Alternatives Training (der anderen Art)

Gestern Abend hat meine vívosport von 22:20 am Freitagabend bis 1:40 am Samstagmorgen durchgängig eine Aktivität mit einem Puls zwischen 107 und 130 Schlägen in der Minute erfasst. Insgesamt bin ich laut den sogenannten „move-IQ-Ereignissen“ eine Stunde und zwei Minuten geschwommen in dieser Zeit. „move-IQ“ versucht ja, anhand der Bewegungen des Trackers am Handgelenk herauszufinden, ob man gerade irgendeine Aktivität betreibt – beim Gehen funktioniert das super. Aber ich war gestern Abend nicht im Schwimmbad …

Was also war passiert?

Genau: Ich hatte mich gestern Abend, wie meine Mama so schön sagte, gespornt und gestiefelt, und war ins Nachtwerk in Karlsruhe zur Covenant- und VNV-Nation-Party gefahren. Schon direkt am Anfang lief Musik, mit der ich mich sehr gut anfreunden konnte, nach einem kurzen Blick zum DJ-Pult ging ich auf die Fläche. Da war ich die Erste – und blieb auch vorerst eine von wenigen. Der DJ scheint zu wissen, was ich mag und eventuell bei anderen nicht so gut ankommt, jedenfalls lässt sich so erklären, dass recht schnell nach meinem Eintreffen ein erster Song von Apoptygma Berzerk lief, nach sechs, sieben oder acht Liedern dann eines meiner VNV-Lieblingslieder („Resolution“), bei dem ich so tief in den „Flow“ eintauchte, dass die vorne etwas abgerundeten Sohlen meiner Plateaustiefel, der Fluss von Körper und Musik und all das einen … äh, „Verlust der exakten Richtung der Schwerkraft“ beschafften. Nicht, dass ich dann fallen würde, es ist eher ein Schweben, bei dem man sich besser eine Runde drauf konzentriert, stehen zu bleiben. Irgendwann vor Mitternacht machte ich ein halbes Lied Pause, um mir was zu trinken zu holen und an das Tischchen direkt an der Tanzfläche zu stellen. Davon nippte ich dann immer mal ein bisschen, aber mit Glas in der Hand auf die Fläche geht gar nicht – dafür tanze ich zu gerne, zu sehr mit dem ganzen Körper, vielleicht auch zu wild. Einen Wunsch äußerte ich später beim DJ, bekam ihn erfüllt … und ging dann, als die musikalische Gangart gefühlt häufiger in härtere Gefilde abglitt, glücklich und ein bisschen KO nach Hause.

Früher … naja, früher hat meine Kondition dem Tanzen manchmal eine Grenze gesetzt. Heute passiert das eher nicht mehr. Heute ist es höchstens, wenn ich mit jemandem reden möchte, was zu trinken brauche oder ansonsten eine Pause haben will. Aber in der Disco bin ich auch kein soziales Wesen mehr. Ich gehe hin, um zu tanzen, zum reden ist es eh zu laut.

Wenn Du es am wenigsten erwartest …

Ich fürchte, hierfür muss ich – mal wieder – weiter ausholen. Nun ja … um ehrlich zu sein: Ich LIEBE es, weit auszuholen!

