Nostalgie

Das Leben ist eine seltsame Sache.

Da kommt man aus einem Sommer, der „außen“ unheimlich heiß und trocken war. Das ist einerseits ein Zeichen für Klima… Wandel? Krise? Katastrophe? – wahrscheinlich von allem ein bisschen, und mehr vom Schlimmeren. Andererseits ist warm bis heiß und trocken, zumindest mit nächtlicher Abkühlung, rein von dem, was mein Körper und mein Geist abgetrennt von „Wahrnehmung der Entwicklung in Natur und Klima“ mögen, genau mein Ding. Es wäre also ein Sommer gewesen, in dem ich gerne Sport getrieben hätte, im Freibad gelegen hätte, einfach die trockene Hitze genossen hätte. Aber am Anfang der Phase hatte ich Covid, brauchte wie erwartet etwas länger, mich davon zu erholen, dann brach ich mir den Finger, schließlich kämpfte ich noch mit Zahnschmerzen. Dazu nimmt meinen Geist ziemlich ein, dass ein weiteres Tabu gebrochen wurde: Krieg zur Grenzverschiebung in Europa. Stück für Stück wurden Gewissheiten, die im kalten Krieg und auch in der Zeit danach herrschten, in den letzten dreißig Jahren erodiert: Krieg wird weniger – nein, mehr. Krieg in Europa gibt’s nicht mehr – doch, schon lange wieder! Autokratien und Diktaturen sind auf dem Rückzug – nicht anderswo, in Europa auch nicht mehr. Selbst in der EU sind Gewaltenteilung, Pressfreiheit und breite Zustimmung für die liberale Demokratie mit mindestens drei verschiedenen, institutionell getrennten Gewalten, vor denen jeder Mensch gleich ist, nicht mehr breiter Grundkonsens: In einigen Ländern erodieren Regierungen diese Grundsätze, in anderen behaupten oder „fühlen“ gar nicht mal so kleine, in jedem Falle aber sehr laute Gruppierungen, dass sie in Diktaturen leben würden, obwohl dem keineswegs so ist. Dazu ist nach bald drei Jahren weltweiten Lebens mit vermutlich nur der ersten unter vielen superansteckenden Zoonosen, nach immer mehr an Fahrt gewinnender Klimakatastrophe und zunehmend isolationistischen, nationalistischen und antiliberalen Entwicklungen weltweit der Optimismus aufgebraucht, der Verteilungskampf wird verschärft, die Kombination aus Kapitalismus und Agenda lässt uns alle spüren, dass die Bettdecke jeden Tag ein bisschen kleiner wird und es weniger denn je in unserer Hand ist, dass wir nicht irgendwann im Kalten liegen. Versteht mich nicht falsch: In diesem Verteilungskampf haben die, die unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen gelassen haben, den ersten Stein geworfen, den Wirtschaftskrieg haben wir nicht begonnen. So wie Panzer in der Osteuropäischen Ebene nicht zuerst Richtung Osten, sondern zuerst Richtung Westen gerollt sind, sind die wirtschaftlichen Angriffe, mit langfristiger strategischer Vorbereitung, nicht vom Westen ausgegangen. Aber sie treffen alle – Verteidiger wie auch Angreifer.

Gleichzeitig ist auch im Kleinen vieles los: Unvorhergesehenes, zum Teil Schönes, zum Teil nicht so Schönes lässt mein direktes Umfeld, Dinge, mit denen ich mich Drittel meines Tages herumschlage, hektischer, konfrontativer, schriller werden.

Ich hänge der Vergangenheit nach. Den – wohl verklärten – 90ern, in denen man sich der Illusion hingeben konnte, dass Handel und Zusammenarbeit die Armut irgendwann wegspülen werden, dass gegen die Verbreitung der drängendsten Infektionskrankheit ein Kondom hilft, dass jeder in der Zukunft mehr dürfen wird, und sich weniger drum scheren wird, dass man selbst zu sein kein Privileg der reichen, weißen, cis-heterosexuellen, gebildeten Menschen mit aus Sicht der Vorgeneration „normalem“ Musik-, Kunst- und Arbeitsgeschmack sein wird. Dass sich die Menschen freuen, was sie dürfen, und sich nicht darüber definieren, dass sie mehr dürfen als andere. Erinnert Ihr Euch an „Love Message“ von einer ganzen Reihe von Eurodance-Projekten?

Vor kurzem habe ich auf Twitter erfahren, dass ich zur späten „Generation X“ gehöre, keine „Boomerin“ bin und auch nicht Gen Y. Zu einer Generation, die erstmals Zweifel hatte, dass es nur bergauf geht, zu einer Bevölkerungskohorte in Westeuropa, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt. Als Kind glaubte ich, das riesige, ohne Grenzen dargestellte Gebiet, das auf den Karten des furchtbaren Krieges in der Tagesschau dargestellt wurde, müssten die USA sein, da ja eigentlich USA, Iran und Irak die einzigen Nationen waren, die in diesen Sendungen genannt wurden. Als Kind habe ich Grenzen kennen gelernt – die nach Österreich fühlte sich „zivilisiert“ an: Ausweis vorzeigen, bisschen warten, vielleicht noch sowas wie Zoll und Währungsumtausch, gut war. Von Österreich nach Ungarn war da schon etwas krasser. Die Innerdeutsche, das war bedrückend. Auf der einen Seite meine Heimat, auf der anderen Seite Menschen, die aus Angst vor Gefängnis selbst bei neutralen Äußerungen die Stimme senkten. Sie hatten nicht Angst, dass ihnen widersprochen würde – nein, sie hatten Angst, dass man sie holte, internierte, wenn sie bestimmte Dinge sagten, die jeder wusste. Dazwischen eine Kombination aus Panzersperren, Stacheldraht, bewaffneten und aus Prinzip unfreundlichen Grenzern, aus Schikane und Angst. Wenn ich heute Leute höre, die von Diktatur reden, denke ich an die DDR- und Zonengrenz-Erfahrungen meines sechs- bis zehnjährigen Ichs und zucke die Schultern. Wenn ich daran denke, wie geschockt, wie angstvoll etliche meiner jüngeren Kollegen auf zwei Überschallknalle reagierten, ich nur dachte: „Hups? Explosion auf einem Schrottplatz wäre nicht gut, hoffentlich sind’s übende Kampfflugzeuge.“… es waren zwei Eurofighter. Als ich in die Grundschule ging, zertrampelten französische Soldaten meiner Mutter den Vorgarten, standen die Bauernhöfe auf den Feldern hinter dem Haus voller Panzer, beim NATO-Brückenkopfmanöver am Neckar, Überschallknalle waren während und auch abseits des Manövers etwas, das man kannte, genau wie Kampfflugzeuge am Himmel.

