Das generische Femininum

Gestern hatte ich so einen lustigen Moment. Die Nachbarskatze saß neben mir auf der Decke auf dem Sofa, ließ sich kraulen und schnurrte. Eigentlich ist die Nachbarskatze ein kastrierter Kater, Mauzi heißt das Tier. Ich dachte kurz nach und fragte:

„Na, du Katze? Störst du dich an dem generischen Femininum?“

Schließlich gehört die Katze zu den wenigen Sammelbegriffen, die generisch weiblich belegt sind. Sieht jemand eine Katze, wird niemand auf die Idee kommen, das Tier erstmal ohne es genau zu wissen als Kater zu bezeichnen. An anderen Stellen – zum Beispiel bei der Krankenschwester – achten wir drauf. Das ist dann ein Krankenpfleger, es geht sogar nichtmal an, einen „Krankenbruder“ zu postulieren, wenn man niemanden beleidigen will.

Die Katze allerdings – also der Kater Mauzi – störte sich nicht im geringsten am generischen Femininum. Er zwinkerte mir zu. Echt! Er schloss ein Auge und öffnete es gleich wieder, das andere blieb offen. Dann nochmal. Mauzi ist das offenbar völlig egal, ob er als Katze oder als Kater bezeichnet wird, solange der Mensch weiter krault.

Inversion

Heute war ich am frühen Nachmittag laufen. Ich fand es schon reichlich kalt und habe mich warm eingepackt gehabt – vor allem dann später, auf dem Heimlauf vom Fitnessstudio zu uns nach Hause, bei Einbruch der Dunkelheit, wurde es schnell richtig bibberig kalt.

Dann las ich zuhause über Schneefall auf Mallorca. Im Mittelmeer, am Meer, im November. Bei uns hat’s die ersten Nachtfröste, aber bei ausgleichendem, noch immer eigentlich nicht auf dem Temperaturtiefpunkt befindlichen Meer, schneit’s auf den Balearen.

Ich hatte es da immer noch nicht kapiert. Als ich dann von den Laufaktivitäten eines Lauftreff-Kameraden in Polen las, in Lublin, da war ich der festen Überzeugung, dass es da saukalt ist, wenn’s hier schon für mich langsam echt unangenehm draußen wird. Ich hatte den Kommentar schon geschrieben, da las ich dann die Temperatur-Angabe in der Garmin-Connect-Aktivität meines Mit-Lauftrefflers: fast neun Grad Celsius! Allerdings weiß ich nicht mehr ganz, an welchem Tag das war, die Woche über war’s bei uns auch noch nicht maximal kalt.

Wie’s scheint, ist die „alte Regel“ außer Kraft, dass es im kontinentalen Nordosten Europas im Herbst und im Winter kälter ist als im westlichen Mitteleuropa und dort wiederum kälter als am Mittelmeer. Allerdings war das schon letztes Jahr nicht mehr zwingend so, und auch die Jahre davor. Ich glaube, es war im Winter 2017/2018, als ich von klirrender Kälte in Hamburg las, die wir auch so hatten, und auf Spitzbergen nördlich von Norwegen taute es. Natürlich messen wir häufiger und genauer, natürlich wird auch das entlegenste Wetter mehr zu uns kommuniziert, aber Zufall ist das alles nicht. Die polare Westwind-Zone ist nicht mehr so stabil wie früher, da das Temperaturgefälle aufgrund der sich aufheizenden Arktis geringer wird. Der Isoliergürtel zwischen winterkalter Arktis und südlicheren Breiten, bestehend aus einer beständig wehenden Westwindzone am Boden und einem Jetstream-Gürtel, verliert zunehmend an Stabilität. So kann warme Luft nach Norden, kalte Luft nach Süden vordringen. Insgesamt wird’s unbeständiger, die Temperaturschwankungen und Schwankungsbreiten werden größer.

Natürlich kann das Gefälle Lublin, Karlsruhe, Mallorca (von warm nach kalt) Zufall gewesen sein. Schwankungen gab’s immer. Aber diese „Inversionen“ werden häufiger. Und das darf und sollte uns Sorgen machen…

[KuK] Ungefragt

Heute früh in der Bahn:

Fast alle Sitze sind von Schülern auf dem Weg nach Durmersheim Nord besetzt, als ich in Bietigheim in die Bahn steige. Drei Herren steigen ebenfalls zu. Ein paar Schüler drängen sich vorbei.

Beginnt der eine: „Morgen müssen die ja wieder demonstrieren.“ Er wird noch abfälliger, während die anderen das Gespräch wieder einzufangen versuchen. Dass er Dinge aufbringe, die keinen interessieren, sagen sie.

