Der Koller

Nun ist er da, der Koller. So richtig und intensiv.

Die unterschiedliche Handhabung der Infektionsschutzmaßnahmen durch die verschiedenen Menschen in meinem Umfeld setzt mir enorm zu. Ich selbst wähne mich – ob nun berechtigt oder nicht – relativ sicher, dass ich, sollte ich die Infektion abbekommen, eher einen milden Verlauf zu erwarten hätte. Aber ich wäre auch Überträgerin. Daher gehe ich zur Arbeit, da wir nur beschränkt Homeoffice-fähig sind, gehe einkaufen, habe aber ansonsten nur Kontakt mit meinem Ehemann. Besuche bei Freunden und Verwandten soll man einschränken, auch wenn sie bis zu einem gewissen Grad erlaubt sind, also haben wir das getan – das Einschränken.

Nun tut es mir wirklich weh, Freunde nicht einfach mal so treffen zu können, meine Lieben (außer meinem Mann) nicht in den Arm nehmen zu können, und den Trek Monday beständig und auf unbestimmte Zeit ausfallen lassen zu müssen, das macht mich richtig fertig! Aber es ist sinnvoll, es ist vernünftig. Wir wollen möglichst wenige Infektionsherde, die Zahl der aktiven Fälle und der infektiösen Personen so weit drücken, dass auch mit mehr Lockerungen die Sache kontrollierbar bleibt. Je strenger man sich dran hält, um so früher geht’s wieder mit weniger Beschränkungen, zumindest ist das der Tenor meiner vernünftigen inneren Stimme.

…und dann sehe ich Teile meines Umfeld. Da wird sich besucht, quer durch das Land. Freilich: Die Verordnung des Landes Baden-Württemberg gibt „Versammlungen im nicht-öffentlichen Raum“ bis fünf Personen her, außerdem ist die Beschränkung auf fünf Personen von geradliniger Verwandtschaft (also Groß- und Eltern, Kinder, Enkel), Partnerschaft oder Haushaltsgemeinschaft aufgeweicht. Wenn ich so reinlese, könnten zwei zusammenlebende Pärchen und zwei sonstige Personen (also Personen aus vier Haushalten) zumindest in einer Grauzone der Verordnung gemeinsam DVDs schauen… aber wir tun’s nicht. Bloß, weil es nicht in den bußgeldbewehrten Bereich des Verbots geht, sondern nur die Empfehlung zum Infektionsschutz in ihrem Geiste verletzt, braucht man es nicht zu machen.

Nun sitze ich hier und frage mich: Bin ich vernünftig oder antisozial, wenn ich statt eines Besuchs lieber einen Anruf mache (oder auch nicht, da ich ungern telefoniere), wenn ich präventiv meinen Trek Monday ausfallen lasse, so weh mir das auch tut? Die vernünftige, richtige Antwort ist, dass ich nicht antisozial bin, aber da ist so eine nagende, böse kleine Stimme…

Eigentlich will ich mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich den Geist einer Schutzmaßnahme umsetze, die unter anderem auch ihrer eigenen Unnötigmachung dient. Das Gefühl, sich vor sich selbst und den anderen, die das Ganze nicht so ernst nehmen, verteidigen zu müssen, bleibt aber leider. Zweieinhalb Stunden habe ich über dieses Lamento heute verbracht und meinen Mann damit gestresst. Das Ergebnis bleibt: Wir behalten bei, wie wir agieren. Auch wenn viele um uns herum es nicht tun – und vielleicht kein Verständnis haben. Ich will mich lieber strenger dran halten und früher wieder raus dürfen.

Sozial oder physisch

Hmm… wenn man das so liest, könnte man sich viel anderes darunter vorstellen.

Was ich eigentlich meine, ist der Begriff des „Social Distancing“. Der ist zur Zeit ja in aller Munde, um die sich rasch ausbreitenden Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden. Ich persönlich finde den Begriff sehr missverständlich, denn wir sollen keine soziale, sondern physische Distanz herstellen, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Es tut dem Besserwisser in meinem Kopf weh, dass das, was damit gemeint ist, und das, was die Zusammenstellung der Worte tatsächlich impliziert, zweierlei sind.

