Vom Fehlermachen

„Das war falsch, das war falsch, verdammt – das war falsch!“

Metaphorisch, seltener buchstäblich rennen wir im Kreis, die Arme gen Himmel geworfen, da wir etwas „verbockt“ haben. Am besten noch gleich so, dass es ein größerer Personenkreis gesehen hat – und oftmals läuft’s dann auch noch so, dass wir nicht einmal mehr die Initiative haben, weil jemand anderes es merkt und mitteilt!

Ihr kennt das auch? Mies fühlt sich das an, und es nützt überhaupt nichts. Ich habe lang gebraucht, dieses aufwallende Gefühl der Demütigung zu begrenzen. Ich meine, es ist nur ein Fehler. Meist macht nur der, der gar nichts macht, keine Fehler. Es soll zwar nicht so sein, aber nicht selten schleichen sich auch Fehler ein, selbst wenn man sich kontrollieren lässt. Klar, man kann noch gewissenhafter rangehen, oft ist das sogar gar keine schlechte Idee.

Und da fängt es an. Ich lerne aus dem Fehler, beim nächsten Mal gewissenhafter drauf zu schauen. Ich sehe ihn, korrigiere ihn, kommuniziere das korrigierte Ergebnis. Ich renne nicht panisch im Kreis, die Arme hochgeworfen – vielleicht werde ich sogar nur noch rot im Gesicht, weil ich mich schäme, etwas übersehen zu haben. Vielleicht nicht einmal mehr das. Vielleicht lerne ich aus dem Fehler nicht nur etwas über meinen Umgang mit Qualitätssicherung, sondern auch über die Sache, in der ich einen Fehler gemacht habe.

Es heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin, wenn ich mich von berechtigter oder unberechtigter Kritik nicht mehr persönlich angegriffen fühle. Aus dem interpretierten Angriff, den der Fehler – ob von anderen wahrgenommen oder nur von mir selbst gesehen – auf meine Gewissenhaftigkeit, meine Person darstellt, kann ich Wut auf den Überbringer der Fehler-Botschaft oder auf den Fehlermacher generieren. Ich kann – und sollte – es aber lieber lassen. Denn dass jeder mal Fehler macht, auch manche Fehler wieder macht, ist Fakt. Wut oder Scham machen weder den Fehler noch die Erkenntnis einer Gruppe, dass ich fehlbar bin, wieder rückgängig. Sie behindern mich sogar dabei, weiter zu machen und den Fehler zu beheben, erst recht, weil dann eine übersteigerte Angst vor einem erneuten Fehler hinzukommt.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass eine gute Fehlerkultur eine solche ist, in der man ausruft: „Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht.“ Ich halte das für Utopie. Aber je näher ich an dieses Ideal herankomme, um so weniger beherrschen meine Fehler mein Tun und meine Reflektion über mein Tun, sondern verbessern es.

Ich bin stolz darauf, mich dieser guten Fehlerkultur anzunähern. Langsam, in kleinen Schritten, manchmal auch mit Rückschritten. Aber zumindest bringen mich Fehler im Umgang mit meinen Fehlern weiter – im Umgang mit meinen Fehlern. Das ist doch mal ein Modell für den Umgang mit Fehlern in anderen Dingen als dem Umgang mit Fehlern, nicht wahr?

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Konsequenz im Weltbild

Ich hatte vor langem mal über den radikalen Konstruktivismus geschrieben. Man kann aus der Realität, die im Kopf des Menschen entsteht und eventuell nichtmal eine objektive Realität braucht, die maximale Toleranz für maximalen Blödsinn ableiten. Muss man nicht, kann man aber.

Was mir nun anhand eines Tweets auffiel, den Freunde von mir liketen und retweeteten, ist das Folgende: Eine gewisse Konsistenz im Weltbild hilft manchmal, zu begreifen, dass bestimmte „Meinungen“ nicht einfach nur Meinungen sind – sondern Grundlagen der Realität, wie wir sie kennen und benutzen. Und zwar AUCH der Realität derer, die gewisse Grundsätze leugnen. Besagter Tweet sang ein Loblied auf den Fortschritt, in dem aus Nanomaterialien bestehende, mit Lithiumionen-Akkus versehene, über komplexe Algorithmen mit dem Internet verbundene Geräte es erlauben, im Internet zu verbreiten, man glaube nicht an Wissenschaft.

Ich habe an dieser Stelle eine Frage: Benutzt denn keiner derer, die an eine flache Erde glauben, die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie für realitätsfern oder gar Humbug halten, GPS-Ortung am Handy? Damit GPS funktioniert, sind eine grob kugelförmige Erde, Gravitation, Elektromagnetismus und – ja, und die Relativitätstheorie wichtige Grundvoraussetzungen. Glaube ich nicht an all diese Dinge, muss mir GPS wie Magie vorkommen. Eine Magie, die nahezu jeder selbstverständlich in Navigationsgeräten und Handies einsetzt.

