Vom Fehlermachen

„Das war falsch, das war falsch, verdammt – das war falsch!“

Metaphorisch, seltener buchstäblich rennen wir im Kreis, die Arme gen Himmel geworfen, da wir etwas „verbockt“ haben. Am besten noch gleich so, dass es ein größerer Personenkreis gesehen hat – und oftmals läuft’s dann auch noch so, dass wir nicht einmal mehr die Initiative haben, weil jemand anderes es merkt und mitteilt!

Ihr kennt das auch? Mies fühlt sich das an, und es nützt überhaupt nichts. Ich habe lang gebraucht, dieses aufwallende Gefühl der Demütigung zu begrenzen. Ich meine, es ist nur ein Fehler. Meist macht nur der, der gar nichts macht, keine Fehler. Es soll zwar nicht so sein, aber nicht selten schleichen sich auch Fehler ein, selbst wenn man sich kontrollieren lässt. Klar, man kann noch gewissenhafter rangehen, oft ist das sogar gar keine schlechte Idee.

Und da fängt es an. Ich lerne aus dem Fehler, beim nächsten Mal gewissenhafter drauf zu schauen. Ich sehe ihn, korrigiere ihn, kommuniziere das korrigierte Ergebnis. Ich renne nicht panisch im Kreis, die Arme hochgeworfen – vielleicht werde ich sogar nur noch rot im Gesicht, weil ich mich schäme, etwas übersehen zu haben. Vielleicht nicht einmal mehr das. Vielleicht lerne ich aus dem Fehler nicht nur etwas über meinen Umgang mit Qualitätssicherung, sondern auch über die Sache, in der ich einen Fehler gemacht habe.

Es heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin, wenn ich mich von berechtigter oder unberechtigter Kritik nicht mehr persönlich angegriffen fühle. Aus dem interpretierten Angriff, den der Fehler – ob von anderen wahrgenommen oder nur von mir selbst gesehen – auf meine Gewissenhaftigkeit, meine Person darstellt, kann ich Wut auf den Überbringer der Fehler-Botschaft oder auf den Fehlermacher generieren. Ich kann – und sollte – es aber lieber lassen. Denn dass jeder mal Fehler macht, auch manche Fehler wieder macht, ist Fakt. Wut oder Scham machen weder den Fehler noch die Erkenntnis einer Gruppe, dass ich fehlbar bin, wieder rückgängig. Sie behindern mich sogar dabei, weiter zu machen und den Fehler zu beheben, erst recht, weil dann eine übersteigerte Angst vor einem erneuten Fehler hinzukommt.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass eine gute Fehlerkultur eine solche ist, in der man ausruft: „Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht.“ Ich halte das für Utopie. Aber je näher ich an dieses Ideal herankomme, um so weniger beherrschen meine Fehler mein Tun und meine Reflektion über mein Tun, sondern verbessern es.

Ich bin stolz darauf, mich dieser guten Fehlerkultur anzunähern. Langsam, in kleinen Schritten, manchmal auch mit Rückschritten. Aber zumindest bringen mich Fehler im Umgang mit meinen Fehlern weiter – im Umgang mit meinen Fehlern. Das ist doch mal ein Modell für den Umgang mit Fehlern in anderen Dingen als dem Umgang mit Fehlern, nicht wahr?

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Zahlen-Magie

Es geht ein gewisser Zauber von Zahlen aus, der mich immer wieder in seinen Bann zieht. Es geht vom Offensichtlichen der eigentlichen Eigenschaften der Zahlen in einem weiten Bogen über die Wirkung, die Zahlen haben und jene, die ihnen zugeschrieben werden.