Ich möchte niemandem vorhalten, über die aktuellen Entwicklungen zu Krieg, Unsicherheit, wirtschaftlichen Abschwungs bestürzt zu sein, Angst zu haben, nach Lösungen zu rufen, obwohl man selbst nicht weiß, wie das gehen soll. Aber bloß, weil wir privilegierten, abgeschotteten „Westler“ im westlichen Mitteleuropa, in Westeuropa und Nordamerika für dreißig Jahre Ruhe davor hatten, heißt das nicht, dass die Methoden, die im Rest der Welt nie aufgehört haben – Repression, Krieg, echte Zensur, nicht nur Widerspruch gegen abseitige oder weniger abseitige Meinungen, Gewalt gegen Andersdenkende, -aussehende, -fühlende – die Lösung sind, oder dass sie bei uns schon da sind, bloß weil wir merken, dass sie anderswo nie aufgehört haben.

Aber es macht mich fertig. Mein Sommer war nicht so gut, ich konnte den Sommer nicht genießen, gleichzeitig stürzt die Welt in die Krise und viele Menschen in meinem Umfeld glauben, dass sie nicht mehr frei sagen dürfen, was sie wollen, nur weil ihnen widersprochen wird, dass unsere Freiheit nicht in Wirtschaft und auch auf dem Schlachtfeld verteidigt wird, sondern wir den Aggressor angegriffen hätten – der unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen lassen hat, um uns erpressen zu können, der Panzer über eine Grenze hat rollen lassen. Weltschmerz nennt man das, oder?

Nun wurde mein Vater, der letzte meiner Familie, dessen Leben mehrheitlich vor der großen Zäsur des späten 20. Jahrhunderts verlief, am Mittwoch 70 Jahre alt. Wir schenkten ihm eine Ballonfahrt, was meine Schwester und ich mit ihm schon einmal gemacht hatten – vor vielen Jahren, ich kann Euch gar nicht sagen, ob vor oder nach dem Mauerfall, ob vor oder nach dem Zerfall der Sowjetunion. Irgendwann zwischen 1987 und 1992 fuhren meine kleine Schwester, mein Vater und ich Ballon, unser Ballonführer (ich glaube, so nennt man ihn) funkte demonstrativ über dem Odenwald unsere Position „drei Meilen südlich von Korsika“, meine Ballonfahrer-Taufe habe ich in Erinnerung, die Urkunde habe ich nicht mehr. Dreißig Jahre später sehe ich Bilder von meiner Mama, von meinem Papa auf die Wand projiziert, bei der Übergabe des Geschenks, höre ein Lied, das meine Mama mir schmackhaft machte – sie ist seit 16 Jahren tot. Harpos „Movie Star“ ist vier Jahre älter als ich. Mama mochte es sehr. Am Mittwoch spielten sie’s, während wir ausgelassen, aufgedreht zusammensaßen, um den 70. meines Vaters zu feiern.

Seit dem drehe ich mich um mich selbst. Denke an frühere Zeiten, an wohlig-imaginierte Geschichten, die ich mit meinem besten Freund zusammen geteilt, „bespielt“ habe. Teils habe ich Grundlagen dieser Geschichten geschrieben, um den Tod meiner Mutter zu verarbeiten. Eskapismus in Phantasiewelten, parallel Musik aus Zeiten, die scheinbar besser, einfacher waren – aber ob’s so viel besser war, in den Kalter-Krieg-80ern, den unsicheren 90ern, den Nach-9/11-Nullern, den Nach-Lehman-Brothers-Zehnern? Glaub‘ nicht, ich glaube eher, wir verklären das.

Jedenfalls hänge ich den Dingen nach. Betreibe Eskapismus. Vielleicht auch, weil’s Herbst wird.

Steile These: Wir sind betrogen worden

Es begann bestimmt viel früher. Aber ich möchte mich im Interesse der Verständlichkeit des Punkts, den ich machen möchte, begrenzen. Also beginne ich Ende der „Nuller-Jahre“, also kurz vor 2010. So manche Deutsche und so mancher Deutscher sah damals schon klarer als ich damals, dass nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in ein riesiges Klima-Problem, eine Klima-Krise, eine Klima-Katastrophe hinein steuerten oder eigentlich schon mittendrin waren. Auch weltpolitisch war die Hoffnung auf Frieden und ein „Ende der Geschichte“, die auf die Auflösung der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung zumindest in meinen Augen, zumindest in Deutschland folgten, schon längst wieder dahin: Alle Staaten, auch die westlichen, stellten sich der Sicherheitslage, die durch den 11.09.2001 grundlegend verändert erschien, es natürlich auch war und ist, sich aber nicht so plötzlich änderte.

Nach Schröder war in Deutschland Merkel gekommen, und in so mancher Hinsicht war Rot-Grün antifossil und antiatom gewesen, Schwarz-Rot wie auch Schwarz-Gelb das Gegenteil. Wir hatten Laufzeitverlängerung, aber kein grundsätzliches Abrücken vom Atomausstieg, also keine Änderung von § 1 AtG „Zweckbestimmung“:

Zweck dieses Gesetzes ist,

1. die Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität geordnet zu beenden und bis zum Zeitpunkt der Beendigung den geordneten Betrieb sicherzustellen,

§ 1 Nummer 1 AtG

Ideen wie fünf Mark für den Liter Benzin waren mit CDU-geführten Regierungen vom Tisch, und letztlich war das damals nur recht verunglückte Kommunikation im Wahlkampf der Grünen, denn wir sind inzwischen in diesem Bereich angekommen – ganz ohne zusätzliche staatliche Aufschläge, einfach wegen Erzeuger- und Weiterverarbeiterpreisen und -profiten.

Fakt ist, dass wir damals wie heute fossile Kohlenwasserstoffe zu nicht unwesentlichen Anteilen aus Staaten bezogen, die bezogen auf unsere politischen Werte fragwürdig waren und sind. In Russland, Stichwort „lupenreiner Demokrat“, wollten wir das nicht sehen oder hingen „Handel durch Wandel“ an. Dieses Konzept war auch damals schon sowas von „Neunziger“: Geprägt von einer falschen, überbordend optimistischen, trügerischen Hoffnung, dass nach Ende des Kalten Krieges schon alles gut werden würde.

