31. Badische Meile

Nachdem die Badische Meile nun pandemiebedingt eine Weile nicht stattfinden konnte, wurde sie dieses Jahr mit Rücknahme der Maßnahmen wieder durchgeführt. Freilich ist Corona noch nicht vorbei – aber zumindest war heute im Freien der UV-Index hoch. Daher mache ich mir nun nicht so sehr Sorgen, obwohl doch die Warnapp angeschlagen hat. Allerdings stelle ich mir die Frage: Jemand geht mit positivem Test in der Warnapp auf eine Veranstaltung? Muss das sein? Denn die Risikobegegnung in der App war heute, die Meldung natürlich auch heute.

Aber das nur am Rande. Selbstverständlich hatten wir in der Bahn unsere Masken auf – und auch korrekt auf, wie vorgeschrieben. Mit der Bahn sind wir nämlich zum Wettkampf gefahren. Dann hatte ich erstmal eine recht umfangreiche Phase, in der ich lauter Leute getroffen habe – mit Abstand, unter freiem Himmel, aber eine Menge lieber Leute, die ich aus den verschiedensten Anlässen und in den verschiedensten Umfeldern kennen gelernt habe. Für mich ging es nach zwei Gruppenfotos in den Favoritenblock, denn mit einer Zehn-Kilometer-Zeit unter 42 Minuten und einer Platzierung unter den ersten 250 der 30. Badischen Meile hatte ich Anrecht auf diesen Platz. So ganz langsam laufe ich ja auch nicht. Ich wollte eigentlich ganz vorsichtig mit ca. 4:15/km, eher 4:20/km angehen. Indes, so lief es nicht. Ich war prompt recht flott dabei, getragen von den tollen Altra Vanish Carbon. So richtig anstrengend fühlte es sich auch gar nicht an, und so zog ich einfach das Tempo weiter. Ich war einfach gut drauf – und dass ich nur noch sieben Kilometer zu bewältigen hatte, statt 40, als ich beim Zwei-Kilometer-Schild durchlief, ließ mich auch einfach denken: „Dann isses halt so!“

Tatsächlich wurde es dann ein bisschen anstrengender, aber dass ich mich in der Nähe einer anderen sehr starken Läuferin halten konnte und von meinem Vereinskollegen Nobse, der zu vielen Streckenpunkten skatete, meine aktuelle Position im Rennen und die Abstände nach vorne ansagen lassen konnte, beflügelte mich weiter. Zuerst lief ich an Position vier des Rennens der Damen, dann überholte noch eine zuerst mich, dann die starke Läuferin vor mir, so dass ich auf Position fünf abfiel. Aber die hielt ich dann auch – bei Kilometer acht kam dann die Schikane der Badischen Meile: Man läuft unter den Brücken des Bulacher Kreuzes hindurch, in Richtung Günter-Klotz-Anlage… sieht das Schild „Kilometer 8“ und denkt sich: Nun noch 900 Meter sanft den Berg hoch um das Europabad…

Bäääm! Nein, nicht geradeaus weiter, sondern scharf rechts den Hügel hoch, ziemlich steil sogar. Normal ist das nicht besonders schwer, aber nach acht schnellen Kilometern beißen diese sechs, sieben, acht Meter, die man auf knappen 200 Metern nach oben muss. Das pure Glück ist es, dass man danach nur noch runter und ins Stadion muss:

Am Ende lief ich mit einer Nettozeit von 34:12 als fünfte Frau und 67. Finisher durch das Ziel. Ein Ergebnis, das sich absolut sehen lassen kann! Ich fühle mich auch immer noch stark, kein Ziehen in den Beinen, kein zerschlagenes Gefühl, nicht das Gefühl, heute wirklich alles rausgehauen zu haben – im Gegenteil, eher angeregt. Dementsprechend geht es jetzt in die erholende letzte Woche vor dem Marathon.

Nach dem Lauf gab’s dann noch Gratulation an alle anderen, ein Faust-auf-Faust mit der auf Platz vier gelandeten Frau, und viele nette Gespräche auf der weiten Wiese des Stadions, vor allem vor dem Stand des rennwerks, das heute sieben Jahre alt wurde. Die Altra Vanish Carbon hatten sicher ihren Anteil daran, dass ich trotz verhältnismäßig wenig angespanntem Lauf an der Schwelle mit einem Tempo von 3:52/km durchlaufen konnte.