Ich versuche derzeit, die Straßenseite zu wechseln, wenn mir wer entgegenkommt. Egal, ob ich zum Sport draußen bin oder auf dem Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt, versuche ich eben diese Distanz einzuhalten, genauso beim Einkaufen und auf der Arbeit. Mehr noch als die Angst, „es“ zu kriegen, bewegt mich die Angst, das Virus zu übertragen. Natürlich bin ich mit 40 weder explizite Risikogruppe noch dagegen gefeit, als Ausdauersportlerin mit recht vernünftigem Immunsystem wähne ich mich aber in eher geringem Risiko, ein schwerer Fall von Covid-19 zu werden. Allerdings kann man den „Mist“ gut übertragen, selbst wenn man nur wenig oder sogar gar nichts davon merkt.

Infektionsschutz ist mir nicht neu. Die Leute, die sich direkt neben mich setzten, selbst hustend und mit wild herumhustenden und herumniesenden Kindern, obwohl eine Menge Platz war, haben mir schon einmal ein mächtiges „Krankwerden“ beschert – nach einem Wettkampf, von dem ich mit der Bahn heimfuhr. Seit dem ist es mir sehr präsent, dass ich in erkältet die anderen schützen sollte, indem ich Abstand halte, und dass ich Abstand von erkälteten Menschen halten sollte. Das Gemeine an Sars-CoV-2 ist aber, dass man ansteckend ist, lange bevor man Symptome hat. Das macht’s so fies.

Wenn mich Leute warnen, ich solle nicht mit nach dem Duschen noch feuchten Haaren am offenen Fenster sitzen oder im T-Shirt bei unter 5°C die fünf Meter zum Mülleimer und wieder heim in die warme Wohnung gehen, dann muss ich teils fast lachen. Es ist nicht die Kälte oder Verkühlung, die uns krank werden lässt, die fährt nur das Immunsystem ein bisschen runter, so dass wir anfälliger werden. Krank machen uns die Erreger – und die weniger zu übertragen, würde vielen helfen. Das heißt nicht, nicht miteinander sozial zu agieren, es heißt, Hygieneregeln und Abstände einzuhalten. Abstand beim Gespräch, einander nicht anhusten oder anniesen, elektronisch oder per Telefon kommunizieren – all das ist sozial.

Daher fände ich wichtig, dass wir uns klar machen, dass „Social Distancing“ ein fehlleitender Begriff ist. Wir wollen physische, nicht soziale Distanz herstellen. Durch soziale Interaktion, den Austausch von Gedanken, Worten, Gesprächen, Gefühlen, wird das Zeug nicht übertragen. Sondern durch Tröpfchen, die wir in die Gegend niesen und husten oder weil wir die Viren auf unserer Haut haben und einander berühren.

Bleibt gesund! Fangt’s Euch nicht ein, seid sozial füreinander da – dafür muss es nicht körperlich werden…

[KuK] Krisengespräche

Heute auf dem Heimweg vom Supermarkt. Ich war zu Fuß dorthin gegangen und hatte in meinem Beutel vom Köhlbrandbrückenlauf einigen Teenachschub – und eine Packung Toilettenpapier unter dem Arm.

„Oh, haben Sie Toilettenpapier bekommen?“

Das fragte mich eine Dame, deren Kind gerade den Ball an ihr vorbeigeschossen hatte – und ich spielte ihn ihr zurück, damit sie nicht so weit laufen musste. Dann redeten wir kurz darüber, dass der Edeka Toilettenpapier nun nur noch in kleinen Mengen (eine oder zwei Packen pro Kunde, so ganz klar war das nicht) abgibt.

Die Krise ist mehr durch das Hamstern der Leute als durch die Einschnitte per Anordnungen oder Allgemeinverfügungen in meinem Leben angekommen.

Sehr verehrte Hamsterer…

Nachdem ich am Freitag meine Kopfschmerzen überwunden hatte, waren mein Mann und ich angesichts der grassierenden Toilettenpapierverknappung schon am Freitagnachmittag einkaufen. Wir haben seit zwei Wochen das Toilettenpapier nicht aufgefüllt – schon vor drei Wochen, als wir auffüllten, war unser üblicher 10-Rollen-Pack nicht mehr da, wir kauften einen teuren Achter mit (mir nicht unbedingt angenehmem) „Duft“. Seit dem hatten wir stets gähnende Leere in den Regalen gesehen.

