Ruhetag

Nachdem ich gestern recht viel gemacht habe – eine Dienstreise per Fahrrad, Schwimmen in der Mittagspause, Radtransfer zum Mahlberg, Mahlberglauf und wieder nach Hause – war ich heute körperlich recht fertig. Allerdings ist diese Woche auch mental und emotional anstrengend: Viele Besprechungen, ein Außendienst, außerdem personelle Veränderungen im Arbeitsumfeld, die mich aufwühlen…

Ich war also sowohl des Denkens überdrüssig als auch erschöpft vom Aufgewühltsein, dazu kam dann zum Glück die körperliche Erschöpfung. Diese führte dazu, dass ich heute direkt nach der Arbeit im Homeoffice in mein Bett fallen und schlafen konnte. Eigentlich wollte ich nur eine Stunde schlafen, von 15:00 bis 16:00, danach mal gucken, ob ich noch eine Runde laufen oder Rad fahren gehen würde. Aber ich habe es nicht getan, sondern direkt meinen Schneeleo, meinen Tiger und den kleinen Wolf meines Mannes in die Arme genommen und eine Runde weiter geschlafen – bis fast 18:00. Ich hab’s wohl gebraucht, denn dadurch hat das körperliche, denkerische und emotionale Zombie-Gefühl nun merklich nachgelassen.

Man sollte immer mal einen Ruhetag einlegen. Ich habe das in letzter Zeit recht wenig getan. Zuerst war da der Lauf gegen Krebs beim Weingartner Lebenslauf, dann ist nun das Stadtradeln in Bietigheim, für das ich auch ordentlich Kilometer sammeln will. Im Grunde genommen alles nicht schlimm, aber so auf Dauer volle Power ist, wie ich einsehen muss, auch für mich zu viel. Und so bin ich begeistert, dass ich heute den Ruhetag einlegen konnte, ohne von Kopfschmerzen dazu gezwungen zu werden. Mal sehen, wie es dann morgen weiter geht.

Zahlen und Analyse – diesmal nicht Sport

Zahlen, Analyse, Statistik und deren Darstellung in Diagrammen sind mein Ding. Das weiß ich selbst, das weiß jeder, der diesen Blog liest. Bisher habt Ihr das vor allem für meinen Sport gesehen – Monatsbilanzen, Projekt „zum Mond“, Wettkampfanalysen und dergleichen.

Da ich aber auch mit Spannungskopfschmerzen und einer chronischen entzündlichen Darmerkrankung geschlagen bin und leider dieses Jahr auch mit psychischer Belastung durch eine Kombination mehrerer Faktoren kämpfe, habe ich mir ein Tagebuch hierfür angelegt. Die Idee resultiert aus dem Trainingstagebuch in Excel und der Frage, ob ich wegen der Kopfschmerzen nicht ein Schmerztagebuch führen wolle. Also habe ich mal angefangen…

Toll geht es mir dieses Jahr nicht, wie man sieht.

Freilich höre ich schon die ersten unken, ich solle die Probleme lösen, statt sie nur zu dokumentieren. Das ist aber gar nicht so einfach voneinander zu trennen. Für mich ist die Aufzeichnung, die Analyse, die Darstellung Teil der Lösung. Wenn ich für mich ehrlich aufschreibe, wann war ich wie krank, was war los und so weiter, dann hilft mir das. Es hilft vor allem dabei, zu erkennen, wo die Ursachen, wo die gerade drängendsten Probleme liegen.

Zu meiner Verblüffung habe ich, vielleicht auch dank des Sports (insbesondere Dehnen und Rückenstärkung in Sachen Kopfschmerz, insbesondere Stressabbau durch Ausdauersport in Sachen Darm) die beiden physischen Aspekte Kopfschmerz und Darmerkrankung trotz unglücklich verlaufenem ersten Jahressechstel ganz gut im Griff. Das freut mich schon deswegen, weil mit einer nicht-ansteckenden, aber für beide belastenden Sache bei meinem Mann, hoher Last auf der Arbeit und der Pandemie mit allen Auswirkungen einiges zusammenkam, das mich psychisch belastet hat. Das gilt es nun in den Griff zu bekommen. Dabei hilft die Vogelperspektive, die ich mit diesen Diagrammen einnehme, aber auch Listendarstellung, mit der man ja vielleicht Korrelationen zwischen verschiedenen Dingen erkennen können wird. Ich bin allerdings noch nicht so weit, die Korrelationssuche zu teilautomatisieren. Vielleicht braucht es das aber auch gar nicht.

