Rituale und ein schlechter Film

Ich habe so meine Einschlafrituale. Dazu gehört, meine Sesam-, Kürbis- und Sonnenblumenkerne für das Frühstück einzuweichen, Teetassen bereitzustellen, die Kaffeemaschine für den nächsten Morgen fit zu machen. Dazu gehört, meinem Mann eine Geschichte aus dem Supermau-Katzensuperhelden-Universum zu erzählen, dazu gehört das „Püh!“, das das Einschlafen symbolisiert. Die 25 Mauzen bekommen nach der Supermau-Geschichte ein Püh, unsere Stofftiere bekommen ein Püh, dann bekommt der Wolf (mein Mann) ein Püh, und schließlich bekomme ich von ihm ein „Püh!“, jeweils wird die Person oder Gruppe angesprochen, dann „Püh!“ gesagt, und dann schläft man ein. So ist das Spiel, aber hey, es funktioniert als Einstimmung auf das Schlafen.

Gestern Abend nutzte das alles nichts. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens hatten wir eine etwas schwierige Planung für den Abend gehabt. So richtig geahnt hat das aber keiner und es kann auch keiner was dafür. Wir wuschen Wäsche, begannen, unser Wasserbett zu pflegen und neu zu beziehen. Beides wurde leider erstmal nicht fertig und ich machte mich an die langwierige, aber lohnende „Konstruktion“ einer Soße aus viel Gemüse, etwas Rotwein und einer Mehlschwitze. Zum Essen schauten wir „James Bond: Casino Royale“. Ich muss leider sagen, dass mich die zweite Hälfte des Filmes so aufbrachte, dass ich ohnehin bei allen Registern der Müde-Werd- und Einschlafrituale schon etwas gebraucht hätte, um zu schlafen. Ich fand die zweite Hälfte dermaßen schlecht – und dafür war sie auch noch stark in die Länge gezogen! Für mich ist die zweite Hälfte von Casino Royale – ab nach dem Pokerspiel – eine der schlechtesten zweiten Filmhälften, die ich je gesehen habe, ganz unabhängig von „Das soll ein Bond sein?“. Durch das Unterschätzen der Länge des Films war dann wenig Zeit für den Rest des Bett-Beziehens und das Ausräumen der Waschmaschine, was mich noch etwas Ruhe für’s Einschlafen kostete.

Tja, und so sehe ich, dass der Cooldown vor dem Schlafen für mich sehr wichtig ist, das Runterkommen UND die Rituale, die dann letztlich mit dem ins Bett Gehen und Einschlafen verbunden sind. Und ich sehe, dass mich dieser (für mich) schlechte Film sehr stark aufgebracht hat, ich war richtig sauer über die Verschwendung unserer Wochenend-Abendzeit durch den Film. Vielleicht besonders deswegen, weil insbesondere während des Poker-Turniers wirklich so etwas wie Hoffnung in mir reifte, weil der Film seine Momente hatte – und dann rücksichtslos allen Kredit verspielte, den er sich aufgebaut hatte, und mehr noch.

Nun hoffe ich, dass ich mit dem Wecker 40 Minuten später als sonst die ganze Sache doch wieder etwas eingefangen habe und die Müdigkeit mich heute auf Arbeit nicht zu sehr aus dem Konzept bringt. Denn wenn man müde ist, ist man negativer, reizbarer und ineffizienter als sonst. Naja, schauen wir mal. Etwas „Licht“ nehme ich mir im Rucksack mit, also ganz persönliche kleine Lichtblicke – im vorliegenden Falle einfach in Form von Klamotten – die ich dabei haben, aber dann auf Arbeit doch nicht anziehen werde. Auch das ist ein Ritual, das mir schon oft über negative Tage geholfen hat.

Der Abendspaziergang

Am Abend spazieren zu gehen, das ist eine gute Sache. Für mich ist das wärmere Licht, das anders als Beleuchtung im Haus oder gar Bildschirme die Müdigkeit nicht hindert, die Kühle des Abends, die leichte, aber nicht anstrengende Bewegung ein Wert an sich. Es hilft mir, mich zu entspannen, andere Gedanken zu fassen, mir selbst eine Einschlafgeschichte zu basteln.

Im Endeffekt schlafe ich dann besser. Dass es gestern Abend aus anderen Gründen nicht geklappt hat, tut der Qualität, die ein Abendspaziergang meinem Leben und vor allem meinen Nächten gibt, keinen Abbruch.

Gestern allerdings merkte ich schon, dass es im Moment wieder ordentlich abkühlt, am Abend. In T-Shirt und Rock, aber ohne Jacke und Strümpfe spazieren zu gehen, das war dann doch ganz schön kühl. Wie gesagt, die Kühle lässt mich besser schlafen, wenn ich dann etwas abgekühlt in mein warmes Bett krieche. Das ist ein bisschen so wie damals, als ich mit meiner Schulklasse nach Heilbronn ins Theater ging. Draußen war es unglaublich kalt – im Theater schön warm. Bis zur Pause hatte sicher jeder – auch die Lehrer – ein paar Minuten die Augen zugehabt.

Da war der Effekt unerwünscht. Abends im Bett aber schon.