Aber ich schweife doch ab. Worauf ich hinaus wollte: Das Konzept der verschiedenen Merkel-Kabinette war, die viel Aufregung auslösende EEG-Umlage gering zu halten, länger nuklear zu bleiben und mit Feigenblättern die fossilen Energien zurückzufahren. Probleme wie Stromtrassen vom windreichen Norden in den energieverbrauchenden Süden, Speicherung von regenerativ erzeugter Energie z.B. durch „smarte Netze“, ziemlich unattraktive Pumpspeicher oder wolkige Ankündigungen von „Wasserstoff und regenerativ auf Wasserstoff und atmosphärischem CO2 erzeugtem Methan/künstlichem Erdgas“ blieben wolkig. Man hatte ja die Kernkraftwerke…

So weit, so gut. Dann kam Fukushima und – ganz unabhängig davon, was das Tohoku-Erdbeben, der Tsunami und die Havarien der Reaktoren in Fukushima im Lichte der Sicherheit von deutschen Kernkraftwerken wirklich bedeutete – Anti-Atom hatte Oberwasser. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg brachte Panik. Also beschloss man den beschleunigten Ausstieg, verabschiedete sich von Restlauf-Strommengen, legte einige Kernkraftwerke direkt still und ließ die anderen bis zu festen Zeiten weiterlaufen, egal, wie viel Strom bis dahin gemacht worden wäre. Die dadurch entstehende Lücke sollte mit Ausbau der erneuerbaren Energien gefüllt werden, aber halt nicht schneller als zuvor. Betrugspunkt 1: Wir behaupten, der Ausbau der Erneuerbaren geht nun schneller, aber sobald man das im Geldbeutel merken würde… haben wir Angst um unsere Wiederwahl. Also machen wir’s nicht. Versorgungssicherheit ist aber kein Problem. Man beschwichtigt die Anhänger von billiger oder sich nicht zu stark verteuernder Energie einerseits und versucht, die Anti-Atom-DNA der Grünen nicht so zu bedienen, dass sie noch mehr Bundesländer mit- oder gar führend regieren.

Der wesentlich bedeutendere Knackpunkt in meinen Augen kommt aber danach. Die Antwort auf „keine Pumpspeicher, weil Öko-Sauerei“, „Strom großtechnisch mit Akkus speichern is‘ nich'“ und „Erneuerbare machen nicht nur keine Lastfolge, sondern sind ggf. sogar gegenläufig zur Last aktiv“ war… Gas. Warum Gas? Einerseits sind Gaskraftwerke schnell hochgefahren. Dass Siedewasserreaktoren, mit ca. 50 % ihrer Leistung als Grundlast gefahren, auch sehr schnell auf 100 % ihrer Leistung hochgehen können (Stichwort: Umwälzpumpe), geschenkt. Warum also Gas, abgesehen davon, dass Gaskraftwerke sehr schnelle Transienten von Null auf Hundert fahren können? „Wir können die Infrastruktur nutzen, wenn wir künstliches Erdgas aus Wasserstoff und Kohlendioxid machen!“ – „Wann?“ – „Innovation!“ – „Und bis dann?“ – „Russisches Erdgas. Und Biogas!“ – „Wie viel Biogas?“ – „Innovation!“

Und da stehen wir heute. Kaum Biogas – geht das technisch nicht? Schaut nach Dänemark. Unsere Förderung von Biogas geht an der Notwendigkeit für Gaskraftwerke zur Netzstabilisierung vorbei. Künstliches Erdgas? Fehlanzeige, wir machen nichtmal Elektrolysewasserstoff für chemische Industrie und AdBlue-Erzeugung, sondern gewinnen diesen Wasserstoff aus… russischem Erdgas. Wow. Das sehe ich als den wesentlichen Punkt, an dem wir betrogen wurden. Wolkige Innovationsversprechungen wurden genutzt, um auch ökologisch interessierten Wählern schwarz verantwortete Gaskraftwerke und geradezu wahnwitzige Blockade von Netzausbau und Ersatz von Fossilen durch Erneuerbare auch außerhalb des reinen Energiesektors schmackhaft zu machen, während man ihnen gleichzeitig den Atomausstieg gab.

Und wo stehen wir jetzt? Für Kleinhalten der Grünen mittels Atomausstieg und „Infrastruktur für Biogas und Elektrolysewasserstoff“, wobei Biogas und Elektrolysewasserstoff nicht umgesetzt wurden, haben uns vier Merkelkabinette unter Beteiligung von FDP und SPD in die Abhängigkeit von Putins Gas verkauft. Das mag sehr drastisch formuliert sein.

Diese drastische Formulierung wähle ich aber aus einem Grund: Die schrille Polemik, mit der Politiker aus CDU und CSU (sowie FDP) (mir auf Twitter besonders aufgefallen: Lindner, Bär, Söder, Merz) die Energiepolitik der Ampel und konkret Robert Habeck kritisieren, ignoriert völlig, dass das Problem von großen Koalitionen und schwarzgelben Koalitionen überhaupt erst geschaffen wurde und deren Rezepte (äh, Rezepte dagegen, welche eigentlich?) dagegen noch weniger gebracht hätten als das, was die Ampel im Moment tut.

Sind wir betrogen worden? Bestimmt. Politik ist die Kunst des Machbaren, sagt man, und Populismus die Kunst der Augenwischerei. Wenn man beides mischt, was leider die kurzfristig erfolgreichste Wahlstrategie zu sein scheint, und Krisen dazu mischt, kommt Betrug dabei heraus. Mir persönlich war an dieser Stelle aber wichtig, in diesem einen konkreten Fall klar zu machen, dass im Moment die Betrüger über die schimpfen, die das wieder einfangen müssen, und somit eigentlich keine Berechtigung dazu haben.

Ganz klar möchte ich aber machen: Sicher gibt es andere Fälle, in denen die, die’s sehenden Auges oder auch aus Versehen verbockt haben, nach Kräften den danach kommenden „Fixern“ ihre eigenen Fehler zuschreiben, um nicht verantwortlich zu sein. Das ist genauso Betrug, von der Farbe der Partei ganz unabhängig. Im konkret beschriebenen Fall würde ich aber wirklich so weit gehen, dass der Betrug von großen Koalitionen und Schwarzgelben ausging, und nun auf die Ampel und konkret die Grünen abgewälzt bzw. mit Nebelkerzen abgelenkt werden soll.

Eine Gabelung der Evolution?

