Leidenschaft

Mein Referat am Regierungspräsidium wird über die nächsten Jahre hinweg nicht nur ausgeschiedene Mitarbeiter ersetzen, sondern einige neue einstellen. Das hängt damit zusammen, dass durch die neuen, EU-weiten Vorgaben für die Strahlenschutzgesetzgebung von 2013 das Ende 2018 in Kraft getretene Strahlenschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland neue Aufgaben für uns Strahlenschützer auf Behördenseite vorsieht.

Nun gilt es, die neuen Mitarbeiter möglichst schnell und möglichst gut auf einen Stand zu bringen, dass sie mehr Arbeitskraft bringen als sie kosten. Für neue Mitarbeiter ist es – überall – ganz normal, dass sie erstmal mit dem speziellen Thema von Unternehmen, Institut oder Behörde vertraut gemacht werden müssen und dann auch die etablierten Prozesse lernen müssen. Das bindet erfahrene Mitarbeiter zur Einarbeitung und in der Zeit nehmen die „Neuen“ den Erfahrenen noch nicht viel Arbeit ab. Ganz normal also…

Wenn die Leute reintröpfeln, verteilt man sie halt, sie arbeiten mal mit dem einen, dann mit dem anderen, an deren jeweiligen Prozessen und man kombiniert Bearbeitung von Fällen und Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Wenn der Zuwachs allerdings in der Größenordnung der bisherigen Gesamtstärke liegt, wird das schwierig. Einer am Rechner und den Akten, vier bis sieben im Stuhlhalbkreis um ihn rum, das funktioniert nicht. Also müssen Teile des Ganzen eben doch im Frontalunterricht für die ganze Gruppe gemacht werden – und da es landesweit so sein wird, kann man das bündeln: Es werden also neue Gesichter aus vier Regierungsbezirken Vorträge erfahrener Mitarbeiter zu hören haben und so schultert jede Gruppe nur ein Viertel der Vorträge.

Und genau da kann ich einer Leidenschaft frönen, die ich schon ein wenig vermisse. Im Moment kann ich sie sonst nur in Nebentätigkeit ausleben – das Vortrag- bzw. Vorlesung Halten. Ich weiß nicht, ob ich besonders gut darin bin, aber die Resonanz war zumeist in Ordnung bis gut – und Spaß macht es mir auch. Ich habe sieben Jahre lang an der Uni jedes Semester zwei bis drei Doppelstunden Vorlesung gehalten und das Äquivalent von ein bis zwei Doppelstunden Praktikum betreut. Das gehörte zu meinen liebsten Jobs an der Uni!

Da es allmählich dringend wird, habe ich heute im Home-Office (Corona-bedingt sollen wir zur Zeit einmal die Woche Homeoffice machen) einen Vortrag designed und mir Vorgedanken über einen zweiten gemacht. Dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das eigentlich macht! Ich habe meinem Mann – der von Strahlenschutz nur so viel Ahnung hat, wie ich es eben immer erzähle, aber weder in dem Bereich arbeitet noch Vorbildung dazu hat – den Vortrag einmal in abgespeckter Form gehalten, um zu prüfen, ob das so verständlich ist. Schließlich ist mir sehr bewusst, dass im Zuge von Kernkraftwerksrückbau und Bedarf an Strahlenschützern in der Medizin die Behörden im Moment nicht der attraktivste Arbeitgeber bei recht kleinem Arbeitsmarkt an Strahlenschützern sind. Mir werden also wohl bei diesem Vortrag einige Leute entgegenblicken, die aufgeschlossen, aber im Strahlenschutz durch von die vorher absolvierten Module unseres Ausbildungsprogramms bewandert sind.

Spannend wird das werden, da bin ich sicher. Es war auch super-interessant, einen Vortrag „from scratch“, also von einer leeren PowerPoint-Präsentation an zu bauen und sich ohne Vorlage zu überlegen: Was muss rein? Wie baue ich das auf? Wie erkaufe ich mir mit Auflockerungen die Aufmerksamkeit für die trockenere Passagen? Nun bin ich sehr gespannt, ob ich morgen eine Rückmeldung von den Kollegen dazu bekommen kann – und wie diese ausfallen wird.