An dieser Stelle ist mehr oder minder die Symmetrie zwischen Toleranz von anderen Weltbildern, die keinen Einfluss auf Funktion unserer Welt und unserer Technik haben, und Toleranz gegenüber schlichtem Blödsinn gebrochen. Ich kann die Evolution leugnen, muss dann aber konsequenterweise auch der Frage nachgehen, wieso der Weizen heute kürzere Stängel hat als früher. Was ist Züchtung anderes als gelenkte Evolution? An der Stelle sollte es „Klick“ machen. Ich kann natürlich auch behaupten, die Erde sei eine Scheibe, es gäbe keine Relativitätstheorie, die ganze Wissenschaft sei blöd oder unnötig. Aber vieles, das Anfang des 20. Jahrhunderts noch Grundlagenforschung oder noch weit, weit weg war, ist heute Alltag. Quantenmechanik (Laser, Halbleitertechnologie, etc.), Relativitätstheorie (da muss man freilich bis zum GPS gehen, weil durch Geschwindigkeit von Satelliten und das andere Gravitationspotential auf den Satellitenbahnen Atomuhren auf den GPS-Satelliten ohne relativitätstheorie-basierte Korrekturen falsch gehen würden und damit das ganze System nicht funktionieren würde).

Ich erinnere mich sehr deutlich an den für die Studenten am schwierigsten zu verstehenden Teil meiner Strahlenschutz-Vorlesung, der mich daher immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat. Das Äquivalenz-Prinzip von Masse und Energie (hängt mit der speziellen Relativitätstheorie zusammen) ist aus unserem Alltagsempfinden heraus schwer zu verstehen. Für uns gibt’s Masse und Energie. Dass etwas leichter wird, weil’s stark zusammengebunden ist, entspricht wegen der Kleinheit des Effekts nicht unserem Alltagsempfinden. Dennoch spielt es in vielen Anwendungen, die wir heute als „gegeben“ empfinden, eine Rolle. Wir machen es uns nur nicht klar.

Ich weiß sicher sehr vieles nicht. Das weiß ich genau! Aber beim Lernen vieler Dinge habe ich deutlich gemerkt, dass wenn ich vermeintlich abstrakte, theoretische Dinge leugne, die aus der Wissenschaft kommen, ich zugleich die Grundlage vieler technischer Anwendungen leugne. Technischer Anwendungen, die nicht nur ich, sondern nahezu alle exzessiv benutzen.

Dass das im Widerspruch zu der Gleichwertigkeit aller subjektiven Realitäten steht, die ich in oben verlinktem Beitrag hochgehalten habe, ist mir bewusst. Für den Moment habe ich keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.

Top-Down vs. Bottom-Up

Viele komplexere Dinge kann man von der Grundphilosophie auf zwei verschiedene Weisen angehen. Da gibt es einmal die Variante „Top-Down“, von einem abstrakten Prinzip auszugehen und dann erst in die Details, während sich Bottom-Up von den Details nach oben arbeitet. Freilich ist das nun recht grob beschrieben, aber für den Moment soll es reichen.

Ich möchte die Präsenz der Konzepte Top-Down und Bottom-Up im Bereich der Ernährung gerade ein wenig beleuchten, allerdings angewandt auf meine konkrete Situation. Ich will dabei keine Anleitung schreiben, sondern eher davon ausgehen, wie es mir mit der Planung meiner Ernährung und den Ratschlägen dazu von außen geht. Gerade die Colitis ulcerosa gibt an vielen Stellen den Bedarf, sich damit zu befassen, was man isst und was man essen sollte. Außerdem gibt das Vorhanden-(aber nicht zwingend dabei auch Aktiv-)sein der Krankheit gerne mal Freunden, Bekannten und Außenstehenden den Anlass, gefragt oder auch ungefragt Ratschläge zu geben.

Tendenziell bekommt man von außen oft Ratschläge, die auf Schlagworten für das ganze Konzept beruhen. Das sind dann ziemlich oft Top-Down-Ansätze. Ein Prinzip wird aufgestellt, benamt das Ernährungskonzept und das als Ganzes bekomme ich dann empfohlen. Eines der Musterbeispiele war, dass ein Bekannter mir zur Paläo-Diät riet. Das zugrundeliegende Prinzip ist klar: Esse nur das, was unseren Jäger- und Sammler-Vorfahren auch zur Verfügung stand. Neben industriell verarbeiteten Lebensmitteln schließt das auch Milchprodukte und diverse Ackerbau-Produkte, insbesondere moderner Züchtungen aus. Paläo oder oft auch als Paleo geschrieben geht ziemlich rum, gerade auch mit dem Ziel, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen zu lindern oder gar zu heilen. Nur um es vorweg zu nehmen: Ich bin keine Paleo-Anhängerin geworden. Ich werde das sicher auch keinem absprechen, denn dass es auch jenseits eines Placebo-Effekts Menschen, vielleicht vielen Menschen gut tut, werde ich sicher nicht in Abrede stellen.

