Wieder hervorgeholt

Bei uns im Esszimmer hängt ein Bild an der Wand, das gizzy einmal für mich gemalt hat. Das Bild lag recht lange bei ihr, bis ich dann nach Berlin kam, um es persönlich abzuholen. Was ein wundervoller Abend das war, vor nunmehr etwas mehr als einem Jahr!

Das Bild wurde nach meiner Beschreibung von Miyoshi Sayuri, eines ShadowRun-Charakters aus meinem Fundus, von gizzy komponiert.

Miyoshi Sayuri, einer meiner ShadowRun-Charaktere. Gemalt von Michaela T. Eckert alias gizzy.

Gestern Abend fand die Tochter unseres Besuchs Interesse an dem Bild. Sie packte, als das Gespräch der Erwachsenen ihr zu langweilig wurde, ihr Tablet aus und begann, das Bild elektronisch abzuzeichnen. Ich habe daraufhin einen erneuten kleinen Kick bekommen, wie sehr mir das Bild gefällt. Es ist ja durchaus so: Was wir dauernd haben, täglich sehen, nehmen wir irgendwann nicht mehr ganz so wahr. Nun kam diese Darstellung eines meiner Charaktere ganz stark wieder hoch, weil die junge Dame sie abzeichnete – sehr kunstfertig übrigens!

Und deswegen möchte ich Euch daran teilhaben lassen, was ich so toll finde. Ich habe oben auch gizzys Facebook-Seite verlinkt, da gibt’s noch sehr viel mehr tolle Bilder!

[KuK] ShadowRun, die dritte

Eine weitere Schatten- und Laufen-Analogie ist, dass ich nun im Sommer wieder mehr im Schatten zu laufen versuche. Die meisten Menschen laufen bevorzugt im Wald, habe ich den Eindruck. Ich persönlich ziehe in aller Regel vor, über die Felder zu laufen, denn ich habe gerne einen weiteren Blick über die Landschaft. Wenn ich auf einem kurvigen Waldweg laufe, bei dem ich nichtmal 400 Meter Weg nach vorne und hinten überblicke, fühle ich mich nicht wohl. Richtig gut wird’s, wenn ich kilometerweit in alle Richtungen schauen kann. Am liebsten habe ich auch Asphalt oder Beton oder zumindest festgetretene, ebene Erde unter mir, der typische Waldweg ist nicht unbedingt mein Ding.

Aber nun im Sommer schätze ich den Schatten im Wald. Ich renne im Schatten durch den Wald. Auch das ist schon wieder irgendwas in Richtung ShadowRun …

Das Sabrina-Gefühl

Äh. Das ist jetzt schwierig zu erklären. Aber genau so habe ich es genannt und mindestens mein Mann und mein bester Freund haben es verstanden.

Zunächst mal: Es geht nicht um eine real existierende Sabrina, sondern um einen meiner Charaktere im Rollenspiel. Ich charakterisiere das „Genre“, in dem ich diese Geschichten mit meinem besten Freund bespiele, gerne als „Shadowrun-Eiskunstlauf-Musical“. Klingt komisch? Ist es für viele wohl auch. Mein bester Kumpel und ich bespielen Shadowrun an dieser Stelle nicht dort, wo die Abenteuer sind. Nicht bei den „Runs“ mit zwielichtigen Auftraggebern, die alle Mr. Johnson heißen, um halb- bis voll illegal Dinge zu beschaffen oder Menschen zu entführen oder zu befreien … nein. Wir spielen am geschützten anderen Ende der Skala, im grellen Licht, im „goldenen Käfig“ derer, die über legale Identitäten verfügen, Sport treiben …

Klar, dass da auch ein paar Romantisierungen auftreten, aber niemand hat behauptet, dass wir eine realistische Prognose des Eislaufsports auf die Zukunft in Shadowrun bespielen. In dieser Welt existiert Sabrina. Genau genommen ist sie sogar die Idee meinerseits, an der wir diese Spiele überhaupt entwickelt haben. Mittlerweile gibt es einen Cast von über hundert Sportlern, die wir immer mal wieder in Rollen haben, Trainer, Choreographen, Sponsoren, Fans … Familienmitglieder und so weiter. Sabrina jedoch bleibt weiter im Zentrum des Ganzen. Ein bisschen habe ich ihre Geschichte an Oksana Bajul angelehnt, die nach dem Tod ihrer Mutter quasi von einer profilierten ukrainischen Trainerin in die Familie aufgenommen wurde und dann 1994 olympisches Gold gewann. Sabrina lebt bei ihrer Trainerin, fühlt sich oft auf dem Eis sicherer als anderswo, weil sie vor schrecklichen Realitäten ins Training geflüchtet ist. Sie ist mit einem Eiskunstläufer liiert, der ein Charakter meines besten Freundes ist.

