[KuK] Retro-Gedanken

Es passiert mir immer mal wieder, dass ich Gedanken an Geschichten, die sich in meinem Kopf abspielten, wieder ausgrabe. Zu den meisten habe ich irgendwo Mails, Textdokumente, Chatlogs, die einen Teil davon dokumentieren. Mein Kopf ergänzt den Rest und dann entsteht was Neues draus.

Am vergangenen Wochenende kam es dazu. Ich hatte nach einer ganz schlechten Nacht von Freitag auf Samstag gemeinerweise noch eine Nacht in der der Schlaf nicht kommen wollte, von Samstag auf Sonntag. Da habe ich dann Dinge gelesen, Geschichten im Umfeld der Hauptfigur von „Am Rand des Strömungsabrisses“. Und prompt kamen alte Geschichten im Kopf wieder auf, unterfüttert von Aufgeschriebenem, das ich anderen gezeigt hatte, oder für mich selbst notiert.

Inzwischen hat sich das alles wieder beruhigt, aber Jenny Korrenburr und ein Haufen Charaktere rings um sie herum sind wieder präsent in meinem Kopf. Nicht unangenehm ist das, es hilft mir, mich von Dingen abzulenken, die in meinem Kopf herumspuken, die ich aber in dem Moment oder generell nicht ändern kann.

Mal sehen, wie lange es hält, wäre schön, mal wieder ein bisschen in diesem Geschichtenumfeld zu verweilen.

Eitler Traum

Mein Unterbewusstsein ist eitel. Aufgrund der einen oder anderen Quelle, die ich am Ende dieses Beitrages nennen werde, schickte es mir in der Nacht von Freitag auf Samstag einen Traum, dessen Fragmente, an die ich mich erinnerte, ich im Wachsein mit Elementen meiner Erinnerung verwoben habe… heraus kam das Folgende:

Ein Traum

Ich laufe. Seit Stunden laufe ich… doch nun nähert sich mein Lauf seinem Ende, ich weiß es. Eben bin ich rechts abgebogen, zwischen der Europahalle zu meiner Linken und dem Europabad zu meiner Rechten laufe ich hindurch. Leute rufen meinen Namen, manche haben ihn von der Startnummer abgelesen, andere sind wegen mir hier, hinter den Absperrungen. Da vorne kommt eine Treppe, nicht?

Nein, da kommt keine Treppe, die Strecke führt über die Fahrradrampe hinunter, auf den Parkplatz hinunter. Ich schaue auf meine Uhr – 4:10 pro Kilometer, ich bin etwas langsamer geworden. 41,95 Kilometer… auf die Zeit zu schauen traue ich mich nicht. Ich weiß, die abgelaufene Zeit, sie steht links neben der Pace auf dem Display, unter der gelaufenen Strecke, aber ich bin hinreichend erledigt – und euphorisch – um es zu schaffen, nicht darauf zu schauen. An den Absperrungen stehen sie, drei, vier Reihen, rufen, feuern an. Ich sehe zwei rot-gelbe Trikots meiner Sport Löwen Baden, sie jubeln mir zu, rufen eine Zeit. Ich verstehe sie nicht, will sie noch nicht verstehen. Vor mir läuft jemand über die Strecke, hebt ein rot-weißes Flatterband, das in eine Kette geflochten ist. Wie jetzt?!?

Ach so. Der Übergang. Eine Insel aus Absperrungen haben sie in die Strecke gebaut, ein Kanal aus Absperrungen führt geradeaus daran vorbei, der andere in einer Rechtskurve. Abwechselnd sperren sie die eine, dann die andere Seite, damit die Leute rüber können, ohne die Strecke zu unterbrechen. Auch die, die auf der Verkehrsinsel in der Strecke darauf warten, die Strecke vom Stadion weg zu überqueren, jubeln mir zu. Die „Verkehrsinsel“ – gleich geht es ins Stadion… in meinem Kopf ein Geräusch: Klaviertöne – Dim-Dim-didim, dim-dim-didim…

Kein Blick mehr auf die Uhr. Ich zupfe an meinem gelb-roten Trikot, habe den Eindruck, es ist über die Laufhose hochgerutscht… das „Picard-Manöver“. Aber nein, mein Trikot sitzt gut, es ist nur patschnass. Ich fühle die Magneten, die die Startnummer halten. „M1701“ steht darauf, ich sehe es nicht, aber ich weiß es. Der Magnet unten rechts ist da, der unten links auch. Die oberen müssen auch da sein, dennoch taste ich danach. Sind es jetzt die schwarzen mit dem „Never give up!“ darauf oder die pinken mit der Läuferinnensilhouette? Die Pinken, sie müssen es sein. Ich schaue aber nicht nach. Es reicht mir zu sehen, dass die schwarz-neongrünen Escalante Racer an meinen Füßen noch da sind. Klaviertöne: Di-di-dididiii-diii-dim…

