Ich gehe von mir aus

Ja, genau das tue ich. Wie soll ich es auch anders machen?

Viele Menschen beraten andere, als sei das, was sie wissen, denken und für richtig halten, von allgemeiner Gültigkeit und Relevanz. Dass diese Ratschläge tatsächlich solch weitreichende Gültigkeit und Relevanz besitzen, billige ich durchaus einigen Experten zu, aber oft genug kommen die vehementesten, am nachdrücklichsten als kompakte Weisheit deklarierten Ratschläge von Menschen, die die Ansicht eines Experten und ihre eigene Erfahrung zusammenlegen. Dass der eigentliche, zitierte Experte (falls es denn einer ist) oft auch erklärt, welche anderen Wege es gibt und was Irrwege waren, wird vom nachdrücklich Zitierenden oft unterschlagen.

Ich selbst beschreibe lieber ganz bewusst, was FÜR MICH funktioniert hat und was nicht. Was andere dann draus machen, ist deren Sache. Für mich führen viele Wege zum Ziel, ich habe mir welche ausgesucht. Außerdem versuche ich, auch klar zu machen, dass ich mir meine Experten ausgesucht habe, denen ich folgen mag, und ihnen nicht in jeder Hinsicht folge – soweit mir das bewusst ist. Dazu bin ich ein Mensch, und Menschen sind verschieden. Manchmal wirkt es vielleicht egozentrisch, zu beschreiben, was für mich funktionierte und mir wahr erscheint – aber in vielerlei Hinsicht bin ich für das, zu dem ich was sagen mag, nicht so weit Expertin, dass ich ohne Beschränkung der Allgemeinheit meiner Aussagen sprechen zu können glaube. Also beschreibe ich, was mich zu dieser Ansicht brachte und dass es meine Ansicht ist, nenne eventuell noch Quellen.

Insbesondere im Bereich „Lebensberatung“ habe ich im Netz häufig Ratschläge gefunden, die alternativlos formuliert waren, Glaubenssätze und Dogmen darstellen. Gerade in diesem Bereich habe ich die Therapeuten, die ich bisher erlebt habe, als zurückhaltend wahrgenommen. Sie sagten mir nicht, was ich tun soll, sondern hörten zu und gaben dann Hinweise, was ich mal versuchen könne – oder ließen mich das weitere Vorgehen entwickeln.

Viele dieser „Berater“, die genau zu wissen scheinen, was man tun sollte, was richtig und falsch ist und wie alles geht, gehen von sich aus oder sagen, was man hören will, um ihnen zu folgen. Sie verkaufen es nur als allgemeine Wahrheit, als kompakte Weisheit. Ich habe die Welt und die Wege, die zum Ziel führen, auch die Ziele, die erstrebenswert sind, mit allem, was ich mehr wusste, mehr erfahren habe, als unsicherer und unklarer, darin wählbarer und freier erlebt. Das macht das Leben kompliziert, gibt aber Freiheit.

Wie ich nun auf so etwas komme? Mir wurde mal gesagt, ich sei egozentrisch, spräche nur über mich. EINE Komponente dessen, was glaube ich zu dieser Aussage führte, ist eben: Ich gehe von mir aus. Ich gebe (idealerweise nach vollständigem Zuhören, manchmal aber nicht) Beispiele aus meinem Leben, die ich vielleicht als ähnlich und hilfreich ansehe, wenn jemand ein Problem hat und mir schildert. Dadurch rede ich viel über mich. Letztlich bin ich aber der Auffassung, dass die meisten Menschen sehr viel über sich reden, sie stellen es nur als unabhängig von sich dar – oft nicht beabsichtigt. Ich für meinen Teil finde es ehrlicher, zuzugeben: „Das ist meine Lösung unter vielen. So habe ich sie erlebt. Kannst Du nehmen oder es lassen, je nach dem, was Du glaubst, dass für Dich passt.“ Der zweite Grund ist, dass ich aktuell an einigen Stellen vorstoßen möchte, neue Gruppen schaffen möchte, in denen ich mit anderen Dinge zusammen betreibe. Natürlich wird es nicht ohne ein gewisses Aufdrücken des eigenen Stempels gehen, wenn man etwas, das man gerne macht, initiativ beginnt, mit anderen in Gruppe zu betreiben – zum Beispiel beim Laufen. Aber anderen aufzudrängen, wie ich es mache, gleich, wie es für sie richtig ist, wäre falsch. Die eigene Erfahrung als allgemein gültige Wahrheit zu verkaufen, das ist aus meiner Sicht die perfideste Weise, anderen seinen eigenen Weg aufzudrängen – ob nun bewusst oder unbewusst.

