Auf und Ab

Es sind diese Momente, die zusammenwirken. Diese Momente völliger Begeisterung und der Ernüchterung, die manchmal unglaublich intensiv im Kontrast nebeneinander stehen. Der Alltag ist voller Dinge, die man gerne macht und solcher, die man ungern macht oder die einem ein schlechtes Gewissen machen. Den Alltag zu bewältigen heißt, den emotionalen Kontrast abzumildern, die regelmäßigen kleinen Erfolge und Niederlagen nicht so extrem zu sehen. Bei den Erfolgen gelingt das meist zu schnell, Niederlagen sind schwieriger, da geht’s eher zu langsam.

Heute Morgen hatte ich das Extrem mal wieder. Ich wurde von einer Kollegin angesprochen, auf eine dienstliche Geschichte, die heute läuft. Ich reagierte begeistert, denn dieser Aspekt – diese Arbeitsstätte, mit der ich zu tun habe, was ich dort machen darf, dass sie in meine Zuständigkeit fällt, was die Leute dort tun – das begeistert und fasziniert mich. Es ist einfach superspannend! Dabei ist es eigentlich nur Arbeit. Keine zwanzig Schritte weiter holte ich eine Mappe aus der Post, auf der ein Post-It klebte. Jemand, der mir zuarbeitet und das gut tut, monierte ein Versäumnis, mit dem ich der Kollegin das Leben etwas schwerer gemacht hatte. Nicht beabsichtigt, nicht aus bösem Willen, einfach nur, weil ich nicht dran gedacht hatte. Dabei war ohne auch nur die Spur eines Nachdenkens einzusehen, warum an der Stelle zwei Büroklammern Wunder wirken, um besser zuordnen zu können, was zu was gehört. Mir ist natürlich klar, was wozu gehört, weil ich die Dokumente erstellt habe, um die es ging. Aber unter anderen Aspekten muss man da echt suchen, wie alles zusammengehört. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, auf weniger als 15 Meter Flur. Das ist wie das erste Mal frisch verliebt und so kann man seinen Alltag nicht bestreiten, erst recht nicht bei für alle gesundem sozialen Arbeitsleben, denn Stimmungsschwankungen wirken sich ja immer auch auf die anderen aus.

Ich bin froh, dass ich so intensiv empfinden kann, ich bin auch froh, dass ich eine Arbeit habe, in der ich mich so wohl fühle, die ich gut machen will, dass sie so etwas auslöst. Dennoch ist es nötig, diese Achterbahn etwas einzuebnen, die Kurven, Steigungen und Gefälle, mindestens mal die Loopings aus den Schienen rauszunehmen. Dieses Auf und Ab ist nämlich emotional anstrengend, sehr sogar. Nur zu sehr einebnen sollte man’s nicht. Sonst wird es stumpf.

Es gibt da einerseits die Balance aus Gutem und Schlechtem. Durch Gewöhnung wird meist ein allzu guter Durchschnitt der Ereignisse des Alltags normal, das funktioniert – nicht ganz so schnell – auch beim Ausschlag in die schlechte Richtung. Aber die Bilanz am Ende ist nicht die ganze Wahrheit. Auch die Amplitude, die Stärke und Häufigkeit der guten und schlechten Ausschläge, die sich (durch die Gewohnheit) am Ende meist zu irgendwas um die Mitte herum ausgleichen, spielt eine Rolle. Ein Alltag, der aus einer Achterbahn von Euphorie und Katastrophengefühl besteht, ist kaum auf Dauer bewältigbar. Auch hier reduziert die Gewohnheit die Amplitude, wie sie auch den Mittelwert Richtung Ausgleich verschiebt. Und das ist auch gut so, sonst würden wir alle durchdrehen, glaube ich.

So lala

Heute morgen war es schwer zu entscheiden, ob ich arbeiten gehen oder mich krank melden sollte. Wenn ich einen Infekt hätte, wäre es einfacher, auch bei Kopfschmerzen. Aber es war von allem kaum etwas und dazu eine Kombination aus den emotionalen Nachwirkungen dreimaligen Erwachens aus Albträumen über die Nacht hinweg, dem Gefühl, draußen eine feindliche Welt vorzufinden und dem Bedürfnis, sich in die Decke einzukuscheln. Dabei ging es nicht um die Arbeit – da sind Dinge zu tun, die ich machen möchte und für sinnvoll halte.

Es war wie ein Druck im Geist, gepaart mit Vorahnungen von typischem Kranksein, die aber nicht greifbar sind. Ich bin daher später los, habe beim Arzt noch ein Rezept geholt, das ich eh brauchte, und mir offen gehalten, dann doch in die Sprechstunde zu gehen oder mich für einen Tag krank zu melden, nachdem ich umgekehrt wäre.

Nun sitze ich im Zug und bin gespannt, was mein Körper und meine Psyche zu meiner Antwort auf das diffuse Bild, das Körper und Psyche heute morgen abgaben, sagen werden.