Letzteres, also der Zahlen-Mystizismus, Numerologie und vergleichbarer – sorry – Quatsch lässt mich vor allem verblüfft zurück, wie viele Menschen das unkritisch und nicht als Symbolik hinnehmen. Ich bemerke aber an mir selbst, dass ich auch da gewichte. Die Angst vor der 13, insbesondere verbunden mit dem fünften Tag der Woche, hinterlässt mich irritiert, während ich ganz gut akzeptieren kann, dass die „Vier“ im japanischen wie der Tod klingt und daher zu vermeiden ist, also bevorzugt drei oder fünf Gäste zu einer Teezeremonie einzuladen sind und nicht vier. Auch mit der Acht als Glückszahl, weil ihr Zahlzeichen sich in Richtung der Zukunft weitet und öffnet, komme ich besser klar als mit der Dreizehn als Unglückszahl. Dieser (überspitzt gesagt) Geringschätzung einheimischen Aberglaubens bei Akzeptanz vergleichbarer Strukturen in anderen Kulturen als „Konvention“ muss ich wohl mal ein paar Gedanken widmen.

Aber ich wollte nicht in erster Linie darüber schreiben. Auch über die teils faszinierenden Eigenschaften von Zahlen als solche wollte ich nicht eigentlich hier schreiben, aber da ich das erwähnt habe … zum Beispiel ist es etwas, das einen verwundert zurücklassen kann, dass es beliebig große Primzahlen gibt. Man sollte mit „gesundem Menschenverstand“ (was für ein Euphemismus!) annehmen, dass bei hinreichend großen Zahlen immer mehr als zwei ganzzahlige Teiler zu finden sind. Indes, es ist nicht so. Auch die verschiedenen Mächtigkeiten von Unendlichkeit bei Zahlen versetzen mich immer wieder in Staunen.

Der eigentliche Anlass, die eigentliche Idee hinter diesem Post ist aber eine andere „Zahlen-Magie“. Es geht um die Rückwirkung von Zahlen auf mich selbst, von gesteckten Zielen, von über Zahlen erfassbaren Strukturen in meinem Leben. Ziele lassen sich hervorragend in Zahlen formulieren, die dann für physikalische oder ideelle Größen stehen. Zahl der gelaufenen Kilometer, in Zahlen ausgedrückte Geschwindigkeit (ob nun als Laufjargon-„Pace“ in Minuten pro Kilometer oder in Kilometern pro Stunde), Zahl der produzierten Seiten an Papier für einen Bericht – solche Dinge. Zahlen sind dabei hervorragend, um Ziele zu formulieren. 1500 Kilometer Laufen dieses Jahr als Jahreziel, dann mein momentanes Projekt: 500 gelaufene Kilometer vor Ende des ersten Quartals (13,1 Kilometer fehlen noch). 8000 Schritte am Tag.

Zumindest ich kann vieles in Zahlen ausdrücken und das motiviert mich dann in der Regel sehr. Was mir aber in letzter Zeit besonders auffiel und mich dazu gebracht hat, Zahlen als Magie zu bezeichnen: Hin und wieder beim Laufen denke ich irgendwelche willkürlichen Zahlen, meistens große Zahlen. Oft korrespondieren sie in irgendeiner, gelegentlich ziemlich weit hergeholten Form mit meinen Zielen. Oft bilden sie dann Mantras – die mich vorantreiben. Das ist dann Magie in ihrem besten Sinne: Ich benutze die Zahl, das Zahlwort als Mantra, dieses Mantra als Fokus, um meinen Willen, meine Gedanken, meine Leistung auf einen Punkt zu bringen, ohne dass die Zahl eine eigentliche Aussage über das hinaus hat, was ich in sie hineinprojiziere. Zahlenmagie eben.

Siebentausend!

Aber ich weiß es

Meine Serie ist weg und doch noch da. Welche Serie?