Dunkel, kalt und unsicher

Ich wusste schon lange, dass ich die Kälte nicht mag. Dafür brauchte ich nicht viel zu forschen – ich gehe im Winter raus und merke, es gefällt mir nicht, wenn’s kalt ist. Die Kältetoleranz ist durch Sport auch durch den Winter hindurch besser geworden, aber noch immer mag ich es lieber, wenn die Sonne auf mich scheint und die Temperatur es erlaubt, der Sonne viel Haut zu zeigen – auch beim Sport. 30 °C beim Laufen? Kein Problem für mich!

Das bringt mich zum anderen Punkt. Dunkel! Als Mensch, der in seinen Zwanzigern noch gerne bis Mittag schlief und in den krassesten Zeiten zwei bis drei Mal die Woche bis zum Morgengrauen in Discos mit bevorzugt schwarz gekleideten Menschen tanzte, war ich eigentlich der Ansicht, dass die Dunkelheit mich nicht stört. Tatsächlich gehe ich auch gerne mal bei Dunkelheit spazieren, laufe auch mal im Streulicht der Großstadt ohne Stirnlampe über die Felder, vorausgesetzt ich werde nicht geblendet. In zunehmendem Maße merke ich aber, dass nun, in meinen Vierzigern, mir das frühe Dunkeln im Winter zusetzt. Schon beim Pendeln nach Stuttgart, das den größten Teil meiner Dreißiger einnahm, störte es mich, im Dunkeln aus dem Haus zu gehen und dann im Dunkeln wieder nach Hause zu kommen. Im Auto geht das ja sogar noch besser, aber auf dem Fahrrad macht es gar keinen Spaß. Nun, wo ich wegen der Corona-Pandemie auch einiges an Homeoffice machen darf oder muss – ich empfinde es eher als ein „Dürfen“, wo ich mich nun daran gewöhnt habe – bemühe ich mich, so früh wie möglich zu Arbeiten zu beginnen, um nach dem Feierabend gegen 15:00 oder 15:30 noch ein bis zwei Stunden im Hellen zu haben – für Sport, Spaziergänge, irgendwas.