Vom Fehlermachen

„Das war falsch, das war falsch, verdammt – das war falsch!“

Metaphorisch, seltener buchstäblich rennen wir im Kreis, die Arme gen Himmel geworfen, da wir etwas „verbockt“ haben. Am besten noch gleich so, dass es ein größerer Personenkreis gesehen hat – und oftmals läuft’s dann auch noch so, dass wir nicht einmal mehr die Initiative haben, weil jemand anderes es merkt und mitteilt!

Ihr kennt das auch? Mies fühlt sich das an, und es nützt überhaupt nichts. Ich habe lang gebraucht, dieses aufwallende Gefühl der Demütigung zu begrenzen. Ich meine, es ist nur ein Fehler. Meist macht nur der, der gar nichts macht, keine Fehler. Es soll zwar nicht so sein, aber nicht selten schleichen sich auch Fehler ein, selbst wenn man sich kontrollieren lässt. Klar, man kann noch gewissenhafter rangehen, oft ist das sogar gar keine schlechte Idee.

Und da fängt es an. Ich lerne aus dem Fehler, beim nächsten Mal gewissenhafter drauf zu schauen. Ich sehe ihn, korrigiere ihn, kommuniziere das korrigierte Ergebnis. Ich renne nicht panisch im Kreis, die Arme hochgeworfen – vielleicht werde ich sogar nur noch rot im Gesicht, weil ich mich schäme, etwas übersehen zu haben. Vielleicht nicht einmal mehr das. Vielleicht lerne ich aus dem Fehler nicht nur etwas über meinen Umgang mit Qualitätssicherung, sondern auch über die Sache, in der ich einen Fehler gemacht habe.

Es heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin, wenn ich mich von berechtigter oder unberechtigter Kritik nicht mehr persönlich angegriffen fühle. Aus dem interpretierten Angriff, den der Fehler – ob von anderen wahrgenommen oder nur von mir selbst gesehen – auf meine Gewissenhaftigkeit, meine Person darstellt, kann ich Wut auf den Überbringer der Fehler-Botschaft oder auf den Fehlermacher generieren. Ich kann – und sollte – es aber lieber lassen. Denn dass jeder mal Fehler macht, auch manche Fehler wieder macht, ist Fakt. Wut oder Scham machen weder den Fehler noch die Erkenntnis einer Gruppe, dass ich fehlbar bin, wieder rückgängig. Sie behindern mich sogar dabei, weiter zu machen und den Fehler zu beheben, erst recht, weil dann eine übersteigerte Angst vor einem erneuten Fehler hinzukommt.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass eine gute Fehlerkultur eine solche ist, in der man ausruft: „Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht.“ Ich halte das für Utopie. Aber je näher ich an dieses Ideal herankomme, um so weniger beherrschen meine Fehler mein Tun und meine Reflektion über mein Tun, sondern verbessern es.

Ich bin stolz darauf, mich dieser guten Fehlerkultur anzunähern. Langsam, in kleinen Schritten, manchmal auch mit Rückschritten. Aber zumindest bringen mich Fehler im Umgang mit meinen Fehlern weiter – im Umgang mit meinen Fehlern. Das ist doch mal ein Modell für den Umgang mit Fehlern in anderen Dingen als dem Umgang mit Fehlern, nicht wahr?

Radikale Maßnahmen?

Den (vorhandenen) aktuellen Anlass für einen Post dieser Thematik werde ich Euch nicht auseinandersetzen, zumal es sich dabei nicht um mein eigenes Problem dreht. Mir kommt nur zur Zeit ein allgemeines Problem bei der Lösung von problematischen Situationen wieder recht deutlich zu Bewusstsein.

Grundsätzlich gibt es im Leben eine ganze Reihe verschiedener Kategorien von Problemen. Kleine Probleme mit klaren Lösungen gibt’s zwar recht häufig, aber um die soll es hier nicht gehen. Das Leben ist sehr komplex und oft spielen ganz verschiedene Aspekte zusammen, die aus einer Menge kleiner Reibereien und Probleme, die allein lässig gelöst oder ertragen werden könnten, einen riesigen Knoten machen. Ganz konkret möchte ich meine Situation anführen: Sechs Jahre lang pendelte ich nach Stuttgart, fast 90 Kilometer eine Strecke, über eine zunehmend dauerverstopfte Autobahn. Dabei lag mein Lebensmittelpunkt weiterhin nahe Karlsruhe, die Arbeit meines Mannes nahe am Wohnort zwischen Karlsruhe und Rastatt. Dazu bin ich eine sehr auf soziale Interaktion gepolte Person, die rausgeht, Leute trifft, viele Leute kennen mag, während mein Mann ein ruhiger Typ ist, dem es eher zuwider ist, wenn zu viele Personen um ihn herum sind. Ganz langsam, schleichend, über ein paar andere Aspekte, die nicht so toll waren, schlichen sich immer mehr ungesunde Mechanismen in die Situation ein. Mein Mann veränderte sich im Unternehmen beruflich und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, ich laborierte zeitweise mit der Colitis ulcerosa herum, eine von mir gewollte Veränderung an anderer Stelle hing ein Jahr lang in der Luft und scheiterte dann. Aufgaben blieben zwangsläufig liegen und stauten sich an, zugleich wurde die Fahrt zur Arbeit nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv immer länger und unentspannter.

