Gehe zurück auf Los

Eigentlich heißt es ja: „Gehe in das Gefängnis, gehe nicht über Los, ziehe nicht [Betrag] [Spielwährung] ein.“ Wobei es auch eine Karte gibt, mit der man zurück auf „Los“ geschickt wird, im Monopoly.

Zurückgeschickt auf „Los!“ hat mich im April die Verletzung an der Wade. Dass ich nicht laufen konnte, hat mir gezeigt, wie wichtig das Laufen für mich ist. Das Radfahren hilft zwar, die Form zu halten und zu verbessern, es ist ein schnellerer, geeigneterer Weg zur Arbeit als das Laufen. Fünfmal die Woche morgens 20 Kilometer hin und abends 20 Kilometer zurück zu laufen, das ist nicht drin. Aber das Radfahren ersetzt mir nicht das Laufen. Es kann es nicht. Woran ich das merke?

Im April war ich unausgeglichen wie selten. Ich hatte Kopfschmerzen wie schon sehr lange nicht mehr, in Häufigkeit und Intensität. Es hat mich schrecklich gefrustet, nicht laufen zu können. Es war aber auch zum durchdrehen: Ein paar Tage nach dem Tag, an dem es so hart in der Wade zwickte, konnte ich schmerzfrei und symmetrisch gehen, stehen, sitzen. Auch dass beim Liegen im Bett nicht alle Positionen schmerzfrei waren, hatte sich nach vier Tagen erledigt. Ich konnte sogar im Stand Hüpfen, auf den Zehenspitzen wippen, auf der Stelle laufen – aber sobald ich richtig ans Laufen ging, setzte schnell der Schmerz ein. Rechte Wade, vorne, außen, etwa fünf Zentimeter unter dem Knie. Ich konnte danach mit den Fingern den harten, etwas schmerzenden Gewebsstrang, kurz vor der festen Kante des Wadenmuskels, mit dem Finger spüren und feststellen, dass er härter war als auf der anderen Seite – und wehtat. Einschränkungen hatte ich weiter nicht – außer eben beim Laufen.

Aber das Laufen ist – wie ich im April deutlich gemerkt habe – wichtig für mein seelisches, mentales und körperliches Gleichgewicht. Missgestimmt war ich, teils unkonzentriert. Schlafstörungen hatte ich in einer Form, wie ich sie sonst nicht gewohnt bin – und Kopfschmerzen. Die kenne ich, klar, aber nicht in der Häufigkeit und nicht in der Intensität, zumindest schon recht lange nicht mehr.

Daher habe ich im April auch immer mal wieder versucht, ob es wieder ging mit dem Laufen, um danach noch mehr geknickt nach Hause zu kommen und festzustellen: „Geht noch nicht!“ Nachdem dann drei Kilometer gingen, aber es danach eben doch weiter wehtat, habe ich es gelassen – für eine ganze Weile. In der Zeit hatte ich den härtesten und längsten Kopfschmerzanfall der letzten drei Jahre, war gereizt und habe vieles einfach nicht so hinbekommen, wie ich das wollte. Auch die Flucht in das Bauen mit den Klötzchen war nicht zielführend.

Heute morgen ging es wieder. Drei Kilometer habe ich erstmal riskiert, ich wollte testen, was passiert. Ich hätte wohl auch fünf geschafft. Die Wade fühlt sich noch etwas „angefasst“ an, aber eher wie „geheilt, nur noch nicht neu belastet danach“. Wo bei den früheren Versuchen ein Schmerz direkt am Anfang da war und an derselben Stelle blieb, intensiver wurde, war das „angefasste“ Gefühl nach einem Moment da, wurde dann wieder schwächer, ein leichtes Ziehen verlagerte sich zunehmen nach unten in der Wade. Ein Gefühl, wie ich es kenne – aus gesunden Laufzeiten. Auch mein Running Dynamics Pod attestierte mir eine Verbesserung: Die Bodenkontaktzeiten waren wieder symmetrisch zwischen links und rechts, wo ich zuvor aus Schonhaltung und Schmerz 52% der Bodenkontaktzeit auf einem, 48% auf dem anderen Fuß verbrachte. Nun waren’s wieder perfekte 50-50.

