Achtsamkeit mal anders

Im einen oder anderen Umfeld habe ich in letzter Zeit öfters mit dem Begriff und Konzept der Achtsamkeit zu tun gehabt. In der Teezeremonie und ihren Zen-Elementen spielt Achtsamkeit, das Ganz-im-Hier-und-Jetzt-Sein eine Rolle. Ebenso ist es eines der Konzepte, das für den Erhalt mentaler und psychischer Gesundheit in unserem zunehmend ablenkenden Alltag in aller Munde ist. Oft werden da eher ruhige Dinge angeführt, die man tun kann, oder es wird berechtigt empfohlen, den Alltag weniger abgelenkt zu bewältigen.

Für mich hat aber auch etwas mit Achtsamkeit zu tun, das ich am Wochenende gemacht habe. Ich war auf einem Musik-Festival, dem E-Tropolis in der Turbinenhalle in Oberhausen. Ich war allein dort, habe den einen oder anderen mir zuvor fremden Menschen getroffen und Worte mit diesen Menschen gewechselt. Ich habe auch eine Bekannte getroffen, aber die meiste Zeit war ich allein, für mich unterwegs. An der Bar hatte ich durchaus manchmal mein Handy draußen, mit meinem Mann, meinem besten Freund und einer Gruppe von Freundinnen Messages getauscht.

Aber an einer Stelle hatte mein Handy nichts in meiner Hand zu suchen. So richtig gar nichts – bis auf eine kleine Ausnahme, aber dazu komme ich dann noch. Wenn vorne auf der Bühne eine Band ihre Show abzieht, live Musik macht, mit dem Publikum interagiert, dann bleibt mein Handy in der Tasche – im vorliegenden Falle steckte es eher in meiner Strumpfhose, weil ich die Handtasche im Garderobenspind eingeschlossen hatte und den nicht verschließbaren Taschen meiner Band-Sweater-Jacke beim Tanzen kein zuverlässiges Festhalten des Telefons zutraute. Es ist mir recht egal, ob ich (bewusst oder auf dem Weg nach vorne) hinten stehe oder bereits in der ersten Reihe bin: Gehe ich auf ein Konzert, dann nehme ich die Bilder in meinem Herzen mit, nicht auf dem Speicher meines Telefons. Ich brauche nicht zu fotografieren, nicht zu filmen. Ich bin da, ich muss das keinem beweisen, möchte ganz bewusst das Konzert nicht durch CCD-Kamera, Elektronik und Bildschirm betrachten, sondern direkt. Sonst könnte ich es mir gleich auf Youtube oder einer Live-DVD angucken. Wummernde Bässe, Synthie-Melodien, Gesang, dazu eine Show. Um den Song „Primary“ einer meiner liebsten Bands zu zitieren:

„This is live, this is real, this is not a simulation!“

Freilich, auf dem E-Tropolis war nicht alles nach meinem Geschmack. Aber ich habe jedes Konzert, das ich mir angesehen habe, mit allen meinen Sinnen angesehen und angehört, ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Bühne: CHROM, die ich zuvor nicht kannte, die ich von recht weit hinten sah und hörte, von denen ich so begeistert war, dass ich sofort die Alben der Band brauchte. Aesthetic Perfection, mit einem unheimlich präsenten, intensiven Sänger, die ich eigentlich nur ansah, um mich für Project Pitchfork und VNV Nation nach vorne zu warten – und dann überwältigt war von der Intensität des Konzerts – obwohl ich dank eines Anschlags meiner Blase auf den Wunsch, das ganze Konzert zu sehen, nicht alles und noch weniger von meinem eroberten Platz in der dritten Reihe sah. Ungeteilte Aufmerksamkeit für die Band, auch wenn ich nicht wusste, was mich erwartete oder vielleicht nur einen Platz vorne suchte, das bin ich meiner Konzert-Erfahrung schuldig.