Manchmal schaue ich auf die Welt, schaue mir die Perspektiven anderer Menschen an und staune. Natürlich klingt es ein bisschen überheblich, über die Perspektiven anderer Leute zu staunen. Aber von Anfang an…

Eine Freundin und ich chatteten heute über meinen Besuch bei der „Radlabor“-Konferenz der Hochschule Karlsruhe. Dort wird zum Thema Radverkehr geforscht, sowohl im Ingenieursbereich, als auch im stadtplanerischen Bereich und natürlich auch ganz stark in der Datenerfassung von Radverkehr – Bedarf, Gefahren, Regeleinhaltung, Gefahrenstellen, Konflikte und sogar Simulation. Dabei kam das Thema auf, wie sich in einem Experiment in Baiersbronn der Modal Split massiv veränderte – aus zuvor 72 % Auto in der Aktionsgruppe, die kostenlos ein Pedelec gestellt bekamen, wurden 28 % Auto und 68 % der Fahrten mit dem Pedelec. Bei der Gelegenheit kamen wir dann auf generelles Verkehrsverhalten. Zur Sprache kamen Extreme wie Menschen, die 20 bis 30 Kilometer (eine Strecke!) zur Arbeit mit dem Rad pendeln, oder gar einzelne Strecken laufend und den Rest mit dem Rad oder dem ÖPNV pendeln auf der einen Seite. Der andere Pol sind dann Leute, die beim Bäcker vor der Tür parken und dann ihr Auto drei Häuser weiter zum Metzger bewegen, und ja, das waren keine aus der Luft gegriffenen Beispiele. An dieser Stelle kamen mir zwei Bilder, zwei… Perpektiven, die sich vor allem darin unterscheiden, ob die Menschheit in zwei Gruppen zerfallen ist, die voneinander wissen, einander gar teils bedingen, aber in vielen Aspekten so unterschiedlich sind, als gehörten sie zwei verschiedenen Spezies an – oder ob das Ganze doch noch ein Spektrum ist, dessen Enden auch ob des kontinuierlichen Übergangs dazwischen doch noch kompatibel sind. Lasst mich erst einmal die Gabelung der Evolution zeichnen.

Man stelle sich vor… ein Mensch erhebt sich morgens aus seinem Bett, setzt Kaffee auf, trinkt diesen, putzt sich die Zähne und sperrt dann die Tür zwischen Flur und Garage auf. Ohne unter freiem Himmel gewesen zu sein, setzt er sich in sein Auto und rollt durch den morgendlichen Verkehr in einen entfernten Ort, stellt sein Gefährt in eine Tiefgarage, fährt mit dem Aufzug ins Büro hinauf und verweilt dort, vor einem Rechner sitzend, geht in die Kaffeeküche, geht zu einer Besprechung in den Konferenzraum. Zum Mittag bestellt die Kollegenrunde Pizza direkt ins Büro. Gegen 17:00 verlässt jener Mensch sein Büro, fährt mit dem Aufzug in die Tiefgarage, steigt ein, fährt nach Hause – kurz vor dem heimatlichen Dorf biegt er auf einen Parkplatz ab, ist das erste Mal an diesem Tag außerhalb eines Gebäudes oder des Autos, erreicht vielleicht seinen 800sten oder 1000sten Schritt an diesem Tag, während er Chips und Bier kauft. Dann trägt er selbiges in sein Auto, setzt sich hinein und fährt nach Hause. Mit der Fernsteuerung lässt er das Garagentor hochfahren, verlässt die Garage durch die Verbindungstür in den Flur, während das Garagentor herunterfährt, und schaltet den Fernseher an. Ein Glück! Das Spiel läuft erst 10 Minuten, freut er sich, während er mit seinem Feuerzeug die erste Bierflasche öffnet und die Chipstüte aufreißt. 1200 Schritte sind auf seinem heutigen Bewegungskonto. Als auf dem Bildschirm der Ball wechselt, zur von unserem Probanden bevorzugten Mannschaft, in Richtung Mittellinie gespielt wird, ein Mittelfeldspieler dribbelt und flankt… unser Proband auf dem Sofa spuckt Chipsreste auf den Tisch, als er in Richtung des Bildschirms brüllt: „Mann, du musst im Sechzehner sein, wenn die Flanke kommt! Das ist zu langsam…“ Wir reflektieren: Selbiger Mensch hat auf dem Supermarktparkplatz das erste Mal freien Himmel ohne Glas davor gesehen, am heutigen Tage vielleicht 1200 Schritte zurückgelegt, und fordert vom Stürmer seiner Mannschaft, in etwa zehn Sekunden von „wir wollen den Ball“ auf „wir haben den Ball“ umzuschalten und mehr als 50 Meter über das Spielfeld zurückzulegen, sich dann auch noch freizulaufen, hakenschlagend, um ungedeckt von einem Verteidiger eine Flanke annehmen und im Tor versenken zu können. Er guckt ein Spiel an, in dem die Spieler acht bis vierzehn Kilometer in einem Spiel laufen, dabei 10.000, vielleicht 20.000 oder mehr Schritte machen, was unserem Menschen auf dem Sofa vielleicht nicht unmöglich ist, vielleicht nicht unmöglich erscheint, aber in der Multiplikation von Unfähigkeit und Unwilligkeit doch niemals passieren wird. Nicht täglich, wie’s der Fußballspieler trainiert, nicht einmal wöchentlich, wie’s unser Mensch beim Fußballspieler tatsächlich sieht, nicht einmal im Jahr.

Sind dieser auf der Couch sitzende Mensch, der offenkundig von den Fußballspieler auf dem Bildschirm etwas erwartet, was für ihn durch Entwöhnung und Unlust unmöglich ist, noch ein und dieselbe Spezies? Können dieses beiden, die ganz offensichtlich in ihren körperlichen Fähigkeiten völlig inkompatibel sind, und das ganz ohne Unfall oder Behinderung, noch in irgendeiner Weise dieselben sein?

Das war ein extremes Beispiel und es war auch zumindest beim Fußballer nicht so auf den Verkehr, auf die Alltagsbewegung fokussiert, wie ich das vielleicht gerne hätte – bei unserem Menschen auf dem Sofa habe ich schon illustriert, wie viel Bewegung im Alltag vermieden wird. Wechseln wir also die Perspektive.

Nehmen wir mal an, da ist ein Mensch, der 1500 Meter zum S-Bahnhof von zuhause zu gehen hat, das auch immer zu Fuß macht. Manchmal muss dieser Mensch diesen Weg sehr schnell zurücklegen, weil unsere Probandin nach dem Tee Trinken einfach nicht in die Gänge kommt. Sie fährt mit der S-Bahn in die Stadt, wechselt dort den Zug, schaut sehnsüchtig auf den nebenan abfahrenden IC nach Westerland („Ich will wieder an die Nordsee…“) und rollt mit einer anderen S-Bahn zum Arbeitsort. Dort hat sie noch fast einen Kilometer zu gehen. Nachdem sie Mittags mit einem Kollegen, der mit dem Rad zum Büro kam, einen halben Kilometer zum Supermarkt gegangen ist, um was zu Essen zu kaufen, und den Nachmittag über weiter gearbeitet hat, zieht sie sich im Büro um, lässt ihren Büroklamotten da – fährt 20 Kilometer mit der S-Bahn an den Bahnsteig, wo sie zuletzt „Westerland“ von den Ärzten gesummt hatte, und rennt von dort einen Halbmarathon nach Hause. Später in ihrem Leben wechselt sie zu einer Arbeitsstätte in der Stadt mit dem Bahnhof, an dem der Zug nach Westerland abfährt, pendelt mit der Bahn und rennt öfter mal ganz vom Büro nach Hause – später pendelt sie fast nur noch mit dem Fahrrad und schafft eigenes Auto und Monatskarte ab.

