Dicke Backen

Dicke Backen macht der Hamster, wenn er Vorräte in seinem Mund anlegt. Genau das – nämlich sogenannte Hamsterkäufe – werden gerade befürchtet, weil allmählich die Angst vor dem neuartigen Corona-Virus in Deutschland umgeht. Einerseits ist das natürlich verständlich: Das Virus ist neu, es breitet sich recht schnell aus und das macht einem natürlich Sorgen, wo es nun Deutschland erreicht hat. Im Endeffekt habe ich auch ein mulmiges Gefühl entwickelt, drei-, vier-, fünfmal in mich hineingehorcht, als heute morgen die Nase ein bisschen lief. Wie es so ist: Wenn man sucht, findet man auch Anzeichen, weil man Unklares und Normales, das man sonst nicht bemerkt, dann eben interpretiert. Im Laufe des Tages normalisierte sich meine Selbstwahrnehmung wieder, zumal mir als Sportlerin, die sich draußen bewegt, im Winter öfter mal die Nase ein bisschen läuft und nach Anstrengung im Kalten auch mal der Hals kurz ein bisschen mehr Schleim produziert.

Als wir dann heute zum Supermarkt fuhren, um einzukaufen, war in meinem Kopf eher die Sorge, eine symptomfreie und unerkannte Ansteckung zu haben und zu übertragen, als mir das Ganze einzufangen. Komisch, eigentlich. Dann aber kam mir noch ein anderer Gedanke: Wir kaufen normalerweise erst am Samstagnachmittag ein. Dieses Mal waren wir – da nichts mehr zum Frühstücken da war – kurz vor der Mittagszeit dort. Wir frühstücken am Wochenende immer erst spät, so reichte das aus.

Von leeren Regalen im Edeka konnte keine Rede sein, aber es war an manchen Stellen schon so ausgeplündert, wie wir das normalerweise eher vier bis sechs Stunden später gewohnt sind. Die Einkäufe schienen etwas größer auszufallen. Ich meine, ich würde auch gerne ein bisschen mehr Zeug im Gefrierschrank haben, falls es doch dazu kommt, dass ich unter Quarantäne stehen würde – dann muss man nicht ganz so schnell jemanden rufen und eine Abstellung vor der Tür organisieren und dergleichen. Zugleich wäre es auch recht komfortabel, in einer wirklich heißen Phase auch mal auf das Einkaufen verzichten zu können. Tatsächlich lief es bei uns dann aber darauf raus, einfach eine gefrorene Mahlzeit mehr zu kaufen und das war’s. Ein wenig entstand bei uns auch künstlich der Eindruck, dass die Regale geplündert wären, denn das Toilettenpapier, das wir normalerweise kaufen, war heruntergesetzt und daher leergekauft, außerdem das Olivenöl, das wir normalerweise kaufen – und genauso der Balsamico-Essig. Wir mussten also an drei Stellen ausweichen, die durch Angebote, nicht so sehr durch Hamsternachfrage ausverkauft waren.

Nun stelle ich mir ein bisschen die Frage: Waren wir Zeugen von Hamsterei? Ich hätte das gerne mal bei den Mitarbeitern im Edeka gefragt, aber irgendwie war mir auch klar, dass die anderes zu tun haben. Allerdings ist inzwischen das Thema „Coronavirus“ sehr hier in Deutschland angekommen. Es gab eine Informationsmail vom Arbeitgeber, wie man sich verhalten soll und dass der Arbeitgeber möchte, dass man zuhause bleibt, wenn man Verdachtsfall oder bestätigter Fall sein sollte. Das gilt bei meinem Arbeitgeber auch dann, wenn man keine Ausrüstung für Homeoffice (bei uns „Telearbeit“ genannt) hat. Auch wurde geraten, Dienstreisen wenn möglich zu verschieben. Irgendwie hat das auch bei mir den Wunsch geweckt, gerüstet zu sein. Aber gerüstet sein? Schwierig. Indessen gilt’s, das Beste zu hoffen.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den folgenden großen Bogen schlagen soll. Ich tue es nun doch. Mich hat ein wenig auf den Plan gerufen, was gerade im Südosten Europas passiert: Im vielleicht finalen Kampf um Idlib in Syrien öffnet die Türkei ihre Westgrenze für Flüchtlinge, während zugleich mehr verzweifelte in Syrien „produziert“ werden – und eventuell in Angst vor mit den Flüchtlingen unerkannt reisenden Infizierten werden diese Ströme mit Gewalt aufgehalten. Produzieren da die Kombinationen mehrerer Krisen nicht Bilder und Tatsachen, die uns in der Beruhigung danach verfolgen werden?