Es war vor langer Zeit, zumindest auf meiner Skala. Anfang bis Mitte der sogenannten „Nuller-Jahre“. Ich spielte das Spiel „BEHIND“, das damals als Hybride aus Kartenspiel und Tabletop auf den Markt kam, entwickelt von Michael Palm und Sebastian Jakob, vertrieben von Fishtank. Außerdem war ich viel in der Kulturruine unterwegs, einem Karlsruher Gothic-Club. In dieser Zeit lernte ich etliche Leute kennen, und in diese Zeit fiel es auch, dass einer meiner BEHIND-Mitspieler, nämlich Kai aus Saarbrücken, mich das erste Mal auf Konzerte mitnahm – Konzerte der „schwarzen Szene“. Das erste Konzert dieser Art für mich fand dementsprechend auch in Saarbrücken statt. Es gab in dieser Zeit ein reges Hin- und Herfahren zwischen Saarbrücken, Speyer und Karlsruhe, denn die BEHIND-Spieler des Südwestens kamen immer in Mannschaftsstärke zu den Turnieren in der jeweils anderen Stadt. Was sind wir die Strecke hoch- und runtergefahren! Für die Karlsruher war’s in Mühlburg auf die B10, Rheinbrücke, A65 bis Landau, B10 über Annweiler bis nach Pirmasens, A8 bis zum Kreuz Neunkirchen, A6 und A620 nach Saarbrücken zu den Turnieren im Zock! Bei uns wechselten die Locations, aber die Saarbrücker waren immer da, wenn wir riefen. Und war gerade kein Turnier bei uns oder bei denen, dann traf man sich in Speyer. Denkwürdig mein Verfahrer, als ich in Speyer zu früh von der B9 abfuhr und das Straßenschild verkündete, wir seien auf dem Holzweg. Ernsthaft: Wir wendeten in einer Straße, die den klangvollen Namen „Holzweg“ trug!

Lang ist es her. Ich schweife ab, ja. Es mag meine blanke Arroganz sein, aber ich habe den Eindruck, dass einer der Pfeiler der gemeinsamen BEHIND-Südwest-Truppe die Freundschaft zwischen Kai und mir war. Kai begleitete mich durch einige verrückte Zeiten, und nahm mich – womit ich zurück beim Aufhänger bin – mit auf mein erstes Grufti-Konzert in der Garage in Saarbrücken. Die Band war Blutengel, die ich heute nicht mehr hören würde, aber hey, wir waren jung und wussten es nicht besser! Das zweite Konzert in der Garage erlebte ich dann schon NACH meinem ersten WGT, aber wieder mit Kai, dieses Mal erste Reihe Mitte, dieses Mal auch „was Gescheites“, was die Musik angeht: Apoptygma Berzerk. Bei „Love Never Dies“ hatte ich einmal Stefan Groths Mikrofon über mich gehalten und sang aus vollem Hals und sicher nicht tonsicher „Love is forever!“ hinein.

Doch die Dinge ändern sich. Der offizielle Support für BEHIND starb einen unwürdigen Tod, mein Leben ging über Beziehungen, Promotion und Arbeit in Stuttgart weiter, Kais Leben ging über Beziehungen, Jobwechsel und einen Umzug nach Bremen weiter. Beide sehr beschäftigt, bekamen wir zuletzt nichtmal einen Facebook-Message-Wechsel im Jahr hin.

Gestern Abend reiste ich nun wieder einmal nach Saarbrücken. Es ist lang her, seit ich die Strecke von Karlsruhe über den Rhein, nach Landau, vorbei am Trifels, die Tunnel und Steigstrecken der B10 hinauf, in Pirmasens auf die A8 gefahren bin. Bei der Stadtautobahn A620 an der Saar kam ein Gefühl von brutalster Nostalgie auf, als ich an der Wilhelm-Heinrich-Brücke abfuhr und mich erinnerte, dass wir meist eine Ausfahrt vorher, an der Bismarck-Brücke zum Zock! abgefahren waren. Dann stand ich in der Garage, erste Reihe Mitte wie damals bei Apoptygma Berzerk, und wartete auf VNV Nation. Nostalgisch schrieb ich Kai, dass ich genau dort stand, wo wir vor langer Zeit gemeinsam bei Apoptygma Berzerk gestanden hatten … in der Garage. Zurück kam: „In Saarbrücken?!?“

Lange Rede, kurzer Sinn: Kai war in Saarbrücken, obwohl er weiterhin in Bremen lebt! Nach dem Konzert saßen wir noch in dem Restaurant an der Ecke Bleichstraße/Mainzer Straße und redeten zwei Stunden, bis der Laden schloss, über die alten Zeiten und wo das Leben uns so hingespült hatte. Vieles ist anders, aber erstaunlich vieles ist geblieben – manches gut, wie unsere Freundschaft, manches nicht so gut, wie wiederkehrende Probleme. Wie das Leben eben so spielt!