Das hinterlässt mich zuversichtlich, mich vorsichtig wieder herantasten zu können. Heute morgen hatte ich echt Angst, gleich wieder Schmerzen zu haben, kam nach kurzer Runde euphorisch nach Hause. Zwar hatte ich nicht die 30-60 Minuten, die ich zuvor großspurig meinem Mann angekündigt hatte, draußen verbracht – aber immerhin 3,2 Kilometer in einem Tempo von knapp schneller als 10km/h. Das klingt nicht viel, aber für einen Neuanfang nach Wochen, in denen langsameres Tempo, kürzere Strecke, und das bei asymmetrischem Laufstil und Schmerzen das einzige war, was ging und was ich vernünftigerweise gelassen hätte, war’s grandios. Ich hoffe, es bleibt bei dieser Tendenz!

…ich bin also wieder da. Auch den Howard-Goldstein-Vortex habe ich verspätet, aber heute dann doch mit einer neuen Folge beglückt. Die über 400 Tage dauernde Serie von „täglich ein Post“ ist futsch. Aber das ist gut so! Nun geht’s von vorne los. Neuanfang, aber nicht bei Null – ein gutes Gefühl.

Die Ruhe weg

Ich habe inzwischen eher die Ruhe weg als früher. Wenn ich früher etwas vergaß oder jemanden hängen ließ, weil’s schlicht nicht ging oder mir zwischen allem Anderen entging, dann war ich sofort in massivem Alarmzustand. Zittrig wie drei durchwachte Nächte und fünf Kannen Kaffee, voller Angst, mit dem Wunsch, mich auf Knien zu entschuldigen – also vollkommen von der Rolle.

Das hat sich geändert. Ich habe schleichend über die letzten zehn Jahre eine neue Haltung entwickelt, die mich das, was schief ging, aber nicht mehr zu heilen ist, gelassener sehen lässt. Das, an dem ich eh nichts mehr ändern kann, sollte mich nicht davon abhalten, das zu gestalten, was noch zu ändern ist. Klingt einfach, logisch, richtig?

Ist es auch! Aber deswegen ist es noch lange nicht einfach umzusetzen. Die tiefe Angst, nicht zu genügen, für einen Fehler nicht mehr geschätzt zu werden, alles verloren zu haben, blockierte mich dabei, genau das zu verhindern. Sehr wenige Fehler sind endgültig, so gut wie niemand macht gar keine Fehler. Das allerdings nicht nur mental, sondern auch emotional zu verstehen, ist schwer, wenn man diesen Panik-Modus hat.

Woher aber kommt dieser Panik-Modus? Nun … da gibt es viele Erklärungen. Das Mobbing auf das leicht zum Weinen zu bringende Kind in der Schule, das immer wieder auf alten Fehlern herum Hacken unserer toxischen Fehlerkultur, dazu eine tiefsitzende Unsicherheit, die kann ich alle anführen.

Es brauchte lange, die Sicherheit und das Selbstvertrauen zu erwerben, mit Fehlern und den Konsequenzen zu leben. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht die Lebenserfahrung. Das Wissen, in zwei Jobwechseln jeweils persönliche Entwicklungsschritte gemacht zu haben, auch das Laufen an sich und die Erfolge dabei helfen. Am Ende des Tages ist es so leicht zu sagen: „Weine nicht um verschüttete Milch.“ Es ist so leicht zu sagen: „Ich gestalte die Zukunft, statt die Fehler der Vergangenheit mein Jetzt verderben zu lassen.“ Es war so ein weiter Weg, dorthin zu kommen, wo man das meistens auch genau so halten kann.

Entwirrungsversuch

Nachdem ich offenbar am Montag ein wenig die Menschen verwirrt habe, versuch‘ ich’s jetzt zu entwirren und aufzurollen. Es ist leider so, dass die Dinge oft sehr kompliziert sind, wenn wir uns und unsere Prioritäten auf die Reihe bekommen wollen. Ich sehne mich danach, einfache Kriterien oder Bilder zu haben, an denen ich mich orientieren kann. Das Leben drum herum bleibt komplex genug und das sollte man über die einfachen Grundsätze nicht vergessen.

Um es mathematisch auszudrücken: Meine Vorliebe für den Satz aus Star Trek Generations, die ich am Montag ausgeführt habe, drückt ein Ordnungsprinzip aus.

