Fair oder nicht?

Ich wollte diesen Beitrag erst „Caster Semenya und ich“ nennen, das fand ich dann aber doch zu reißerisch. Um was es geht?

Nun, ich fange mal am Anfang der Überlegung an. Am Sonntag auf der Badischen Meile habe ich mit dem 221. Platz insgesamt und dem 13. Platz der Frauen durchaus einen Bereich erreicht, den zu erreichen ich nie erwartet hatte. Als wäre das nicht genug, kam später noch eine Mail, die mich aufgrund meiner Leistung bei der Badischen Meile zu einem Wettkampf einlud, auf dessen Webseite ich bei kurzer Recherche unter anderem der Satz „Dein Weg zur EM und WM“ vorfand. Nicht, dass ich mir einbilden würde, damit etwas zu tun haben zu können, ich würde unter „ferner liefen“ stehen, aber schon der Punkt, dort aufgrund meiner 37:08 auf der Badischen Meile verbilligt hin eingeladen zu werden …

An dieser Stelle setzte die Frage ein: „Wäre das nicht unfair?“ Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Ich trage das nicht übermäßig vor mir her, weil es nun nicht unbedingt meine Beziehungen zu Menschen definiert, aber ich mache auch kein Riesengeheimnis draus, dass ich „mal Probleme mit dem Hormongleichgewicht hatte“. Das ist ein bisschen ein Euphemismus dafür, um was es eigentlich geht. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass mein Körper nicht gemäß meiner Identität aufgebaut war und dementsprechend viel zu viele männliche Sexualhormone, vor allem Testosteron, in meinem Körper kreisten. Das letztere verbindet mich mit Caster Semenya, die zeitweise Hormontherapie zur Senkung des Androgen-Spiegels machen musste, um als Läuferin anzutreten. Wo Caster Semenya eine Therapie machen musste, von 2013 bis 2015 und inzwischen wohl wieder, um als Frau bei den Frauen auf Mittelstrecke anzutreten, gehören ein Eingriff, der der Testosteron-Produktion ein Ende machte, und eine Hormontherapie fest zu meinem Leben, um ein normaler, glücklicher Mensch zu sein. Seit über sieben Jahren ist somit der zu hohe Testosteron-Spiegel für mich kein Problem mehr, seine Effekte auf die Leistungsfähigkeit haben sich längst verwaschen, die auf den Körperbau leider nicht ganz. Dennoch frage ich mich: Habe ich aus der Zeit, in der mein Körper von Testosteron leistungsfähiger und mein Geist vom selben Hormon verrückt gemacht wurde, noch leistungstechnische Vorteile?

Deswegen habe ich mal gesucht und bin über mehrere Beschlüsse des Internationalen Olympischen Komitees gestolpert. In den entsprechenden Beschlüssen geht es oft sowohl um den Hormonspiegel als auch um Transsexuelle und Transgender im Sport. Der Konsens von 2015, den ich zuletzt gefunden habe, macht es am Testosteronspiegel mindestens ein Jahr vor dem ersten Wettkampf und an der eigenen Identifikation der Sportlerin fest, ob sie bei den Frauen starten darf.

Bei den Männern, die in Sachen „Erbringung sportlicher Leistung“ durch ihre Hormonausstattung eben doch im Vorteil sind, darf man immer starten, wenn man das will. Ob man nun aber eine bei den Frauen zum Starten berechtigte Frau ist, macht sich daran fest, einen gewissen Androgen-, sprich: Testosteron-Spiegel zu unterschreiten – nicht immer im Leben, sondern mindestens ein Jahr vorher und gegebenenfalls auch länger vor den Wettkämpfen.

Dass ich das erfülle, wird kontrolliert – nicht, um meine Leistungsfähigkeit einzuschätzen, sondern als Kontrolle der Therapie. Am Ende des Tages wird es sicher irgendwen geben, der schon eine gewisse Zeit, in der man in der Vergangenheit nicht dem weiblichen Hormonspiegel entsprochen hat, als unfairen sportlichen Vorteil sieht. Das IOC sieht das nicht so, sondern macht es an einer längerfristigen Einhaltung einer Androgen-Obergrenze fest. Das hat Nachteile, weil das Sexual-Hormon-Spektrum nicht nur zwei Pole (männlich und weiblich) hat, sondern vieles dazwischen, Frauen mit außergewöhnlich hohen Testosteron-Spiegeln nun aber entweder als Männer starten oder Hormontherapie machen müssen. Das ist nicht schön für Frauen, die zwischen dem durch die Androgen-Obergrenze definierten Pol „weiblich“ und dem anderen Pol „männlich“ liegen, wie zum Beispiel Caster Semenya. Ich dagegen darf mir sagen, dass zumindest gemäß der Regeln bei mir alles mit rechten Dingen zugeht – und würde somit auch regelgerecht auf einem Podium bei den Frauen stehen, wenn ich noch zehn Plätze besser gewesen wäre.