Selbst wenn es so ausgeht wie bei Nachtmahr, bei denen ich in der zweiten Reihe stand. Nicht, dass ich „Mädchen in Uniform“ nicht lustig und tanzbar fände, aber insgesamt fand ich die Show befremdlich, ein bisschen mehr Charisma und ein bisschen weniger von ihm ablenkende, scheinbar nur zur Zierde und Ablenkung durch Show in verschiedenen Befremdlichkeitsgraden mitgebrachte Tänzerinnen täten meiner Ansicht nach dort gut. Habe ich deswegen auf mein Handy geschaut? Nein! Um mich herum waren Fans der Band, ich war weit vorne. Ich war es ihnen und nicht zuletzt mir selbst schuldig, auch diese Show, die anzusehen ich mich (freilich nicht wegen der Show selbst, sondern um in die erste Reihe zu kommen) entschieden hatte, mit aller Aufmerksamkeit anzusehen.

Bei Project Pitchfork hatte ich dann einen Riesenspaß, denn die Musik ist einfach toll – und war dieses Mal auch nicht so übersteuert und von der Klangqualität her mies, wie das auf dem E-Tropolis 2014 der Fall gewesen ist. Ich habe ganz für mich eine neue Intensität im schon 100mal gehörten „Timekiller“ gefunden und laufe seitdem mit einem Ohrwurm des Liedes durch die Gegend. Und dann war da VNV! So sehr im Hier und Jetzt wie während einer VNV Nation Show bin ich selten, eigentlich fast nie. So war ich schon beim ersten Lied („Retaliate“) in euphorischer Begeisterung am Klatschen, Singen, Tanzen – so sehr, dass eine Frau auf der Außenseite der ersten Reihe sich bei mir beschwerte, ich solle nicht so viel Klatschen, sie stände in der ersten Reihe und sähe nichts. Ich tauschte dann Platz mit ihr – bei einem Konzert, das mich euphorisiert, die Hände unten lassen – das ist indiskutabel. So sehr ich im Konzert aufging, mitsang, bei Beloved eine Achterbahn aus emotionalem Schmerz, heilsamem Heulkrampf und wieder Lächeln erlebte, vollkommen ausgefüllt wurde von Bildern, Tönen, Erfahrungen, von denen mich mein Handy nur abgelenkt hätte, so sehr war meine Platznachbarin offenbar in ihren Ablenkungen gefangen: Hin und wieder konnte ich nicht anders, als das eine helles Chatfenster zeigende Handy in ihrer Hand zu sehen, sie bewegte sich kaum, es berührte sie kaum. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube nicht, dass es glücklich macht, sich in die erste Reihe warten und dann einen Gutteil des Konzerts mit Starren auf ein Handydisplay zu verbringen, ob nun beim Filmen des Konzerts oder beim Abgelenktsein zu verbringen. Sie wirkte nicht glücklich. Ich war nach den Konzerten glücklich wie in einem Traum, habe kein einziges Bild oder Video von mir oder den Shows, aber ich habe die Erfahrungen der Shows – die tollen wie die befremdlichen – wie eine Ertrinkende das Wasser aufgesogen. Wegen solch intensiver Erfahrungen des Hier und Jetzt bin ich auf Konzerten, auf Festivals.

Auch wenn wir mit Achtsamkeit eher die leisen Tätigkeiten verbinden, in denen wir völlig aufgehen, finde ich, es hat auch mit Achtsamkeit zu tun, in einer intensiven, direkten, lauten Erfahrung so sehr es nur geht aufzugehen.

Ach genau, mein Handy. Einmal während des Festivals hatte ich es während eines Konzerts draußen. Bei „Nova“ von VNV Nation. Aber ich habe nichtmal den Sperrbildschirm aufgehoben. Es ging nur um die Handy-Taschenlampe. Klar, ein Feuerzeug ist romantischer. Aber bei elektronischer Musik ist auch das elektrische Licht an der mitgeführten Unterhaltungselektronik gut dafür. Und so einen intensiven Sternenhimmel wie damals bei „Nova“ auf dem Amphi 2015 in der Lanxess-Arena hätten Feuerzeuge nicht hinbekommen. Das ist dann doch auch mal ein Effekt der modernen Technik.

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Euphorie!

Heute in der Mittagspause erreichte mich die Nachricht, die schon als aufregende News für heute um 12:00 angekündigt war …

„Exciting News on Monday at 12:00!“, so kündigte Ronan Harris es an. Meine Mittagspause nutzte ich dazu, Tickets zu kaufen – denn es waren Tourdaten zum neuen Album „Noire“ von VNV Nation sowie Tickets, die in den Verkauf gingen!