Gestern dann waren wir bei allen drei Läden im Ort: Edeka, DM und Netto. Fehlanzeige. Heute haben wir’s nochmal bei Edeka und DM im Ort versucht. Auf der Radtour am Nachmittag waren wir im Nachbarort bei Aldi, DM, Edeka und Lidl. Ich habe mit einem kleinen Abstecher vor der Heimkehr noch einen Edeka im anderen Nachbarort besucht. Es war bestenfalls noch superteures feuchtes Markentoilettenpapier in winzigsten Mengen zu haben. Freilich, wir haben noch vier oder fünf Rollen… aber in diesem Haushalt wohnt auch eine Person mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (nämlich ich), die zwar im Moment nichts von der Colitis ulcerosa spürt, aber man kann da nie so genau wissen.

Jetzt mache ich mal die Rechnung auf: Trotz üblicherweise jede Woche einmal Besuch von mindestens vier Personen verbraucht unser Zwei-Personen-Haushalt eine 10-Rollen-Packung Klopapier in zugegeben nicht unbedingt sparsamer Weise in zwei bis drei Wochen. Ich schätze, das läuft in anderen Haushalten nicht sehr viel verschwenderischer, eher sparsamer. Wenn die lokalen Läden den lokalen Bedarf normalerweise gut decken, auf welchen Mengen an Vorräten müssen die Leute sitzen, wenn drei Wochen in Folge die Regale völlig ausgeräubert sind?

Und so ganz nebenbei: Diese Drecks-Hamsterei bringt die Menschen, die in der ersten Welle nicht mitgehamstert haben, zum Abklappern aller möglichen Läden in der Umgebung. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was man in diesen Zeiten steigender Fallzahlen von Sars-CoV-2-Infektionen haben möchte!

Daher möchte ich mit der elaborierten und differenzierten Äußerung folgender Form schließen: Mann, Kinder, geht’s noch?

Dicke Backen

Dicke Backen macht der Hamster, wenn er Vorräte in seinem Mund anlegt. Genau das – nämlich sogenannte Hamsterkäufe – werden gerade befürchtet, weil allmählich die Angst vor dem neuartigen Corona-Virus in Deutschland umgeht. Einerseits ist das natürlich verständlich: Das Virus ist neu, es breitet sich recht schnell aus und das macht einem natürlich Sorgen, wo es nun Deutschland erreicht hat. Im Endeffekt habe ich auch ein mulmiges Gefühl entwickelt, drei-, vier-, fünfmal in mich hineingehorcht, als heute morgen die Nase ein bisschen lief. Wie es so ist: Wenn man sucht, findet man auch Anzeichen, weil man Unklares und Normales, das man sonst nicht bemerkt, dann eben interpretiert. Im Laufe des Tages normalisierte sich meine Selbstwahrnehmung wieder, zumal mir als Sportlerin, die sich draußen bewegt, im Winter öfter mal die Nase ein bisschen läuft und nach Anstrengung im Kalten auch mal der Hals kurz ein bisschen mehr Schleim produziert.

Als wir dann heute zum Supermarkt fuhren, um einzukaufen, war in meinem Kopf eher die Sorge, eine symptomfreie und unerkannte Ansteckung zu haben und zu übertragen, als mir das Ganze einzufangen. Komisch, eigentlich. Dann aber kam mir noch ein anderer Gedanke: Wir kaufen normalerweise erst am Samstagnachmittag ein. Dieses Mal waren wir – da nichts mehr zum Frühstücken da war – kurz vor der Mittagszeit dort. Wir frühstücken am Wochenende immer erst spät, so reichte das aus.