[1] „If something’s important [3], you’ll make the time [2].“

Das ist ganz simpel. Aber was vielleicht nicht ganz klar ist: Bloß, weil etwas (für mich) wichtig ist, entsteht daraus nicht mehr Zeit. Der Begriff „Time“ bzw. „Zeit“ steht in meinen Gedanken nicht nur für Jahre, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden – sondern auch für Kraft. Diesen Aspekt kann man in der Löffeltheorie darstellen. Grundsätzlich gilt für den Aspekt „Zeit“ die Nebenbedingung

[2] Zeit und (psychische wie physische) Kraft (in der Löffeltheorie als Löffel dargestellt) sind begrenzt. Wenn die „Löffel“ leer sind, macht man nichts mehr (oder nur auf Kosten des Löffelvorrats des nächsten, übernächsten oder aller folgenden Tage), wie wichtig es auch sein mag.

Dann ist da noch das „important“, der Begriff der Wichtigkeit. Das sind die Prioritäten. Da steckt auch ein Haufen Komplexität drin. Man kann das aber runterbrechen auf eine ganz einfache zweite Nebenbedingung:

[3] Wie „wichtig“ etwas ist, stellt meine persönliche Prioritätenliste dar. Da geht ein: Was brauche ich und wie wichtig ist es mir? Was ist notwendig zu tun für das, was ich brauche? Was brauchen Leute um mich herum und wie wichtig ist es mir, dass ICH ihnen das gebe? Kann es vielleicht jemand anders machen und wie wichtig ist es mir, den anderen zu entlasten?

Am Ende des Tages wird damit in meiner Interpretation aus

[2] und [3] in [1]:

[4] Am Ende von Zeit und Kraft („Löffeln“) sollte das, was ich getan habe, in meiner Priorisierung wichtiger gewesen sein als das, für das die Löffel nicht gereicht haben.

Ist das Gebot aus [4] nicht erfüllt, muss ich mich fragen: war das, was ich getan habe, aber „nicht so wichtig“ war, vielleicht eben doch so wichtig? Aus der Frage heraus analysiere ich mein Prioritätensystem. Denn am Begrenztsein der Zeit kann ich nichts ändern, an der Tatsache, dass ich Dinge eher tue, die mir in diesem Moment wichtig („nötig“, „unausweichlich“, „muss ich doch“) erscheinen, kann ich ebenfalls nichts ändern.

Aber ich kann – und muss ständig – überdenken, ob meine Prioritäten (für MICH) richtig sind, wenn ständig was hinten runterfällt, das mir wichtig ist. Dass das mit den Prioritäten die eigentliche Crux ist, weiß ich, aber das ist ja der eigentliche, zentrale Punkt: Ich habe nicht „keine Zeit“. Mir sind nur andere Dinge wichtiger. Wenn das nicht gut ist, muss ich erstmal meine Prioritäten analysieren und als Startpunkt annehmen, dann kann ich über Änderungen der Prioritäten und ihre Konsequenzen nachdenken.

Bedingung [4] ist halt sperrig und setzt immer noch viel voraus, um sie zu verstehen. Deswegen lasse ich in meinem Kopf lieber [1] als Mantra laufen, wenn’s nicht läuft. Die Komplexität kommt eh über den Begriff „important“ und das Beschränktsein der zur Verfügung stehenden Zeit und Kraft.

Ein Stück zweifelhafte Weisheit

Ich hatte eine Zeit in meinem Leben, in der ich durch verschiedene Aspekte sehr auffällig war. Da war etwas mit mir los, und jeder konnte es sehen. Heute ist das besser, aber auch nicht ganz weg.

Nun – aus dieser Zeit habe ich eine Art Weisheit mitgenommen. Eine Kollegin von mir, die um jene Zeit weiß, saß vor nicht allzulanger Zeit mit mir bei einem Kaffee in einer Shopping-Mall nahe dem Büro. Ich erklärte ihr, sie solle sich nicht wundern, wenn mich der Barista kenne – und in diesem Moment sah er rüber und rief: „Espresso Doppio?“ Ich bestätigte mit einem Lächeln. Dann spekulierte ich gegenüber der Kollegin, ob mein Bekanntheitsgrad meinen häufigen Besuchen in diesem Café oder meiner Auffälligkeit geschuldet sei. Sie meinte, es sei wohl beides. Daraufhin sagte ich:

Wenn ich schon auffällig bin, dann kann ich auch auf mir genehme Weise auffällig sein.