Unsere Probandin weiß, wie schwer Bewegung fällt, wenn man sich lange kaum bewegt hat, sie ist mal völlig unglücklich Langstrecke mit dem Auto gependelt. Aber sie hat weniger Laufen und Radfahren im Fernsehen angeschaut (auch wenn sie das auch gerne tut), sondern hat es auch und mehr getan. Zehn Kilometer Aktionsradius zu Fuß, dreißig und mehr Kilometer Aktionsradius mit dem Fahrrad hat sie, in ihrem ganz persönlichen Modal Split kommt das Auto gar nicht mehr vor. Sie weiß, dass Spitzensportler, denen sie zujubelt, vielleicht eine Mischung aus Talent und Verletzungsresistenz mehr haben als sie, aber grundsätzlich sind Anna Kiesenhofer, Eliud Kipchoge, Wout van Aert und wie sie alle heißen, keine grundsätzlich unerreichbaren Sagengestalten. Freilich bemerkt sie, wenn jemandem die Kraft ausgeht, er oder sie eigentlich Aufgaben in einem Rennen oder Spiel zu erfüllen hätte – aber sie kennt’s selbst, manchmal geht das einfach nicht. Statt in den Bildschirm hinein zu fordern, bedauert sie, dass es nicht geht. Sie hat bemerkt, dass Menschen, die eher berührbar sind, neben denen sie auf den Veranstaltungen nach Läufen saß, auf deutschen Meisterschaften über zehn Kilometer gelaufen sind, sie hat mit Menschen auf einem Marathon-Podium gestanden (viel weiter unten freilich), die in einer anderen Disziplin Weltmeister waren.

Für mich, die ich eine recht gute Vorstellung vom Potential auch des menschlichen Körpers einer Person hat, die normal arbeitet, erscheint es vom Couch Potato bis zum Spitzensportler als ein kontinuierliches Spektrum. Die Positionierung unserer selbst in diesem Spektrum hängt weit mehr von unserem Willen ab, uns zu bewegen, als von Anlagen und Talenten. Natürlich gibt es Krankheiten und andere Probleme, die einen hier rausnehmen. Aber ein Großteil der Menschen gebraucht „keine Zeit“ für Bewegung sehr gedankenlos. Man kann mit dem Rad zur Arbeit fahren. Man kann sich zum ÖPNV gehend hinbewegen, statt mit dem Auto hinzufahren. Man findet Zeit für einen Spaziergang. Bewegung und Sport lassen sich an vielen Stellen unterbringen, und Bewegung in die alltäglichen Wege einzubringen, schon 100 Meter nicht mit Umparken des Autos, sondern zu Fuß zurückzulegen, spart Energie. Das greift ineinander.

Sind wir nun zwei verschiedene Spezies? Biologisch sicher nicht. Das Potential ist da. Dass wir nicht alle das körperliche und mentale Potential haben, Marathon unter 2:30 zu laufen, die Tour de France zu bestreiten oder Fußball auf hohem Niveau zu spielen, und nur sehr wenige die Chance bekommen, entsprechend intensiv zu trainieren, ist gegeben. Nicht allzuselten höre ich von Menschen, die eigentlich um Weltrekorde im Marathon wissen, dass man „so schnell doch gar nicht laufen“ könne, nachdem ich von Intervalltraining mit 400-Meter-Abschnitten in 1:30 und weniger berichte. Eliud Kipchoge läuft schneller, deutlich schneller, und nicht 400 Meter am Stück, sondern 42,195 Kilometer. Ich höre von Leuten, die das Straßenrennen bei den Olympischen Spielen angeschaut haben, dass vierzig Kilometer Radfahren zur Arbeit und zurück am Tag „irre“ seien, ich höre es so oft, dass ich es selbst auf mich und andere anwende. Wenn ich mir allerdings das am Anfang gezeichnete, zugegebenermaßen überspitzte Beispiel anschaue, möchte ich sagen: Wir sollten in Sachen Bewegung und Sport, in Sachen wissenschaftlichem Denken und Logik, in so vielen Dingen uns nicht in Trägheit suhlen und vermeintliches oder echtes „gottgegebenes“ Talent bewundern, am Ende noch die, die sich all diese Fähigkeiten hart erarbeitet haben, vor dem Fernseher, im Stadion oder an der Strecke dafür verurteilen, wenn’s mal nicht so läuft.

Man kann Zuhause-Arbeit-Zuhause fahren und sich ein bisschen wie bei Lüttich-Bastogne-Lüttich fühlen, man kann von der Arbeit heimrennen, sich wie bei einem Städtemarathon fühlen, beim Einbiegen in die heimische Straße die Hände hochreißen und am nächsten Tag mit der Bahn wieder hinfahren, wenn man keine Dusche im Büro zur Verfügung hat. Man kann zur S-Bahn gehen und wieder zurück, zum Bäcker und wieder heim, man kann einen Lastenanhänger ans Rad hängen und Getränkekästen kaufen oder die Picknickdecke damit zur Wiese befördern. Wenn das Gelände zu anspruchsvoll ist, kann man über ein Pedelec statt ein rein muskelgetriebenes Rad nachdenken.

Es gibt so viele Wege, sich von Sport, für den man sich begeistert, für das eigene Leben inspirieren zu lassen, und oft ist es so, dass etwas zu betreiben – als Hobby- oder Vereinssport, als Verkehrsmittel, was auch immer – in einem Verständnis und Begeisterung für einen bewunderten Leistungssport verstärkt und es befriedigender macht, diesen anzusehen. Denn wir sind eine Spezies, und dass es manchmal nicht so aussieht, ist bei so manchem eben keine krankheits- oder talentlosigkeitsbedingtes Schicksal, sondern schlicht Trägheit.

Abwägung

Wer hier aufmerksam liest, weiß, dass ich viele Daten meines Körpers ständig messe – beim Sport, aber eben auch in Ruhe. Ich präsentiere hier nicht ständig alle Werte, weil viele eben doch eingependelt sind und über „Nichts Neues“ braucht man ja auch nicht zu berichten. Über Sport, aber auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung und anderes habe ich zudem ein Gefühl für Belastung von Physisches, Mentales und Psychisches entwickelt, ein paar Erfahrungswerte stecken auch in der Selbstbeobachtung.