Achttausend Schritte am Tag wollte ich machen und mache ich auch, seit über neunzig Tagen. Zum Nachweis benutze ich meinen Schrittzähler und die zugehörige Handy-App. Theoretisch zumindest, denn praktisch stehen da nicht die 91 Tage, für die ich tatsächlich jeden Tag mindestens achttausend, meistens über zehntausend Schritte getan habe. Mein iPhone 5S hatte über viele Lade- und Benutzungsvorgänge, teils beim Joggen in ganz schöner Kälte, allmählich eine Akku-Laufzeit, dass man denken könnte, da wäre kein Lithium-Ionen-Akku mehr drin, sondern ein hübscher kleiner Kondensator. Nach Akkutausch hätte ich immer noch ein altes Telefon gehabt – also habe ich mir ein neues Telefon gekauft. „Bigger, Better, Faster, More“, könnte man meinen, aber ich bin da ein bisschen … äh … konservativ. Ein iPhone SE wurde es, denn bei dem kann ich davon ausgehen, dass es noch ein bisschen länger aktuell genug ist, um vernünftig mit allen Apps und Features zu funktionieren als das 5S, aber es hat dieselben Maße. Ich habe zwar große Hände, aber ich schätze es, wenn mein Telefon nicht zu groß für Bedienung mit einer Hand ist.

Was das mit meinen Schritten zu tun hat? Tja, mein Schrittzähler synchronisiert sich via Bluetooth mit dem Telefon, das Telefon synchronisiert sich dann mit der Datenbank von Runtastic. Dummerweise scheint mein akkuschwaches iPhone 5S das seit Mitte Februar nicht mehr richtig auf die Reihe bekommen zu haben. Somit habe ich seit dem 19.12.2017 jeden Tag einen grünen Balken von mindestens achttausend Schritten in der Statistik, die jäh am 10.02. enden. Seit dem 14.03. werden die vielen Schritte – bis zu siebenunddreißigtausend an einem Tag! – wieder angezeigt.

Aber auch wenn mein Telefon nun nur eine Serie von sechs Tagen in Folge achttausend Schritte oder mehr anzeigt, ich WEISS es, dass es 91 sind und heute 92 werden. Manchmal muss ich sagen, finde ich das super-ätzend, unverschuldet die motivierende Serien-Anzeige verloren zu haben. Aber so ist es nunmal – woran das nun genau lag, keine Ahnung. Ist auch egal, denn ich weiß ja, dass wenn ich nicht gerade richtig faul werde, noch vor Ostern einhundert Tage in Folge über achttausend Schritte auf meinem „Konto“ sind. Und das ist doch schon was, selbst wenn durch Datenverlust auf dem Telefon die Serie nur in meinem Kopf korrekt angezeigt wird.

Radikale Maßnahmen?

Den (vorhandenen) aktuellen Anlass für einen Post dieser Thematik werde ich Euch nicht auseinandersetzen, zumal es sich dabei nicht um mein eigenes Problem dreht. Mir kommt nur zur Zeit ein allgemeines Problem bei der Lösung von problematischen Situationen wieder recht deutlich zu Bewusstsein.

Grundsätzlich gibt es im Leben eine ganze Reihe verschiedener Kategorien von Problemen. Kleine Probleme mit klaren Lösungen gibt’s zwar recht häufig, aber um die soll es hier nicht gehen. Das Leben ist sehr komplex und oft spielen ganz verschiedene Aspekte zusammen, die aus einer Menge kleiner Reibereien und Probleme, die allein lässig gelöst oder ertragen werden könnten, einen riesigen Knoten machen. Ganz konkret möchte ich meine Situation anführen: Sechs Jahre lang pendelte ich nach Stuttgart, fast 90 Kilometer eine Strecke, über eine zunehmend dauerverstopfte Autobahn. Dabei lag mein Lebensmittelpunkt weiterhin nahe Karlsruhe, die Arbeit meines Mannes nahe am Wohnort zwischen Karlsruhe und Rastatt. Dazu bin ich eine sehr auf soziale Interaktion gepolte Person, die rausgeht, Leute trifft, viele Leute kennen mag, während mein Mann ein ruhiger Typ ist, dem es eher zuwider ist, wenn zu viele Personen um ihn herum sind. Ganz langsam, schleichend, über ein paar andere Aspekte, die nicht so toll waren, schlichen sich immer mehr ungesunde Mechanismen in die Situation ein. Mein Mann veränderte sich im Unternehmen beruflich und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, ich laborierte zeitweise mit der Colitis ulcerosa herum, eine von mir gewollte Veränderung an anderer Stelle hing ein Jahr lang in der Luft und scheiterte dann. Aufgaben blieben zwangsläufig liegen und stauten sich an, zugleich wurde die Fahrt zur Arbeit nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv immer länger und unentspannter.

