Eile mit Weile

Heute morgen hatte ich eine halbe Stunde Zeit, im Erbolino Kaffee und heiße Schokolade zu trinken. Das bedeutet zwar, ein bisschen was von meiner angesammelten Überzeit auf der Arbeit zu verbrauchen, aber dafür ist sie ja da.

Der Anlass war aber ein nicht nur positiver. Ich habe zur Zeit ein paar Stellen im Bereich von Po und Oberschenkelrückseite, die sich wie schlecht heilende Pickel anfühlen, aber halt so langwierig sind, dass ich mal nachfragen wollte, ob man nachsehen sollte. Die Ärztin guckte sich das an, brachte es mit dem in Hochleistungsphasen reduzierten Immunsystem zusammen und überwies mich dennoch vorsorglich zum Hautarzt. Das dauerte dann ein bisschen, so dass ich nicht nur meinen üblichen Zug um 7:29 nicht bekam – Kunststück, der Arzt macht um 8:00 auf – sondern auch die Züge um 8:09 und 8:29 ziehen lassen musste. Nun sitze ich mit dem (unsinnigen) schlechten Gewissen beim gleitzeitigen Spätkommen im 9:09er und fühle mich einerseits super bei dem geruhsamen Morgen, denke aber andererseits darüber nach, dass „früh kommen“ oder „sehr lang bleiben“ noch immer per se mit guter Arbeitsleistung gleichgesetzt werden. Weder das eine noch das andere zu tun hat immer noch den Beigeschmack von Faulheit. Dabei geht’s vor allem darum, sein Zeug zu erledigen, und insbesondere lang zu bleiben oder extrem früh zu kommen korrespondiert wesentlich weniger eindeutig mit zuverlässig schnelle Erledigung der nötigen Aufgaben, als wir das in unserer Programmierung haben.

Sicher, ein freier Tag auf Überstundenabbau wäre noch schöner, aber manchmal ist’s schon super – und motivierend – einfach mal die über eine Woche aufgebaute Zeit an „morgens später kommen, trotzdem nicht länger bleiben“ zu verheizen. Das nette Gespräch mit einer der Mitarbeiterinnen bei Erbolino war auch eine wundervolle Bereicherung meines Morgens!

[KuK] Zeiteffizienz!

Von der Arbeit heim: Fünf Minuten gehen, zwei bis vier Minuten warten, vierundzwanzig Minuten Bahn fahren, zwölf bis fünfzehn Minuten gehen. Dreiundvierzig bis siebenundvierzig Minuten … aber noch keinen Meter sportlich gelaufen – das ist dann auch noch ’ne Stunde, in der zehn, vielleicht zwölf Kilometer rum kommen.

Von der Arbeit heim Laufen: Achtzehn Kilometer in anderthalb Stunden, vielleicht auch mal einer Stunde und fünfzig Minuten.

Wenn ich jetzt sage, ich hab‘ keine Zeit zum laufen …

Ein seltsames Gefühl

Beim Lauf in Neureut vor zehn Tagen war es kalt und grau. Über die Karwoche wurde es bis Ostern schlagartig frühsommerlich. Zugleich fiel ich von topfit und voll im Training in eine Erkältung, die zwar schnell abklang, aber nichtsdestotrotz total gegenläufig zum Wetter erschien.

Gerade fahre ich wieder zur Arbeit, nach einem Tag krank, Osterfeiertagen und einem Tag Urlaub. Meine Nase markiert „Allergie“, ein allergisches Schniefen kam direkt in der Erkältung schon auf. Es fühlt sich an, als wäre alles durcheinander gewirbelt. Dennoch haben mich die paar Tage ordentlich „herausgenommen“ und mir Zeit für Kreatives gegeben. Ich habe wieder in Minecraft gebaut, seit langem mal wieder, und ich habe den Howard-Goldstein-Vortex auf den Weg gebracht. Nun komme ich mir vor, als seien seit dem Lauf in Neureut, seit dem letzten Mal arbeiten, Wochen vergangen – und nicht nur ein paar Tage.

Zeit ist oft so subjektiv!

Wirres zum Thema Prioritäten

Da ich zur Zeit eine ganze Menge und durchaus auch mit (für mein Gefühl) sehr passablen Erfolgen die Lauferei betreibe, erzähle ich gerne davon. Oftmals begegnet mir im Kontext dieses „Angebens“ seitens meines Gegenübers eine Art Rechtfertigung. Oftmals hat diese Rechtfertigung, selbst nicht so viel Sport zu betreiben, mit dem Satz „Ich sollte auch mal…“ oder „Ich sollte auch mal wieder…“ zu tun. Fast stets ist die Argumentation, warum’s doch nicht passiert: Keine Zeit.