Und genau das will ich nicht machen. Deswegen denke ich drüber nach. Deswegen schreibe ich diesen Beitrag, um meine Gedanken dazu zu ordnen.

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Growing Younger

Eine ganze Weile bin ich nach Stuttgart zur Arbeit gependelt, mit dem Auto und über eine verhältnismäßig lange, vor allem verstaute Strecke. Ich bin in dieser Zeit vermeintlich erwachsener geworden, war weniger auf Festivals oder Treffen, als das vorher der Fall war, habe weniger in meiner Freizeit gespielt, mich weniger herumgetrieben, war auch kaum noch in der Disco.

In den letzten Monaten, vielleicht Jahren hat sich das geändert. Ich war mehr bei Freunden auf Achse, habe wieder mehr Festivals und Konzerte besucht, habe mich zunehmend vom Auto wieder auf öffentliche Verkehrsmittel für diese Besuche verlegt. Dazu habe ich Albernheiten und Motiv-Shirts mehr wiedergefunden, mir neue Leidenschaften zugelegt. Auch sitze ich wieder häufiger mal als „Bodensatz“ einer Party mit Leuten zusammen, führe tiefschürfende Gespräche oder solche über frühere Exzesse, die ich sonst eigentlich tief in mir vergraben hatte. Nicht, dass ich diese Dinge zurückwollen würde, also die Exzesse – die Gespräche und Themen aus diesen Zeiten aber kommen wieder und machen mich zu einem entspannteren, glücklicheren Menschen.

Vielleicht ist es mein komischer Blick auf das Erwachsensein, das irgendwie mit daheim sitzen, Wege mit dem Auto zurücklegen und sich auf die wichtigen, langweiligen und nützlichen Themen zu fokussieren zu tun habe. Aber egal, ob es nun ein echtes „growing younger“ ist, oder ob ich einfach nur gewisse Komplexe abgelegt habe – es fühlt sich gut an.

[KuK] Kran!

Vor einigen Jahren gab es mal einen Anlass, gemeinsam mit etlichen Trek-Monday-Weggefährten nach Stuttgart zu einem „Special“ zu fahren … zur Erklärung: der Trek Monday ist mein montäglicher SciFi-Video-Abend, ein Mitglied war umgezogen und wir besuchten sie mit Mann und Maus und DVDs. Daher fuhren wir von Karlsruhe nach Stuttgart.

An diesem Tag funktionierte vieles nicht, ich war ohnehin gestresst und so war meine Laune zum abgewöhnen. Ich beschloss, mich über das nächste Objekt am Wegesrand zu freuen. Mein finster entschlossen begeistertes „Oohh! Ein Kran!“ klingt vielen noch im Ohr.

Und somit: „Yay! Ein Kraaaaaan!“

Terminkollisionen

An diesem Wochenende war es mal wieder so weit. Termine kollidierten, eine Menge davon. Wahrscheinlich kennt jeder den Begriff der Terminkollision: Man hat zwei oder mehr Termine, die sich überschneiden, die man nicht gut verschieben kann, weil sie an anderen hängen und die man alle wahrnehmen sollte und/oder gerne würde.

Bei mir waren es am Samstag ein Konzert, eine weitere Veranstaltung, die unbedingte Erforderlichkeit, mit der Steuer endlich fertig zu werden, ein Versprechen, am Nachmittag zu einem American-Football-Spiel zu gehen und eine weitere Verabredung.

Am Ende habe ich von insgesamt sieben Terminen am Samstag nur vier wahrnehmen können. Ich habe da immer ein schlechtes Gewissen – ich befürchte, ich selbst müsste mich besser organisieren, dann ginge das schon. Indes, in dem Falle ging es nicht. Alle diese Termine waren mehr oder minder fremdbestimmt, bis auf die Steuer. Dass sie kollidierten, konnte ich nicht verhindern. Auch Priorisieren bei Terminen, die mir wichtig sind und auf denen anderen meine Anwesenheit wichtig wäre, ist schwer. Nicht so sehr, einfach zu sagen: „Ich geh da hin und auf den anderen nicht.“ Das ist kinderleicht und das muss machen – am besten rechtzeitig kommunizieren, damit niemand mit einem rechnet, den man dann doch enttäuschen muss. Aber erstmal die Entscheidung, welchen Termin man nimmt und welchen man ablehnt …

