Zurück bei Zwanzig-Zwanzig

Im Frühjahr habe ich ja den Zwanzig-Zwanzig-Modus beschrieben – vielleicht erinnert sich jemand. Ich jedenfalls erinnerte mich, als ich mich neulich fragte: „Ist es noch drin, dieses Jahr 10 Kilometer pro Tag im Durchschnitt zu laufen?“

Im vergangenen Jahr bin ich im Schnitt 11,1 Kilometer am Tag gelaufen. Das dieses Jahr zu schaffen, das hatte ich mir Anfang 2020 vorgenommen und als Ziel definiert. Trotz eines Teilausfalls durch eine Erkältung im Januar und eines weiteren Teilausfalls im Februar durch ein bisschen Geziepe im linken Unterschenkel war ich gut auf dem Weg: über 1000 Kilometer war ich im ersten Quartal gelaufen, 300 im Januar, 300 im Februar, 400 im März. Was ich nicht ganz auf dem Schirm hatte, bei der Definition des Zieles am Jahresbeginn, war das Radfahren. Recht schnell war das Radfahren zu einem wichtigen zweiten Sport geworden – bereits im März übertrafen meine Radkilometer die Laufkilometer, und das, obwohl ich nach 20 Jahren Pause erst am 01.12.2019 wieder angefangen hatte! Ich lief und radelte im März das, was ich den Zwanzig-Zwanzig-Modus nenne: Montags mit dem Rad zur Arbeit, heimgelaufen, Dienstags hingelaufen und heimgeradelt, das Ganze an Mittwoch und Donnerstag wiederholt, am Freitag beide Strecken per Rad. Mein Körper war das aber noch nicht gewöhnt…

Und so kam es, dass ich eine langwierige Zerrung in einem der rechten Zehenstrecker hatte, die mich ab April gehen, aber nicht laufen ließ. Die Radkilometer gingen durch die Decke, die Laufkilometer stagnierten… bis in den Juni hinein blieb meine Laufleistung unter dem erforderlichen Niveau, um die im Schnitt 10 Kilometer am Tag zu erreichen. Ich verlegte mich auf Radfahrziele, strich die Laufziele und freute mich einfach nur, als im Juli im Urlaub plötzlich die Laufleistung wieder auf über 350 Kilometer im Monat nach oben schnellte. Nun sitze ich hier, Mitte Oktober, und bin unverhofft doch so weit, dass es noch 957 Laufkilometer bis zu den 3660 sind, die im Schaltjahr einen „Zehn pro Tag“-Schnitt bedeuten. Das Ziel von 7500 Radkilometern ist völlig ungefährdet, aber in zweieinhalb Monaten fast eintausend Kilometer laufen, das ist eine Menge. Habe ich schonmal geschafft, auch schon öfter, so ist es nicht, aber da bin ich parallel weniger Rad gefahren.

Um zu testen, ob es nun doch machbar werden kann, bin ich nun zurück im Zwanzig-Zwanzig-Modus. Gestern gab es einen „Workride“, also eine Radfahrt zur Arbeit. Das Rennrad blieb aber im Büro und ich machte einen „Homerun“, einen Halbmarathon nach Hause. Heute geht’s zu Fuß zur Arbeit, heute Abend mit dem Rad nach Hause. Nach der Erfahrung mit „Zuviel“ im März werde ich das aber auf maximal einmal in der Woche beschränken und die restlichen drei Tage Rad fahren. Noch sehe ich nicht, ob mich das zurück auf den Weg zum „Zehn pro Tag“-Ziel bringt, ich muss sehen, ob ich es durchhalte. Aber ich hab’s wieder angefangen und gebe der Sache einen Versuch.

Turmbergomat

Am Turmberg in Karlsruhe gibt’s den Turmbergomat. Das ist letztlich eine Zeitmessung mit Stechuhr für den Anstieg auf den Turmberg.

Rechts seht Ihr die Rückseite der Stechkarte des Turmbergomaten. Man kann mit dem Rennrad – oder irgendeinem Rad, mit dem Handbike oder auf Schusters Rappen den Berg hinauf, sollte nur die richtige Disziplin ankreuzen. Es gibt Altersklassenwertungen und natürlich Wertungen nach Geschlecht getrennt. Auch die Strecke bzw. das Streckenprofil ist auf der Karte abgedruckt, auf der anderen Seite die Strecke an sich. 1,75 Kilometer sind es, auf denen man rund 115 Höhenmeter bewältigt. Auf Strava wird die Turmbergomat-Strecke als Bergwertung der vierten Kategorie eingestuft, und vermutlich würde das auch bei der Tour de France so aussehen.