Was ich nicht ganz so oft hier zeige, ist meine Trainings- und auch Lebensplanung, sondern meistens erst den Vollzug. Wie heißt es so nett: Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt! Daher wird natürlich modifiziert und angepasst, aber nicht auf’s Geratewohl, sondern unter Berücksichtigung der Vorkenntnisse und der aktuellen Ereignisse, die zur Modifikation des Plans führen müssen. Zum Beispiel hatte ich vor, auf den Badenmarathon im September nach Peter Greif zu trainieren, unter Verwendung des „Countdown“. Das hätte erfordert, dass ich gesund und ausgeruht Mitte Juli loslegen kann. Nun hat mich nach der Bergdorfmeile eben doch Sars-CoV-2 erwischt, also steht ein Loslegen mit Tempotraining ab 17.07. nicht zur Debatte – warum nicht? Weil ich unter Berufung auf die bisher gelesenen Erfahrungswerte mit Covid-19 für mich selbst beschlossen habe, dass auch bei einem Verlauf ohne Herzbeteiligung 14 Tage ab Symptombeginn oder eine Anzahl von symptomfreien Tagen, die mindestens der Zahl der symptombehafteten Tage entspricht, bis zum Wiederanfahren des langsamen Trainings verstreichen müssen – je nachdem, was länger ist. Dass ich dann vor hatte, Belastungsgefühl und Herzfrequenz im Verhältnis zum Tempo gut zu beobachten, versteht sich von selbst, dafür habe ich ja das PRAPP und den PRAGQ.

Ich gebe zu, dass das System an Datennahmen, Analysen und Abwägungen, gekoppelt mit dem Körpergefühl, reichlich komplex geworden ist. Dass ich zum Beispiel auch einbeziehe, ob ich gut geschlafen habe, weil ich erfahrungsgemäß negativer urteile, wenn ich schlecht geschlafen habe, macht es nicht besser. Auch, ob ich komplexe, hypothetische Gedanken zu Ende führen kann nach einem kurzen Absetzen oder einer Unterbrechung, spielt eine Rolle, denn oft ist die Unfähigkeit hierzu ein Zeichen, dass mental, emotional oder vielleicht sogar körperlich etwas nicht stimmt. Ich mache in den letzten Jahren allerdings zunehmend die Erfahrung, dass Menschen die Gültigkeit meiner Messungen, Analysen, Prognosen und daraus resultierender Pläne für mich selbst bezweifeln. Das rührt manchmal daher, dass sie das System nicht begreifen, manchmal daher, dass sie mir nicht zuhören und gelegentlich auch, dass sie eigene Erfahrungen (mit sich, ihrem Leben, ihrem Körper), Vorurteile, Ängste oder auch allgemeine Ideen ohne Berücksichtigung des Einzelfalles für wesentlich valider für meine Situation halten, als meine an meiner Situation und mehreren Krisen entwickelte Selbstbetrachtung.

  • Ich komme mit Fällen fiebriger Schwäche zum Arzt und man will mir das Laufen verbieten, weil ich als Nebenschauplatz vom langen Liegen durch den anschließenden, zweitägigen Migräneanfall leichte Schmerzen im unteren Rücken habe. Am Ende war’s Borreliose…
  • Selbe Krankheitsphase, ich gebe gegenüber dem Arzt zu, dass der Anteil intensiver Einheiten im Vorfeld etwas hoch war und dass ich das beim Wiederanfahren in Form von Korrekturen berücksichtigen will. Ich bekomme eine Überweisung mit der Bitte an den Orthopäden, mir Trainingsberatung zu geben…
  • Ich werde gefragt, wie es mir geht, mit meiner aktuellen Sars-CoV-2-Infektion. Ich erläutere, es geht schon besser und erzähle von dem Plan, mindestens zwei Wochen ab Ausbruch und mindestens doppelt so lange, wie ich symptomatisch war, mit sanftem Sport Wiederanfahren zu warten. Ich bekomme empfohlen, doppelt so lange zu warten.
  • Ich erzähle von meiner Trainingssteuerung und der eigenen Überwachung durch Messungen. Man sagt mir, ich solle es nicht übertreiben – jedes Mal.

Ganz allmählich frage ich mich, warum ich eigentlich von meinem internen Mess-, Analyse- und Planungssystem, modifiziert durch Körpergefühl erzähle. Warum ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe und am korrigieren bin. Wer das System nicht versteht, bezweifelt instantan, dass es funktionieren kann. Vermutlich, weil es komplex und umfangreich und mathematisch ausgedrückt ist. Wenn ich von meinem Körpergefühl erzähle, wird dem grundsätzlich misstraut. Wenn ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe, werden mir die fortan auf’s Brot geschmiert – dass sie selbst erkannt und dabei bin, daraus für die Zukunft zu lernen, wird entweder ignoriert oder die Person hat da schon aufgehört, mir zuzuhören.

Es gibt so viele Leute, die mich fragen, wie es mir geht oder was ich gerade mache. Sie bekommen dann eine ausführliche, ehrliche Antwort, teils auch unter Erwähnung der Irrwege, aus denen kein „How to“ entsteht, sondern ein „Wie es nicht geht und weswegen man es nun anders macht“. Vielleicht sollte ich floskelhaft „danke, gut“ oder „schon langsam besser“ verwenden, statt einer ausführlichen Antwort. Vielleicht sollte ich die Überlegungen, die zu meinen Plänen führen, sowie meine Pläne selbst, verschließen.

Es sind sicher nicht die Hälfte der Leute, deutlich weniger, auf die das zutrifft – für mich sind’s aber zu viele. Ich mag es, Ratschläge zu bekommen. Aber bloß, weil deren Freiheitsgefühl, deren Angst, deren Körpergefühl und Vorstellungsvermögen völlig anders funktioniert als meines, ist meines noch nicht falsch. Und bloß, weil mein System aus Körpermessdaten (beim Sport und in Ruhe), abgeleiteten Schätzern und daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht verstanden wird, ist es noch nicht falsch oder unsicher, im Gegenteil: Ich habe viele Schätzer im Stillen ausprobiert, diskutiert, evaluiert – und benutze sie, WEIL sie über Jahre hinweg funktioniert haben, auch für Trainings- und Lebensplanung.

Ganz konkret: Wenn ich auf so manche Ratschläge gehört hätte, hätte ich nicht mit dem Laufen eine Methode, die mir eine erhebliche Reduktion meiner Kopfschmerz- und Stressproblematik gibt. Hätte ich auf all die Leute, die nicht nur von sich ausgehen (das tue ich nämlich auch), sondern ihre Limitierungen und Vorstellungen auf andere übertragen, wäre ich niemals unter 3:10 auf den Marathon gelaufen. Hätte ich mich mit der Anzeige der maximalen Sauerstoffaufnahme meiner Uhr und der Ansage: „Sie brauchen einen externen Trainer!“ abgefunden, hätte ich nie herausgefunden, dass ich meistens, wenn auch nicht immer, über das PRAPP noch symptomlose Infektionen detektieren kann, ich hätte das PRAPP überhaupt nicht entwickelt, sondern mich auf eine andere Person verlassen, ohne es zu hinterfragen, dass diese andere Person analytisch auch nur mit Wasser kocht – sicher nicht schlechter als ich, aber zwingend besser?