Ich gestehe, das ist immer schwierig. Wenn irgendwas fest zugesagt ist, klar, dann hat das Vorrang. Das ist dann auch einfach. Wenn äußere Zwänge einem die Rangfolge der Wichtigkeit vorgeben, das ist auch nicht so schwer. Aber nach „das ist mir wichtiger“ zu priorisieren … tja. Da habe ich immer ein schlechtes Gewissen. Immer und jedes Mal. Positiv betrachtet mache ich es mir nicht leicht, jemandes Einladung oder jemandes Termin abzulehnen. Aber negativ betrachtet frisst es mich an, weil ich mir egoistisch vorkomme – und ich mag mir nicht egoistisch vorkommen.

Doof, das.

Vom Fehlermachen

„Das war falsch, das war falsch, verdammt – das war falsch!“

Metaphorisch, seltener buchstäblich rennen wir im Kreis, die Arme gen Himmel geworfen, da wir etwas „verbockt“ haben. Am besten noch gleich so, dass es ein größerer Personenkreis gesehen hat – und oftmals läuft’s dann auch noch so, dass wir nicht einmal mehr die Initiative haben, weil jemand anderes es merkt und mitteilt!

Ihr kennt das auch? Mies fühlt sich das an, und es nützt überhaupt nichts. Ich habe lang gebraucht, dieses aufwallende Gefühl der Demütigung zu begrenzen. Ich meine, es ist nur ein Fehler. Meist macht nur der, der gar nichts macht, keine Fehler. Es soll zwar nicht so sein, aber nicht selten schleichen sich auch Fehler ein, selbst wenn man sich kontrollieren lässt. Klar, man kann noch gewissenhafter rangehen, oft ist das sogar gar keine schlechte Idee.

Und da fängt es an. Ich lerne aus dem Fehler, beim nächsten Mal gewissenhafter drauf zu schauen. Ich sehe ihn, korrigiere ihn, kommuniziere das korrigierte Ergebnis. Ich renne nicht panisch im Kreis, die Arme hochgeworfen – vielleicht werde ich sogar nur noch rot im Gesicht, weil ich mich schäme, etwas übersehen zu haben. Vielleicht nicht einmal mehr das. Vielleicht lerne ich aus dem Fehler nicht nur etwas über meinen Umgang mit Qualitätssicherung, sondern auch über die Sache, in der ich einen Fehler gemacht habe.

Es heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin, wenn ich mich von berechtigter oder unberechtigter Kritik nicht mehr persönlich angegriffen fühle. Aus dem interpretierten Angriff, den der Fehler – ob von anderen wahrgenommen oder nur von mir selbst gesehen – auf meine Gewissenhaftigkeit, meine Person darstellt, kann ich Wut auf den Überbringer der Fehler-Botschaft oder auf den Fehlermacher generieren. Ich kann – und sollte – es aber lieber lassen. Denn dass jeder mal Fehler macht, auch manche Fehler wieder macht, ist Fakt. Wut oder Scham machen weder den Fehler noch die Erkenntnis einer Gruppe, dass ich fehlbar bin, wieder rückgängig. Sie behindern mich sogar dabei, weiter zu machen und den Fehler zu beheben, erst recht, weil dann eine übersteigerte Angst vor einem erneuten Fehler hinzukommt.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass eine gute Fehlerkultur eine solche ist, in der man ausruft: „Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht.“ Ich halte das für Utopie. Aber je näher ich an dieses Ideal herankomme, um so weniger beherrschen meine Fehler mein Tun und meine Reflektion über mein Tun, sondern verbessern es.

Ich bin stolz darauf, mich dieser guten Fehlerkultur anzunähern. Langsam, in kleinen Schritten, manchmal auch mit Rückschritten. Aber zumindest bringen mich Fehler im Umgang mit meinen Fehlern weiter – im Umgang mit meinen Fehlern. Das ist doch mal ein Modell für den Umgang mit Fehlern in anderen Dingen als dem Umgang mit Fehlern, nicht wahr?

Konsequenz im Weltbild

Ich hatte vor langem mal über den radikalen Konstruktivismus geschrieben. Man kann aus der Realität, die im Kopf des Menschen entsteht und eventuell nichtmal eine objektive Realität braucht, die maximale Toleranz für maximalen Blödsinn ableiten. Muss man nicht, kann man aber.