Sagen und tun

Gestern Abend war ich auf einem Konzert – bei VNV Nation auf dem zweiten Europa-Teil der Tour zum Album Noire. Es war ein tolles Konzert, jedenfalls für mich, doch darum geht es mir hier gar nicht.

Ich kam mit ein wenig Verspätung auf dem Heidelberger Hauptbahnhof an und stand so nicht ganz vorne in der Warteschlange vor dem Einlass. Das führte dazu, dass für mich nur noch am Bühnenrand ein Platz in der vordersten Reihe war. Neben mir, in Richtung Bühnenmitte, war eine recht raumgreifende Vierergruppe. Zwei der Frauen der Gruppe aus insgesamt drei Frauen und einem Mann standen vorne an der Absperrung und nahmen viel Platz ein – mehr, als sie für ihre Körper gebraucht hätten. Nun gut, dachte ich mir. Später dann tauchten hinter mir eine Frau mit Rollator und ein Pärchen auf, der Mann im Rollstuhl. Die Vierergruppe neben mir begann sich zu unterhalten, warum es denn keinen Rollstuhl-Bereich gäbe, oder man diese Leute nicht vor die Absperrung ließe. Auf die Idee, den Rollstuhlfahrer und seine wirklich nicht hochgewachsene Freundin vor an die Absperrung zu lassen und dahinter zu stehen, kamen sie nicht. Ich brauchte zugegebenermaßen auch einen Moment, aber kurz bevor das Konzert losging, tauschte ich mit dem Pärchen mit Rollstuhlfahrer den Platz und schuf so auch eine direkte Sichtlinie der Dame mit Rollator auf die Bühne.

Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Ich sollte nicht so lange brauchen, so etwas zu tun. Auch Kinder, die ja nun wirklich nicht den Blick versperren, aber außer vorne an der Absperrung nun wirklich schlechte Chancen haben, was zu sehen, sollte man nach vorne lassen. Das taten dieses Mal recht wenige. Eigentlich bin ich das vom Publikum bei VNV Nation anders gewohnt. Aus meiner Sicht handeln die Texte auch – nicht nur, aber eben auch – davon, sich umeinander zu kümmern. Insbesondere „Illusion“ macht da einen Vorstoß. Vielleicht war’s ein schlechter Tag, ich habe ja auch recht lange gebraucht, bis ich von dämlichem Egoismus abgerückt bin.

Für mich ist manchmal erschreckend, wie sehr wir Deutschen uns von unserem überregelten Staat aus der Verantwortung nehmen lassen. Es wird geschimpft, dass sich nicht besser um die Schwachen, Gehandicapten oder Kranken gekümmert wird. Aber selbst mal einen Platz in der ersten Reihe aufgeben, um jemanden vorzulassen, über den man ja doch drübergucken kann, der aber hinter einem selbst nichts sehen könnte, dafür brauchen wir lang; wenn wir es überhaupt tun. So wichtig ich es finde, dass der Staat sich um die Dinge kümmert – es sollte auch die Gesellschaft sein, die das tut. Und die Gesellschaft, das ist nicht irgendetwas Abstraktes. Das sind wir alle, und wer, wenn nicht ein erster Teil der Gesellschaft, nämlich wir selbst, kann damit anfangen?

Im Endeffekt wurde ich mit frohen, dankbaren – und nicht zuletzt unheimlich vom Konzert begeisterten, sehr engagiert mitmachenden Menschen um mich herum belohnt. Die Stimmung in der Ecke, in die ich dann doch ein Stück weiter hinein zurückgesetzt das Konzert miterlebte, war gigantisch!

Sie ist da!

Die Box ist da!

Da ich die Limited Edition des Albums „Noire“ von VNV Nation aufgrund meiner Vorbestellung bei Amazon nach langem Hinhalten durch besagten Online-Händler nicht bekam, wurde mir die Box von einer Freundin geschenkt – einfach so.

Das hier ist drin.
So sieht das, was drin ist, in aufgebaut aus.