Zu Kälte und Dunkel kommt dieses Jahr die Unsicherheit. Als Sportlerin mag ich es eh nicht, mich zu erkälten. Rhino-, Grippe- und Coronaviren (nicht nur Sars-CoV-2) treiben sich im Winter ja sowieso überall herum, und ich möchte diesen Mist nicht in meiner Nase, meinen Bronchien, Lungen und erst recht nicht an meinem Herzen haben. Dass ich das nicht möchte, hat sich mit der zunehmenden Bedeutung des Lauf- und nunmehr auch Radsports in meinem Leben verschärft, denn Erkältung heißt Sportverbot, damit der Infekt schnell weggeht und nicht auf’s Herz schlägt, und Herzmuskelentzündung hieße LANGE keinen Sport. Aber das ist ja nicht alles! Da man sich Sars-CoV-2 leichter einfängt als irgendeinen HxNy-Grippevirus und Covid-19 tendenziell mehr Spätfolgen, die einem den Sport verleiden, haben kann, ist das sowieso super-ätzend mit einem solch neuen Erreger auf dem Markt der winterlichen Erkältungsviren. Aber es kommt ja dazu, dass nicht nur ich Sorge vor dem Erreger habe, und nicht nur ich mit allem Recht. Sars-CoV-2 mit seinem Erkrankungsbild Covid-19 mag vielleicht nicht schlimmer sein als die spanische Grippe damals, problematischer als die übliche saisonale Grippe-Epidemie ist es aber definitiv, denn erstens haben bisher nur einige Menschen durch Infektionen mit anderen Corona-Viren eine gewisse Resistenz gegen das Zeug und zweitens sind die Folgen potenziell schwerwiegender und noch nicht voll bekannt. Deswegen finde ich es richtig, dass Gesellschaften, Staaten und Menschen mehr Infektionsschutz als sonst betreiben. Ich finde es auch in normalen Wintern ohne neue, aggressive Influenza-Variante oder neues Coronavirus nicht gut, wenn ein rotnäsig-schniefend-hustender Mensch sich in der Bahn neben mich setzt oder wild in den Zug niest oder hustet. Auch wenn ich es nicht auf meinen Alltag anwenden konnte oder wollte, hatte für mich der Usus fernöstlicher Gesellschaften, mit Mund-Nase-Maske in Zug oder anderweitig die Öffentlichkeit zu gehen, wenn man erkältet ist, einen großen Appeal. Meine Idee war einfach, dann zuhause zu bleiben, um die anderen nicht anzustecken. Mit dem Mix aus schweren und symptomlos-ansteckenden Verläufen verschärft Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 all das und ich bin voll dabei, dass wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten müssen. Vielleicht verabschiedet sich nun endlich auch der letzte davon, dass man sich erkältet, weil man in der Kälte steht oder mit nach dem Sport feuchten Haaren irgendwo sitzt… freilich sind Sport und Kälte Aspekte, die das Immunsystem vorübergehend ein wenig schwächen, während mindestens der Sport es langfristig stärkt. Dieses „Open Window“ für Infektionen aber als den Grund von Erkältungen zu sehen, spricht für eine Haltung, die die allgemeine Verbreitung, die Allgegenwart von Erkältungserregern im Winter als unausweichliche Tatsache akzeptiert. Das ist aber nicht so! Das Kind, das beim gemeinsamen Essengehen über zwei Stunden hinweg unaufhörlich Tisch, Besteck, Geschirr aller Begleiter der Eltern anhustet und anniest ist genauso vermeidbar wie der „heldenhaft“ mit knallroter Nase, Husten und Schnupfen im Büro krächzende Mensch, der sich für unersetzlich hält. Dass man nicht bei jedem kleinen Naselaufen daheim bleiben muss, wenn nicht gerade Sars-CoV-2 oder ein neuer Influenza-Flavour grassiert, ist mir auch klar – als Läuferin läuft mir im Winter durchaus auch mal ohne Infektion die Nase, weil die Schleimhäute in Nase und Augen auf Kälte und starke Temperaturwechsel nunmal mit Sekretion von Schleim reagieren. Feucht-kalte Luft, die angewärmt wird, wird dadurch nunmal in relativer Luftfeuchtigkeit trockener und reizt auch wieder die Schleimhäute. Aber verantwortungsvoll mit dem eigenen Körper und dem Infektionsrisiko der anderen umgehen fängt nicht erst bei Fieber an. Egal, was Kollegen und gegebenenfalls der Arbeitgeber sagen, den schlappen, infektiösen Körper nicht in den ÖPNV und nicht das Büro zu schleppen, ist kein Drückebergertum.

Tja. Ich schweife ab. Unsicherheit war das Thema. Mit einem neuen, auf schnelle Verbreitung sehr gut angepassten Erreger mit verhältnismäßig häufigen schweren Verläufen auf dem Markt ist unsere europäische Haltung zu Infektionsschutz und Drückebergertum gefährlich. An der Stelle ist es sinnvoll, die nicht „aus Vernunft“ heraus von jedem einzelnen ergriffenen Schutzmaßnahmen doch anzuordnen. Das beschränkt natürlich Freiheiten – und das sehen wir gerade. Mich nervt das ebenso wie so ziemlich jeden. Der lange, abschweifende Absatz vor diesem Absatz hier ist jedoch daraus geboren, dass ich mir selbst klar gemacht habe – schon vor Corona – und anderen klar machen will, dass Infektion durch Viren Erkältungen erzeugt und nicht die Kälte – und dass der Infektionsschutz sinnvoll ist. Freilich ist extreme Eindämmung bei eher milden Erregern übertrieben – es beschränkt unsere Freiheit zu sehr, macht die Produktivität kaputt und hindert zudem an der Entwicklung von Immunität gegen genau diesen und von Resistenz gegen ähnliche Erreger. Ist aber ein Erreger mit heftigeren Eigenschaften auf dem Markt, muss man das anpassen. Aber im Gedanken an „Kälte verursacht Erkältung“ und in der Erfahrung, dass die jährliche Grippewelle ja „noch nie so schlimm war, wie das immer aufgebauscht wurde“ sind wir nicht geübt in Infektionsschutz, auch wenn er nötig wäre. Und so lassen wir in Freiheitsdrang, Unwissen und teils der bewusst die Fakten durch Verschwörung ersetzender Kombination daraus den Infektionsschutz auch da zu gering, wo er nötig wäre – und bekommen ihn verordnet, in entsprechend harter Form.