Am Ende des Tages reagiere ich wahrscheinlich im Moment deswegen so empfindlich, weil ich gerade sehr konkret spüre, wie das Bedürfnis nach Vor-Pandemie-Normalität auf der einen Seite und die Sorge, mich und andere zu infizieren, das Sicherheitsbedürfnis auf der anderen Seite an mir zerren. Wenn Leute gute Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die ich wissentlich oder aus Versehen nicht ergriffen habe, frage ich mich, ob ich das hätte tun sollen. Wenn Leute Dinge tun, die ich mich nicht traue, frage ich mich, ob die mir auch gut getan hätten, und das Risiko in dem Falle wert gewesen wären. Wenn es um das Handling der Infektion geht, frage ich mich, ob ich in Sachen Sport, in Sachen Arbeit, in Sachen Leben so damit umgehen solle, als sei es ein Schnupfen (wie es sich im Moment anfühlt), oder als hätte ich unbemerkt eine Mykarditis, bzw. wo dazwischen ich mich ansiedeln sollte.

Aber ganz aufrichtig: Bloß, weil Menschen sich anderswo dazwischen ansiedeln als ich, ist meine Ansicht noch nicht falsch. Wenn mich das zu einer Querdenkerin macht, fürchte ich um mich. Aber ich glaube, ich bewege mich argumentativ und analytisch auf einer faktenbasierteren Grundlage als sowohl die Querdenker als auch die, die gefühlsmäßig einfach immer nochmal in Sachen Angst und Vorsicht einen draufsetzen.

Nur mal so am Rande…

In den letzten Wochen habe ich über soziale Medien öfter Berichte von Radfahrern gelesen, denen bei Forderungen nach geteerter Radinfrastruktur vorgeworfen wurde, sie führen ja nur aus Freizeitgründen. Auto-Infrastruktur diene ja Arbeitswegen… deswegen reicht Schotter und festgefahrene Erde für Radwege, Straßen (bei uns selbst die zum Paddelverein am Altrhein im Naturschutzgebiet!) sind dagegen stets geteert und glatt.

Nur mal angerissen: Als Radfahrer oder Radfahrerin ist man auch mit Schutzblechen dem von den Rädern aufgewirbelten Teil des Belags, insbesondere, wenn er angeweicht ist, deutlich direkter ausgesetzt als in einer Blechdose. Auf zwei Rädern spielt Rutschigkeit durch angeweichte Erde oder durch Schotter eine wesentlichere Rolle für die Stabilität der Fahrt als auf vier Rädern. Den höheren Rollwiderstand durch unebenen Untergrund gleicht man auf dem Rad durch Muskelkraft (oder ggf. ein wenig E-Unterstützung) aus, man spürt also direkt in der erforderlichen Anstrengung die Wege-Qualität.

Spielt ja in der Freizeit alles keine Rolle (echt nicht?). Ich würde allerdings unterstellen, dass ich nicht die einzige Person bin, deren Fahrradnutzung so aussieht:

Gefahrene Rad-Kilometer 2022 bis zum aktuellen Tag, eingestuft nach Anlass der Fahrt.

It’s always ashame, it’s just ashame, that’s all

Das Thema „Plagiate bei Doktorarbeiten von Politikern“ ist ein Dauerbrenner. Kaum kommt irgendwer aus den noch unbekannten Tiefen irgendeiner Partei an ein Amt, springen die Plagiatsjäger auf die Dissertation und finden Plagiate.

Mein erster Reflex ist stets zu fragen: „Boah, hab‘ ich in meiner Diss alles so weit kenntlich gemacht, was ich benutzt habe? Jede Annahme, jede Formel… Moment. Formel. Was war das eigentlich für eine Dissertation, die sie da auf Plagiate gescannt haben?“ Dann gucke ich nach. In der Regel sind es dann Arbeiten aus den „textlastigen“ Wissenschaften… Politikwissenschaft, Jura… und ich denke mir dann so: „Okay. In dem Bereich ist auch jedes Wort, jeder Satz, jede Folge von Sätzen in den Details ihrer Formulierung wichtig und die Menge an von diesen Wissenschaften fest belegten Worten, die Menge an Satzstrukturen ist zwar viel größer als bei Formeln, am Ende aber doch begrenzt. Ist was anderes als bei Natur- und Ingenieurwissenschaften…“

Schließlich folgt dann die Frage: Wenn diese Arbeiten bei der Erlangung des Doktortitels nicht auf diese Weise geprüft werden, wenn diese Arbeiten erst wichtig genug werden, sie in nickeliger Weise auf möglicherweise auch zufällig gleiche Formulierung zu prüfen wie in anderen Artikeln, was ist ein solcher Doktortitel dann überhaupt wert, eben auch BEVOR die Person, die ihn führt, in die Öffentlichkeit tretende Politikerin oder in die Öffentlichkeit tretender Politiker wird? Sind nicht Menschen, die nah an Recht, Gesetz oder an Ideen und Konzepte in Sprache ausdrückenden Texten denken, arbeiten und formulieren, daran gewöhnt, den als wahr geltenden Text zu nutzen? Wenn ich die Formulierung „die Mittel vorhanden und die Maßnahmen getroffen, damit nach Stand von Wissenschaft und Technik die Schutzvorschriften eingehalten werden“ verwende, dann entspricht diese – mehr oder minder wörtlich – der entsprechenden Regel im Strahlenschutzgesetz. Da wird dann erst im Begründungsteil auf § 13 Absatz 1 Nummer 6a StrlSchG verwiesen… und vielleicht habe ich diesen Satz hier auch auswendig nicht völlig exakt zitiert, weil noch irgendwo ein „erforderlich“ oder „notwendig“ dazwischen steht.

