Nostalgie-Flash

Heute trifft mich die Nostalgie mit Macht. Ich kann gar nicht genau sagen, warum das so ist – es war schon, bevor mein Körper das herrliche Wetter spürte, also noch vor dem Öffnen der Rollladen im Wohnzimmer beim Frühstück.

Zuerst las ich irgendwo den Namen Jan Fedder, landete beim „Großstadtrevier“ und darüber bei „Truck Stop“. Also musste ich mir den Titelsong „Großstadtrevier“ anhören und dann gleich noch „Der wilde, wilde Westen“ und „Ich möcht‘ so gern Dave Dudley hör’n“ hinterher. Im Auto auf der Fahrt zur Arbeit gab es dann die Four Non Blondes mit „What’s up?“, BAP mit „Verdamp lang her“ und Bryan Adams mit „Summer of ’69“. Anschließend neben dem Arbeiten spielten in meinem Kopf, wenn auch nicht hörbar, die Toten Hosen „Hier kommt Alex“, Bon Jovi „In These Arms“ und Aerosmith und RunDMC „Walk This Way“.

Über diese Gedanken lande ich gerade bei Queen – mal mit Bowie bei „Under Pressure“, mal nur Queen mit „I want to break free“. Draußen scheint hell die Sonne in einem blauen Himmel und es könnte jetzt genauso Mitte der 90er sein, andere Musik würde ich da auch nicht im Kopf haben. Seltsam nur, dass ich all diese Musik inzwischen mit dem Autofahren verbinde, obwohl ich damals, als ich die Lieder kennenlernte, noch gar nicht autofahren konnte oder durfte und auch ziemlich sicher bin, dass ich keines der Lieder als Beifahrerin im Auto erstmals hörte. Spannend finde ich auch, dass heute der überwiegende Teil dessen, das ich gerne höre, elektronische Musik ist – aber all diese Nostalgie aus Country, Rock und Punk mit echter Gitarre arbeitet.

Vielleicht ist es der traumhaft sonnig-warme April, der mich gerade sommerlich fühlen lässt, wahrscheinlich kommen bald andere Nostalgie-Tracks mit Macht dazu … die dann auch teils ein bisschen elektronischer sind. Aber nicht alle!

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Achtsamkeit mal anders

Im einen oder anderen Umfeld habe ich in letzter Zeit öfters mit dem Begriff und Konzept der Achtsamkeit zu tun gehabt. In der Teezeremonie und ihren Zen-Elementen spielt Achtsamkeit, das Ganz-im-Hier-und-Jetzt-Sein eine Rolle. Ebenso ist es eines der Konzepte, das für den Erhalt mentaler und psychischer Gesundheit in unserem zunehmend ablenkenden Alltag in aller Munde ist. Oft werden da eher ruhige Dinge angeführt, die man tun kann, oder es wird berechtigt empfohlen, den Alltag weniger abgelenkt zu bewältigen.

Für mich hat aber auch etwas mit Achtsamkeit zu tun, das ich am Wochenende gemacht habe. Ich war auf einem Musik-Festival, dem E-Tropolis in der Turbinenhalle in Oberhausen. Ich war allein dort, habe den einen oder anderen mir zuvor fremden Menschen getroffen und Worte mit diesen Menschen gewechselt. Ich habe auch eine Bekannte getroffen, aber die meiste Zeit war ich allein, für mich unterwegs. An der Bar hatte ich durchaus manchmal mein Handy draußen, mit meinem Mann, meinem besten Freund und einer Gruppe von Freundinnen Messages getauscht.