Für diesen, er trägt den Spitznamen Huwan und hat einen Filipino-Flüchtlings-Hintergrund, hat sich nun in unserem Rollenspiel, das wir fast jeden Donnerstag vorantreiben, eine Verletzungsgeschichte ergeben, infolge derer er zeitweise im Rollstuhl sitzt. Sabrina ist in diesem Moment verzweifelt: Was, wenn Huwan so verletzt ist, dass er nicht mehr eislaufen, nicht einmal mehr gehen kann? Wie viel von der Basis der beiden ist dann noch da, wenn es für sie so wichtig ist? Das mag für manche kindisch, für manche tragisch klingen – aber ist es so unrealistisch? Wenn etwas, bei dem man sich kennen gelernt hat, das einem wichtig ist, das einen verbindet, einseitig verloren geht, wie kann man dann gemeinsam weitergehen? Das ist nicht einfach, und ich bin sicher, an dem Problem, für das Sabrinas und Huwans Problem mit seiner Verletzung hier eine Metapher ist, sind schon Beziehungen kaputt gegangen.

So tragisch ist es bei mir nicht. Mein Mann läuft seit einigen Monaten mit mir gemeinsam regelmäßig. Das hat eine neue Qualität zwischen uns gebracht – mir ist das Laufen sehr wichtig, und plötzlich war es etwas, das wir gemeinsam machen. Nun ist er verletzt – es passierte nicht beim Laufen, sondern aus heiterem Himmel. Verdacht auf Meniskus-Degeneration. Natürlich kann man mit Muskelaufbau zum Stützen, in weiteren Eskalationsstufen auch medizinisch was machen, aber Meniskus-Geschichten sind halt hartnäckig. Zunächst ist es aber mal nur der Verdacht und wir gucken, dass er Hilfe bekommt. Aber ich hatte da das „Sabrina-Gefühl“. Dieses Gefühl vom Verlust von etwas Liebgewonnenem, das uns verbindet. Die Sorge, ob das, was wir aus dem gemeinsamen Laufen gewonnen haben, damit weg ist und was aus diesem Loch herauskriecht, das dieses gemeinsame, liebgewonnene Tun hinterlassen könnte …

Natürlich ist noch lange nicht gesagt, dass es der Meniskus ist. Natürlich ist noch lange nicht klar, ob nicht mit ein bisschen gezieltem Aufbau von Kniemuskulatur wieder alles besser wird. Aber auch mein Charakter Sabrina neigt zu Drama. So ist es eben ein „Sabrina-Gefühl“, was dieser Schmerz in seinem Knie, den die Ärztin mit „Verdacht auf Meniskus-Degeneration“ charakterisierte, bei mir auslöste.

Lauf-Phantasie

Am Sonntag, als ich morgens aufstand, um zur Teezeremonie-Vorführung im Japangarten in Karlsruhe als Helferin aufzubrechen, hatte ich Kopfschmerzen. Fiese Kopfschmerzen. Wie so oft wusste ich: „Laufe oder falle den Tag lang aus.“ Das war die Ansage meines Körpers, und ich wusste ganz genau, dass das Ultimatum ernst gemeint war. Also schnürte ich meine Laufschuhe, zog mich an und ging los. Oder eher: Ich lief los.

Beim Laufen wurde es langsam besser und in meinem Kopf formte sich ein Bild, wahrscheinlich basierend auf einem Traum in der Nacht zuvor, der nicht unbeträchtlich mit dem Wettkampf vergangenen Donnerstag zu tun hatte. Um das Ganze zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen.