Neben einer prinzipiellen, nicht-ernährungsphysiologischen Kritik an Paleo als Massenphänomen in dicht besiedelten Industrieländern störte mich an der Idee vor allem, dass ich zwar eine einfache Entscheidungsgrundlage hätte, was ich essen darf und was nicht, diese aber nicht auf meinem Ziel basierte. Die prinzipielle Kritik basiert auf der Tatsache, dass das „Revier“ eines Steinzeitmenschen, der sich als Jäger und Sammler durchschlug, ziemlich groß war und groß sein musste, um ihn zu ernähren. Obst, Gemüse und Pilze für den Sammler, Fleisch und Fisch für den Jäger erfordert jeweils eine gewisse Fläche. Ich hab’s nicht durchgerechnet, aber ich würde schwer bezweifeln, dass acht Milliarden Menschen selbst mit modernen Produktionsmethoden „Paleo“ leben können. Natürlich ist diese Kritik scheinheilig: Vieles, das ich esse, kann auch eventuell nicht in nachhaltiger Weise und der Menge, in der ich es konsumiere, für acht Milliarden Menschen von der Erde zur Verfügung gestellt werden. Ich will mein obiges prinzipielles Argument nicht „vergessen“, aber ich muss es seriöserweise wie im Vorsatz geschrieben abmildern. Natürlich ist das nur ein Nebenschauplatz, der Versuch, ein grundsätzliches, ein Top-Down-Argument zu finden, dass ich einfach keine Lust auf Paleo hatte. Naja, ganz so einfach „keine Lust“ ist es auch wieder nicht. Ich hatte Dinge vorgefunden, die in Paleo nicht reinpassten, mir aber nach meiner Erfahrung gut taten.

Selbstverständlich ist Paleo nur ein Beispiel. Da gibt es noch mehr – allerdings oft auch Zeug, das mir nicht empfohlen wurde. Gerade bei Diäten, die zum Abnehmen gestaltet sind, gibt’s da einen Haufen. Nicht, dass ich Prinzipien doof fände, im Gegenteil! Was ich bei Prinzipien allerdings viel wichtiger finde als bei klein-kleinem „Flickwerk“, ist die Konsistenz von Zweck und Konzept. Nennen wir mal das simpelste, abstrakteste, übergeordneteste Diät-Prinzip: Kalorienbilanz. Ich kann nicht abnehmen, wenn ich mehr Energie in Form von vom Körper verwertbaren, chemische Energie enthaltenden Stoffen pro Tag zu mir nehme als ich an Energie verbrauche. Das ist simpel, logisch und ermöglicht mir, meine Handlungen zu bewerten. Beim obigen Beispiel „Paleo“, ohne darauf herumreiten zu wollen (ähnliches gilt auch für andere Konzept-Diäten), benutze ich ein Prinzip. Dass dieses Prinzip meinem Ziel zuträglich ist, kann ich auf zwei Weisen belegen: Erstens auf abstrakte Weise. Ich schließe also von „Der Mensch hat sich evolutionär darauf eingestellt, Jäger und Sammler zu sein. Was er als Jäger und Sammler an Essen verfügbar hatte, muss also gut für den Menschen sein, denn der Mensch hat sich da hin entwickelt, dass diese Speisen und Getränke gut für ihn sind.“ Das ist hübsch, eingängig, aber in keinster Weise per se richtig. Natürlich KANN es richtig sein, aber es klingt erstmal nur richtig – denn unsere Situation heute ist definitiv anders als die jener Menschen, die als Jäger und Sammler lebten: Wir leben wohltemperiert, erheblich bewegungsärmer, auf andere Weise gestresst und vor allem auch viel länger als Steinzeitmenschen. Wenn z.B. die Colitis ulcerosa beim Menschen typischerweise Mitte 20 bis Mitte 30 ausbricht, ist dann der Schluss, dass wir sie als „Zivilisationskrankheit“ durch unsere Nicht-Steinzeiternährung erzeugen oder begünstigen, nicht ein recht weiter Schuss? Menschen werden erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit alt genug, dass Krankheiten, die nach dem dreißigsten Lebensjahr ausbrechen, überhaupt eine Relevanz besitzen. Der große, konzeptionelle Schluss, dass Jäger- und Sammlerernährung besser als Getreide und Milch für uns sei, beruht also auf einem Schluss vom nomadischen, körperlich beanspruchten, sein Adrenalin durch körperliche Tätigkeiten abbauenden Menschen mit einer Lebenserwartung von vielleicht 30 Jahren auf einen sesshaften, körperlich unterforderten, nicht-körperlich stark gestressten Menschen, dessen Lebenserwartung im Bereich von fast dem Dreifachen liegt! Dem möchte ich mich so nicht anschließen. Nochmal: Das ist erstens meine Ansicht und zweitens nur an Paleo als Beispiel durchexerziert. Natürlich gibt es noch ein „zweitens“: Ich kann empirisch nachzuweisen versuchen, dass die Entscheidungskriterien, nach denen ich bei einer Konzept-Diät meine Lebensmittel auswähle, einer Beispielgruppe gut tun. Das ist aufwändig, wird sicher auch gemacht, und wie die Datenlage für die verschiedenen Konzept-Diäten ist, weiß ich nicht.