Hier beschränkt dann unser Staat Grundrechte, um ein anderes Grundrecht, nämlich das Recht auf Leben und Unversehrtheit des Körpers (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) zu schützen. Damit greift die Beschränkung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 erster Halbsatz GG) durch den zweiten Halbsatz: „soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Genau da kommt die Unsicherheit auf. Wir alle sind nicht daran gewöhnt, ICH bin nicht daran gewöhnt, dass unsere, meine freie Entfaltung der Persönlichkeit das Leben und die Unversehrtheit anderer gefährdet (bzw. insbesondere im Straßenverkehr sind wir zu sehr dran gewöhnt, dass wir’s nicht mehr sehen). Und so entstehen „plötzliche“ Einschränkungen, und je weniger Leute es einsehen, dass an dieser Stelle die Beschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, die im SELBEN Artikel des Grundgesetzes festgelegt ist, desto härter und unvorhersehbarer werden diese Einschränkungen.

Das Ergebnis ist eine Unsicherheit, die zusätzlich zu Kälte und Dunkelheit in diesem Winter auf meiner Seele liegt. Es gesellt sich in meinem Fall in diesem Jahr noch eine gewisse Unsicherheit in anderen Bereichen dazu – mit neuer Chefin, neuen Aufgaben und neuen Kollegen ist die Abstimmung der Gruppe noch nicht final, und wo durch den Corona-Winter Sicherheiten wegbrechen, sind zusätzliche Unsicherheiten für mein sprödes Nervenkostüm Gift.

Dunkel, kalt, unsicher. Keine gute Kombination, um froh, gesund, produktiv und kreativ zu sein. Ich musste mir das mal von der Seele schreiben.

Launestabilisator

Was ist zu tun, wenn die Laune nicht will? Wenn der Rücken schon wieder anfängt, sich zusammenzuziehen? Wenn Du dich um Deine hinteren Bremsklötze sorgst und darum, ob sie noch bis zum Wartungstermin halten?

Was hilft gegen Herbst- und Corona-Depression?

Zucker, Schokolade? Nur kurzfristig. Eine heiße Dusche? Auch nicht viel länger. Kaffee? Schon besser. Aber am nachhaltigsten hilft Sport.

Anti-Tiefstimmungs-Lauf.

Funktioniert. Frische Luft, Bewegung, etwas Sonne – vor allem aber Laufen! Endorphine und Körpergefühl. Läuft!

Kompensation

Sport ist für mich eine Leidenschaft – geworden. Vor allem aber erfüllt Sport für mich eine andere Aufgabe, zumindest derzeit. Es geht dabei um Kompensation von Stress. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte ein Tag wie gestern auf der Arbeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Kopfschmerzen geführt. Ich habe die Ansätze gestern deutlich gespürt.

Was gestern los war? Nun… das ist schwer zu schreiben, ohne dass ich konkreter werde, als ich eigentlich darf. Daher entschuldige ich mich hiermit für das Unkonkrete und erkläre es wie folgt: Ich bearbeite seit viel zu langer Zeit zwei (ein wenig) komplexe Verfahren, die leider durch eine Vielzahl an Beteiligten, die aus meiner Sicht teilweise unvernünftig agieren, von „komplex“ zu „unnötig und frustrierend“ verkompliziert werden. Gestern landeten von beiden neue Schritte auf meinem Schreibtisch, dazu war das Timing blöd und eine Sitzung kam auch noch dazwischen. Ich kam also übel verspannt, mit Sitzungskeksen und Kaffee auch noch über den Tag ungut ernährt und frustriert aus dem Büro. Früher war das ein 100%-Ausfall-Urteil für den Folgetag.

Aber es war Dienstag. Ich traf mich also regulär mit meinem Mann nach der Arbeit beim Fitnessstudio in Au am Rhein. Von der Haltestelle in Durmersheim stürmte ich fast vier Kilometer weit in flottem bis schnellem Tempo zum Studio, legte an den meisten Maschinen die obere Grenze des Gewichts auf, das ich normal bewege, und machte überall das Maximum an Wiederholungen, die ich normalerweise mache. An ein, zwei Maschinen war’s auch mehr Gewicht oder waren es auch mehr Wiederholungen als normal auf meinem Plan. Der Frust, die Wut, der Ärger sind kein besonders guter Treibstoff, aber ein ganz passabler Turbolader. Somit powerte ich mich richtig aus, es war richtig anstrengend – mehr als sonst. Als ich dann noch kurz an der Theke bei meinem Mann und der jungen Frau, die Dienstagsabends dort die Theke betreut, auf das Freiwerden der Abduktoren-Maschine wartete, meiner letzten Übung, war schon klar: Der Frust war in Zorn verwandelt worden und der Zorn mit dem Krafttraining verraucht. Auf dem Heimweg – ich zu Fuß, mein Mann auf dem Rad – war’s dann schon wieder ein langsamer Aufbau guter Laune, auch wenn die Themen nochmal aufkamen und ich merkte, mental ist das Ganze noch nicht ganz ausgestanden.