Krieg und Krankheit sind Verbündete – und der Mensch tut dann Dinge, die er nicht tun sollte. Nur wenn man diese Grenze einmal überschritten hat, ist auch eine Tür zurück zu. Das gilt für Hamsterkäufe ebenso wie für unsere zögerlichen Reaktionen, anderen zu helfen, und unseren drastischen Reaktionen, wenn es um unsere eigene – gefühlte oder echte – Sicherheit geht.

Puh. Jetzt will ich aber gerne wieder meinen Kopf in den Sand stecken, damit ich heute Abend schlafen kann!

Fragwürdige Komplimente

Heute auf dem Heimweg durch mein Dorf geschah es. Ich dachte mir nichts Böses und lief die Straße entlang – für mich ganz normal. Da fuhr ein Auto neben mir entlang, der Fahrer passte sein Tempo an mich an und ließ die Scheibe herunter. Ich dachte, er wolle nach dem Weg fragen – aber er begann erst einmal, seine Aktion selbst als „ich will kein Macho sein, aber Du siehst echt heiß aus“ einzuleiten. Ich nahm das erstmal nicht krumm, war ja schon in Ordnung. Wobei: Rock, der etwa den halben Oberschenkel verdeckt, hautfarbene Strumpfhose, Stiefel, rosa-weiße Jacke mit schwarzen Applikationen und Wanderrucksack finde ich jetzt nicht unbedingt provokant. Mag aber an mir liegen.

Jedenfalls meinte er dann noch, es würde nach Schulmädchen aussehen – na, die Phantasie will ich haben, aber okay, es gibt Dinge, die ich mir weniger gern sagen lasse. Schließlich fragte er noch, ob ich den ganzen Ort wuschig machen wolle mit dem Outfit. An der Stelle dachte ich: „Nee, oder?“ Er fragte noch nach dem Alter – klammerte das aber in ein „Soll man nicht machen, darf ich dennoch?“ ein – und dass ich dieses Jahr 40 werde, schreckte ihn wohl nicht ab. Die Vorlage, mir das Kompliment zu machen, dass ich nicht wie fast 40 aussähe, nutzte er nicht. Als er dann fragte, ob ich was mit ihm trinken gehen würde, meinte ich nonchalant: „Ich glaube nicht, dass mein Mann das gut fände.“

Einerseits habe ich die Komplimente genossen, andererseits glitt’s schnell in’s „Creepy-Sein“ ab. Der fuhr dann davon, war vermutlich – wo er doch abgeblitzt war – eher froh, sich schnell aus dem Staub zu machen. Immerhin war’s ihm wohl peinlich. Ich bin nicht sicher, wie er auf ein „unbegründetes“ Nein reagiert hätte. Zu seinen Gunsten nehme ich mal an, dass das genauso den Abbruch bewirkt hätte wie der Verweis auf meinen Mann.

Bleibt alles anders

Viele von uns denken gerne an Dinge zurück, die früher waren, wollen sie eigentlich erhalten. Es ist eine vermeintlich heile Zeit. Doch die Zustände zu konservieren, indem man alles gleich hält, wird nicht funktionieren. Es hat nicht funktioniert, funktioniert nicht und wird nicht funktionieren. Warum eigentlich nicht?

Tja. Die Welt verändert sich. Die Technik, die Menschen. Nicht zuletzt wir selbst und unser Blick auf die Welt sind nicht konstant. Unsere Ansichten wandeln sich, Dinge, die uns begeistert haben, werden uns langweilig. Ich habe in einem Buch mal gelesen, mit vielen großartigen, lang erwarteten Dingen sei es wie mit Weihnachtsgeschenken: Am Heiligen Abend oder Weihnachtstag sind sie großartig, machen sprachlos vor Staunen. Noch an Silvester werden die Besseren herumgezeigt, spätestens am Dreikönigstag sind sie alltäglich und es geht weiter mit Wünschen. Das ist vielleicht eine sehr negative Betrachtungsweise – aber es läuft darauf hinaus: aus Geliebtem wird Gewohnheit, aus nicht behebbar Ungeliebtem ebenfalls. Es nimmt uns nicht mehr so sehr ein, es ist Platz für Neues, das man sich wünschen, herbeisehnen oder bekämpfen kann. Um den Bogen nach „draußen“ wieder zu schlagen: Freunde ziehen um, finden weitere Freunde, sind beruflich beschäftigter. Neue Technik erlaubt neue Kommunikation, zum Beispiel.