Von leeren Regalen im Edeka konnte keine Rede sein, aber es war an manchen Stellen schon so ausgeplündert, wie wir das normalerweise eher vier bis sechs Stunden später gewohnt sind. Die Einkäufe schienen etwas größer auszufallen. Ich meine, ich würde auch gerne ein bisschen mehr Zeug im Gefrierschrank haben, falls es doch dazu kommt, dass ich unter Quarantäne stehen würde – dann muss man nicht ganz so schnell jemanden rufen und eine Abstellung vor der Tür organisieren und dergleichen. Zugleich wäre es auch recht komfortabel, in einer wirklich heißen Phase auch mal auf das Einkaufen verzichten zu können. Tatsächlich lief es bei uns dann aber darauf raus, einfach eine gefrorene Mahlzeit mehr zu kaufen und das war’s. Ein wenig entstand bei uns auch künstlich der Eindruck, dass die Regale geplündert wären, denn das Toilettenpapier, das wir normalerweise kaufen, war heruntergesetzt und daher leergekauft, außerdem das Olivenöl, das wir normalerweise kaufen – und genauso der Balsamico-Essig. Wir mussten also an drei Stellen ausweichen, die durch Angebote, nicht so sehr durch Hamsternachfrage ausverkauft waren.

Nun stelle ich mir ein bisschen die Frage: Waren wir Zeugen von Hamsterei? Ich hätte das gerne mal bei den Mitarbeitern im Edeka gefragt, aber irgendwie war mir auch klar, dass die anderes zu tun haben. Allerdings ist inzwischen das Thema „Coronavirus“ sehr hier in Deutschland angekommen. Es gab eine Informationsmail vom Arbeitgeber, wie man sich verhalten soll und dass der Arbeitgeber möchte, dass man zuhause bleibt, wenn man Verdachtsfall oder bestätigter Fall sein sollte. Das gilt bei meinem Arbeitgeber auch dann, wenn man keine Ausrüstung für Homeoffice (bei uns „Telearbeit“ genannt) hat. Auch wurde geraten, Dienstreisen wenn möglich zu verschieben. Irgendwie hat das auch bei mir den Wunsch geweckt, gerüstet zu sein. Aber gerüstet sein? Schwierig. Indessen gilt’s, das Beste zu hoffen.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den folgenden großen Bogen schlagen soll. Ich tue es nun doch. Mich hat ein wenig auf den Plan gerufen, was gerade im Südosten Europas passiert: Im vielleicht finalen Kampf um Idlib in Syrien öffnet die Türkei ihre Westgrenze für Flüchtlinge, während zugleich mehr verzweifelte in Syrien „produziert“ werden – und eventuell in Angst vor mit den Flüchtlingen unerkannt reisenden Infizierten werden diese Ströme mit Gewalt aufgehalten. Produzieren da die Kombinationen mehrerer Krisen nicht Bilder und Tatsachen, die uns in der Beruhigung danach verfolgen werden?

Krieg und Krankheit sind Verbündete – und der Mensch tut dann Dinge, die er nicht tun sollte. Nur wenn man diese Grenze einmal überschritten hat, ist auch eine Tür zurück zu. Das gilt für Hamsterkäufe ebenso wie für unsere zögerlichen Reaktionen, anderen zu helfen, und unseren drastischen Reaktionen, wenn es um unsere eigene – gefühlte oder echte – Sicherheit geht.

Puh. Jetzt will ich aber gerne wieder meinen Kopf in den Sand stecken, damit ich heute Abend schlafen kann!

Zwei tolle Tage

Zwei tolle Tage – die habe ich an diesem Wochenende verbracht. Ich war mit meinen lieben Helser Hexen auf den Umzügen in Weitenung und Kartung, Samstagabend gab’s noch gemeinsamen Ausklang mit Essen nach dem Weitenunger Umzug und dann noch eine kurze Aktion bei einem Geburtstag eines Mannes einer der Hexen.

Ich weiß, dass der Fasching so manchmal gegen den Strich geht – aber für mich ist es eine tolle Zeit, die ich sehr gerne auslebe. Zwei bis drei Umzüge sind’s, jeweils als Hexe mit der Gruppe, an denen ich mit grüner Schminke im Gesicht, der berüchtigten Edelstahl-Thermoskanne und guter Laune unterwegs bin. Die Thermoskanne ist deswegen berüchtigt, weil sie einmal liegenblieb und bei einer Mithexe unter dem Beifahrersitz für eine nach Hagebutte riechende Überschwemmung sorgte. Dieses Jahr hatten wir von der Musikhexe neu eine mobile Box dabei, und das war richtig klasse – das Publikum und die Hexen waren fleißig am Singen, gute Laune war mehr noch als sonst unser Begleiter auf den beiden Umzügen, die ich dieses Jahr mitmachen konnte.