Das hat natürlich auch mit meinem früheren Beitrag zu Doping zu tun, war aber hier eine etwas konkretere Überlegung.

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Sag‘ ich was oder nicht?

Am Wochenende kam eine Frage ein weiteres Mal in mir auf, die in den letzten Monaten öfter in meinem Kopf herumgeisterte.

Ich habe eine tiefe Stimme, bin groß und mittlerweile sportlich gebaut. Ich verstehe, wenn Menschen im ersten Moment trotz Verhaltens, anderer figürlicher Aspekte, langer Haare und eigentlich fast immer archetypisch weiblicher Kleidungsaspekte (Röcke … ja, ich drücke mich zu abstrakt aus) manchmal erst nicht sicher sind. Was mach‘ ich nun, wenn mich jemand „misgendered“, also mit „er“ oder „Herr“ anspricht?

Früher habe ich da recht konsequent korrigiert, auch mal Diskussionen angezettelt. Inzwischen bin ich da ruhiger – ich bin mir meiner eigenen Weiblichkeit hinreichend sicher, um nicht davon abzuhängen, dass mich jeder am Telefon oder auch in Bereichen (Grufti-Festivals zum Beispiel), wo (weibliche) Klamotten nicht ganz so gender-eindeutig sind, richtig einordnet. Dennoch ist das ein unangenehmer Moment. Und manchmal, man hat sich eine Weile nett unterhalten, „Herr“ oder „Frau“ spielten bei der Anrede keine Rolle, weil’s spätestens mit der Vorstellung mit Vornamen das vertraute „Du“ war, kommt jemand dazu und der Gegenüber referenziert mich als „er“, da frage ich mich: Riskier‘ ich jetzt, das nette Gespräch zu unterbrechen und korrigiere? Spielt’s nicht eigentlich kaum eine Rolle für mich, was der Gegenüber über mein Genom oder meine primären Geschlechtsorgane denkt? Schließlich ist derjenige, dessen Interesse für meine Geschlechtsorgane mich auch interessiert, sich darüber ziemlich gewisse – experimentelle Überprüfung inklusive.

Trotzdem ist das so ein peinlicher Moment. Es ist wirklich immer die Frage, ob ich es zum peinlichen Moment für den anderen werden lasse – oder mich damit abfinde, dass es mein peinlicher Moment ist, und nichts sage. Nehm‘ ich Rücksicht darauf, dass peinliche Momente auch für die anderen doof sind und ertrage einfach meinen peinlichen Moment? Oder gebe ich den peinlichen Moment weiter, fühle mich in der Regel besser – und provoziere selten eine Diskussion? Wahrscheinlich ist die Zurückhaltung, die ich in dieser Hinsicht in letzter Zeit öfter geübt habe, wieder mal typisch weibliches Rollenbild – lass‘ andere bestimmen, wie sie Dich sehen wollen. Komisch eigentlich, genau an der Stelle möchte ich ja nicht dem weiblichen Archetyp der patriarchalischen Gesellschaft genügen.

Noch mehr Strahlung

Nachdem ich gestern den Beitrag zur natürlichen und auch zivilisatorischen Strahlung veröffentlicht habe, sprach mich eine Freundin an. Sie wies mich darauf hin, dass ich über die zivilisatorische Strahlung weniger geschrieben hatte als über die natürliche. Das hatte einen Grund – der Beitrag enthielt ohnehin schon eine Menge Zeug, das mir zwar vertraut ist, aber vielleicht so manchem anderen nicht so geläufig ist.

Daher möchte ich heute noch ein bisschen auf die zivilisatorische Strahlenexposition in Deutschland eingehen. Dabei lasse ich mal Tschernobyl sowie Forschung, Technik und Haushalt weitgehend weg. Wie im oben verlinkten Beitrag zu sehen, ist dieser Anteil sehr gering. Zur Erinnerung noch einmal das entsprechende Diagramm:

ZivilisatorischeBeschriftet

Kommen wir also zu den Beiträgen, die hier in Blau, Schwarz, Lila und Grau markiert sind. Ich fange mal „historisch“ an: Mit dem schwarzen Kuchenstück.

