38. Winterlaufserie – der Zwanziger

Die Winterlaufserie in Rheinzabern umfasst stets einen Zehner am dritten Advent, vier Wochen später einen Fünfzehner und weitere vier Wochen danach einen Zwanziger. Wer einen Lauf sausen lässt, ist aus der Serienwertung raus. Nachdem ich zum Fünfzehner krank war und somit aus der Serienwertung raus war, konnte ich den Zwanziger prinzipiell ohne Ansprüche angehen. Allerdings fiel mir das schwer – das resultierte in einem Haufen Zweifeln. Klar, beim Zehner hatte ich mit soliden Sub-40 und einem zweiten Platz in der Altersklasse hinter Simone Raatz schon eine gewisse Marke gesetzt, der zweite Platz der W40 in der Serienwertung letztes Jahr war auch etwas, das ich gerne wiederholt oder verbessert hätte. Fünfzehner weg, is‘ nich‘, okay.

Eigentlich war also alles klar. Der Zwanziger war für den Spaß, als Teil des Trainings, denn ich plane dieses Jahr eine Wiederholung der Teilnahme beim Regio Cup Karlsruhe, zudem möchte ich zwei Marathons laufen, und die Reihe beim Campus Run möchte ich auch nicht abreißen lassen, wenn wir in der Woche nicht gerade in Bensersiel sein sollten – der Campus Run wird leider später terminiert, als wir unsere Urlaubsplanung abschließen mussten.

Dennoch flatterte ich vor dem Lauf wie das Flatterband an den Pylonen der Streckenabsperrung im beginnenden Sturm in Rheinzabern. Ich formulierte mir selbst ein Minimalziel: Zwanzig Kilometer in unter 1:27:00, denn mit Halbmarathon in 1:27:02 und bester Zwanziger-Wettkampfzeit von 1:27:30 war da irgendwie ein komisches Feature in meinen Personal Bests. Ich hatte schon zwei Halbmarathons mit besseren 20-km-Abschnitten als meine Wettkampfzeit in Rheinzabern von 2019. Das war also das Ziel.

Der Lauf

Nach einer nicht besonders guten Nacht – zweimal aufgestanden, weil ich erstmal nicht mehr schlafen konnte – und sowieso nur rund sieben Stunden Zeit zwischen Zubettgehen und Weckerklingeln war ich fast zu müde zum nervös Sein. Aber nur fast! Ich trank also meinen Tee, suchte meine Siebensachen zusammen und fuhr dann mit meinem Mann nach Rheinzabern. Es hingen noch ein paar Fragen und Dinge in der Luft, die ich tun wollte, dazu beschäftigt mich die Organisation der ersten zwei Tage kommender Woche – aber dazu vielleicht wann anders. Kurz: Nicht allein der Lauf machte mich nervös und ich fürchtete ernsthaft, die 1:27:00 nicht zu schaffen. Das sagte ich nicht laut, denn alle hätten mich ausgelacht – klar schaffst du das, hätten sie gesagt. Mit Startnummer und einem Kaffee bestückt, die Vereinskollegen von den Sport Löwen Baden vor Ort und einigen netten Gesprächen mit anderen Läufern ging die Nervosität etwas zurück.

Die neue Zwanziger-Strecke in Rheinzabern – rot die alte Strecke, die zuvor zweimal durchlaufen werden musste. Stattdessen lief man nun die je fünf Kilometer langen Erweiterungen in grün und blau.