Nachdem ich gestern mit Kopfschmerzen in den Seilen hing, habe ich heute, mich wieder besser fühlend, meinen lange gefassten Plan wahr gemacht. Ich habe den Turmbergomaten genutzt. Zuerst bin ich mit dem Rennrad nach Durlach geradelt, über Bruchhausen, Ettlingen und Wolfartsweier. Dann habe ich mein Rennrad gegenüber der Friedhofsgärtnerei am Bergfriedhof in Durlach angeschlossen und bin den Turmberg hinaufgestürmt. Oben fragten ein paar Leute sich, warum da eine Frau stand, die schwer atmend eine Stechkarte fotografierte – denen erklärte ich es dann. Danach lief ich den Turmberg wieder runter und wiederholte den „Climb“ mit dem Rennrad. Anschließend ging es wieder über Wolfartsweier, Ettlingen und Bruchhausen nach Hause.

Wenn ich richtig subtrahiert habe, schlägt mein gelaufener Aufstieg auf den Turmberg mit 8:02 zu Buche, die Radfahrt mit 6:42. Tatsächlich war ich beim Radeln wohl etwas schneller, aber gerade als ich stach und losfahren wollte, kam ein Auto – und oben versuchte ich erst sekundenlang, die Stempelkarte im Einwurfschlitz für abgestempelte Karten abzustempeln. Naja, so ist das nunmal. Nächstes Mal weiß ich es besser, bin dafür aber vielleicht etwas langsamer. Oder mir fällt die Stempelkarten auf dem Climb aus der Trikottasche. Irgendwas ist ja immer!

Auf der Abfahrt vom Turmberg stellte ich allerdings auch etwas fest: Mein Rennrad braucht wohl innerhalb der nächsten zwei, drei Wochen eine Wartung. Ein Pedal knackt, muss vermutlich mal nachgezogen werden – vor allem aber sind die Bremsklötze hinten ziemlich durch. Nun bin ich erstmal gespannt, ob Montag oder zumindest im Laufe der kommenden Woche meine Ergebnisse auf der offiziellen Rangliste des Turmbergomaten erscheinen oder ob ich beim Ausfüllen irgendwelchen Mist gebaut habe.

Abfahren…

…muss er noch lernen. Das sagte ich zu einer Mama, die mit ihrem Sohnemann in Karlsruhe unterwegs war. Das war so…

Ich fahre morgens stets über eine Fußgänger- und Radlerbrücke über die Ebertstraße in Karlsruhe, in Höhe der Haltestelle Welfenstraße. Die Brücke führt Radler und Fußgänger zugegebenermaßen etwas anstrengend, aber sicher und frei von Auto-Querverkehr über die große Straße und die Straßenbahn. Durch die Oberleitungen ist’s etwas höher, aber das ist es einem ja wert. Ich kam gerade von den Glascontainern an der Ecke Hohenzollernstraße/Wartburgstraße in Richtung der Brücke geradelt, da sah ich einen (sehr) jungen Mann auf einem Kinderfahrrad von der Brücke abfahren – die Mutter lief hinterdrein. Dann begann er zu schlingern, korrigierte noch zweimal, nach rechts, nach links, aber dann ging es nicht mehr. Seitlich fiel er um, mit dem Fahrtschwung den Berg runter. Er trug natürlich einen Helm, erschrak furchtbar. Aber viel passiert zu sein schien nicht.