Natürlich entwickeln sich in so einer Situation Momente, in denen man den anderen an die Wand klatschen will – für etwas, das einem sonst ganz egal gewesen wäre. Momente, in denen man sich fragt, ob’s allein nicht besser ginge, ob man nicht die Zwänge des Zusammenlebens abschütteln will. Ich habe das nicht getan, und ich wollte es auch nie wirklich. Aber einfacher wär’s an manchen Stellen schon erschienen, entweder spontan die Pendelei ohne neue Option an den Nagel zu hängen oder von der Beziehung weg, zur Arbeit hin zu ziehen. Nur: Das hätte kurzfristig Momente gelöst, aber neue Probleme geschaffen. Ich habe nicht ohne Grund damals meinen Mann geheiratet und nicht ohne Grund mit einer gemeinsam gekauften Wohnung und mehr Bindungen geschaffen. Vor ungefähr zwei Jahren, so genau kann ich das gar nicht sagen, war recht deutlich zu merken, dass ich immer unzufriedener wurde. Oft äußert sich das bei mir in Laune – und Musik. Ein Freund und mein Mann, mit denen ich regelmäßig Mittwochs am PC spiele, waren geschockt von meiner negativen Reaktion auf ein neues Spiel, das wir ausprobierten. Ich reagierte zwischen resigniert und sauer, wollte aber unbedingt dran bleiben. Ich bin noch immer der Ansicht, dass meine Reaktion überinterpretiert wurde, aber die beiden kennen mich schon lange – und nicht nur durch Spiele, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr gut. Wenn sie eine „schockierende“ Reaktion sehen, dann ist das eine Warnung. Es gab noch mehr. In meinem Kopf vereinigten sich zudem an manchen Stellen Kleinigkeiten, die mein Mann tat (und die eigentlich gar nicht schlimm waren) zu einen vor-sich-hinsingen der Zeile „You know the bed feels warmer sleeping here alone“ aus Kelly Clarksons „Stronger“, weil ich vor lauter Druck das Schöne nicht mehr sehen konnte, all die wichtigen Dinge, die ich aus meiner Beziehung und meinen Freundschaften nehme.

Nun hätte ich aus diesen Momenten, die durchaus nicht wenige waren, einen radikalen Schnitt ableiten können. Zeitweise hätte das vielleicht sogar richtig gewirkt. Es klingt einfach, schafft aber neue Probleme. Meistens kommen solche Probleme aus sich selbst heraus und aus den anderen heraus. Meistens stauen sie sich eine Weile an und lassen sich nicht oder nur mit massivem Kollateralschaden auch auf sich selbst schnell und radikal lösen. Das angesammelte Problem aus vielen kleinen, lösbaren Komponenten, die zu einem verstopfenden, unentwirrbaren Knäuel werden, nimmt man mit sich mit, wenn man es wie den Gordischen Knoten durchschlägt. Die losen Enden verknotet man doch wieder und die Hälfte des Knotens bleibt so unlösbar wie zuvor, durch das nonchalante Wiederverknoten vielleicht sogar noch unlösbarer als der ganze Knoten zuvor.

