Autofreier Tag

Gerade habe ich gelernt, dass der heutige 22.09. der „autofreie Tag“ ist. Mir ist natürlich bewusst, dass der Tag sich gewandelt hat in seinem Anlass. Ursprünglich eine Idee, Erdöl zu sparen, weil die Förderländer des Erdöls dieses als wirtschaftliches Druckmittel für politische Forderungen gebrauchten, ist der Tag heute wohl eher ein Symbol- und Aktionstag für die Verkehrswende.

Das Träumer-Ich zeichnet gerade ein Bild, dass ich meine Fahrt zur Arbeit heute über die leere oder nur von Radlern, Rollerfahrern, Gehern und Läufern bevölkerte A5 vollbringen werde – in Muggensturm nicht auf den Radwegen neben der, sondern direkt AUF die B3, Karlsruhe Süd auf die Autobahn, Karlsruhe-Durlach wieder runter…

Das wird nicht passieren, sagt Ihr. Ja, da habt Ihr recht. Unsinn, sagt Ihr? Das würde ich so nicht sagen. Unsinn ist das nicht. Die Radler-Infrastruktur wird zwar besser, aber wenn man sie mit der Qualität der Auto-Infrastruktur vergleicht, ist es immer noch eine Frechheit, was teils als Radweg „verkauft“ wird, wenn es überhaupt einen gibt. Auf jedem Stück Rollsplitt, Abschnitt mit Schlaglöchern, Abschnitt mit starkem Gefälle oder starker Steigung, rutschigem Fahrbahnbelag wird vor selbigem gewarnt. Ein Schotterweg als explizit definierter Radweg? Kein Problem! Ein Radweg mit starken Schlaglöchern? Macht doch nichts!

Nun habe ich den Blick der Rennradlerin, während Citybikes da etwas robuster sind. Dennoch: Wenn es darum geht, komfortable und schnelle Radwege zu haben, um zum Beispiel zur Arbeit zu fahren, dann ist der Schotterweg oder gar der unbefestigte, an dem ein Radweg-Schild hängt, aus meiner Sicht ein Symbol der mangelnden Wertschätzung, die dem Rad als Verkehrsmittel immer noch entgegengebracht wird. Die aus dem fahrenden Auto achtlos auf den Radweg geworfenen Fastfood-Tüten, Glasflaschen, sonstige Objekte sind es genauso. Klar, das ist ebenso eine Umweltsauerei und ein mindestens fahrlässiger Angriff auf die Gesundheit von Tieren und anderen Barfußläufern, aber eben genauso ein Zeichen offener, nicht einmal bewusster, sondern struktureller Missachtung von allem, was nicht mit (Verbrennungs-)Motor auf mindestens zwei, eher vier Rädern stattfindet.

Wäre ein Gefährt, bei dem sich die Beine des Fahrers nur durch Schuhe und Kleidung gegen die Widrigkeiten der Umwelt geschützt sehen, bei dem der Fahrer in seinen Muskeln und seinem Tempo bemerkt, wenn das Gefährt höheren Rollwiderstand hat, nicht durch anständige Wege besonders schützenswert? Verdiente ein Gefährt, bei dem die Beleuchtung verhältnismäßig klein ist und jede dafür aufgewandte Energie vom Fahrer erzeugt oder in Form StVO-konformer Akkuleuchten gesondert mitgeführt werden muss, nicht besser beleuchtete Wege als ein Fahrzeug, bei dem der Strom für’s Licht so ganz nebenbei abfällt, weil der Motor eh für den Betrieb der Maschine Strom mitproduzieren muss? Sollte ein Gefährt, bei dem der Fahrer jedes Anfahren mit seinen Muskeln zu betreiben hat, nicht Vorrang bekommen, um nicht laufend seine eh schon geringere Geschwindigkeit als das Auto durch nachteilige Ampelschaltung zu verlieren. Sollte nicht der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Vorfahrt genommen zu bekommen für einen Radfahrer mangels Knautschzone weit ernstere Konsequenzen hat als für einen Autofahrer?