Damit fasste ich meinen manchmal eigenwilligen Kleidungs- und Verhaltensstil zusammen. Sie meinte, das klänge fast schon weise. Ich bezweifelte das – und bezweifele es weiterhin. Aber dennoch handele ich weiterhin nach diesem Prinzip. Wenn ich ohnehin auffällig bin, dann kann ich auch Dinge tun, die auffällig sind, aber meinem Wohlbefinden Vorschub leisten.

Nicht, dass ich meine Auffälligkeit prinzipiell schlecht fände. Individualismus ist toll. Verwunderte Blicke und dieser Moment, in dem sich die Menschen fragen, ob sie mit „der da“ reden wollen, die so anders ist, sind nicht so toll. Wenn die aber eh passieren – hey, wen stört’s dann, wenn ich im Sommer Stiefel trage oder Klamotten, die auffällig sind und/oder mir gefallen, aber eigentlich in anderen Zusammenhang zu gehören scheinen?

Im Land der Gewohnheiten

Es gibt viele Dinge, die ich machen will, machen sollte und machen muss. Vieles davon ist in gewisser Weise nicht wert, es in den Kalender einzutragen – oder zu banal, um sich damit den Kalender vollzumüllen, so dass man die wichtigen Termine nicht mehr sieht. Oft sind es Aufgaben oder Aufgäbchen, die schon an sich eine Belohnung sind, wenn man sie aus dem Kopf hat – aber sie dann in den Kalender zu nehmen und zu streichen, das ist doch komisch. Einen Kasten mit ToDo-Kärtchen, die man dann zerreißt, will man auch nicht dauernd durch die Gegend transportieren …

Also stellt sich die Frage: Wie werte ich das Erledigen dieser Aufgaben und Aufgäbchen, die im geschäftlichen Kalender nichts zu suchen haben und den privaten nur zumüllen, für mich persönlich auf und welches Gerät benutze ich dafür?

Die Frage nach dem Gerät ist ganz einfach zu beantworten. Natürlich ist die Maschine der Wahl für so etwas ein mit dem Internet verbundener, stets mitgeführter Computer … das Smartphone. Auf die Frage, wie solche Erfüllungen von Aufgaben aufzuwerten sind, wo die Aufgaben ja an sich schon durch ihr Erledigen eine Belohnung darstellen, gibt es viele Antworten. Ich für meinen Teil nehme Befriedigung und auch einen Teil (zumindest mentale) Gesundheit daraus mit, jeden Tag einmal in einem Buch zu lesen. Meiner körperlichen Gesundheit kommt es entgegen, viel Wasser zu trinken, Süßgetränke einzuschränken und jeden Tag 8000, besser 10000 Schritte zu gehen, die ich ja über meinen Schrittzähler nachweise. Dazu möchte ich eigentlich am Vorabend eines Arbeitstages vor Mitternacht im Bett sein, Wege zu Fuß erledigen, sofern es irgend geht, das Auto sinnvoll stehen zu lassen. Mehr oder minder jeden Tag bloggen würde ich auch gerne, Dinge im Haushalt erledigen … im Moment letzteres sogar vestärkt, da zwar mein Mann generell Arbeitszeit reduziert hat und daher den Großteil des Haushalts erledigt, aber derzeit aufgund großen Workloads auf seiner Arbeit vorübergehend wieder wie in Vollzeit arbeitet. Da sammelt sich so manches, und oft sitzt man dann doch da, lenkt sich ab und macht’s nicht, weil die Erledigung der Aufgabe an sich nicht genug Belohnung ist, um den inneren Schweinehund zu überwinden.

Es gibt weitere Dinge – zum Beispiel, sich um die langen Läufe für meine Halbmarathon- und spätere Marathon-Vorbereitung zu kümmern. Aus Gründen, die ich hier schonmal erklärt habe – Laufen ist nur ein Hobby, ich habe sehr viel Regelmäßiges in meinem Wochenplan, da passt nicht auch noch ein starrer Trainingsplan rein – mache ich das eben genau nicht mit einem starren Trainingsplan. Dann sind da Rezepte, medizinische Vorsorge-Termine oder auch nur Telefonate, bei denen man nicht genau weiß, was einen erwartet – ob der andere einen akustisch versteht, ob man ihn versteht, was er alles voraussetzt … kurz: Zeug, das man gerne mal vergisst oder verschiebt und sich dann ärgert, weil es einem doch immer wieder auf die Füße fällt.