Ich selbst hatte auch ein bisschen neues Agieren am Start – mit den beiden grünen Hörnchen, die aus meiner Hexenfrisur ragen, konnte ich den zuverlässig auftretenden Einhorn-Verkleideten jeweils erläutern, dass sie ein Horn zu wenig hätten. Wenn man den Kindern rät, sich ein zweites Horn wachsen zu lassen, hat das freilich keinen Subtext, sondern nur Spaß – während man den eher erwachsenen Herren im Plüsch-Einhorn-Overall sicherlich komische Gedanken entlockt, wenn Frau Hexe ihnen rät, sich ein zweites Horn wachsen zu lassen – und sie sich dann aus den Körbchen des am Besen hängenden Wäschestücks eine Süßigkeit fischen dürfen.

Jedenfalls liefen der Samstag wie auch der Sonntag nach dem Schema ab: Fahre zur Mithexe, dann wird gemeinsam geschminkt und Kaffee getrunken, danach geht es zum Umzug. In der Aufstellungszone wird gesungen, gelacht und sich unterhalten, Alkohol ist optional und ich konsumiere ihn nur in sehr engen Grenzen – denn ich muss ja danach nicht nur noch heimfahren können, sondern auch noch heimfahren dürfen. Nicht zuletzt warnt eine mit einem Baumstamm kollidierte Hexe auf unserem Wagen: „Don’t drink and fly!“ Wie jedes Jahr ist die Balance mit den Klamotten unter dem Kostüm ganz schwierig gewesen: Ziehst du dich warm genug an, um bei der Aufstellung nicht zu frieren, wird es mit singen, tanzen, Schabernack treiben und Kindern Süßigkeiten schenken schnell warm im Kostüm, wenn der Umzug losgeht. Aber danach bin ich dann immer dankbar um wärmende Schichten über dem erhitzten Körper, damit ich nicht zu sehr auskühle.

Nun jedenfalls sitze ich hier und mir fallen fast die Augen zu – zwei Tage lang singen, tanzen, einen davon auch noch morgens vor dem Umzug 14 Kilometer laufen, alles an der frischen Luft, ja, danach weiß man, was man getan hat. Ich bin jedenfalls müde und glücklich und hoffe, dass alle Faschingsmuffel gut um den ersten Teil der tollen Tage herumgekommen sind, alle Fastnachtsbutzen hingegen tolle tolle Tage hatten!

Schimpft nicht aufeinander, ist ja schließlich nur eine von 52 Wochen im Jahr, in der sich die einen verbarrikadieren und die anderen auf den Straßen Lärm machen.

Verboten

Gestern Abend war in einer Runde von Freunden Fasching das Thema. Ich gehe ja – wie in früheren Jahren schon dokumentiert – immer auf ein paar Umzüge – als Teilnehmerin, nicht als Zuschauerin. Einer der Leute bekannte, dass ihn schon nervte, dass im Einkaufszentrum eine Garde auftrat. Da mir das Thema in dem Moment nicht wichtig war, habe ich nichts dazu gesagt. Auch nicht, als er von einer Geschichte erzählte, in der ein fiktives, totalitäres Regime aufgerichtet wurde und dieses als erstes die Faschingsumzüge verbot. Ich kenne einen Haufen Faschingsmuffel und kann, bei der mancherorten herrschenden Omnipräsenz des Themas in zumindest etwas mehr als einer der 52 Wochen des Jahres, eine gewisse Genervtheit verstehen.

Als mir das nochmal durch den Kopf ging, überlegte ich mir, was ich als erstes verbieten würde, wenn ich könnte. Spaßigerweise musste ich erstmal überlegen, ob mein Kopf eine Retourkutsche erzeugte, in Abwesenheit dessen, der gestern das Thema aufbrachte: der Besagte ist Raucher. Ich glaube aber nicht, dass ich unbewusst eine Retourkutsche produziert habe. Denn inzwischen ist es tatsächlich so, dass ich, wenn ich könnte, wie ich wollte und keine Rücksicht auf andere nehmen müsste, als erstes (allen!) das Rauchen in mindestens meiner Gegenwart, eher überall in der Öffentlichkeit (auch im Freien), wenn nicht gar generell verbieten würde. Das richtet sich nun ganz klar nicht gegen die Raucher meines Umfeldes. Meine (eher wenigen) Freunde, die Raucher sind, rauchen stets fernab der Orte, wo mein Mann und ich es riechen könnten. Von meiner Seite her richtet es sich eher gegen die fremden Raucher am Nebentisch auf der Restaurantterrasse, die fremden Raucher an der Haltestelle, die teils so verteilt ihre Kippen anzünden, dass man auf dem gesamten Bahnsteig nicht um Passivrauchen herumkommt.