Die Nacht war dann auch nicht ganz so gut wie erhofft, aber die Verspannung, die ich gestern auf der Arbeit schon kommen gespürt hatte und die sich schon nach „Kopfschmerz-Totalausfall“ anfühlte, war weg. Auch jetzt bin ich ein bisschen müde, weil ich unruhig geschlafen habe, auch nicht ganz so locker, wie ich das gerne wäre – aber weit entfernt von einem Kopfschmerz-Anfall. Sport funktioniert also als Kompensation – vorbeugend, um einerseits kontinuierlich ein bisschen Dampf abzulassen, aber auch die Muskeln so zu trainieren, dass sie stark genug sind, um nicht mehr so sehr zu Verspannungen zu neigen. Sport funktioniert aber auch – wie gestern – als Überdruckventil.

…und das ist doch mal was!

Ihr dürft gerne …

… über mich lachen, so lange ich mitlache, lachen wir gemeinsam.

Das ist ein Satz, den ich mir hart erarbeitet habe. Gestern habe ich den Satz mal wieder gesagt, als ich meine Kollegen trotz … oder vielleicht eher in Kompensation meiner Kopfschmerzen und dahingehend dumpfer Laune mit multiplen Wort- und Flachwitzen nervte. Da ging’s um die Fortpflanzung der Metzger … Eier natürlich, an den Brutstätten steht, was drin ist: „Metzger-Ei“. Es gab noch mehr, das mir nun nicht mehr einfällt. So lange ich mit euch lache, wenn ihr über mich lacht, lachen wir gemeinsam.

Das ist gar nicht so einfach für mich gewesen. Ich war in der Schule scheu, ein bisschen zu gut in der Schule, um trotzdem cool zu sein, verträumt und vor allem leicht zum heulen zu bringen. Dazu war ich ein bisschen anders, was ich erst in der Retrospektive so richtig verstanden habe. Natürlich wollte ich auch unbedingt dazu gehören. Allein sein unter vielen Leuten, die man täglich sieht, kann furchtbar sein. Je mehr ich an Spott abbekam, um so empfindlicher wurde ich. In Erinnerung ist mir deutlich, dass ich nach der Lektüre des „Was ist Was“-Bandes über Höhlen eine fiktive Höhlenkarte mit Eingängen in der Umgebung meines Heimatortes auf den Rand meines Heftes zeichnete. In der Pause schnappte sich ein Klassenkamerad das Heft und las zur Belustigung der Klasse und mit beißendem Spott meine Beschriftungen vor. Zu anderen Anlässen fragten mich Mitschüler immer wieder, immer drängender, unter Nennung meines Namens, wie ich hieße. Man kann einem Kind, einem Jugendlichen noch so oft sagen, dass man so etwas ignorieren soll. Es funktioniert nicht. Man will dazugehören, den Erwartungen entsprechen, und zugleich steht man damit vor einer unlösbaren Aufgabe, denn das Spiel mitzuspielen führt zu Demütigung, und mit der Neigung zu Tränen…

Die Nachwirkungen merke ich noch heute. Es ist einfach, mich zu verunsichern, dass ich nicht dazugehöre. Ich denke dann, ich habe etwas falsch gemacht. Ich misstraue Lob und nehme Kritik zu schwer, insbesondere unfaire, un- oder nur teilberechtigte Kritik kann ich nur ganz schwer an mir abprallen lassen und fühle mich allzuleicht mit Lob aufgezogen und mit Kritik persönlich abgelehnt. Eine Mobbing-Vergangenheit nennt man das wohl. Ich kenne das Gefühl gut und manchmal erkenne ich es auch, wenn ich von den spröden Reaktionen betroffen bin, die andere Mobbing-Opfer manchmal zeigen, wenn sie sich durch unbeabsichtigte oder eingebildete Angriffe meinerseits daran erinnert fühlen. Zum Glück wird das heute meistens von Gelassenheit und Selbstvertrauen aufgefangen.