Natürlich hielt ich an, bot meine Hilfe an. Die Mutter untersuchte ihr Kind, nahm dem Helm ab, sah nach Kopfverletzungen. Das ist natürlich ihr Job, das Kind vertraut der Mama und nicht der fremden Radlerin, die da gerade anhält. Allerdings hatte ich das Handy parat und bot an, Hilfe zu rufen – ob nun über 112 oder eine Person der Wahl der Mama, ließ ich offen. Doch es war nicht nötig. Der Junge begann schon wieder, bessere Laune zu bekommen. Ich in meinem ONCE-Trikot munterte ihn auf und meinte, Abfahren müsse er noch ein bisschen lernen, mit dem Bergauffahren klappte es schon super. Aber er solle sich trösten, ich bin auch eine miserable Abfahrerin, sagte ich ihm. Die Mama wusste es zu schätzen, erzählte noch etwas, wiederholte es für den Sohnemann auf Deutsch und Französisch, das Kind wächst wohl zweisprachig auf.

Dann fuhren Mutter und Kind in die eine Richtung, ich in die andere weiter. Bei mir ist beim Abfahren Hopfen und Malz verloren, der junge Mann kriegt’s vielleicht noch irgendwann hin und wird ein echter Rennfahrer.

Mit dem Rad zur Arbeit…

Der Aktionszeitraum von „Mit dem Rad zur Arbeit“ ist rum. 73 Tage habe ich geschafft, dabei war vor dem Urlaub noch jede Woche ein Tag Homeoffice angesagt, und drei Wochen Urlaub lagen auch noch in der Zeit. Mit fast 3400 Kilometern im Zeitraum von Mai bis September habe ich doch eine erkleckliche Menge an Radkilometern sammeln können.

Weniger die Zahl der Kilometer und die Zahl der Rad-Tage macht mich stolz, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich JEDE Fahrt zum Büro und JEDE Fahrt nach Hause in diesem Zeitraum mit dem Rad gemacht habe. Nur bei einer (weiten) Dienstreise nutzte ich das Auto und bei zwei weiteren Dienstreisen habe ich auf Teilstrecken die Bahn genutzt, um mein Fahrrad zu transportieren.

Ich habe per Rad insgesamt vier Kreise befahren – den Landkreis Rastatt, den Landkreis Calw sowie Stadt- und Landkreis Karlsruhe, alles davon dienstlich. Mit unterschiedlichem Gepäck und bei sehr unterschiedlichen Temperaturen – brütende Hitze deutlich über 30°C bei einigen Heimfahrten, schon etwas frische Kühle von 5°C bei einer herbstlichen Hinfahrt zur Arbeit – und unterschiedlicher Witterung habe ich Arbeits- und Dienstwege per Rad absolviert.

Nun liegt hier eine Urkunde und bezeugt die Teilnahme. Wenn ich bedenke, dass ich erst am 01.12.2019 das erste Mal seit über 20 Jahren wieder auf einem Rad saß…

Fazit: Der Sport-September

Im September waren eigentlich der Stadtwerke-Lauf und der Badenmarathon geplant, dieses Jahr. Ich will gar nicht lamentieren – ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass sie stattfinden würden, denn die Corona-Situation hält ja noch an, verschärft sich derzeit sogar wieder.

Dennoch gab es Highlights im September: Die „Stadtradeln“-Aktionswochen unserer Gemeinde Bietigheim fanden vom 07. bis zum 27.09. statt, außerdem war’s der letzte Monat von „Mit dem Rad zur Arbeit“. Dazu war für die Woche vom 21.-27.09. der Aktionszeitraum des virtuellen Campus Run der Uni Stuttgart, an dem ich (dieses Jahr, weil virtuell) als Externe nicht teilnehmen durfte, ihn aber dennoch zum Laufen zum Anlass nahm.

In Zahlen: Im September bin ich 1432,3 Kilometer geradelt, davon 1018 im Aktionszeitraum des Stadtradelns in Bietigheim. 347,6 Kilometer weit bin ich gelaufen, darunter ein sehr schneller Zehner, der quasi meine virtuelle Teilnahme am virtuellen Campus Run darstellte und mit einem neuen Personal Best auf zehn Kilometer zu Buche schlug.

Aber da war noch mehr: Dehnen und Balance sowie Eigengewichts-Krafttraining setzte ich fort, Dehnen und Balance etwas mehr, Eigengewichts-Training etwas weniger als im August. Ein anderer Trend setzte sich aber auch fort: Der September war nicht nur der dritte Monat in Folge, in dem ich mehr als 2000 Höhenmeter erlief, er war auch der Monat mit den bislang mit Abstand meisten Rad-Höhenmetern. Freilich, da muss einiges noch reifen, aber mit weit über 4500 Höhenmetern auf 1400 Radkilometern war die Radfahrerei im September doch deutlich hügeliger als zuvor.