Und somit werde ich VNV dieses Jahr viermal sehen: Auf dem E-tropolis im März, in Stuttgart und Frankfurt im Oktober und nochmal im Oktober in Hamburg! Ich bin völlig von der Rolle und durch den Wind, so freue ich mich!

Amphi-Festival-Euphorie

Es sind nun fast schon 20 Stunden seit dem letzten Konzert des diesjährigen Amphi-Festivals, und in meinem Kopf spielt noch immer nur Musik. Ich bin völlig begeistert davon, wie das Festival für mich lief – klar, den einen oder anderen kleinen Dämpfer gab es, aber das war nicht so schlimm. Nein, nicht nur das, es fällt gar nicht ins Gewicht.

Als erstes habe Frozen Plasma auf der Theater Stage gesehen – die ersten drei Songs fiel es mir noch schwer, mich in das Festival fallen zu lassen, noch war alles ungewohnt und ein paar Dinge, die auf dem Weg nach Köln Verzögerungen bedingten, zehrten an mir. Dann kamen die ersten Töne von „Irony“ und alles war gut, alles war wie weggeblasen, ich kam schlagartig im „Hier und Jetzt“ an, in dem es kein Gestern, kein Morgen gab, keine Fahrt, keine Sucherei, keine Erinnerungen an Dinge, die vielleicht zu tun wären – es war so, wie es bei einem Konzert sein sollte. Mir fiel auf, dass die Band dieses Mal nicht ganz so ätherisch klang wie das erste Mal, damals vor unendlich langer Zeit auf einem Weihnachtsfestival in der Rockfabrik in Ludwigsburg, sondern … naja, rauer, mehr „live“ und mehr in einem „großes-Festival“-Klang. Das passte aber ganz gut, zumindest, als ich mal angekommen war. Sehr gefreut haben mich auch die Videos auf der Leinwand, vor allem die Spielevideos und die herrlichen Fahrten durch Welten aus Licht und Struktur.

Danach gab es für mich noch ein bisschen Umschauen, Freunde treffen und weiter verabreden, bevor ich mit Macht Richtung erster Reihe an der Main Stage drängte, um bei VNV Nation vorne zu sein. Diary of Dreams sah ich noch aus einiger Entfernung – nett finde ich die Musik, aber die Show sprach mich wirklich nicht an. Danach stürzte ich mich ins Gedränge, auch wenn mir klar war, dass es hart für mich werden würde, das Konzert von Fields of the Nephilim in guten Startlöchern für die erste Reihe bei VNV Nation zu verbringen. Im Nachhinein war das dann doch sehr lustig, denn ich befand mich zwischen den eher ruhigen Frauen und den in dem Moshpit drängenden Männern einer fanatischen griechischen Fangruppe von Fields of the Nephilim. Es machte Spaß, weit genug vom Moshpit entfernt in Kontakt mit der Gruppe zuzusehen, wie große Begeisterung für ihre Band diese Gruppe aufbrachte – das riss mich dann auch ein bisschen mit, so dass ich zu meiner Freude nicht als stumm leidende Person dort stand, sondern Spaß hatte – wenn schon nicht an der Band, so doch aus anderen Quellen genug Spaß, um eher mit anzuheizen als nur neutral herumzustehen oder gar Leuten den Spaß zu verderben.