Die Röntgendiagnostik gehört zu den wichtigsten Diagnose-Werkzeugen der Medizin. Bereits 1896, ein Jahr nach der Entdeckung der Röntgen- oder auch X-Strahlen durch Wilhelm Konrad Röntgen, wurden erste Röntgenaufnahmen gemacht. Zuerst konnte man vor allem Knochen darstellen, weil das meiste Fleisch für Röntgenstrahlung viel durchsichtiger ist als die Knochen. Mit der Zeit kamen die Mediziner aber darauf, dass man mit niederenergetischer Röntgenstrahlung auch Muskel von Fett, Blut in Adern von umgebendem Gewebe und so weiter unterscheiden kann. Allerdings: Je dicker die Stelle des Menschen, die der Arzt durchleuchten will, und je ähnlicher die Arten von Gewebe, die der Arzt unterscheiden möchte, um so mehr Strahlendosis bekommt der Patient. Am einen Ende der Skala steht der Zahnarzt: Zähne gegen Zahnfleisch ist ein exzellenter Kontrast, es müssen nur ein paar Zentimeter durchstrahlt werden. Auch wenn Röntgen beim Zahnarzt und Röntgen zur Darstellung der Knochen sehr häufige Untersuchungen sind, tragen sie sehr wenig zur Dosis des Menschen bei. Will ich dagegen – im anderen Extrem – mitten im Rumpf Adern gegenüber dem Herzmuskel darstellen, wenn im Falle eines Herzinfarkts operiert wird, ist viel Körper zu durchstrahlen und der Kontrast zwischen Muskel und Blut ist schwach. Diese Röntgenaufnahmen sind absolut überlebensnotwendig für den Patienten – wären sie es nicht, würden die Ärzte diese Aufnahmen sehr wahrscheinlich für nicht gerechtfertigt halten.

Um den Kontrast zwischen verschiedenen Geweben zu verbessern, wenn man auf der Suche nach einer Veränderung – zum Beispiel Krebs – Röntgendiagnostik anwendet, kann ein Kontrastmittel zum Einsatz kommen. Dieses absorbiert Röntgenstrahlung sehr gut – macht also zum Beispiel den Dickdarm-Inhalt undurchsichtig für Röntgenstrahlung, so dass man ihn von der umgebenden Darmschleimhaut unterscheiden kann. Kontrastmittel strahlen nicht selbst, aber sie streuen Röntgenstrahlung. Unter anderem deswegen wird das vom Kontrastmittel durchdrungene Material ja undurchsichtig für Röntgenstrahlung – aber die gestreute Röntgenstrahlung verstärkt die Dosis für den Menschen etwas. Ohne solche Kontrastmittel könnte man die entsprechenden diagnostischen Röntgenaufnahmen aber gar nicht machen – und damit eventuell damit aufzufindende Krankheiten nicht entdecken.

Klassisches Röntgen ist in seiner Bedeutung für die Strahlenexposition seit mindestens zehn Jahren beständig rückläufig. Auch das graue Kuchenstück beinhaltet Röntgen-Methodiken, hier ist allerdings in den Berichten nicht klar zugeordnet, ob es „klassisches“ Röntgen oder Computertomographie ist.

Der größte Brocken aus der Medizin ist die Computertomographie (CT). CT ist im Prinzip auch nur Röntgen, nur dass sehr schnell hintereinander aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen wird und so Schichtbilder des Menschen zu einem dreidimensionalen Bild zusammengesetzt werden können. Das ist ein sehr mächtiges Werkzeug für den Arzt, weil der eventuelle Krankheiten sehr genau eingrenzen und sehr gezielt therapieren kann. Im Prinzip ist das so ähnlich wie 3D-Kino, nur wesentlich genauer und ohne das Auge austricksen zu müssen. Der Nachteil am CT ist, dass man eben sehr viele digitale Röntgenaufnahmen machen muss, so dass einmal im CT etlichen konventionellen Röntgenaufnahmen desselben Teils des Körpers entspricht. Außer der Ader-Darstellung bei den oben genannten Herzinfarkt-OPs oder ähnlichem sind CTs eindeutig sie medizinischen Diagnose-Verfahren mit der meisten Dosis für den Patienten.