Natürlich entwickeln sich in so einer Situation Momente, in denen man den anderen an die Wand klatschen will – für etwas, das einem sonst ganz egal gewesen wäre. Momente, in denen man sich fragt, ob’s allein nicht besser ginge, ob man nicht die Zwänge des Zusammenlebens abschütteln will. Ich habe das nicht getan, und ich wollte es auch nie wirklich. Aber einfacher wär’s an manchen Stellen schon erschienen, entweder spontan die Pendelei ohne neue Option an den Nagel zu hängen oder von der Beziehung weg, zur Arbeit hin zu ziehen. Nur: Das hätte kurzfristig Momente gelöst, aber neue Probleme geschaffen. Ich habe nicht ohne Grund damals meinen Mann geheiratet und nicht ohne Grund mit einer gemeinsam gekauften Wohnung und mehr Bindungen geschaffen. Vor ungefähr zwei Jahren, so genau kann ich das gar nicht sagen, war recht deutlich zu merken, dass ich immer unzufriedener wurde. Oft äußert sich das bei mir in Laune – und Musik. Ein Freund und mein Mann, mit denen ich regelmäßig Mittwochs am PC spiele, waren geschockt von meiner negativen Reaktion auf ein neues Spiel, das wir ausprobierten. Ich reagierte zwischen resigniert und sauer, wollte aber unbedingt dran bleiben. Ich bin noch immer der Ansicht, dass meine Reaktion überinterpretiert wurde, aber die beiden kennen mich schon lange – und nicht nur durch Spiele, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr gut. Wenn sie eine „schockierende“ Reaktion sehen, dann ist das eine Warnung. Es gab noch mehr. In meinem Kopf vereinigten sich zudem an manchen Stellen Kleinigkeiten, die mein Mann tat (und die eigentlich gar nicht schlimm waren) zu einen vor-sich-hinsingen der Zeile „You know the bed feels warmer sleeping here alone“ aus Kelly Clarksons „Stronger“, weil ich vor lauter Druck das Schöne nicht mehr sehen konnte, all die wichtigen Dinge, die ich aus meiner Beziehung und meinen Freundschaften nehme.

Nun hätte ich aus diesen Momenten, die durchaus nicht wenige waren, einen radikalen Schnitt ableiten können. Zeitweise hätte das vielleicht sogar richtig gewirkt. Es klingt einfach, schafft aber neue Probleme. Meistens kommen solche Probleme aus sich selbst heraus und aus den anderen heraus. Meistens stauen sie sich eine Weile an und lassen sich nicht oder nur mit massivem Kollateralschaden auch auf sich selbst schnell und radikal lösen. Das angesammelte Problem aus vielen kleinen, lösbaren Komponenten, die zu einem verstopfenden, unentwirrbaren Knäuel werden, nimmt man mit sich mit, wenn man es wie den Gordischen Knoten durchschlägt. Die losen Enden verknotet man doch wieder und die Hälfte des Knotens bleibt so unlösbar wie zuvor, durch das nonchalante Wiederverknoten vielleicht sogar noch unlösbarer als der ganze Knoten zuvor.

Liebgewonnenes und für das persönliche Leben und das Umfeld Wertvolles zu erhalten, das man im radikalen Schnitt verlieren würde, kann man aber schaffen. Oft sind die zugrundeliegenden Probleme schwer zu lösen – die Anfangseuphorie nach dem radikalen Schnitt überdeckt sie nur, dann kommen sie wieder. Man sagt ja gerne, dass Menschen doch immer wieder bei demselben toxischen Typus Partner landen, wie oft sie sich auch trennen. Es geht auch nicht darum, den Partner zu ändern, sondern einen nicht toxischen Umgang mit dem Typus Mensch zu finden, mit dem man sich instinktiv gerne verbindet, mit der Art Arbeit, die man gerne und gut macht, und den Hobbies und Freunden, die einem wichtig sind. Das ist unendlich viel schwerer und langwieriger als der radikale Schnitt, aber es ist auch nachhaltiger. Ohne tiefgreifende Analyse und Veränderung des Weges, der in die verfahrene Situation geführt hat, ändert sich nämlich auch nach Trennung nichts. Man wiederholt dann nur. Das Problem an diesen langwierigen, nachhaltigen Veränderungen ist, dass nach Erkennen des Problems erst einmal das Entwerfen von Veränderungen ansteht. Danach kommt das Umsetzen dieser Veränderungen – und insbesondere sich selbst zu verändern ist schwierig und dauert. Nach der Aufbruchsstimmung des erkannten Problems folgt die Ernüchterung: Es dauert, eine adäquate, nicht so viel Pendeln erfordernde Arbeitsstelle zu finden. Es dauert, bequeme und liebgewonnene Schuldzuweisungsmechanismen für eigene Unzulänglichkeiten abzulegen. Oft dauert es sogar, aus der Analyse der Komponenten der komplex-katastrophalen Situation die richtigen Veränderungen abzuleiten, das geht teils in Irrwege, teils ist es schlicht zäh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn eine Situation über lange Zeit und viele, langsam zusammenkommende Komponenten unerträglich geworden ist, braucht’s eine langfristige Veränderung, die nachhaltig ist. Im ersten Moment mag ein radikaler Schnitt wie die Lösung erscheinen. Wenn der Schnitt Raum für diese Veränderung gibt und man mit dem Verlust all der schönen und wichtigen Dinge leben kann, die einen nicht viel früher abhauen haben lassen, okay. Ansonsten ist es aber die Sache wert, durch das tiefe Tal, durch den Trog zu gehen und gemeinsam mit denen, die einen in das Tal begleitet haben, den anderen Hang wieder zu erklimmen.

