Radikale Maßnahmen?

Den (vorhandenen) aktuellen Anlass für einen Post dieser Thematik werde ich Euch nicht auseinandersetzen, zumal es sich dabei nicht um mein eigenes Problem dreht. Mir kommt nur zur Zeit ein allgemeines Problem bei der Lösung von problematischen Situationen wieder recht deutlich zu Bewusstsein.

Grundsätzlich gibt es im Leben eine ganze Reihe verschiedener Kategorien von Problemen. Kleine Probleme mit klaren Lösungen gibt’s zwar recht häufig, aber um die soll es hier nicht gehen. Das Leben ist sehr komplex und oft spielen ganz verschiedene Aspekte zusammen, die aus einer Menge kleiner Reibereien und Probleme, die allein lässig gelöst oder ertragen werden könnten, einen riesigen Knoten machen. Ganz konkret möchte ich meine Situation anführen: Sechs Jahre lang pendelte ich nach Stuttgart, fast 90 Kilometer eine Strecke, über eine zunehmend dauerverstopfte Autobahn. Dabei lag mein Lebensmittelpunkt weiterhin nahe Karlsruhe, die Arbeit meines Mannes nahe am Wohnort zwischen Karlsruhe und Rastatt. Dazu bin ich eine sehr auf soziale Interaktion gepolte Person, die rausgeht, Leute trifft, viele Leute kennen mag, während mein Mann ein ruhiger Typ ist, dem es eher zuwider ist, wenn zu viele Personen um ihn herum sind. Ganz langsam, schleichend, über ein paar andere Aspekte, die nicht so toll waren, schlichen sich immer mehr ungesunde Mechanismen in die Situation ein. Mein Mann veränderte sich im Unternehmen beruflich und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, ich laborierte zeitweise mit der Colitis ulcerosa herum, eine von mir gewollte Veränderung an anderer Stelle hing ein Jahr lang in der Luft und scheiterte dann. Aufgaben blieben zwangsläufig liegen und stauten sich an, zugleich wurde die Fahrt zur Arbeit nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv immer länger und unentspannter.

Natürlich entwickeln sich in so einer Situation Momente, in denen man den anderen an die Wand klatschen will – für etwas, das einem sonst ganz egal gewesen wäre. Momente, in denen man sich fragt, ob’s allein nicht besser ginge, ob man nicht die Zwänge des Zusammenlebens abschütteln will. Ich habe das nicht getan, und ich wollte es auch nie wirklich. Aber einfacher wär’s an manchen Stellen schon erschienen, entweder spontan die Pendelei ohne neue Option an den Nagel zu hängen oder von der Beziehung weg, zur Arbeit hin zu ziehen. Nur: Das hätte kurzfristig Momente gelöst, aber neue Probleme geschaffen. Ich habe nicht ohne Grund damals meinen Mann geheiratet und nicht ohne Grund mit einer gemeinsam gekauften Wohnung und mehr Bindungen geschaffen. Vor ungefähr zwei Jahren, so genau kann ich das gar nicht sagen, war recht deutlich zu merken, dass ich immer unzufriedener wurde. Oft äußert sich das bei mir in Laune – und Musik. Ein Freund und mein Mann, mit denen ich regelmäßig Mittwochs am PC spiele, waren geschockt von meiner negativen Reaktion auf ein neues Spiel, das wir ausprobierten. Ich reagierte zwischen resigniert und sauer, wollte aber unbedingt dran bleiben. Ich bin noch immer der Ansicht, dass meine Reaktion überinterpretiert wurde, aber die beiden kennen mich schon lange – und nicht nur durch Spiele, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr gut. Wenn sie eine „schockierende“ Reaktion sehen, dann ist das eine Warnung. Es gab noch mehr. In meinem Kopf vereinigten sich zudem an manchen Stellen Kleinigkeiten, die mein Mann tat (und die eigentlich gar nicht schlimm waren) zu einen vor-sich-hinsingen der Zeile „You know the bed feels warmer sleeping here alone“ aus Kelly Clarksons „Stronger“, weil ich vor lauter Druck das Schöne nicht mehr sehen konnte, all die wichtigen Dinge, die ich aus meiner Beziehung und meinen Freundschaften nehme.