Mein bester Freund und ich spielen jeden Donnerstag gemeinsam über Chat Rollenspiel. Dabei kommt es nicht auf ein Spielsystem, nicht auf Würfel, Abenteuer, Erfolge an. Es kommt auch nicht auf große Geschichten an, sondern vor allem auf die Charaktere, auf Figuren, die durch ihre etwas verrückten Features interessant werden, zugleich aber menschlich, sehr menschlich sind, Probleme, Ängste und Freuden haben. Vor langer Zeit entstand aus einer (alkoholfreien, da nur metaphorischen) Schnapslaune heraus eine dieser Gestalten: Dr. phil. Laura Kraft, ursprünglich gestaltet für das Rollenspiel Scion, bzw. für dessen Hintergrundwelt, später dann übergeführt in die riesige, soziale, im Sportumfeld stattfindende ShadowRun-Gesellschaft, die wir betreiben. Laura ist Archäologin, sie ist eine Expertin für die Geschichte Südostasiens, speziell Malaysia und die großen Sunda-Inseln. Ihre Feldarbeit findet weitgehend auf Sumatra statt, und sie ist durchaus auch in Entwicklungshilfe engagiert – nicht nur, weil ihr das einen Bonus gibt, wenn sie dort arbeiten will, sondern auch, weil es ihr wirklich am Herzen liegt. Vor allem aber ist Laura Sportlerin. Ihre Kindheit war davon geprägt, dass sie das anständige Mädchen sein sollte, tanzen und bestenfalls turnen, eine Banklehre machen und dann heiraten und Kinder kriegen. Das jedenfalls hatte ihre Mutter im Sinn, während Lauras Brüder Kampfsport machen und erfolgreiche Karrieren anstreben sollten. Allerdings waren Lauras Brüder Komplizen, als sie statt Nähkurs lieber ins Taekwondo gehen und laufen wollte. Sie brach aus, studierte Archäologie und arbeitet an der Uni, macht Feldarbeit für ihren Professor, der lieber in seiner Bibliothek sitzt. Als Läuferin und Kampfsportlerin mit Turn- und Tanzerfahrung ist sie natürlich hochgradig sportlich und das nimmt in ihren Hobbies – neben dem Erlernen der modernen Sprachen ihrer Forschungsregion – auch den weitaus größten Raum ein.

Archäologin, Kampfsportlerin, Feldforschung? Ich weiß, das klingt nach … naja, Indiana Jones, Sidney Fox oder eben … Lara Croft. Den Namen habe ich ihr bewusst verpasst, ich bin ja meistens gemein zu meinen Charakteren. Irgendwann bekamen ihre Studenten ein Bild von Laura in Shorts, mit einem Gurt für ein Messer und einem für Werkzeuge an den Schenkeln, Wanderstiefeln, einem Top und langem Zopf in die Finger. Recht schnell war das Top in helles Blaugrün umgephotoshopt, und plötzlich stand in der Fachschaft ein Pappaufsteller mit Dr. phil. Laura Kraft in „Tomb-Raider“-Aufmachung herum. Natürlich hasste Laura diese Assoziation zunächst. Sie fühlte sich nicht ernst genommen, außerdem besteht sie darauf, dass sie keine „Abenteuer-Archäologin“ oder gar „Grabräuberin“ ist, sondern ernsthafte Feldforschung betreibt. Allerdings hielt sich das Bild nachhaltig, und noch dazu gibt es da einen Konkurrenten und wirklichen Abenteurer namens Marcus Jones, der mit Indiana Jones kokettiert und Laura immer wieder damit aufzieht. Ungünstig nur, dass sowohl Marcus als auch Laura eine gegenseitige Anziehung spüren – und irgendwann meinte Marcus, Laura solle doch das Bild als Kompliment nehmen, sie wisse ja selbst, dass sie ernsthafte Wissenschaftlerin sei … und so kam es dazu, dass einmal in einem der Rollenspiel-Abende mit meinem besten Freund Laura Kraft vorkam, die in Lara-Croft-Verkleidung einen Laufwettkampf mitlief.

Genau diese Phantasie hatte ich nun, während ich am Sonntagmorgen meine Kopfschmerzen weglief, um noch an der Teezeremonie-Vorführung als Helferin teilnehmen zu können und den Rest der Gruppe nicht hängen zu lassen. Vor meinem inneren Auge lief Laura Kraft in Verkleidung auf den letzten mehreren Hundert Metern eines Laufwettkampfes, hielt das Tempo einer Gruppe Männer und wurde von ihren Studenten und ihren Freunden in passenden Verkleidungen am Rand der Strecke angefeuert. Ein starkes, motivierendes Bild, das natürlich nur im Kontext meiner Phantasie halbwegs verständlich ist. Aber ich liebe das Bild und hoffe, es noch das eine oder andere Mal zum Laufen mitnehmen zu können.