Denn ich setze nicht auf einen Konzept-Ansatz. Natürlich habe ich einen Top-Down-Anteil in meinem Leben drin: mehr Kalorien raus als rein, wenn ich abnehmen will, etwa eine Balance, wenn ich das Gewicht halten will. Da sind noch mehr Prinzipien. Aber bei der Auswahl der konkreten Nahrungsmittel setze ich auf etwas anderes. Inhaltsstoffe, konkrete Erfahrungen der Verträglichkeit an anderen, ausprobieren, ob’s mir gut tut. Außerdem langsame Schritte, ein Lebensmittel, eine Veränderung testen, danach weiter umbauen. Das ist Bottom-Up, erlaubt kaum griffige Schlagworte, geht langsam voran. Es erlaubt mir allerdings, ein auf mich abgestimmtes Programm zu schaffen. Ich messe mich nicht an einem Riesenprinzip, das größer ist als ich. Vor solchen Prinzipien scheitere ich allzugerne und verbrenne damit meine Motivation für das Prinzip. Ich messe mich an meinem Fortschritt, baue langsam mehr ein, kann Erfolge in der Veränderung schrittweise definieren, erreichen und perpetuieren. Ganz davon abgesehen lässt mich nicht jeder Misserfolg gemessen am Riesenprinzip sofort in die Ausredenschiene fallen, in der ich die die Schlussfolgerung von meinem Ziel auf das Prinzip in Frage stelle – und das oft genug mit Recht!

Daher breche ich meine Lanze für das Bottom-Up-Prinzip.

Radikale Maßnahmen?

Den (vorhandenen) aktuellen Anlass für einen Post dieser Thematik werde ich Euch nicht auseinandersetzen, zumal es sich dabei nicht um mein eigenes Problem dreht. Mir kommt nur zur Zeit ein allgemeines Problem bei der Lösung von problematischen Situationen wieder recht deutlich zu Bewusstsein.

Grundsätzlich gibt es im Leben eine ganze Reihe verschiedener Kategorien von Problemen. Kleine Probleme mit klaren Lösungen gibt’s zwar recht häufig, aber um die soll es hier nicht gehen. Das Leben ist sehr komplex und oft spielen ganz verschiedene Aspekte zusammen, die aus einer Menge kleiner Reibereien und Probleme, die allein lässig gelöst oder ertragen werden könnten, einen riesigen Knoten machen. Ganz konkret möchte ich meine Situation anführen: Sechs Jahre lang pendelte ich nach Stuttgart, fast 90 Kilometer eine Strecke, über eine zunehmend dauerverstopfte Autobahn. Dabei lag mein Lebensmittelpunkt weiterhin nahe Karlsruhe, die Arbeit meines Mannes nahe am Wohnort zwischen Karlsruhe und Rastatt. Dazu bin ich eine sehr auf soziale Interaktion gepolte Person, die rausgeht, Leute trifft, viele Leute kennen mag, während mein Mann ein ruhiger Typ ist, dem es eher zuwider ist, wenn zu viele Personen um ihn herum sind. Ganz langsam, schleichend, über ein paar andere Aspekte, die nicht so toll waren, schlichen sich immer mehr ungesunde Mechanismen in die Situation ein. Mein Mann veränderte sich im Unternehmen beruflich und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, ich laborierte zeitweise mit der Colitis ulcerosa herum, eine von mir gewollte Veränderung an anderer Stelle hing ein Jahr lang in der Luft und scheiterte dann. Aufgaben blieben zwangsläufig liegen und stauten sich an, zugleich wurde die Fahrt zur Arbeit nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv immer länger und unentspannter.

Natürlich entwickeln sich in so einer Situation Momente, in denen man den anderen an die Wand klatschen will – für etwas, das einem sonst ganz egal gewesen wäre. Momente, in denen man sich fragt, ob’s allein nicht besser ginge, ob man nicht die Zwänge des Zusammenlebens abschütteln will. Ich habe das nicht getan, und ich wollte es auch nie wirklich. Aber einfacher wär’s an manchen Stellen schon erschienen, entweder spontan die Pendelei ohne neue Option an den Nagel zu hängen oder von der Beziehung weg, zur Arbeit hin zu ziehen. Nur: Das hätte kurzfristig Momente gelöst, aber neue Probleme geschaffen. Ich habe nicht ohne Grund damals meinen Mann geheiratet und nicht ohne Grund mit einer gemeinsam gekauften Wohnung und mehr Bindungen geschaffen. Vor ungefähr zwei Jahren, so genau kann ich das gar nicht sagen, war recht deutlich zu merken, dass ich immer unzufriedener wurde. Oft äußert sich das bei mir in Laune – und Musik. Ein Freund und mein Mann, mit denen ich regelmäßig Mittwochs am PC spiele, waren geschockt von meiner negativen Reaktion auf ein neues Spiel, das wir ausprobierten. Ich reagierte zwischen resigniert und sauer, wollte aber unbedingt dran bleiben. Ich bin noch immer der Ansicht, dass meine Reaktion überinterpretiert wurde, aber die beiden kennen mich schon lange – und nicht nur durch Spiele, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr gut. Wenn sie eine „schockierende“ Reaktion sehen, dann ist das eine Warnung. Es gab noch mehr. In meinem Kopf vereinigten sich zudem an manchen Stellen Kleinigkeiten, die mein Mann tat (und die eigentlich gar nicht schlimm waren) zu einen vor-sich-hinsingen der Zeile „You know the bed feels warmer sleeping here alone“ aus Kelly Clarksons „Stronger“, weil ich vor lauter Druck das Schöne nicht mehr sehen konnte, all die wichtigen Dinge, die ich aus meiner Beziehung und meinen Freundschaften nehme.