Konservativ ist ein schönes Wort. Es klingt nach Beständigkeit, nach „muss mich an nichts Neues gewöhnen“. Für diese Beständigkeit brauchen wir aber ein beständiges Verändern, um gewisse Dinge gleich zu halten – wir können wählen, was wir erhalten wollen, und die Veränderung danach orientieren, aber den Zustand von vor einem Jahr, drei Jahren, zehn Jahren, fünfzig Jahren bekommen wir nicht in allen seinen Aspekten erhalten, weder im Großen noch im Kleinen. Das liegt daran, dass sich die Rahmenbedingungen verändern, aber auch daran, dass wir gewisser Dinge überdrüssig werden und zwangsläufig auch als gut erlebte Zeiten ungerechtfertigt verklären. Wir vergessen gerne, dass wir um acht ins Bett mussten und wie sehr wir es hassten, wenn wir unsere Kindheit verklären – als ganz einfaches Beispiel.

Wie komme ich nun darauf?

Das ist ein weites Feld. Sehr viele Menschen sehnen sich nach einfacheren Zeiten zurück, in denen es weniger komplex war zu leben. Heute verteufeln wir deswegen das Smartphone, beklagen die Fremden und den Terrorismus und den ganzen Krieg auf der Welt. Dass früher mehr Terrorismus herrschte, mehr Krieg, sich Verabreden viel komplizierter war – das sehen wir nicht. Es waren ja einfachere Zeiten, weil wir die Komplexitätsprobleme nicht hatten, die wir heute haben, nicht all das Leid so leicht sehen konnten wie heute. Weil ein Mensch mit psychischen Problemen, der in eine Menschenmenge fuhr, sofern er nicht in der Tagesschau genannt wurde, höchstens lokal für Angst sorgte, nicht bundesweit. Aber diese Brücke habe ich nur aufgrund eines Beitrages auf Seppolog zu den tragischen Ereignissen in Münster und der Reaktion einer Politikerin darauf geschlagen.

Konkret – und wesentlich positiver konnotiert – kam mir die Erkenntnis gestern Abend. Kopfschmerzgeplagt saß ich zwischen meinen Trek-Monday-Leuten auf meinem Sofa. Ich hatte nicht absagen wollen, es ging mir zwar mies, aber konzentrieren musste ich mich ja nicht und ich wollte nicht vor den Schmerzen kapitulieren, nicht auf das Treffen mit meinen Freunden verzichten. Also saßen acht Leute plus mein Mann um mich herum.  Für einen montagabendlichen DVD-Abend sind das viele. Tatsächlich führt mein Mann seit geraumer Zeit eine Tabelle, wie viele wir sind – nicht von Anfang an, aber eben doch schon eine Weile. In der Zeit waren’s einmal neun Leute, dreimal acht – plus das vierte Mal acht Leute gestern. Dabei fiel mir dann auf: Der Trek Monday, mein regelmäßiger SciFi-DVD-Abend hat über bald 11 Jahre hinweg zweimal seinen Tag (also ist es noch nicht immer der „Trek Monday“) und dreimal die Location gewechselt. Von den ursprünglichen Leuten aus den ersten paar Monaten sind noch zwei Leute dabei – mein Mann und ich. Auch über die Jahre hat sich die „Crew“ des Trek Monday immer wieder verändert, genau wie die Serien, die wir schauten. Hätten nicht einige Teilnehmer immer wieder neue Teilnehmer angeschleppt, hätten wir uns nicht mit Babylon 5, Space Rangers: Fort Hope, Space: Above and Beyond, Firefly und nun Dr. Who über das ursprünglich reine Star Trek hinaus entwickelt, ich glaube nicht, dass es den Trek Monday heute noch gäbe.