Da ich Gedanken gerne zu Ende denke, habe ich mich gefragt, wie ich auf das Verbot einer anderen gesellschaftlich akzeptierten Droge in Deutschland reagieren würde: auf ein Alkoholverbot. Lustigerweise würde mir das inzwischen nicht mehr viel ausmachen. Freilich, ich trinke sehr gerne in sehr kleinen Dosen interessanten Whisk(e)y, aber das wäre dann doch etwas, das ich leicht lassen könnte.

Ich stelle mir nun gerade den Aufschrei vor, wenn tatsächlich Alkohol, Rauchen oder Fasching in Deutschland verboten würde… Fasching würde mir persönlich am meisten wehtun. Irritierenderweise gibt’s aber in meinem Bekanntenkreis für ein Faschingsverbot die meisten Unterstützer, vergleicht man mal mit Rauch- oder Alkoholverbot. Aber letztlich bleibt das alles Theorie, zumindest weitgehend. Die Einschränkung mache ich deswegen, weil der Nichtraucherschutz tatsächlich größer geschrieben werden wird, zumindest besteht ein gewisser Druck – ich habe vorhin auf dem Weg zur Sauna einen Beitrag im Radio gehört, dass es ein Ranking mehrerer Nationen zur Rauchprävention und dem Nichtraucherschutz gab, und Deutschland auf dem 36. von 36 Plätzen landete. Sogar Österreich, das mit einem verrauchten Restaurant vor einigen Jahren auf Dienstreise negativ Eindruck auf mich machte, ist da inzwischen an uns vorbeigezogen – und ich glaube nicht, dass es dabei bleiben wird.

Wie eine Schallplatte

Manchmal fühle ich mich wie eine Schallplatte. Es gibt viele Anlässe dafür, in mancherlei Hinsicht ist das auch gar kein Problem. Wenn ich auf der Arbeit immer wieder bestimmte Aspekte erklären sollte, ist das mein Job, weil es zur Beratungskomponente der Behörde gehört. Wenn ich immer wieder über meine Laufleistungen erzählen darf, finde ich das sogar klasse!

Aber bei zwei Dingen ist es mir in letzter Zeit sehr deutlich aufgefallen, dass mich diese ewige Wiederholung nervt. Es ist einerseits das: „Ich bremse Dich doch nur aus!“ bzw. „Du läufst doch viel zu schnell für mich!“ Ja. Ich laufe schnell, auf Wettkämpfen bis zehn Kilometer auch mal über 15km/h oder in läufertypischer „Pace“ schneller als 4:00 pro Kilometer. Ich laufe auch den Marathon mit einem Schnitt von unter 4:45 pro Kilometer, also schneller als 12km/h. Kein Thema, das ist wahr. Wir reden hier aber über Training und über gemeinsames laufen. Da bin ich oft froh, „ausgebremst“ zu werden. Wenn ich einfach aus Spaß an der Freude loslaufe und nicht drauf achte, lande ich typischerweise im Bereich von um die fünf Minuten pro Kilometer und etwas über 150 Herzschlägen pro Minute. Das mag als mittlere Trainingsleistung gut sein, über viele Aktivitäten, aber wenn’s wirklich was bringen soll, insbesondere für Langstrecke, sind viele, lange, langsame Läufe und dazu intensive Intervalltrainings zu absolvieren. Es ist also durchaus sinnvoll für mich und mein Training, mit anderen Leuten zusammen bei 5:45 pro Kilometer oder 6:30 pro Kilometer, also knapp über bis knapp unter 10km/h zu laufen. Das hat nichts mit ausbremsen zu tun! Dass ich das immer wieder predigen darf: „Du bremst mich nicht aus. Du läufst mir nicht zu langsam. Ich möchte mit Dir laufen. Das Tempo, das Du läufst, ist für mich ein sinnvolles Marathon-Trainingstempo!“… Nun, es ist schon okay. Beim ersten, beim zweiten Mal. Wenn ich aber immer wieder gesagt bekomme, man bremse mich aus, dann lauf‘ ich irgendwann allein. Dabei wär’s sinnvoll, mit der Person zu laufen, und zwar deren Tempo, nicht ein an mich angepasstes Tempo. Auch für meine Ausdauer- und Tempoentwicklung, insbesondere beim Marathon!