Nun hätte ich aus diesen Momenten, die durchaus nicht wenige waren, einen radikalen Schnitt ableiten können. Zeitweise hätte das vielleicht sogar richtig gewirkt. Es klingt einfach, schafft aber neue Probleme. Meistens kommen solche Probleme aus sich selbst heraus und aus den anderen heraus. Meistens stauen sie sich eine Weile an und lassen sich nicht oder nur mit massivem Kollateralschaden auch auf sich selbst schnell und radikal lösen. Das angesammelte Problem aus vielen kleinen, lösbaren Komponenten, die zu einem verstopfenden, unentwirrbaren Knäuel werden, nimmt man mit sich mit, wenn man es wie den Gordischen Knoten durchschlägt. Die losen Enden verknotet man doch wieder und die Hälfte des Knotens bleibt so unlösbar wie zuvor, durch das nonchalante Wiederverknoten vielleicht sogar noch unlösbarer als der ganze Knoten zuvor.

Liebgewonnenes und für das persönliche Leben und das Umfeld Wertvolles zu erhalten, das man im radikalen Schnitt verlieren würde, kann man aber schaffen. Oft sind die zugrundeliegenden Probleme schwer zu lösen – die Anfangseuphorie nach dem radikalen Schnitt überdeckt sie nur, dann kommen sie wieder. Man sagt ja gerne, dass Menschen doch immer wieder bei demselben toxischen Typus Partner landen, wie oft sie sich auch trennen. Es geht auch nicht darum, den Partner zu ändern, sondern einen nicht toxischen Umgang mit dem Typus Mensch zu finden, mit dem man sich instinktiv gerne verbindet, mit der Art Arbeit, die man gerne und gut macht, und den Hobbies und Freunden, die einem wichtig sind. Das ist unendlich viel schwerer und langwieriger als der radikale Schnitt, aber es ist auch nachhaltiger. Ohne tiefgreifende Analyse und Veränderung des Weges, der in die verfahrene Situation geführt hat, ändert sich nämlich auch nach Trennung nichts. Man wiederholt dann nur. Das Problem an diesen langwierigen, nachhaltigen Veränderungen ist, dass nach Erkennen des Problems erst einmal das Entwerfen von Veränderungen ansteht. Danach kommt das Umsetzen dieser Veränderungen – und insbesondere sich selbst zu verändern ist schwierig und dauert. Nach der Aufbruchsstimmung des erkannten Problems folgt die Ernüchterung: Es dauert, eine adäquate, nicht so viel Pendeln erfordernde Arbeitsstelle zu finden. Es dauert, bequeme und liebgewonnene Schuldzuweisungsmechanismen für eigene Unzulänglichkeiten abzulegen. Oft dauert es sogar, aus der Analyse der Komponenten der komplex-katastrophalen Situation die richtigen Veränderungen abzuleiten, das geht teils in Irrwege, teils ist es schlicht zäh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn eine Situation über lange Zeit und viele, langsam zusammenkommende Komponenten unerträglich geworden ist, braucht’s eine langfristige Veränderung, die nachhaltig ist. Im ersten Moment mag ein radikaler Schnitt wie die Lösung erscheinen. Wenn der Schnitt Raum für diese Veränderung gibt und man mit dem Verlust all der schönen und wichtigen Dinge leben kann, die einen nicht viel früher abhauen haben lassen, okay. Ansonsten ist es aber die Sache wert, durch das tiefe Tal, durch den Trog zu gehen und gemeinsam mit denen, die einen in das Tal begleitet haben, den anderen Hang wieder zu erklimmen.

Ist ein bisschen wie mit einer Diät oder einem Burnout. Wenn ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in falscher Weise zu viel gegessen habe oder in toxischer Weise zu viel gearbeitet oder das zu sehr an mich herangelassen habe, wird das nicht mit zwei Monaten Diät oder Psychotherapie, neuen Klamotten oder einem neuen Job gelöst. Die Mechaniken sind weiter in uns drin. Sie werden uns wieder an den Punkt bringen, wenn die Euphorie und die Aufbruchstimmung des Schnitts vorbei sind. Zwei Monate lang nix essen und dann wieder Burger im Vorbeirennen und Berge von Schokolade am Schreibtisch lösen das Problem nicht. Mit Beziehungen, Familie, Arbeit und dem Konglomerat aus Sozialem und Lebenswandel ist es auch nicht anders.