Sicher gibt es viele Wege, diese Probleme zu lösen. Disziplin und mal endlich geistig Erwachsenwerden, zum Beispiel. Das ist für mich keine Option … oder auch: Ich probier’s, aber es geht nicht ohne Hilfsmittel zusammen mit dem Erhalt vieler Dinge, die das Leben für mich bereichern. Zu Beginn des neuen Jahres allerdings schlug eine Freundin etwas vor, das sie selbst benutzt, um ihre Vorsätze zu erfüllen: Organisierter werden. Das Ganze nennt sich Gamification. Man definiert sich selbst seine Aufgaben, die man erledigen möchte oder sollte – und wird bei Erledigen derselben mit Erfahrungspunkten, Gold, Zufallsbeute und Fortschritt auf der Quest eines fiktiven Charakters belohnt. Konkret haben wir das mit der App und Web-Version von Habitica realisiert – und so kämpft nun eine Gruppe von fünf sehr unterschiedlichen Helden in Pixelgraphik mit Hilfe der Erledigung der Aufgaben des Alltags gegen Bossmonster, sammelt Questgegenstände und so weiter.

Niemand kann sehen, an welchen Zielen ich mich messe – ich definiere, verwalte und sehe sie nur selbst. Theoretisch kann ich mir definieren, dass auf die Toilette zu gehen, wenn ich muss, und nicht nervöser werdend im Büro sitzen als gute Gewohnheit definieren und jedes Mal Erfahrung und Belohnungen einstreichen, wenn ich es tu – und Schaden nehmen, wenn ich es nicht tu. Diese Gewohnheit habe ich mir allerdings nicht als abprüfbares Dings definiert. Mit dem Spiel habe ich mir aber viele Gewohnheiten – gute für Erfolge, schlechte mit Schadenswirkung auf meine Spielfigur verknüpft. Ich habe mir ein paar tägliche Aufgaben gesetzt, für deren Nicht-Erledigung am Ende des Tages meine Spielfigur Schaden nimmt – und wenn wir einen Bossgegner bekämpfen, macht dieser an der Gruppe Schaden, wenn einer seine Dailies nicht erledigt. Das Schöne daran ist: Man misst sich nur an den selbst gestellten Aufgaben – und wenn man der Gruppe und auch der eigenen Spielfigur nicht zu sehr schaden will, setzt man sich erreichbare Ziele, die dann noch motivierender sind. Alles, was ich weiter oben genannt habe, sind Gewohnheiten, tägliche Aufgaben oder ToDos, die ich mir in Habitica definiert habe. Und so kämpft mein Alter Ego Alianna vom Schmiedbach gegen Bossmonster und ich gegen das Vergessen oder Verdrängen der Dinge, die mir gut tun.

Wichtig ist mir – da das schon Debatten mit Freunden ausgelöst hat – dass hier nicht wirklich Gruppenzwang besteht. Niemand sagt mir, welche Aufgaben ich definieren sollte, niemand SIEHT meine Aufgaben. Einzig über den Schaden des Bossmonsters, das zuschlägt, wenn einer der Gruppe seine Dailies nicht erledigt hat, hat das Erreichen oder Nicht-Erreichen meiner selbstgesteckten Ziele Einfluss auf die anderen. Aber hier kommt zum Tragen, was ich ebenfalls bedeutend finde: erreichbare Ziele zu setzen, denn das kommt auch der eigenen Motivation entgegen, nicht nur dem Vorankommen der Gruppe. Um das Ganze in Begriffen zu formulieren, die vielleicht etwas „förmlicher“ sind: Ich definiere mir Vorgehensweisen, die gut für mich oder wichtig für mein Vorankommen in Leben und Alltag sind – ordne sie ein: sind sie schwer oder leicht zu erfüllen, muss ich sie generell irgendwann tun, haben sie eine Frist, muss ich sie täglich tun? Oder sind es nur gute Gewohnheiten, die auch mehrfach am Tag passieren sollten, aber nicht jeden Tag müssen? An diesem Plan, quasi an meinen selbstgesetzten Meilensteinen, messe ich meinen Erfolg – und werde für das Erreichen der Meilensteine mit Fortschritte meiner Spielfigur belohnt. Quasi ein Gewohnheits- und Aufgabenerfüllungs-Handbuch (analog zu einem Qualitätssicherungshandbuch) mit Dokumentation und Belohnung. Mir hat das sehr geholfen, um gute Gewohnheiten, gute Tätigkeiten zu forcieren – aber ich werd’s uneingeschränkt empfehlen, weil’s sicher die Sache jedes Einzelnen ist, wie er oder sie sich selbst dazu bringt, besser zu sich selbst zu sein.