Es muss ja nicht gleich die Autobahn sein, auch wenn ich davon träume, mal über den glatten Asphalt einer frisch überzogenen linken Spur zu brettern. Ein bisschen schneller die Wertschätzung und Qualität für die Radwege weiter aufzubauen, das wäre schon schön. Über den Lückenschluss eines Radweges von einem Dorf ins sechs Kilometer entfernte andere kämpfen Gemeinderäte und Kommunalverwaltungen jahrelang. Dass die direkte Straße für die Autos in Betrieb gehalten werden muss und sie zur Einbahn- oder stark geschwindigkeitsbegrenzten Strecke zu machen, weil man sie für die Abteilung eines Radwegs schmaler macht, gibt’s keine Diskussion.

Vielleicht würden so manche Radfahrer verstehen, wie sehr ihre Infrastruktur noch immer mit Füßen getreten wird (auch wenn es natürlich besser wird), wenn sie mal einen Tag auf den Straßen der Autos fahren dürften, weil diese stehenzubleiben hätten.

[KuK] Nachtabsenkung

Unsere kleine Wetterstation im Wohnzimmer – oben rechts Innen-, unten links Außentemperaturen.

Ich mag ihn ja, den Sommer. Ich mag’s auch, wenn es tagsüber draußen heiß ist. Ich mag auch die Sonne, auch wenn ich ein bisschen aufpassen muss, meiner Haut nicht zu viel zuzumuten.

Ich sehe auch, dass es zur Zeit zu heiß und zu trocken ist, und fürchte, dass dieses „zur Zeit“ ein Zeichen einer neuen Normalität ist, in der nichts „normal“ ist – da der Klimawandel die Normalität für unsere Vegetation, Tierwelt und auch uns Menschen durcheinander wirbelt. Das macht mir Sorgen. Allerdings ist ein heißer Sommer nicht zwingend nur dem Klimawandel geschuldet – wird aber durchaus wahrscheinlicher durch die menschgemachte Erderwärmung.

Was mir allerdings ganz persönlich und ganz direkt zusetzt, ganz unabhängig von globalen Überlegungen, ist die Tatsache, dass es zur Zeit nachts nicht mehr richtig abkühlt. So habe ich die 19,9 °C auf unserem Außenfühler heute echt begrüßt. Ich fürchte, die kommenden Nächte wird’s da nicht unter 20 °C gehen. Dann kriegt man auch mit nächtlichem Lüften durch alle Löcher die Temperatur nicht mehr vernünftig runter… und dann schlafe ich schlecht.

Vielleicht bin ich doch ein Wüstentier: Tags brütend heiß, nachts gegen den Frost unter die Decke kuscheln.

[KuK] Ventilatorpark

Gestern im Urlaub – Fahrt von Greetsiel nach Bensersiel – mitten durch einen Windpark.

Auf der Fahrt gestern vom Ausflug nach Greetsiel zurück zum Quartier in Bensersiel fuhren wir mitten durch zwei Windparks – einen, den ich von Bensersiel aus auf dem Lauf nach Dornumersiel schon gesehen hatte und einen weiter westlich. Sehr beeindruckend, was da auf die Beine gestellt wird! Ich hoffe, dass wir uns irgendwann dazu durchringen können, diesen kolossalen Stromproduzenten auch die Infrastruktur zu gönnen, um den Strom zur Industrie im Binnenland zu leiten und die windabhängige Stromproduktion mit dem zivilisationsrhythmusabhängigen Verbrauch zu verheiraten.

Der Koller

Nun ist er da, der Koller. So richtig und intensiv.