Nun hätte ich aus diesen Momenten, die durchaus nicht wenige waren, einen radikalen Schnitt ableiten können. Zeitweise hätte das vielleicht sogar richtig gewirkt. Es klingt einfach, schafft aber neue Probleme. Meistens kommen solche Probleme aus sich selbst heraus und aus den anderen heraus. Meistens stauen sie sich eine Weile an und lassen sich nicht oder nur mit massivem Kollateralschaden auch auf sich selbst schnell und radikal lösen. Das angesammelte Problem aus vielen kleinen, lösbaren Komponenten, die zu einem verstopfenden, unentwirrbaren Knäuel werden, nimmt man mit sich mit, wenn man es wie den Gordischen Knoten durchschlägt. Die losen Enden verknotet man doch wieder und die Hälfte des Knotens bleibt so unlösbar wie zuvor, durch das nonchalante Wiederverknoten vielleicht sogar noch unlösbarer als der ganze Knoten zuvor.

Liebgewonnenes und für das persönliche Leben und das Umfeld Wertvolles zu erhalten, das man im radikalen Schnitt verlieren würde, kann man aber schaffen. Oft sind die zugrundeliegenden Probleme schwer zu lösen – die Anfangseuphorie nach dem radikalen Schnitt überdeckt sie nur, dann kommen sie wieder. Man sagt ja gerne, dass Menschen doch immer wieder bei demselben toxischen Typus Partner landen, wie oft sie sich auch trennen. Es geht auch nicht darum, den Partner zu ändern, sondern einen nicht toxischen Umgang mit dem Typus Mensch zu finden, mit dem man sich instinktiv gerne verbindet, mit der Art Arbeit, die man gerne und gut macht, und den Hobbies und Freunden, die einem wichtig sind. Das ist unendlich viel schwerer und langwieriger als der radikale Schnitt, aber es ist auch nachhaltiger. Ohne tiefgreifende Analyse und Veränderung des Weges, der in die verfahrene Situation geführt hat, ändert sich nämlich auch nach Trennung nichts. Man wiederholt dann nur. Das Problem an diesen langwierigen, nachhaltigen Veränderungen ist, dass nach Erkennen des Problems erst einmal das Entwerfen von Veränderungen ansteht. Danach kommt das Umsetzen dieser Veränderungen – und insbesondere sich selbst zu verändern ist schwierig und dauert. Nach der Aufbruchsstimmung des erkannten Problems folgt die Ernüchterung: Es dauert, eine adäquate, nicht so viel Pendeln erfordernde Arbeitsstelle zu finden. Es dauert, bequeme und liebgewonnene Schuldzuweisungsmechanismen für eigene Unzulänglichkeiten abzulegen. Oft dauert es sogar, aus der Analyse der Komponenten der komplex-katastrophalen Situation die richtigen Veränderungen abzuleiten, das geht teils in Irrwege, teils ist es schlicht zäh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn eine Situation über lange Zeit und viele, langsam zusammenkommende Komponenten unerträglich geworden ist, braucht’s eine langfristige Veränderung, die nachhaltig ist. Im ersten Moment mag ein radikaler Schnitt wie die Lösung erscheinen. Wenn der Schnitt Raum für diese Veränderung gibt und man mit dem Verlust all der schönen und wichtigen Dinge leben kann, die einen nicht viel früher abhauen haben lassen, okay. Ansonsten ist es aber die Sache wert, durch das tiefe Tal, durch den Trog zu gehen und gemeinsam mit denen, die einen in das Tal begleitet haben, den anderen Hang wieder zu erklimmen.

Ist ein bisschen wie mit einer Diät oder einem Burnout. Wenn ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in falscher Weise zu viel gegessen habe oder in toxischer Weise zu viel gearbeitet oder das zu sehr an mich herangelassen habe, wird das nicht mit zwei Monaten Diät oder Psychotherapie, neuen Klamotten oder einem neuen Job gelöst. Die Mechaniken sind weiter in uns drin. Sie werden uns wieder an den Punkt bringen, wenn die Euphorie und die Aufbruchstimmung des Schnitts vorbei sind. Zwei Monate lang nix essen und dann wieder Burger im Vorbeirennen und Berge von Schokolade am Schreibtisch lösen das Problem nicht. Mit Beziehungen, Familie, Arbeit und dem Konglomerat aus Sozialem und Lebenswandel ist es auch nicht anders.

Am Ende des Tages hat man aus der furchtbaren Situation und einem unendlich erscheinenden Tal Automatismen geschaffen, die einen oben halten, wo vorher welche waren, die einen runterzogen. Ich bin heute glücklicher, stärker und zugleich rücksichtsvoller, aber auch besser im Einfordern von Rücksicht als noch vor drei, vier Jahren. Auch das verdanke ich dem Willen zu bleiben und der Scheu vor dem Davonlaufen, die mich ZWANGEN, an mir und meinem Umfeld zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Verändern dann doch die radikalere Maßnahme als das Davonlaufen oder Rauswerfen.