Ich biege in die letzte Rechtskurve, hinein ins Beiertheimer Stadion, rechts der Beginn der Tribüne, links die Mauer. Durch diesen schmalen Durchgang laufe ich. Die Rasenfläche ist voller Halbmarathonis, glückliche Finisher. Ich laufe… ich laufe immer noch! Gleich bin ich da! Quälend langsam verschiebt sich mein Sichtfeld, die Bühne für die Siegerehrung kommt in Sicht, daneben muss gleich die Zielgerade, das Ziel in Sicht kommen, am Ende der Tartanbahn. Bilde ich mir die Klaviertöne wirklich nur ein?

Die Zielgerade, ich überblicke sie nun völlig. Auf der Tribüne stehen Leute auf, wollen die etwa gehen, wo ich nun reinkomme? Irgendwo da müssen sie sein, mein Mann, mein Vater, Freunde, Vereinskameraden, Kollegen… aber mein Blick wird mehr zum Tunnel. 2:53:57 steht in großen, roten, digitalen Ziffern auf der riesigen, schwarzen Anzeige neben dem Ziel. 2:53:58…59… 2:54:00. Ich höre eine Stimme: „Each day I live / I want to be…“

Ich sehe die Tartanbahn, gleich laufe ich am Ende der Nordkurve auf die rostrote Bahn. Ich sehe die Bahn, die Absperrung, die Uhr. Auf der Tribüne schwillt Jubel an. Die Durchsage des Stadionsprechers verstehe ich nicht, nicht ansatzweise. Geht es da um mich? Zwei männliche Marathonis sind vor mir noch auf der Strecke, ich überhole Nachzügler des Halbmarathons. 2:54:10…11…12. Die spielen das nun nicht wirklich, genau jetzt, jetzt gerade? „A day to give / the best of me“

Von den Knochensteinen geht es auf die Tartanbahn. Ich spüre, wie der Boden anders federt. Greife ein letztes Mal an meinen Pferdeschwanz, zupfe die Haargummis fester, nun wippen die Haare wieder, zumindest die, die nicht aus der Frisur entkommen sind. Ob’s zu fest ist? Egal, in 120 Metern ist es rum, soll der Rücken sich doch davon verspannen! Warte mal, wird das nicht knapp mit der Musik? 2:54:19…20…21. „I’m only one / but not alone / my finest day / is yet unknown“

Sie spielen es wirklich und es wird knapp. Aber der Jubel, die Freude um mich herum – ich bin bald da, ich habe es bald geschafft. Noch sind es nicht 2:55… Wahnsinn! Klar ist der Baden-Marathon flacher als der TCS-Marathon in New York, aber „Jaja“ ist in New York 2:55 gelaufen, ich kann noch darunter bleiben. Ich habe eine Chance, es sagen zu können. Was sagen zu können? Egal, sie jubeln. Es ist mir egal, dass drei Nachzügler des Halbmarathons nebeneinander laufen und ich erstmal kurz auf 5:00 pro Kilometer runter muss, um eine Lücke zu finden. 2:54:25…26…27.I broke my heart / fought every gain / to taste the sweet / I face the pain“

Mann, die spielen es wirklich! Ich setze einen Fuß vor den anderen, die Halbmarathoni-Gruppe vor mir macht eine Lücke auf für mich, erschrocken, dass da wer auf leisen Vorfußläufersohlen heransprintet. Dann brüllen sie mir zu: „Du schaffst es! Noch 100 Meter!“ Hundert, denke ich mir? Quatsch, bestenfalls 75, eher 65! Mein Gott, die rufen meinen Namen. Da vorne, was machen die denn da? Gibt’s jetzt etwa eine Verkehrsinsel am Zieleinlauf? Ein Band heben sie hoch, spannen es unter dem Zielbogen… 2:54:38…39…40. „I rise and fall / yet through it all / this much remains“

