Single Serving Friends

Wir fuhren am Freitag von Karlsruhe nach Hamburg zum 50. Geburtstag einer Freundin. Dabei fiel mir eine Sache wieder ein…

Im Film „Fight Club“ charakterisiert Tyler Durden Mitreisende im Flugzeug als „Single Serving Friends“, als abgepackte Einweg-Freunde. Genau das haben wir dann auch erlebt: uns gegenüber saß eine junge Dame, und an dem kleinen ICE, den ich Xue gekauft habe, entspann sich ein Gespräch.

Xue und ihre BahnCard sowie ihr kleiner ICE.

Unsere Reisebekanntschaft stellte sich als aus Rumänien stammende Studentin der Computerlinguistik heraus, und wir sprachen über Sprachen, Laufen, Klimawandel, Wissenschaft, 5G-Ausbau, Pendeln und „Gott und die Welt“. Es war wundervoll!

Telefonnummern zu tauschen haben wir vergessen. Single Serving Friends eben. Dennoch, wundervoll, von all dem, das wir vorhatten zu tun, auf diese Weise abgelenkt zu werden.

Nicht Reden. Nicht hören.

Heute war einer dieser Tage. Im Grunde war der Tag schön und gut! Ich war beruflich unterwegs, habe einen Kollegen zu einer Arbeitsstätte begleitet, für die er zuständig ist und ich seine Stellvertreterin. Es war ein sehr guter, produktiver, angenehmer Termin – aber eben doch ein Reden und Zuhören en masse. Dann redete ich nach einer kurzen Fahrt wieder: Vortrag halten. Dann besuchte ich noch eine Freundin, die heute Geburtstag hat. Den ganzen Tag unterwegs, den ganzen Tag geredet und zugehört. Morgens stand noch die Entscheidung im Raum: „Wie ist das Wetter? Muss ich meinen Mann vor dem Termin mit dem Auto zur Arbeit bringen, da Radfahren nicht zumutbar ist, bevor ich auf Außendienst fahre, oder nicht.“ Klar, kein Problem, aber auch eine Entscheidung, bis zur Entscheidung eine Unsicherheit.

Dann kam ich heim und spielte erstmal eine Runde am Rechner. Meine Mitspieler fragten, ob ich nicht zum etwas quatschen ins Teamspeak kommen wolle, aber ich stelle fest: Ich wollte nicht reden. Ich wollte nichts hören. Sehen und vielleicht ein klein wenig lesen und schreiben reichten völlig.

Vielleicht spielt mit, dass ich diese Nacht nicht optimal geschlafen habe, keine Ahnung. Auf jeden Fall musste man heute mein Mundwerk nicht „gesondert totschlagen“. Ich war platt. Ich wollte nicht mehr reden, ich wollte einfach still dasitzen. Das habe ich auch gemacht, eine halbe Stunde lang, dann ging’s wieder halbwegs.

Für jemanden, der normal nicht aufhört zu quasseln, ist das schon eine krasse Erfahrung.

Wie eine Schallplatte

Manchmal fühle ich mich wie eine Schallplatte. Es gibt viele Anlässe dafür, in mancherlei Hinsicht ist das auch gar kein Problem. Wenn ich auf der Arbeit immer wieder bestimmte Aspekte erklären sollte, ist das mein Job, weil es zur Beratungskomponente der Behörde gehört. Wenn ich immer wieder über meine Laufleistungen erzählen darf, finde ich das sogar klasse!