Ich für meinen Teil habe darauf eine Antwort, die ich meistens in diesen Gesprächen eben NICHT gebe, da sie meistens missverstanden wird. Ich kann das einfach illustrieren über ein Zitat, das ich gerne bemühe:

Kirk, Scott und Chekov begegnen auf der Brücke der Enterprise-B der Steuerfrau des brandneuen Schiffes, Demora Sulu, der Tochter von Hikaru Sulu. Nachdem sie sich über einige nostalgische Gedanken ausgetauscht haben, fragt Kirk Scotty: „Sulu. When did he find the time to have family?“ Scott antwortet ihm: „Well like you always say, if something’s important, you’ll make the time.”

Fühlt sich nun jemand angegriffen, weil er oder sie aufgrund von Kindern, Familie und Job nicht einfach die Zeit für einen Luxus wie Laufen freischaufeln kann? Ja? Genau deswegen antworte ich auf „Ich habe keine Zeit dafür“ in aller Regel nicht mit diesem Zitat. Das Problem ist nicht das Zitat. Das Zitat an sich ist wahr und weise. Denn für das, was wichtig ist, finden wir die Zeit. Die Frage ist nur: Was ist uns wichtig? Wer definiert das – und was von den Definitionen, die nicht von uns stammen, akzeptieren wir oder machen es uns gar zueigen?

Dass die Menge an Zeit, die uns zur Verfügung steht, begrenzt ist – insgesamt und jeden Tag gleichermaßen – ist ein Fakt. Was wir mit diesem wertvollen, begrenzten Gut anfangen, ist zunächst einmal unsere Sache. 

Es ist leicht, das „Aber“, das ich in dem hier begonnenen Absatz anreiße, zu ignorieren, wenn man niemanden hat, der von einem abhängig ist. Deswegen füge ich es ein. Natürlich ist unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen, insbesondere für jene, die von uns abhängig sind, ein ganz entscheidender Faktor dafür, ob etwas „wichtig“ ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass „wichtig“ auch in unserer von Individualismus als Wert geprägten Gesellschaft nicht allein „was ist uns nur aus uns selbst heraus wichtig“ bedeutet. Wir können das auch nicht ignorieren. Es gibt das, was uns aus uns selbst heraus wichtig ist. Es gibt das, was uns aus unserem Verantwortungsgefühl für andere wichtig ist. Es gibt auch das, was uns aufgrund dessen, dass andere, deren Meinung wir achten, Wert darauf legen, wichtig ist. Wenn wir all diese Rahmenbedingungen einbeziehen, bleibt oft wenig Zeit übrig. Das, wofür wir uns verantwortlich fühlen und der essentielle Selbsterhalt sind kaum verhandelbar. Wenn uns nach diesen beiden Punkten schon die Zeit ausgeht, geht’s an die Grundsätze, wo wir uns vielleicht für Dinge verantwortlich fühlen, die andere machen sollten. Gerade bei der Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene ist das ganz schwierig. Das nachzuvollziehen ist für mich manchmal schwer, da ich keine Kinder habe, dennoch habe ich volles Verständnis dafür, dass man damit hadert. Bei mehreren, die sich eine Verantwortung dieser Art teilen, wird’s erst recht komplex, denn hier spielt bei nicht verhandelbar zu erfüllenden Aufgaben noch die nach den Bedürfnissen richtige Verteilung eine Rolle. Weil das schwierig ist, werfe ich ungern Leuten dieses „If something’s important, you’ll make the time!“ entgegen, da es ohne die Ansage, wie viel eigentlich in dem kleinen Wort „important“, „wichtig“ drinsteckt, der Komplexität nicht gerecht wird.

Wenn allerdings nach diesem Punkt noch Zeitkontingente übrig sind, ist die Frage verhältnismäßig leicht: Ist die mündige Person, die nicht auf meine Zeit angewiesen ist, in sich selbst und ihrem Anliegen für mich wichtig genug, um meine eigenen Anliegen hintenanzustellen? An dieser Stelle gilt es, die selbst entschiedene Prioritätsliste zu akzeptieren – oder sie zu ändern. Vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen, dass man ja die Erwartungen von Person X erfüllen muss und deswegen nicht zum Sport gehen kann, obwohl man das gerne möchte, führt nirgendwo hin. Entweder ist mir das Erfüllen der Erwartungen von Person X wichtiger, oder ich sollte es ändern.

Oft habe ich den Eindruck, dass Menschen allzu leicht die Erwartungen mündiger Personen X als „Verantwortung“ übernehmen. Die eigentliche Kunst an der ganzen Sache ist, festzulegen, was unverhandelbar wichtig aus Verantwortung für Schutzbedürftige resultiert. Das ist nämlich die Stellschraube, an der man hinterfragen kann, in wie weit „If something’s important, you’ll make the time“ es sich zu einfach macht – und in wie weit der Mensch, der keine Zeit hat, es sich zu schwer macht. Ich habe dafür natürlich keine Lösung, ich bewundere das Problem. Wobei – für mich selbst verhandle ich die Antwort ständig neu, und immer bewusster. Die Antwort besteht nämlich nicht über die gesamte Zeit, die wir leben, sondern verändert sich mit Umständen und Lebensalter.