Habe ich verpasst, dass sie meinen Namen durchsagen? Haben sie mich verpasst? Nein… „Talianna Schmidt…“ Mehr verstehe ich nicht. Einer tritt fast in meinen Weg, was will der? Aber meine Hände greifen automatisch zu… eine rot-gelbe Fahne… das Motiv wird schon stimmen. Ich halte sie hoch, hoffentlich richtig rum, spüre, wie sie sich hinter mir entfaltet, reiße unwillkürlich die Arme dabei hoch, damit jeder die Fahne sieht. Ich müsste den Kopf mehr drehen, um die Uhr nicht aus dem Blick zu verlieren… 2:54:46…47… die letzten paar Meter, die Uhr sehe ich nicht mehr, aber das Band, in das ich hineinlaufen, das ich zerreißen soll. „I want one moment in time / when I’m more than I thought I could be“

Ich zerreiße das Band! Es federt mich nicht zurück auf die Strecke, wie ich erst dachte… soll ich mir eine Finisher-Medaille nehmen? Nein, sie weichen zurück, ich soll weiter laufen, quasi Ehrenrunde… ich trage die Baden-Fahne um die Kurve auf die Gegenbahn, sie jubeln mir zu, jemand brüllt: „Zwei-Vierundfünfzig-Dreiundfünfzig! Schneller als Jalabert beim New York Marathon“ Aus den Lautsprechern jubelt Whitney Houston: „When all of my dreams are a heartbeat away / and the answers are all up to me / give me one moment in time / when I’m racing with destiny / then in that one moment in time / I will feel / I will feel eternity“

Abspann

Nein, das ist keine Realität gewesen. Meine bisherige Marathon-Bestzeit ist 3:18:33, auch wenn ich seit dem meine Zehnkilometerbestzeit von 40:05 vor der Marathonbestzeit auf inzwischen 38:41 verbessert habe, auch wenn meine durchschnittliche Trainingsstrecke gewaltig angewachsen ist, ich also mein Tempo wahrscheinlich besser auf die Marathondistanz umsetzen kann und auch wenn ich beim Aufstellen dieser Bestzeit wegen schmerzender Zehen, die zu sehr in die Zehenboxen der Schuhe geschwollen waren, etliche Minuten auf den letzten zehn Kilometern verloren hatte. Das ist nur mein eitles Unterbewusstsein, das mir diesen Traum geschickt hat und den ich im Wachzustand aufgeschrieben und vielleicht ein bisschen ausgeschmückt habe.

Quellen für diesen Traum sind:

  • Das Video von „One Moment in Time“ mit all den Szenen von den Sommerspielen in Seoul, das ich mir Freitagabend angeschaut habe.
  • Das Wissen, dass ich langsam wirklich in Richtung des Traumes eine Sub-Drei-Stunden-Marathons trainiere und die Erkenntnis, dass ich mir das allmählich wirklich zum Ziel gesetzt habe.
  • Die Erinnerungen an zwei Teilnahmen beim Baden-Marathon auf der Marathondistanz.

Incredible!

Gestern Abend gab es bei uns im Heimkino endlich eine „Nachholaktion“. Nachdem mein Mann und ich Fans von „The Incredibles“ sind und den ersten Film total toll fanden, kam nun der zweite aus der Reihe dran.

In der Runde war schon „Kein Cape!“ ein geflügeltes Wort, und jeder wusste, dass ich ganz großer Violetta-Fan bin. Nun kam die Superheldenfamilie aus Helen „Elastigirl“ Parr, Robert „Bob“ „Mr. Incredible“ Parr, Violetta Parr, Dash Parr und Jack-Jack Parr wieder, und natürlich gab’s großes Chaos, Drama und einiges zu lachen. Dass Bob übernimmt, sich um die Kinder zu kümmern, während Helen als Elastigirl Promotion für die Legalisierung der Superhelden macht, fand ich eine ganz herrliche Wendung – auch, dass ihm klar wird, wie schwierig so manches ist. Stark finde ich, wie er es auf immer noch sympathische, sehr bemühte Weise verbockt, sich dann aber auch dafür entschuldigt.

Es gibt ja oftmals einen Fluch der zweiten Teile. Erfolgreiche, originelle Konzepte scheitern gerne im Sequel, welches das neu geschaffene Franchise melken soll. Angesichts des Abstands zwischen den beiden Filmen – geschlagenen 14 Jahren – konnte man sich recht sicher sein, dass das hier nicht der Fall sein würde. Wie sich das Konzept der „Incredibles“ an den Wandel der Zeiten anzupassen vermochte, weiter schreiend komisch ist und auch schrullige Charaktere wie Edna E. Mode wieder auf den Schirm bringt – und das tatsächlich auch in neuen Aspekten, das ist schon toll.