Was mir nun anhand eines Tweets auffiel, den Freunde von mir liketen und retweeteten, ist das Folgende: Eine gewisse Konsistenz im Weltbild hilft manchmal, zu begreifen, dass bestimmte „Meinungen“ nicht einfach nur Meinungen sind – sondern Grundlagen der Realität, wie wir sie kennen und benutzen. Und zwar AUCH der Realität derer, die gewisse Grundsätze leugnen. Besagter Tweet sang ein Loblied auf den Fortschritt, in dem aus Nanomaterialien bestehende, mit Lithiumionen-Akkus versehene, über komplexe Algorithmen mit dem Internet verbundene Geräte es erlauben, im Internet zu verbreiten, man glaube nicht an Wissenschaft.

Ich habe an dieser Stelle eine Frage: Benutzt denn keiner derer, die an eine flache Erde glauben, die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie für realitätsfern oder gar Humbug halten, GPS-Ortung am Handy? Damit GPS funktioniert, sind eine grob kugelförmige Erde, Gravitation, Elektromagnetismus und – ja, und die Relativitätstheorie wichtige Grundvoraussetzungen. Glaube ich nicht an all diese Dinge, muss mir GPS wie Magie vorkommen. Eine Magie, die nahezu jeder selbstverständlich in Navigationsgeräten und Handies einsetzt.

An dieser Stelle ist mehr oder minder die Symmetrie zwischen Toleranz von anderen Weltbildern, die keinen Einfluss auf Funktion unserer Welt und unserer Technik haben, und Toleranz gegenüber schlichtem Blödsinn gebrochen. Ich kann die Evolution leugnen, muss dann aber konsequenterweise auch der Frage nachgehen, wieso der Weizen heute kürzere Stängel hat als früher. Was ist Züchtung anderes als gelenkte Evolution? An der Stelle sollte es „Klick“ machen. Ich kann natürlich auch behaupten, die Erde sei eine Scheibe, es gäbe keine Relativitätstheorie, die ganze Wissenschaft sei blöd oder unnötig. Aber vieles, das Anfang des 20. Jahrhunderts noch Grundlagenforschung oder noch weit, weit weg war, ist heute Alltag. Quantenmechanik (Laser, Halbleitertechnologie, etc.), Relativitätstheorie (da muss man freilich bis zum GPS gehen, weil durch Geschwindigkeit von Satelliten und das andere Gravitationspotential auf den Satellitenbahnen Atomuhren auf den GPS-Satelliten ohne relativitätstheorie-basierte Korrekturen falsch gehen würden und damit das ganze System nicht funktionieren würde).

Ich erinnere mich sehr deutlich an den für die Studenten am schwierigsten zu verstehenden Teil meiner Strahlenschutz-Vorlesung, der mich daher immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat. Das Äquivalenz-Prinzip von Masse und Energie (hängt mit der speziellen Relativitätstheorie zusammen) ist aus unserem Alltagsempfinden heraus schwer zu verstehen. Für uns gibt’s Masse und Energie. Dass etwas leichter wird, weil’s stark zusammengebunden ist, entspricht wegen der Kleinheit des Effekts nicht unserem Alltagsempfinden. Dennoch spielt es in vielen Anwendungen, die wir heute als „gegeben“ empfinden, eine Rolle. Wir machen es uns nur nicht klar.

Ich weiß sicher sehr vieles nicht. Das weiß ich genau! Aber beim Lernen vieler Dinge habe ich deutlich gemerkt, dass wenn ich vermeintlich abstrakte, theoretische Dinge leugne, die aus der Wissenschaft kommen, ich zugleich die Grundlage vieler technischer Anwendungen leugne. Technischer Anwendungen, die nicht nur ich, sondern nahezu alle exzessiv benutzen.

Dass das im Widerspruch zu der Gleichwertigkeit aller subjektiven Realitäten steht, die ich in oben verlinktem Beitrag hochgehalten habe, ist mir bewusst. Für den Moment habe ich keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.

Top-Down vs. Bottom-Up

Viele komplexere Dinge kann man von der Grundphilosophie auf zwei verschiedene Weisen angehen. Da gibt es einmal die Variante „Top-Down“, von einem abstrakten Prinzip auszugehen und dann erst in die Details, während sich Bottom-Up von den Details nach oben arbeitet. Freilich ist das nun recht grob beschrieben, aber für den Moment soll es reichen.