Doping

Im „Großen“, also beim professionellen und auch beim Amateur-, aber erfolgreichen Wettkampfsport, ist Doping ja ein Riesenthema. Nicht nur, dass es mir den Radsport zum Zuschauen ein Stück weit vergällt hat, es ist zur Zeit ja auch wegen des staatlich unterstützten Dopings in Russland und der dahingehenden Sanktionen in aller Munde.

Ich setze hier nun aber auf einer wesentlich niedrigeren Ebene an. Bei mir selbst. Das Thema beschäftigt mich, da ich ja durchaus Wettkämpfe laufe, inzwischen. Natürlich habe ich mit den Siegen nichts zu tun, aber das sollte ja nicht der Punkt für Ehrlichkeit und Sauberkeit des Sports sein. Warum befasse ich mich nun mit dem Thema Doping?

Nun – es geht dabei um meinen Körper, ganz unabhängig vom Sport. Zum einen habe ich ja eine chronische Erkrankung, dazu kommt ein ererbtes Risiko für Schilddrüsen-Problematiken – meine Mutter hatte Hashimoto-Thyreoditis; das Risiko, diese Krankheit zu vererben, ist recht hoch. Außerdem produziert mein Körper nicht (mehr) die Menge an geschlechtsspezifischen Hormonen, die er sollte. Zu was führt das? Genau: Es führt dazu, dass man für den „Normalzustand“ und teils auch für Vorbeugung Medikamente nimmt. In meinem Falle ganz konkret: Mesalazin gegen die Colitis ulcerosa, ergänzend zur normalen Ernährung Selen für die Schilddrüse und Estradiol, weil’s mein Körper nicht ausreichend selbst erzeugt. Tja, ein Entzündungshemmer, wenn auch lokal für den Darm, ein Spurenelement in höherer Dosierung und ein Hormon. Wie das klingt? Wenn man nicht sagt, warum ich das nehme und nicht sagt, welche Stoffe es sind, klingt das wie ein Doping-Cocktail. Genau das ist der Grund, warum ich darüber nachdenke. Freilich, Estradiol ist nun nicht unbedingt der Leistungssteigerer, aber es gibt ja durchaus die Hormon-Hormon-Umwandlungsprozesse. Andererseits war ich deutlich besser im Muskelaufbau, bevor das fehlende Estradiol ergänzt wurde.

Nachdem ich eben mal nachgeschaut habe, kann ich sagen: Keiner der Stoffe, die ich aus medizinischen Gründen zu mir nehme, taucht auf den Tabellen verbotener Stoffe auf. Dennoch bleibt so ein Gedanke. Ich möchte mich nicht darauf verlassen, dass im Hobby-Sport quasi nicht kontrolliert wird. Denn mir kommt es ja nicht drauf an, nicht erwischt zu werden. Mir kommt es drauf an, nichts Verbotenes zu tun – die Verbote haben nämlich nicht nur den Sinn, den Sport fairer zu gestalten, sondern auch, Athleten davor zu schützen, für den Erfolg mittels Doping ihre Gesundheit zu gefährden.

Farbe

Im Rahmen meines Beitrages zu einem nicht gezündeten Witz kam zwischen mir und einer Freundin die Frage auf, welche Farbe Protonen denn nun wirklich haben. Ich antwortete in der Inbrunst der Überzeugung: Keine. Warum? Nun: Protonen sind sehr, sehr klein – im Femtometerbereich. Das sind 10-15 Meter. Das sichtbare Licht hat Wellenlängen von 400 bis 800 Nanometern, also 10-7 Meter. Langwelligeres Licht wird dabei als rot wahrgenommen, kurzwelligeres als blau oder violett. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass die kleinsten Strukturen, die man mit elektromagnetischen Wellen einer bestimmten Wellenlänge auflösen kann, etwa ein Zehntel der Wellenlänge groß sind.

Im sichtbaren Licht Protonen oder auch Neutronen zu sehen ist also vollkommen aussichtslos. Es stellt sich nun aber noch die Frage: Welche Wellenlängen oder Frequenzen der elektromagnetischen Strahlung absorbieren oder emittieren Protonen? Ich möchte nicht zu tief einsteigen, denn eigentlich will ich auf Farbe hinaus, nicht auf Teilchenphysik. Dennoch, ein bisschen muss ich in diesen sauren Apfel beißen: Atomhüllen sind ungefähr 0,1 Nanometer groß, im sichtbaren Licht also nicht auflösbar – aber sie absorbieren und emittieren sichtbares Licht. Das kommt, weil die Elektronen der Atomhüllen zwischen verschiedenen Schalen – verreinfacht könnte man von Umlaufbahnen sprechen – hin- und herwechseln können. Wechseln sie auf eine Schale weiter außen, brauchen sie dafür Energie – und absorbieren bestimmte Wellenlängen des Lichts. Durch diese Absorptionslinien hat man das Helium entdeckt, weil man im Licht der Sonne fehlende Wellenängen vorfand, die zu keinem auf der Erde bekannten Element gehörten. Natürlich können angeregte Atome durch sich abregen auch wieder Licht emittieren – Licht einer bestimmten Wellenlänge. Bei Übergängen auf der Atomhülle sind viele dieser emittierten Wellenlängen im sichtbaren Bereich, wir können sie also sehen und einer Farbe zuordnen.

