Das Sabrina-Gefühl

Äh. Das ist jetzt schwierig zu erklären. Aber genau so habe ich es genannt und mindestens mein Mann und mein bester Freund haben es verstanden.

Zunächst mal: Es geht nicht um eine real existierende Sabrina, sondern um einen meiner Charaktere im Rollenspiel. Ich charakterisiere das „Genre“, in dem ich diese Geschichten mit meinem besten Freund bespiele, gerne als „Shadowrun-Eiskunstlauf-Musical“. Klingt komisch? Ist es für viele wohl auch. Mein bester Kumpel und ich bespielen Shadowrun an dieser Stelle nicht dort, wo die Abenteuer sind. Nicht bei den „Runs“ mit zwielichtigen Auftraggebern, die alle Mr. Johnson heißen, um halb- bis voll illegal Dinge zu beschaffen oder Menschen zu entführen oder zu befreien … nein. Wir spielen am geschützten anderen Ende der Skala, im grellen Licht, im „goldenen Käfig“ derer, die über legale Identitäten verfügen, Sport treiben …

Klar, dass da auch ein paar Romantisierungen auftreten, aber niemand hat behauptet, dass wir eine realistische Prognose des Eislaufsports auf die Zukunft in Shadowrun bespielen. In dieser Welt existiert Sabrina. Genau genommen ist sie sogar die Idee meinerseits, an der wir diese Spiele überhaupt entwickelt haben. Mittlerweile gibt es einen Cast von über hundert Sportlern, die wir immer mal wieder in Rollen haben, Trainer, Choreographen, Sponsoren, Fans … Familienmitglieder und so weiter. Sabrina jedoch bleibt weiter im Zentrum des Ganzen. Ein bisschen habe ich ihre Geschichte an Oksana Bajul angelehnt, die nach dem Tod ihrer Mutter quasi von einer profilierten ukrainischen Trainerin in die Familie aufgenommen wurde und dann 1994 olympisches Gold gewann. Sabrina lebt bei ihrer Trainerin, fühlt sich oft auf dem Eis sicherer als anderswo, weil sie vor schrecklichen Realitäten ins Training geflüchtet ist. Sie ist mit einem Eiskunstläufer liiert, der ein Charakter meines besten Freundes ist.

Für diesen, er trägt den Spitznamen Huwan und hat einen Filipino-Flüchtlings-Hintergrund, hat sich nun in unserem Rollenspiel, das wir fast jeden Donnerstag vorantreiben, eine Verletzungsgeschichte ergeben, infolge derer er zeitweise im Rollstuhl sitzt. Sabrina ist in diesem Moment verzweifelt: Was, wenn Huwan so verletzt ist, dass er nicht mehr eislaufen, nicht einmal mehr gehen kann? Wie viel von der Basis der beiden ist dann noch da, wenn es für sie so wichtig ist? Das mag für manche kindisch, für manche tragisch klingen – aber ist es so unrealistisch? Wenn etwas, bei dem man sich kennen gelernt hat, das einem wichtig ist, das einen verbindet, einseitig verloren geht, wie kann man dann gemeinsam weitergehen? Das ist nicht einfach, und ich bin sicher, an dem Problem, für das Sabrinas und Huwans Problem mit seiner Verletzung hier eine Metapher ist, sind schon Beziehungen kaputt gegangen.

So tragisch ist es bei mir nicht. Mein Mann läuft seit einigen Monaten mit mir gemeinsam regelmäßig. Das hat eine neue Qualität zwischen uns gebracht – mir ist das Laufen sehr wichtig, und plötzlich war es etwas, das wir gemeinsam machen. Nun ist er verletzt – es passierte nicht beim Laufen, sondern aus heiterem Himmel. Verdacht auf Meniskus-Degeneration. Natürlich kann man mit Muskelaufbau zum Stützen, in weiteren Eskalationsstufen auch medizinisch was machen, aber Meniskus-Geschichten sind halt hartnäckig. Zunächst ist es aber mal nur der Verdacht und wir gucken, dass er Hilfe bekommt. Aber ich hatte da das „Sabrina-Gefühl“. Dieses Gefühl vom Verlust von etwas Liebgewonnenem, das uns verbindet. Die Sorge, ob das, was wir aus dem gemeinsamen Laufen gewonnen haben, damit weg ist und was aus diesem Loch herauskriecht, das dieses gemeinsame, liebgewonnene Tun hinterlassen könnte …

Natürlich ist noch lange nicht gesagt, dass es der Meniskus ist. Natürlich ist noch lange nicht klar, ob nicht mit ein bisschen gezieltem Aufbau von Kniemuskulatur wieder alles besser wird. Aber auch mein Charakter Sabrina neigt zu Drama. So ist es eben ein „Sabrina-Gefühl“, was dieser Schmerz in seinem Knie, den die Ärztin mit „Verdacht auf Meniskus-Degeneration“ charakterisierte, bei mir auslöste.

Wikipedia geht nach

Im Buch „In 80 Tagen um die Welt“ lässt Jules Verne einen seiner Protagonisten sagen, dass Zeitungen eine unangenehme Eigenschaft hätten: Sie gehen vor. Das ist eine Analogie zu Uhren und bezieht sich darauf, dass die von Phileas Fogg fest eingeplante Bahnlinie durch Indien, trotz Fertigstellungsmeldungen in den Zeitungen, noch gar nicht existiert. Natürlich ist dieser Umstand ein Glück für den archetypisch phlegmatischen Briten und seinen lebenslustigen Diener Passepartout langfristig ein Segen, weil sie sonst nicht Miss Aouda gerettet hätten … aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur das Konzept des „Vorgehens“ und „Nachgehens“, genau wie Jules Verne, von Uhren weg auf Medien übertragen.

Denn: Auf Wikipedia fand ich vor kurzem im Streckenplan der A5 geplante Anschlussstellen „Ettlingen West“ und „Ettlingen Süd“. Beide wären natürlich für mich hochinteressant. Im aktuellen Verkehrswegeplan fand ich die Anschlussstellen aber nicht vor. In einer der angegebenen Quellen – einem Online-Autobahn-Verzeichnis, das aber offenbar nicht ausreichend gewartet wird – tauchten die beiden Anschlussstellen ebenfalls noch als geplant auf. Also schrieb ich einen Beitrag auf der Diskussionsseite – unter anderem bezog ich mich dabei natürlich auf meine Bürgeranfrage beim MVI BW und wartete ab. Immerhin war es ja möglich, dass ich etwas übersehen hatte. Außerdem wären solche Anschlussstellen eine Genuss für mich – es würde meinen Arbeitsweg erheblich entzerren, schon in der Höhe Bruchhausen oder gar noch weiter südlich, bei Malsch zum Beispiel, auf die A5 aufzufahren.

Leider erwies es sich aber, dass Wikipedia hier nachging. Der damalige Autor bezog sich auf den Online-Autobahn-Atlas, der auch in den Quellen verlinkt ist, welcher Informationen aus einem alten Bundesverkehrswegeplan benutzt. Somit sind mit einem neueren Bundesverkehrswegeplan die erwünschten Anschlussstellen gestorben, ein Wikipedia-Moderator setzte einen Überarbeitungs-Textbaustein auf die Seite und ich habe inzwischen zumindest die beiden offenkundig falschen Anschlussstellenplanungen entfernt. Es hätte mich sehr gefreut, wenn Wikipedia hier nicht nachgegangen wäre und diese Planungen noch existiert hätten …