Ich möchte die Präsenz der Konzepte Top-Down und Bottom-Up im Bereich der Ernährung gerade ein wenig beleuchten, allerdings angewandt auf meine konkrete Situation. Ich will dabei keine Anleitung schreiben, sondern eher davon ausgehen, wie es mir mit der Planung meiner Ernährung und den Ratschlägen dazu von außen geht. Gerade die Colitis ulcerosa gibt an vielen Stellen den Bedarf, sich damit zu befassen, was man isst und was man essen sollte. Außerdem gibt das Vorhanden-(aber nicht zwingend dabei auch Aktiv-)sein der Krankheit gerne mal Freunden, Bekannten und Außenstehenden den Anlass, gefragt oder auch ungefragt Ratschläge zu geben.

Tendenziell bekommt man von außen oft Ratschläge, die auf Schlagworten für das ganze Konzept beruhen. Das sind dann ziemlich oft Top-Down-Ansätze. Ein Prinzip wird aufgestellt, benamt das Ernährungskonzept und das als Ganzes bekomme ich dann empfohlen. Eines der Musterbeispiele war, dass ein Bekannter mir zur Paläo-Diät riet. Das zugrundeliegende Prinzip ist klar: Esse nur das, was unseren Jäger- und Sammler-Vorfahren auch zur Verfügung stand. Neben industriell verarbeiteten Lebensmitteln schließt das auch Milchprodukte und diverse Ackerbau-Produkte, insbesondere moderner Züchtungen aus. Paläo oder oft auch als Paleo geschrieben geht ziemlich rum, gerade auch mit dem Ziel, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen zu lindern oder gar zu heilen. Nur um es vorweg zu nehmen: Ich bin keine Paleo-Anhängerin geworden. Ich werde das sicher auch keinem absprechen, denn dass es auch jenseits eines Placebo-Effekts Menschen, vielleicht vielen Menschen gut tut, werde ich sicher nicht in Abrede stellen.

Neben einer prinzipiellen, nicht-ernährungsphysiologischen Kritik an Paleo als Massenphänomen in dicht besiedelten Industrieländern störte mich an der Idee vor allem, dass ich zwar eine einfache Entscheidungsgrundlage hätte, was ich essen darf und was nicht, diese aber nicht auf meinem Ziel basierte. Die prinzipielle Kritik basiert auf der Tatsache, dass das „Revier“ eines Steinzeitmenschen, der sich als Jäger und Sammler durchschlug, ziemlich groß war und groß sein musste, um ihn zu ernähren. Obst, Gemüse und Pilze für den Sammler, Fleisch und Fisch für den Jäger erfordert jeweils eine gewisse Fläche. Ich hab’s nicht durchgerechnet, aber ich würde schwer bezweifeln, dass acht Milliarden Menschen selbst mit modernen Produktionsmethoden „Paleo“ leben können. Natürlich ist diese Kritik scheinheilig: Vieles, das ich esse, kann auch eventuell nicht in nachhaltiger Weise und der Menge, in der ich es konsumiere, für acht Milliarden Menschen von der Erde zur Verfügung gestellt werden. Ich will mein obiges prinzipielles Argument nicht „vergessen“, aber ich muss es seriöserweise wie im Vorsatz geschrieben abmildern. Natürlich ist das nur ein Nebenschauplatz, der Versuch, ein grundsätzliches, ein Top-Down-Argument zu finden, dass ich einfach keine Lust auf Paleo hatte. Naja, ganz so einfach „keine Lust“ ist es auch wieder nicht. Ich hatte Dinge vorgefunden, die in Paleo nicht reinpassten, mir aber nach meiner Erfahrung gut taten.