Die unterschiedliche Handhabung der Infektionsschutzmaßnahmen durch die verschiedenen Menschen in meinem Umfeld setzt mir enorm zu. Ich selbst wähne mich – ob nun berechtigt oder nicht – relativ sicher, dass ich, sollte ich die Infektion abbekommen, eher einen milden Verlauf zu erwarten hätte. Aber ich wäre auch Überträgerin. Daher gehe ich zur Arbeit, da wir nur beschränkt Homeoffice-fähig sind, gehe einkaufen, habe aber ansonsten nur Kontakt mit meinem Ehemann. Besuche bei Freunden und Verwandten soll man einschränken, auch wenn sie bis zu einem gewissen Grad erlaubt sind, also haben wir das getan – das Einschränken.

Nun tut es mir wirklich weh, Freunde nicht einfach mal so treffen zu können, meine Lieben (außer meinem Mann) nicht in den Arm nehmen zu können, und den Trek Monday beständig und auf unbestimmte Zeit ausfallen lassen zu müssen, das macht mich richtig fertig! Aber es ist sinnvoll, es ist vernünftig. Wir wollen möglichst wenige Infektionsherde, die Zahl der aktiven Fälle und der infektiösen Personen so weit drücken, dass auch mit mehr Lockerungen die Sache kontrollierbar bleibt. Je strenger man sich dran hält, um so früher geht’s wieder mit weniger Beschränkungen, zumindest ist das der Tenor meiner vernünftigen inneren Stimme.

…und dann sehe ich Teile meines Umfeld. Da wird sich besucht, quer durch das Land. Freilich: Die Verordnung des Landes Baden-Württemberg gibt „Versammlungen im nicht-öffentlichen Raum“ bis fünf Personen her, außerdem ist die Beschränkung auf fünf Personen von geradliniger Verwandtschaft (also Groß- und Eltern, Kinder, Enkel), Partnerschaft oder Haushaltsgemeinschaft aufgeweicht. Wenn ich so reinlese, könnten zwei zusammenlebende Pärchen und zwei sonstige Personen (also Personen aus vier Haushalten) zumindest in einer Grauzone der Verordnung gemeinsam DVDs schauen… aber wir tun’s nicht. Bloß, weil es nicht in den bußgeldbewehrten Bereich des Verbots geht, sondern nur die Empfehlung zum Infektionsschutz in ihrem Geiste verletzt, braucht man es nicht zu machen.

Nun sitze ich hier und frage mich: Bin ich vernünftig oder antisozial, wenn ich statt eines Besuchs lieber einen Anruf mache (oder auch nicht, da ich ungern telefoniere), wenn ich präventiv meinen Trek Monday ausfallen lasse, so weh mir das auch tut? Die vernünftige, richtige Antwort ist, dass ich nicht antisozial bin, aber da ist so eine nagende, böse kleine Stimme…

Eigentlich will ich mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich den Geist einer Schutzmaßnahme umsetze, die unter anderem auch ihrer eigenen Unnötigmachung dient. Das Gefühl, sich vor sich selbst und den anderen, die das Ganze nicht so ernst nehmen, verteidigen zu müssen, bleibt aber leider. Zweieinhalb Stunden habe ich über dieses Lamento heute verbracht und meinen Mann damit gestresst. Das Ergebnis bleibt: Wir behalten bei, wie wir agieren. Auch wenn viele um uns herum es nicht tun – und vielleicht kein Verständnis haben. Ich will mich lieber strenger dran halten und früher wieder raus dürfen.

Sozial oder physisch

Hmm… wenn man das so liest, könnte man sich viel anderes darunter vorstellen.

Was ich eigentlich meine, ist der Begriff des „Social Distancing“. Der ist zur Zeit ja in aller Munde, um die sich rasch ausbreitenden Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden. Ich persönlich finde den Begriff sehr missverständlich, denn wir sollen keine soziale, sondern physische Distanz herstellen, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Es tut dem Besserwisser in meinem Kopf weh, dass das, was damit gemeint ist, und das, was die Zusammenstellung der Worte tatsächlich impliziert, zweierlei sind.