Wie so oft, wenn ich einen Film wirklich klasse finde, arbeitet sich mein Kopf daran ab, meine Phantasie. Im Falle der „Incredibles“ hat sich am zweiten Teil nicht entzündet, dass ich einen eigenen Charakter in die Welt hineingesetzt habe, sondern eher, dass ich mich von den Charakteren inspiriert fühlte. Insbesondere die scheue, pubertierende Violetta Parr (Superfähigkeiten: Schildblase ausbilden und unsichtbar Werden – scheu eben) rührt mich zutiefst an, und so arbeitete sich mein Geist beim Einschlafen am Samstagabend, in Träumen und zwischendrin an der Phantasie eines Mädchens mit Superfähigkeiten ab, die einerseits nur dazugehören will – aber es wegen Außenseitertum nicht tut und als Superheldin auch nicht täte – und andererseits nur helfen möchte. Nicht in der Comic-Welt von den „Incredibles“, aber das macht ja nichts. Ich bin mal gespannt, welche Spuren in meinen Gedanken der Film sonst noch hinterlassen hat – oder eher die beiden Filme. Das wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Für den Moment sage ich einfach nur: „Spät nachgeholt, aber das hat sich gelohnt – so ein schöner Filmabend zu zweit und so tolle, phantasie-anregende Nachwirkungen!“

Warum ich schreibe

Die Frage stelle ich mir gelegentlich, eigentlich sogar öfter. Das bezieht sich nun erstmal nicht auf diesen Blog. Die Highway Tales habe ich angefangen, weil ich über meine Erlebnisse beim Pendeln schreiben wollte, mit der Zeit wurde sowas wie ein Tagebuch daraus, in dem manchmal Gedanken, manchmal Erlebnisse und manchmal auch irgendwas niedergeschrieben wird. Auch wenn mal nicht so Wichtiges dazwischen ist, sorgt die Regelmäßigkeit dafür, dass ich nicht „aus Gewohnheit“ nicht schreibe, wenn mal was Wichtiges in meinem Kopf herumgeht. Aber eigentlich sollte es gar nicht um diese Motivation gehen – also: „Exkurs: Ende!“

Warum schreibe ich also meine Geschichten auf? Zunächst einmal gehen mir dauernd Geschichten im Kopf herum. Die Geschichte um Esther Goldstein-Howard, der Howard-Goldstein-Vortex, begann auch als so eine „Im-Kopf-Geschichte“. Zunächst hatte ich erste Bilder im Kopf, eine Vorstellung, wer Esther ist und was sie tut, dann kamen immer mehr Gedanken dazu. Immer wieder wälzte ich die Geschichte, erzählte sie in Teilen Leuten – zunächst meinem Nenn-Bruder, Codename Q, danach dem Pärchen, mit dem ich mehr oder minder regelmäßig DSA spiele. Auch mit anderen Geschichten lief es so, zum Beispiel auch mit der Geschichte von Jenny Korrenburr, deren ersten Teil ich als „Am Rand des Strömungsabrisses“ veröffentlicht habe. Auch hier gab es Testläufe, Gedankenspiele, Chat-Rollenspiele mit meinem Nenn-Bruder, ich hab’s immer wieder Freunden erzählt – und natürlich oft zuerst und vor allem meinem Ehemann. Mit einer in der Schublade liegenden, großen SciFi-Geschichte namens „Sternenbrennen“ verhält es sich ähnlich. Für Sternenbrennen habe ich noch keine Ambition, es öffentlich zu machen, auch wenn es schon ein großer, ausgearbeiteter Storybogen mit eigener Welt ist. Diese Geschichten sind in meinem Kopf immer präsent. Selbst aus kleinen Bildern, die ich für irgendeinen emotionalen Zweck im Kopf habe, entwickle ich Hintergründe, Persönlichkeiten, Handlungsstränge – sogar, wenn es sich nur um eine erotische Phantasie zum mich selbst anheizen handeln sollte. Die Geschichten sind also DA.

