Sesam öffne dich!

Ich habe vor einiger Zeit über die Umstellung meines Frühstücks auf Haferkleie, Obst, Magerquark und Milch oder Hafer- bzw. Reismilch geschrieben. Nun habe ich meinem Frühstück eine weitere Komponente hinzugefügt: Sesam!

Es geht dabei neben dem Calcium auch um die Zufuhr an Magnesium. Einerseits treibe ich eine Menge Sport – vor allem in Form des Laufens, andererseits gehöre ich ohnehin zu den Menschen, die eher leicht zu schwitzen anfangen und dementsprechend viele Mineralstoffe über den Schweiß verlieren. Zusammen mit der Neigung, Verspannungen zu bekommen, ist Magnesium ein Mineralstoff, den bei der Ernährung zu beachten für mich wichtig ist. Neben der Banane ist daher in letzter Zeit zunehmend auch der Esslöffel Sesam im morgendlichen Müsli zu einem Standard geworden. Zur Zeit verwende ich einen ungeschälten weißen Sesam, aber der Plan ist, irgendwann zum schwarzen Sesam überzugehen – im Endeffekt: Wenn der aktuelle Vorrat aufgebraucht ist. Ich durfte feststellen, dass wohl wirklich das Magnesium nicht gerade die starke Stelle meines Mineralhaushalts gewesen ist, denn seit ich den Sesam meinem Frühstück zusetze, merke ich Verbesserungen in der Neigung meines Körpers zu Verspannungen. Es ist ja auch für mich als Colitis-Ulcerosa-Patientin nicht gerade unwahrscheinlich, dass die Aufnahme von Magnesium im Darm nicht optimal ist. Mit künstlichem Zusatz von Magnesium habe ich ganz schlechte Erfahrungen gemacht – das Zeug macht Durchfall, und im Endeffekt lande ich dann über eine Verringerung der Darm-Verweildauer des Mesalazins, mit dem ich behandelt werde, recht schnell beim Triggern eines Schubs, was dann die Magnesium-Problematik, sofern vorhanden, noch verschärft. Da war der Sesam, zusammen mit der Haferkleie, eine willkommene Lösung.

Und so wächst die Zutatenliste meines morgendlichen Müsli-Rituals weiter. Derzeit bin ich am Überlegen, was da als nächstes kommen könnte – Eisen ist durch Leinsamen ja schon abgedeckt, Kalium sollte so weit auch passen. Vor zwanzig Monaten habe ich noch gar nicht gefrühstückt, und nun habe ich einen Cocktail, der in Sachen Nährstoffen abgestimmt ist und ich immer mehr einspielt. Es ist eingestandenerweise durchaus ein skurriles Gefühl, wie viel sich im vergangenen Jahr verändert hat: Mehr Laufen, mehr Obst, Frühstück mit Haferkleie, Sesam und Leinsamen optimiert … wenn sich so viel bewegt, frage ich mich: Geht das jetzt so weiter mit der Entwicklung? Oder habe ich vielleicht schon en Plateau erreicht, auf dem sich meine Entwicklung in Sachen Ernährung – begleitend zur Marathon-Vorbereitung – erst einmal eingestellt hat? Es bleibt spannend!

Die Maschine …

… ist eine Bezeichnung, die ich gelegentlich für meinen Körper verwende. Das ist nun nicht so respektlos gegenüber dem Heim für meine Seele und meinen Geist, wie es den Anschein haben könnte. Ich benutze diese Bezeichnung vor allem beim Sport.

Beim Laufen merke ich sehr gut, wie viele verschiedene Teile meines Körpers zusammenspielen. Das Herz schlägt schneller, das Blut wird anders verteilt, beim Erzeugen mechanischer Leistung produzierte Abwärme muss abgeführt werden, die Versorgung mit Sauerstoff und Entsorgung von Kohlendioxid über die Atmung wird umgeregelt … manchmal, wenn ich genau in mich reinhöre, merke ich auch andere Veränderungen. Gerade als Person mit Colitis ulcerosa „höre“ ich natürlich auch auf meinen Verdauungstrakt und bemerke manchmal, wie er abhängig von Intensität des Laufens und abhängig von Tagesform und Krankheitszustand unterschiedlich reagiert.

Auf der Oberfläche kommen solche etwas skurril-witzigen Anmerkungen wie „Ich stehe in einer Pfütze aus Kühlmittel-Kondensat“, wenn ich nach einem intensiven Lauf oder nach einem Lauf bei angenehm sommerlicher Temperatur gefühlt oder auch buchstäblich im eigenen Schweiß stehe. Auch der Vergleich mit dem Nachfüllen von Kühlmittel bei „offenem Volumenregelsystem“, in einem Analogon zu Kraftwerks-Kühlsystemen, fällt unter diese Kategorie. Eigentlich geht der Vergleich aber tiefer. Der menschliche Organismus und seine Leistungsfähigkeit sind ein faszinierendes Feld. Bei sehr vielen Stoffen finde ich spannend, dass sie gebraucht werden und wofür eigentlich – unsere Nerven zum Beispiel sind ja keine Leitungen im Sinne von Kupferdraht, sie leiten über elektrisch spannungsempfindliche Poren und ein im leit-bereiten Zustand bestehendes Ungleichgewicht von Kalium- und Natrium-Ionen inner- beziehungsweise außerhalb der Nervenzelle. Plötzlich wird auch klar, warum Kalium so wichtig ist – und die Kartoffeln als Kalium-Quelle sind dann nicht mehr nur Energiequelle durch ihre Stärke, sondern versorgen auch den Körper mit Kalium … in einer intensiv salz-benutzenden Gesellschaft wie der unseren ist die Sorge um den Natrium-Mangel glaube ich dann eher unbegründet. Dann ist da das Eisen für die Sauerstoffspeicherung in Blut (Hämoglobin) und Muskeln (Myoglobin) …

Für mich ist immer wieder spannend, was wie und wo funktioniert, mit welchen Mitteln der Körper Aufgaben erledigt, die auch in künstlichen Maschinen – weitgehend weniger „kreativ“ – gelöst werden müssen. Energieerzeugung, Energietransport, Abfuhr von Abwärme und Reststoffen, Speicherung, Freisetzung und Regelung von Vorgängen, all das kriegt der Körper in bemerkenswerter Harmonie mit erstaunlich vielfältigen und effizienten Methoden hin – wenn man ihn lässt, es gelegentlich auch abruft und ihn hinreichend mit den dafür benötigten Stoffen versorgt.

Wenn ich nun aber laufe, die direkte Reaktion meines Herzschlags auf Veränderungen der Intensität spüre und auf der Pulsuhr sehe, die Wärmeproduktion und -abfuhr über das Schwitzen und das Wärmegefühl erfühle, den Atemrhythmus beobachte, auch die unterschiedliche Dynamik beim Abspringen bei unterschiedlichem Tempo registriere – dann ist die Bezeichnung „die Maschine“ für den Körper eine Verneigung, zumindest gemäß des Gefühls, das ich dabei habe. „Die Maschine läuft“ schließlich sage ich gerne mal, wenn ich mich mit einer zufriedenstellenden Leistung beim Laufen so richtig rundum pudelwohl fühle – ein sehr angenehmes Gefühl. Maschine mit emotional behafteter Sensorik und Steuerung … meine Maschine. Tolles Ding, diese Maschine!