Und so stehe ich da und kann an diesem Spiel kaum etwas finden, das irgendeinem der Beteiligten schmeichelt: Politiker promovieren oder schreiben ein Buch in einem Bereich, der ihrer politischen Tätigkeit naheliegt, nur um ein Buch oder einen Doktortitel präsentieren zu können. Ashame, Teil 1. Es wird geprüft, ob das so passt und keine Ideen oder wirklich orginäre Formulierungen genutzt wurden, ohne es zu kennzeichnen – aber offenbar nicht genug. Ashame, Teil 2. Kein supernickeliger Plagiatsjäger schert sich drum. Ashame, Teil 3. Dann kommt der oder die Politiker/in in ein Amt und plötzlich interessiert sich der supernickeliger Plagiatsjäger dafür, findet was, das mehr oder minder der guten wissenschaftlichen Praxis zuwiderläuft, und plötzlich ist der Skandal da – die Uni hat nicht genau genug geschaut, der Politiker – ob nun bewusst oder unbewusst – für ein vermeintlich karriereanschiebendes Dokument mehr übernommen als gekennzeichnet und der Plagiatsjäger erst auf potentiellen Ruhm und Öffentlichkeitswirksamkeit hin beschlossen, die Arbeit oder das Buch auf gute wissenschaftliche Praxis zu durchleuchten. Ein Riesenskandal ist da, der Politiker das Amt kostet, arbeitsintensive Übergänge in Parteizentralen oder Ministerien erzeugt, in denen diese ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen können, und es ist mal wieder von wirklich wichtigen Themen abgelenkt.

Wann, ja wann kommt uns denn mal der Gedanke, dass der Doktortitel nicht zum besseren Menschen macht, sondern nur qualifiziert, wissenschaftlich zu arbeiten, Politik aber nicht kritische Wahrheitsfindung, sondern zeitkritische Konsensfindung ist?

Hilft es, nachzugeben?

Das Erschreckendste an dem, was gerade passiert, ist für mich:

Man kann natürlich glauben, dass es wegen des nicht wie vorgesehen laufenden Kriegs in der Ukraine ist, das Putin zur Drohung mit Atomwaffen greift. Man kann behaupten, dass es an unseren Sanktionen hängt.

Aber das ist aus meiner Sicht Quatsch. Wir haben durch unsere Reaktion, die Ukraine hat durch ihren mächtigen Widerstand nur die Zeit, bis Putin zu diesem Mittel greift, reduziert. Irgendwann, und nicht zu weit weg, wäre der Punkt gekommen, wo er auch für uns vitalere Dinge bedroht hätte, einen NATO-, EU- oder beides Staat angegriffen hätte. Polen hat Angst, die Türkei hat Drohnen an die Ukraine geliefert, Ungarn hat sich vor Deutschland für den SWIFT-Ausschluss ausgesprochen.

Warum sind „Autokratenmachos“ früher auf diesen Zug aufgesprungen, Putin wenigstens mit schmerzhaften Sanktionen wie den SWIFT-Ausschluss in der Ukraine aufzuhalten zu versuchen und nicht auf den nächsten Schlag zu warten? Ganz einfach: Sie WISSEN, dass er nicht anders kann, als den nächsten Schlag zu starten, das ist Autokratenlogik. Und auch wenn sie in unseren Augen nach seiner Schablone handeln, ob es nun die Zementierung der Machtposition von Herrn Erdogan ist, oder was PiS in Polen und Herr Orban in Ungarn tut, sie wissen ganz genau, dass im Zweifel Putin keinen Anführer neben sich dulden kann, will und wird, wenn er weiter geht.

Und deswegen wäre beschwichtigen und hoffen, dass er nicht weiter geht, Hinauszögern und Erhöhen des Preises von etwas, das zu verhindern nicht in unserer Macht liegt.

[KuK] Es macht mich sprachlos…

…in wie viele Scherben der Traum von einer friedlichen Welt, den ich in meinen Teenager-Jahren mit so vielen zusammen geträumt habe, nach dem Ende des kalten Krieges, zerbrochen ist.

Es fühlt sich nach einem ähnlichen Bruch an wie damals 9/11. Die Konsequenzen sind unübersehbar. Nicht nur, dass ein rücksichtsloser, illiberaler Aggressor ein zweites Mal unwidersprochen, und dieses Mal mit einem offenen Angriffskrieg, loszieht, Menschen umbringt und Gebiete erobert, um den Menschen dort seine Vorstellung vom Leben aufzuzwingen, nein, mehr noch: Grenzen, die kriegerisch zu verschieben man hinter sich zu lassen geglaubt hatte, werden kriegerisch verschoben – nach einem ersten überraschenden Coup nun ganz offen und im festen Vertrauen, dass sich niemand ihm entgegenstellen wird.

Und das macht mir Sorge, nicht nur Sorge, sondern Angst.

Die Frage ist nämlich ganz klar, wo das endet, in Sachen Annexionsambition und auch in Sachen Eskalation, sowohl räumlich als auch qualitativ.

Sagte ich schon Angst?

[KuK] Irritiert…

…bin ich gerade von einem scheinbaren Konflikt.

Auf der einen Seite ist da der echte Konflikt um Gas, möglichen Überfall und eine weitere Grenzverschiebung, die man eigentlich im Nachkriegseuropa nicht mehr für möglich hielt. Das macht mir Sorge und Angst – es geht dabei natürlich um Russland.

Auf der anderen Seite sind da derzeit ein Haufen junge Eiskunstläuferinnen, deren verschiedene Stile, deren Technik und deren Auftreten meine Freude am Zuschauen beim Eiskunstlaufen wieder entfacht haben. Eine Reihe dieser jungen Damen sind Russinnen – in erster Linie Kamila Valieva und Elizaveta Tuktamysheva (wobei letztere nicht zur EM fuhr und wohl auch auf den Winterspielen nicht mitkommen wird).

Auf der einen Seite bin ich ich. Dass ich Deutsche bin, bestimmt nicht, was ich für Ansichten habe. Gegebenenfalls habe ich auf Dinge, für die man Deutschland im Ausland (berechtigt oder nicht) verurteilt, keinen Einfluss, bin eventuell dagegen, selbst wenn ich es nicht laut gesagt habe. Auf der anderen Seite würde ich glaube ich mit anderen Augen auf die Performances der jungen Damen schauen, mit getrübter Begeisterung, wenn sie sich in einer Weise äußern würden, wie das vor einigen Jahren von einer russische Stabhochspringerin durch die Presse ging.

Aber am Ende des Tages hoffe ich, dass mir Menschen aus anderen Ländern (egal, ob Prominente wie Sportler oder „ganz Normale“) nicht per se deswegen suspekt sind, weil das Land eine Politik oder Strategie pflegt, die mir nicht gefällt oder mich besorgt. Und so werde ich wahrscheinlich doch mindestens in der Wiederholung die Kurzprogramme und Küren der Winterspiele anschauen, nicht nur wegen der Russinnen, sicher auch wegen all der anderen (insbesondere auf Hanyu Yuzuru freue ich mich), aber eben auch.

Und derweil hoffe ich, dass der durchaus reale Konflikt, der die eine Seite meines inneren Konflikts um diese scheinbar widerstreitenden Einstellungen bildet, nicht eskaliert.