Aber bei zwei Dingen ist es mir in letzter Zeit sehr deutlich aufgefallen, dass mich diese ewige Wiederholung nervt. Es ist einerseits das: „Ich bremse Dich doch nur aus!“ bzw. „Du läufst doch viel zu schnell für mich!“ Ja. Ich laufe schnell, auf Wettkämpfen bis zehn Kilometer auch mal über 15km/h oder in läufertypischer „Pace“ schneller als 4:00 pro Kilometer. Ich laufe auch den Marathon mit einem Schnitt von unter 4:45 pro Kilometer, also schneller als 12km/h. Kein Thema, das ist wahr. Wir reden hier aber über Training und über gemeinsames laufen. Da bin ich oft froh, „ausgebremst“ zu werden. Wenn ich einfach aus Spaß an der Freude loslaufe und nicht drauf achte, lande ich typischerweise im Bereich von um die fünf Minuten pro Kilometer und etwas über 150 Herzschlägen pro Minute. Das mag als mittlere Trainingsleistung gut sein, über viele Aktivitäten, aber wenn’s wirklich was bringen soll, insbesondere für Langstrecke, sind viele, lange, langsame Läufe und dazu intensive Intervalltrainings zu absolvieren. Es ist also durchaus sinnvoll für mich und mein Training, mit anderen Leuten zusammen bei 5:45 pro Kilometer oder 6:30 pro Kilometer, also knapp über bis knapp unter 10km/h zu laufen. Das hat nichts mit ausbremsen zu tun! Dass ich das immer wieder predigen darf: „Du bremst mich nicht aus. Du läufst mir nicht zu langsam. Ich möchte mit Dir laufen. Das Tempo, das Du läufst, ist für mich ein sinnvolles Marathon-Trainingstempo!“… Nun, es ist schon okay. Beim ersten, beim zweiten Mal. Wenn ich aber immer wieder gesagt bekomme, man bremse mich aus, dann lauf‘ ich irgendwann allein. Dabei wär’s sinnvoll, mit der Person zu laufen, und zwar deren Tempo, nicht ein an mich angepasstes Tempo. Auch für meine Ausdauer- und Tempoentwicklung, insbesondere beim Marathon!

Der zweite Punkt ist das mit dem schlechten Gewissen. Erzähle ich vom Laufen, bekomme ich oft gesagt: „Du machst mir ein ganz schlechtes Gewissen!“ Dann entschuldigen sich die Menschen damit, dass ihnen laufen nicht so viel gibt, dass sie keine Zeit haben, dieses und jenes! Klar, man projiziert das eigene „sollte ich machen“ dann auf meine Leistung und rechtfertigt sich vor sich selbst, anlässlich meiner Lauferei, aber nicht wirklich vor mir. Aber es ist eben auch so: Es muss sich niemand vor mir entschuldigen, nicht so viel zu laufen wie ich oder auch gar nicht zu laufen! Es muss sich auch keiner rechtfertigen, gar keinen Sport zu machen – zumindest nicht vor mir. Es gibt so viele Gründe, warum es nicht geht – kleine Kinder, fordernder Job, Probleme mit den Gelenken, Motivation… Gerne dürfen die Leute ihr eigenes schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst vor mir verhandeln. Aber bitte nicht im Stile von „Du machst mir ein schlechtes Gewissen.“ Nein, ich lasse Euer schlechtes Gewissen nur – unbeabsichtigt – an die Luft. Ich habe nunmal das Laufthema – nicht nur, ich bin nicht monothematisch. Aber neben Nerdkram, Wissenschaft, SciFi, Fantasy und unnützem Wissen ist Sport halt eines meiner Themen. Ich würde ja sagen, dass es mir leid tut, damit das schlechte Gewissen der anderen an die Luft zu lassen, aber eigentlich… muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Denn ich mache Euch kein schlechtes Gewissen, mein Laufthema bringt’s nur wieder auf. Wenn ich sehe, was ich alles nicht oder nur spät mache, dann denke ich mir: „Uff, eigentlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben.“

Ich komme mit dem Beantworten meiner Mails und Messages oft nicht hinterher, kümmere mich nicht so um mein soziales Umfeld, wie ich es gerne würde, muss auf Arbeit priorisieren, was mir am meisten schlechtes Gewissen macht und diverses anderes Zeug bleibt auch liegen. Wenn andere erzählen, wie sie im Verein mitarbeiten, in Gremien oder so, dann denke ich so: „Will ich eigentlich auch. Finde auch, ich sollte. Mache ich aber nicht, weil mir anderes wichtiger ist. Schlechtes Gewissen: Aus! Es ist nur meins, und ich habe mit mir selbst verhandelt, dass ich nicht alles machen kann.“

Aber gerade beim Sport ist das so eine Sache. Es gibt da eine Erwartungshaltung an sich selbst, die wohl teils eine Erwartungshaltung des Umfeldes oder der Gesellschaft reflektiert. Aber es bleibt dabei: Der Tag hat weniger Stunden, als man für alles braucht, das man gerne tun würde oder denkt, dass man es tun sollte. Wer ein schlechtes Gewissen hat, sollte sich das klar machen, seine Prioritäten festlegen und sich nicht für seine Prioritäten schämen. Wenn das Kümmern ums Kind wichtiger ist als Sport, wird das NIEMAND anzweifeln. Wenn jemandem der Online-Spiel-Clan wichtiger ist als Sport – hey, dann ist das eben so! Ich möchte Euch kein schlechtes Gewissen machen, ich möchte nicht, dass Ihr eins habt. Wenn Ihr eins habt, könnt Ihr mich gerne fragen, wie ich meinen Alltag mit so viel Sport manage. Dann kriegt Ihr raus, was ich alles dafür nicht mache, was Ihr macht – und stellt fest, dass diese Dinge (Euch, vielleicht auch generell-objektiv) wichtiger sind. Also: Schlechtes Gewissen: Aus!