Sicherlich ist das nichts, was einen „ganz normalen Menschen“ zum Austicken bringt. Aber ich liebe VNV Nation. Ich habe eine emotionale Bindung an die Musik, hole mir enorme Glücksgefühle aus den Konzerten und – habe letztlich keinen anderen Künstler, der mir am Ende des Tages so viel bedeutet, dessen Musik so wichtig für mich ist, wie Ronan Harris. Und deswegen bedeutet es für mich was, die Box zu besitzen – weil neben einem wundervoll designeten Sonderausstattungs-Album eben auch der ideelle Wert ein enormer ist. Für mich, freilich!

Let there be … let there always be neverending light.

Müde!

Heute bin ich sehr müde, denn der gestrige Tag war lang, anstrengend und schön. Daher habe ich zu wenig geschlafen – weil ich einfach spät heim kam.

Der gestrige Arbeitstag beinhaltete einen Dienstgang zu einem Vortrag „auswärts“, dazu eine wichtige, aber auch anstrengende Besprechung und noch eine Menge Kleinkram …

Allerdings kam auch noch ein Wechselbad der Gefühle hinzu: mir kam so richtig zu Bewusstsein, dass die VNV Nation Noire Ltd. Box nun wirklich sehr teuer und in meiner Vorbestellung bei Amazon nach mehrfachem Hinhalten endgültig gelöscht wurde. Die alternativen Angebote sind inzwischen natürlich sehr teuer, weil die regulären leergekauft sind, ist ja auch limitiert – und dann kam eine Freundin an und schenkte mir die Differenz zu meiner roten Linie für den Kauf. Einfach so, weil es mir wichtig war! Das haute mich wirklich um!

… und nach der Arbeit ging es zum Essen mit einer (anderen) Freundin und deren Mutter – für mich gab’s Lachscarpaccio und Primitivo. Warum wir unter der Woche so essen gingen?

Ganz einfach: danach ging es ins Ballett! Das Badische Staatstheater in Karlsruhe hatte den Nussknacker in Verbindung mit „A Christmas Carol“ inszeniert, und das war für mich ein herrlicher Abend! Wundervolle Musik, tolle Gesellschaft, aber vor allem ein Feuerwerk aus Tanz, Kostümen und schönen Menschen, das ich danach als „zum Heulen schön, zum Anbeißen süß und zum Sterben erotisch“ charakterisierte – und das auch genau so meinte und meine. Ich hänge den bewegten Bildern hinter meinen Lidern noch nach, es war so herrlich!

Dass ich dann etwas aufgedreht und vor allem erst zu meiner regulären Schlafenszeit nach Hause kam, ist auch wahr.

Wo das Auto mich überzeugt …

… ist eher ein „Wann“. Ich habe mehr und mehr festgestellt, dass der Nahverkehr zumindest hier in der Rheinebene zwischen Rastatt und Karlsruhe – oder vielleicht sogar durchgehend Rastatt bis Rhein/Neckar – mich überall hinbringt, wo ich hin will. Das ist großartig.

Allerdings bringt mich der Nahverkehr nicht immer dann dorthin, wenn ich dorthin will. Das Beispiel, das zu dieser Erkenntnis führte, war die Strecke von Karlsruhe nach Hause am gestrigen Dienstagabend – oder eher am frühen Mittwochmorgen. Freunde von mir nahmen mich nach einem furiosen VNV-Nation-Konzert in Frankfurt in der Batschkapp mit dem Auto wieder mit nach Hause – und ich war unheimlich dankbar, dass sie mich wirklich bis nach Hause fuhren, obwohl das einen Umweg von mindestens 40 Minuten für sie bedeutete. Denn mein letzter Zug wäre von Karlsruhe nach Bietigheim (Baden) um 0:20 gefahren. Da waren wir gerade irgendwo zwischen Darmstadt und Mannheim.

Sprich: Die Frage ist – zumindest im dicht besiedelten Oberrheingraben – nicht „wo bringt Dich die Bahn nicht hin?“, sondern vor allem „wann bringt sie Dich da nicht mehr hin?“.