Mitte bis Ende meiner Zwanziger kam ich langsam dahin, dass ich eines der zugrundeliegenden Probleme, die mich zu einem solch dankbaren Opfer machten, zu lösen begann. Aus dem unglücklichen Jungen wurde eine mindestens zufriedenere, bald glückliche Frau. Ich walze diese Entwicklung ungern aus – auch wenn sie wichtig für mich ist und meine Perspektive zum Teil definiert. Das Ganze vor sich herzutragen, macht’s nicht einfacher und es ist auch kein zentraler Kern dessen, was ich bin. Aber über diesen Wechsel bekam ich langsam mit, dass ich mich selbst mögen kann. Kunststück, sich zu mögen, wenn man nicht einmal merkt, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt, aber es eben so ist, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt.

Inzwischen bin ich durchaus manchmal laut, lustig oder vermeintlich lustig. Ich rate den Menschen, mich nicht zu ernst zu nehmen, ich täte das schließlich auch nicht. Dazu gehört eine Menge Mut und Selbstvertrauen, die mir lange Zeit abgingen. Begonnen hat es als Panzer gegen die Unsicherheit. Aber es war ein Mantel, der bald zur zweiten Haut wurde, als sei ich bereit dazu gewesen, in diese Attitüde hineinzuwachsen.

Und doch reizt es mich immer wieder, mit dem Anderssein zu spielen, die Grenzen des Muts auszutesten, den ich mittlerweile habe. Meine Gedanken, was ich gerne anziehe, wer ich bin, es fällt auf. Die Angst vor dem Ausgestoßensein, untermauert von den Erfahrungen des tatsächlichen gemobbten Außenseitertums, gepaart mit der eigenen Auffälligkeit, wenn ich mich nicht verstelle, sie sind noch da.

Und so gehört zu den schönsten Erinnerungen an meine Schulzeit jener Abi-Streich, an dem einer unserer Lehrer mit der Abi-Band BAPs „Verdamp‘ lang her“ sang und ich, Arm in Arm mit einigen meines Jahrgangs auf dem Schulhof im Takt hüpfte. Es waren da welche dabei, die weder zu meinen wenigen Freunden gehörten noch zu den etwas mehr, von denen ich mich gemobbt fühlte. Es waren einfach Leute, die nicht darüber nachdachten, ob ich so unberührbar war, wie ich mich fühlte. Es ist eine spontane Woge der Freude, des Wohlig-Warmen, wenn ich daran denke.

Damals war es noch viel häufiger so, dass ich, in einer Gruppe gut aufgenommen, schnell misstrauisch wurde. Wie konnte man mich aufnehmen, ohne Ironie und Spott dahinter zu legen, obwohl ich doch ich war? Heute habe ich dieses Gefühl nur noch selten, und wenn doch, überspiele ich es. Aber es ist noch da. Vermutlich geht das auch nie weg. Manchmal frage ich mich, ob diese Narbe in meiner Persönlichkeit vielleicht eher ein Orden ist, der mir geholfen hat, die zu werden, die ich bin. Aber eigentlich ist es nur mies, dass dieses Spiel mit der Furcht vor dem Alleinsein, diese Abhängigkeit von denjenigen, die die Schwächen anderer rücksichtslos zur Befriedigung ihres eigenen Egos benutzen, einen so lange prägen kann.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Verdamp‘ lang her“ nennen und damit anfangen, eben wegen der wohligen Erinnerung. Vielleicht ist’s besser gewesen, es nicht zu tun. Denn ich bin heute jemand anders – jemand, der mit einer gewissen Sicherheit anderen raten kann, mich nicht so ernst zu nehmen, ich täte es ja auch nicht. Jemand, der sich nur noch ganz selten panisch vor dem Ausgestoßensein fürchtet, wenn sie sich herauswagt.

Es nicht zu weit treiben …

Es ist allgemein eine gute Idee, „es nicht zu weit zu treiben“. Das lehrt mich (auch) das Laufen, es gilt aber genauso für andere Dinge.