Ich versuche derzeit, die Straßenseite zu wechseln, wenn mir wer entgegenkommt. Egal, ob ich zum Sport draußen bin oder auf dem Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt, versuche ich eben diese Distanz einzuhalten, genauso beim Einkaufen und auf der Arbeit. Mehr noch als die Angst, „es“ zu kriegen, bewegt mich die Angst, das Virus zu übertragen. Natürlich bin ich mit 40 weder explizite Risikogruppe noch dagegen gefeit, als Ausdauersportlerin mit recht vernünftigem Immunsystem wähne ich mich aber in eher geringem Risiko, ein schwerer Fall von Covid-19 zu werden. Allerdings kann man den „Mist“ gut übertragen, selbst wenn man nur wenig oder sogar gar nichts davon merkt.

Infektionsschutz ist mir nicht neu. Die Leute, die sich direkt neben mich setzten, selbst hustend und mit wild herumhustenden und herumniesenden Kindern, obwohl eine Menge Platz war, haben mir schon einmal ein mächtiges „Krankwerden“ beschert – nach einem Wettkampf, von dem ich mit der Bahn heimfuhr. Seit dem ist es mir sehr präsent, dass ich in erkältet die anderen schützen sollte, indem ich Abstand halte, und dass ich Abstand von erkälteten Menschen halten sollte. Das Gemeine an Sars-CoV-2 ist aber, dass man ansteckend ist, lange bevor man Symptome hat. Das macht’s so fies.

Wenn mich Leute warnen, ich solle nicht mit nach dem Duschen noch feuchten Haaren am offenen Fenster sitzen oder im T-Shirt bei unter 5°C die fünf Meter zum Mülleimer und wieder heim in die warme Wohnung gehen, dann muss ich teils fast lachen. Es ist nicht die Kälte oder Verkühlung, die uns krank werden lässt, die fährt nur das Immunsystem ein bisschen runter, so dass wir anfälliger werden. Krank machen uns die Erreger – und die weniger zu übertragen, würde vielen helfen. Das heißt nicht, nicht miteinander sozial zu agieren, es heißt, Hygieneregeln und Abstände einzuhalten. Abstand beim Gespräch, einander nicht anhusten oder anniesen, elektronisch oder per Telefon kommunizieren – all das ist sozial.

Daher fände ich wichtig, dass wir uns klar machen, dass „Social Distancing“ ein fehlleitender Begriff ist. Wir wollen physische, nicht soziale Distanz herstellen. Durch soziale Interaktion, den Austausch von Gedanken, Worten, Gesprächen, Gefühlen, wird das Zeug nicht übertragen. Sondern durch Tröpfchen, die wir in die Gegend niesen und husten oder weil wir die Viren auf unserer Haut haben und einander berühren.

Bleibt gesund! Fangt’s Euch nicht ein, seid sozial füreinander da – dafür muss es nicht körperlich werden…

[KuK] Krisengespräche

Heute auf dem Heimweg vom Supermarkt. Ich war zu Fuß dorthin gegangen und hatte in meinem Beutel vom Köhlbrandbrückenlauf einigen Teenachschub – und eine Packung Toilettenpapier unter dem Arm.

„Oh, haben Sie Toilettenpapier bekommen?“

Das fragte mich eine Dame, deren Kind gerade den Ball an ihr vorbeigeschossen hatte – und ich spielte ihn ihr zurück, damit sie nicht so weit laufen musste. Dann redeten wir kurz darüber, dass der Edeka Toilettenpapier nun nur noch in kleinen Mengen (eine oder zwei Packen pro Kunde, so ganz klar war das nicht) abgibt.

Die Krise ist mehr durch das Hamstern der Leute als durch die Einschnitte per Anordnungen oder Allgemeinverfügungen in meinem Leben angekommen.