Ist ein bisschen wie mit einer Diät oder einem Burnout. Wenn ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in falscher Weise zu viel gegessen habe oder in toxischer Weise zu viel gearbeitet oder das zu sehr an mich herangelassen habe, wird das nicht mit zwei Monaten Diät oder Psychotherapie, neuen Klamotten oder einem neuen Job gelöst. Die Mechaniken sind weiter in uns drin. Sie werden uns wieder an den Punkt bringen, wenn die Euphorie und die Aufbruchstimmung des Schnitts vorbei sind. Zwei Monate lang nix essen und dann wieder Burger im Vorbeirennen und Berge von Schokolade am Schreibtisch lösen das Problem nicht. Mit Beziehungen, Familie, Arbeit und dem Konglomerat aus Sozialem und Lebenswandel ist es auch nicht anders.

Am Ende des Tages hat man aus der furchtbaren Situation und einem unendlich erscheinenden Tal Automatismen geschaffen, die einen oben halten, wo vorher welche waren, die einen runterzogen. Ich bin heute glücklicher, stärker und zugleich rücksichtsvoller, aber auch besser im Einfordern von Rücksicht als noch vor drei, vier Jahren. Auch das verdanke ich dem Willen zu bleiben und der Scheu vor dem Davonlaufen, die mich ZWANGEN, an mir und meinem Umfeld zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Verändern dann doch die radikalere Maßnahme als das Davonlaufen oder Rauswerfen.

Die anderen sind bestimmt fleißiger …

Zur Zeit begreife ich anhand eines kleinen Wettbewerbes ein Problem, das mich in meiner Motivation gerade gar nicht beschäftigt, aber in manch anderen Phasen eine echt harte Nuss war und bestimmt auch wieder sein wird.

Es geht um die Frage: „Warum soll ich bei etwas mitmachen, bei dem bestimmt die anderen doch eh fleißiger, daher besser sind und ich somit eh nicht gewinne?“ Dieser Mechanismus kann einen leicht dazu bringen, gar nicht erst mitzumachen, gar nicht erst anzufangen. Mit solch einer Einstellung läuft man aber keinen Halbmarathon – und auch kommendes Jahr keinen Marathon. Da ich dieses Jahr Halbmarathon gelaufen bin, habe ich offenbar einen Weg gefunden, dennoch anzufangen, dennoch mitzumachen. Warum also nun dieser Beitrag?

Ich nehme zur Zeit an der „Kilometerfresser-Challenge“ des rennwerks teil. Dabei geht es darum, im nun etwas lauffeindlicher werdenden Herbst möglichst viele Kilometer in den zwei Wochen vom 09.10. bis zum 22.10. zu laufen. Bonus gibt’s über Likes für Laufbilder auf der Facebook-Seite des rennwerks. Nun wollte ich unbedingt dabei mitmachen – natürlich locken die Preise: Laufschuhe nach eigener Auswahl, Laufbekleidung, Gutscheine … und zwar ein Haufen davon. Die Preise gehen bis hinunter zu den letzten Plätzen, zumindest nach Anmeldestand bei Beginn der Challenge. Bei mir setzt nun ein: „Ich mache bestimmt nur Laufbilder, die keinem gefallen und muss mir meine Likes von meinen Freunden erbetteln – und bestimmt laufen andere viel mehr als ich.“ Vielleicht ist das so. Vielleicht auch nicht. Außerdem: Andere verlinken auch ihre Freunde unter ihrem jeweiligen Bild, damit diese Liken. Alles ganz normal.