Direkt am Start traf ich dann auch noch den Michael von meinem Lauftreff der LG Hardt in Bietigheim, und dann ging es auch schon los. Leider war das Verhältnis von Wind, Grundbrummen all der Unterhaltungen im Starterfeld und Rheinzaberns Turnerverein-Lauf-Vorstand mit Megafon so ungünstig, dass ich nicht mitbekam, dass eine Gedenkminute abgehalten wurde, für den verstorbenen Bürgermeister der Stadt, der so oft die Läufe in Rheinzabern gestartet hatte. Damit stand ich aber wohl nicht allein, wie mein Mann berichtete. Dann ging es aber auch schon los. Verhältnismäßig lässig ordnete ich mich ein, achtete kaum auf meine Uhr, zog an Läufern vorbei, wurde aber auch ein paar Mal überholt. Schließlich schloss ich mich einer Dreiergruppe der LSG Karlsruhe an, die ein mir recht genehmes Tempo liefen. Vom Fünfer in Ötigheim wusste ich, dass wohl das Tempo von Ultraläuferin Natascha Bischoff, die Teil dieser Gruppe war, eine auch für mich geeignete Wahl sein würde. Um uns vier herum sammelten sich noch ein paar weitere Läufer, so dass man sich insbesondere auf den Gegenwindpassagen des teils geänderten Rheinzaberner Kurses ganz gut mit Windschatten und Motivation unterstützen konnte. Die Gruppe fand sich bei Kilometer drei – und hielt bis Kilometer sechzehn! Ich lief das Tempo der drei mit, ohne mich groß drum zu scheren, was meine Uhr anzeigte. Freilich, ich las gelegentlich ab, das Tempo passte. Ein wenig bestürzt realisierte ich aber auch, dass der Puls unten blieb – neben einer kurzen Phase über 160 zwischen dreieinhalb und fünfeinhalb Kilometern bewegte ich mich stets zwischen 145 und 160.

Auf dem neuen Streckenabschnitt östlich von Rheinzabern setzte ich mich noch im Rückenwindbereich von der LSG-Gruppe ab und suchte mein Heil in meinem eigenen Tempo. Noch bei Kilometer 16 misstraute ich der Locker-Flockigkeit, mit der ich dieses Tempo lief, das mich zuletzt auf meine Halbmarathon-Bestzeit im August in Hambrücken getragen hatte. Bei Kilometer 14 und rund 58:33 gelaufener Zeit rechnete ich aus, dass ich mit einem Fünfer-Schnitt (also 5:00 pro Kilometer oder 12km/h) mit 1:28:33 reinkommen würde. Ich lief aber etwas um die 4:10 pro Kilometer, also fast 15km/h! Ich wiederholte die Rechnung an jeder Kilometermarkierung und stellte schließlich bei Kilometer 17 und 1:11:00 gelaufener Zeit fest, dass ich meine gewünschten 1:27:00 selbst dann unterbieten würde, wenn ich wirklich und wahrhaftig auf 12km/h abfallen würde – ich lief immer noch nicht wesentlich schlechter als 4:10 pro Kilometer!

Langsam wurde mir klar: Das geht wirklich so leicht! Es rächt sich nicht! Du musst – zwar bei vollem Gegenwind, aber dennoch – nur noch drei Kilometer weit das Tempo halten und bist trotz allem sogar SCHNELLER als beim Halbmarathon in Hambrücken! Das vereitelte der Gegenwind dann etwas, aber die Uhr zeigte 1:22:49 für die 20 Kilometer, als ich im Ziel war! Natascha war – wie der Sturm in Person – kurz vor dem Ziel noch an mir vorbeigezogen, aber ansonsten hatte ich all die Mitstreiter, mit denen ich den Wind bekämpft hatte, hinter mir gelassen. Die resultierende Geschwindigkeit entsprach fast exakt meiner Geschwindigkeit bei meiner bisherigen Halbmarathon-Bestleistung im August.

Zwanzig Kilometer und Halbmarathon – durchaus nah beieinander. Es sah komisch aus, beim besten Zwanziger (blau) so viel langsamer als beim besten Halbmarathon (rot) gewesen zu sein. Das ist nun Geschichte (grün).

Am Ende reichte es zum Sieg in der W40, einem Gewinn von vier Packen Nudeln bei der Startnummern-Tombola und einem Gutschein von Eichis Laufladen, den ich sofort in ein weiteres Paar der Socken umsetzte, die ich beim Zehner geholt und seitdem sehr viel getragen hatte. Vier Würstchen im Brot vertilgte ich im Schnelldurchlauf, ich hatte HUNGER! Meine Sport-Löwen-Vereinskameraden haben auch tolle Leistungen abgeliefert, mussten aber früh gehen – für die Chefin ging’s direkt zu einer Narrensitzung, wie sie schon gestern Nacht eine gehabt hatte. Einen kleinen Plausch mit Sieger und bewundernswertem Läufer Jannik Arbogast hatte ich dann auch noch auf der Tribüne, was mich sehr freute. So locker-flockig wie heute bin ich noch nie zu einer Bestleistung gelaufen, zumindest nicht in meiner Erinnerung.

Urkunde, eingelöster Gutschein und Tombola-Nudeln.