Der zweite Punkt ist das mit dem schlechten Gewissen. Erzähle ich vom Laufen, bekomme ich oft gesagt: „Du machst mir ein ganz schlechtes Gewissen!“ Dann entschuldigen sich die Menschen damit, dass ihnen laufen nicht so viel gibt, dass sie keine Zeit haben, dieses und jenes! Klar, man projiziert das eigene „sollte ich machen“ dann auf meine Leistung und rechtfertigt sich vor sich selbst, anlässlich meiner Lauferei, aber nicht wirklich vor mir. Aber es ist eben auch so: Es muss sich niemand vor mir entschuldigen, nicht so viel zu laufen wie ich oder auch gar nicht zu laufen! Es muss sich auch keiner rechtfertigen, gar keinen Sport zu machen – zumindest nicht vor mir. Es gibt so viele Gründe, warum es nicht geht – kleine Kinder, fordernder Job, Probleme mit den Gelenken, Motivation… Gerne dürfen die Leute ihr eigenes schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst vor mir verhandeln. Aber bitte nicht im Stile von „Du machst mir ein schlechtes Gewissen.“ Nein, ich lasse Euer schlechtes Gewissen nur – unbeabsichtigt – an die Luft. Ich habe nunmal das Laufthema – nicht nur, ich bin nicht monothematisch. Aber neben Nerdkram, Wissenschaft, SciFi, Fantasy und unnützem Wissen ist Sport halt eines meiner Themen. Ich würde ja sagen, dass es mir leid tut, damit das schlechte Gewissen der anderen an die Luft zu lassen, aber eigentlich… muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Denn ich mache Euch kein schlechtes Gewissen, mein Laufthema bringt’s nur wieder auf. Wenn ich sehe, was ich alles nicht oder nur spät mache, dann denke ich mir: „Uff, eigentlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben.“

Ich komme mit dem Beantworten meiner Mails und Messages oft nicht hinterher, kümmere mich nicht so um mein soziales Umfeld, wie ich es gerne würde, muss auf Arbeit priorisieren, was mir am meisten schlechtes Gewissen macht und diverses anderes Zeug bleibt auch liegen. Wenn andere erzählen, wie sie im Verein mitarbeiten, in Gremien oder so, dann denke ich so: „Will ich eigentlich auch. Finde auch, ich sollte. Mache ich aber nicht, weil mir anderes wichtiger ist. Schlechtes Gewissen: Aus! Es ist nur meins, und ich habe mit mir selbst verhandelt, dass ich nicht alles machen kann.“

Aber gerade beim Sport ist das so eine Sache. Es gibt da eine Erwartungshaltung an sich selbst, die wohl teils eine Erwartungshaltung des Umfeldes oder der Gesellschaft reflektiert. Aber es bleibt dabei: Der Tag hat weniger Stunden, als man für alles braucht, das man gerne tun würde oder denkt, dass man es tun sollte. Wer ein schlechtes Gewissen hat, sollte sich das klar machen, seine Prioritäten festlegen und sich nicht für seine Prioritäten schämen. Wenn das Kümmern ums Kind wichtiger ist als Sport, wird das NIEMAND anzweifeln. Wenn jemandem der Online-Spiel-Clan wichtiger ist als Sport – hey, dann ist das eben so! Ich möchte Euch kein schlechtes Gewissen machen, ich möchte nicht, dass Ihr eins habt. Wenn Ihr eins habt, könnt Ihr mich gerne fragen, wie ich meinen Alltag mit so viel Sport manage. Dann kriegt Ihr raus, was ich alles dafür nicht mache, was Ihr macht – und stellt fest, dass diese Dinge (Euch, vielleicht auch generell-objektiv) wichtiger sind. Also: Schlechtes Gewissen: Aus!