Verdammt, war das ein Rant. Sorry!

Vor lauter reden …

Vorgestern war ich ja beim Café im Bahnhof in Bietigheim eine heiße Schokolade und einen Espresso trinken – es war super entspannt, ich unterhielt mich prächtig, während ich auf meine Bahn wartete.

Ich unterhielt mich so gut, dass sowohl die Bedienung als auch ich vergaßen, dass ich nicht beim Bestellen bezahlt hatte. Heute marschierte ich wieder zu Erbolino rein und wurde höflich und freundlich darauf hingewiesen, dass noch eine Rechnung offen sei.

Letztlich wurde mir erzählt, dass der Vorgang sowohl der Bedienung vom Dienstag als auch mir schrecklich peinlich war, alle anderen das aber locker sahen – ich bin ja eh öfter da und bezahle immer. Ich hatte ja auch schonmal einen Hunderter aus dem Bankautomaten gezogen, den der Chef des Erbolino nicht wechseln konnte, da gewährte er mir einen Espresso Kredit bis „zum nächsten mal, wenn ich vorbeikäme“.

Also alles ganz entspannt – aber es bringt mich wieder auf den Punkt: Wenn ich mit wem rede, bin ich da ganz drin. Und wenn ich irgendwo was trinke, dann aber die Bahn kriegen muss, zahle ich lieber gleich beim bestellen.

Diese Angeberei!

Kennt Ihr das? Ein Mensch spricht immer wieder über ein bestimmtes Thema, bei jeder sich gebenden Gelegenheit. So als wolle er jedem sagen: „Schau her! Ich mache das! Das ist toll, was ich da mache!“

Und zur Zeit erwische ich mich des öfteren dabei, dass ich so ein Mensch bin. Natürlich habe ich viele Themen, bei denen ich nerven kann, bis dem Gegenüber die Ohren bluten. Gerade meine Nerd-Themen haben da Tendenz zu. Aber was ich eigentlich meine ist das Laufen. Es ist eine wundervolle Sache, natürlich. Es macht mich robuster und gesünder, hilft mir bei Gewichtskontrolle und ist auch – im Gegensatz zu Themen wie Star Trek, Superhelden, Rollenspiel und dergleichen – ein allgemein akzeptiert positiv zu bewertendes Hobby. Eines, mit dem man hausieren gehen kann. Nicht, dass ich das will, aber ich bin doch zu oft verlockt. Ich weiß das, aber ich tu’s immer wieder.

Man sagte mir schonmal, ich sei egozentrisch. Ich verstehe auch, warum: Ich frage vielleicht nach, wie es jemandem geht, aber manchmal doch nicht so vehement. Ich höre mich gerne reden, rede dann natürlich über Dinge, die mich interessieren. Nerd-Kram, meine Freunde, das Pendeln, Physik … und eben das Laufen. Dass ich manchmal dabei nicht besonders empathisch bin, glaube ich schon. Da sind meine Gegenüber aber unterschiedlicher Ansicht – manche denken schon, dass ich empathisch genug bin, niemanden mit Themen zu überrollen, wenn ich eigentlich nachfragen sollte – und auch danach handle. Andere glauben das nicht. Ich selbst bin mir nicht sicher.

So bleibt es dabei, dass ich zwar den Vorsatz habe, nicht jeden mit meiner Lauferei voll zu quasseln, es allzuoft aber doch tue.

PS Völlig aus dem Zusammenhang gerissen: Lange Zeit fand ich, es sähe „falsch“ aus, zu schreiben: „Ich tue etwas.“ Ich habe es dann damit kompensiert, analog zum Sprechen „Ich tu‘ etwas.“ zu schreiben. Aber zunehmend gewinne ich nicht nur die eh vorhandene intellektuelle, sondern auch die „gefühlte“ Sicherheit, dass ich hier das richtige tue, wenn ich „tuen“ schreibe.