Crosstalk Mk2

Heute früh bin ich mit der Bahn zur Arbeit gefahren. Das geht ganz gut und ist recht entspannt, da man nicht auf so viel achten muss, nebenbei lesen kann und auch ansonsten in vielerlei Hinsicht entspannter sein kann als hinter dem Steuer. Wenn … ja, wenn da nicht all die anderen Leute in der Bahn wären.

Nein, ich würde mich nicht für eine Misanthropin halten. So schlimm war es auch nicht. Ich muss aber schon sagen, dass mich manche Verhaltensweisen und manches Umgehen mit Elektronik schon ein wenig stören. Ich selbst habe natürlich auch am Handy gespielt und auf meinem Tolino gelesen. Nun, da ich das erste, von einer Freundin als klassisches, physisch vorhandenes Buch ausgeliehene Buch aus der „Anne-of-Green-Gables“-Reihe endlich durch habe, fing ich das elektronisch vorhandene zweite Buch an. Nicht, dass das „endlich“ bedeuten würde, dass ich es nicht mochte – ich hatte nur so furchtbar wenig Zeit zum Lesen.

Aber zurück zu der Elektronik um mich herum. Dass jeder ein Handy und/oder einen E-Reader und/oder ein Tablet bei sich hat, wenn er oder sie den ÖPNV benutzt, ist ja durchaus Realität. Das kann man schlimm finden, ich find’s gut. Man kann so die Zeit unterwegs gut nutzen, und bei vernünftigem Umgang damit versagt man sich auch keine zufälligen Gespräche, die dann oft die besten sind. Aber gerade bei Smartphones sollte man sich klar machen, dass noch andere Leute im Zug sind, die vielleicht auch die Konzentration auf ihre Gedanken ohne Ohrstöpsel genießen möchten. Zwei Sitze entfernt saß jemand mit Kopfhörern – und bekam ganz offenbar nicht mit, dass in unregelmäßigem Minutentakt sein Handy einen mehrsekündigen SMS- oder Message-Benachrichtigungston abspielte, der mich jedes Mal aufmerken ließ. Das ist etwas, das ich nicht verstehe. Mein Telefon ist meistens auf stumm gestellt, macht sich nur durch Vibration bemerkbar. Ich trag’s ja eh meist am Körper oder es liegt auf einem Tisch, wo man das dann merkt. Steckt das Telefon in der Handtasche, merke ich es auch, da sich die Vibration auf den Trageriemen der Handtasche überträgt.

Oder, um meine Empörung mit einer Zitat-Reihe aus „Jagd auf roter Oktober“ zu illustrieren: „Die pingen wie wild in der Gegend herum und keiner hört darauf.“ – „Keiner hört darauf?“ – „Die fahren so 33 Knoten. Da könnten sie über die Stereoanlage meiner Tochter fahren, ohne sie zu bemerken.“

Genauso darf gerne das Telefon an’s Ohr, wenn man telefoniert. Dann sind Lautsprecher und Mikrofon näher an den relevanten Körperteilen und niemand muss die Äußerungen meines Gesprächespartners mithören – und idealerweise meine auch nicht so sehr.

Ich seh‘ ein, dass auch akustische Signale wichtig sein können. Aber dann doch bitte nur die wichtigen – und nur, wenn auch wer drauf hört. Idealerweise vor allem für den hörbar, der tatsächlich drauf hört und nicht so sehr für alle anderen.

„Spider-App“ führt zu Fitnesstracker …

Diesen sicherlich nicht jedem voll plausiblen Weg, den meine technisch-sportliche Selbstverdrahtung diesertage gegangen ist, möchte ich Euch ein bisschen näherbringen. Nicht, um Nachahmer anzufordern, sondern um mich ein bisschen über mich selbst, mein Verhalten bezüglich Technik und Tracking und ein paar andere Dinge zu wundern.