Egal, was man vom Klimawandel und Fridays for Future hält oder halten mag, pauschal Abfälligkeiten auf sitzende Kinder in der vollen Bahn zu projizieren erfüllt mich mit Ärger. Ganz egal, ob die Kids morgen den unverantwortlichen Umgang mit Ressourcen tatsächlich morgen öffentlich geißeln oder nicht – ihnen das zuzuschreiben, weil man gerade in der vollen Bahn zur Schulbeginnzeit stehen muss und weil sie junge Menschen sind, geht gar nicht!

Warum tue ich mir das an?

Froh, nach dem Training noch Enthaarung hinbekommen zu haben. Mit Läuferbräune usw.

Gestern nach dem Training und dem „Frühstück“ nach dem langen Lauf habe ich mir noch anderthalb, eher zwei Stunden genommen, um meine Beine zu epilieren. Jetzt könnte man fragen: Rasieren geht doch viel schneller? Aber mein „Warum tue ich mir das an?“ war anders gemeint. Dennoch zunächst die Antwort auf diese Frage: Epilieren hält länger. Rasieren müsste ich dauernd, nach dem Epilieren habe ich etliche Wochen Ruhe.

Aber die Frage war – wie geschrieben – generellerer Natur. Warum brauche ich haarlose oder zumindest fast haarlose Beine? Ein richtiger „Pelz“ ist es auch ohne Aktionen nicht. Aber tue ich es vor allem für die anderen, vor allem für mein Gefühl zum Urteil der anderen oder vor allem für mich? Letztlich ist von allem ein bisschen dabei. „Für die anderen“ ist aber am wenigsten, denn ganz aufrichtig: Ich ziehe auch meine Röcke für mich und nur für mich an. Es geht mir dabei nicht um die Blicke der Männer oder das Urteil der Frauen (im Klischee – sicher spielt beides auch beim jeweils anderen Geschlecht rein). „Wie kann die Ihre behaarten Beine in einem kurzen Rock zeigen?“, das tangiert mich mehr, als ich zugeben möchte, aber deutlich weniger, als es das noch früher tat. Nichtsdestotrotz mag ich es nicht, dieses Urteil zu antizipieren, selbst wenn es gar nicht da sein sollte!

Vor allem wichtig ist mir aber, dass ich selbst es schöner finde. Auch, wenn ich nicht dem Urteil „der anderen“ unterworfen wäre, würden mir wenig bis nicht behaarte Beine an mir selbst besser gefallen. Meinem Mann ist’s egaler als mir, ihm gefalle ich auch in … äh, nicht aus dem Ei gepellt. Er sagte mal zu mir: „Du bist so hübsch!“ Ich fühlte mich gar nicht hübsch und erwiderte: „Aber hab‘ viel mehr Haare auf den Beinen, als mir lieb ist, habe ungewaschene Haare, bin verschwitzt…“ Und er so eiskalt: „Und stinkst vor dich hin.“ Das fand ich ganz großartig. Aber ich gefalle mir selbst besser, wenn ich gewisse Aspekte der nicht erforderlichen, aber gewisser Ästhetik Vorschub leistenden Kosmetik fröne. Also epiliere ich meine Beine. So ganz nebenbei mag ich auch das Gefühl von Stoff – sei es nun eine Strumpfhose, ein Rocksaum oder die Bettdecke – auf der haarlosen Haut. Das Gefühl zu haben, spielt auch eine Rolle.

Und so kann ich dann doch sagen: Nein, es ist weitestgehend nicht die Gesellschaft, die mich dazu nötigt, den Epilierer auszupacken. Ich möchte nicht, dass jemand weitestgehend oder nur wegen dieser Ideale sich zum Enthaaren zwingt – aber ich möchte auch nicht, dass der Akt des Enthaarens zur Unterwerfung unter die Konventionen hochstilisiert wird.

Komisch eigentlich, was man sich nach ca. 75 Minuten Krach und Ziepen für Gedanken macht, nicht?

Was soll das?