VNV Nation war dann ein Konzert, das ich aus der ersten Reihe erleben durfte. Meine Begleitung stand direkt hinter mir, dazu schräg hinter mir zwei heftige VNV Fans aus Bristol. Dass sonst um mich herum die Leute … nun, für mich eher schwierig waren, tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Ronan interagierte wieder sehr viel mit den Fans recht weit vorne, kümmerte sich dort um jeden – dass das hinten nicht so gut kam, ist mir klar, aber vorne war es einfach geil. Wenn Ronan damit befasst war, etwas zu erzählen während eines Songs, übernahmen die Fans vorne die Lyrics, aus vollstem Halse, und ich war mitten darunter. Besonders ging es natürlich ab durch die Ankündigung, dass VNV im kommenden Jahr eine neue Tour machen werden … was bedeutet das? Neues Album, genau! Das befeuert natürlich alle Euphorie! Dazu kamen Lieder, die nicht so oft gespielt werden – oder zumindest auf den letzten VNV Konzerten, auf denen ich war, nicht so oft kamen: Sentinel, Off Screen und Epicentre, die ich extrem liebe, dazu aus „Automatic Empires“ heißgeliebt: Resolution, Gratitude und Standing. Es war eine Hammer-Show, auch weil Ronan: Einen Rollifahrer in die erste Reihe brachte, in dem er die Fans zum Bilden einer Gasse animierte, mit dem Einhorn Johannes und dessen Besitzer interagierte und einem Fan, der Standing noch nicht kannte, das Lied höflich ans Herz legte. Es gab lustige Momente und tolle, und bei Illusion vergoss ich viele Tränen. Dazu gab’s Sternenhimmel bei Nova, und ich erinnerte mich mit Begeisterung an das Amphi vor zwei Jahren, als in der Lanxess-Arena bei VNV der Nova-Sternenhimmel mit Handytaschenlampen das erste Mal so richtig zündete.

Am zweiten Festival-Tag lernte ich den Strand des Amphi kennen und lag auf einer Liege im Sand, sehr chillig – dazu kaufte ich ein neues VNV Shirt und einen Zipfel-Bolero. Aber dann ging’s auch schon vor allem um die Bands …

Stahlmann sah ich von ferne, aus nettem Kontakt mit Bekannten heraus, aber ich musste natürlich auch anmerken, dass mein Ehemann ebenfalls Stahlmann heißt. Die Musik dürfte ihm besser gefallen als mir, aber lustig war’s. Das Ich habe ich mir geschenkt, die mag ich nicht, und ich weiß auch immer besser, dass das nicht mehr besser wird. Dann jedoch ging es an Hocico … und da ging es richtig ordentlich zur Sache. Von direkt vor dem Mischpult genoss ich eine Show, die kraftvoll, beeindruckend und total heftig war, eine Show, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ich kenne Hocico nur vom Tanzen in der Disco und war vom Zusammenspiel der Show, der Präsenz auf der Bühne und der Musik in ihrer Brachialität beeindruckt und begeistert. Zwischendrin gab es noch einen Regenguss, der das Konzert nur um so mehr unterstrich. Danach bei Combichrist war ich vor allem regelrecht trunken von der intensiven Stimmung, da Combichrist nicht so ganz mein Fall ist, die Stimmung aber definitiv gewaltigen Spaß lief. Und dann Apop …

… und dann Apop! Aber sowas von! Bei Apoptygma Berzerk wollte der Funke bei mir noch nicht so recht überspringen. In This Together mag ich zwar, aber irgendwie ist Apop für mich ältere, elektronischere Musik. Spätestens bei Eclipse in gitarrenlastig merkte ich, wie mich Apop einsaugte, und dann kam Non-Stop Violence in elektronisch! Bei mir brachen alle Dämme, ich brüllte den Text heraus, war nur noch Tanzen, Klatschen, Mitsingen. Das setzte sich fort – zu meiner Freude gab es eben nicht nur Starsign und Eclipse, sondern auch – und das dann in elektronisch – Kathy’s Song und Deep Red! Dann allerdings, egal, ob’s ein Cover oder nicht, völlig wurscht, bei Major Tom gab es kein Halten mehr. Völlig euphorisch bin ich wohl allen auf den Wecker gegangen, aber auch rückblickend brauchte dieses Mal VNV meinen Fan-Bonus, um mein Highlight zu sein – wenn ich den weggelassen hätte, mit Eclipse statt in Gitarre auch noch in elektronisch sogar ohne VNV-Fan-Bonus wäre Apop dieses Jahr mein Highlight gewesen. Was eine geile Show!

Kurz gesagt: Ein gelungenes Festival, das mich total in seinen Bann gezogen hat und nach dem ich in kosmologischen Einheiten eine Rotverschiebung von ungefähr z=3 von meinem Alltag entfernt bin!