Und so konnte ich heute meinen letzten Tempodauerlauf vor dem Marathon als Wettkampf mit tollem Ergebnis laufen und die Sonne genießen! Nun geht’s in die letzte Woche mit Erholung und dann schauen wir mal, was auf die volle Distanz drin ist.

Angelaufen: Altra Vanish Carbon

Derzeit ist ja sehr viel von Dekarbonisierung der Wirtschaft die Rede. Die Laufszene dagegen erlebt eine massive Karbonisierung… seit Eliud Kipchoge auf dem Nike VaporFly mit seiner Carbon-Platte in Wien unter zwei Stunden auf Marathondistanz gelaufen ist, werden Carbon-Schuhe fleißig diskutiert, durchaus auch mal kontrovers. Zuerst hatte nur Nike die neue Technologie, es war von Schuh-Doping und Verboten die Rede. Dann übernahmen andere Hersteller die Technologie und inzwischen wird sehr viel Carbon gelaufen.

Als Läuferin, die eher auf dem Natural-Running-Trip ist, habe ich den Carbon-Trend zunächst mit Misstrauen beäugt. Schuhe mit Sprengung, steifer Sohle, viel Dämpfung verschwanden über die Jahre zunehmend aus meinem Schuhregal… ich bin eigentlich noch in einer Entwicklung begriffen, an deren Ende ein Schuhregal hätte stehen können, das Barfußschuhe (in erster Linie Vibram FiveFingers verschiedener Ausprägung) und Null-Sprengungs-Laufschuhe mit großzügiger Zehenbox – Altra Escalante, Altra Escalante Racer und Altra Lone Peak enthält und sonst nichts. Der einzige verbliebene „Fremdkörper“ war ein Mizuno WaveShadow, den ich für schnelle Trainings und kurze Wettkampfdistanzen nutze. Kurz: Ich laufe auf dem Vorfuß, komme auf der Außenseite des Fußballens auf, rolle nach vorne und zur Mitte hin ab und stoße mich mit dem Wade-Achillessehne-Plantar-Faszie-System wieder über die Großzehe kraftvoll nach vorne ab.

Und dann kommt Altra und baut mit dem Vanish Carbon einen Null-Sprengungs- und Altra-Zehenbox-Carbon-Schuh. Ein wenig irritiert nahm ich zur Kenntnis, dass manche den Schuh schon zu haben schienen, an anderer Stelle aber noch nichts ausreichend Konkretes darüber bekannt war. Der Start stellte sich für mich etwas verstolpert dar. Also lief ich vom Büro aus zum Laufladen meines Vertrauens, dem rennwerk Karlsruhe, und fragte einfach mal dreist: „Altra hat ja einen Carbon-Schuh… hört man was über den?“ Petar grinste und meinte: „Hab‘ ihn da, willst’n probieren?“ Tja… eine halbe Stunde später verließ ich mit breitem Grinsen und einem Paar Schuhe in der Hand den Laden. Aber genug der Vorrede, dann springen wir mal rein…

Erste Erfahrungen mit dem Altra Vanish Carbon

Meine ersten Versuche mit dem Altra Vanish Carbon fanden direkt vor dem rennwerk statt. Ich zog das Pärchen an und rannte vor dem Laden auf und ab. Schon da merkte ich, da steckt Dampf dahinter. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, zog ich einen Escalante und einen Vanish Carbon an und lief nochmal hin und her. Abgesehen von der unterschiedlichen Sohlendicke – bei all der Carbon- und Zwischensohlen-Technik, die in der EGO Pro Sohle steckt, ist der Vanish Carbon natürlich dicker als der Escalante – war auch der deutlich stärkere Abdruck und ein bisschen das nach vorne kippen spürbar. Dieses „nach vorne kippen“, das ich bei einem Testlauf mit dem Saucony Endorphin Pro beim rennwerk vor einiger Zeit schonmal als „Bevormundung“ beschrieb, ist für mich beim Vanish Carbon aber lange nicht so stark ausgeprägt wie beim Endorphin Pro.