Im September scheiterte ich zunächst an dem Versuch, von Waldprechtsweier nach Freiolsheim zu fahren, dann versuchte ich aber das eine oder andere – und bewältigte etwas später mit schwerem Rucksack von Herrenalb aus die Steigung nach Bernbach und danach von der leichteren Seite hoch nach Freiolsheim. In der Folge fuhr ich auch noch den Durlacher Turmberg hoch und von dort weiter nach Thomashof und Busenbach. Irgendwann ist auch noch angesetzt, sich mal zwischen Rhein, Alb und Murg ein bisschen auszutesten, nun, da ich ein bisschen besser das Gefühl für Trittfrequenz und Kraft am Berg habe. Zu Fuß erklomm ich einmal fast und zweimal tatsächlich den Mahlberg von Waldprechtsweier aus.

Als Jahres-Zwischenbilanz nach 75% des Jahres ist nun absehbar, wie es mit den Zielen dieses Jahr aussieht. Anfang 2020 hatte ich mir ja kein Radfahrziel gesetzt, wohl aber eine Wiederholung des „Zehn-pro-Tag“-Ziels beim Laufen. Weil eine Verletzung den April quasi ganz aus dem Laufjahr herausnahm und erst Mitte Juni wieder alles einen normalen Gang ging, wird es wohl sehr ambitioniert, doch noch auf 3660 Kilometer dieses Jahr zu kommen. Nach neun von zwölf Monaten stehe ich bei 2540 Laufkilometern, das wären 69,4% des Ziels nach 75% des Jahres. 1120 Kilometer fehlen noch, was sich auf 374 Kilometer Laufleistung pro Monat aufteilen lässt. Ob das noch klappt, darf bezweifelt werden, obwohl mit 368, 353 und 347 Kilometern im dritten Quartal die Laufleistungen nicht SO viel darunter lagen. Als Fallback, auch wegen der zwei verletzungsbedingt ausgefallenen Monate, habe ich mit 3300 Kilometer laufen als abgespecktes Ziel gesetzt, das sollte klappen.

Beim Radfahren etablierte sich mit der Zeit dann doch noch ein Ziel, als klar wurde, dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahren würde – und dann mit dem Rennrad noch mehr Radspaß dazukam. 7500 Kilometer sollen es werden, 5921 sind es Stand heute: Weniger als 560 Radkilometer pro Monat. In allen Monaten, in denen das Radfahren etabliert war und ich voll arbeitete, bin ich auf deutlich über 750 Kilometer gekommen.

Wenn das Wetter, meine Kondition und die Laune danach sind, versuche ich die Tage vielleicht mal, ob ich einmal die Woche eine Heimfahrt durch einen Heimlauf ersetze und am nächsten Morgen wieder zur Arbeit laufe – das Fahrrad steht dann ja für die Heimfahrt im Büro. So kann ich vielleicht vom Vorsprung auf das Radziel Kredit nehmen, um trotz Verletzungspause im Frühjahr doch noch die 10 Kilometer pro Tag im Jahresdurchschnitt zu erreichen.

Was definitiv erreichbar und so gut wie erledigt ist, sind die 10000 Kilometer mit Muskelkraft zurückgelegt im Jahr 2020. Da habe ich bei drei Vierteln des Jahres schon 8461. Wenn das so anhält – und das Radfahren startete ja erst dieses Jahr im Laufe des Jahres – werde ich künftig in vier Jahren einmal mit Muskelkraft den Umfang der Erde zurücklegen. Das ist doch auch mal was!