Musik, die mich rettet

In der vergangenen Woche hat bei tollen, warmen Temperaturen der Verkehr auf der A5 und auf der A8 oft, sehr oft nicht so gewollt, wie ich das wollte. Bei Sonnenschein im Stau zu stehen finde ich nochmal schlimmer als bei Regen – man könnte so viele tolle andere Dinge tun, stattdessen brutzelt man unter der Scheibe, bei sich aufheizenden dunklen Flächen ringsum und nichts geht.

In einer solchen Situation rettet mich Musik – es gibt da so ein paar ganz typische Listen, die auf meinem Telefon in solchen Situationen zum Einsatz kommen:

  1. Die „Punkige“. Man kann und sollte sicher viele der Lieder in dieser Liste in andere Genres einordnen. Die Liste enthält quasi als „Leitmusik“: Die Ärzte (Westerland, Schrei nach Liebe, Zu spät), Die Toten Hosen (Hier kommt Alex, Tage wie diese), The Clash (Should I Stay Or Should I Go), Wizo (Raum der Zeit), Jimmy Eat World (The Middle), aber auch Pink (Don’t Let Me Get Me). Ich habe sicher das eine oder andere vergessen, aber ich denke, Ihr habt den Stil mitbekommen.
  2. Die „Sommer“-Liste. Das ist für mich eine sehr subjektive Liste – da haben auch wieder die Ärzte (Lasse redn) und die Hosen (Tage wie diese) ihren Platz, aber wesentlicher sind solche Sachen wie … naja, Dario G (Carnival de Paris), Safri Duo (Played-A-Life), Beagle Music Inc. (Like Ice In The Sunshine), Herbert Grönemeyer (Mambo), aber auch Guilty Pleasures wie Katy Perry (California Gurls) und das Blümchen-Cover von „Nur geträumt“. Das macht gute Laune und lässt einen mit Begeisterung und in völliger Ruhe den Stau tolerieren, ohne egoistisch drängelnden Unfug zusammenzufahren.
  3. Die „The Power Of Bon Jovi“-Liste. Darin findet sich Bon Jovi. Und Bon Jovi. Und noch mehr Bon Jovi … Highlights sind dabei „Runaway“, „In These Arms“, „Always“, „These Days“, „Bed Of Roses“, „Someday I’ll Be Saturday Night“ und dergleichen, es ist auch eine Menge ruhiges vom Album „These Days“ drin, das ich im Stau aber eher skippe.
  4. Das VNV Nation-Album „Automatic“. Ich bin nicht so die Album-Hörerin, aber „Automatic“ höre ich durch, von vorne bis hinten. Meine Highlights freilich sind „Resolution“, „Streamline“, „Gratitude“, „Photon“ und „Radio“. Bei einem Album mit 10 Tracks fünf Highlights anzugeben, spricht schon eine gewisse Sprache … aber auch der Rest ist kein Füllmaterial. Was ich manchmal doch überspringe, sind das Intro und „Goodbye 20th Century“, aber das auch nur wegen gewisser bewusster Toneffekte, die mich im Auto dann manchmal verrückt machen.

Es gibt sicher noch mehr, aber das sind die Dinge, die mich dieses Jahr über die meisten Staus gebracht haben. Da läuft dann teils auch die Phantasie an, und plötzlich ist es zwar lästig, später heimzukommen, aber die Zeit ist nicht verloren, die Mundwinkel gehen nach oben und ich komme nicht gefrustet zuhause an. Klappt freilich nicht immer, manchmal ist es zu arg. Aber es hilft, es hilft enorm, das Pendeln zu überleben.

Tanzen!

Tanzen. Früher habe ich das oft gemacht, oft, viel und ausführlich. Mit 16 bis Mitte meiner Zwanziger war es Gesellschaftstanz, danach vor allem Tanzen in der Disco, wobei das eigentlich im Gothic-Club meint. Ich könnte jetzt alt klingen: „Damals, als das Culteum in Karlsruhe noch Kulturruine hieß und auf der Vampiralen Nacht vor der Sommerpause Leute wegen Überfüllung nicht mehr reinkamen und nach zwei Stunden Kondenswasser von der Decke tropfte …“

Aber so alt bin ja noch gar nicht. Klar, ich habe 2002 bis 2009 die Karlsruher Clubs intensiv besucht – Kulturruine, später Culteum, das Nachtwerk, den Cubus … oh, der Cubus, das war auch so ein Ding!