Was war also passiert? Bei meinem dritten 20km-Lauf innerhalb meines Urlaubs passierte es bei etwa zwölf zurückgelegten Kilometern. Durch den Fingerabdrucksensor muss ich zum Entsperren meines Telefons, wenn sich das Gerät unter der Folie des Schultergurts befindet, den Zahlencode eintippen – das ist beim Laufen und hellem Umgebungslicht nicht vollständig trivial … oder auch: Ich hole dafür tendenziell mein Telefon aus der Hülle und stecke es nachher wieder rein, ziehe dann erst den Gurt wieder hoch auf den Oberarm. Dieses Mal machte ich das genauso. Begeistert war ich, denn bei 5:42/km nach zwölf Kilometern – die ich übrigens bis zum Nachhausekommen nach 23km gehalten habe – fand ich mich auf einem guten Weg. Beim Wiedereinstecken des Telefons passierte es dann. Ich zog die obere Lasche nicht wieder voll über den oberen Rand meines Telefons, wollte den Gurt wieder am Oberarm hochziehen und merkte gar nicht, wie das Handy herausrutschte. Es fiel mir auf die große Zehe meines Fivefinger-Schuhs, und bevor ich reagieren konnte, schlitterte es vier Meter vor mir mit dem Display auf dem Weg entlang. Natürlich überlebte das Display das nicht – salopp dargestellt als „Ich habe Spider-App installiert“. Nun ist die Deinstallation von „Spider-App“ leider nicht so ganz so einfach, dafür brauchte ich technische Hilfe. Die nahm ich dann auch in Anspruch. Das ist teuer … und so wuchs in mir die Erkenntnis, dass ich an meinem Ablesen des Telefons während des Laufens etwas ändern musste.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein Gerät musste her, das bei abgeschaltetem Smartphone-Display die Daten des Aktivitätstrackings am Handgelenk darstellen kann, so dass ein Aktivieren des Displays am Handy oder ein Herausholen unnötig ist. Vorteil: Dann hält auch der Akku länger, denn beleuchtetes Display und auf Eingabe wartender Touchscreen fressen durchaus Strom. Toll wäre gewesen, damit auch noch die Pulsmessung ans Handgelenk zu verlagern, aber da wäre ich dann schon bei einem Gerät gelandet, das erstens teuer und zweitens in nicht unglaublich teuer nicht mehr mit meiner bisherigen App zur Laufaufzeichnung kompatibel gewesen wäre. Also vertagte ich die Pulsmessung am Arm auf vielleicht Geburtstagsgeschenk an Selbst oder das Weihnachtsgeld und nutzte es, dass der von meiner Sport-App-Familie angebotene Tracker, der auch als Anzeigegerät fungieren kann, gerade nur ein Drittel seines regulären Preises kostet. Und siehe da, ich hatte einen Tracker, am Mittwoch nach dem fatalen Samstags-Display-Unfall.

Nun bin ich derzeit am mich vertraut Machen damit, was das Ding eigentlich kann. Natürlich kann es:

  • Meine Aktivitätsdaten während der Aktivität anzeigen,
  • Schritte zählen,
  • die Uhrzeit anzeigen,
  • Bewegungen tracken, um unter anderem das Schlafen zu beurteilen.

Theoretisch kann’s mich wohl auch in einer Leichtschlafphase aufwecken, sofern im Bereich der gewünschten Aufwachzeit verfügbar. Das habe ich aber noch nicht ausprobiert und es kann sein, dass ich das von einem anderen Gerät noch im Kopf habe. Technisch gesehen tracke ich jetzt meine Schritte und meinen Schlaf – eine Serie von 8000 Schritten pro Tag und mehr hält nun schon 4 Tage an. Beim Schlaf erforsche ich noch Zusammenhänge, kann sein, dass das einiges bringt oder dass ich das bald wieder lasse.

Jedenfalls wollte ich eigentlich nur ein Display für den Sport, um das Handy nicht als Display benutzen zu müssen, nun habe ich einen Tracker. Den hätte ich mir nicht angeschafft und wollte ihn auch eigentlich gar nicht, bin nun aber zu fasziniert von den Möglichkeiten, um ihn nicht zu nutzen. Mal sehen, ob es anhält oder ob das Ding bald wirklich nur noch das Anzeigewerkzeug ist, als das ich es eigentlich gekauft habe.

Mein Smartphone und ich

Als Besitzerin und eifrige, teils auch schon exzessive Nutzerin eines Smartphones fällt es mir schwer, diese „Smartphone-Sucht“-Lamentos als solche zu akzeptieren. Dennoch stelle ich fest, dass ich gewisse Grenzen habe und einhalte, deren Überschreitung mich – ganz egoistisch – bei anderen nervt. Meistens ist es aus einer Situation heraus, in der ich dann doch nichts sage – weil ich denke: „Ich würd’s während dieser oder jener Tätigkeit nicht rausholen, aber andere stört’s woanders, wenn ich es raushole, meistens tue ich es dann auch schnell wieder weg oder leg’s unbeachtet neben mich.“ Dennoch ist natürlich die Frage mit dem Umgang der ständigen Verfügbarkeit eines kleinen, vernetzten Rechners mit Fokus auf Kommunikation und Unterhaltung ein sehr aktuelles Problem. Was Telefone so alles können, ist noch immer im Fluss, auch wenn nach meinem Gefühl der Unterschied inzwischen eher quantitativ ist und nicht mehr SO viele grundsätzlich und qualitativ neue Funktionen dazukommen.