Es ist Herbst

Heute morgen stand ich auf und plante meine Fahrt zur Arbeit mit dem Rad. Es war dunkel vor den Fenstern, ich sah also noch nicht, ob es regnete. Unsere Wetterstation zeigte eine Temperatur von 12 °C – als ich nach draußen ging, stand ich im Nieselregen. Natürlich ist es an dieser Stelle verlockend, gerade wieder herumzudrehen, sich auszuziehen und zurück in das warme, trockene Bett zu kriechen. Aber ich musste ja auf die Arbeit. Alternative zwei wäre gewesen, mit dem Fahrrad zum Bahnhof zu radeln und mit der Bahn…

Nein. Machte ich nicht. Eine wasserfeste Windjacke hatte ich ja schon an, richtig kalt war es nicht. Ich mied also die typischerweise dreckigen, nicht voll befestigten Wege und rollte in Richtung Karlsruhe. Klar, das Frontlicht hatte ich aufgesteckt und angeschaltet, mein Rücklicht mit Annäherungsradar ist sowieso immer an, wenn ich radle. Die ersten paar Kilometer war das gar nicht so unbequem, dann wurde mangels Schutzblech am Rennrad langsam der Hintern ein bisschen nass, etwas Sand spritzte auch hoch. Aber davon ließ ich mich nicht schrecken – es hätte auch gar nichts gebracht, weil ja eh ein Streik beim ÖPNV im Gange ist. Ich fuhr natürlich ein bisschen vorsichtiger als sonst, denn die Straße kann glatt werden, wenn sie nass und etwas schmierig ist – oder gar nasses Laub darauf liegt. An einer Stelle motzte mich ein anderer Radfahrer an, weil ich langsam mit ausgestrecktem linkem Arm auf der Straße rollte, um links abzubiegen und ihm – seiner Ansicht nach – im Weg war.

Tja, da kam vieles zusammen: Dunkelheit, Regen, etwas Wind und andere Verkehrsteilnehmer. Es ist Herbst. Ich fahre trotzdem Rad zur Arbeit. So langsam wird aber die Kleidungsauswahl ein wenig wichtiger als im Sommer.

Gelesen: Tim Krabbé – Das Rennen

Da ich nun Rennrad fahre – genau genommen ja WIEDER Rennrad fahre, wurde mir von Ma San ein Buch empfohlen. Es geht um „Das Rennen“ von Tim Krabbé, in der deutschen Übersetzung. Bereits die ersten Zeilen, die durchaus öfter mal zitiert werden, hatten mich:

„Meyrueis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.“

Aus: Tim Krabbé – Das Rennen

Das gilt allerdings nicht nur für das Radrennfahren. Auch Laufwettkämpfe haben so einen Sog und so ein Gefühl des Abgehobenseins, auch wenn das Rennrad mit all seiner Technik und auch der Rennzirkus des Radrennens es betonen. Ich selbst bin – vor langer Zeit – nur ein Rennen gefahren. Es war das Scheuerbergrennen in der Nähe von Heilbronn, ein Einzel-Bergzeitfahren über eine nicht allzu große Distanz und nicht allzu viele Höhenmeter. Ich habe es nicht gewonnen, aber mein Teenager-Ich schnitt für den damaligen Anspruch ganz gut ab. Aus Überanstrengung nahm ich eine Fanta zu mir, nachdem ich über den etwas flacheren Gipfel gesprintet war, und kotzte sie instantan wieder in die Büsche.

Wenn ich den obigen Absatz so lese, frage ich mich: Klang ich auch vor der Lektüre von „Das Rennen“ schon so, oder kam das erst dadurch?

Was in „Das Rennen“ passiert, ist erstaunlich schnell gesagt: Tim Krabbé nimmt, als Amateurradfahrer, an einem bergigen, schweren Radrennen in den französischen Cevennen teil. Es ist die Mont-Aigoual-Rundfahrt, deren namensgebender Berg in der Tour de France 2020 als Bergankunft Etappenziel war. Dazu beschreibt er Rennfahrertypen, Rennsituationen und seine Taktik, seine Gefühle, seine Einstellung in greifbaren Begriffen und über Anekdoten und Exkurse.

Klingt simpel? Ist es auch! Aber in diesem simplen Konzept, in dem ein Haufen Erfahrung mit Radrennfahren und ein Haufen Einfühlung in den Radrennsport und seine Geschichte, seine Gestalten stecken, liegt Genialität. Für mich, die ich selbst in den Neunzigerjahren den Profiradsport verfolgt und bejubelt habe, 2004 dann schließlich in L’Alpe d’Huez beim Contre la Montre an der Außenseite einer Serpentine, in Sichtweite der „Flamme rouge“ den Schweiß der Rennfahrer abbekam, war das Buch wohlige Nostalgie, das Lernen von Anekdoten und gestalt-, ja, wortgewordene Offenbarung dessen, was einem auf dem Rennrad, selbst ohne Rennen, aber mit der Erfahrung von Laufwettkämpfen intus, so durch den Kopf schießt.