Die nuklearmedizinischen Diagnostik schließlich verwendet keine Röntgenstrahlung. Hier werden radioaktive Stoffe benutzt. Diese verfolgen nach, wo und wie bestimmte Stoffe im Körper verbraucht werden, erlauben also, eine Karte des Stoffwechsels anzufertigen. Nuklearmedizinische Diagnostik fasst in erster Linie drei Verfahren zusammen: Szintigraphie, Single-Photon-Emission-Computed-Tomographie (SPECT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Allen drei gemeinsam ist, dass man einen radioaktiven Stoff an ein Enzym, einen Zucker, an irgendetwas, das der Körper braucht, dranhängt. Man benutzt die radioaktiven Stoffe quasi als Farbstoff – und so findet man heraus, wo der Körper diesen Stoff verbraucht. Da zum Beispiel Krebszellen sehr viel von bestimmten Stoffen verbrauchen, kann man mit dieser Methode Krebszellen sehr gut auffinden – gerade auch Metastasen und besonders auch dann, wenn zwischen Tumor und umgebendem Gewebe kein für Röntgenstrahlung sichtbarer Kontrast existiert. Die Szintigraphie liefert zweidimensionale Bilder wie der klassische Röntgen, SPECT und PET sind Tomographie-Verfahren, die aus Schichtbildern zusammengesetzte dreidimensionale Darstellungen liefern.

Wem jetzt auffällt, dass ich gar nicht über Strahlentherapie geredet habe, der hat recht. Strahlentherapie ist im Verhältnis zu den Diagnose-Methoden selten, dann sind die Dosen aber unter Umständen recht hoch. Das ist kaum seriös statistisch abbildbar, da die Strahlendosis sehr individuell von Art, Ort und Therapiemethode des Tumors abhängt. Deswegen fehlt dieser Anteil in dieser Erhebung.

Generell sind alle diese Verfahren, damit sie angewendet werden dürfen, einer Prüfung zu unterziehen. Man nennt das Rechtfertigung und das steht auch so in der Strahlenschutz-Gesetzgebung. Damit ein Verfahren verwendet werden kann, muss nachgewiesen werden, dass es – vereinfacht gesagt – mehr Menschen vor einem vorzeitigen Tod oder Leiden rettet, als es durch die Strahlendosis verursacht. Dieses Prinzip ist auch der Grund, warum medizinische Anwendungen nicht beim Patienten nicht vom Grenzwert betroffen sind. Wenn etwas hilft – und mehr hilft, als es schadet – soll es nicht an einem Grenzwert für die allgemeine Bevölkerung scheitern. Für wen der Grenzwert aber sehr wohl gilt, sind behandelnde Ärzte, Pfleger und weiteres Personal, die beim Röntgen, in der Nuklearmedizin und so weiter arbeiten. Diese arbeiten unter Strahlenschutz und müssen einen Grenzwert einhalten. Dieser ist aber höher (bis 20 Millisievert pro Jahr) als der für die allgemeine Bevölkerung, sonst könnten diese Personengruppen ihre Aufgaben gar nicht erfüllen. Allerdings werden beruflich strahlenexponierte Personen auch auf ihre Dosis (monatlich eingeschickter Dosimeter) und ihre Gesundheit (jährliche Strahlenschutzuntersuchung) überwacht, um bei einem Anzeichen von Auswirkungen ihrer beruflichen Strahlenexposition sofort gegensteuern zu können.

In einer Woche …

… findet die Bundestagswahl statt. Ich betrachte „The Highway Tales“ nicht als politisches Blog, allerdings braucht man nicht politisch zu sein, um an der Bundestagswahl Interesse zu haben. Vielleicht ist es auch nicht verborgen geblieben, dass meiner Aussage zum Trotz, hier kein politisches Blog zu führen, ein durchaus politischer Mensch hinter den Beiträgen steckt.