Am Ende des Tages hat man aus der furchtbaren Situation und einem unendlich erscheinenden Tal Automatismen geschaffen, die einen oben halten, wo vorher welche waren, die einen runterzogen. Ich bin heute glücklicher, stärker und zugleich rücksichtsvoller, aber auch besser im Einfordern von Rücksicht als noch vor drei, vier Jahren. Auch das verdanke ich dem Willen zu bleiben und der Scheu vor dem Davonlaufen, die mich ZWANGEN, an mir und meinem Umfeld zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Verändern dann doch die radikalere Maßnahme als das Davonlaufen oder Rauswerfen.

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Spaziergang am Mittag

… oder auch: Geländeerkundung. Das habe ich heute gemacht: Ich war einen Spaziergang zum Bahnhof in Bruchsal machen, um ein wenig die Gegend kennen zu lernen und vor allem zu sehen, wie weit es vom Bahnhof zur Arbeit wäre. Und siehe da, es ist gar kein Problem, zehn Minuten gehen. Sprich: mit der Bahn zur Arbeit fahren kann künftig eine echte Alternative sein! Dazu bewege ich mich auch noch, 15 Minuten von daheim zum Bahnhof in Bietigheim, 10 vom Bahnhof in Bruchsal zum Büro.

So einfach war das letztes Jahr bei weitem nicht!

Freie Fahrt auf neuer Pendelstrecke

Meine neue Strecke zur Arbeit ist ja deutlich kürzer – ungefähr halb so lang wie die alte. Auf völlig freier Strecke ist sie allerdings nicht ganz halb so lang an Zeit – da der Autobahn-Anteil ein bisschen kleiner ist.

Doch: Um Karlsruhe ist zu Stoßzeiten Stau. Wenn Baustellen sind. Wenn mal was passiert ist. Vor Pforzheim Ost ist immer Stau, egal in welcher Richtung, egal, ob es Baustellen, Unfälle gab, Stoßzeit war – oder nicht. Klar kann sich das noch ein bisschen verändern, aber es ist super-angenehm, eine kürzere und planbarere Strecke zu fahren. Das hat heute früh trotz der (sicher nicht unverständlichen) Nervosität vor dem ersten Arbeitstag am neuen Dienstort richtig Spaß gemacht.

So kann ich heute auch nicht von unmöglichen Vorgängen auf der Autobahn berichten – es lief einfach glatt und gut. Von Karlsruhe Süd bis Bruchsal und zurück. Wundervoll!

Vielfaktor-Chaos

Am vergangenen Freitag habe ich nur über die Auswirkungen der verschobenen Leitplanke in der Baustelle auf der A5 zwischen Rastatt Nord und Karlsruhe Süd am Morgen berichtet, kurz nachdem es passierte.

Die Auswirkungen waren aber noch viel größer, denn die verschobene Leitplanke war bis zum abendlichen Feierabendverkehr noch nicht wieder repariert. Mein Schwiegervater erzählte am Samstagabend, er sei kaum aus Karlsruhe herausgekommen  über die B36, weit nordwestlich der Engstelle. Auch alle anderen aus der Schwiegerfamilie, die sich am Samstagabend eines Geburtstags wegen zum Essen traf, erzählten vom Verkehrschaos am Freitag. Dieses Chaos war aber sicher nicht allein der verschobenen Leitplanke geschuldet – auch wenn das dann der Auslöser war. Was kam da alles zusammen?