Wer bin ich? Ich bin Vaiana

Wie schon im Titel genannt, geht es in diesem Beitrag und den Disney-Film „Vaiana“, im amerikanischen Englisch „Moana“. Da ich die englische Version für Europa gesehen habe und auch den Soundtrack zu dieser Version am laufenden Band höre, kommt in meinen Zitaten des englischen Texts auch der Name „Vaiana“ für die Hauptfigur vor – das ist auch im englischen Soundtrack für den europäischen Markt so.

Wie kam ich eigentlich zu Vaiana? Vor nicht allzu langer Zeit war das gar nicht so selbstverständlich, dass ich Disney-Filme von nach 1995 auch wirklich angesehen habe. „Tangled“, also „Rapunzel: Neu verföhnt!“ war der erste, mit dem ich wieder eingestiegen bin. Dann war da natürlich das Remake in Realfim von „Beauty and the Beast“, der damals in Zeichentrick mein allerliebster Disney-Film war und nun als Realverfilmung bleibt. Dass ich neben Tangled und Beauty and the Beast nun auch noch Frozen und Vaiana kennengelernt habe, ist einer Freundin zu verdanken, deren heute 10- und 14-jährige Töchter natürlich dafür sorgen, dass die Mama auch den ein oder anderen Disney-Film kennenlernen würde, wenn sie nicht selbst wollte – aber sie will. Zum Thema „Vaiana“ sagte sie zu mir: „Den musst du sehen. Der ist so unheimlich etwas für dich! Die Lieder erinnern mich so an dich!“

Was soll ich sagen: Sie hatte recht. Wie so oft – aber das ist eine andere Baustelle. Wer ist nun Vaiana? Vaiana ist die Tochter des Dorfhäuptlings, die vom Meer angezogen wird und deren Schicksal es ist, eine Großtat auf dem Meer zu vollbringen. Mehr möchte ich gar nicht spoilern. Für mich so bedeutend ist, wie Vaiana sich fühlt und welche Entwicklung sie über den Film durchmacht. Das ungeschickte Huhn, das lustige Schwein Pua und der Halbgott Maui, der mit seinem Haken in das Abenteuer eingreift, sind für mich nur Statisten.

Am Anfang steht da Vaiana, die ihren Vater, den Dorfhäuptling beerben soll. Doch immer wieder zieht es sie zum Wasser, benennen kann sie es aber nicht. Es ist diese Linie zwischen dem Meer und dem Himmel, der Horizont, der Vaiana ruft. Sie weiß nicht, wieso. Sie möchte die Rolle erfüllen, die das Dorf für sie bereithält, die man von ihr erwartet. Sie möchte das sein, was die anderen wollen, dass sie es ist, was die anderen brauchen – einen neuen Häuptling, wenn Vaianas Vater sich zur Ruhe setzt.

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=cPAbx5kgCJo

Ein für mich ganz wichtiger Schlüsselmoment ist diese Sequenz, in der mitten in dem Willen, die vorgesehene Rolle zu erfüllen, sich die Sehnsucht einschleicht.

But the voice inside
Sings a different song

What is wrong with me?

Was habe ich mich das schon gefragt! Ich war immer ein ruhiges Kind, ich hatte viel Vorstellungskraft, lebte teils in meiner Phantasie. Dann waren da Dinge, die an mir anders waren, aber benennen konnte ich sie lange nicht. Erst später wurde mir klar, dass ich vielleicht meine Rolle neu interpretieren müsse, nicht in der vorgezeichneten Weise hineinleben müsse.