Verdammt, war das ein Rant. Sorry!

Das generische Femininum

Gestern hatte ich so einen lustigen Moment. Die Nachbarskatze saß neben mir auf der Decke auf dem Sofa, ließ sich kraulen und schnurrte. Eigentlich ist die Nachbarskatze ein kastrierter Kater, Mauzi heißt das Tier. Ich dachte kurz nach und fragte:

„Na, du Katze? Störst du dich an dem generischen Femininum?“

Schließlich gehört die Katze zu den wenigen Sammelbegriffen, die generisch weiblich belegt sind. Sieht jemand eine Katze, wird niemand auf die Idee kommen, das Tier erstmal ohne es genau zu wissen als Kater zu bezeichnen. An anderen Stellen – zum Beispiel bei der Krankenschwester – achten wir drauf. Das ist dann ein Krankenpfleger, es geht sogar nichtmal an, einen „Krankenbruder“ zu postulieren, wenn man niemanden beleidigen will.

Die Katze allerdings – also der Kater Mauzi – störte sich nicht im geringsten am generischen Femininum. Er zwinkerte mir zu. Echt! Er schloss ein Auge und öffnete es gleich wieder, das andere blieb offen. Dann nochmal. Mauzi ist das offenbar völlig egal, ob er als Katze oder als Kater bezeichnet wird, solange der Mensch weiter krault.

Inversion

Heute war ich am frühen Nachmittag laufen. Ich fand es schon reichlich kalt und habe mich warm eingepackt gehabt – vor allem dann später, auf dem Heimlauf vom Fitnessstudio zu uns nach Hause, bei Einbruch der Dunkelheit, wurde es schnell richtig bibberig kalt.

Dann las ich zuhause über Schneefall auf Mallorca. Im Mittelmeer, am Meer, im November. Bei uns hat’s die ersten Nachtfröste, aber bei ausgleichendem, noch immer eigentlich nicht auf dem Temperaturtiefpunkt befindlichen Meer, schneit’s auf den Balearen.

Ich hatte es da immer noch nicht kapiert. Als ich dann von den Laufaktivitäten eines Lauftreff-Kameraden in Polen las, in Lublin, da war ich der festen Überzeugung, dass es da saukalt ist, wenn’s hier schon für mich langsam echt unangenehm draußen wird. Ich hatte den Kommentar schon geschrieben, da las ich dann die Temperatur-Angabe in der Garmin-Connect-Aktivität meines Mit-Lauftrefflers: fast neun Grad Celsius! Allerdings weiß ich nicht mehr ganz, an welchem Tag das war, die Woche über war’s bei uns auch noch nicht maximal kalt.

Wie’s scheint, ist die „alte Regel“ außer Kraft, dass es im kontinentalen Nordosten Europas im Herbst und im Winter kälter ist als im westlichen Mitteleuropa und dort wiederum kälter als am Mittelmeer. Allerdings war das schon letztes Jahr nicht mehr zwingend so, und auch die Jahre davor. Ich glaube, es war im Winter 2017/2018, als ich von klirrender Kälte in Hamburg las, die wir auch so hatten, und auf Spitzbergen nördlich von Norwegen taute es. Natürlich messen wir häufiger und genauer, natürlich wird auch das entlegenste Wetter mehr zu uns kommuniziert, aber Zufall ist das alles nicht. Die polare Westwind-Zone ist nicht mehr so stabil wie früher, da das Temperaturgefälle aufgrund der sich aufheizenden Arktis geringer wird. Der Isoliergürtel zwischen winterkalter Arktis und südlicheren Breiten, bestehend aus einer beständig wehenden Westwindzone am Boden und einem Jetstream-Gürtel, verliert zunehmend an Stabilität. So kann warme Luft nach Norden, kalte Luft nach Süden vordringen. Insgesamt wird’s unbeständiger, die Temperaturschwankungen und Schwankungsbreiten werden größer.

Natürlich kann das Gefälle Lublin, Karlsruhe, Mallorca (von warm nach kalt) Zufall gewesen sein. Schwankungen gab’s immer. Aber diese „Inversionen“ werden häufiger. Und das darf und sollte uns Sorgen machen…