Viele davon schreibe ich auf. Es gibt da mehrere Formate: Ich erzähle sie jemandem per Email, ich notiere sie mir in kleinen Text-Dateien, die dann ausufern, ich chatte mit Freunden darüber und sammle die Chat-Protokolle in Dateien, erstelle Listen von Charakteren, bevorzugt mit der Option, sie zu ordnen und zu verknüpfen, gerne auch als umfangreiche, sortierbare Excel-Dateien … der Text ist da, aber nicht aufbereitet, um ihn vorzuzeigen. Meistens fehlen auch große Teile des Korpus der Geschichte, weil ich mir nur Gedankenstützen notiere, nur das Skelett – das Fleisch der Geschichten ist in meinem Kopf. Über vieles Erzählen ermutigten mich Freunde, die Dinge niederzuschreiben – und irgendwann führte das zu kleinen Geschichten und dann eben auch dem Buch „Am Rand des Strömungsabrisses“ sowie dem Blog „Howard-Goldstein-Vortex“. Über die richtige Form für meine Geschichten halte ich noch Experimente ab, vielleicht auch darüber, welche Form zu welcher Geschichte passt. Große Literatur zu schaffen, das ist nicht mein Anspruch. Ich hätte nichts dagegen, aber das ist einfach nicht das, was bei meinem Schaffensprozess herauskommt, da bin ich mir sicher. Erfolge zu schaffen – ja, schön wäre das, aber ich bin vermutlich nicht die Person, die mit der richtigen Geschichte in der richtigen Form zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Damit kann ich leben, auch wenn ich manchmal träume und die Nicht-Erfüllung solcher Träume sich manchmal so anfühlt, als hätte man etwas verloren.

Warum veröffentliche ich also, was ich phantasiere, durch Erinnern und Vergessen filtere, erzähle, sortiere, niederschreibe und doch wieder umsortiere? Ganz einfach: Ich kann’s nicht jedem persönlich erzählen, und vielleicht mag’s ja irgendwer. Wenn ich durch die Veröffentlichung in Schriftform auch nur das Leben einer Person bereichere, die diese Geschichten ohne die Veröffentlichung nicht mitbekommen hätte, habe ich schon etwas erreicht – selbst wenn ich nie davon erfahre. Und deswegen schreibe ich: Weil ich glaube, dass wir alle Geschichten brauchen, und weil ich mittlerweile – zu meinem Entsetzen – erfahren habe, dass nicht in jedem Kopf eine solche Fülle von Geschichten sprudelt wie in meinem, dass viele Menschen tatsächlich größtenteils auf Geschichten von außen angewiesen sind. Sicher könnte ich sagen: Die, die besser schreiben können, ausgefeiltere Geschichten am Puls der Zeit verfassen, könnten dieses Bedürfnis bedienen und ich brauch’s nicht zu tun. Aber da ich gerne schreibe und meine Geschichten an die Leute bringe, kann ich’s auch tun. Selbst wenn’s nie erfolgreich sein wird – es kostet mich nicht viel, und vielleicht bringt’s jemandem was. Mir bringt es jedenfalls etwas, denn es ordnet die Fülle der Geschichten in meinem Kopf und hält mich bei Stange, weiter zu Phantasieren. Denn wenn in meinem Kopf das Phantasieren versiegt, fühle ich mich wie tot, und das hat mich die paar wenigen Male, die es in meinem Leben passierte, so erschreckt, wie sonst gar nichts, das mir bisher passiert ist. Und DESWEGEN schreibe ich.

Wenn ich mir Dinge vorstelle …

… wird das zumeist recht schnell sehr plastisch. Keine Phantasie von Körpern ohne Gesichter, Namen, Geschichten, Eigenschaften, nichtmal erotische ohne all das.

So auch zur Zeit mal wieder. In meinem Kopf entsteht derzeit ein ganz verrücktes Haus. Genau genommen entsteht es sogar WIEDER. Dieses verrückte Haus habe ich mir schon einmal vorgestellt. Es handelt sich hierbei um ein Haus am Hang, das mehr oder minder um einen Infinity Pool arrangiert ist. Der Pool ist etwas mehr als zwei Meter tief, an zwei Seiten umgibt ihn das „Erdgeschoss“ des Hauses, auf der Höhe des Plateaus, an dessen Hang sich das Haus befindet. Das Gelände fällt nach Süden um zwanzig Meter ab, der Pool ist in das obere von zwei Sockelgeschossen eingebettet – der Clou ist aber, dass drei Räume im „Keller“, eigentlich dem oberen Sockelgeschoss, gut wärmeisolierte Fenster mit Blick in den Pool haben. Der Raum im Osten hat auch, unterhalb der Hangkante, Fenster nach Osten, so dass morgens die Sonne durch den Raum im Osten das Wasser des Pools erleuchtet und so indirekt in die Räume mit Fenster ins Wasser hinein leuchtet.

Eines der Zimmer nördlich des Pools ist das Schlafzimmer der extravaganten Bewohnerin, die eher eine Einzelgängerin ist. Ihre Geldquelle habe ich mir überlegt, lasse sie aber hier gerne im Dunkeln, weil sie das auch so täte. Sie ist ein Partytier, aber in ihr mondänes Haus lässt sie kaum jemanden rein, gelegentlich verschleiert sie auch vor ihren Freunden, wo sie wohnt, indem sie mal den Eingang oben am Plateau und mal den unten am Hang benutzt.

