Musik, die mich rettet

In der vergangenen Woche hat bei tollen, warmen Temperaturen der Verkehr auf der A5 und auf der A8 oft, sehr oft nicht so gewollt, wie ich das wollte. Bei Sonnenschein im Stau zu stehen finde ich nochmal schlimmer als bei Regen – man könnte so viele tolle andere Dinge tun, stattdessen brutzelt man unter der Scheibe, bei sich aufheizenden dunklen Flächen ringsum und nichts geht.

In einer solchen Situation rettet mich Musik – es gibt da so ein paar ganz typische Listen, die auf meinem Telefon in solchen Situationen zum Einsatz kommen:

  1. Die „Punkige“. Man kann und sollte sicher viele der Lieder in dieser Liste in andere Genres einordnen. Die Liste enthält quasi als „Leitmusik“: Die Ärzte (Westerland, Schrei nach Liebe, Zu spät), Die Toten Hosen (Hier kommt Alex, Tage wie diese), The Clash (Should I Stay Or Should I Go), Wizo (Raum der Zeit), Jimmy Eat World (The Middle), aber auch Pink (Don’t Let Me Get Me). Ich habe sicher das eine oder andere vergessen, aber ich denke, Ihr habt den Stil mitbekommen.
  2. Die „Sommer“-Liste. Das ist für mich eine sehr subjektive Liste – da haben auch wieder die Ärzte (Lasse redn) und die Hosen (Tage wie diese) ihren Platz, aber wesentlicher sind solche Sachen wie … naja, Dario G (Carnival de Paris), Safri Duo (Played-A-Life), Beagle Music Inc. (Like Ice In The Sunshine), Herbert Grönemeyer (Mambo), aber auch Guilty Pleasures wie Katy Perry (California Gurls) und das Blümchen-Cover von „Nur geträumt“. Das macht gute Laune und lässt einen mit Begeisterung und in völliger Ruhe den Stau tolerieren, ohne egoistisch drängelnden Unfug zusammenzufahren.
  3. Die „The Power Of Bon Jovi“-Liste. Darin findet sich Bon Jovi. Und Bon Jovi. Und noch mehr Bon Jovi … Highlights sind dabei „Runaway“, „In These Arms“, „Always“, „These Days“, „Bed Of Roses“, „Someday I’ll Be Saturday Night“ und dergleichen, es ist auch eine Menge ruhiges vom Album „These Days“ drin, das ich im Stau aber eher skippe.
  4. Das VNV Nation-Album „Automatic“. Ich bin nicht so die Album-Hörerin, aber „Automatic“ höre ich durch, von vorne bis hinten. Meine Highlights freilich sind „Resolution“, „Streamline“, „Gratitude“, „Photon“ und „Radio“. Bei einem Album mit 10 Tracks fünf Highlights anzugeben, spricht schon eine gewisse Sprache … aber auch der Rest ist kein Füllmaterial. Was ich manchmal doch überspringe, sind das Intro und „Goodbye 20th Century“, aber das auch nur wegen gewisser bewusster Toneffekte, die mich im Auto dann manchmal verrückt machen.

Es gibt sicher noch mehr, aber das sind die Dinge, die mich dieses Jahr über die meisten Staus gebracht haben. Da läuft dann teils auch die Phantasie an, und plötzlich ist es zwar lästig, später heimzukommen, aber die Zeit ist nicht verloren, die Mundwinkel gehen nach oben und ich komme nicht gefrustet zuhause an. Klappt freilich nicht immer, manchmal ist es zu arg. Aber es hilft, es hilft enorm, das Pendeln zu überleben.

Tanzen!

Tanzen. Früher habe ich das oft gemacht, oft, viel und ausführlich. Mit 16 bis Mitte meiner Zwanziger war es Gesellschaftstanz, danach vor allem Tanzen in der Disco, wobei das eigentlich im Gothic-Club meint. Ich könnte jetzt alt klingen: „Damals, als das Culteum in Karlsruhe noch Kulturruine hieß und auf der Vampiralen Nacht vor der Sommerpause Leute wegen Überfüllung nicht mehr reinkamen und nach zwei Stunden Kondenswasser von der Decke tropfte …“

Aber so alt bin ja noch gar nicht. Klar, ich habe 2002 bis 2009 die Karlsruher Clubs intensiv besucht – Kulturruine, später Culteum, das Nachtwerk, den Cubus … oh, der Cubus, das war auch so ein Ding!