Aber an einer Stelle hatte mein Handy nichts in meiner Hand zu suchen. So richtig gar nichts – bis auf eine kleine Ausnahme, aber dazu komme ich dann noch. Wenn vorne auf der Bühne eine Band ihre Show abzieht, live Musik macht, mit dem Publikum interagiert, dann bleibt mein Handy in der Tasche – im vorliegenden Falle steckte es eher in meiner Strumpfhose, weil ich die Handtasche im Garderobenspind eingeschlossen hatte und den nicht verschließbaren Taschen meiner Band-Sweater-Jacke beim Tanzen kein zuverlässiges Festhalten des Telefons zutraute. Es ist mir recht egal, ob ich (bewusst oder auf dem Weg nach vorne) hinten stehe oder bereits in der ersten Reihe bin: Gehe ich auf ein Konzert, dann nehme ich die Bilder in meinem Herzen mit, nicht auf dem Speicher meines Telefons. Ich brauche nicht zu fotografieren, nicht zu filmen. Ich bin da, ich muss das keinem beweisen, möchte ganz bewusst das Konzert nicht durch CCD-Kamera, Elektronik und Bildschirm betrachten, sondern direkt. Sonst könnte ich es mir gleich auf Youtube oder einer Live-DVD angucken. Wummernde Bässe, Synthie-Melodien, Gesang, dazu eine Show. Um den Song „Primary“ einer meiner liebsten Bands zu zitieren:

„This is live, this is real, this is not a simulation!“

Freilich, auf dem E-Tropolis war nicht alles nach meinem Geschmack. Aber ich habe jedes Konzert, das ich mir angesehen habe, mit allen meinen Sinnen angesehen und angehört, ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Bühne: CHROM, die ich zuvor nicht kannte, die ich von recht weit hinten sah und hörte, von denen ich so begeistert war, dass ich sofort die Alben der Band brauchte. Aesthetic Perfection, mit einem unheimlich präsenten, intensiven Sänger, die ich eigentlich nur ansah, um mich für Project Pitchfork und VNV Nation nach vorne zu warten – und dann überwältigt war von der Intensität des Konzerts – obwohl ich dank eines Anschlags meiner Blase auf den Wunsch, das ganze Konzert zu sehen, nicht alles und noch weniger von meinem eroberten Platz in der dritten Reihe sah. Ungeteilte Aufmerksamkeit für die Band, auch wenn ich nicht wusste, was mich erwartete oder vielleicht nur einen Platz vorne suchte, das bin ich meiner Konzert-Erfahrung schuldig.

Selbst wenn es so ausgeht wie bei Nachtmahr, bei denen ich in der zweiten Reihe stand. Nicht, dass ich „Mädchen in Uniform“ nicht lustig und tanzbar fände, aber insgesamt fand ich die Show befremdlich, ein bisschen mehr Charisma und ein bisschen weniger von ihm ablenkende, scheinbar nur zur Zierde und Ablenkung durch Show in verschiedenen Befremdlichkeitsgraden mitgebrachte Tänzerinnen täten meiner Ansicht nach dort gut. Habe ich deswegen auf mein Handy geschaut? Nein! Um mich herum waren Fans der Band, ich war weit vorne. Ich war es ihnen und nicht zuletzt mir selbst schuldig, auch diese Show, die anzusehen ich mich (freilich nicht wegen der Show selbst, sondern um in die erste Reihe zu kommen) entschieden hatte, mit aller Aufmerksamkeit anzusehen.