Achtsamkeit mal anders

Im einen oder anderen Umfeld habe ich in letzter Zeit öfters mit dem Begriff und Konzept der Achtsamkeit zu tun gehabt. In der Teezeremonie und ihren Zen-Elementen spielt Achtsamkeit, das Ganz-im-Hier-und-Jetzt-Sein eine Rolle. Ebenso ist es eines der Konzepte, das für den Erhalt mentaler und psychischer Gesundheit in unserem zunehmend ablenkenden Alltag in aller Munde ist. Oft werden da eher ruhige Dinge angeführt, die man tun kann, oder es wird berechtigt empfohlen, den Alltag weniger abgelenkt zu bewältigen.

Für mich hat aber auch etwas mit Achtsamkeit zu tun, das ich am Wochenende gemacht habe. Ich war auf einem Musik-Festival, dem E-Tropolis in der Turbinenhalle in Oberhausen. Ich war allein dort, habe den einen oder anderen mir zuvor fremden Menschen getroffen und Worte mit diesen Menschen gewechselt. Ich habe auch eine Bekannte getroffen, aber die meiste Zeit war ich allein, für mich unterwegs. An der Bar hatte ich durchaus manchmal mein Handy draußen, mit meinem Mann, meinem besten Freund und einer Gruppe von Freundinnen Messages getauscht.

Aber an einer Stelle hatte mein Handy nichts in meiner Hand zu suchen. So richtig gar nichts – bis auf eine kleine Ausnahme, aber dazu komme ich dann noch. Wenn vorne auf der Bühne eine Band ihre Show abzieht, live Musik macht, mit dem Publikum interagiert, dann bleibt mein Handy in der Tasche – im vorliegenden Falle steckte es eher in meiner Strumpfhose, weil ich die Handtasche im Garderobenspind eingeschlossen hatte und den nicht verschließbaren Taschen meiner Band-Sweater-Jacke beim Tanzen kein zuverlässiges Festhalten des Telefons zutraute. Es ist mir recht egal, ob ich (bewusst oder auf dem Weg nach vorne) hinten stehe oder bereits in der ersten Reihe bin: Gehe ich auf ein Konzert, dann nehme ich die Bilder in meinem Herzen mit, nicht auf dem Speicher meines Telefons. Ich brauche nicht zu fotografieren, nicht zu filmen. Ich bin da, ich muss das keinem beweisen, möchte ganz bewusst das Konzert nicht durch CCD-Kamera, Elektronik und Bildschirm betrachten, sondern direkt. Sonst könnte ich es mir gleich auf Youtube oder einer Live-DVD angucken. Wummernde Bässe, Synthie-Melodien, Gesang, dazu eine Show. Um den Song „Primary“ einer meiner liebsten Bands zu zitieren:

„This is live, this is real, this is not a simulation!“

Freilich, auf dem E-Tropolis war nicht alles nach meinem Geschmack. Aber ich habe jedes Konzert, das ich mir angesehen habe, mit allen meinen Sinnen angesehen und angehört, ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Bühne: CHROM, die ich zuvor nicht kannte, die ich von recht weit hinten sah und hörte, von denen ich so begeistert war, dass ich sofort die Alben der Band brauchte. Aesthetic Perfection, mit einem unheimlich präsenten, intensiven Sänger, die ich eigentlich nur ansah, um mich für Project Pitchfork und VNV Nation nach vorne zu warten – und dann überwältigt war von der Intensität des Konzerts – obwohl ich dank eines Anschlags meiner Blase auf den Wunsch, das ganze Konzert zu sehen, nicht alles und noch weniger von meinem eroberten Platz in der dritten Reihe sah. Ungeteilte Aufmerksamkeit für die Band, auch wenn ich nicht wusste, was mich erwartete oder vielleicht nur einen Platz vorne suchte, das bin ich meiner Konzert-Erfahrung schuldig.

Selbst wenn es so ausgeht wie bei Nachtmahr, bei denen ich in der zweiten Reihe stand. Nicht, dass ich „Mädchen in Uniform“ nicht lustig und tanzbar fände, aber insgesamt fand ich die Show befremdlich, ein bisschen mehr Charisma und ein bisschen weniger von ihm ablenkende, scheinbar nur zur Zierde und Ablenkung durch Show in verschiedenen Befremdlichkeitsgraden mitgebrachte Tänzerinnen täten meiner Ansicht nach dort gut. Habe ich deswegen auf mein Handy geschaut? Nein! Um mich herum waren Fans der Band, ich war weit vorne. Ich war es ihnen und nicht zuletzt mir selbst schuldig, auch diese Show, die anzusehen ich mich (freilich nicht wegen der Show selbst, sondern um in die erste Reihe zu kommen) entschieden hatte, mit aller Aufmerksamkeit anzusehen.