Dann kommt der Aufbruch. Natürlich geht Vaiana doch auf ihre Heldenreise – hey, es ist ein Disney-Film und wenn das ein Spoiler wäre … Der Wunsch nach dem Aufbruch, die Sehnsucht nach dem unbestimmten Anderen, aber auch das Wissen, dass da mehr ist als nur etwas „Falsches“ in Vaiana, hier über die Rolle der Ahnen in der Gesellschaft und über die Lebensart der Ahnen, begleiten sie und geben ihr Halt. Sie verlässt dabei ihre Insel, ihr Dorf und bricht mit der Rolle. Auch das kenne ich sehr gut …

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=keGr19WWwoA

Und natürlich kommt sie, die Krise. Draußen auf dem Meer, am Rand des Scheiterns. Doch da ist der Geist der Mentorin – in meinem Fall war’s oft der Mentor, mein Großvater. Bei Vaiana/Moana ist es Tala, die Großmutter, deren musikalisches Thema mit „The Village’s Strangelady“ überschrieben ist. Rachel House singt sie – auch den Geist der Großmutter, der Vaiana hier in ihrer dunkelsten Stunde begegnet. An dieser Stelle kommt dann alles zusammen: Tala stellt Vaiana die Frage: „Vaiana, do you know who you are?“ Die verunsicherte Vaiana antwortet mit der Wiederholung der Frage: „Who am I?“ An dieser Stelle spüre ich all das, was ich – wie eben Vaiana – an Weg gegangen bin. Bereits bei der Wiederholung des immer wiederkehrenden „It calls me!“ ist die Gänsehaut fast unerträglich.

I’m a girl who loves my island
And a girl who loves the sea
It CALLS me!

Wie soll ich sagen? An dieser Stelle wird es klar. Ich muss mich nicht zwischen dem vorgezeichneten Weg und dem, was mich ruft, entscheiden. Es kommt zusammen, es sind nicht zwei Wege, es ist die Herausforderung, sie zu einem zu verweben. Ich könnte auch zu dem weiteren, zu jeder Zeile, so viel schreiben. Doch das wird zu viel. Wichtig ist noch der Moment, in dem Vaiana feststellt, dass der Ruf, der „Call“ in ihr ist, nicht von außen kommt. Hey, der Ruf, dieses Gefühl, dass da was nicht stimmt oder besser, dass da mehr ist, der ist gar nicht von außen, nicht falsch. Er gehört zu mir. Er ist in mir!

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=PicBPFZFpKU

Es ist selten, dass ich es so herausschreien kann, wie Vaiana das am Ende ihrer Lyrics in diesem Lied tut. Aber das ist der Moment, in dem wirklich alles zusammenkommt – so intensiv, dass es außer im Moment der Erkenntnis selbst immer unglaublich peinlich ist. Unglaublich heftig, so dass es zu groß ist für die Welt und deswegen alles wegwischt. Dass das, was man über sich lernt, über die Synthese aus dem, was die anderen erwarten und man erfüllen kann und dem, was man ist und niemals verleugnen kann, plötzlich alles ausfüllt. Das ist dieser „I am Vaiana!“-Moment, in dem alles klar wird und in dem aus all den Fragmenten ein Ganzes wird.

Pathos? Vielleicht. Aber da bin ich bei Vaiana. Da BIN ich Vaiana. Wenn aus all den Bruchstücken, aus all dem, was man für andere ist, was in einem selbst unverleugbar ist, aus all den Scherben, plötzlich ein Mosaik findet, in dem alles zueinander passt. In dem kein Widerspruch mehr ist – und das SCHÖN ist. Das ist … die Selbstwerdung, die ich erlebt habe, immer wieder erlebe. Mein Vaiana-Moment.

Lokal-Lokal: 76467 Bietigheim

Als Pendlerin auf verhältnismäßig langer Strecke – bis jetzt auf jeden Fall, ab kommendes Jahr immer noch, wenn auch etwas kürzer – bin ich ja der Tendenz nach nicht zu sehr an die Läden und Etablissements in meinem Ort gebunden. Ob mein Supermarkt nun in Rastatt, Malsch oder im heimischen Bietigheim läge, wäre mir eigentlich egal – so lange er nur auf dem Heimweg liegt. Schwere Getränkekästen will man ohnehin nicht zu Fuß schleppen, ob’s nur anderthalb oder acht Kilometer sind. Beim Drogeriemarkt kommt’s auf die Verkehrssituation an, ob mir der in Rastatt oder der in Durmersheim näher liegt. Zumindest im Prinzip.

