchlauf durch Seckenheim. Es wird dunkel, Lampions und Feiernde sind an der Strecke – und dann kommt man zurück auf die Seckenheimer Landstraße. Plötzlich ist da keiner mehr. Plötzlich ist da gar nichts mehr – es wird dunkel, keine Leute an der Strecke, kaum noch Läufer auf der Strecke… Kilometer 32 beginnt. Noch kann man sich der Illusion hingeben, dass es nur heißt, dass es nun hart wird. Noch scherzt man darüber. Dann ist es völlig dunkel, man weicht den letzten Halbmarathonis aus, wenn man sie gerade sieht, auf dem Radweg nahe des Neckars ist keiner mehr, spätestens am City Airport wünscht man sich, es wären nur noch drei, vier Kilometer – und nicht noch acht oder neun. Dann brach, nach vorheriger kurzer Gehpause und Wiederaufschließen, kurz vor dem Wiedereintritt in die Innenstadt, auch noch mein Laufgefährte bei Kilometer 36 weg. Der Geist bäumt sich auf, ich bin auf dem Weg zu meiner Bestzeit – ihr geschniegelten Affen, die aus dem Theater kommen und unbedingt über die Rennstrecke in meinen Weg stolpern müssen, die Ordner, die sie nicht zurückhalten: „Ey, was soll’n das!?!“ Der Ärger ist gut, er hält aufrecht. Dann geht es wieder in die Quadrate, und dann dürfen die Halbmarathonis zwischen O3 und O4 links abbiegen, haben noch 1500 Meter zum Ziel. Die Planken ziehen sich, und dann geht es rechts auf die Fressgasse – da ist die Mitte als Strecke abgesperrt, kein Mensch auf der Straße, das Licht gelblich, vor mir kaum noch zu erkennen, aber nicht weit weg ein anderer Läufer in schwarzem Trikot, hinter mir scheinbar lange keiner mehr. Es scheint gar nicht mehr aufzuhören. Die Moral ist am Ende…

Aber wenn die Psyche nicht mehr mitzumachen scheint, ist sie noch nicht am Ende, und der Körper sowieso nicht. Jetzt umkehren wäre auch blöd, nicht? Und die Zeit ist zu gut, um zu gehen oder gar stehen zu bleiben. Und dann geht es am Arbeitsgericht den Radweg runter Richtung Ludwigshafen – was? DA runter? Ein paar Meter runter zum Rhein, man könnte meinen, es sei eine Wohltat, aber mein Geist sagt nur: „Seid Ihr verrückt? Ich muss das auch wieder hoch laufen, ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne eine Seilbahn schaffen soll!“ Aber ich schaffe es, zeitweise zeigt die Uhr erschreckende 5:25/km an, aber der Kilometer bleibt doch unter der fünf-Minuten-Grenze. Dann die Wendepunktstrecke vor der Universitätsbibliothek – rechts abbiegen, obwohl es links zum Wasserturm ginge. Aber da läuft eine andere Frau!

In Seckenheim haben sie mir beim zweiten Durchgang zugebrüllt, ich seit die vierte Frau. Das muss die dritte sein, schauen wir mal, wie lange die Wendepunktstrecke ist, wie weit sie weg ist. Zu weit in jedem Fall, um sie einzuholen, aber vielleicht dranbleiben, irgendwie! Aber es geht ganz schon weit nach rechts, bevor wir zurück dürfen. Als ich dort bin, wo ich die Frau vor mir gesehen haben, biegt mein ehemaliger Begleiter gerade ein: „Tally, lauf es fertig! Du schaffst es!“, brüllt er! Ich gebe mir Mühe, aber noch immer sind die gelben Lichter und die Einsamkeit eine Herausforderung, die alles in meinem Inneren schwer werden lässt. Seit wann trage ich diese schweren, schweren Gefühle mit mir herum? Hätte ich früher nochmal trinken, hätte ich meinen zweiten Fruchtriegel noch essen sollen? Eine Straßenbahn, die scheinbar im Weg steht, holt mich aus meinen düsteren Gedanken. Man hält die Straßenbahn auf, ich darf die Schienen überqueren, und ich laufe endlich wieder auf den Kapuzinerplanken – die Sicht ist geradeaus frei bis zum Wasserturm! Das Ende ist nah, und das ist nun nichts mehr Apokalyptisches. Als die Halbmarathonis von links wieder auf unsere Strecke geführt werden, wird es noch besser – da sind Leute, die jubeln mir zu, da sind Leute, die brüllen begeistert, und die brüllen auch für die ganzen erschöpften Halbmarathonis, die ich nun überhole. Ich werde wieder schneller – keine 4:30/km, nein, das nicht mehr, aber schneller! Der Wasserturm, das bunte Licht zieht mich an wie eine Motte, der Jubel trägt mich.