Und so bleibt am Ende die Erkenntnis:

Man kann Schönes, Richtiges, Gutes, Geliebtes erhalten. Aber egal, ob es eine Partnerschaft, ein DVD-Abend, eine Freundschaft, ein Staat oder eine Gesellschaft ist, der Erhalt des Status Quo in einer Hinsicht erfordert Veränderung in anderer Hinsicht. 

Die gefürchtete Herzogin

Ich habe mich ja inzwischen zu dem Entschluss durchgerungen, dem „Park“ und seinen Geschichten ein Buch zu widmen. Was genau der Park ist, so weit ich es schon offenbaren möchte, findet sich im oben verlinkten Beitrag. Allerdings gibt es schon weit mehr vom Park, als ich in die erste Geschichte hineinlegen möchte – zusammen mit meinem besten Freund und einigen Gästen habe ich schon zwei große Handlungsstränge bespielt, der kurze erste davon soll es in ein Büchlein schaffen, wenn aus dem Beschluss auch Handlungen werden. In meiner eigenen Einteilung ist das vom Park, was ich beschreiben will, der „Prolog“, während mein bester Freund und ich einen weiteren Geschichtenbogen in einem „Kapitel 1“ miteinander interaktiv erzählt haben. Für ein „Kapitel 2“ gibt es schon viele Ansätze und Geschichten, aber richtig angefangen haben wir noch nicht.

Ein Dreh- und Angelpunkt aller Park-Geschichten ist und bleibt aber mit Sicherheit die Herzogin. In der Logik des Parks ist es ganz normal, dass sie einen englischsprachigen Namen trägt – Charlotte heißt sie, ihr Gut wurde während der Gründung des Parks als „Iron Cross“ benannt, in erster Linie des Klangs wegen. Mit den historischen Bedeutungen und auch dem Aussehen des Symbols des eisernen Kreuzes hat es nichts zu tun. Herzogin oder auch Duchess Charlotte of Iron Cross nimmt eine zentrale Rolle in den Geschichten ein, die ich im Park angesiedelt habe, auch in der internen Politik des Parks, in die diese Geschichten eingebettet sind. Als mächtige, intrigante Politikerin, die mit ihrem Wissen, ihrem Aussehen und Auftreten als ihrem Kapital Intrigen schmiedet, steht sie ihrem Cousin, dem König, mit all dem zur Seite, was dieser nicht tun kann: Sie erledigt den Schmutz in der Politik und sie tut es mit ebensoviel eisernem Willen wie von eisigem Hauch umwehten Charme. Dazu hat sie ihren Haushalt genau so gestaltet, wie es ihr gefällt – mit unterwürfiger Dienerschaft, deren Verhältnis zu Charlotte auch mal als Waffe eingesetzt wird, um Gäste im Salon abzulenken oder einzuschüchtern, einer rein weiblichen Leibwache, die zudem auch so gestaltet ist, dass sie ebenfalls ablenkend tätig werden kann, einem platonischen Weggefährten als Begleiter für offizielle Anlässe – und einem Haufen wechselnder Liebschaften, mit denen sie auch nicht unbedingt pfleglich umgeht.

Ich habe schon oft in Gesprächen die (den Gesprächspartnern bekannte) Herzogin als Bild benutzt, um einen einschüchternden Eindruck einer starken, mächtigen und gelegentlich auch willkürlich agierenden Frau zu zeichnen. Ich liebe diese Figur einfach, und auch wenn sie nicht die Protagonistin in Beschreibungen des Parks sein wird, so wird sie sicher eine zentrale Nebenrolle einnehmen.

Pro-Europäisch aus aktuellem Anlass (Deutsch und Englisch)

If you scroll down, you will find an English translation of the text.

Diesen Text habe ich am 09.05. auf Facebook geteilt. Er nahm sich die Reaktion deutscher, konservativer Politiker zum Anlass, die ihre Erleichterung über die Wahl von Emmanuel Macron statt Marine Le Pen zum französischen Präsidenten schnell vergaßen, als er (unter anderem) Euro-Bonds, gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik, einen europäischen Wirtschaftsminister und gemeinsame europäische Sozial-Mindeststandards vorschlug.

Da bekunden sie alle Erleichterung, einen Pro-Europäer statt einer rechtspopulistischen Anti-Europäerin in Frankreich als neuen Präsidenten zu sehen …

… und wenn dieser Pro-Europäer pro-europäisch und integrativ denkt (Euro-Bonds, gemeinsame europäische Wirtschaftspoltik, europäischer Finanzminister und gemeinsame europäische Mindest-Sozialstandards), kriegen sie alle Angst.