Mal wieder ein „Was soll das?“-Post. Wahrscheinlich werde ich bei der Generierung des Links sehen, dass es der vierte, fünfte oder gar sechste ist. Dieses Mal befasst er sich aber mit dem Verhalten von Fußgängern und Radfahrern auf Wegen in der Stadt. Es sind mehrere Ereignisse, die ich diese Woche in Karlsruhe erlebt habe – jeweils einzeln, jeweils individuell, aber in einer Dichte, die mich erstaunt und bestürzt:

  • Montag – ich laufe in der Mittagspause. Mein Weg führt mich vom Schloßgarten nordwärts auf dem Fußgänger-Waldweg neben dem Radweg Richtung Adenauerring und Hardtwald. Drei Läuferinnen kommen mir entgegen, laufen auf dem Weg alle drei nebeneinander – dafür reicht er gerade so aus. Ich sehe die drei. Ich sehe sie laufen. Ich sehe, dass sie mich sehen. Ich sehe, dass keine Anstalten macht, die „Drei-Nebeneinander-Formation“ aufzulösen. Ohne mit der Wimper zu zucken haben sie mich, die einzelne Läuferin, dazu genötigt, entweder zu stoppen oder ins Gras auszuweichen. Ich habe letzteres getan und „Geht’s noch?“ in mich hineingebrummelt.
  • Später am Montag – ich gehe vom Büro zur Haltestelle, die Markgrafenstraße entlang. Auf der Straße witschen die Radfahrer vorbei, dass es eine wahre Freude ist. Vier Halbstarke kommen mir entgegen. Sehen mich. Ich merke, dass sie mich sehen. Einer der vier geht sogar auf der verkehrsberuhigten, von witschenden Radfahrern frequentierten Straße, damit sie nebeneinander gehen können. Ich versuche, zu deuten, auf welcher Seite sie mich vorbeilassen. Da gab es nichts zu deuten. Sie lösten ihre Formation nicht auf. Ich suchte mir eine Lücke zwischen den Radfahrern und umlief die vier Jungs.
  • Dienstag – ich gehe vom Büro zur Haltestelle, auf den Lidellplatz. Dort kommt der Radweg von schräg vorne, wird auf dem Boden gekennzeichnet auf den sehr breiten Bürgersteig geführt. Ein Pärchen mit Koffer geht vor mir, ich will vorbei. Sie schlängeln und nehmen mehr als die Hälfte des sehr breiten Rad- und Fußwegs ein. Ein Radfahrer witscht in Schräglage slalomartig drumherum, auf den Fußwegteil, weil das Pärchen gerade wieder auf den Radweg mändert und den Koffer dem Radfahrer entgegenrollt. Der Radfahrer fährt mich beim Ausweichen beinahe über den Haufen. So langsam bin ich bei „Ey, geht’s noch?“ angekommen.
  • Mittwoch – ich laufe vom Büro zum Fitnessstudio. Zwischen Albtalbahnhof und Beiertheim auf dem kombinierten Rad- und Fußweg durch die Kleingärten wieder mal ein Pärchen, quatschend, breit gemacht, eine Fußgängerbreite links, eine Fußgängerbreite rechts. Sie mäandern um die Ideallinie herum, nämlich genau auf der auf den Boden gemalten Trennlinie zwischen Rad- und Fußweg auf diesem Weg … ich will vorbeirennen, sie weichen natürlich massivst Richtung Radweg aus, als ihnen ein Radfahrer entgegenkommt, der dreht einen Schlenker auf den Fußweg, auf dessen Seite ich ausweichen will, und fährt wieder mal mich fast über den Haufen. Das „Leute!“ war dann schon recht laut, ich hörte dann noch den Mann des Pärchens sagen: „Oh, wir gehen auf dem Radweg.“

… wenn die Woche so weitergeht, ist der erste Zusammenstoß wohl nur eine Frage der Zeit. Von dem Chaos zwischen Radfahrern in der extrem verengten Fußgängerzone auf dem Marktplatz plus jede Menge Fußgängern und meinem Laufweg zum Schlossgarten will ich gar nicht reden, da kann dann auch in der unübersichtlichen, stark frequentierten Lage niemand etwas dafür, dass ich Slalom laufen muss. Aber so langsam frage ich mich, warum ich ausweiche und nicht einfach selbst mal stur weiterlaufe … zumindest, wenn es gegen Fußgänger geht. Angesichts der Tatsache, dass ich schneller bin, und zumindest wohl auch nicht leichter als die Halbstarken, die Mädels auf der Strecke zum Adenauerring und das Pärchen südlich des Albtalbahnhofs, hätte ich beim Zusammenstoß vielleicht gar keine so schlechten Karten.

Aber EIGENTLICH will ich es nicht auf sowas ankommen lassen, nicht mal so denken. Eigentlich hätte ich nämlich gerne, dass ich vielleicht in 55 oder 60 Prozent der Fälle die bin, die ausweicht – und nicht in gefühlten 95 Prozent. Nebenbei: Ich möchte ganz klar verstanden wissen, dass unter den sehenden Auges wissentlich im Pulk nicht ausweichenden beiden Gruppen eine Frauen- und eine Männergruppe war, es sind also nicht nur die Jungs!