Sie hat natürlich auch einen Namen und ich sehe ihre Handtücher unordentlich auf der hölzernen Sockelbank am Fenster in den Pool liegen, sandfarben und blau.

Imagination ist etwas wundervolles. Ob ich mehr von Mara und ihrem Haus erzählen mag? Ich weiß es nicht. In jedem Fall liebe ich die Vorstellung, den All- und Nichtalltag in dem Haus und außerhalb. Auch wie sie sich fragt, ob sie einsam ist, weil sie auf Parties in der Mitte des Trubels, aber daheim immer allein ist. Wie Sonnenbrille und dunkelblonder Pferdeschwanz zu ihrer „Maske“ draußen gehören, sie schon über ein bisschen ungewöhnliche Kleidung Distanz aufbaut.

Was man so phantasiert und niederschreibt, wenn man am Albtalbahnhof auf den Anschluss wartet …

Wie das Leben so spielt

Ich gehe auf dem Weg von der Bahn zur Arbeit seit dem zweiten Juli 2018 fast stets an einem Laden vorbei, der in Karlsruhe am Lidellplatz sein Schaufenster hat. Es ist ein Laden voller Zeug und Kram, also diverses Gebrauchtes, das größtenteils den Eindruck erweckt, nicht praktisch, sondern künstlerisch und/oder schön zu sein. Ich hasse und liebe solche Läden zugleich, denn es gibt so viele tolle Dinge dort – aber ich bin so gar kein Mensch, der tatsächlich viel umdekoriert. Dekoration soll beständig sein, nicht ständig wechseln, sie soll nicht im Weg sein und nicht überladen wirken. Das schränkt die Zahl der dekorativen Gegenstände stark ein, da die Zahl der Plätze dafür beschränkt und ein Mehrfachbesetzen der Plätze durch Dekorations-Veränderung über die Zeit meine Sache nicht ist.

Nun blieb aber der Wunsch nach einem bestimmten Objekt in der Auslage konstant seit – nun, seit ich dort vorbeilaufe, glaube ich. Es dreht sich um ein Buch, „Träume in Samt und Seide“, das Opern-Kostüme darstellt. Es ist dick, schwer und gebunden, kein Taschenbuch, und ich habe schon oft davor gestanden und mich gefragt, welche Schätze sich zwischen den Buchdeckeln verstecken. Nun habe ich gestern beschlossen, mich dazu durchzuringen, das Buch zu kaufen. Der Laden hat nicht unbedingt dauernd auf, da die Besitzerin ihn nur nebenbei betreibt – das vertröstete mich auf heute. Als ich dann vor dem Laden stand, war die Besitzerin gerade am Öffnen. Sie fragte, was ich suche, und ich erklärte, ich hätte schon gefunden – und deutete auf das Buch. Ihr entgleisten beinahe die Gesichtszüge: Das Buch sei reserviert – und zwar seit drei Tagen. Erst seit drei Tagen! Eine angehende Kostümdesignerin hatte die Besitzerin bei einer gemeinsamen Fahrt auf eine Messe in Frankreich angesprochen, ob sie das Buch haben könne. Besagte Messe war auch der Grund, warum der Laden gestern zu war.

Nun haben binnen weniger Tage zwei Frauen, die völlig unterschiedliche Dinge tun und seit vielen Monaten an der Schaufensterauslage vorbeilaufen und das Buch sehen, die Idee, nun endlich zuzuschlagen. Das ist ein Ding!

Ich gab der Besitzerin meine Kontaktdaten, falls sie das Buch wieder bekommt. Ich möchte lokale Läden unterstützen und werde daher erst einmal abwarten – denn ich habe gesehen, es gibt das Buch auch antiquarisch bei Online-Händlern gebrauchter Bücher. Mal sehen, wann die Besitzerin sich meldet – ich bin gespannt. Gleichzeitig bin ich auch noch amüsiert und zugleich begeistert, dass ich nach mehreren Monaten „Anlauf“ nun um ein paar Tage zu spät komme, und das Rennen gegen eine junge Dame verliere, die in ihrem Beruf sicher mehr mit dem Buch anfangen kann als ich. Ich hoffte nur auf Ästhetik, sie wird anhand der Inspirationen aus dem Buch neue Ästhetik schaffen. Das bedeutet was, finde ich.