Es mag meine Naivität sein, aber ich halte gemeinsame Wirtschaftspolitik und Eurobonds (natürlich mit Begrenzung, wie viel man damit aufnehmen kann) für eine Konsequenz aus der Währungsunion, gemeinsame Sozialstandards für eine Konsequenz der Freizügigkeit …

Ich würde sogar so weit gehen, dass es dabei nicht bleiben darf und wird, wenn Europa als solches überleben soll – im Zusammenhalt und in Konkurrenz zu den Großmächten unserer Zeit. So weh das manchen Leuten tun mag, wenn wir nicht bedeutungslose, kleine Nationalstaaten, von den Launen von Großmächten und  sogar Schwellenländern geschüttelt, werden wollen, unsere Werte verteidigen und verbreiten, dann wird der Weg in Richtung „Vereinigte Staaten von Europa“ gehen müssen.

I posted the following text on my facebook wall on May 9th, when conservative German politicians instantly got over their relief about Emmanuel Macron being elected as French president instead of Marine Le Pen. They criticised him harshly for suggesting Euro-Bonds, joint european politics in economy, a european minister for economy and common social standards for the whole EU just after he was elected.

Just as everyone in Germany sighs in relief about a pro-european new French president instead of a right, anti-european demagogue …

… and then everyone gets scared when this pro-european thinks pro-european and imagines a progression of european integration with Euro-Bonds, joint european economics and common social standards in Europe.

It may be naive, but I think, a joint european agenda in economy and Euro-Bonds (with some limits) are a consequence of a common currency. Also, common social standards are a consequence of the Schengen treaty.

I would take this even further: in order to stand together and on par with the leading nations of our world, Europe has to be taken to another level. Even though many are scared of this change, Europe’s way has to be towards „United States of Europe“. The alternative is to be divided into nations that feel a lot bigger than they are. Neither the leading nations of our world nor the rising ones will consider the interests of and principles held up by any single european nation.

Zum Tage: Mutmaßlicher BVB-Attentäter gefasst.

Wenn ich das (in im Radio zitierten Ansichten, zwischen den Zeilen von Medienberichten lesbare, in Gesprächen wahrgenommene) Entsetzen der Menschen über die Motivation des mutmaßlichen BVB-Attentäters nachzuvollziehen versuche (Habgier), muss ich feststellen: Was ist an Anschlägen aus Habgier so viel entsetzlicher als an Anschlägen aus Geltungssucht oder um anderen ideologische Überzeugungen aufzuzwingen?

In allen Fällen sind es niedere Motive, die das Wohl eines Einzelnen, einer (kleinen) Gruppe oder einer „Sache“ über das Wohl der Anschlagsopfer im Speziellen und der Allgemeinheitim Allgemeinen stellen.

Neu ist der Mord aus Habgier auch nicht, wahrscheinlich nicht einmal der Terroranschlag aus Habgier. Das ist nichts Anderes als … „kapitalistischer Fundamentalismus“. Macht der uns Angst, weil wir uns eher mit Mord aus Habgier als mit „Töten der Ungläubigen“ identifizieren können?

Es war ein Anschlag. Niedere Motive konnten vorausgesetzt werden und wurden nun bestätigt. Entsetzlich ist in meinen Augen vor allem, dass ein Attentäter die anderen soweit entmenscht, dass er sie für die Sache zu verletzen und zu töten willens ist. Die Sache ist dabei in meinen Augen – offen gestanden – völlig egal.

Diese Worte habe ich heute schon auf Facebook geteilt. Ich zitiere mich hier selbst.

Ich bin anders

Ich lebe unter Euch.

Meine Stimme klingt etwas anders als Eure Stimmen, mein Körper sieht etwas anders aus als Eure Körper. Ich kann manches nicht, was Ihr könnt. Mein Lebensweg ist anders verlaufen als Eurer. Manchmal muss ich mich anstrengen, muss Dinge tun, die Ihr nicht wisst, um mehr auszusehen, mehr zu klingen, mehr zu sein wie Ihr. Ich tue das nicht nur für Euch, sondern auch für mich: für mein Selbstwertgefühl, für meine Zufriedenheit mit der Person, die mich aus dem Spiegel anschaut. Denn ich lebe nach Euren Normen.