Bei Project Pitchfork hatte ich dann einen Riesenspaß, denn die Musik ist einfach toll – und war dieses Mal auch nicht so übersteuert und von der Klangqualität her mies, wie das auf dem E-Tropolis 2014 der Fall gewesen ist. Ich habe ganz für mich eine neue Intensität im schon 100mal gehörten „Timekiller“ gefunden und laufe seitdem mit einem Ohrwurm des Liedes durch die Gegend. Und dann war da VNV! So sehr im Hier und Jetzt wie während einer VNV Nation Show bin ich selten, eigentlich fast nie. So war ich schon beim ersten Lied („Retaliate“) in euphorischer Begeisterung am Klatschen, Singen, Tanzen – so sehr, dass eine Frau auf der Außenseite der ersten Reihe sich bei mir beschwerte, ich solle nicht so viel Klatschen, sie stände in der ersten Reihe und sähe nichts. Ich tauschte dann Platz mit ihr – bei einem Konzert, das mich euphorisiert, die Hände unten lassen – das ist indiskutabel. So sehr ich im Konzert aufging, mitsang, bei Beloved eine Achterbahn aus emotionalem Schmerz, heilsamem Heulkrampf und wieder Lächeln erlebte, vollkommen ausgefüllt wurde von Bildern, Tönen, Erfahrungen, von denen mich mein Handy nur abgelenkt hätte, so sehr war meine Platznachbarin offenbar in ihren Ablenkungen gefangen: Hin und wieder konnte ich nicht anders, als das eine helles Chatfenster zeigende Handy in ihrer Hand zu sehen, sie bewegte sich kaum, es berührte sie kaum. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube nicht, dass es glücklich macht, sich in die erste Reihe warten und dann einen Gutteil des Konzerts mit Starren auf ein Handydisplay zu verbringen, ob nun beim Filmen des Konzerts oder beim Abgelenktsein zu verbringen. Sie wirkte nicht glücklich. Ich war nach den Konzerten glücklich wie in einem Traum, habe kein einziges Bild oder Video von mir oder den Shows, aber ich habe die Erfahrungen der Shows – die tollen wie die befremdlichen – wie eine Ertrinkende das Wasser aufgesogen. Wegen solch intensiver Erfahrungen des Hier und Jetzt bin ich auf Konzerten, auf Festivals.

Auch wenn wir mit Achtsamkeit eher die leisen Tätigkeiten verbinden, in denen wir völlig aufgehen, finde ich, es hat auch mit Achtsamkeit zu tun, in einer intensiven, direkten, lauten Erfahrung so sehr es nur geht aufzugehen.

Ach genau, mein Handy. Einmal während des Festivals hatte ich es während eines Konzerts draußen. Bei „Nova“ von VNV Nation. Aber ich habe nichtmal den Sperrbildschirm aufgehoben. Es ging nur um die Handy-Taschenlampe. Klar, ein Feuerzeug ist romantischer. Aber bei elektronischer Musik ist auch das elektrische Licht an der mitgeführten Unterhaltungselektronik gut dafür. Und so einen intensiven Sternenhimmel wie damals bei „Nova“ auf dem Amphi 2015 in der Lanxess-Arena hätten Feuerzeuge nicht hinbekommen. Das ist dann doch auch mal ein Effekt der modernen Technik.

Euphorie!

Heute in der Mittagspause erreichte mich die Nachricht, die schon als aufregende News für heute um 12:00 angekündigt war …

„Exciting News on Monday at 12:00!“, so kündigte Ronan Harris es an. Meine Mittagspause nutzte ich dazu, Tickets zu kaufen – denn es waren Tourdaten zum neuen Album „Noire“ von VNV Nation sowie Tickets, die in den Verkauf gingen!

Und somit werde ich VNV dieses Jahr viermal sehen: Auf dem E-tropolis im März, in Stuttgart und Frankfurt im Oktober und nochmal im Oktober in Hamburg! Ich bin völlig von der Rolle und durch den Wind, so freue ich mich!

Holidays are coming

Heute früh haben erste Schneeflocken vor dem Fenster ihren Tanz aufgeführt – und auch wenn ich eigentlich keinen Schnee mag, fand ich das doch sehr schön anzusehen. Gestern Abend auf der Heimfahrt, im Dunkel der frühabendlichen Autobahn, da überkam es mich schon plötzlich. Es gibt auf dem Musik-Ordner meines Telefons eine Playlist namens „Pop Christmas“.

Das berüchtigte „Last Christmas“ ist da zwar enthalten, aber meistens skippe ich es mit dem kleinen Schalter am Lenkrad. Die Lieder, auf die ich mich jedes Jahr auf dieser Liste besonders freue, sind andere. Meine Mama hörte manchmal gerne Boney M, daher steckt in Erinnerung an meine Mutter „Feliz Navidad“ drin. Bevorzugt für die Heimfahrt am letzten Arbeitstag ist Chris Rea mit „Driving Home for Christmas“ reserviert, dann hab‘ ich da noch Mariah Careys „All I want for Christmas“ drin.