Jedenfalls habe ich es gestern wieder einmal geschafft, so ein bisschen auszugehen. In Baden-Württemberg ist Feiertag und daher war die VNV Nation und Covenant Party im Nachtwerk am Mittwochabend. Nachmittags wurde ich von einem Freund, der nicht dort hingehen würde, darauf angespitzt, weil einer seiner Freunde dort hingehen würde. Ich hatte Kopfschmerzen, außerdem ist Mittwochabends WNF. Also war ich auf dem Trip: „Nö, mache ich nicht, keine Zeit …“ Alles Ausredenblabla, wie ich inzwischen weiß. Ich war angefixt, bekam den Gedanken an’s Ausgehen nicht mehr aus dem Kopf. Nach dem Heimkommen lief ich erstmal eine Runde, um meine Kopfschmerzen wegzubekommen. Fünf Kilometer waren es, mit steigendem Tempo und steigender Herzfrequenz, und danach war ich verschwitzt und die Kopfschmerzen gingen weg. Hungrig war ich auch. Wir aßen eine Kleinigkeit, spielten unsere WNF-Runde, derzeit ist dabei „The Elder Scrolls Online“ angesagt. Mir wurde nun klar: „Okay, Tally, Du WILLST ausgehen!“

Und das tat ich dann auch! Ich zog mich an, war noch so ein bisschen am Nervöswerden, da ich so lange nicht ausgegangen war, zumindest was Disco angeht. Aber ich tat es, um 23:20 war ich am Nachtwerk. Viel los war nicht, aber das war mir gerade recht. Ich traf den Bekannten (der Freund meines Freundes ist) und wir unterhielten uns kurz. Er erzählte mir, wie es bei diesem DJ mit Wünschen läuft, und ich äußerte rasch den Wunsch: „VNV – Standing“. Dass ich nicht „Nation“ dazu schreiben muss, ist glaube ich klar. Prompt wurde der Wunsch erfüllt und ich war da schon anderthalb Lieder auf der Tanzfläche. Irgendwann, es muss wohl so gegen eins gewesen sein, merkte ich: „Durst!“ Also ging ich mir was zu trinken holen und unterhielt mich an der Bar zwei Lieder lang mit einem alten Bekannten aus der Kulturruine-Zeit, trank die Hälfte meiner Cola aus und dann zog es mich wieder auf die Fläche. Das nächste Mal wachte ich aus meiner Tanz-Trance gegen 2:45 auf, wobei ich zwischenzeitlich noch von Apoptygma Berzerk „Non-stop Violence“ wünschte und erfüllt bekam. Aber auch da gab es keine lange Pause, der DJ beschied mir, dass er „Homeward“ von VNV als Rausschmeißer spielen würde – gegen zehn nach drei. Also blieb ich, bis die Lichter angingen, habe mich also dreieinhalb Stunden mit nur kurzen Unterbrechungen auf der Tanzfläche aufgehalten. Klar, die Intensität ist nicht mit dem Laufen vergleichbar, aber ich habe mich doch bewegt, von der Musik getrieben, die Musik spürend, Rhythmus und Melodie durch meinen Körper fließen lassend.

Danach brannten mir die Füße, ich hatte schon wieder Hunger und war völlig erledigt, aber auch sehr, sehr glücklich. Im Endeffekt ist die Schlussfolgerung, dass ich einen Schleudersitz im Sofa brauche, der mich tanzen scheucht! Denn es tut mir gut, es ist Bewegung und ich habe die Kondition, meinen durchaus anstrengenden Tanzstil für drei Stunden und mehr am Stück durchzuhalten.

Euphorie, Heulkrampf und das tollste Kind der Welt

Zurück vom Konzert von VNV Nation im Jazzhaus Freiburg sitze ich nun wieder vor meinem Rechner, weiß genau, dass morgen erstmal viel Tee nötig sein wird, um mich wieder mit der Stimme zum Rollenspiel Leiten auszustatten und bin noch völlig geflasht von dieser wundervollen Automatic-Empires-Show!