Jetzt kann man von zwei Seiten fragen: Einerseits: „Was ist so schlimm dran? Ist doch nur ein Spiel!“ Das ist richtig, aber es fällt mir schwer, es als solches zu nehmen, wenn es um etwas geht. Ich möchte mir keine Hoffnungen machen – wie vielleicht auch der eine oder andere hier möchte ich Dinge nur angehen, wenn was dabei rumkommt. Das gilt für so eine Challenge, für’s Laufen, aber auch für viele, viele andere Aufgaben. Wenn es von vorneherein sehr wahrscheinlich ist, dass es scheitert, will ich es nicht machen. Deswegen mache ich auch eher wenig Glücksspiel. Bei der Laufchallenge kann ich meine Chancen beeinflussen, und das fühlt sich gut an. Dass ich annehme, dass andere mehr laufen und mehr Likes bekommen, fuchst mich dabei – dabei ist doch genau der Wettstreit das Interessante dran. Nun kann die zweite Frage kommen: „Wenn sie das so sieht, warum tut sie sich das an?“ Naja. Die Antwort darauf ist eigentlich einfach und doch nicht. Wenn man’s nicht anfängt, nicht mitmacht, kann gar nichts bei rumkommen. Und laufen würde ich eh. Bei anderen Dingen: Aufgaben erfüllen müsste ich eh. Also kann ich’s auch gleich machen. Der andere Punkt, speziell bei der Challenge ist: Es motiviert mich, nun doch noch etwas mehr zu laufen. Das macht Spaß, tut mir, meinem Geist, meinem Körper gut. Das weiß ich und das spüre ich. Und mal davon ab: Vielleicht bin ich ja gar nicht so … also … so schlecht. Vielleicht ist es nur diese dumme kleine Stimme in meinem Kopf, die mir immer einzureden versucht, ich sei minderwertig, die einerseits meinen Ehrgeiz weckt und mich andererseits runterzieht – und von der ich nur das erste nehmen sollte, das zweite dann aber ablehnen.

So, was hat Talianna nun? Wieso stellt sie sich so an? Der Vorteil dieses Beitrages ist, dass ich nun, nach dem Schreiben, mir selbst sage: „Eben! Was stelle ich mich so an? Wenn’s was wird – toll. Wenn nicht, habe ich dabei was gelernt, bin vorangekommen, habe was für mich getan. Ich könnte nur verlieren, wenn ich’s nicht mache.“

Pendelunsicherheit stört – Hobby UND Arbeit

Das Problem am Pendeln über lange Strecke und stark frequentierte Autobahn ist nicht an sich die reine Dauer der Arbeitsstrecke. Es ist vor allem die Unsicherheit der Dauer des Hin- wie auch Rückweges. Wenn sich mal auf die Schnelle der Arbeitsweg in der Zeit verdoppelt, ist das halbwegs harmlos, wenn man eine halbe Stunde oder so zur Arbeit braucht. Man möchte ja eh eine halbe Stunde vor Terminen schon da sein, um sich ein bisschen vorzubereiten. Bei einem Arbeitsweg von einer Stunde oder mehr … da fängt das Ganze schon an, kritisch zu werden. Ähnlich sieht es bei der Rückfahrt aus. Wenn man eine Aktivität nach der Arbeit hat, die man direkt vom Heimweg von der Arbeit ansteuert, will man nicht mehr als etwa eine Stunde in einem Café oder dergleichen überbrücken, bevor man zum Yoga, zum Teezeremonie-Unterricht oder dergleichen weitergeht.

Genau diese Situation mit der starken – auf meiner Strecke zur Zeit besonders starken potentiellen Verlängerung der Fahrzeit ist es, was mir im Moment Probleme bereitet. Wenn ich tatsächlich immer 55 Minuten oder – sagen wir – eine Stunde und zehn Minuten nach Hause bräuchte – oder 45 Minuten nach Karlsruhe – dann wäre das alles ganz einfach zu handhaben. Sicher, es ist immer noch eine Menge verlorene Lebenszeit. Aber es wäre zu handhaben. Auch, wenn ich immer etwa eine Stunde zur Arbeit brauchen würde …

Aber genau das ist es eben nicht. Es gibt eine starke Variabilität nach oben. Diese starke Variabilität nach oben ist in Zeiten von Baustellen oder starken Verkehrsaufkommen noch etwas größer. Ich bilde mir ja gar nicht ein, unter 80 Minuten Heimfahrt einplanen zu müssen, wenn es Freitagabend ist. Diese 50% Erhöhung der Dauer sind ja schon drin. Wenn dann aber mit den recht häufig im starken Freitagsverkehr auftretenden Unfällen plötzlich die VERZÖGERUNG auf der Strecke größer wird als die reine Reisezeit ohne Hindernisse, also man von mehr als einer Verdopplung der Zeit ausgehen muss, und sich das während der ersten paar Minuten der Fahrt noch verschärft – dann sind natürlich Termine nicht zu halten. Genauso sieht es mit dem morgendlichen Starten aus.

In meinem Kopf haben sich dabei zwei Schemata festgesetzt:

  1. Die „Neun-Uhr-Konstante“, mittlerweile eher die „Halb-zehn-Konstante“. Dieses Prinzip geht davon aus, dass wann immer ich losfahre – um sieben, um halb acht oder um acht – die Reisezeit sich immer so anpasst, dass ich erst gegen neun oder in letzter Zeit eher halb zehn auf der Arbeit bin. Früher als kurz nach sechs aufzustehen widerspricht – zumindest auf Dauer – meinem Biorhythmus, ein wenig Tee und eine Schale mit Haferkleien, Magerquark und Heidelbeeren brauche ich schon zum losfahren. Also komme ich, wenn ich das Ganze auf Dauer betreiben will, nicht wirklich vor sieben los. Wenn alles gut liefe, hieße das, um acht auf der Arbeit zu sein. Aber die Zeit und die A8 haben mich gelehrt, dass das nicht funktioniert. Am Ende der Strecke landet man – durch die Verzögerungen und die reine Fahrzeit am Anfang – doch wieder in der Rush-Hour um Stuttgart und die Verzögerung dort ist erheblich größer als eine Viertel- oder halbe Stunde später. Mit dem Ausbau des Porsche-Standorts in Weissach hat sich das ein wenig verstärkt – unter anderem auch zu sehen an der erhöhten Dichte von Porsche-Erzeugnissen auf der A8 um Pforzheim. Diese „Halb-Zehn-Konstante“ frustriert. Man fühlt sich der Verzögerung, die einen bis auf in seltenen Glücksfällen immer gefühlt zu spät kommen lässt, wehrlos ausgeliefert – wann immer man losfährt, es erwischt einen fast immer. Nicht nur, dass diese Mechanik für späten Beginn sorgt, noch dazu kommt man schon in einem Zustand, in dem man erstmal eine Pause braucht, auf der Arbeit an. Keine gute Sache. Langstreckenpendeln ist also nicht gut für die Arbeitsleistung – nicht nur wegen dieses, aber auch aufgrund des „Halb-Zehn-Konstanten“-Prinzips.
  2. Die „konstante Restheimfahrtzeit“. Das ist ein Konzept, das in meinem Kopf Eingang gefunden hat, weil es oft recht wahr ist. Bevorzugt an Freitagen, aber auch sonst erschreckend oft. Wie kommt’s? Man macht gegen 17:00 oder knapp danach Schluss – wenn’s mal wieder auf nach neun nur gereicht hat, auf der Arbeit anzukommen, noch etwas später. Es stehen dann ohnehin meist mindestens 1:10 auf dem Navi für die Heimfahrt – mit der Baustelle bei Rastatt eher 1:25. Aber bei Pforzheim, nach über 20 Minuten Fahrt, stehen erschreckend oft noch immer 1:25 Restfahrzeit auf dem Navi … weil sich an der Restzeit nichts ändert, während die Ankunftsprognose sich immer weiter nach hinten verlagert. Das macht einen dann fertig – insbesondere, weil ganz langsam, über die Fahrt hinweg, schleichend der abendliche Termin zum Laufen, zum Hobby, zum Essengehen oder nur zum irgendwas gemeinsam mit Ehemann und/oder Freunden machen von „machbar“ in „geradeso“ auf „nicht haltbar“ driftet, und der Verkehr zäh, aber nicht stehend ist, so dass man nicht einmal unter vernünftigem Einhalt der Sicherheitsregeln anrufen und die Verspätung ankündigen oder den Termin absagen kann. Das – aber bei weitem nicht nur das – animiert dann dazu, gar keine Abendtermine mehr zu machen, da sie eh nicht klappen oder in Stress ausarten, weil die Heimfahrt so unberechenbar – oder so berechenbar „immer länger als vom Navi prognostiziert“ ist.

Es gibt noch mehr Mechanismen. Aber generell kann ich nach sechseinhalb, fast sieben Jahren Pendeln über A5 und A8 nach Stuttgart sagen: Pendeln über so lange Strecke ist schädlich. Für die Arbeitsleistung, für die Freizeitaktivitäten und für die Gesundheit. Um so wichtiger ist es für mich, zu wissen, dass die Pendelei über diese lange Strecke für mich ein Ende haben wird.

Laufen und Laune

Am gestrigen Abend habe ich es mal wieder sehr deutlich gemerkt: Laufen ist gut für meine Laune und gut für meine Gedanken.

Eigentlich war alles, was geschah, nicht schlimm: Ein verpasster Anruf, ein bisschen Stau, eine rumzickende Laufapp, noch ein paar andere Nadelstiche. Zusammen war’s zu viel für mich und nach dem gemeinsamen Lauf mit meinem Mann sank die Laune in den Keller, zumal ich – die den Schlüssel dabei hatte – vor der Haustür auch erstmal mit Laufapp und verpasstem Anruf beschäftigt war, statt aufzuschließen. Mein Mann war berechtigterweise etwas ungehalten und dazu ziemlich KO darüber, dass ich mit Handy und Schlüssel vor der Tür stand und nicht aufmachte.

Das Ganze fügte sich zu einem „Noch Mehr“ an „Zuviel“ zusammen, und ich hockte kurz an meinem Schreibtisch und die Laune sank in den Keller. Schließlich klopfte ich an der Badtür, streckte den Kopf zu meinem duschenden Ehemann ins Zimmer und erklärte: „Ich gehe noch eine Runde laufen!“ Und siehe da – es half.