Phantastik-Pedanterie

Für die Welt Tethys, auf der eine Menge meiner Phantasie spielt, habe ich schon Landkarten gezeichnet, Firmen entworfen und einiges mehr. Hier ist nun zu sehen, wie ich ein Schema der Entwicklung der Strömungen spiritueller und körperlicher Praktiken einer dortigen Kultur angesichts neuer Gedanken erweitere.

Vielleicht ist das „Übertreiben“, aber mir bereitet es Freude.

Nachts in der Gedankenausstellung

Natürlich spielt der Titel dieses Beitrages auf den Film „Nachts im Museum“ an. Ich habe versucht, in Anlehnung an das Wort „Museum“, das als „Museion“ aus dem Griechischen kommt, aus dem Gedanken (Dianoia) analog dazu das Wort Dianoion oder latinisiert Dianoium zu konstruieren, weil mir der Begriff „Denkarium“ aus der Übersetzung von Harry Potter unsauber konstruiert erscheint. Da ich aber auch nicht gerade ein Champion des Altgriechischen bin, habe ich mich nicht getraut, die vermutlich mangelbehaftete Konstruktion des Dianoiums in die Überschrift zu nehmen.

Halt mal! Ich habe Euch abgehängt? Kann ich mir gut vorstellen, denn meine Gedanken gingen gerade schon wieder um den Block streunen und sich von den Nachbarn Streicheleinheiten holen wie eine Katze. Also zurück auf Anfang.

Ich spiele also auf „Nachts im Museum“ an und will statt eines Musentempels einen Tempel der Gedanken anführen, in dem ich mich aufgehalten habe. Wie Captain Jack Sparrow frage ich nun: „Klar soweit?“ – und setze als Antwort ein echtes oder auch nur ein hilfloses „Ja“ voraus.

Was ich damit sagen will, ist das Folgende: Heute Nacht bin ich mitten in der Nacht aufgewacht, es war kurz nach vier. Mein Körper und mein Geist waren erstaunlich fit. Das war schon ungewöhnlich, da ich in der Vornacht unruhig geschlafen und in der laufenden Nacht erst gut vier Stunden im Dunklen liegend und größtenteils schlafend verbracht hatte. Klar war also: Sofort wieder ins Bett wäre nicht zielführend gewesen, denn wenn man eh nicht wieder schlafen kann und will, es aber im Dunklen liegend auf Krampf versucht, verspannt man sich und wird noch wacher. Zumindest bei mir ist es so. Also begab ich mich in die Gedankenausstellung. Was aber ist meine Gedankenausstellung? Nun – das ist eine Sammlung von Textdateien, Listen, Notizen: Schnipseln und auch größeren, zusammenhängenden Stücken aus meiner Gedankenwelt. Irgendwann habe ich mir die mal aus dem Kopf geschrieben, jemandem gemailt und in die Dateien kopiert, mit jemandem bechattet und hinkopiert und so weiter. Analog zu Albus Dumbledore, der seine Gedanken auslagert, tu ich das auch. Meistens handelt es sich um kleine Geschichtchen, Fragmente, Charakterisierungen, oft auch durchsetzt von Reminiszenzen an die schriftlich geführten Gespräche, in denen ich die Dinge anderen mal erzählt habe. Angesichts des Faschings ging’s dieses Mal in die Erinnerung an ein fiktives, faschingsaffines Grüppchen, deren Beziehungen zueinander und einige Geschichten, die ich mir für deren Erleben ausgedacht und irgendwann mal aufgeschrieben habe. Die „Naschkatzen“, so die Eigenbezeichung der Gruppe, kommen regelmäßig an Fasching wieder hoch in meiner Phantasie, dann lese ich ein bisschen, füge ein paar Geschichten hinzu, denke gerne wieder dran zurück, was ich mir vorgestellt habe. Gelegentlich hole ich auch abseits der Faschingszeit die Naschkatzen an die Oberfläche und lese nach, schreibe ein bisschen was dazu – aber an Fasching kommt das zuverlässig.

Natürlich habe ich nicht nur die Naschkatzen in dieser Weise parat. Neben der Gruppe aus inzwischen zehn jungen Frauen, drei jungen Männern und einer ganzen Reihe von Nebencharakteren gibt es unzählige weitere Geschichtchen und Geschichten, teils gar ganze Welten, die auf diese Weise in meiner Gedankenausstellung dokumentiert sind. Da sind die Gestalten und Geschichten des ShadowRun-Eiskunstlauf-Musical-Geschichtenkomplexes (eine Tabelle mit über 100 fiktiven Sportlern und über 50 Nebenfiguren, sechs oder sieben verschiedene Textdateien voller Charakterisierungen, Rollenspiel-Log-Dateien und Geschichten), die drei Textdateien zum Howard-Goldstein-Vortex, diverses zu Tethys und „Am Rand des Strömungsabrisses“ sowie viele weitere, kleinere oder größere Dinge.