Gehen wir von der Atomhülle zum Atomkern, wird alles rund 100.000fach kleiner. Da Protonen genausostark geladen sind wie Elektronen, wir sie aber einhunderttausendfach enger zusammenpacken, wirken viel größere Abstoßungskräfte. Damit wird die Energie, die bei Übergängen frei wird, auch viel größer – so dass der Atomkern typischerweise elektromagnetische Strahlung, also sowas wie Licht, wesentlich höherer Energie aussendet: Energien im Bereich des Millionenfachen der Energien, die von der Atomhülle freigesetzt werden, damit Wellenlängen, die um den Faktor einer Million kleiner sind – Gamma-Strahlung. Die können wir nicht sehen und es gibt auch keinen biochemischen Prozess, der mit einigermaßen gutem Wirkungsgrad einen bestimmten Wellenlängenbereich von Gamma-Strahlung unserem Sehnerv zugänglich machen könnte.

So. Nun komme ich zurück zur Farbe. Wie entsteht unser Farbeindruck? Nun – das ist nicht so schwierig, erst recht, wenn wir gerade von der Physik kommen. Unser Auge hat vier Rezeptoren für Licht: Die nur auf Hell oder Dunkel reagierenden, sehr empfindlichen Stäbchen und drei, bei manchen Leuten vier verschiedene Typen Zapfen. Die Sehzapfen haben ihren höchsten Wirkungsgrad für das Verwandeln von einfallendem Licht in Sinnesreize in unterschiedlichen Bereichen. Weil die Sehzapfen ihre Wirkungsgradmaxima jeweils in Bereichen haben, die wir dann Blau, Grün und Rot nennen, können wir Farben aus diesen Grundfarben zusammensetzen. „Blau“ ist dabei aber nicht „eine Wellenlänge“, sondern alles, was mehr Licht im Bereich um 420nm Wellenlänge herum enthält als anderes Licht, sehen wir als Blau. Da unser Sehen ein wesentlich komplexerer Vorgang ist als nur „Licht fällt ein, Sehsinnesreiz entsteht“, müssen wir die Wechselwirkungen innerhalb der Netzhaut, den Sehsinnesnerv und unsere optische Nachbearbeitung in den Gedanken einbeziehen, wo Farbe entsteht. Zunächst einmal sieht man dem Signal, das  auf dem Sehnerv transportiert wird, nicht an, ob es vom Zapfen mit 420nm Wirkungsgradmaximum, vom Zapfen mit 534nm Wirkungsgradmaximum oder vom Zapfen mit 564nm Wirkungsgradmaximum erzeugt wurde. Viele Signale vieler Rezeptoren mit einem Sehzentrum im Hirn, das anhand des jeweils ankommenden Kabelstrang weiß, welche Art Sinneszelle am anderen Ende hängt, werden dann zu einem Farbeindruck zusammenprozessiert.

Puh. Das war viel, oder? Fand ich auch. Ich hoffe, ich habe nicht zu stark vereinfacht und bin nicht zu schnell vorgegangen. Aber ich brauche diese Voraussetzungen, um meinen Gedanken aufzubauen. Denn: Nach der Frage einer Freundin, ob nicht vielleicht irgendein Wesen, das einen anderen Rezeptor für elektromagnetische Wellen hat, vielleicht doch sagen könnte, welche Farbe Protonen haben, kam in mir Widerwille auf. Ich konnte es nicht genau benennen, WARUM, aber ich war mir ganz sicher, dass man nicht einfach hingehen, einen Rezeptor definieren und den ausgelösten Eindruck dann eine neue Farbe nennen kann, die dann die Farbe eines Protons ist. Spricht ja eigentlich nichts dagegen, oder? Wie gesagt, meine Intuition brüllte: „NEIN! Das geht so nicht!“, aber meine Ratio fand keine Begründung. Ich habe das dann noch mit der Freundin weiter diskutiert und wohl ziemlich weit ausgeholt, dann hatte ich darüber noch eine Debatte mit einer anderen Freundin. Inzwischen habe ich, glaube ich, herausgefunden, wo der Grund für diesen Widerwillen liegt.

Dafür fragte mich eine Freundin: „Was hindert uns daran, eine Farbe ‚Gnirf‘ mit beispielsweise 345nm Ansprechmaximum des zugehörigen Sehzapfens zu definieren?“ Die Debatte war etwas länglich, im Endeffekt fand ich im ersten Satz des Wikipedia-Artikels zu Farbe meine Begründung.

Farbe ist ein durch das Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird, genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer.
Quelle: Wikipedia.

Ja. So einfach ist das. Farbe ist der Sinneseindruck, der durch Auge und Gehirn vermittelt wird und durch Licht bestimmter Wellenlänge hervorgerufen. Hier liegt mein Unbehagen bei der Farbe „Gnirf“. Unser Gehirn wird sie dann doch nur wieder als eine der Farben interpretieren, die wir kennen.