Aber all das sind nur die „weiteren Songs“ der Liste. Was ich um Weihnachten herum so oft und gerne höre, dass mein Umfeld es nicht nur nicht mehr hören kann, sondern eventuell gar nicht mehr bemerkt, dass es schon wieder läuft, sind zwei Lieder. Einmal ist es Band Aid – also „Do they know it’s Christmas“. Ich liebe diesen Song, erkenne die Einzelstimmen der verschiedenen Sänger und freue mich jedes Mal, wenn es mal im Radio läuft – leider ja deutlich seltener als „Last Christmas“. Ich könnte – nein, das ist falsch – ich könnte nicht nur losheulen, ich tu’s, vor Freude, wenn ich das Lied höre – öfter als man denken sollte. Aber dann ist da noch ein Lied, das mich – oft – noch mehr aus allem heraus holt, als „Do they know it’s Christmas“ das kann. Es ist Melanie Thorntons „Wonderful Dream“. Wenn ich den Track wieder aus der Kiste hole, im Auto auf der Heimfahrt oder generell höre, dann beginnt es für mich, weihnachtlich zu werden. Trotz allen Stresses, trotz aller Veränderung – hat das dieses Jahr früh angefangen. Vor dem ersten Advent, vor dem ersten Dezember.

Und während ich diesen Beitrag schreibe, höre ich die Lyrics von „Wonderful Dream“ im Kopf, höre die Musik, auch wenn das Lied gerade gar nicht läuft, und Tränen laufen über meine Wangen. Es wird Weihnachten!

Tief im Westen

Ein Gänsehaut-Moment. Warum es damals die Live-Version von „Tief im Westen“ oder auch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer in meine Sammlung geschafft hat, weiß ich gar nicht mehr genau. Jedenfalls ist es eine Version, die sehr, sehr „live“ ist. Als am Achtziger-Tag auf SWR3 irgendein Grönemeyer-Song im Radio lief, bekam ich Lust auf dieses kaum vier Minuten lange Stückchen „Grönemeyer live“.

Ich kann’s gar nicht genau sagen, warum es so ist. Ich komme nicht aus dem Ruhrpott, in Bochum habe ich zwar Freunde, aber im Grunde genommen keine Beziehung zu der Stadt. Nicht, dass ich den Ruhrpott nicht mögen würde – im Gegenteil! Ich fühle mich dort, ebenso wie im Hamburger Raum, von Menschen, Landschaft und auch Bebauung immer sehr wohl, obwohl meine (durchaus als solche geliebte) Heimat im südwestdeutschen Raum liegt. Der Südwestdeutsche an sich, gleich ob Schwabe oder Badener, ist ja durchaus in seiner klischeehaften Mentalität vom Ruhrpottler verschieden. Dennoch …

Wenn man sich insbesondere bei „Grönemeyer-Live“-Aufnahmen, all diese Atmosphäre, den sympathischen Grönemeyer auf der Bühne, all das vorstellt – dann ist das Wahnsinn. Gänsehaut. Heimat und Hexenkessel; nicht glorifiziert, zumindest nicht für etwas golden Angepinseltes, sondern für’s echt, hässlich, verbaut Sein geliebt und vielleicht doch ein bisschen gerade dafür bejubelt. Eine Art von Heimat, in der der Staub, der Taubendreck auf der Jacke, das Mitgehen in diesem etwas rauen Gefühl des herzlichen Verbundenseins alle gleich macht und zusammenbringt. Ich kann mit rein, in dieses Gefühl, allein, wenn ich Grönemeyer die Zeile „Tief im Westen – wo die Sonne verstaubt!“ jubeln höre. Ist „Jubel“ das richtige Wort? Ja, ich denke schon – vielleicht nicht im Sinne eines Gewinner-Jubelns, aber in Form des Herausrufens eines positiven Verbundenheitsgefühls. Am Ende der Aufnahme ruft Grönemeyer in den Jubel der Fans hinein: „Bangemachen gilt nicht!“ und wenn man die Aufnahme auf Schleife setzt, ist es schwer zu sagen – eigentlich gar nicht – ob das der Auftakt zu „Tief im Westen“ ist oder die Überleitung zum nächsten Lied. In meinem Kopf entstehen da Bilder und Gedanken. Der Welt, in der Am Rand des Strömungsabrisses spielt, habe ich schon lange eine Art „Ruhrpott“ gegeben, aber gestern, beim Hören der Aufnahme, haben sich diese Gedanken verfestigt. Da jubelte eine Tethys-Variante von Grönemeyer auf seine Heimatstadt – in natürlich etwas angepassten, aber letztlich ähnlich liebevoll-despektierlichen Beschreibungen wie Grönemeyer. Auf einem großen Festival, das fast schon am Rand der Stadt stattfindet, die im Sinne des Textes von „Tief im Westen“ Düsseldorf entsprechen soll.