Unsere Etikette für den Umgang miteinander und mit Ablenkungen hat sich langsamer entwickelt als die Möglichkeiten von Smartphones. Ich bin so dreist und stelle das als eine Tatsache fest. Der intuitive, natürliche Umgang mit dem Smartphone in der Hand- oder Hosentasche, auf dem Tisch vor sich, dem Tablet neben sich auf dem Sofa bildet sich – zumindest in meinen Augen – auch stark vom Alter abhängig aus. Dabei sind es nicht so sehr die Jahre, sondern eher das, was ich unter Kaperung von im Moment ziemlich aufgeladenen Begriffen in drei Kategorien einteilen möchte: Da sind die „Digital Natives“, die ja oft zitiert werden. Sie kennen – vielleicht nicht immer mit derselben App, aber eben doch – schon die ganze Zeit ihrer Sozialisation mehr oder minder die Existenz von Messengern, mobilem Internet, sozialen Netzwerken als Teil ihrer Lebensrealität. Dann gibt’s diejenigen, die ich als digitale Ausländer bezeichnen möchte. Natürlich, ganz an mobilem Internet, Netzwerk und dergleichen kommt man heute kaum noch vorbei. Aber man fremdelt damit. Man ist Tourist oder Arbeiter in der digitalen Sphäre und fühlt sich dort nicht heimisch. Das gilt insbesondere für viele ältere Menschen, die ihren Umgang mit der Gesellschaft als soziale Normen prägend empfinden, oftmals aber auch nicht verstanden haben, wie tief kabelgebundenes und auch mobiles Internet viele vermeintlich „internetlose“ Anwendungen mittlerweile durchsetzt. Vor kurzem sagte mir jemand: „Was machen all die Smartphone-Besitzer, wenn das Netz ausfällt? Die stehen dann alle da und nehmen ihre Umgebung wieder wahr, wissen aber gar nicht, wo sie sind und wie sie heimkommen.“ Bei einem wirklich grundlegenden Ausfall des Netzwerks ist – in meinen bescheidenen Augen – aber ein Ausfall der Smartphone-Navigation und der Spiele und Messenger, die uns beim Gehen auf das Telefon starren lassen, unser geringstes Problem. Von den „höheren“ Benutzern unbemerkt läuft so viel an Steuerung und Regulierung und Information mittlerweile über das Netz, und auch diese Services fallen dann aus. Auch wenn ich eigentlich sehr interessiert daran bin, wie die Dinge im Innersten funktionieren, kann ich partout nicht sagen, welche Services dann alle noch verfügbar wären – und ich fürchte, es wären weniger, als man denkt. Genau, wie funktionierende, freiheitliche Demokratie mehr ist als „Wahlen und die Existenz eines Parlaments“, ist auch die von digitalen, vernetzten Funktionen durchdrungene Sphäre weit, weit mehr als Google Maps, Messenger, Spiele und soziale Netzwerke auf dem Handy – in der Hoffnung, mit diesem etwas tendenziellen aktuellen Beispiel nicht zu viele Leute zu verärgern.

Tja. Ich war noch nicht fertig mit meinen Gruppen. Ich hatte den digitalen Eingeborenen und den digitalen Ausländer. Nun gibt es – insbesondere „zwischen“ den „Millenials“ und der „Nachkriegsgeneration“, aber sicher nicht ausschließlich, den digitalen Immigranten. Scherzhaft habe ich diesen Begriff schon öfter angewandt: „Digitaler Migrationshintergrund“. Wie bei all zu vielen Dingen, in die man einwandert (Staaten, Communities, Familien), ist das Maßhalten beim Integrieren, bei der Assimilation, so eine Sache. Zuerst ist man skeptisch, dann lernt man, plötzlich überumarmt man. Exzesse inklusive.

Dass sich beim Aushandeln der Grenzen, wo die Benutzung eines Smartphones, eines Tablets, eines Laptop für wie lange und zu welchem Zweck akzeptabel ist, sogar zwischen Individuen viele Unterschiede mit Streitpotential auftun, ist klar. Aber gerade zwischen den oben vorgestellten Gruppen der digitalen Ausländer, digitalen Einwanderer und digitalen Eingeborenen sind die Kluften wohl noch tiefer – zumal (wie eben leider auch bei nicht-digitaler Integration) sicherlich in jeder Gruppe Individuen vorkommen, die ihren Weg als den Weg ihrer Gruppe und diesen als den einzig richtigen empfinden – die anderen sollen sich anpassen, besser noch verschwinden. Das funktioniert so aber nicht.