Meine Uhr zeigt Kilometer 42 an, als ich den Kaiserring überquere, ich weiß, 300 Meter zu wenig zeigt sie. Noch ein halber Kilometer. Kurz bevor ich in das Halbrund des Friedrichsplatzes einbiege, das dritte Mal, höre ich den Sprecher meinen Namen sagen, auf der anderen Seite des Platzes, am Ziel vor dem Rosengarten. Dieses Mal muss ich nicht in die Augusta Anlage biegen, dieses Mal darf ich rum laufen. Der Jubel lässt mich aufdrehen, ich merke, es ist bald vorbei, ich bin grandios in der Zeit, ich habe lange nicht mehr auf die Uhr geschaut, aber es KANN nicht so schlimm sein, es muss weit unter dem sein, was ich mir vorgenommen habe. „Und da kommt sie, die dritte Frau – Talianna Schmidt!“, ruft der Sprecher, und ich begreife: Irgendwo, unter all den Frauen, deren Startnummern ich nicht nicht auf roten Zehner-Rahmen, blauen Halbmarathon-Rahmen, orangen Staffelläufer-Rahmen angeschaut habe, muss die vormals Viertplatzierte gewesen sein, die ich überholt habe…

Rotleuchtend ticken die Zahlen über dem Zielbogen. 3:09:39… 3:09:40… unter 3:10! Ich brülle… ich reiße die Arme hoch, wild schwingt mein Kopf die beschleunigenden Schritte mit… zu schnell, um ohne Blitz von meinem Nennbruder fotografiert zu werden:

…und dann hängen sie mir den Zugangsbendel zur Bühne, zur Siegerehrung um. Erst als ich stehe, realisiere ich richtig, wie erschöpft ich bin. Als wir gefühlt ewig auf die Zweite warten, der Betreuer, die Siegerin und ich, setzen Krämpfe ein: Oberschenkel, Waden, Längsgewölbe, Zehen. Ich ziehe sie Schuhe aus, dehne, leide – und kann dann doch lächeln auf der Bühne:

…mehrfach heule ich, muss stehen bleiben, wegen Krämpfen oder weil mir in Freudentränen alles verschwimmt. Man lässt uns rein, im Restaurant, weil ich meinen Pokal trage, und endlich, über das Salz auf der Pizza, lassen die Krämpfe nach.

Was ein wilder Ritt!

Dämmermarathon 2022 (Teil 1)

Seit dem September 2019 bin ich keinen Wettkampf über die Marathon-Distanz mehr gelaufen. Damals habe ich beim Badenmarathon in Karlsruhe ein Personal Best von 3:18:33 aufgestellt, viele Erfahrungen zur Einteilung des Marathons, zur Schuhwahl und dergleichen gesammelt – und dann war mit der Corona-Zeit erstmal nichts los mit Marathon-Wettkämpfen. Ich bin in dieser Zeit Marathondistanz gelaufen, aber nicht im Wettkampf.

Am 14.05.2022 stand dann der Dämmermarathon in Mannheim wieder an. Wo ich doch eigentlich endlich über den roten Teppich durch das Mannheimer Schloss laufen wollte – und ursprünglich sogar noch etwas ganz anderes geplant war, nämlich der Trollinger-Marathon in Heilbronn, lief ich nun die Doppelrunde durch Mannheim: Wasserturm-Seckenheim-Wasserturm-Quadrate-Wasserturm… und dann dasselbe nochmal. Ich hatte nach einer Erkältung im Februar, einem neuen 15er-Personal-Best beim Rißnertlauf und dem Trainingslager in Apulien durchaus gemischte Signale erhalten, was in Mannheim herauskommen könnte, zumal ich ja letztes Jahr im Herbst lange und mit viel Formverlust krank war.

Nun, wie soll ich sagen: Vieles hat funktioniert. Manches nicht – wollte ich doch negativen Split laufen. Aber das Ergebnis spricht für sich:

Ich bin noch immer zu platt, zu erschöpft, zu euphorisch, um so richtig zusammenzubauen, wie es genau lief, die Fotos zu sichten und all das. Das kommt irgendwann kommende Woche. Für’s erste kann ich sagen: Mindestens ein neues Personal Best, also 3:18:32 hatte ich angepeilt. 3:14:59 war das erklärte, zu unterbietende Ziel, und irgendwas im Bereich 3:10:xx zu erreichen, das war ein Maximalziel, ein Traum. Am Ende waren es sogar vier Sekunden weniger als 3:10:00, die auf der Uhr standen. Dass ich noch dazu Dritte wurde und neben einer Duathlon-Weltmeisterin (der Siegerin) auf dem Treppchen stand, war das Sahnehäubchen.

Völlig irre. More to come, stay tuned.