Tim Krabbé charakterisiert die Leute, mit denen er fährt, gegen die er fährt, vergleicht sie mit bekannten Gestalten. Durch eine gewisse Hingabe zum Verfolgen der Tour de France in den Jahren, in denen ich selbst hobbymäßig fuhr und auch später noch, waren mir Fahrer wie Bernard Hinault, Jacques Anquetil, Lucien van Impe, Federico Bahamontes, Gino Bartali und Fausto Coppi schon ein Begriff, Eddy Mercks natürlich auch. Wie wichtig die Psychologie, die Taktik und das Gefühl sind, und wie sehr sie einander widersprechen und doch zusammenwirken, das charakterisiert und karikiert Tim Krabbé oft in wenigen Sätzen eines Absatzes. Eben noch spricht die Vernunft, geißelt den Angriff eines Mitfahrers, Gegners als sinnlos und zu früh, im nächsten Moment wird sich Krabbé bewusst, dass er selbst gerade angreift und dass es gut ist! Auch das schnelle Wandeln vom Gegner im Feld zum Verbündeten in der Ausreißergruppe wieder zum Gegner beim Sprint, auch das zeichnet er in einer Weise nach, die der Faszination einer schweren Bergetappe der Tour de France erklärt, aber nicht entzaubert.

In der Mischung aus Anekdoten und dem Drama eines Rennens, in dem die Chancen hin und her wogen, fängt Tim Krabbé die Faszination Radsport in einer Weise ein, die sonst wohl nur für jemanden, der zumindest Ausdauersport-Rennen und Rennradfahren kennt, zugänglich wäre.

Die Fortsetzung des Anekdotischen aus „Das Rennen“ begleitet mich gerade in Form von Tim Krabbés „Die Vierzehnte Etappe“, aber ohne die Mont-Aigoual-Rundfahrt als Kulisse ist es nicht ganz so das, was „Das Rennen“ in mir weckte. Zugleich schießen mir selbst ein Haufen Anekdoten durch den Kopf… aus meinem eigenen Nicht-Rennen-Rennradfahren früher und heute, aber auch aus dem Schauen von Radrennen. Wohlig eingepackt, in sportliche Faszination und Nostalgie.

Erklärte Ziel-Erklärung

So langsam bewegt sich das verrückte Corona-Jahr 2020 von „zwei Drittel rum“ auf „drei Viertel rum“ zu. Ich sehe mittlerweile recht deutlich, dass das im Vorfeld definierte Ziel „10 Kilometer pro Tag laufen“ nicht mehr drin ist. Dafür war ich im April und Mai zu lang verletzt. Dafür zeigt sich langsam, was mit Radfahren und Laufen parallel wirklich geht.

In der aktuellen, ablaufenden Woche bin ich 380 Kilometer geradelt und 80 Kilometer gelaufen, in der zuvor 317 Kilometer Rad gefahren und 100 Kilometer gelaufen. Der September ist bei mir zwar sportlich traditionell ein starker Monat, aber dennoch sind das Werte, die mich in großen Schritten Rückstände auf meiner Massen-Ziele aufholen lassen.

Der aktuelle Stand, etwas mehr als 3,5 Monate vor dem Jahresende, also bei knappen 71% des Jahres, sind 2365 Kilometer Laufen und 5140 Kilometer Radfahren. Hochgerechnet würde ich auf 3330 Kilometer Laufen und 7240 Kilometer Radfahren kommen, wenn ich weitermache, wie ich im Schnitt der abgelaufenen 8,5 Monate gelaufen und geradelt bin.

Die Wahrheit ist aber auch, dass ich zwei Monate verletzungsbedingt nicht laufen konnte und zwei Monate eingewöhnungsbedingt deutlich weniger Rad gefahren bin, als ich das normal (Laufen) bzw. jetzt (Radeln) tue. Mit den 400 Kilometern im Monat, die ich bräuchte, um die „10 Kilometer Laufen pro Tag“ zu schaffen, rechne ich mal nicht. 3300 Kilometer Laufen sind genug. Die 7500 Kilometer auf dem Rad sind allerdings in Reichweite, weil ich voraussichtlich Ende September so weit bin, dass ich im Schnitt von Oktober, November und Dezember jeweils nur noch 600 Kilometer fahren müsste – und das habe ich in Monaten mit Homeoffice und teils schlechtem Wetter bereits vor der Anschaffung eines leichtgängigen Rennrads mit dem Mountainbike gepackt.