  • Die A5 ist – neben der A7 zweihundert Kilometer weiter östlich – eine der wichtigsten deutschen Nord-Süd-Verbindungen, die dann auch über die Alpen ans Mittelmeer führen. In der Urlaubszeit läuft da natürlich eine Menge Reiseverkehr – im Moment vor allem der Rückreiseverkehr nach Norden. Mit dessen Umschichtung auf die B36 hatte ich am Samstagabend auf der Fahrt zur Disco noch meinen Spaß.
  • Das Verkehrsaufkommen auf der A5 steigt natürlich, wenn die parallel verlaufende Bahnstrecke blockiert ist – wie es eben im Moment durch den Tunnelbau und die Probleme dabei in der Nähe von Rastatt der Fall ist. Das Resultat sind mehr LKW im Frachtverkehr, mehr PKW im Langstrecken-Personenverkehr und mehr PKW von Pendlern, für die der Schienenersatzverkehr und dessen Verzögerung das Pendeln mit dem Auto wieder attraktiver macht.
  • Dazu kommt, dass die A5 ja ohnehin in Bau ist an dieser Stelle. Selbst ohne verschobene Leitplanke verläuft der Verkehr statt auf drei breiten Fahrstreifen je Richtung auf nur zweien, die dazu noch eher schmal sind – eine Standspur fehlt auch, es gibt nur gelegentliche Nothaltebuchten. Damit wird die Strecke langsamer und anfälliger.
  • Auf den Zuleitungsstrecken zur A5 gibt’s auch die eine oder andere Baustelle, außerdem ist da auf der Hauptausweichstrecke, nämlich der B3 Rastatt Nord bis Karlsruhe Süd die fiese Ampel in Neumalsch, an der sich stets der Verkehr massiv bricht – die ist zwischen der situationsbedingt hochfrequentierten B3 und der Straße von Durmersheim nach Malsch gleichberechtigt geschaltet – und die Kreuzung ist eng.
  • Ah, genau, dann kommt natürlich noch dazu, dass die Anschlussstelle Karlsruhe Süd aus Richtung Basel und in Richtung Karlsruhe gesperrt ist. Dadurch wird die Linksabbiegerampel zwischen B3 und Verbindungsstraße zwischen Karlsruhe-Rüppurr und Ettlingen zum Problem – normal fährt da kein Mensch aus Süden auf die A5, geht in Karlsruhe Süd viel besser. Aber das geht im Moment nicht – auch ohne Probleme in der Baustelle auf der A5 ist der Abschnitt der B3 von Anschlussstelle Karlsruhe Süd bis Ettlingen im Moment zu Stoßzeiten ein einziger Stau.

Tja. Kein Spaß ist das im Moment, nichtmal ohne zusätzliche Unfälle. Mit Unfällen kommt es um Karlsruhe zum Verkehrsinfarkt. Bis Oktober geht das noch so, sowohl bezüglich der Bahnlinie als auch bezüglich der A5-Baustelle. Nächstes Jahr bauen sie auf der A5 dann gleich nochmal zehn Monate, andere Richtungsfahrbahn von Betonplatten auf Asphalt umrüsten.

Viele Blogbeiträge voraus, sagt mein Ausguck am Verkehrsbarometer.

Kollateralschaden

Ich sehe schon jetzt eine Woche mit viel Stau, viel Frust auf der Autobahn voraus. Nicht, weil ich pendle. Auch wenn viele Leute in meinem Umfeld die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, dass ich pendle, und dann auf welcher Strecke – normalerweise kriege ich das ganz gut auf die Reihe. „Wie hältst du das aus?“, fragt man mich. Aber so schwer ist das gar nicht, es gibt Mechanismen, damit umzugehen. Und die funktionieren im Moment bei mir ganz gut.

So lange die Straße halbwegs frei ist und ich nicht mehr als das Anderthalbfache der Zeit benötige, die auf einer freien Straße nötig wäre. Aber genau das kündigt sich gerade an. Der Lokführerstreik hat in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass die Straßen voll waren – nicht nur um Stuttgart, wo ja auch die S-Bahn von der Deutschen Bahn betrieben und damit vom Streik betroffen ist. Sondern auch an den derzeitigen Engpässen auf der A8. Sowohl an der Baustelle zwischen Pforzheim West und Karlsbad in beiden Richtungen als auch an der Anschlussstelle Pforzheim Ost bricht sich der Verkehr des öfteren, selbst wenn nicht mehr Leute – und vor allem eine Menge mehr Leute ohne die Erfahrung täglichen Auto-Pendelns auf der Straße sind. Es kündigt sich also eine Woche an, in der ich viel auf der Straße stehen werde.