Um etwas mehr sagen zu können, lief ich meine Tempotreppe am Tag nach dem Kauf auf den Vanish Carbons. Angesagt waren ein Kilometer einlaufen und dann vier, drei und zwei Kilometer im Halbmarathon-Renntempo, danach jeweils hundert Meter gehen und neunhundert Meter traben, schließlich noch ein guter Kilometer auslaufen. Ich trug dabei meinen Stryd Footpod und auch meinen Garmin Running Dynamics Pod, um einen Zugang zu eventuellen Veränderungen zu finden, die sich ergeben.

Aber zunächst einmal zum Gefühl, das sich da ergab: Ich musste noch einmal an der Schnürung arbeiten, weil der Halt recht wichtig ist, gleichzeitig aber für diesen zusätzlichen Halt die Zehenbox nicht ganz so großzügig ausfällt wie sonst bei Altra. Vor allem eine gleichmäßige Schnürung spielt eine große Rolle, Festigkeit ist oben auf dem Mittelfuß wichtiger als in Richtung der Zehen. Der kleine Wulst in dem äußerst leichten und dünnen, aber robusten Material an der Ferse hilft, mit der Ferse nicht nach oben aus dem Schuh zu rutschen und hält einen fest im Schuh. Insbesondere der Abdruck ist überaus stark, da merkt man, wie viel Dampf dahinter steckt, dass der Schuh durch die Carbon-Platte und das somit versteifte Zehengelenk den Hebel um einige Zentimeter verlängert. Das System aus Fuß, Achillessehne und Wadenmuskulatur bringt die beim Auftreten hineingespeicherte Energie wesentlich effizienter wieder auf die Straße als auf anderen Schuhen – eben wegen des größeren Hebels.

Um meine direkten und wenig überlegten Worte zu verwenden: Der Abdruck ist sexy!

Mein Testlauf (Tempotreppe abwärts nach Greif) mit den Altra Vanish Carbons in Laufleistung (grau, Stryd-Messung), Pace und Herzfrequenz.
Testlauf in Schrittfrequenz und Schrittlänge.

Sehr deutlich fällt mir ins Auge, dass die Schrittlänge gegenüber anderen Schuhen hochgegangen ist. 130 Zentimeter sind bei mir sonst eher selten, hier kam das ganz automatisch. Der hauptsächliche Tempogewinn für mich passiert über längere Schritte bei gleicher Schrittfrequenz, weil einfach die Kraft beim Abdruck, der Vortrieb größer ist. Natürlich setzt das voraus, dass die Achillessehne, der Fuß und vor allem die Wade an Vorfußlauf gewöhnt sind, vom Training für die Belastung vorbereitet sind und auch die nötige Kraft haben. Ohne diese Kraft bringt auch der längere Hebel wenig, mit dieser Kraft würde ich sagen, dass ich einige Sekunden pro Kilometer allein an der stärkeren Mechanik gewinne. Durch das starke, mächtige Gefühl und den Rausch, den das erzeugt, wird’s noch ein bisschen mehr Tempo, das dann aber halt auch in zusätzlicher Belastung, zusätzlichem Ausdaueraufwand resultiert, so dass ich nicht weiß, ob ich das über ganz lange Distanzen halten könnte. Alles in allem würde ich einschätzen, bei meinen ca. 4:10/km Halbmarathon-Renntempo in der Größenordnung um die zehn Sekunden pro Kilometer gewinne. Und das ist eine MENGE!

Das hat seinen Preis. Nicht nur, dass Carbon-Schuhe (überall, so auch bei Altra) nicht ganz günstig sind: Der Vanish Carbon kostet nach Liste 250 Euro. Die Sohle ist, um all diese Kraft auf die Straße zu bringen, eher weich und griffig, was sich auch in der Abnutzung zeigt. Der vielleicht entscheidendste Preis lässt sich aber nicht in Euros oder verringerter Laufleistung in Kilometern beim Schuh beziffern – er betrifft den Bewegungsapparat der Läuferin oder des Läufers. Der Zug auf der Achillessehne und die Kraft, die die Waden aufbringen müssen, auch die plötzlichen Zugbelastungen bei Aufkommen und Abdrücken durch den längeren Hebel sind spürbar größer. Meine Waden haben schon lange nicht mehr so gezogen wie nach dem Vanish Carbon Testlauf. Auf längeren Distanzen würden sich vermutlich auch die Gewölbe des Fußes und die Achillessehne melden. Da man diese Systeme weder mit Geld noch mit Laufleistung reparieren kann, ist das vielleicht der stärkste begrenzende Faktor für den Einsatz von Carbon-Schuhen im Allgemeinen und dem Vanish Carbon im Speziellen.