Jedenfalls habe ich es gestern wieder einmal geschafft, so ein bisschen auszugehen. In Baden-Württemberg ist Feiertag und daher war die VNV Nation und Covenant Party im Nachtwerk am Mittwochabend. Nachmittags wurde ich von einem Freund, der nicht dort hingehen würde, darauf angespitzt, weil einer seiner Freunde dort hingehen würde. Ich hatte Kopfschmerzen, außerdem ist Mittwochabends WNF. Also war ich auf dem Trip: „Nö, mache ich nicht, keine Zeit …“ Alles Ausredenblabla, wie ich inzwischen weiß. Ich war angefixt, bekam den Gedanken an’s Ausgehen nicht mehr aus dem Kopf. Nach dem Heimkommen lief ich erstmal eine Runde, um meine Kopfschmerzen wegzubekommen. Fünf Kilometer waren es, mit steigendem Tempo und steigender Herzfrequenz, und danach war ich verschwitzt und die Kopfschmerzen gingen weg. Hungrig war ich auch. Wir aßen eine Kleinigkeit, spielten unsere WNF-Runde, derzeit ist dabei „The Elder Scrolls Online“ angesagt. Mir wurde nun klar: „Okay, Tally, Du WILLST ausgehen!“

Und das tat ich dann auch! Ich zog mich an, war noch so ein bisschen am Nervöswerden, da ich so lange nicht ausgegangen war, zumindest was Disco angeht. Aber ich tat es, um 23:20 war ich am Nachtwerk. Viel los war nicht, aber das war mir gerade recht. Ich traf den Bekannten (der Freund meines Freundes ist) und wir unterhielten uns kurz. Er erzählte mir, wie es bei diesem DJ mit Wünschen läuft, und ich äußerte rasch den Wunsch: „VNV – Standing“. Dass ich nicht „Nation“ dazu schreiben muss, ist glaube ich klar. Prompt wurde der Wunsch erfüllt und ich war da schon anderthalb Lieder auf der Tanzfläche. Irgendwann, es muss wohl so gegen eins gewesen sein, merkte ich: „Durst!“ Also ging ich mir was zu trinken holen und unterhielt mich an der Bar zwei Lieder lang mit einem alten Bekannten aus der Kulturruine-Zeit, trank die Hälfte meiner Cola aus und dann zog es mich wieder auf die Fläche. Das nächste Mal wachte ich aus meiner Tanz-Trance gegen 2:45 auf, wobei ich zwischenzeitlich noch von Apoptygma Berzerk „Non-stop Violence“ wünschte und erfüllt bekam. Aber auch da gab es keine lange Pause, der DJ beschied mir, dass er „Homeward“ von VNV als Rausschmeißer spielen würde – gegen zehn nach drei. Also blieb ich, bis die Lichter angingen, habe mich also dreieinhalb Stunden mit nur kurzen Unterbrechungen auf der Tanzfläche aufgehalten. Klar, die Intensität ist nicht mit dem Laufen vergleichbar, aber ich habe mich doch bewegt, von der Musik getrieben, die Musik spürend, Rhythmus und Melodie durch meinen Körper fließen lassend.

Danach brannten mir die Füße, ich hatte schon wieder Hunger und war völlig erledigt, aber auch sehr, sehr glücklich. Im Endeffekt ist die Schlussfolgerung, dass ich einen Schleudersitz im Sofa brauche, der mich tanzen scheucht! Denn es tut mir gut, es ist Bewegung und ich habe die Kondition, meinen durchaus anstrengenden Tanzstil für drei Stunden und mehr am Stück durchzuhalten.

Euphorie, Heulkrampf und das tollste Kind der Welt

Zurück vom Konzert von VNV Nation im Jazzhaus Freiburg sitze ich nun wieder vor meinem Rechner, weiß genau, dass morgen erstmal viel Tee nötig sein wird, um mich wieder mit der Stimme zum Rollenspiel Leiten auszustatten und bin noch völlig geflasht von dieser wundervollen Automatic-Empires-Show!