Aber warum das Ganze? Ich bezweifle, dass ich die genauen Modalitäten des Tarifstreits bei der Bahn verstanden habe. Natürlich lese ich darüber Nachrichten, auch Kommentare und dergleichen. Aber im Kern der Sache muss doch mehr sein, als einfach nur die Frage, welche Berufsgruppen von einer Spartengewerkschaft zusätzlich zu deren eigentlicher Sparte neu mit vertreten werden, oder? Weil wenn es nämlich wirklich nur um diesen Punkt ginge – und somit die Berichte, die ich lese, die Kommentare, richtig sind …

In diesem Falle, unter dieser Prämisse ist eigentlich nur ein Schluss möglich: die GDL, der Herr Weselsky und wer immer diesen Streik mit trägt, handeln verantwortungslos und unverantwortlich. Mehr noch, sie handeln bewusst schädlich, um Machtinteressen durchzusetzen. Eine nicht unbeträchtliche Menge Menschen in Deutschland pendeln über nicht unbeträchtliche Strecken zu ihrer Arbeit – um ihr Lebensumfeld nicht zu verlieren, wenn sie an anderer Stelle Arbeit gefunden haben. Diesen Menschen, ob sie nun in bestreikten Bahnen zur Arbeit fahren würden oder auf durch den Streik verstopften Straßen, sagt der GDL-Streik: „Eure Lebenszeit, Eure Arbeitszeit ist weniger wert als ein Machtkampf zwischen zwei Gewerkschaften.“ Ich weiß nicht, was sich die Zugbegleiter und Rangier-Lokführer in der GDL davon versprechen, von der GDL statt der EVG vertreten zu werden. Vielleicht sollten sich GDL und EVG einfach zusammensetzen, wenn man sich eben durch die „Schlagkraft“ der Lokführer bei Streiks erheblich bessere Tarifabschlüsse verspricht, und gemeinsame Strukturen entwerfen und die Bahn für ALLE Zugbegleiter und alle Lokführer, ob nun Rangier- oder nicht unter Druck setzen. Vermutlich würde damit ein für alle passables Ergebnis erzielt, dessen Lohnsteigerungen deutlich über z.B. dem TV-L-Abschluss, der mich betrifft, liegen würde. Und die Streiks wären erheblich schneller gegessen.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Ich habe vor Zusammenschluss von Forschungszentrum Karlsruhe und Universität Karlsruhe dort meine Promotion begonnen. Ich saß am Forschungszentrum, war aber durch die Uni angestellt – im selben Büro saßen Doktoranden mit Forschungszentrums-Verträgen. Nicht, dass ich mich über die Modalitäten beschweren will, sicher nicht. Aber die Bezahlung war signifikant unterschiedlich, dafür war die Zahl der Urlaubstage anders ausbalanciert, daneben gab’s noch Stipendien, die wieder anders dotiert waren – wenn Menschen nebeneinander dasselbe tun, aber zu sehr unterschiedlichen Bedingungen, dann schürt das Neid und Unfrieden und Unzufriedenheit. Frust ist nicht gut für das Arbeitsklima, und ein schlechtes Arbeitsklima ist nicht gut für Mitarbeiter und nicht gut für das Unternehmen. In dieser Hinsicht kann ich aus meiner (zugegebenerweise kleinen und unbedeutenden) Erfahrung heraus sagen, dass konkurrierende Tarifabschlüsse vermeiden zu wollen eine sinnvolle Doktrin der Bahn darstellt.

Und nach diesen Gedanken habe ich um so weniger Verständnis für den Streik, der mich vermutlich auf meiner heiß gehassliebten A8 diese Woche einige Nerven kosten wird.

Vom Pendeln und es Überleben

Das ist so ein Ding, das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Denn auch wenn ich gerne locker-flockig, leicht sarkastisch, aber eben doch in bunten Farben das Pendeln als nette Erweiterung der Freizeit beschreiben mag – so ist es nun eben doch nicht.

Es sind täglich zwei Stunden, meist ein bisschen mehr, die ich im Auto sitze. Das ist eine ganze Menge Lebenszeit. Und ich weiß das. Denn ich merke es die ganze Zeit. Nun gibt es so das eine oder andere Werkzeug, die Zeit rum zu kriegen. Klar. Ich höre auch Radio, SWR3 meistens. Ist in der Regel nicht voll meine Musik, wobei, morgens schon. Selten, im Stau, kann’s auch mal auf Rumfummeln am Handy rauslaufen – aber so mit Handy in der Hand mit 120 auf der linken Spur, den Blick nach unten, das mache ich nicht. Das habe ich heute morgen gesehen, und wahrscheinlich schreibe ich das hier gerade genau deswegen, weil ich so einen Kandidaten heute morgen auf der Spur neben mir gesehen habe.