Selbstverständlich ist Paleo nur ein Beispiel. Da gibt es noch mehr – allerdings oft auch Zeug, das mir nicht empfohlen wurde. Gerade bei Diäten, die zum Abnehmen gestaltet sind, gibt’s da einen Haufen. Nicht, dass ich Prinzipien doof fände, im Gegenteil! Was ich bei Prinzipien allerdings viel wichtiger finde als bei klein-kleinem „Flickwerk“, ist die Konsistenz von Zweck und Konzept. Nennen wir mal das simpelste, abstrakteste, übergeordneteste Diät-Prinzip: Kalorienbilanz. Ich kann nicht abnehmen, wenn ich mehr Energie in Form von vom Körper verwertbaren, chemische Energie enthaltenden Stoffen pro Tag zu mir nehme als ich an Energie verbrauche. Das ist simpel, logisch und ermöglicht mir, meine Handlungen zu bewerten. Beim obigen Beispiel „Paleo“, ohne darauf herumreiten zu wollen (ähnliches gilt auch für andere Konzept-Diäten), benutze ich ein Prinzip. Dass dieses Prinzip meinem Ziel zuträglich ist, kann ich auf zwei Weisen belegen: Erstens auf abstrakte Weise. Ich schließe also von „Der Mensch hat sich evolutionär darauf eingestellt, Jäger und Sammler zu sein. Was er als Jäger und Sammler an Essen verfügbar hatte, muss also gut für den Menschen sein, denn der Mensch hat sich da hin entwickelt, dass diese Speisen und Getränke gut für ihn sind.“ Das ist hübsch, eingängig, aber in keinster Weise per se richtig. Natürlich KANN es richtig sein, aber es klingt erstmal nur richtig – denn unsere Situation heute ist definitiv anders als die jener Menschen, die als Jäger und Sammler lebten: Wir leben wohltemperiert, erheblich bewegungsärmer, auf andere Weise gestresst und vor allem auch viel länger als Steinzeitmenschen. Wenn z.B. die Colitis ulcerosa beim Menschen typischerweise Mitte 20 bis Mitte 30 ausbricht, ist dann der Schluss, dass wir sie als „Zivilisationskrankheit“ durch unsere Nicht-Steinzeiternährung erzeugen oder begünstigen, nicht ein recht weiter Schuss? Menschen werden erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit alt genug, dass Krankheiten, die nach dem dreißigsten Lebensjahr ausbrechen, überhaupt eine Relevanz besitzen. Der große, konzeptionelle Schluss, dass Jäger- und Sammlerernährung besser als Getreide und Milch für uns sei, beruht also auf einem Schluss vom nomadischen, körperlich beanspruchten, sein Adrenalin durch körperliche Tätigkeiten abbauenden Menschen mit einer Lebenserwartung von vielleicht 30 Jahren auf einen sesshaften, körperlich unterforderten, nicht-körperlich stark gestressten Menschen, dessen Lebenserwartung im Bereich von fast dem Dreifachen liegt! Dem möchte ich mich so nicht anschließen. Nochmal: Das ist erstens meine Ansicht und zweitens nur an Paleo als Beispiel durchexerziert. Natürlich gibt es noch ein „zweitens“: Ich kann empirisch nachzuweisen versuchen, dass die Entscheidungskriterien, nach denen ich bei einer Konzept-Diät meine Lebensmittel auswähle, einer Beispielgruppe gut tun. Das ist aufwändig, wird sicher auch gemacht, und wie die Datenlage für die verschiedenen Konzept-Diäten ist, weiß ich nicht.

Denn ich setze nicht auf einen Konzept-Ansatz. Natürlich habe ich einen Top-Down-Anteil in meinem Leben drin: mehr Kalorien raus als rein, wenn ich abnehmen will, etwa eine Balance, wenn ich das Gewicht halten will. Da sind noch mehr Prinzipien. Aber bei der Auswahl der konkreten Nahrungsmittel setze ich auf etwas anderes. Inhaltsstoffe, konkrete Erfahrungen der Verträglichkeit an anderen, ausprobieren, ob’s mir gut tut. Außerdem langsame Schritte, ein Lebensmittel, eine Veränderung testen, danach weiter umbauen. Das ist Bottom-Up, erlaubt kaum griffige Schlagworte, geht langsam voran. Es erlaubt mir allerdings, ein auf mich abgestimmtes Programm zu schaffen. Ich messe mich nicht an einem Riesenprinzip, das größer ist als ich. Vor solchen Prinzipien scheitere ich allzugerne und verbrenne damit meine Motivation für das Prinzip. Ich messe mich an meinem Fortschritt, baue langsam mehr ein, kann Erfolge in der Veränderung schrittweise definieren, erreichen und perpetuieren. Ganz davon abgesehen lässt mich nicht jeder Misserfolg gemessen am Riesenprinzip sofort in die Ausredenschiene fallen, in der ich die die Schlussfolgerung von meinem Ziel auf das Prinzip in Frage stelle – und das oft genug mit Recht!

Daher breche ich meine Lanze für das Bottom-Up-Prinzip.