Ich möchte gar nicht zu tief einsteigen in die Musik – auch wenn ich totaler Fan bin. Was ich an VNV-Konzerten unheimlich schätze, ist die enorme Präsenz, das Charisma und den Enthusiasmus von Ronan Harris und seiner Crew, darunter der ruhigere, aber nicht minder präsente Mark Jackson an den Drums. Dazu kommt ein euphorisches, enthusiastisches Publikum und eine freundliche Atmosphäre unter den Fans, die von Rücksicht und aufeinander achten geprägt ist. Deswegen war es auch für keinen ein Problem, auch für keinen eine Einschränkung oder gar ein Faktor, Angst um sie zu haben, als ein Papa seiner kleinen Tochter einen Platz in der ersten Reihe erbat. Das Mädchen sprach nur Französisch, hatte adäquaten Hörschutz dabei und hört – laut dem Papa – bereits seit dem Kindergarten Bands wie VNV Nation und Hocico. Der Vater vertraute den Fans in der ersten Reihe auch so weit, dass er nicht sich selbst direkt dahinter dazustellte, sondern seinen Platz in der dritten Reihe nahm und seine Tochter direkt vor der Bühne in Sicherheit wusste. Tatsächlich ging die Kleine total ab, sie war begeistert, ging mit und hielt, bis auf einen kurzen Ausflug, um auf’s Klo zu gehen oder was zu Trinken, das gesamte Konzert durch. Ich war völlig begeistert von der Kleinen, die dann auch, als sie etwas stiller dastand und ich besorgt fragte: „Ça va?“, wie der Vater es getan hatte, heftig nickte, später wieder voll dabei war. Als Ronan Harris sie fragte, ob sie Spaß habe, verstand sie ihn nicht – dann habe ich Ronan zugerufen, dass sie Französisch spreche: „French!“, und später forderte er in unsere Ecke nicht nur auf: „Go!“ und „Auf geht’s!“, sondern auch „Allez!“. Zwei Stunden erste Reihe auf einem Konzert, halb so groß wie die Leute um sich herum, zu keinem Zeitpunkt Angst – alle Achtung! Und dann der Musikgeschmack …

Für mich selbst war es ein Konzert voller blanker Euphorie und Begeisterung. Ich habe über „Futureperfect“ zu VNV gefunden, die Band mit „Matter+Form“ heiß lieben gelernt und nenne „Automatic“ inzwischen mit Inbrunst mein Lieblingsalbum, auch wenn die anderen auch toll sind. Mit „Empires“ kann ich allerdings auch einiges anfangen, so dass viele, eigentlich die meisten Lieder für mich nicht nur bekannt, sondern auch vertraut, geliebt und zum mitsingen waren. Dazu kamen absolut begeisterte weitere Fans um mich herum, und bei einigen Liedern haben wir alle lautstark mitgesungen – großartig.

Bei „Photon“ schließlich erwischte es mich heftig – ich wurde von Gefühlen übermannt, glücklich, melancholisch, begeistert und allgemein emotional konnte ich nur noch weinen und mitwippen. Auch hier bemerkten es die anderen und fragten, ob alles okay sei – meine Begleitung, die meine Reaktionen schon kennt, versicherte – wahrheitsgemäß – dass alles okay sei. Ich hing emotional so in den Seilen, dass ich das nicht konnte. Später ging es wieder, es war sehr heilsam – in einer Intensität, wie ich das oft nur bei VNV-Nation-Konzerten erlebe.

Nun werde ich erstmal völlig erledigt in mein Bett fallen!

Tonight’s the night …

Ich fahre wieder zu Automatic Empires, zu VNV Nation! Yay!

Heute Abend läuft wieder ein Konzert der Automatic-Empires-Reihe von VNV Nation und ich fahre mit einer Freundin da hin. Ich bin schon ganz hibbelig und begeistert und durchgedreht darüber!

VNV Nation ist für mich: Ausklinken, Heulen, Singen, Tanzen, Lachen und alles draußen vergessen. Ronan Harris forderte im LKA Longhorn in Stuttgart auf der „Transnational“-Tour dazu auf, alles, was einen bedrückt, beschäftigt und so weiter, nach draußen zu verbannen, zu singen, zu tanzen, irgendetwas zu tun, und eine gute Zeit zu haben. Und dann spielte er „Resolution“, natürlich aus „Automatic“. Das ist eines der beiden Alben, um die es heute Abend geht. Das wird GROSS!