Alltag 1

Nach einer Idee von Café Weltenall, für michalltag-001-2018 sichtbar geworden über die Teilnahme von Mrs. Flummi an dieser Idee.

Ein bewusstes Wahrnehmen der immer wiederkehrenden Dinge, der Schönheit, Hässlichkeit, der Nicht-Alltäglichkeit des ganz Alltäglichen.

„Ten, nine, eight, seven, six,“

meine Hand fasst auf den Nachttisch, streicht über die breite Taste oben auf dem Sockel des Weckers, sucht kurz die zweite Taste von recht.

„Five, four.“

Stille. Die Rakete aus Schaumstoff ist mal wieder nicht auf mein Bett gestartet. Ich schlage die Decke zurück, falte sie einmal wieder auf, so dass sie in drei Schichten auf dem Fußende des Bettes liegt, damit die Oberfläche des Wasserbetts über den Tag austrocknen kann. Leise stehe ich auf und schließe die Tür wieder hinter mir, da mein Mann noch schläft. Drei Schritte bis zum offenen Durchgang zwischen Gang und Wohnzimmer, fünf weitere zwischen DVD-Regal und Sofa, ich bin in der Küche, umrunde die Theke und hole mir den Wasserkocher. Mit der linken Hand schalte ich die Espresso-Maschine an, damit sie vorheizt, fülle den Wasserkocher. Wie jeden Morgen merke ich über das Fließgeräusch des Wassers, dass ich auf Toilette muss. Aber wenn ich jetzt gehe, kann der Tee zwei Minuten kürzer abkühlen und ich kann ihn nicht trinken, bevor ich los muss. Also gieße ich das Wasser aus der Schale mit den eingeweichten Sesam- und Kürbiskernen und hänge sie in einem Metallsieb über die Spüle, damit sie abtropfen, dann nehme ich ein Siebeinsatz aus der Espressomaschine und spüle den Rest heraus. Anschließend befülle ich meine vier Tassen mit Teebeuteln mit Kräuter- und Früchtetee, mahle Espressobohnen in das Sieb und drehe es in die Maschine. Allmählich macht das Rauschen des fast kochenden Wassers mich und meine Blase nervös. Ich gieße den Tee auf und renne los.

Jeden Morgen wieder denke ich darüber nach, dass ich es auch in anderer Reihenfolge tun könnte, jedes Mal siegt der Gedanke, dass sonst der Tee nicht kühl genug ist, um ihn vor dem Gehen zu trinken.

Dann sitze ich mit Espresso-Tässchen, Müsli aus den Kernen und Leinsamen, Haferkleie, gepufftem Amaranth, Joghurt, Obst sowie Haferdrink und vier Tassen Tee am Rechner, lese die News und spiele vielleicht ein bisschen in der Klötzchenwelt von Minecraft. Jeden Morgen wieder scheint die Zeit zwischen 6:25, wenn ich so sitze, und 6:40 fast unendlich angenehm lang. Und dann ist es schlagartig um 7:00 und ich muss mich noch anziehen, Zähne putzen, Rucksack nochmal checken – in 15, besser 10 Minuten. Nach einem kurzen Kuss für meinen Mann, der noch im Bett liegt, aber langsam von seinem Wecker mit ansteigendem Licht geweckt wird, laufe ich los. 1200 Meter zur Bahn, selten in mehr als 13 Minuten, wenn’s sein muss in 10. 7:29, Bahn nach Karlsruhe. Der eigentliche Tag beginnt.

Asynchron

Mein Mann steht üblicherweise anderthalb Stunden nach mir auf. Ich brauche morgens einfach deutlich länger, bis ich bereit bin, das Haus zu verlassen. Entgegen dem Vorurteil liegt das nicht an Kosmetik, die zu erledigen wäre – bis auf das Bürsten der Haare ist meine Morgentoilette nicht zeitaufwändiger als seine.

Nein, ich brauche meine „Batterie“ Tee, ein Tässchen Espresso, mein Müsli. Ein bisschen was lesen oder spielen muss auch sein, zumindest an Tagen, an denen ich nicht ausnahmsweise früher los muss oder länger geschlafen habe. Aber das ist alles kein Problem.

Doof ist es, wenn man auf dem Bauch liegend aus einem völlig verrückten, teils fiesen, teils schönen Traum aufwacht, laut Armbanduhr (Garmin vívosport) noch 10 Minuten bis zum Wecker hat, dringend auf Toilette muss – und bereits auf dem Topf sitzend feststellen muss, dass Wecker und Armband asynchron laufen, da der Wecker mit Countdown und Start einer Schaumstoffrakete ganz unbeabsichtigt den Ehemann aus dem Schlaf reißt.

[KuK] Alltagsvers

Immer, wenn es wichtig wär‘,

Fällt schlafen leider furchtbar schwer.

Heute bin ich mal wieder mit dem Zug unterwegs – nach München. Da musste ich früh aufstehen, eine Stunde früher als sonst. Todmüde ging ich eine Stunde früher ins Bett – konnte erst nicht schlafen, war einmal draußen und hab‘ dann 15 Minuten über den Wecker geschlafen.

Aber wenigstens ist’s per Zug. Da kann man auch mal die Aufmerksamkeit fallen lassen.