Aber es gibt noch andere Dinge. Denn Autofahren lastet den Geist nur dann voll aus, wenn’s wirklich eng ist, viel los ist, wenn es drauf ankommt. Wenn wenig los ist, wenn es im Stau langsam, aber stetig geht – da setzt die Unterforderung ein. Und ich würde sagen: Eine Stunde am Stück Autofahren könnte ich auch nicht, ohne Unfälle zu bauen, wenn es meinen vollen Geist fordern würde. Aber wie oben gesagt: Am Handy Spielen, das ist saugefährlich. Und nur Radio Hören reicht nicht.

Was ist es also, was für mich die zwei Stunden Fahrt, je eine vor und nach der Arbeit, ertragbar macht? Nachdenken. Nachdenken kann man ganz gut pausieren, wenn gerade der volle Geist gebraucht wird. Nachdenken kann man auch mal auf halber Flamme. Ich spreche gerne von zwei Dritteln meiner Aufmerksamkeit, die zum normalen Fahren gebraucht werden. Das restliche Drittel kann auf Reisen gehen, sofern es bei Bedarf ohne Verzögerung wieder da ist. Das ist beim Spielen am Handy nicht der Fall, mal davon abgesehen, dass ich nicht weggucken muss, um zu Denken.

Und was denke ich nun? Gelegentlich ist es die Arbeit. Dieses und jenes muss getan werden, das fehlt noch, sowas in der Art. Auch wie ich bestimmte Aufgaben angehe, wie ich Tasks dann letztlich ausführe, ist manchmal Thema. Aber eigentlich eher selten und nur dann, wenn es mir zu viel ist mit der Arbeit – ganz besonders dann kann ich auf der Fahrt nicht davon weg.

Wenn es mir gut geht, wenn alles richtig läuft, spielt in meinem Kopf anderes. Und zwar meine Phantasie. Die braucht keine Bilder, keine Töne von außen. Und ich glaube, das ist auch das Geheimnis, warum das so gut funktioniert, mit dem Multitasking mit dem Autofahren daneben: Weil die mentalen Filter für visuelles und akustisches Wahrnehmen von meinen Gedanken nicht benutzt werden. Die Filter sind nämlich wichtig – ohne die internen Filter der Wahrnehmung ist Autofahren nicht möglich, vor allem das Ausfiltern von fahrrelevanten visuellen, aber auch das Ausfiltern von fahrrelevanten akustischen Reizen gegenüber dem großen, breiten Grundrauschen ist entscheidend für die Sicherheit. Handy-Manie, sogar Radio beansprucht diese Filter. Denken nicht.

Und nun, was denke ich denn? Da ist eine Menge. Meine Phantasie ist Geschichten erzählend. Da ist die Geschichte vom Planeten Tethys, auf dem ich viele meiner Plots angesiedelt habe. Tethys ist eine Welt mit einem äquatorialen Meer, einem kalten Krieg zwischen dem Nord- und dem Südkontinent. Die nach „Jagd auf Roter Oktober“ entstandenen U-Boot-Phantasien habe ich dort angesiedelt, aber auch Hochhäuser, Verkehrssysteme – vor allem aber Schicksale. Eine Tänzerin. Eine Ex-Spionin und nun Politikerin. Eine blinde Sängerin in einer Band. Eine andere Band, deren Musik ich mal geträumt habe. Und viele mehr, alle mit eigenen Geschichten, eigenen Entwicklungen, und doch alle eingebettet in diese Welt, in der sie sich durchaus mal in der U-Bahn, beim Einkaufen, im Restaurant begegnen können. Die prominenteste Gestalt auf Tethys aber ist Jenny, oder besser: Jenisa Korrenburr. Wütende junge Frau, Pilotin – und vielleicht ein bisschen Heldin, aber auch ein gutes Stück Anti-Heldin. Und sie ist es, die mich gerade bei der Stange hält, dass vielleicht doch mal ein Buch draus wird. Viele Geschichten unter anderem in Jennys Leben sind als Gedanken auf der Autofahrt entstanden – ursprünglich. Natürlich sind die Szenen, die ich mir dann ausdenke, noch nicht fertig. Dafür bräuchte ich mehr Aufmerksamkeit. Aber Skizzen sind’s, denen es ganz gut tut, erst durch die Erinnerung gefiltert, dann noch mal in Ruhe, nach dem Ankommen durchdacht zu werden und dann erst niedergeschrieben zu werden. Und ja. Das hilft. Es hilft sehr, wenn mal wieder Stau ist und man dasteht und nur langsam hinterherzuckelt. Das hilft auch, wenn der Verkehr fließt und man eigentlich zu wenig Aufmerksamkeit braucht, für den Verkehr. Lieber geht der Geist kurz ein bisschen spazieren, als dass man neben raus guckt, die Augen zu macht oder gar sich ablenkt.