Die Zeit vergeht…

… wie im Flug, wenn man Spaß hat.

Das sage ich recht oft. Wenn ich es auf der Arbeit sage, wird es immer als Sarkasmus interpretiert. Zumindest war das bei früheren Arbeitsplätzen so. Das ist aber gar nicht so. Eigentlich hatte ich heute vor, irgendwann mittags meine Matte auszurollen und Stabilitätsübungen und anderes zu mache – Brücke, Planks, Side-Planks, Kniebeugen, Liegestützen, Crunches und Fallschirmspringer. Aber ich war so vertieft in das schreiben einer Genehmigung und das nachlesen der Rechtsgrundlage, dass ich das völlig vergessen habe. Klar, ich denke auch immer mal nebenraus, aber das gehört dazu. Ich hatte wirklich großen Spaß an dieser Bastelei am Text.

Nun muss ich mal sehen, ob ich nachher Übungen mache – aber wie gesagt, die Zeit verging wie im Flug!

Wo das Auto mich überzeugt …

… ist eher ein „Wann“. Ich habe mehr und mehr festgestellt, dass der Nahverkehr zumindest hier in der Rheinebene zwischen Rastatt und Karlsruhe – oder vielleicht sogar durchgehend Rastatt bis Rhein/Neckar – mich überall hinbringt, wo ich hin will. Das ist großartig.

Allerdings bringt mich der Nahverkehr nicht immer dann dorthin, wenn ich dorthin will. Das Beispiel, das zu dieser Erkenntnis führte, war die Strecke von Karlsruhe nach Hause am gestrigen Dienstagabend – oder eher am frühen Mittwochmorgen. Freunde von mir nahmen mich nach einem furiosen VNV-Nation-Konzert in Frankfurt in der Batschkapp mit dem Auto wieder mit nach Hause – und ich war unheimlich dankbar, dass sie mich wirklich bis nach Hause fuhren, obwohl das einen Umweg von mindestens 40 Minuten für sie bedeutete. Denn mein letzter Zug wäre von Karlsruhe nach Bietigheim (Baden) um 0:20 gefahren. Da waren wir gerade irgendwo zwischen Darmstadt und Mannheim.

Sprich: Die Frage ist – zumindest im dicht besiedelten Oberrheingraben – nicht „wo bringt Dich die Bahn nicht hin?“, sondern vor allem „wann bringt sie Dich da nicht mehr hin?“.

Knapp oder optimiert?

Da ich zur Zeit fast immer einen kleinen Sprint einlege, wenn ich zur Bahn gehe, frage ich mich gerade:

Gehe ich immer knapper los? Oder kann ich nur besser einschätzen, wie lange ich zur Haltestelle brauche und traue der Sache doch noch nicht so ganz?

Heute früh hatte ich so etwa 90 Sekunden, bis die Bahn einfuhr, nach 12 Minuten Weg von zuhause. Eben waren’s etwa genauso viel nach 9 Minuten vom Büro, mit zwei optimal laufenden Straßenquerungen. Irgendwie kommt mir das zu knapp vor, auch wenn es beide Male gereicht hat. Da meine Wartezeiten an der Bahn konstant gesunken sind, aber immer auch mal was unvorhersehbares passieren kann, stellt sich die Frage: wann verpasse ich mal die Bahn?

Naja, aber vermutlich optimiere ich einfach nur meinen Arbeitsweg. Das ist ja nichts Schlechtes, so lange immer noch ein Puffer gegen das Verpassen der Bahn bleibt. Ich sollte wohl meine Ankunft am Bahnsteig nicht asymptotisch gegen die Abfahrtszeiten gehen lassen, sondern sie lieber ebenfalls asymptotisch an eine Zeit 60 Sekunden vor der Abfahrt annähern. Klingt nach einem Plan, finde ich.

Autsch!

Leider ist es so: wenn es kommt, kommt es dicke. Dass auch die eigene Unachtsamkeit aufgrund von „mehr als sonst“ oder gar „zu viel“ dazu beiträgt, die Situation zu verschärfen, habe ich heute eindrucksvoll bewiesen bekommen.