Liebgewonnenes und für das persönliche Leben und das Umfeld Wertvolles zu erhalten, das man im radikalen Schnitt verlieren würde, kann man aber schaffen. Oft sind die zugrundeliegenden Probleme schwer zu lösen – die Anfangseuphorie nach dem radikalen Schnitt überdeckt sie nur, dann kommen sie wieder. Man sagt ja gerne, dass Menschen doch immer wieder bei demselben toxischen Typus Partner landen, wie oft sie sich auch trennen. Es geht auch nicht darum, den Partner zu ändern, sondern einen nicht toxischen Umgang mit dem Typus Mensch zu finden, mit dem man sich instinktiv gerne verbindet, mit der Art Arbeit, die man gerne und gut macht, und den Hobbies und Freunden, die einem wichtig sind. Das ist unendlich viel schwerer und langwieriger als der radikale Schnitt, aber es ist auch nachhaltiger. Ohne tiefgreifende Analyse und Veränderung des Weges, der in die verfahrene Situation geführt hat, ändert sich nämlich auch nach Trennung nichts. Man wiederholt dann nur. Das Problem an diesen langwierigen, nachhaltigen Veränderungen ist, dass nach Erkennen des Problems erst einmal das Entwerfen von Veränderungen ansteht. Danach kommt das Umsetzen dieser Veränderungen – und insbesondere sich selbst zu verändern ist schwierig und dauert. Nach der Aufbruchsstimmung des erkannten Problems folgt die Ernüchterung: Es dauert, eine adäquate, nicht so viel Pendeln erfordernde Arbeitsstelle zu finden. Es dauert, bequeme und liebgewonnene Schuldzuweisungsmechanismen für eigene Unzulänglichkeiten abzulegen. Oft dauert es sogar, aus der Analyse der Komponenten der komplex-katastrophalen Situation die richtigen Veränderungen abzuleiten, das geht teils in Irrwege, teils ist es schlicht zäh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn eine Situation über lange Zeit und viele, langsam zusammenkommende Komponenten unerträglich geworden ist, braucht’s eine langfristige Veränderung, die nachhaltig ist. Im ersten Moment mag ein radikaler Schnitt wie die Lösung erscheinen. Wenn der Schnitt Raum für diese Veränderung gibt und man mit dem Verlust all der schönen und wichtigen Dinge leben kann, die einen nicht viel früher abhauen haben lassen, okay. Ansonsten ist es aber die Sache wert, durch das tiefe Tal, durch den Trog zu gehen und gemeinsam mit denen, die einen in das Tal begleitet haben, den anderen Hang wieder zu erklimmen.

Ist ein bisschen wie mit einer Diät oder einem Burnout. Wenn ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in falscher Weise zu viel gegessen habe oder in toxischer Weise zu viel gearbeitet oder das zu sehr an mich herangelassen habe, wird das nicht mit zwei Monaten Diät oder Psychotherapie, neuen Klamotten oder einem neuen Job gelöst. Die Mechaniken sind weiter in uns drin. Sie werden uns wieder an den Punkt bringen, wenn die Euphorie und die Aufbruchstimmung des Schnitts vorbei sind. Zwei Monate lang nix essen und dann wieder Burger im Vorbeirennen und Berge von Schokolade am Schreibtisch lösen das Problem nicht. Mit Beziehungen, Familie, Arbeit und dem Konglomerat aus Sozialem und Lebenswandel ist es auch nicht anders.

Am Ende des Tages hat man aus der furchtbaren Situation und einem unendlich erscheinenden Tal Automatismen geschaffen, die einen oben halten, wo vorher welche waren, die einen runterzogen. Ich bin heute glücklicher, stärker und zugleich rücksichtsvoller, aber auch besser im Einfordern von Rücksicht als noch vor drei, vier Jahren. Auch das verdanke ich dem Willen zu bleiben und der Scheu vor dem Davonlaufen, die mich ZWANGEN, an mir und meinem Umfeld zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Verändern dann doch die radikalere Maßnahme als das Davonlaufen oder Rauswerfen.