Also fange ich an, über diesem pseudo-theoretischen Überbau Gedanken zu fassen: Bin es ich, die im Recht ist, wenn mich der kurze Smartphone-Chat der Person auf dem Kino-Sitz neben mir stört? Ist es die andere Person? Was stört mich mehr – das Licht des Smartphones und die Ablenkung, oder die Missachtung der anderen Person für das meiner Ansicht nach absolut meine volle Konzentration würdige Spektakel auf der Leinwand? Gleiche Frage natürlich bei einem gemeinsamen DVD-Abend – darf es mich stören, wenn jemand auf dem Handy dabei spielt? Ist das etwas anderes, als wenn ich beim gemeinsamen DVD-Abend kurz auf Messages reagiere und dafür mein Smartphone auf das Sofa hole? Oder ist das beides das Gleiche? Gefühlt stört manche der Smartphone-Spieler, wenn man tatsächlich gerade noch Messages beantwortet, während mich als typische „wenn überhaupt, dann Messenger“-Benutzerin während anderer Tätigkeiten das Smartphone-Spielen der anderen stört. Das ist schwierig, und ich habe keine Lösung, sondern bewundere nur das Problem.

Und dabei habe ich noch gar nicht mit dem Thema „Bilder, Kettenbriefe – ja, nein? Wenn ja, im Messenger? Im sozialen Netzwerk?“ angefangen …

Der Stau

Der folgende Text ist rein fiktional. Da – nicht-explizit beschriebene, aber eben doch – Autoerotik drin vor kommt, warne ich hier davor, falls jemand damit Probleme haben sollte. Vielen Dank übrigens an Sebastian für den Einwurf, der zu dem Clou führte – welchen Clou, sieht man am Schluss.

Der Stau

Graue Wolken hängen schwer über der breiten Schneise zwischen den Bäumen, ein leichter Nieselregen in der Luft ist kaum zu sehen. Sanft treffen die winzigen Tropfen auf die Arme der Frau, keiner groß, aber ein beständiges Sprühen benetzt ihre Haut, macht ihre Haare feucht. Die Feuchtigkeit beschwert das schwarze Kleid, das sich von den Schultern bis knapp über die Knie um den Körper schmiegt. Ihre Absätze klacken auf dem Asphalt, ein wenig balanciert sie ein Schwanken aus, um den nassen, roten Lack des LKW nicht zu berühren, während sie gegen die Scheibe klopft. Mit Worten der Entschuldigung reicht sie ein kleines, beschriebenes Blatt hinein, einige wenige weitere hat sie unter dem ledernen Deckel ihrer Tasche geborgen. Sie lässt den Blick schweifen, nach rechts, nach links – wo sie auch hinschaut: Stillstand. Blech auf Asphalt, so weit das Auge reicht. Eine Unzahl von Fahrzeugen, aus dem Tal kommend, zum Berg gerichtet, von Leitplanke zu Leitplanke. Zwei der Spuren scheinen unter einer Brücke aufzutauchen, verschwinden dahinter im Tal in einer sanften Biegung, zwei andere kommen seitlich dazu, gemeinsam streben sie durch einen Wald bergan, verschwinden recht steil zwischen den Bäumen. Doch die Autos, die LKW, sie kommen nicht, sie streben nicht. Sie stehen. Stoßstange an Stoßstange, einige vibrieren bei laufendem Motor, zeigen weißes Licht, rotes Licht, manche Fahrer halten die Bremse und lassen ihre Bremsleuchten intensiver rot nach hinten scheinen, andere verlassen sich auf die Handbremse. Doch viele, sehr viele haben aufgegeben, den Motor ausgeschaltet. Ihre Wagen vibrieren nicht. Leichter Dampf steigt auf, wo der Niesel warme Motorhauben kühlt. Sie schüttelt den Kopf. Auf der Gegenfahrbahn, bergab, auch dort schleicht der Verkehr, zäh wie Honig. Siebzehn Kilometer, und dies hier ist erst der Anfang.