Sehr verehrte Hamsterer…

Nachdem ich am Freitag meine Kopfschmerzen überwunden hatte, waren mein Mann und ich angesichts der grassierenden Toilettenpapierverknappung schon am Freitagnachmittag einkaufen. Wir haben seit zwei Wochen das Toilettenpapier nicht aufgefüllt – schon vor drei Wochen, als wir auffüllten, war unser üblicher 10-Rollen-Pack nicht mehr da, wir kauften einen teuren Achter mit (mir nicht unbedingt angenehmem) „Duft“. Seit dem hatten wir stets gähnende Leere in den Regalen gesehen.

Gestern dann waren wir bei allen drei Läden im Ort: Edeka, DM und Netto. Fehlanzeige. Heute haben wir’s nochmal bei Edeka und DM im Ort versucht. Auf der Radtour am Nachmittag waren wir im Nachbarort bei Aldi, DM, Edeka und Lidl. Ich habe mit einem kleinen Abstecher vor der Heimkehr noch einen Edeka im anderen Nachbarort besucht. Es war bestenfalls noch superteures feuchtes Markentoilettenpapier in winzigsten Mengen zu haben. Freilich, wir haben noch vier oder fünf Rollen… aber in diesem Haushalt wohnt auch eine Person mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (nämlich ich), die zwar im Moment nichts von der Colitis ulcerosa spürt, aber man kann da nie so genau wissen.

Jetzt mache ich mal die Rechnung auf: Trotz üblicherweise jede Woche einmal Besuch von mindestens vier Personen verbraucht unser Zwei-Personen-Haushalt eine 10-Rollen-Packung Klopapier in zugegeben nicht unbedingt sparsamer Weise in zwei bis drei Wochen. Ich schätze, das läuft in anderen Haushalten nicht sehr viel verschwenderischer, eher sparsamer. Wenn die lokalen Läden den lokalen Bedarf normalerweise gut decken, auf welchen Mengen an Vorräten müssen die Leute sitzen, wenn drei Wochen in Folge die Regale völlig ausgeräubert sind?

Und so ganz nebenbei: Diese Drecks-Hamsterei bringt die Menschen, die in der ersten Welle nicht mitgehamstert haben, zum Abklappern aller möglichen Läden in der Umgebung. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was man in diesen Zeiten steigender Fallzahlen von Sars-CoV-2-Infektionen haben möchte!

Daher möchte ich mit der elaborierten und differenzierten Äußerung folgender Form schließen: Mann, Kinder, geht’s noch?

Dicke Backen

Dicke Backen macht der Hamster, wenn er Vorräte in seinem Mund anlegt. Genau das – nämlich sogenannte Hamsterkäufe – werden gerade befürchtet, weil allmählich die Angst vor dem neuartigen Corona-Virus in Deutschland umgeht. Einerseits ist das natürlich verständlich: Das Virus ist neu, es breitet sich recht schnell aus und das macht einem natürlich Sorgen, wo es nun Deutschland erreicht hat. Im Endeffekt habe ich auch ein mulmiges Gefühl entwickelt, drei-, vier-, fünfmal in mich hineingehorcht, als heute morgen die Nase ein bisschen lief. Wie es so ist: Wenn man sucht, findet man auch Anzeichen, weil man Unklares und Normales, das man sonst nicht bemerkt, dann eben interpretiert. Im Laufe des Tages normalisierte sich meine Selbstwahrnehmung wieder, zumal mir als Sportlerin, die sich draußen bewegt, im Winter öfter mal die Nase ein bisschen läuft und nach Anstrengung im Kalten auch mal der Hals kurz ein bisschen mehr Schleim produziert.