Natürlich können wir nun fragen: „Was, wenn es einen weiteren Rezeptor gibt, der ans Auge angeflanscht ist und…?“ Gute Frage. Es gibt solche weiteren Rezeptoren, denn manche Menschen besitzen einen vierten Typ Sehzapfen mit Anschlagmaximum im Türkis, bei 498nm Wellenlänge. Nun kann man die Frage stellen, ob diese Tetrachromaten mehr Farben sehen – oder nur unsere Farben auf andere Weise. Sicher, das additive Farmischsystem funktioniert bei ihnen immer noch irgendwie so ähnlich wie bei den Trichromaten. Wie wir mit dem Sinneseindruck „Farbe“ umgehen, ist nämlich in hohem Maße Konvention. An dieser Stelle ist die Sichtweise „Farbe“ auf den unserem Erleben zugänglichen Ausschnitt des elektromagnetischen Spektrums ein grundlegend anderes Paradigma als die Sichtweise „Wellenlänge“. Wir haben für unser Erfassen von elektromagnetischen Wellen das Konstrukt Farbe, das an unser ganzes biochemisches System gekoppelt ist, den ganzen Ballast aus emotionalen Reaktionen auf bestimmte Farben, Instinkten bei bestimmten Farbkombinationen beinhaltet und somit kaum von unseren biologischen Rezeptoren und der Nachbearbeitung im Gehirn abkoppelbar ist. Speise ich in dieses System, das aus dem direkten Erleben des Feuerwerks, das Sehzapfen, Netzhaut, Sehnerv und Sehzentrum mit uns veranstalten, einen Reiz ein, der eine andere Wellenlänge repräsentiert, wird dieser Reiz im Kontext unseres Erlebens verarbeitet und ist somit – eine Falschfarbe. Schaffe ich ein System, das hinreichend weit von unserer optischen Signalverarbeitung abgekoppelt ist, dass ich wirklich und wahrhaftig den Output eines Sensors für hochenergetische Gamma-Strahlung einkoppeln kann, lande ich bei einem Sinnesreiz-Interpretationssystem, das nicht mehr unser Konzept von Farbe ist, sondern etwas Anderes.

Das Erfassen elektromagnetischer Wellen als Spektrum mit vielen verschiedenen Wellenlängen ist hinreichend allgemein, um neue Frequenzen einzukoppeln – aber es ist nicht unser Konzept von Farbe.

Ich habe mein Unbehagen und den Grund dafür also aufgelöst, indem ich unsere Idee von „Farbe“ als ein Konstrukt (oder eine Gesamtheit von Konstrukten) definiert habe, das nicht beliebig auf andere Wellenlängen verallgemeinerbar ist, ohne mit dem Bezug auf unser Erleben von biochemisch wahrgenommenen, neuronal aufbereiteten Daten eine seiner wesentlichen Eigenschaften zu verlieren. Ein ähnlich geartetes, erweitertes oder erweiterbares Konstrukt „Farbartige Gesamtheit von menschlichen und hypothetischen weiteren Sinneseindrücken ausgelöst von elektromagnetischen Wellen“ halte ich nicht für undenkbar, spreche ihm aber wesentliche Eigenschaften des Konstrukts, das ich unter „Farbe“ verstehe, vehement ab.

Offenbar ist es mal wieder Zeit, mir vor Augen zu führen, dass die aus dem radikalen Konstruktivismus für mich resultierende Toleranz für andere Sichtweise auch beinhaltet, dass andere möglicherweise Farbe nicht mit all dem Eigenschaftenballast überfrachten, den ich als integralen Bestandteil des Konzepts Farbe empfinde.

T-Renn-D

Es ist eine seltsame Sache.

Entweder ich bemerke es derzeit einfach mehr, oder ich stecke die Leute damit an. Jedenfalls ist in meinem Freundeskreis derzeit vermehrt Bewegung, Sport, Aktivität angesagt. Mein Mann läuft mit mir. Etliche Freunde versuchen es mit dem Laufen, oder versuchen es wieder mit dem Laufen. Eine Freundin will wieder Fahrrad fahren.

Nun stelle ich mir die Frage, wieso ich das gerade so bemerke. Möglichkeit eins wäre, dass ich einfach nur mehr bemerke, was an Sport in meiner Umgebung abgeht, da ich darauf sensibilisierter reagiere, weil ich selbst wieder eine Menge Sport treibe. Dann gibt es noch die Möglichkeit zwei – die gliedert sich in zwei Unterpunkte auf: Zwei „a“ wäre also, dass ein genereller Trend zugrunde liegt, sprich: aufgrund irgendeines externen Reizes oder Grundes habe nicht nur ich dieses Jahr wieder viel Sport zu treiben begonnen, sondern auch mein Umfeld – wir folgen also alle demselben Trend. Die andere Möglichkeit, zwei „b“ sozusagen, wäre: Mein Sport treiben, mein erzählen vom Sport hat andere dazu animiert, es ebenfalls zu tun.

Meine Egozentrik suggeriert natürlich Möglichkeit 2b, folge ich der Idee verschiedener Realitäten in Anlehnung an den radikalen Konstruktivismus, halte ich Möglichkeit 1 für am wahrscheinlichsten. Aber Möglichkeit 2a hat auch ihren Reiz, auch wenn ich den Auslöser nun wirklich nicht benennen kann.

Komische Gedanken aus dem Urlaub …