Ich bin vergangene Woche über 120 Kilometer gelaufen. Viele Leute werden jetzt fragen: „Wie jetzt? Es nicht zu weit treiben und dann das? Hast Du Dich verletzt und gemerkt, dass es zu viel ist?“

Nein, habe ich nicht. Es blieb bei der Erkenntnis, dass es viel war und in den Beinen zog, von Verletzung kann keine Rede sein. Meine Kilometerleistung im Jahr 2017 betrug 1400 Kilometer, im Jahr 2018 waren’s 2400 Kilometer, im Moment zeigt die Prognose für 2019 in Richtung 3800. Vor der 120er-Woche hatte ich schonmal eine 115er. Es gibt die Faustregel, nicht mehr als 10% pro Woche zu steigern, in Trainingsplänen sind stets Ruhewochen eingeplant, meist eine in vier Wochen. Dasselbe Prinzip gilt auch für anderes – geistige Arbeit, Feiern, eigentlich für alles. Aus dem Stand auf Höchstleistung und auf Dauerstrom Sein tun nicht gut, der Absturz danach kostet mehr Zeit und Kraft und erreichte Leistung, als der Sprint gebracht hat – wenn es überhaupt ohne bleibende Schäden bleibt.

Das Laufen lehrt mich, mit meinen Kräften zu haushalten – erstens über zum Beispiel einen Wettkampf, bei dem man auf längeren Wettkampfstrecken langsamer losläuft. Zu schnell starten kostet hintenraus unglaublich viel Zeit oder zwingt sogar zum Aufgeben. Zweitens lehrt laufen mich aber auch, generell mit meinen Kräften zu haushalten. Ich kann meinen geplanten langen Lauf am Sonntagmorgen nicht schaffen, wenn ich am Samstagabend spontan oder aus schlechtem Gewissen wegen Trainingsausfall am Freitag ein bretthartes Intervalltraining laufe. Ich kann auch nach einer 120-Kilometer-Woche nicht gleich eine 130er laufen, wenn’s die allererste Woche mit so viel Laufleistung war.

Ähnliches gilt für’s Feiern – mit zwei Geburtstagsparties am vorvergangenen Wochenende, einer gestern und einer Hochzeit am vergangenen freue ich mich schon auf ein ruhiges, völlig feierfreies Pfingstwochenende. Für’s Arbeiten gilt das natürlich auch – und wenn Druckaufbau und Frust zu groß werden, steigt die Leistung maximal kürzestfristig, kurz- und mittelfristig sinkt sie so, dass fraglich ist, ob der Sprint sich gelohnt hat – und langfristig kostet das mindestens Motivation.

Im Englischen sagt man: „Don’t push (yourself) too hard“. Für mich funktioniert die Übersetzung „Es/sich/andere nicht zu weit treiben/zu hart antreiben“ ganz gut.

Wettkampf-Albtraum

Heute Nacht habe ich geträumt – und mich beim Aufwachen daran erinnert. Es war ein furchtbarer Traum … und ich hatte beim Aufwachen Kopfschmerzen. Wie ich mit den Kopfschmerzen fertig werde, weiß ich noch nicht – später als normal gehe ich deswegen auf jeden Fall zur Arbeit, aber wenn sie nicht besser oder sogar noch schlimmer werden, dann könnte es auch sein, dass ich wie schon einmal wieder umzudrehen habe. Ich möchte mich nicht wieder gegen den Laternenpfahl an der Werderstraße erbrechen, nachdem ich fluchtartig die Bahn verlassen habe …

Aber zum Traum, den ich hier eigentlich beschreiben will. Dann hab‘ ich ihn von der Seele und vielleicht wird dann auch der Kopf besser. Jedenfalls war ich auf Wettkampf, einem Marathon. Gefühlt war es der Baden-Marathon, die Startnummern hatten aber das Himmelblau des Marathons in Mannheim. Ob ich den Start geträumt habe, weiß ich nicht – kann sein, ich erinnere mich nicht mehr. Allerdings gab es erstmal eine Runde in Messehallen – was ich so auf keinem meiner Läufe bisher erlebt habe. Vor allem war’s nicht nur eine Runde, sondern zwei, die zweite etwas kürzer. Die Läufer bekamen erklärungslos ein Blatt Papier in Prospekthülle in die Hand gedrückt, am Ende der ersten Runde. Erst viel später, kurz vor dem Aufwachen, wurde mir klar, dass darauf „5km“ durchgestrichen und „3km“ nicht durchgestrichen abgedruckt war und das den Streckenposten anzeigen sollte, dass man bereits die zweite, kürzere Runde durch die Hallen lief. Danach ging es nach draußen – und dort begann das Chaos. Nur kleine, blaue Kreuze auf dem Boden zeigten an, wo es hingehen sollte, Streckenposten gab’s, aber die sagten keinen Ton. Ich lief dauernd in die Irre. Gefühlt zwei Stunden verbrachte ich mit immer mal eine Strecke gerade, dann falsch abbiegen, teils in der falschen Richtung unterwegs sein … niemand sagte, wo ich hin müsse, einmal wurde ich um eine Ecke geleitet und stand dann vor einer Wand, links von mir eine Mauer, rechts ein LKW, und musste umdrehen. Einmal war ich in falscher Richtung unterwegs, realisierte erst zu spät, viel zu spät, dass mir Läufer des viel später gestarteten 10km-Laufs entgegenkamen. Die sagten nix, wussten auch nicht, dass auf ihrer Strecke eigentlich kein Gegenverkehr geplant war und ich falsch war –