Ja, das ist ein großes Gefühl. Eine Einigkeit über das Schicksal, in das man hineingeworfen ist – der Ort, an dem die Sonne verstaubt, der vor Arbeit ganz grau ist. Wo es egal ist, wer man ist, so lange das Herz zählt – grau macht der Staub sie eh alle, und es sind sie, die nur aus Gier handeln, die vielleicht ein bisschen als Feindbild zählen.

Ob das nun gut und richtig ist, moralisch gesehen, weiß ich nicht. Aber ich bin tief drinnen in dem Gefühl, das mir „Tief im Westen“ vermittelt. Wohlig eingepackt in die Gewissheit, dass das eine Art von Heimat ist. Egal, ob es nun Bochum im wörtlichen oder in einem übertragenen Sinne ist.

Wer bin ich? Ich bin Vaiana

Wie schon im Titel genannt, geht es in diesem Beitrag und den Disney-Film „Vaiana“, im amerikanischen Englisch „Moana“. Da ich die englische Version für Europa gesehen habe und auch den Soundtrack zu dieser Version am laufenden Band höre, kommt in meinen Zitaten des englischen Texts auch der Name „Vaiana“ für die Hauptfigur vor – das ist auch im englischen Soundtrack für den europäischen Markt so.

Wie kam ich eigentlich zu Vaiana? Vor nicht allzu langer Zeit war das gar nicht so selbstverständlich, dass ich Disney-Filme von nach 1995 auch wirklich angesehen habe. „Tangled“, also „Rapunzel: Neu verföhnt!“ war der erste, mit dem ich wieder eingestiegen bin. Dann war da natürlich das Remake in Realfim von „Beauty and the Beast“, der damals in Zeichentrick mein allerliebster Disney-Film war und nun als Realverfilmung bleibt. Dass ich neben Tangled und Beauty and the Beast nun auch noch Frozen und Vaiana kennengelernt habe, ist einer Freundin zu verdanken, deren heute 10- und 14-jährige Töchter natürlich dafür sorgen, dass die Mama auch den ein oder anderen Disney-Film kennenlernen würde, wenn sie nicht selbst wollte – aber sie will. Zum Thema „Vaiana“ sagte sie zu mir: „Den musst du sehen. Der ist so unheimlich etwas für dich! Die Lieder erinnern mich so an dich!“

Was soll ich sagen: Sie hatte recht. Wie so oft – aber das ist eine andere Baustelle. Wer ist nun Vaiana? Vaiana ist die Tochter des Dorfhäuptlings, die vom Meer angezogen wird und deren Schicksal es ist, eine Großtat auf dem Meer zu vollbringen. Mehr möchte ich gar nicht spoilern. Für mich so bedeutend ist, wie Vaiana sich fühlt und welche Entwicklung sie über den Film durchmacht. Das ungeschickte Huhn, das lustige Schwein Pua und der Halbgott Maui, der mit seinem Haken in das Abenteuer eingreift, sind für mich nur Statisten.