Es ist kurz vor Weihnachten, es gibt unzählige Dinge noch in diesem Jahr zu erledigen. Dazu habe ich noch einen Beitrag zu unserer Weihnachtsfeier auf der Arbeit gebastelt – einen kulinarischen: blanchierter Spinat mit einer Sesam-Mirin-Sojasauce-Sauce. Also hatte ich heute nach Stau auf der Autobahn bei der Fahrt zur Arbeit, engem Zeitrahmen bis zum ersten Termin am Morgen auch noch eine Tasche und eine Schüssel zu tragen. Wie meistens, wenn man hundert Dinge denkt, in Eile ist und auch physisch zu viel schleppt, wird man unachtsam. Mein Fuß rutschte seitwärts vom Bordstein, das Gleichgewicht war weg, zumal ja auch die Arme ungleich schwer waren: In der einen Hand hatte ich die Metallschüssel mit Gomaae. Also fing sich mein Körper über linkes Knie, dann rechts Knie, dann linken Handballen ab. Schlimmes ist nicht passiert, aber für einen Moment hat es schon weh getan. Dazu sind in der robusten, tollen Eislaufstrumpfhose, die im Winter zu meinen Röcken fest gehört, am linken Knie ein paar Löcher und ein paar Flecken, am rechten Knie ging’s mit zwei Löchern ab. Zum Glück habe ich ja Overknee-Strümpfe an, die ich zur Zeit normal unterhalb der Knie lasse – die habe ich einfach hochgerollt, schon sieht man nichts mehr.

Aber die Lehre aus dem Ganzen ist: Auch wenn die Zeit knapp ist, gehe lieber zweimal, wenn zu viel zu tragen ist. Auch Gehen ist nichts vollständig Selbstverständliches, man kann nicht beliebig Konzentration davon abziehen, irgendwann ist man nicht mehr auf unvorhergesehene Dinge vorbereitet.

Kein Plan …?!

Ich weiß, dass ein Trainingsplan total sinnvoll ist und mir helfen würde, meine Ziele zu erreichen. Ich kenne die Vorzüge des Ganzen und würde mich auch dran halten wollen – nur dummerweise ist da das Pendeln. Das bedingt, dass ich recht unregelmäßig starke Verzögerungen beim Heimkommen hinnehmen muss. Fest geplante Abendaktivitäten gehen dann vor, Essen muss ich ja auch noch – und schon bin ich aus dem Plan raus. Deswegen habe ich im Moment für mich eine andere Basis gefunden:

Ich versuche, einen Rhythmus aus schnellen, langsamen und unterschiedlich langen Einheiten zu halten, streue auch immer mal Intervalle ein. Aber ich tu das ohne festen Plan, sondern mit dem Blick auf die Abwechslung und auch immer mal eine Ruhewoche zwischendrin, ohne mich vorab auf eine Abfolge festzulegen, oder gar auf Termine, die ich ja doch nicht halten kann.

Das Schöne derzeit ist, dass ich mich fast immer beim Heimkommen auf das Laufen freue wie verrückt. Ich muss unbedingt noch eine Einheit unterbringen, an vielen Tagen, weil ich weiß: Es tut mir gut. Es macht mir Spaß. Gelegentlich muss ich auch eine Einheit unterbringen, um zu verhindern, dass meine Verspannungen von Staufahrt und Büro sich in Spannungskopfschmerzen am nächsten Tag verwandeln. Wie gesagt, es läuft, und es läuft richtig gut. Das Gewicht fällt, aber nicht in freiem Fall, sondern so, dass ich es bei gegebener Marke (voraussichtlich werden das 65 oder 66 Kilogramm bei meinen 174 Zentimetern Körperhöhe) mit „mehr Essen“ fangen muss. Die Geschwindigkeit steigt, zumindest, wenn ich die Herzfrequenz konstant halte. Klar gibt es ein Auf und Ab, natürlich ist nicht ganz klar, auf welches genaue Ziel an Strecke und Tempo ich zusteuere. Aber es läuft, und zumindest die zehn Kilometer in einer Stunde sind in eine Nähe gerückt, die ich beim Wiederanfangen im März nicht für möglich gehalten hätte.

Eine Marke habe ich mir allerdings gesetzt: Ich möchte in diesem Jahr 600 Kilometer zu Fuß, laufend, zurücklegen. Das meint: 600 Kilometer oder mehr in diesem Jahr auf den Zähler bringen. Das ist nicht unrealistisch, wird mich aber auch bei der Stange halten, denn es dauert noch eine Weile, bis ich das erreichen werde.

Ich laufe also nach Gefühl, aber ich scheine resistent dagegen, es zu übertreiben und damit vor lauter „Hurra, ich bin schnell!“ in ein Übertraining zu kommen, trotzdem bleibe ich dran. Ich bin froh, dass das so geht, denn mein innerer Schweinehund und seine Reaktion auf geplante, versäumte Einheiten passt nun wirklich nicht mit der Kombination aus Pendeln, Baustellen auf der Strecke und Trainingsplan zusammen.