Zunächst einmal ist meine Empfehlung zur Wahl, sie zu nutzen. An vielen Orten dieser Welt darf man nicht wählen. An vielen Orten dieser Welt sind Wahlen eine Farce, weil sie gefälscht werden oder nur eine Partei auf dem Wahlzettel steht. An vielen Orten der Welt ist die Berichterstattung über Politik in einem Maße eingeschränkt, dass die Wahlen trotz Opposition auf dem Wahlzettel zur Farce werden. Das ist in Deutschland – aller Unkenrufe zum Trotz – nicht der Fall. Hier wird über die Programme der Parteien, über den Unmut der Menschen und vieles mehr berichtet – hier steht jede Partei, die genug Unterstützer-Unterschriften vorweisen kann, auch auf dem Wahlzettel. Kleine Parteien werden nicht durch ein Mehrheitswahlrecht aus dem Parlament gehalten. Im Verhältnis zu vielen Orten der Welt leben wir in einem Musterbeispiel von Pluralismus und politischer Freiheit. Das Geringste, was wir zur Verteidigung dieser Freiheit und dieses Pluralismus tun können und sollten, ist zur Wahl zu gehen und eine nicht-verfassungsfeindliche Partei zu wählen. Wobei natürlich – zumindest rein juristisch betrachtet – jegliche Partei auf dem Wahlzettel entweder nicht als verfassungsfeindlich beklagt wurde oder vom Bundesverfassungsgericht nicht als verfassungsfeindlich eingestuft wurde, denn sonst wäre eine solche Partei ja verboten. Am Ende dieses zu langen Abschnitts: Ich empfehle einzig und allein, dass man wählen geht. Welche Partei, das muss jeder mit sich selbst und den Zielen der Partei ausmachen.

Natürlich bin ich aber nicht ohne eine gewisse Richtung und nicht ohne eine gewisse politische Haltung und Meinung. Als Person, die von der Achtung der deutschen Gesellschaft und des deutschen Systems vor Minderheiten und Personen jenseits des vermeintlich „normalen“ profitiert, hänge ich den damit verbundenen Rechten und den für sie eintretenden Teilen des politischen Spektrums an. Auch wenn Angela Merkels CDU über mehr als das letzte Jahrzehnt einen weiten Weg in Richtung der Mitte und in Richtung der Rechte von dem klassischen Konservativismus fremden Personengruppen gegangen ist, sehe ich mich „weiter links“ besser aufgehoben. Für mich spielt die Erhaltung des Pluralismus, die Gleichbehandlung des Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung und politischer Haltung eine ganz wesentliche Rolle – immer gemäß Artikel 1 des Grundgesetzes. Da steht nämlich nicht: „Die Würde des deutschen, männlichen, weißen, christlichen oder atheistischen, heterosexuellen, cis-sexuellen Menschen ist unantastbar.“, sondern ganz schlicht und schön „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Natürlich habe ich die Attribute nicht zufällig in diese fiktive Erweiterung des berühmten Artikel 1 des Grundgesetzes eingefügt – sondern zumindest eine Tendenz dessen, was ich selbst wählen werde, angedeutet. Ob Ihr gerne eine oder mehrere dieser Einschränkungen in dem Artikel oder in der gelebten Politik der Bundesrepublik Deutschland hättet, müsst Ihr wissen – es gibt sicher Parteien, die zumindest in der tatsächlichen Politik einen graduellen Unterschied zwischen der Achtung vor der Würde verschiedener Menschen nach einigen der oben genannten Kriterien machen möchten. Für mich gilt: Wird die nach Artikel 1 Grundgesetz ausgerichtete Grundlage der Politik in einer Eigenschaft ausgehebelt, ist der Weg leichter, auch die anderen Allgemeingültigkeiten der Achtung vor der Würde des Menschen einzuschränken. Davor habe ich Angst – mehr als vor der Möglichkeit, was Menschen mit unserer Achtung vor ihrer Würde machen könnten.

Aber wie gesagt, dieser nach links zielende Grund für meine kommende, aber noch nicht ganz endgültige Wahlentscheidung betrifft nur mich. Das ist keine Empfehlung an irgendwen – auch wenn ich, wie vermutlich jeder andere auch, die Hoffnung habe, mit meiner Ansicht nicht allein, sondern im Gegenteil in einer Mehrheit zu sein. Was mir ehrlich gesagt auch die Wahlentscheidung leichter macht und das Ergebnis des Wahl-o-Maten beeinflusst hat: Ich erachte ein allgemeines Tempolimit auf 120 oder 130km/h auf deutschen Straßen inklusive Autobahnen für sinnvoll. Außerdem bin ich für mehr Europa … Insgesamt haben meine Antworten im Wahl-o-Maten Grüne, Linke und Piraten recht weit hoch in der Liste gespült – und nach weiterem Recherchieren kann ich nicht behaupten, dass der Wahl-o-Mat mich hier getrollt hat, auch wenn es bei einzelnen Themen durchaus auch KO-Kriterien gibt. Keine Partei bildet meine Meinung exakt ab, aber so ist das nun einmal.