Als wir dann heute zum Supermarkt fuhren, um einzukaufen, war in meinem Kopf eher die Sorge, eine symptomfreie und unerkannte Ansteckung zu haben und zu übertragen, als mir das Ganze einzufangen. Komisch, eigentlich. Dann aber kam mir noch ein anderer Gedanke: Wir kaufen normalerweise erst am Samstagnachmittag ein. Dieses Mal waren wir – da nichts mehr zum Frühstücken da war – kurz vor der Mittagszeit dort. Wir frühstücken am Wochenende immer erst spät, so reichte das aus.

Von leeren Regalen im Edeka konnte keine Rede sein, aber es war an manchen Stellen schon so ausgeplündert, wie wir das normalerweise eher vier bis sechs Stunden später gewohnt sind. Die Einkäufe schienen etwas größer auszufallen. Ich meine, ich würde auch gerne ein bisschen mehr Zeug im Gefrierschrank haben, falls es doch dazu kommt, dass ich unter Quarantäne stehen würde – dann muss man nicht ganz so schnell jemanden rufen und eine Abstellung vor der Tür organisieren und dergleichen. Zugleich wäre es auch recht komfortabel, in einer wirklich heißen Phase auch mal auf das Einkaufen verzichten zu können. Tatsächlich lief es bei uns dann aber darauf raus, einfach eine gefrorene Mahlzeit mehr zu kaufen und das war’s. Ein wenig entstand bei uns auch künstlich der Eindruck, dass die Regale geplündert wären, denn das Toilettenpapier, das wir normalerweise kaufen, war heruntergesetzt und daher leergekauft, außerdem das Olivenöl, das wir normalerweise kaufen – und genauso der Balsamico-Essig. Wir mussten also an drei Stellen ausweichen, die durch Angebote, nicht so sehr durch Hamsternachfrage ausverkauft waren.

Nun stelle ich mir ein bisschen die Frage: Waren wir Zeugen von Hamsterei? Ich hätte das gerne mal bei den Mitarbeitern im Edeka gefragt, aber irgendwie war mir auch klar, dass die anderes zu tun haben. Allerdings ist inzwischen das Thema „Coronavirus“ sehr hier in Deutschland angekommen. Es gab eine Informationsmail vom Arbeitgeber, wie man sich verhalten soll und dass der Arbeitgeber möchte, dass man zuhause bleibt, wenn man Verdachtsfall oder bestätigter Fall sein sollte. Das gilt bei meinem Arbeitgeber auch dann, wenn man keine Ausrüstung für Homeoffice (bei uns „Telearbeit“ genannt) hat. Auch wurde geraten, Dienstreisen wenn möglich zu verschieben. Irgendwie hat das auch bei mir den Wunsch geweckt, gerüstet zu sein. Aber gerüstet sein? Schwierig. Indessen gilt’s, das Beste zu hoffen.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den folgenden großen Bogen schlagen soll. Ich tue es nun doch. Mich hat ein wenig auf den Plan gerufen, was gerade im Südosten Europas passiert: Im vielleicht finalen Kampf um Idlib in Syrien öffnet die Türkei ihre Westgrenze für Flüchtlinge, während zugleich mehr verzweifelte in Syrien „produziert“ werden – und eventuell in Angst vor mit den Flüchtlingen unerkannt reisenden Infizierten werden diese Ströme mit Gewalt aufgehalten. Produzieren da die Kombinationen mehrerer Krisen nicht Bilder und Tatsachen, die uns in der Beruhigung danach verfolgen werden?

Krieg und Krankheit sind Verbündete – und der Mensch tut dann Dinge, die er nicht tun sollte. Nur wenn man diese Grenze einmal überschritten hat, ist auch eine Tür zurück zu. Das gilt für Hamsterkäufe ebenso wie für unsere zögerlichen Reaktionen, anderen zu helfen, und unseren drastischen Reaktionen, wenn es um unsere eigene – gefühlte oder echte – Sicherheit geht.

Puh. Jetzt will ich aber gerne wieder meinen Kopf in den Sand stecken, damit ich heute Abend schlafen kann!