„Hey! Fräulein!“

Die Worte lassen sie auffahren. Der LKW-Fahrer reicht ihr einen flachen, schwarzen Gegenstand, ein Stück des gereichten Papiers klebt darauf, abgerissen und leicht angefeuchtet. Ein Kennzeichen steht darauf. Nur seine Hand sieht sie, wie sie vor der Tür steht, sein Gesicht bleibt in der Fensterhöhle verborgen. Ein Papiertaschentuch wickelt sie um das flache Stück Technik, birgt es in einen schwer gewordenen Baumwollbeutel, und geht weiter, noch während das Fenster des LKW wieder hinauffährt. Noch zwei, drei LKW, denkt sie sich, und der rote Sportwagen da. Dann … ein Lächeln umspielt ihre Lippen, ein wenig rebellisch,wissend, vorfreudig –

Das schwarze Kleid ist leicht hochgerutscht, die schmale Hand berührt den bestrumpften Schenkel. Sie liegt halb in ihrem Fahrersitz, hat die Lehne etwas zurückgeklappt, doch ihr Po berührt nicht das Gelenk zwischen Lehne und Sitzfläche, sondern vorne auf der Kante – ein Knie ist an das Lenkrad gestützt, das andere Bein liegt im Fußraum, gestreckt und den Fuß zwischen die Pedale geschoben. Sie hat die Augen geschlossen und die Gedanken an die Blicke aus den umgebenden Fahrzeugen verebben langsam, ebenso langsam, wie ihre Hand zwischen den aufgestellten und den abgestreckten Schenkel gleitet. Und dann richtet sich der Daumen auf, streicht über die Schenkelinnenseite, längst aus dem Sichtfeld der anderen Fahrer, und doch ist am Heben und Senken ihrer Brust unter dem Kleid zu erkennen, dass sie nicht untätig bleibt. Die seitlich in die Stirn fallende Strähne ist längst etwas feucht, zieht sich dunkel über die geröteten Wangen, und ein, zwei Schweißtropfen bahnen sich ihren Weg über das rechte Schlüsselbein, langsam, um dann rascher zu fließen, in ihr Dekolleté, zur Mitte, um dort zwischen den Brüsten im Ausschnitt zu verschwinden. Instinktiv pustet sie nach der Strähne, doch die feuchten Haare sind durch den Luftzug nicht mehr zu bewegen. Die linke Hand wischt über die Schulter, den Stoff am Rand des Ausschnitts entlang, dann über die vom Kleid verhüllte Wölbung hinab und bleibt auf dem Bauch liegen, während die andere Hand sich am Schenkel höher tastet, das Handgelenk schiebt den Saum des Kleides Richtung Hüfte. Ihr Kopf sinkt etwas weiter zurück, wieder pustet sie zwischen den geröteten Lippen Luft hervor, doch dieses Mal gilt es nicht der Strähne. Gegen den Widerstand des Lenkrads zieht sie die Schenkel zusammen, hängt schief im Fahrersitz, während die Schenkel die reibende Hand zu umklammern versuchen. Dann zuckt sie leicht zusammen, legt den Kopf etwas zur Seite. Der neben dem Beifahrerfenster stehende Starrer begegnet ihrem Blick, und er scheint Vorwurf in dem Seitenblick zu lesen. Rasch zieht er sich etwas zurück, in Richtung der geöffneten Fahrertür seines Sportwagens. Die Frau schließt wieder die Augen, kneift sie regelrecht zu, und flüstert in Richtung Wagendecke, unverständliche Dinge, und ihre Lider zucken, als sähe sie Bilder davor – die Bewegungen der Hand zwischen ihren Schenkeln werden nachdrücklicher und die andere streicht fester über den Bauch, dann den Schenkel, und da spannt sich der Körper, drückt die Hüfte aufwärts, am Lenkrad knarrt etwas unter dem Druck des Knies, und die Frau stößt lang Luft aus, um sie hastig einzusaugen, sie wieder auszustoßen …

Es hat sich eine Schlange gebildet. Die meisten, die vor dem offenen Fahrerfenster des kleinen Wagens stehen, sind Männer, aber auch Frauen sind drunter. Buchstaben und Zahlen werden genannt, und dann wechseln abermals flache, meist schwarze oder silberne Gegenstände den Besitzer. Vor dem Auto der Frau sind drei Wagen bereits weg gefahren, die LKW stehen größtenteils noch. Weiter hinten wird im Unverständnis gehupt, warum es nicht weiter geht. Zwei der übrigen Zettel mit Aufschrift liegen neben dem fast leeren Baummwollbeutel auf dem Beifahrersitz, auf ihnen steht:

„Ich möchte das, was ich nun tun werde, nicht bereuen, weil es auf Youtube hoch geladen wird. Schreiben Sie Ihr Kennzeichen auf das Post-It, kleben Sie es auf Ihr Smartphone – und genießen Sie das, was kommt. Das Smartphone gebe ich Ihnen danach zurück.“