Ich schaue mit einiger Sorge auf die Wahl – denn ich fürchte, dass am Ende etwas herauskommen wird, das eine schwierige Regierungsbildung und viele Kompromisse bei der Koalitionsbildung bedingen wird. Vor acht Jahren hatten alle drei „kleineren“ Parteien, die in den 17. Bundestag einzogen, eines meiner Herzthemen in jeweils einer mehr oder minder für mich akzeptablen Form auf der Agenda – und eine dieser Parteien opferte dieses Thema dann auf dem Altar der schwarz-gelben Koalition. Ob die anderen das genauso gemacht hätten – kann sehr gut sein, nachprüfen kann man es nicht. Mit nunmehr voraussichtlich sechs Parteien im 19. deutschen Bundestag, von denen eine wohl nicht regieren will, eine weitere von allen anderen als Koalitionspartner ausgeschlossen wird, wird das sicher nicht einfacher. Somit werden sicher nicht weniger Programmpunkte der Parteien, wegen derer eine Partei gewählt wird, auf solchen Altären der Koalitionsverhandlungen geopfert. Auch das macht die Entscheidung schwer.

Nichtsdestotrotz glaube ich, dass realisierbare Sachthemen Gründe für Wahlentscheidungen sein sollten. Nichtwählen ändert nichts, Protestwählen bringt keines unserer Sach-Herzthemen weiter. Ich glaube auch, dass wir mit unserer Wahlentscheidung, allen Unkenrufen zum Trotz, im Verhältnis zum Rest der Welt, in Deutschland verdammt viel verändern können. Ich selbst befürchte, dass eine Menge Leute Dinge in eine andere Richtung verändern möchten als ich – und eine Menge weiterer Leute sich beklagen, aber eigentlich nichts ändern wollen und dementsprechend wählen. Zu unterstellen, dass diese Leute die Programme und Ziele dieser Parteien, die sie wählen, nicht gelesen oder nicht verstanden haben, ist bequem. Weniger bequem ist, sich einzugestehen, dass viele von Euch da draußen etwas ganz Anderes ändern wollen als ich – oder eben nichts ändern wollen, obwohl sie sich beschweren. Aber das ist Demokratie. Das Einzige, das ich wirklich nicht akzeptieren kann, ist Leute zu wählen, die unser Mitspracherecht einschränken möchten. Laut einer Umfrage glauben viele Menschen, dass eine wohlwollende Diktatur besser und agiler wäre als unsere pluralistische, zugegeben etwas träge Demokratie. Ich glaube das nicht. Ich halte es da mit Ephraim Kishon, der schrieb: „Die Demokratie ist die beste Regierungsform, weil man sie ungestraft beschimpfen kann.“

In diesem Sinne: Bald ist Bundestagswahl. Wählt nach Möglichkeit etwas, das eine Politik formt, die Euer Mitspracherecht und Eure Interessen verteidigt. Natürlich fände ich ganz persönlich es besser, Ihr würdet alle das wählen, was ich auch wählen würde – aber hey, es nennt sich Pluralismus.

Was soll das?

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Links im Bild: Mein Gefährt. Unten im Bild: Mein Schatten.

Im restlichen Bild: WTF?

Warum muss man einen Parkplatz so zumüllen? Klar, es sind „nur“ Haushaltspapiertücher, Baumwolltüchlein, Verpackungen – von meinen Aygo verdeckt stand da noch ein Fastfood-Restaurant-Becher für Getränke zum Mitnehmen. Aber wieso kann man das Zeug nicht zu den 15 Meter entfernten Mülleimern tragen?

Ich habe das dann zumindest für diesen Platz neben meinem Parkplatz getan – also den Müll weggetragen. Manchmal kann ich über sowas hinwegsehen, manchmal regt es mich furchtbar auf – die letzteren „Manchmals“ würde ich künftig gerne zu einem „ich rege mich auf, aber beseitige das Zeug dann auch“ machen. Mal sehen, ob es klappt.

Was das mit Verkehr zu tun hat? Auf der Autobahn sehen viele Mittelstreifen nicht so aus wie im obigen Bild, sondern WESENTLICH zugemüllter. Klar produzieren wir zuviel Müll, ich selbst auch. Klar produzieren wir den auch im Auto – aber beim einfach aus dem Auto werfen oder dort fallenlassen, wo man ihn produziert, hört’s dann irgendwo auf.