Dann wachte ich auf, mit dem Gefühl, schon mehr als 25 Kilometer gelaufen zu sein, aber dennoch noch nicht einmal mit dem ersten Halbmarathon des Marathons durch zu sein. Ich weiß nicht, ob der Schrecken dieses Traums nachvollziehbar ist. Für mich war er intensiv in diesem Traum … zumal ich schnell und gut drauf war, aber dauernd in die Irre lief, und das, obwohl ich in einer Form für eine Bestleistung zu sein schien. Sehr heftig fühlte sich das an!

[KuK] Asymmetrie

Manchmal finde ich es unglaublich, wie asymmetrisch, wie BETONT asymmetrisch die Dinge oft laufen. Zur Zeit habe ich mal wieder diese Situation:

Bei mir läuft es richtig gut. Ich habe mein Personal Best auf zehn Kilometern innerhalb eines Wettkampfs über zwanzig Kilometer aufgestellt und all die anderen Angeber-Parameter erfüllt, die ich am Sonntagabend gebloggt habe. Heute Morgen vor der Arbeit gelang mir in einem Online-Spiel das erste Mal ein taktischer Kniff, durch den ich andere besser aussehen ließ und zugleich einiges an Belohnungen einstrich – und erst hinterher realisierte, wie gut das eigentlich funktionierte. Mit meiner Arbeit komme ich auch ganz gut voran und bin trotz ordentlichem Arbeitsaufkommen und gelegentlichem kleinen oder auch größeren Blödsinn, der ja immer mal irgendwo läuft, sehr glücklich mit der Arbeitsstelle.

Um mich herum dagegen bricht bei vielen Leuten vieles zusammen. Bei diversen Freundinnen und Freunden und auch sonst ist es an mehreren Baustellen gesundheitlich, beruflich und privat nicht top, Dinge gehen schief und machen Probleme. Ich hatte in der Vergangenheit schon oft den Eindruck, dass wenn es mir gut geht, andere besonders viel Mist erleben.

Ist das dann ein selektiver Blick, vielleicht? Nehme ich nur mehr wahr, worüber die anderen (berechtigt und/oder um sich davon ein bisschen psychisch frei zu machen) jammern, wenn ich auf einer Welle der Euphorie reite?

Der entstressende Fatalismus des Bahnpendlers

Flexibilität ist eine tolle Sache, Navigation auch. Aber jederzeit mit dem Auto eine potentiell schnellere Route nehmen zu können und von der Navigation zu hören, dass eine andere schneller gewesen wäre, macht mir Stress. Ich bin dann selbst dafür verantwortlich, dass ich zu spät bin, weil ich ja Störungen vorhersehen und umfahren hätte können …

Ist vielleicht albern und unnötig, aber ich reagiere unwillkürlich so.

Wenn ich dagegen die Bahn verpasse, bin ich zwar auch selbst dafür verantwortlich, aber rudere nicht wild, etwas schneller die verlorene Zeit aufzuholen – weil es absolut nichts bringt. Der Fahrplan steht, Verzögerungen und Ausfälle liegen außerhalb dessen, was ich beeinflussen kann. Es ist dann so, ich akzeptiere es und nehme die nächste Bahn.

Vielleicht bin ich – trotz der sieben Jahre 85km-Auto-Pendelstrecke – einfach nicht für’s Autofahren gemacht. Nicht, weil ich schlecht Auto fahren würde. Sondern weil mir die Gelassenheit fehlt, zu akzeptieren, dass die Grenze zwischen beeinflussbaren Verzögerungen und solchen, die einfach gegeben sind, für den Autofahrer fließend sind.