Der innere Udo Bölts

Es gibt öfter Momente beim Laufen, da denke ich mir: „Mäh! Ich kürz‘ jetzt ab. Ich geh‘ jetzt nach Hause, statt durchzulaufen. Willnicht. Kannnicht. Gehtnicht.“ Nun ja. ÖFTER ist der falsche Begriff. Manchmal gibt es diese Momente. Selten, aber dann mit Macht.

In diesen Momenten höre ich erstmal in mich hinein. Warum passiert das jetzt? Habe ich zu wenig getrunken? Das hatten wir schonmal. Nach dem Lauf, den ich dann zwar laufend, aber zunehmend schleppend beendet habe, ging es mir einen Tag lang schlecht. Richtig schlecht. Fehlt’s vielleicht an Energie? Auch das kann man nicht einfach wegdiskutieren. Es gibt noch andere Dinge, die man dann rasch durchgeht – zum Beispiel auch den Darm, der ja durch die chronische, aber gut im Griff befindliche Krankheit auch beachtet sein will.

Ist es aber nichts davon, greift er. Der innere Udo Bölts. Natürlich taugen die bekannten Fahrer des Radsports der Neunzigerjahre nur noch bedingt als die Helden, als die Rennradfahrer gerne porträtiert werden – das Doping hat eine tiefe Schneise in den Sport gezogen. Es gibt solche, die überführt wurden, solche, die’s zugegeben haben und solche, bei denen man annimmt, dass sie einfach geschickter – krimineller waren. Udo Bölts hat’s zugegeben, aber wahrscheinlich auch vor allem deswegen, weil ihm klar wurde, dass es rauskommen würde. Deswegen will ich die beiden Beteiligten an der Szene, die mich seit dem damaligen, begeisterten Schauen der Tour de France begleitet, nicht zu Helden hochstilisieren. Dass ich aber Straßenradrennen als mit das Spannendste, Interessanteste zum Anschauen im Sport empfinde, das ich mir vorstellen kann (neben Eiskunstlaufen und American Football), daraus möchte ich genauso wenig einen Hehl machen. Also zurück zur Szene.

Der innere Udo Bölts also. Damals, 1997, war in meiner Familie zumindest bei meinen Vater und mir das Radsportfieber in vollem Gange. Mein Vater hatte das Rennradfahren angefangen, weil er wegen seiner Muskeldysbalance im Knie nicht zur Krankengymnastik wollte – und so fuhren vor allem mein Vater und ich, aber auch meine kleine Schwester den größten Teil der 90er-Jahre über Rennrad. Es war das erste Mal, dass ein Sport mich wirklich begeisterte – zum Selbstmachen und Zuschauen. Tour de France schaute ich mit Begeisterung – schon zu Zeiten eines Miguel Indurain, dann die Siege von Bjarne Riis und schließlich Jan Ullrich. Leider hatte ich 1997 meinen Radunfall – ein Geländewagen erwischte mich auf einem Feldweg, die Schuld lag bei mir, der Geländewagen war von rechts gekommen. Gesehen und gehört hatte ich ihn dank eines Maisfeldes und leichten Windes nicht. Bei jener Etappe durch die Vogesen, auf der die berühmte Szene passierte, lag ich im Krankenhaus mit einem knöchernen Bandabriss, schaute unablässig Tour de France und bekam zwei Trikots des Teams Telekom geschenkt, um mich zu trösten – eines von meinen Klassenkameraden, eines von meiner Familie. Und so bekam ich die Szene mit – in den Vogesen hatte Jan Ullrich, Gesamtführender im gelben Trikot, späterer Gesamtsieger, bei der Verfolgung einer Ausreißergruppe eine Schwächephase. Udo Bölts als Helfer des Teamkapitäns motivierte ihn mit dem Satz:

Quäl Dich, Du Sau!
Udo Bölts zu Jan Ullrich, Tour de France 1997

Und so tritt, wenn ich mal schwächele beim Sport, mein innerer Udo Bölts in Aktion und ruft mir zu: „Quäl Dich, Du Sau!“ Nun ja. Und dann geht’s meistens wieder.