Auf den ersten zwei Kilometern flaute erst einmal die schlechte Laune ab, dann wurden ganz langsam die Gedanken von Gummibändern, die in alle Richtungen zugleich zogen, zu parallel ausgerichteten, miteinander vereinbaren Strängen, in deren Zug-Gleichgewicht nach vorn und hinten meine Laufgeschwindigkeit lag. Plötzlich war ich offen für die Lösungen, die ohnehin rational schon da waren, die nur durch das „Zuviel“ keinen Zugang zu mir fanden. Natürlich wälzte ich dann Probleme und Reaktionen, wo der Kopf wieder frei dafür war – und dann, nach etwa acht Kilometern, fanden sich die Lösungen zu einem Programm zusammen. Nach zwölf Kilometern, wieder daheim, war dann alles in Ordnung, mein Plan für das Abarbeiten der eigentlich gar nicht so vielen Dinge war entstanden und beschlossen. Dann konnte ich mich auch für das Zögern beim Aufschließen bei meinem Mann entschuldigen, wieder bessere Laune vermelden und mich nach dem Duschen zum Kochen begeben.

Laufen hat bei mir oft diese Wirkung. Es kollimiert die Gedanken, richtet sie nebeneinander aus, so dass ich gemeinsame Lösungen finden kann. Die verschiedenen Tasks, die zuvor alle in verschiedene Richtungen ziehen, werden zu einem Balkendiagramm mit Aufgaben und Zeiträumen, die teils parallel, teils nacheinander abgehandelt werden können. Und die Laune steigt. Die Laune steigt dabei sogar enorm!

Sicherheitssystem – Navigationssystem

Als wir gestern zu einer Hochzeit fuhren, habe ich etwas festgestellt. Aber ich fürchte, ich muss da etwas ausholen, so weit allerdings auch nicht: Der Freitag war ein anstrengender, da ich sehr viele Dinge noch zu tun hatte – da musste noch das vorletzte Training vor dem Campus Run absolviert werden, der Körper epiliert, ein Geschenk zumindest ein bisschen präpariert werden, auch wenn es nur eine Karte war, dann musste ich noch ein Rezept von meiner Frauenärztin holen. Außerdem stand noch Blumengießen bei den Schwiegereltern an, abends war Teezeremonie-Unterricht. Und wie das so oft ist, wenn man zu viel auf einmal plant, eine Sache geht schief. Lustigerweise nicht im eigentlichen Sinne eines der oben aufgeführten Dinge, nein: Rezept holen und bei der Apotheke einlösen lief gut, der Lauf zeigte, dass ich knapp vor meinem Wettkampfziel bin, leckeres Essen gab es beim Firmenfest meines Mannes, die Blumen waren recht flott gegossen und beim Teezeremonie-Unterricht war ich recht angetan, wie viel ich eben nicht vergessen hatte, auch wenn ich eigentlich zu lang ausgesetzt hatte. Aber mit dem Fokus auf die Zeremonie entfiel mir, dass ich meine Tasche bei Matsushima-sensei liegen gelassen hatte. Das merkte ich erst, als ich kurz nach Mitternacht zuhause aus dem Auto ausstieg. Die Nacht war dementsprechend so lala, denn in der Tasche war ja auch der Ausweis, die EC-Karte, der Führerschein, die Fahrzeugpapiere … und vor allem die Kreditkarte.

Am Morgen der Hochzeit war dann klar, dass die Tasche nicht bei Sensei vor der Tür auf der Straße lag, sondern drinnen an der Garderobe und wir konnten sie auf dem Weg zur Hochzeit abholen. Und da passierte es mir:

Auf der A5 Richtung Norden, ich wollte in Karlsruhe Nord abfahren, sprach ich mit meinem Mann über die Organisation des Tages, über vieles sonst – zu keinem Zeitpunkt war die Sicherheit gefährdet, ich nahm die Fahrer um mich herum wahr, wechselte Spuren mit Schulterblick und allem drum und dran, hielt Abstand, passte Abstände an … und fuhr eiskalt und ohne es zu merken an der Ausfahrt Karlsruhe Nord vorbei, so dass ich in Bruchsal drehen musste.

Was schließe ich daraus? Ich habe ein Sicherheitssystem beim Fahren, das auf jeden Fall funktioniert. Das kann man so leicht nicht ablenken, es funktioniert auf halbbewusster Ebene und auch dann, wenn ich eigentlich noch was anderes am denken, mir vorstellen oder bereden bin. Dieses System holt mich wieder voll zurück in die Fahraufmerksamkeit, wenn zum Beispiel ein Abstand aus irgendeiner Richtung schnell schrumpft, wenn irgendetwas komisch ist. Es gibt gewissermaßen einen Sollzustand, ein paar automatische Anpassungsvorgänge und Regelkreise für einfache Vorgänge. Nur navigieren kann das halbbewusste, nicht abschaltbare Sicherheitssystem nicht. Es verpasst Ausfahrten, fährt morgens aus Reflex auf sichere Weise in Lücken auf Abbiegespuren hinein, nur eine Ausfahrt zu früh – so bin ich das eine oder andere Mal in Rastatt Nord Richtung Basel auf die Autobahn gefahren, obwohl ich Richtung Stuttgart/Frankfurt/Karlsruhe musste. Das Navigationssystem in meinem Kopf, auch die Aufmerksamkeit für das Navi in der Mitte des Fahrzeugs läuft bewusst ab. Es hat mit der Fahrsicherheit nichts zu tun, wohl aber damit, wo ich hin fahre.