Bei Project Pitchfork hatte ich dann einen Riesenspaß, denn die Musik ist einfach toll – und war dieses Mal auch nicht so übersteuert und von der Klangqualität her mies, wie das auf dem E-Tropolis 2014 der Fall gewesen ist. Ich habe ganz für mich eine neue Intensität im schon 100mal gehörten „Timekiller“ gefunden und laufe seitdem mit einem Ohrwurm des Liedes durch die Gegend. Und dann war da VNV! So sehr im Hier und Jetzt wie während einer VNV Nation Show bin ich selten, eigentlich fast nie. So war ich schon beim ersten Lied („Retaliate“) in euphorischer Begeisterung am Klatschen, Singen, Tanzen – so sehr, dass eine Frau auf der Außenseite der ersten Reihe sich bei mir beschwerte, ich solle nicht so viel Klatschen, sie stände in der ersten Reihe und sähe nichts. Ich tauschte dann Platz mit ihr – bei einem Konzert, das mich euphorisiert, die Hände unten lassen – das ist indiskutabel. So sehr ich im Konzert aufging, mitsang, bei Beloved eine Achterbahn aus emotionalem Schmerz, heilsamem Heulkrampf und wieder Lächeln erlebte, vollkommen ausgefüllt wurde von Bildern, Tönen, Erfahrungen, von denen mich mein Handy nur abgelenkt hätte, so sehr war meine Platznachbarin offenbar in ihren Ablenkungen gefangen: Hin und wieder konnte ich nicht anders, als das eine helles Chatfenster zeigende Handy in ihrer Hand zu sehen, sie bewegte sich kaum, es berührte sie kaum. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube nicht, dass es glücklich macht, sich in die erste Reihe warten und dann einen Gutteil des Konzerts mit Starren auf ein Handydisplay zu verbringen, ob nun beim Filmen des Konzerts oder beim Abgelenktsein zu verbringen. Sie wirkte nicht glücklich. Ich war nach den Konzerten glücklich wie in einem Traum, habe kein einziges Bild oder Video von mir oder den Shows, aber ich habe die Erfahrungen der Shows – die tollen wie die befremdlichen – wie eine Ertrinkende das Wasser aufgesogen. Wegen solch intensiver Erfahrungen des Hier und Jetzt bin ich auf Konzerten, auf Festivals.

Auch wenn wir mit Achtsamkeit eher die leisen Tätigkeiten verbinden, in denen wir völlig aufgehen, finde ich, es hat auch mit Achtsamkeit zu tun, in einer intensiven, direkten, lauten Erfahrung so sehr es nur geht aufzugehen.

Ach genau, mein Handy. Einmal während des Festivals hatte ich es während eines Konzerts draußen. Bei „Nova“ von VNV Nation. Aber ich habe nichtmal den Sperrbildschirm aufgehoben. Es ging nur um die Handy-Taschenlampe. Klar, ein Feuerzeug ist romantischer. Aber bei elektronischer Musik ist auch das elektrische Licht an der mitgeführten Unterhaltungselektronik gut dafür. Und so einen intensiven Sternenhimmel wie damals bei „Nova“ auf dem Amphi 2015 in der Lanxess-Arena hätten Feuerzeuge nicht hinbekommen. Das ist dann doch auch mal ein Effekt der modernen Technik.

Euphorie!

Heute in der Mittagspause erreichte mich die Nachricht, die schon als aufregende News für heute um 12:00 angekündigt war …

„Exciting News on Monday at 12:00!“, so kündigte Ronan Harris es an. Meine Mittagspause nutzte ich dazu, Tickets zu kaufen – denn es waren Tourdaten zum neuen Album „Noire“ von VNV Nation sowie Tickets, die in den Verkauf gingen!