Katastrophen … und Vorsorge

Auf meinen Beitrag zum Stromausfall in unserer Straße bekam ich von einem Bekannten einen Kommentar zu den Vorsorgemaßnahmen, die von unseren Behörden empfohlen werden. Es gibt hierzu ein kleinen Heftchen, das man kostenlos beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bestellen kann. Das habe ich natürlich getan, denn wenn es akut wird, reicht’s nicht mehr für die Bestellung und Versendung auf dem Postweg. Richtig reingeschaut habe ich noch nicht, aber so sieht es aus:

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Meine Heldentruppe hat sich gleich daran gemacht, die Empfehlungen zu studieren. Ob die beiden Damen und der Herr das Ganze gut finden, um ein wenig entlastet zu werden, oder ob sie sich eher davor fürchten, dadurch überflüssig zu werden, sei dahingestellt.

Blogsie

Was ist eine Blogsie?

Ich fange mal am Anfang an, sozusagen in grauer Vorzeit. Ich war frisch auf dem Gymnasium, zehn oder elf Jahre alt, und begann Englisch zu lernen. In meiner Muttersprache, dem Deutschen, benutzte ich die Grammatik instinktiv und meistens richtig, im Englischen musste ich sie erst einmal lernen. Eines der ersten Themen war das grammatikalische Geschlecht bzw. die Art, wie man grammatikalisches Geschlecht und Plural – zum Beispiel – zusammen verwendet. Was mich damals tief beeindruckte, war die Tatsache, dass es im Englischen an vielen Begriffen kein „-in“ braucht, um eine weibliche Form zu bilden. Ob ich nun Mann oder Frau bin, ein „pupil“ im britischen Englisch und ein „student“ im amerikanischen Englisch deckt Schüler/in im Deutschen ab. Mir wurde bewusst, dass Begriffe eine starke Auswirkung haben. In einem anderen Kontext wurde dann die Frage gestellt, wann für eine Gruppe ein feminines Plural-Pronomen verwendet wird – nicht, wenn sie größtenteils aus Frauen besteht, nein, sondern nur, wenn sie ausschließlich aus Frauen besteht. Ansonsten gilt das generische Maskulinum. Das kam wohl von meinem Französischlehrer, einige Jahre später – und löste hämisches Grinsen bei den Jungs in der Klasse aus.

Ich möchte hier nun kein Fass bezüglich gender-korrekter Sprache aufmachen, auch wenn ich fürchte, genau das zu tun. Der Gedanke treibt mich aber um, denn ich habe recht früh einen spielerischen Gebrauch von Sprache erlernt – zum Beispiel in Form des „Sprachbastelbuchs“, das mir meine Mutter geschenkt hatte. Darin gab es so lustige kleine Spielchen wie ein Dreieck, das den Osterhasen anflehte, „es nicht zu tun“. Der Hase tat’s doch und zurück blieb nur Dreck. Auch über Komposita, Assoziationen und viele weitere Spielereien mit Begriffen, Sprachstrukturen und dergleichen wurde darin geschrieben, aber nicht in abstrakter Form, sondern in anschaulichen, lustigen, manchmal auch nicht so lustigen Beispielen. Was die Assoziationen, die Spiele mit der Sprache, das Jonglieren mit Begriffen mit mir machten, mit meinem Geist und meinen Emotionen, hat mich beeindruckt. Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Begriffe, teils auch Sprachstrukturen haben Einfluss auf unser Denken.

Mitte 20, also reichlich zehn Jahre später, bastelte ich an einer Phantasie-Welt, die inzwischen schon wieder in der Versenkung verschwunden ist. Dort gab es ein Volk, dem ich auch eine Sprache geben wollte – denn ich wollte die in Konversationen eingestreuten Begriffe auch richtig verwenden, auch wenn es die Phantasie-Sprache eines von mir geschaffenen Phantasie-Volkes war. Obwohl das nichts zur Sache tut: Dieses Drachenreiter-Volk lebte in einer uralten, gewaltigen Caldera eines erloschenen Super-Vulkans, umgeben von ihnen mehr oder weniger feindlich gesinnten anderen Völkern. Sie ritten meist zu zweit – ein Ritter, ein Magier – auf dem Rücken großer Drachen, die eine mystische mental-emotionale Verbindung zum Ritter des Reiter-Duos hatten. Die grob humanoiden Reiter selbst konnten mit raubvogelartigen Flügeln fliegen, da ich mir nicht so recht vorstellen mochte, dass ein nicht flugfähiges Volk sich dem Ritt auf fliegenden, VIEL größeren Tieren anvertrauen würde – einfach aus Gründen des Selbsterhalts. Nun ja, ich schweife ab.