Zwei tolle Tage

Zwei tolle Tage – die habe ich an diesem Wochenende verbracht. Ich war mit meinen lieben Helser Hexen auf den Umzügen in Weitenung und Kartung, Samstagabend gab’s noch gemeinsamen Ausklang mit Essen nach dem Weitenunger Umzug und dann noch eine kurze Aktion bei einem Geburtstag eines Mannes einer der Hexen.

Ich weiß, dass der Fasching so manchmal gegen den Strich geht – aber für mich ist es eine tolle Zeit, die ich sehr gerne auslebe. Zwei bis drei Umzüge sind’s, jeweils als Hexe mit der Gruppe, an denen ich mit grüner Schminke im Gesicht, der berüchtigten Edelstahl-Thermoskanne und guter Laune unterwegs bin. Die Thermoskanne ist deswegen berüchtigt, weil sie einmal liegenblieb und bei einer Mithexe unter dem Beifahrersitz für eine nach Hagebutte riechende Überschwemmung sorgte. Dieses Jahr hatten wir von der Musikhexe neu eine mobile Box dabei, und das war richtig klasse – das Publikum und die Hexen waren fleißig am Singen, gute Laune war mehr noch als sonst unser Begleiter auf den beiden Umzügen, die ich dieses Jahr mitmachen konnte.

Ich selbst hatte auch ein bisschen neues Agieren am Start – mit den beiden grünen Hörnchen, die aus meiner Hexenfrisur ragen, konnte ich den zuverlässig auftretenden Einhorn-Verkleideten jeweils erläutern, dass sie ein Horn zu wenig hätten. Wenn man den Kindern rät, sich ein zweites Horn wachsen zu lassen, hat das freilich keinen Subtext, sondern nur Spaß – während man den eher erwachsenen Herren im Plüsch-Einhorn-Overall sicherlich komische Gedanken entlockt, wenn Frau Hexe ihnen rät, sich ein zweites Horn wachsen zu lassen – und sie sich dann aus den Körbchen des am Besen hängenden Wäschestücks eine Süßigkeit fischen dürfen.

Jedenfalls liefen der Samstag wie auch der Sonntag nach dem Schema ab: Fahre zur Mithexe, dann wird gemeinsam geschminkt und Kaffee getrunken, danach geht es zum Umzug. In der Aufstellungszone wird gesungen, gelacht und sich unterhalten, Alkohol ist optional und ich konsumiere ihn nur in sehr engen Grenzen – denn ich muss ja danach nicht nur noch heimfahren können, sondern auch noch heimfahren dürfen. Nicht zuletzt warnt eine mit einem Baumstamm kollidierte Hexe auf unserem Wagen: „Don’t drink and fly!“ Wie jedes Jahr ist die Balance mit den Klamotten unter dem Kostüm ganz schwierig gewesen: Ziehst du dich warm genug an, um bei der Aufstellung nicht zu frieren, wird es mit singen, tanzen, Schabernack treiben und Kindern Süßigkeiten schenken schnell warm im Kostüm, wenn der Umzug losgeht. Aber danach bin ich dann immer dankbar um wärmende Schichten über dem erhitzten Körper, damit ich nicht zu sehr auskühle.

Nun jedenfalls sitze ich hier und mir fallen fast die Augen zu – zwei Tage lang singen, tanzen, einen davon auch noch morgens vor dem Umzug 14 Kilometer laufen, alles an der frischen Luft, ja, danach weiß man, was man getan hat. Ich bin jedenfalls müde und glücklich und hoffe, dass alle Faschingsmuffel gut um den ersten Teil der tollen Tage herumgekommen sind, alle Fastnachtsbutzen hingegen tolle tolle Tage hatten!

Schimpft nicht aufeinander, ist ja schließlich nur eine von 52 Wochen im Jahr, in der sich die einen verbarrikadieren und die anderen auf den Straßen Lärm machen.