Kurz gefasst als Fazit: Der Vanish Carbon bringt die Verlängerung des Hebels durch die Carbon-Platten-Versteifung des Großzehengelenks mit einer Altra-typisch großzügigen Zehenbox und ohne die übliche recht große Sprengung bei solchen Schuhen. Der „Kipppunkt“ im Bereich knapp vor dem Zehengelenk, der ein recht abruptes Abrollen in den Vorfuß-Absprung erzwingt, ist weit weniger ausgeprägt als bei anderen Carbon-Schuhen, die ich mal anhatte – man muss und DARF das vorfüßige Laufen selbst umsetzen, was für mich einen Mehrwert darstellt. Die Belastung des Bewegungsapparat steigt im Verhältnis zu nicht-Carbon-Schuhen stark an, die Abnutzung der Sohle ist auch spürbar schneller als bei anderen Schuhen. Im Endeffekt ist es ein reiner Wettkampfschuh für die kürzeren der Langdistanzen, und ob man einen Marathon drauf laufen möchte, sollte man auf Unterdistanzen gut testen und eventuell je nach Ergebnis auch lieber unterlassen.

Bei allen Mahnungen und Warnungen die hier heraus sprechen, muss ich aber ganz klar sagen: Der Schuh ist vom Laufgefühl und Tempo her nur in Superlativen und Vulgärsprache zu beschreiben. Es wird nicht mein letzter Vanish Carbon sein, da bin ich mir sicher – ein Hammerteil!

Wo ein Schuh durchgelaufen ist…

…kaufe ich einen neuen. Wie ich es beschrieben habe, hatte ich zwei ziemlich erledigte Paare Laufschuhe mit im Trainingslager, die habe ich dort dann abgefertigt und anschließend noch in Italien entsorgt. Ersatz für diese beiden Paare stand präventiv schon zuhause im Schrank. Aber heute war ich dann in der Mittagspause (natürlich zu Fuß) im rennwerk. Da ergab sich dann folgendes Gespräch:

„Du sag‘ mal, Petar… von dem Carbon-Schuh von Altra, hört man von dem was?“

„Ich hab‘ ihn da… willst’n probieren?“

Dann stürmte ich ein paar Mal vor dem Laden auf und ab, einmal auch mit einem Escalante am rechten und einem Vanish Carbon am linken Fuß. Als ich wieder in den Laden reinging, hatte ich nur Superlative und Vulgärsprache. Mario beschied mir, dass ich mit den Dingern auch ganz schön über den Marktplatz gefegt sei. Ich erwiderte, wenn man Carbon-Schuhe nicht mit hohem Tempo ausprobiere, könne man es ja auch gleich lassen – da gab er mir recht.

Anschließend lief ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht und einem Paar Schuhe in der linken Hand zurück ins Büro…

Meine Schuh-Auswahl für den Dämmermarathon in Mannheim ändere ich aber nicht mehr. Sowas Abgefahrenes wie Carbon-Schuhe probiere ich erstmal auf den Unterdistanzen aus. Ich bin sehr gespannt, wie die Dinger sich bei Tempodauerlauf oder Intervallen machen. Aber ich werde sie dafür nur sparsam tragen, einfach nur, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Schließlich ist die Belastung für den Bewegungsapparat durch die Versteifung doch erheblich größer als bei den Schuhen, die ich normalerweise trage. Aber bei einem Carbon-Schuh von Altra, deren Markenzeichen große Zehenbox und keine Sprengung („Zero Drop“) ist, konnte ich dann doch nicht widerstehen.

Wie sie sich machen, werde ich natürlich noch hier beschreiben, die erste Euphorie ist im Moment noch da und die gelaufene Strecke zu klein, um wirklich was dazu zu sagen. Aber ich bin gespannt – stay tuned for more!