Warum ich so gerne viel erzähle …

… hat zwei Gründe. Ich scherze oft und gerne, dass ich mich sehr gerne reden höre. Das ist wahr. Allerdings gibt es nicht nur ein, sondern zwei Felder, in denen ich das gerne tue. Natürlich ist das im Bezug auf meine Gedanken und deren Vermittlung an andere Extrovertierte an mir durchaus in beiden Feldern involviert, aber es sind – immer noch – zwei getrennte Felder.

Das eine ist meine Phantasie. Ich zitiere hier mal eine Freundin: „Aus jedem Gedanken entwickeln sich ganze Gedankenströme, die sich in unberechenbare (und oft auch phantastische) Richtungen ergießen.“ Das ist bei mir definitiv so und ich erzähle gerne darüber. Dass ich dabei aufblühe, weiß ich und habe ich schon oft gesagt bekommen.

Aber ich bin auch eine leidenschaftliche Erklärerin und Dozentin. Freilich vertrete ich dabei aus dem Wissen und Verständnis heraus, wie ich es habe, wie ich die Realität sehe, auch einen gewissen Standpunkt, was aus diesem Wissen folgen soll. Aber ich will es niemandem aufzwingen, ich will niemanden überreden. Ich würde lieber den Menschen Mechanismen, Gedanken, Denkarten erklären, nahe bringen und ihnen ermöglichen, diese anzunehmen oder – auf der Basis von Verständnis – abzulehnen. Wenn sie sie annehmen, dann hoffe ich, dass sie dieselben Folgerungen ziehen wie ich, wenn aber nicht, dann zumindest auf der Basis von Wissen und Verstehen.

Bei einer Veranstaltung in unserem Labor, bei der Externe über die Gegebenheiten vor Ort informiert werden sollten, wurde mir von einer der externen Personen gesagt, man würde mir die Leidenschaft, mein Wissen anderen nahe zu bringen, deutlich anmerken. Daraufhin habe ich mal in mich hineingehört, habe ein bisschen Rückschau betrieben und stelle fest: Ja. Es ist so. Ich genieße Vorlesungen, Vorträge, ich genieße es, Dinge zu erklären. Ich genieße es, selbst wenn die Informationen, die ich gebe, selbst wenn das Wissen, das ich vermitteln möchte, nicht angenommen wird. Kritisch hinterfragen ist sowieso okay, nicht annehmen ist auch okay. Nur Totdiskutieren, wo man eigentlich einer Meinung ist, oder mit extrem vielen Worten wenig sagen und dabei aneinander vorbeireden, das mag ich nicht. Ich habe auch kein Problem damit, Unrecht zu haben – mir geht es um den Austausch, das Vermitteln, das Anregen zum Nachdenken. Das liebe ich zutiefst, und dabei hilft mir auch sehr, dass ich mich dem radikalen Konstruktivismus als erkenntnistheoretische Schule zugewandt fühle. Im Gegensatz zu dem, was man denken könnte, ist durch die Bildung unterschiedlicher Realitäten basierend auf uns selbst und unserer Wahrnehmung und Wahrnehmungsfilterung das Weltbild nicht beliebig – letztlich leben die meisten von uns in einem recht breiten Konsens über die Struktur der Realität, und in den Feinheiten und Abweichungen ist der Konsens verhandelbar. Da tritt Kommunikation hinein – und wird wichtig. Deswegen erkläre ich gerne. Deswegen denke ich, Wissen oder auch nur eine Version von Wissen erklärt zu bekommen, dafür offen zu sein, hilft uns, andere besser zu verstehen und zugleich auch, unsere eigene Realität besser zu verstehen. Deswegen erkläre ich gerne. Spreche darüber. Freue mich über Fragen.

… und das mit LEIDENSCHAFT!