Ich gehöre dazu, bin gut ausgebildet, habe eine Arbeit, eine Familie, zahle Steuern und Kranken- und Renten- und Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. Ich gehöre dazu, viele andere, die nicht so sind, teilen Teile meiner Abweichungen von der „Norm“, von dem, was als normal empfunden wird. Ich habe Freunde, die wissen, dass ich anders bin, und denen es nichts ausmacht. Ich habe Kollegen, Fremde, die wissen, dass ich anders bin, die mich nicht merken lassen, ob es ihnen etwas ausmacht. Ich habe Freunde, Kollegen, Fremde, von denen ich nicht weiß, ob sie wissen, dass ich anders bin.

Es gibt Menschen, die mich kalt und feindselig anschauen. Es gibt Menschen, die das, was ich bin, unnatürlich, unnormal nennen. Es gab Zeiten, in denen undenkbar war, was ich bin. Es gibt Gesellschaften, in denen das, was ich bin, undenkbar zu halten versucht wird, obwohl alle es nun mal gesehen haben. In denen man solche wie mich nicht will, sie bestraft für das, was sie sind. Ich habe es mir nicht ausgesucht, rufe ich! Gehöre ich dazu?

Es macht mir Angst, wenn Menschen sagen: unser Wohlstand ist in Gefahr, wir wollen unter uns bleiben. Unter den Normalen! Denn bin ich normal? Ich bin nicht dort, nicht das, was mein Körper nach der Geburt sagte, dass ich es bin. Man merkt es, dass ich anders bin. Anders ist nicht normal, oder? „Was ist schon normal?“, fragt Ihr. Niemand ist normal, denn es ist ein statistischer Durchschnitt. Dennoch guckt Ihr komisch, redet darüber, wenn ich nicht dabei bin. Das ist okay, klar, man redet über besondere Eigenschaften. Aber wenn es darum geht, dass die Bettdecke tagtäglich etwas kleiner wird, und sei es nur gefühlt, dann ist jeder sich selbst der Nächste. Dann guckt man: wer sticht raus? Der oder die ist nicht normal! Bevor Ihr’s den Normalen wegnehmt, nehmt es denen, die nicht normal sind, uns Geld gekostet haben, die nicht von hier sind!

Auch ich tue das. Ist jemand anders? Guck‘ mal, der oder die ist anders! Andere wie der oder die tun uns dieses oder jenes an, habe ich gehört, sei vorsichtig! Ich guck‘ über die Schulter, wenn ich Schritte hinter mir höre. Wenn der oder die hinter mir „anders“ ist, läuft’s mir gleich nochmal so kalt über den Rücken. Weil ich weiß, dass ich anders bin, verletzbarer. Die, die „anders“ sind, schlagen zuerst mal die, die auf andere Weise oder noch mehr anders sind als „alle“.

Ich habe Angst vor extrem konservativen, traditionellen, „rechten“ Bewegungen. Sie leben davon, alles Übel der Welt denen in die Schuhe zu schieben, die anders sind. Sie leben davon, diese Anderen den angstvollen Normalen aus den Augen zu nehmen, sie wegzuschicken, einzusperren. „Die, die anders sind, kosten uns Geld, machen uns kaputt, gefährden unseren wenigen Wohlstand! Ich will nicht mit denen teilen müssen, die anders sind, die hierhergekommen sind, um unseren Wohlstand, unsere Privilegien, unsere Normalität zu teilen!“

Solche Worte sagt der radikale und manchmal auch der weniger radikale Islam, solche Worte sagt aber auch die AfD, Geert Wilders, Marine Le Pen, Donald Trump. Vor allem aber sagt solche Worte der „kleine Mann“, der um seinen Wohlstand fürchtet. Aber vielleicht hilft es ja gar nicht, die loszuwerden, die anders sind, uns Geld kosten, nicht hier in der Normalität geboren sind. Dann sucht man nach neuen Anderen, die schuld sind. Irgendwann sind die dran, die auf die Weise anders sind, wie ich es bin.