Gegen fünf Uhr war der Spuk dann vorbei. Ich stellte meinen Wecker eine halbe Stunde später ein, kuschelte mich in meine Decke und schlief mit wohligen Geschichtchen um die Naschkatzen herum ein. Natürlich fehlt die Stunde versäumter Schlaf heute ein bisschen, aber immerhin war das besser als gar nicht mehr einschlafen zu können. Wahrscheinlich muss ich heute Abend ein paar neue Geschichtenelemente zu den Naschkatzen in die Datei hineintippen. Und: Da freu‘ ich mich drauf!

„Kein Kommentar“

 

Manchmal fragt einen jemand etwas, und man denkt sich so: „Mein Gegenüber kennt die Antwort, die ich auf diese Frage geben würde. Meine Antwort ist zynisch und arrogant. Vielleicht bin ich ja nicht mal sicher, ob ich auch recht habe.“ Da antwortet man dann ausweichend – oder gar nicht. Es wäre aber unglaublich verlockend, in solchen Situationen einfach mal die Diva raushängen zu lassen:

Talianna setzt eine große, dunkle Sonnenbrille auf und hält ihre Hand, die in einem schwarzen Samthandschuh steckt, mit gespreizten Fingern halb vor die aufdringliche Kamera des Fragers, um möglichst viel von der Linse zu verdecken. Die andere, ebenfalls behandschuhte Hand öffnet einen schwarzen Fächer und verwehrt so der Kamera den Blick auf den Ausschnitt ihres Kleides. Die Krempe des Huts verdeckt noch ein bisschen mehr vom Gesicht, während sie in Richtung ihrer Agentin gestikuliert. Diese erklärt: „Meine Klientin wird ihre Frage nicht beantworten, verehrte Pressevertreter.“ Und dann wirft Talianna der versammelten Meute noch einen vielsagenden Blick durch die Sonnenbrillengläser zu, dreht sich elegant herum und rauscht ab.
A „The Highway Tales“ Phantasy

Ah, wie gut diese Vorstellung tut! Meist ist’s gut so, dass man dem Zynismus und der Arroganz nicht so viel Luft gibt. Wie häufig hat man doch mit aus Zynismus und Arroganz kommenden Antworten unrecht. Aber hey – die Gedanken sind frei. Und was dann tatsächlich passiert, ob man einen Kassandraruf tätigt oder glücklich ist, Unrecht zu haben und doch alles funktioniert, steht eh wieder auf einem anderen Blatt.

 

Phantasie

Phantasie ist meiner Ansicht nach die großartigste Art und Weise, sich zu unterhalten.

Natürlich können Serien, Filme, Bücher, Comics und dergleichen die Phantasie inspirieren. Aber letztlich sind das Produkte der Phantasie. Diese fiktiven Geschichten bestehen aus Phantasie.

Ich bin sehr, sehr froh, dass mein Phantasie sich nicht an bestehende Geschichten fesselt, sondern frei fliegt und eigene Geschichten zu schaffen vermag. Würde ich die oben genannten Darreichungsformen von fiktiven Geschichten verlieren, würde ich viel verlieren. Würde ich aber meine Phantasie, meine eigenen Geschichten verlieren – ich ich wäre verloren.
Facebookpost von Talianna Schmidt vom 07.09.2012

An diesen Post von vor fünf Jahren erinnerte mich Facebook heute. Das ist noch immer wahr und ich habe es unbearbeitet hier zitiert. Es passte recht gut, da genau heute – aus mir nicht genau erfindlichen Gründen – in meinem Kopf eine alte Phantasie-Geschichte wieder hochkam: „Sternenbrennen“, eine in fünf Teilen strukturierte Science-Fiction-Geschichte, die zu Beginn der Besiedelung der näheren Umgebung unserer Sonne innerhalb der Milchstraße durch die Menschheit spielt. Hauptfiguren dabei sind Anna van Staal, von ihrer Tante in einer Pontonstadt über dem vom angestiegenen Meeresspiegel überfluteten niederländischen Leiden in prekären Verhältnissen aufgezogen, und Valérie Marreau, Tochter privilegierter Kolonisten auf dem dritten Planeten von Epsilon Eridani. Spannend, wie alles irgendwann wiederkommt.