Und somit werde ich VNV dieses Jahr viermal sehen: Auf dem E-tropolis im März, in Stuttgart und Frankfurt im Oktober und nochmal im Oktober in Hamburg! Ich bin völlig von der Rolle und durch den Wind, so freue ich mich!

Amphi-Festival-Euphorie

Es sind nun fast schon 20 Stunden seit dem letzten Konzert des diesjährigen Amphi-Festivals, und in meinem Kopf spielt noch immer nur Musik. Ich bin völlig begeistert davon, wie das Festival für mich lief – klar, den einen oder anderen kleinen Dämpfer gab es, aber das war nicht so schlimm. Nein, nicht nur das, es fällt gar nicht ins Gewicht.

Als erstes habe Frozen Plasma auf der Theater Stage gesehen – die ersten drei Songs fiel es mir noch schwer, mich in das Festival fallen zu lassen, noch war alles ungewohnt und ein paar Dinge, die auf dem Weg nach Köln Verzögerungen bedingten, zehrten an mir. Dann kamen die ersten Töne von „Irony“ und alles war gut, alles war wie weggeblasen, ich kam schlagartig im „Hier und Jetzt“ an, in dem es kein Gestern, kein Morgen gab, keine Fahrt, keine Sucherei, keine Erinnerungen an Dinge, die vielleicht zu tun wären – es war so, wie es bei einem Konzert sein sollte. Mir fiel auf, dass die Band dieses Mal nicht ganz so ätherisch klang wie das erste Mal, damals vor unendlich langer Zeit auf einem Weihnachtsfestival in der Rockfabrik in Ludwigsburg, sondern … naja, rauer, mehr „live“ und mehr in einem „großes-Festival“-Klang. Das passte aber ganz gut, zumindest, als ich mal angekommen war. Sehr gefreut haben mich auch die Videos auf der Leinwand, vor allem die Spielevideos und die herrlichen Fahrten durch Welten aus Licht und Struktur.

Danach gab es für mich noch ein bisschen Umschauen, Freunde treffen und weiter verabreden, bevor ich mit Macht Richtung erster Reihe an der Main Stage drängte, um bei VNV Nation vorne zu sein. Diary of Dreams sah ich noch aus einiger Entfernung – nett finde ich die Musik, aber die Show sprach mich wirklich nicht an. Danach stürzte ich mich ins Gedränge, auch wenn mir klar war, dass es hart für mich werden würde, das Konzert von Fields of the Nephilim in guten Startlöchern für die erste Reihe bei VNV Nation zu verbringen. Im Nachhinein war das dann doch sehr lustig, denn ich befand mich zwischen den eher ruhigen Frauen und den in dem Moshpit drängenden Männern einer fanatischen griechischen Fangruppe von Fields of the Nephilim. Es machte Spaß, weit genug vom Moshpit entfernt in Kontakt mit der Gruppe zuzusehen, wie große Begeisterung für ihre Band diese Gruppe aufbrachte – das riss mich dann auch ein bisschen mit, so dass ich zu meiner Freude nicht als stumm leidende Person dort stand, sondern Spaß hatte – wenn schon nicht an der Band, so doch aus anderen Quellen genug Spaß, um eher mit anzuheizen als nur neutral herumzustehen oder gar Leuten den Spaß zu verderben.