Ihr behauptet, wir wollen Euch aufzwingen, so zu sein wie wir es sind. Ihr sagt Worte wie „Islamisierung“, Sätze wie „Homo-Ehe? Na, so lang’s keine Pflicht wird!“ Was Ihr meint, ist: „Wir sind die Norm. Wir wissen, dass wir darauf pochen, die Norm zu sein, deswegen schreiben wir Euch zu, dass Ihr das auch versuchen werdet. Ihr seid anders. Passt Euch an oder geht uns aus den Augen.“ Aber wenn wir uns anpassen, sind wir verdächtig, kosten Geld. Auch dann wollt Ihr uns nicht.

Haben wir überhaupt eine Chance bei Euch? Ja, sagt Ihr uns. Aber wenn Ihr das Ganze konsequent weiter denkt, könnt Ihr nicht dem Schwulen sagen: „Du hast eine Chance bei uns, Du bist ja mehr wie wir als die anderen.“, und dann den Moslem rauswerfen. Ihr werdet sagen, der Schwule könne nichts dafür, was er ist, und unsere Argumentation gegen uns umdrehen. Misstraut Ihr dem Moslem, weil er Moslem ist? In Euren Köpfen vielleicht schon. Nach außen hin guckt Ihr auf Hautfarbe, Gesichtsschnitt, Klang der Stimme, Akzent. Das kann dieser Andere, der vielleicht kein Moslem ist, nicht ändern, außer er ist Michael Jackson.

Ihr zündelt mit der Angst vor denen, die anders sind. Ihr zieht Linien, aber es ist eine „Defense in Depth“ der Allernormalsten. Wenn es nicht reicht, die eine Gruppe auszuweisen, auszugrenzen, zu internieren, dann kommt der nächste Sündenbock. Davor, genau davor habe ich Angst. Denn ich bin die Nächste auf irgendeiner Liste. Ich war versucht, hier zu schreiben: „Nein, ich bin nicht A, B, C oder D. Sondern ich bin E.“ Was Ihr für die Buchstaben einsetzt, nach absteigendem Ressentiment, könnt Ihr Euch aussuchen. Ich habe es nicht getan, denn ich will nicht diese Linien ziehen, nicht sagen: „Schmeißt die vor mir raus, verprügelt die vor mir, die sind schlimmer als ich!“ Ich schreib’s direkt. Ich bin transsexuell. Geschützt nach einem Gesetz, das dieses Land in einer unfortschrittlichen Phase gemacht hat, in der Fortschritt, gesellschaftlicher Fortschritt erwünscht war. Aber ich trage nicht zur Vermehrung der „aufrechten Deutschen“ bei und ich habe sie durch meine medizinische Behandlung einen Haufen Geld gekostet. Ich bin auf diese Welt gekommen, in dieses Land gekommen (durch Geburt, aber ist das anders, als über die Grenze zu kommen?) und habe mir erstmal meinen Unterleib richten lassen.

Wenn Ihr mit dem Ressentiment weit genug gekommen seid, landet Ihr bei mir. Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer hochgebildeten Dame in einer bedeutenden, unterbezahlten, untergewürdigten Position. Sie gehört dazu, sie ist normal in jeder Hinsicht, für mich und für andere. Dann haben wir über Ressentiments gesprochen, und schließlich landeten wir bei der Angst. Ich meinte, „damals“ wär’s bei mir der rosa Winkel an der Häftlingsklamotte gewesen. Sie meinte: „… und bei mir der gelbe Stern.“

Nennt das nicht die Nazi-Keule! Schon applaudieren die ersten Normalen, wenn von den Militanten die Flüchtlinge als unwillkommen verbrüllt werden. Schon denkt einer in einem Land, in dem fast jeder irgendwann eingewandert ist, über Selektion der neuen Einwanderer nach Religion nach, und die Leute bejubeln ihn dafür. Die Normalen, aber auch die, die ein kleines Quäntchen weniger anders sind als die, auf die im Moment gezeigt wird. Sie wollen dazugehören. Das will ich auch. Aber wenn es bröckelt, wer dazugehört, wenn der Ton harscher wird gegen die, die nicht dazugehören, dann brüll‘ ich nicht mit. Denn wie viele, viele andere bin ich anders genug, zu den Nächsten zu gehören.

Denkt mal drüber nach. Verbockt es nicht. Angst, Ressentiment, Sündenböcke Finden ist wie eine Sucht. Man braucht mehr. Es hört nicht auf. Beendet es jetzt, bevor es noch schwerer wird. Bitte!