Die anderen sind bestimmt fleißiger …

Zur Zeit begreife ich anhand eines kleinen Wettbewerbes ein Problem, das mich in meiner Motivation gerade gar nicht beschäftigt, aber in manch anderen Phasen eine echt harte Nuss war und bestimmt auch wieder sein wird.

Es geht um die Frage: „Warum soll ich bei etwas mitmachen, bei dem bestimmt die anderen doch eh fleißiger, daher besser sind und ich somit eh nicht gewinne?“ Dieser Mechanismus kann einen leicht dazu bringen, gar nicht erst mitzumachen, gar nicht erst anzufangen. Mit solch einer Einstellung läuft man aber keinen Halbmarathon – und auch kommendes Jahr keinen Marathon. Da ich dieses Jahr Halbmarathon gelaufen bin, habe ich offenbar einen Weg gefunden, dennoch anzufangen, dennoch mitzumachen. Warum also nun dieser Beitrag?

Ich nehme zur Zeit an der „Kilometerfresser-Challenge“ des rennwerks teil. Dabei geht es darum, im nun etwas lauffeindlicher werdenden Herbst möglichst viele Kilometer in den zwei Wochen vom 09.10. bis zum 22.10. zu laufen. Bonus gibt’s über Likes für Laufbilder auf der Facebook-Seite des rennwerks. Nun wollte ich unbedingt dabei mitmachen – natürlich locken die Preise: Laufschuhe nach eigener Auswahl, Laufbekleidung, Gutscheine … und zwar ein Haufen davon. Die Preise gehen bis hinunter zu den letzten Plätzen, zumindest nach Anmeldestand bei Beginn der Challenge. Bei mir setzt nun ein: „Ich mache bestimmt nur Laufbilder, die keinem gefallen und muss mir meine Likes von meinen Freunden erbetteln – und bestimmt laufen andere viel mehr als ich.“ Vielleicht ist das so. Vielleicht auch nicht. Außerdem: Andere verlinken auch ihre Freunde unter ihrem jeweiligen Bild, damit diese Liken. Alles ganz normal.

Jetzt kann man von zwei Seiten fragen: Einerseits: „Was ist so schlimm dran? Ist doch nur ein Spiel!“ Das ist richtig, aber es fällt mir schwer, es als solches zu nehmen, wenn es um etwas geht. Ich möchte mir keine Hoffnungen machen – wie vielleicht auch der eine oder andere hier möchte ich Dinge nur angehen, wenn was dabei rumkommt. Das gilt für so eine Challenge, für’s Laufen, aber auch für viele, viele andere Aufgaben. Wenn es von vorneherein sehr wahrscheinlich ist, dass es scheitert, will ich es nicht machen. Deswegen mache ich auch eher wenig Glücksspiel. Bei der Laufchallenge kann ich meine Chancen beeinflussen, und das fühlt sich gut an. Dass ich annehme, dass andere mehr laufen und mehr Likes bekommen, fuchst mich dabei – dabei ist doch genau der Wettstreit das Interessante dran. Nun kann die zweite Frage kommen: „Wenn sie das so sieht, warum tut sie sich das an?“ Naja. Die Antwort darauf ist eigentlich einfach und doch nicht. Wenn man’s nicht anfängt, nicht mitmacht, kann gar nichts bei rumkommen. Und laufen würde ich eh. Bei anderen Dingen: Aufgaben erfüllen müsste ich eh. Also kann ich’s auch gleich machen. Der andere Punkt, speziell bei der Challenge ist: Es motiviert mich, nun doch noch etwas mehr zu laufen. Das macht Spaß, tut mir, meinem Geist, meinem Körper gut. Das weiß ich und das spüre ich. Und mal davon ab: Vielleicht bin ich ja gar nicht so … also … so schlecht. Vielleicht ist es nur diese dumme kleine Stimme in meinem Kopf, die mir immer einzureden versucht, ich sei minderwertig, die einerseits meinen Ehrgeiz weckt und mich andererseits runterzieht – und von der ich nur das erste nehmen sollte, das zweite dann aber ablehnen.