Am Anfang steht da Vaiana, die ihren Vater, den Dorfhäuptling beerben soll. Doch immer wieder zieht es sie zum Wasser, benennen kann sie es aber nicht. Es ist diese Linie zwischen dem Meer und dem Himmel, der Horizont, der Vaiana ruft. Sie weiß nicht, wieso. Sie möchte die Rolle erfüllen, die das Dorf für sie bereithält, die man von ihr erwartet. Sie möchte das sein, was die anderen wollen, dass sie es ist, was die anderen brauchen – einen neuen Häuptling, wenn Vaianas Vater sich zur Ruhe setzt.

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=cPAbx5kgCJo

Ein für mich ganz wichtiger Schlüsselmoment ist diese Sequenz, in der mitten in dem Willen, die vorgesehene Rolle zu erfüllen, sich die Sehnsucht einschleicht.

But the voice inside
Sings a different song

What is wrong with me?

Was habe ich mich das schon gefragt! Ich war immer ein ruhiges Kind, ich hatte viel Vorstellungskraft, lebte teils in meiner Phantasie. Dann waren da Dinge, die an mir anders waren, aber benennen konnte ich sie lange nicht. Erst später wurde mir klar, dass ich vielleicht meine Rolle neu interpretieren müsse, nicht in der vorgezeichneten Weise hineinleben müsse.

Dann kommt der Aufbruch. Natürlich geht Vaiana doch auf ihre Heldenreise – hey, es ist ein Disney-Film und wenn das ein Spoiler wäre … Der Wunsch nach dem Aufbruch, die Sehnsucht nach dem unbestimmten Anderen, aber auch das Wissen, dass da mehr ist als nur etwas „Falsches“ in Vaiana, hier über die Rolle der Ahnen in der Gesellschaft und über die Lebensart der Ahnen, begleiten sie und geben ihr Halt. Sie verlässt dabei ihre Insel, ihr Dorf und bricht mit der Rolle. Auch das kenne ich sehr gut …

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=keGr19WWwoA

Und natürlich kommt sie, die Krise. Draußen auf dem Meer, am Rand des Scheiterns. Doch da ist der Geist der Mentorin – in meinem Fall war’s oft der Mentor, mein Großvater. Bei Vaiana/Moana ist es Tala, die Großmutter, deren musikalisches Thema mit „The Village’s Strangelady“ überschrieben ist. Rachel House singt sie – auch den Geist der Großmutter, der Vaiana hier in ihrer dunkelsten Stunde begegnet. An dieser Stelle kommt dann alles zusammen: Tala stellt Vaiana die Frage: „Vaiana, do you know who you are?“ Die verunsicherte Vaiana antwortet mit der Wiederholung der Frage: „Who am I?“ An dieser Stelle spüre ich all das, was ich – wie eben Vaiana – an Weg gegangen bin. Bereits bei der Wiederholung des immer wiederkehrenden „It calls me!“ ist die Gänsehaut fast unerträglich.

I’m a girl who loves my island
And a girl who loves the sea
It CALLS me!

Wie soll ich sagen? An dieser Stelle wird es klar. Ich muss mich nicht zwischen dem vorgezeichneten Weg und dem, was mich ruft, entscheiden. Es kommt zusammen, es sind nicht zwei Wege, es ist die Herausforderung, sie zu einem zu verweben. Ich könnte auch zu dem weiteren, zu jeder Zeile, so viel schreiben. Doch das wird zu viel. Wichtig ist noch der Moment, in dem Vaiana feststellt, dass der Ruf, der „Call“ in ihr ist, nicht von außen kommt. Hey, der Ruf, dieses Gefühl, dass da was nicht stimmt oder besser, dass da mehr ist, der ist gar nicht von außen, nicht falsch. Er gehört zu mir. Er ist in mir!