Davon zehren

Derzeit sind auf meinem Zeitkonto auf der Arbeit knapp 15 Stunden plus. Das ist recht wenig im Verhältnis zu einigen der Kollegen, die regelmäßig vor dem Überstundenschnitt im Frühjahr auf unter 41 abbauen müssen. Es gibt ja auch den Begriff der „branchenüblichen“ Überstunden, von manchen Positionen wird scheinbar auch erwartet, Überstunden – bzw. sogar mehr Überstunden als die fleißigen Untergebenen zu machen.

Ich hadere zwar immer mal damit, ob ich damit „zu faul“ bin, aber ich betrachte mein Zeitkonto nicht als Prestige-Objekt. Wenn „mal“ viel zu tun ist oder man viel machen kann, darf es ruhig mal hoch gehen. Aber wenn auf Dauer viel – oder eher: zu viel für die gegebene Arbeitskraft in der gegebenen Zeit – zu tun ist, dann ist das kein nachhaltiges Wirtschaften mit dem Zeitkonto mehr. Ich würde das vielleicht anders sehen, wenn ich mir Überstunden auszahlen lassen könnte, aber bei uns geht das nicht.

Also zehre ich auch mal davon. Im Büro hat’s über 35 Grad? Ich habe wegen der Hitze schlecht geschlafen? Solange ich es nicht übertreibe, gehe ich dann auch mal früher oder komme später – das Privileg abhängiger Beschäftigung. Die Balance steht im Zeitkonto.

Ich empfinde es als ein Privileg, „stechen“ zu dürfen, also einen Nachweis über meine Präsenz zu haben – und damit auch eine Legitimation, von vorheriger Mehrpräsenz zu zehren.

Es nicht zu weit treiben …

Es ist allgemein eine gute Idee, „es nicht zu weit zu treiben“. Das lehrt mich (auch) das Laufen, es gilt aber genauso für andere Dinge.

Ich bin vergangene Woche über 120 Kilometer gelaufen. Viele Leute werden jetzt fragen: „Wie jetzt? Es nicht zu weit treiben und dann das? Hast Du Dich verletzt und gemerkt, dass es zu viel ist?“

Nein, habe ich nicht. Es blieb bei der Erkenntnis, dass es viel war und in den Beinen zog, von Verletzung kann keine Rede sein. Meine Kilometerleistung im Jahr 2017 betrug 1400 Kilometer, im Jahr 2018 waren’s 2400 Kilometer, im Moment zeigt die Prognose für 2019 in Richtung 3800. Vor der 120er-Woche hatte ich schonmal eine 115er. Es gibt die Faustregel, nicht mehr als 10% pro Woche zu steigern, in Trainingsplänen sind stets Ruhewochen eingeplant, meist eine in vier Wochen. Dasselbe Prinzip gilt auch für anderes – geistige Arbeit, Feiern, eigentlich für alles. Aus dem Stand auf Höchstleistung und auf Dauerstrom Sein tun nicht gut, der Absturz danach kostet mehr Zeit und Kraft und erreichte Leistung, als der Sprint gebracht hat – wenn es überhaupt ohne bleibende Schäden bleibt.

Das Laufen lehrt mich, mit meinen Kräften zu haushalten – erstens über zum Beispiel einen Wettkampf, bei dem man auf längeren Wettkampfstrecken langsamer losläuft. Zu schnell starten kostet hintenraus unglaublich viel Zeit oder zwingt sogar zum Aufgeben. Zweitens lehrt laufen mich aber auch, generell mit meinen Kräften zu haushalten. Ich kann meinen geplanten langen Lauf am Sonntagmorgen nicht schaffen, wenn ich am Samstagabend spontan oder aus schlechtem Gewissen wegen Trainingsausfall am Freitag ein bretthartes Intervalltraining laufe. Ich kann auch nach einer 120-Kilometer-Woche nicht gleich eine 130er laufen, wenn’s die allererste Woche mit so viel Laufleistung war.

Ähnliches gilt für’s Feiern – mit zwei Geburtstagsparties am vorvergangenen Wochenende, einer gestern und einer Hochzeit am vergangenen freue ich mich schon auf ein ruhiges, völlig feierfreies Pfingstwochenende. Für’s Arbeiten gilt das natürlich auch – und wenn Druckaufbau und Frust zu groß werden, steigt die Leistung maximal kürzestfristig, kurz- und mittelfristig sinkt sie so, dass fraglich ist, ob der Sprint sich gelohnt hat – und langfristig kostet das mindestens Motivation.

Im Englischen sagt man: „Don’t push (yourself) too hard“. Für mich funktioniert die Übersetzung „Es/sich/andere nicht zu weit treiben/zu hart antreiben“ ganz gut.