So, was hat Talianna nun? Wieso stellt sie sich so an? Der Vorteil dieses Beitrages ist, dass ich nun, nach dem Schreiben, mir selbst sage: „Eben! Was stelle ich mich so an? Wenn’s was wird – toll. Wenn nicht, habe ich dabei was gelernt, bin vorangekommen, habe was für mich getan. Ich könnte nur verlieren, wenn ich’s nicht mache.“

Neuanfang

2017 war ein seltsames Jahr. Dabei ist es noch gar nicht vorbei. Immer wieder klingt mir in letzter Zeit über das Radio Cluesos „Neuanfang“ in den Ohren, und das charakterisiert das Jahr 2017 doch nicht so schlecht, wenn ich mir das so ansehe.

Neben dem Laufen, dessen großen Einfluss auf mein Leben man hier bei The Highway Tales nur schwer übersehen konnte, kamen noch andere Dinge neu auf. Meine kleine Schwester hat geheiratet, mein Vater hat sich von der Frau getrennt, mit der er nach dem Tod meiner Mutter fast neun Jahre zusammen war. Ich war seit langem mal wieder Tanzen – und das nicht nur einmal, ich habe so viel und so ausführlich Freunde überall in Deutschland besucht, wie schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Ich habe meine Kopfschmerzen erheblich reduziert – und meine Colitis ulcerosa im Griff behalten, obwohl ich das Immunsuppressivum begleitet durch meinen Arzt abgesetzt habe.

Das alles liest sich wie ein Jahresrückblick? Ist es dafür nicht zu früh?

In der Tat. Für einen Jahresrückblick ist es noch zu früh. Das Jahr 2017 ist erst zu drei Vierteln vorbei. Drei Monate sind es noch bis zum Jahresende – aber drei Monate sind auch meine Kündigungsfrist. Ich werde ab 01.01.2018 eine kürzere Strecke pendeln, etwas Anderes arbeiten. Natürlich sind Neuanfänge Chancen, natürlich sind Neuanfänge auch Weiterentwicklungen. Neues, Veränderung macht aber auch etwas Angst – und auch diese habe ich. Das kenne ich aber schon: Vor neuen Dingen, vor Veränderung keine Angst zu haben, das wäre gelogen. Ob das bei anderen Leugnung, ein wirklich so furchtloser Blick in ungewisse Zukunft oder ein stärkeres Selbstvertrauen sind, kann ich nicht beurteilen. Für mich ist diese Angst ein Hilfsmittel, neue Dinge nicht zu leicht zu nehmen, so dass ich sie wieder zerstören könnte. Aller Anfang ist fragil.

Und dennoch brauche ich derzeit auch öfter mal den Schubs aus dem Radio. In diesem Falle nicht das symptomatische „Neuanfang“, sondern Mark Forsters „Sowieso“. Egal was kommt, es wird gut, sowieso. Das wäre schön. Damit es so gut kommt, muss dieser Respekt vor der Veränderung ein bisschen kribbeln und es mich ernst nehmen lassen. Dann wird’s aber auch gut. Vielleicht nicht „sowieso“, aber eben doch.

Mal sehen, wann ich es auf die Reihe bekomme, die „Über mich“-Seite zu aktualisieren … und wie ich es tu. So eindeutig ist die Strecke künftig nicht mehr. Vielleicht kommen auch Erzählungen vom S-Bahn-Pendeln dazu. Das wäre mal was ganz was Neues, so richtig schön salopp gesagt.