Es ist schon verblüffend, dass bei etwas so wenig auf der „instinktgesteuerten Zeit als Jäger und Sammler“ aufbauendes wie Autofahren zumindest in Sicherheitsaspekten auf dieser instinktiven Ebene stattfindet, die man ganz eindeutig von der bewussten Ebene unterscheiden kann – schon allein dadurch, welche zuerst abschaltet.

Schlafen

Was ein großartiges Gefühl! Schlafen – wenn man wohlig müde ist, oder nach dem Wegschlafen der ersten bleiernen Müdigkeit den wohlig müden Zustand erreicht hat, nochmal aufwacht und wieder einschläft. Was ein Gefühl!

Dieses unglaublich gute Gefühl wohligen, genussvollen Schlafens, manchmal habe ich es viel zu wenig. Dann wieder kommt es, ich liege in meinem Bett, wache auf und bemerke: Ich bin wohlig müde, ich habe keine Angst, nicht mehr einschlafen zu können, um mich herum ist alles weich, gemütlich und angenehm – und die Augen fallen von allein zu, ohne dass ich es verhindern will, ohne dass ich es aktiv befeuere, obwohl ich es will. Ich habe keine Sorge, nicht schlafen zu könne, keine Sorge, was ich träumen könnte oder was nach dem Aufwachen ist.

Das ist Schlafen. Ein Gefühl, ein Sein, das dem Leben Qualität gibt. Vielen von uns – auch mir – steht dieses vermeintlich selbstverständliche, richtige Schlafen viel, viel zu selten zur Verfügung, weil noch irgendwas ist, man noch irgendwas träumt, gedanklich schon beim Vorwegnehmen der Versäumnisse des nächsten Tages ist, sich an einen Albtraum erinnert, einen befürchtet …

Diese Woche habe ich einmal das Frühstück ausfallen lassen müssen, meinen Tee, alles. Nur Zähne Putzen und Anziehen ging vor dem Losfahren. Denn ich habe geschlafen. Richtig geschlafen, so wie oben genannt. Aus diesem Wohlgefühl heraus habe ich meinen Wecker ausgeschaltet und habe wohlig weiter geschlafen. Erst drei Minuten vor meinem üblichen Losfahren wachte ich auf. Und doch war dieser Tag nicht verloren, denn dieses richtige Schlafen, es lässt einen gelassener, ruhiger, leistungsfähiger und gegen die schlimmen Dinge des Lebens und Alltags auch gleichgültiger werden, während die schönen Dinge betont werden.

Schlafen. Richtig schlafen. Was ein großartiger Luxus!

Laufen ist Gedankenkollimation

Aus aktuellem Anlass habe ich mir mal wieder Gedanken über die psychischen Effekte des Laufens gemacht. Für mich – und wie ich nun weiß, auch für meinen Mann – kann laufen destruktive, schlechte Stimmung lösen und zugleich auch den Stress abbauen, der da hin geführt hat. Wie das so ist: Situationen, die uns stressen, bringen uns in einen Modus, der dem früheren Menschen erlauben sollte, zu kämpfen oder zu flüchten. Nun ist es in unserer Gesellschaft weder akzeptabel, dem Mist zusammenfahrenden Vordermann noch sonst einem Stressor einfach einen Kampf aufzudrängen, noch kann man vor solchen Situationen einfach wegrennen. Sportliche Betätigung kann das kompensieren – sprich: genau die Leistung abrufen, für die uns die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol vorbereiten soll.

Ich vergleiche das gerne mit Gummi-Bändern: aus allen Richtungen ziehen Probleme, Ärger, Termine an mir. In alle Richtungen ziehen sie mich und ich bin blockiert, weil ich allen und keinem folgen will oder kann. Dann gehe ich auf die Laufstrecke, gelegentlich durchaus auch mal in einem Leistungsspektrum jenseits meiner aktuellen Trainingsplanung, und lasse es einfach raus. Plötzlich fallen die unwichtigeren der Gummibänder von mir ab, die anderen werden in die Länge gezogen und ziehen in die gleiche Richtung, sie werden zu einer gemeinsamen Richtung. All das, was an mir zieht, in unterschiedliche Richtung, bringe ich zusammen, lasse es in die selbe Richtung ziehen oder schieben und kann es so gemeinsam abarbeiten – oder auch nacheinander.

Das Bild hinkt ein wenig, aber in meinem Kopf funktioniert es tatsächlich so: Vorher in einem Netz aus Stolperfallen, Zugrichtungen, Gummibändern gefangen, danach flattern die weniger festen Bänder im Wind hinter mir, die anderen sind in die Länge gezogen und auf die gleiche Richtung gebracht – das ist es, was zum Beispiel bei einem Röntgen-Strahlungs-Erzeuger mittels Linearbeschleuniger der Kollimator macht. So komme ich zu dem Schluss: Laufen ist Gedankenkollimation. Es funktioniert!