Also kann ich mir jetzt erklärte Ziele erklären. 7500 Kilometer Radfahren, 3300 Kilometer Laufen, wenn keine Verletzungen oder Pannen dazwischen kommen. Da will ich hin, und das sind auch realistische Ziele – und Handlungsanweisungen für die nächsten 3,5 Monate.

Auf den Mahlberg

Vor einigen Wochen wollte ich zum Mahlberg. Da habe ich mich ein wenig verfranst auf der Fahrt nach Waldprechtsweier, wo ich über das Waldprechtstal hochlaufen wollte. Ich bin damals stattdessen am südöstlichen Rand von Malsch ein bisschen durch die Gegend gerannt. Diese Strecke habe ich bei meinem Marathon aus Versehen nochmal genutzt, da aber mit Transfer zu Fuß.

Vergangene Woche fand ich mich nach Waldprechtsweier mit dem Rad, schloss es dort an, rannte das Waldprechtstal hoch – und verfehlte den Mahlberg-Gipfel bei meiner Rennerei recht knapp. Diese Woche nun…

In zwei Bilder gesagt: Ich fuhr von Zuhause nach Waldprechtweier mit dem alten Mountainbike, rannte den Mahlberg hoch und wieder runter, rollte zurück nach Bietigheim – um dann zuerst eine Maske und dann die EC-Karte noch von zuhause zu holen, um bei Erbolino Kaffee zu kaufen.

Ich bin ziemlich stolz, dass ich nach mehrerem Rumirren nun auf den Mahlberg gefunden habe. Klar, eigentlich ist es ganz einfach. Aber der Mix aus Schildern, Schilderung meiner Laufpartner und meinem Instinkt… nun, irgendwie habe ich an den Stellen, an denen ich dem Instinkt folgen sollte, den Schildern geglaubt und mit den Erzählungen der Laufpartner Abzweigungen genommen, die eigentlich ganz woanders sind, weil die beiden nicht den Schildern folgen. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hatte mich letzte Woche maßlos verfranst, weil ich nicht EINER Art von Wegfindung geglaubt habe, sondern unmotiviert zwischen verschiedenen Wegbeschreibungen/Wegfindungen hin- und hergesprungen bin.

Dieses Mal lief es besser. Meinen künftigen Weg, wenn ich da alleine hoch laufe, habe ich auf dem Abstieg gefunden. Das ist dann zwar nicht sehr trailig, aber das kommt mir sehr entgegen! Am Ende bin ich auch noch den Mahlbergturm hochgejoggt, was bei der Wendeltreppe durchaus anstrengend ist. Oben auf der Plattform mischte sich geringe Höhenangst mit hochgepushtem Herzen und ausgepowertem Körper. Ich hielt mich immer eng am Aufbau des Treppenhauses! Ein paar Fotos habe ich dennoch gemacht, auch wenn einmal mein Daumen unbedingt mit drauf wollte:

Als ich dann wieder unten am Turm war, machte ich noch zwei Bilder – den Turm und den Gipfelstein:

Runterwärts stellte ich dann fest, dass ich an einigen Stellen einfach meinem Instinkt hätte folgen sollen, dann wäre ich schon gut oben angekommen. Insgesamt ein sehr schöner, sehr befriedigender Samstagvormittagsausflug. Nur der Gegenwind auf der Heimradelei war ein wenig anstrengend, nachdem ich ja gerade erst den Mahlberg hochgelaufen war… und dass ich dann zuerst meine Maske und dann noch meine EC-Karte von Zuhause holen musste, um Kaffee zu holen, war hart, denn nach der Berglauf-Aktion und mit den gestrigen 70 Radkilometern und 20 Laufkilometern in den Beinen war selbst der milde Buckel vom Tiefgestade auf die Hardt in Bietigheims Leopoldsstraße am Schluss ganz schön anstrengend. Aber ich hab’s hinbekommen:

Beute.