Wahrscheinlich erscheint diese Methode vielen gefährlich. Ich habe aber erlebt, dass mindestens für mich der gedankliche Spaziergang in meiner Phantasie weitaus „sicherer“ ist, als zum Beispiel – selbst mit Freisprecheinrichtung – zu telefonieren. Einen Menschen am anderen Ende kann ich nicht so gut zur Seite schieben wie meine Gedanken. Denn der wartet ja auf meine Antwort. Das merke ich an mir selbst – selbst die erlaubten Tätigkeiten hinter’m Steuer lenken ab, bringen die Filter durcheinander, wenn sie auf Audiovisuelle Wahrnehmung zurückgreifen oder gar einen Gegenüber beinhalten.

Ich glaube aufrichtig, ohne dieses Gedanken-Geschichten-Dingens hätte ich entweder wegen ablenkenden Tätigkeiten am Steuer schon einen Unfall gebaut – oder hätte die ablenkenden Tätigkeiten gelassen und wäre an geistigem Teilleerlauf während 10% meines Tages noch bescheuerter geworden, als ich es ohnehin schon bin.

Langsam wird’s ernst …

… mit dem Campus-Run am 17.07. an der Uni Stuttgart. Drei Varianten werden angeboten: 12km, 6km und 4x1500m Staffel. Da ich mit einer Kollegin eine Laufgruppe Dienstags nach der Arbeit habe, und 12km für sie (noch) zu viel sind, werde ich beide Wettkämpfe machen – also 12km und 6km. Für die Staffel müssten wir ja zu viert sein, und das gibt die Läuferschaft des Instituts nicht her. Also werde ich die 12km für mich, in meinem Tempo und als eingereiht in die Halbmarathon-Vorbereitung für September laufen – und die 6km dann angepasst an meine Kollegin.

Letzte Woche hatte ich im Training meine Bestzeit auf 10km von 58:03 auf 54:47 herunter geschraubt, heute bin ich in gefühlt deutlich geringerer Belastung 55:42 auf die zehn Kilometer gelaufen. Ab Sonntag ist dann erstmal Regeneration vor dem Wettkampf angesagt, außer vielleicht noch einem gemütlichen Lauf am Dienstag. Somit spricht alles dafür, dass ich meine Ansage vom Vorbereitungsbeginn übertreffen werde: Ich wollte die 12km in 1:12:00 laufen, also mit einem Tempo von 6 Minuten pro Kilometer. Nun sind es aktuell im Training aber eher 5:30, und das motiviert mich sehr. Offenbar habe ich mit meinem Training in den letzten drei Monaten einiges erreicht.

Aber: Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf. Nach dem Campus-Run werden die Läufe wieder länger, Halbmarathon wird am 21.09. in Karlsruhe gelaufen. Ich bin schon sehr gespannt, wie ich mich dann da schlagen werde.

Das Laufen wieder angefangen zu haben, in diesem Jahr, und es mit dem Ansammeln von Informationen von Laufseiten und aus einem Buch, GPS-Tracking sowie einer neuen, detaillierteren Tabelle als „Lauftagebuch“ mit Laufstrecken, Gymnastik, Gewicht und meinem allgemeinen Gesundheitszustand systematischer angegangen zu sein, hat mir sehr viel gebracht. Vor allem einen noch besseren Ausgleich zu Arbeit und Pendeln, als es das Laufen die Saison zuvor schon war. Da habe ich leider nicht über Juli hinaus durchgehalten. Deswegen ist es super, einen Halbmarathon im September zu haben. Da muss ich dran bleiben – denn es tut mir gut, selbst wenn der innere Schweinehund mich am Sofa festkleben will.