VNV Nation war dann ein Konzert, das ich aus der ersten Reihe erleben durfte. Meine Begleitung stand direkt hinter mir, dazu schräg hinter mir zwei heftige VNV Fans aus Bristol. Dass sonst um mich herum die Leute … nun, für mich eher schwierig waren, tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Ronan interagierte wieder sehr viel mit den Fans recht weit vorne, kümmerte sich dort um jeden – dass das hinten nicht so gut kam, ist mir klar, aber vorne war es einfach geil. Wenn Ronan damit befasst war, etwas zu erzählen während eines Songs, übernahmen die Fans vorne die Lyrics, aus vollstem Halse, und ich war mitten darunter. Besonders ging es natürlich ab durch die Ankündigung, dass VNV im kommenden Jahr eine neue Tour machen werden … was bedeutet das? Neues Album, genau! Das befeuert natürlich alle Euphorie! Dazu kamen Lieder, die nicht so oft gespielt werden – oder zumindest auf den letzten VNV Konzerten, auf denen ich war, nicht so oft kamen: Sentinel, Off Screen und Epicentre, die ich extrem liebe, dazu aus „Automatic Empires“ heißgeliebt: Resolution, Gratitude und Standing. Es war eine Hammer-Show, auch weil Ronan: Einen Rollifahrer in die erste Reihe brachte, in dem er die Fans zum Bilden einer Gasse animierte, mit dem Einhorn Johannes und dessen Besitzer interagierte und einem Fan, der Standing noch nicht kannte, das Lied höflich ans Herz legte. Es gab lustige Momente und tolle, und bei Illusion vergoss ich viele Tränen. Dazu gab’s Sternenhimmel bei Nova, und ich erinnerte mich mit Begeisterung an das Amphi vor zwei Jahren, als in der Lanxess-Arena bei VNV der Nova-Sternenhimmel mit Handytaschenlampen das erste Mal so richtig zündete.

Am zweiten Festival-Tag lernte ich den Strand des Amphi kennen und lag auf einer Liege im Sand, sehr chillig – dazu kaufte ich ein neues VNV Shirt und einen Zipfel-Bolero. Aber dann ging’s auch schon vor allem um die Bands …

Stahlmann sah ich von ferne, aus nettem Kontakt mit Bekannten heraus, aber ich musste natürlich auch anmerken, dass mein Ehemann ebenfalls Stahlmann heißt. Die Musik dürfte ihm besser gefallen als mir, aber lustig war’s. Das Ich habe ich mir geschenkt, die mag ich nicht, und ich weiß auch immer besser, dass das nicht mehr besser wird. Dann jedoch ging es an Hocico … und da ging es richtig ordentlich zur Sache. Von direkt vor dem Mischpult genoss ich eine Show, die kraftvoll, beeindruckend und total heftig war, eine Show, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ich kenne Hocico nur vom Tanzen in der Disco und war vom Zusammenspiel der Show, der Präsenz auf der Bühne und der Musik in ihrer Brachialität beeindruckt und begeistert. Zwischendrin gab es noch einen Regenguss, der das Konzert nur um so mehr unterstrich. Danach bei Combichrist war ich vor allem regelrecht trunken von der intensiven Stimmung, da Combichrist nicht so ganz mein Fall ist, die Stimmung aber definitiv gewaltigen Spaß lief. Und dann Apop …

… und dann Apop! Aber sowas von! Bei Apoptygma Berzerk wollte der Funke bei mir noch nicht so recht überspringen. In This Together mag ich zwar, aber irgendwie ist Apop für mich ältere, elektronischere Musik. Spätestens bei Eclipse in gitarrenlastig merkte ich, wie mich Apop einsaugte, und dann kam Non-Stop Violence in elektronisch! Bei mir brachen alle Dämme, ich brüllte den Text heraus, war nur noch Tanzen, Klatschen, Mitsingen. Das setzte sich fort – zu meiner Freude gab es eben nicht nur Starsign und Eclipse, sondern auch – und das dann in elektronisch – Kathy’s Song und Deep Red! Dann allerdings, egal, ob’s ein Cover oder nicht, völlig wurscht, bei Major Tom gab es kein Halten mehr. Völlig euphorisch bin ich wohl allen auf den Wecker gegangen, aber auch rückblickend brauchte dieses Mal VNV meinen Fan-Bonus, um mein Highlight zu sein – wenn ich den weggelassen hätte, mit Eclipse statt in Gitarre auch noch in elektronisch sogar ohne VNV-Fan-Bonus wäre Apop dieses Jahr mein Highlight gewesen. Was eine geile Show!

Kurz gesagt: Ein gelungenes Festival, das mich total in seinen Bann gezogen hat und nach dem ich in kosmologischen Einheiten eine Rotverschiebung von ungefähr z=3 von meinem Alltag entfernt bin!