Jedenfalls gab ich denen eine Sprache. Ich hatte mich durch das „Sprachbastelbuch“ und meine oben erwähnten Aha-Erlebnisse während des Erlernens von Fremdsprachen darauf eingestellt, dass auch die Grammatik einer Sprache ein Abbild des Denkens ihrer Sprecher ist. In meinen Augen waren Drachenreiter und Drachen selbst ein Volk, das schon sehr lange gleichberechtigt agierte. Ob eine Aufgabe von einem Mann oder einer Frau erledigt wurde, war im sturmumtosten, oft kalten, kargen Gebirge, in dem die Drachenreiter mit anderen fliegenden Wesen um Jagdbeute konkurrierten und oft auch gegen sie kämpften, nicht so bedeutend. Viel bedeutender war, dass die Aufgabe erledigt wurde. Außerdem wollte ich in der Sprache zum Ausdruck bringen, dass bei gemischten Gruppen dieses Volks eigentlich keine Rolle spielte, ob sie vorwiegend weiblich oder vorwiegend männlich waren – nur, wenn es reine Männer- oder Frauengruppen waren, sollte man das zum Ausdruck bringen können. In der Konsequenz gab es damit FÜNF grammatikalische Geschlechter in dieser Sprache: dinglich (unbelebt), geschlechtsneutral (belebt, aber kein Geschlecht spezifiziert), weiblich, männlich und schließlich „sowohl als auch“. Das Fünfte, also das „sowohl-als-auch“-Geschlecht, war zuerst nur für explizit geschlechtsgemischte Personengruppen, also im Plural gedacht.

Also gab es dann fünf grammatikalische Geschlechter, und die jeweils in Singular und Plural. Nach kurzem Nachdenken fielen „dinglich/unbelebt“ und „nicht festgelegt“ wieder in sich zusammen, denn ich überlegte mir, wie das grammatikalische Geschlecht sich in der Sprache tatsächlich äußern sollte. Ich kam auf die Idee, an meine Phantasie-Wortstämme Suffixe anzuhängen: -u für männlich, Singular, -a für weiblich, Singular und -o für „sowohl-als-auch“, Singular. Für unspezifiziert oder dinglich sollte nur der Wortstamm verwendet werden. Wie ich das mit dem Plural genau geregelt hatte, weiß ich nicht mehr. Allerdings hatte ich auch dabei darauf geachtet, dass die weibliche Version nicht „generisches Maskulinum plus Suffix“ war, sondern es einen geschlechtsneutralen Stamm gab, ein Pluralsuffix und dann, falls relevant – über voneinander unabhängige weitere Suffixe das Geschlecht spezifiziert werden sollte.

Hier endet die Vorgeschichte. Mir fiel nun auf, dass fast überall in unserer Sprache Berufs- oder Tätigkeitsbezeichnungen sich auf Männer beziehen und weibliche Bezeichnungen durch Suffixe an die männliche Bezeichnung gebildet werden. Ich bin eine Bloggerin. Eine Pendlerin und Physikerin. Mein Mann ist Kommunikationselektriker – ohne ein „-in“ hintenan. An sich ist diese Erkenntnis weder innovativ noch revolutionär. Darüber haben schon viele nachgedacht und Lösungen mit „*“ oder „Binnen-I“ oder was auch immer gesucht und gefunden. Im Andenken an das Sprachbastelbuch habe ich nun den Blogger als Blog-Er gelegen. Eine Frau, die ein Blog betreibt, wäre demnach eine Blog-Sie … verkürzt zu „Blogsie“. Pendelsie bin ich auch, und Physiksie.

Nicht, dass ich das 100% ernst meinen würde, zumal der Ansatz nicht voll verallgemeinerbar ist. Aber: Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, das über Begriffe das Denken prägt, jedoch auch ein herrlicher Baukasten für spielerische Experimente. Wenn nun die Blogleuts aus Bloggern und Blogsies bestehen, kann ich damit gut leben, wenn das einfach nur eine Schnapsidee ist. Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist ein anderer – auch wenn ich inzwischen am Klang der Wortschöpfung „Blogsie“ echt einen Narren gefressen habe.