Ich möchte gar nicht zu tief einsteigen in die Musik – auch wenn ich totaler Fan bin. Was ich an VNV-Konzerten unheimlich schätze, ist die enorme Präsenz, das Charisma und den Enthusiasmus von Ronan Harris und seiner Crew, darunter der ruhigere, aber nicht minder präsente Mark Jackson an den Drums. Dazu kommt ein euphorisches, enthusiastisches Publikum und eine freundliche Atmosphäre unter den Fans, die von Rücksicht und aufeinander achten geprägt ist. Deswegen war es auch für keinen ein Problem, auch für keinen eine Einschränkung oder gar ein Faktor, Angst um sie zu haben, als ein Papa seiner kleinen Tochter einen Platz in der ersten Reihe erbat. Das Mädchen sprach nur Französisch, hatte adäquaten Hörschutz dabei und hört – laut dem Papa – bereits seit dem Kindergarten Bands wie VNV Nation und Hocico. Der Vater vertraute den Fans in der ersten Reihe auch so weit, dass er nicht sich selbst direkt dahinter dazustellte, sondern seinen Platz in der dritten Reihe nahm und seine Tochter direkt vor der Bühne in Sicherheit wusste. Tatsächlich ging die Kleine total ab, sie war begeistert, ging mit und hielt, bis auf einen kurzen Ausflug, um auf’s Klo zu gehen oder was zu Trinken, das gesamte Konzert durch. Ich war völlig begeistert von der Kleinen, die dann auch, als sie etwas stiller dastand und ich besorgt fragte: „Ça va?“, wie der Vater es getan hatte, heftig nickte, später wieder voll dabei war. Als Ronan Harris sie fragte, ob sie Spaß habe, verstand sie ihn nicht – dann habe ich Ronan zugerufen, dass sie Französisch spreche: „French!“, und später forderte er in unsere Ecke nicht nur auf: „Go!“ und „Auf geht’s!“, sondern auch „Allez!“. Zwei Stunden erste Reihe auf einem Konzert, halb so groß wie die Leute um sich herum, zu keinem Zeitpunkt Angst – alle Achtung! Und dann der Musikgeschmack …

Für mich selbst war es ein Konzert voller blanker Euphorie und Begeisterung. Ich habe über „Futureperfect“ zu VNV gefunden, die Band mit „Matter+Form“ heiß lieben gelernt und nenne „Automatic“ inzwischen mit Inbrunst mein Lieblingsalbum, auch wenn die anderen auch toll sind. Mit „Empires“ kann ich allerdings auch einiges anfangen, so dass viele, eigentlich die meisten Lieder für mich nicht nur bekannt, sondern auch vertraut, geliebt und zum mitsingen waren. Dazu kamen absolut begeisterte weitere Fans um mich herum, und bei einigen Liedern haben wir alle lautstark mitgesungen – großartig.

Bei „Photon“ schließlich erwischte es mich heftig – ich wurde von Gefühlen übermannt, glücklich, melancholisch, begeistert und allgemein emotional konnte ich nur noch weinen und mitwippen. Auch hier bemerkten es die anderen und fragten, ob alles okay sei – meine Begleitung, die meine Reaktionen schon kennt, versicherte – wahrheitsgemäß – dass alles okay sei. Ich hing emotional so in den Seilen, dass ich das nicht konnte. Später ging es wieder, es war sehr heilsam – in einer Intensität, wie ich das oft nur bei VNV-Nation-Konzerten erlebe.

Nun werde ich erstmal völlig erledigt in mein Bett fallen!

Tonight’s the night …

Ich fahre wieder zu Automatic Empires, zu VNV Nation! Yay!

Heute Abend läuft wieder ein Konzert der Automatic-Empires-Reihe von VNV Nation und ich fahre mit einer Freundin da hin. Ich bin schon ganz hibbelig und begeistert und durchgedreht darüber!

VNV Nation ist für mich: Ausklinken, Heulen, Singen, Tanzen, Lachen und alles draußen vergessen. Ronan Harris forderte im LKA Longhorn in Stuttgart auf der „Transnational“-Tour dazu auf, alles, was einen bedrückt, beschäftigt und so weiter, nach draußen zu verbannen, zu singen, zu tanzen, irgendetwas zu tun, und eine gute Zeit zu haben. Und dann spielte er „Resolution“, natürlich aus „Automatic“. Das ist eines der beiden Alben, um die es heute Abend geht. Das wird GROSS!