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=PicBPFZFpKU

Es ist selten, dass ich es so herausschreien kann, wie Vaiana das am Ende ihrer Lyrics in diesem Lied tut. Aber das ist der Moment, in dem wirklich alles zusammenkommt – so intensiv, dass es außer im Moment der Erkenntnis selbst immer unglaublich peinlich ist. Unglaublich heftig, so dass es zu groß ist für die Welt und deswegen alles wegwischt. Dass das, was man über sich lernt, über die Synthese aus dem, was die anderen erwarten und man erfüllen kann und dem, was man ist und niemals verleugnen kann, plötzlich alles ausfüllt. Das ist dieser „I am Vaiana!“-Moment, in dem alles klar wird und in dem aus all den Fragmenten ein Ganzes wird.

Pathos? Vielleicht. Aber da bin ich bei Vaiana. Da BIN ich Vaiana. Wenn aus all den Bruchstücken, aus all dem, was man für andere ist, was in einem selbst unverleugbar ist, aus all den Scherben, plötzlich ein Mosaik findet, in dem alles zueinander passt. In dem kein Widerspruch mehr ist – und das SCHÖN ist. Das ist … die Selbstwerdung, die ich erlebt habe, immer wieder erlebe. Mein Vaiana-Moment.

Neuanfang

2017 war ein seltsames Jahr. Dabei ist es noch gar nicht vorbei. Immer wieder klingt mir in letzter Zeit über das Radio Cluesos „Neuanfang“ in den Ohren, und das charakterisiert das Jahr 2017 doch nicht so schlecht, wenn ich mir das so ansehe.

Neben dem Laufen, dessen großen Einfluss auf mein Leben man hier bei The Highway Tales nur schwer übersehen konnte, kamen noch andere Dinge neu auf. Meine kleine Schwester hat geheiratet, mein Vater hat sich von der Frau getrennt, mit der er nach dem Tod meiner Mutter fast neun Jahre zusammen war. Ich war seit langem mal wieder Tanzen – und das nicht nur einmal, ich habe so viel und so ausführlich Freunde überall in Deutschland besucht, wie schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Ich habe meine Kopfschmerzen erheblich reduziert – und meine Colitis ulcerosa im Griff behalten, obwohl ich das Immunsuppressivum begleitet durch meinen Arzt abgesetzt habe.

Das alles liest sich wie ein Jahresrückblick? Ist es dafür nicht zu früh?

In der Tat. Für einen Jahresrückblick ist es noch zu früh. Das Jahr 2017 ist erst zu drei Vierteln vorbei. Drei Monate sind es noch bis zum Jahresende – aber drei Monate sind auch meine Kündigungsfrist. Ich werde ab 01.01.2018 eine kürzere Strecke pendeln, etwas Anderes arbeiten. Natürlich sind Neuanfänge Chancen, natürlich sind Neuanfänge auch Weiterentwicklungen. Neues, Veränderung macht aber auch etwas Angst – und auch diese habe ich. Das kenne ich aber schon: Vor neuen Dingen, vor Veränderung keine Angst zu haben, das wäre gelogen. Ob das bei anderen Leugnung, ein wirklich so furchtloser Blick in ungewisse Zukunft oder ein stärkeres Selbstvertrauen sind, kann ich nicht beurteilen. Für mich ist diese Angst ein Hilfsmittel, neue Dinge nicht zu leicht zu nehmen, so dass ich sie wieder zerstören könnte. Aller Anfang ist fragil.

Und dennoch brauche ich derzeit auch öfter mal den Schubs aus dem Radio. In diesem Falle nicht das symptomatische „Neuanfang“, sondern Mark Forsters „Sowieso“. Egal was kommt, es wird gut, sowieso. Das wäre schön. Damit es so gut kommt, muss dieser Respekt vor der Veränderung ein bisschen kribbeln und es mich ernst nehmen lassen. Dann wird’s aber auch gut. Vielleicht nicht „sowieso“, aber eben doch.

Mal sehen, wann ich es auf die Reihe bekomme, die „Über mich“-Seite zu aktualisieren … und wie ich es tu. So eindeutig ist die Strecke künftig nicht mehr. Vielleicht kommen auch Erzählungen vom S-Bahn-Pendeln dazu. Das wäre mal was ganz was Neues, so richtig schön salopp gesagt.