In der Praxis schaffe ich es meistens nicht, alles auf einmal zu bedenken. Manchmal möchte ich spontan etwas Anderes essen als das, was da ist. Vielleicht brauche ich auch ganz plötzlich neue Creme oder eine neue Zahnbürste. Um mal ein Eis essen zu gehen, abends ein nettes Essen im Restaurant zu bestellen, statt selbst zu kochen oder gemütlich einen guten Kaffee zu trinken, möchte ich eh das Auto nicht herausholen – so sehr ich an’s Autofahren gewöhnt bin. Das ist nicht nur eine ökonomische und ökologische, sondern auch eine Bequemlichkeitsfrage. Richtig toll wäre natürlich, auch zum tanzen gehen nur zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, aber das ist mit meinem Musikgeschmack einfach nicht drin, weil die Clubs in der Stadt liegen und mit Umsteigen nach Hause zu fahren durchaus unentspannt ist, wenn man mitten in der Nacht nach Hause will.

Ich bin nicht sicher, warum ich das zur Zeit so bewusst wahrnehme, aber ich entdecke immer wieder tolle Locations in meinem Heimatort Bietigheim, vor allem, wenn ich ihn spazierengehend erkunde oder einfach irgendwas erledige. So spazierte ich neulich zu meiner Frauenärztin nach Durmersheim – sind ja nur 3,3km und das Wetter war zumindest trocken. Als ich mit dem Rezept in der Handtasche der Bernardus Apotheke sowie der Post für das Abschicken eines Briefs meine Aufwartung machen wollte, war es 14:00, Apotheke und Schreibwarenladen mit integrierter Post machen erst 14:30 wieder auf. Also erinnerte ich mich an den Tipp meiner Schwägerin, dass es ein Café mit eigener Kaffee-Rösterei im Bahnhof gäbe – und siehe da: bei Erbolino bekam ich einen hervorragenden Espresso, ein nettes Gespräch und einen Unterstand gegen den Regenguss, der mich sonst überrascht hätte. Künftig wird’s auch meinen Kaffee von dort geben, denn wenn ich zum Kaffee kaufen einen Spaziergang machen kann und nicht mit dem Auto los muss, ist das ein Stück Lebensqualität. Wenn’s Hunde und Katzen regnet, kann ich immer noch die deutlich kürzere Strecke innerhalb des Dorfes mit dem Auto fahren. Eis essen im Dorf geht ja mit dem Eiscafé Cimino, bald gibt’s neben dem Edeka im Ort wohl auch einen DM. Dann muss ich nicht für eine Dose Creme vom südlichen Ende Bietigheims an das nördliche Ende Durmersheims fahren (was zu Fuß ganz schön weit und damit lang wäre) oder nach Rastatt … All diese Entdeckungen, die ich über mehr Spazierengehen gemacht habe, versüßen mir das Spazierengehen noch weiter. Ja, vielleicht ist tatsächlich sogar der Schrittzähler „schuld“ daran, dass sich das alles gegenseitig verstärkt, kombiniert mit einer gewissen Autofahrmüdigkeit aufgrund des hohen Pendel-Fahrten-Kilometer-Aufkommens.

Ich erlebe hierin eine gewisse Tendenz: Machte das Internet gemeinsam mit Rechnern und Bringdiensten einen zunehmend unabhängig von Vor-Ort-Services, die aufgrund großer Märkte und Ketten ohnehin auf dem Rückzug waren, findet man dank mobilem Internet und das Rausgehen unterstützenden Apps und Gadgets in zunehmendem Maße wieder die lokalen Anbieter – die damit natürlich auch wieder mehr Publikum bekommen und sich somit auch eher wieder rechnen. Ob das nun Pokémon Go ist (das ich nicht spiele), oder ein Fitness-Tracker mit Schrittzähler, wie ich ihn besitze, oder eine intensive Unterstützung von Bewertung und finden lokaler Anbieter bei z.B. Google oder auch Bewertungsplattformen, das mobile Internet kehrt zumindest in mancher Hinsicht die Tendenz um, dass das (feste) Internet einen zuhause oder bei großen, zentralisierten Anbietern landen ließ. Und das, finde ich, ist eine gute Entwicklung. An mir persönlich wie auch generell.

Neuanfang

2017 war ein seltsames Jahr. Dabei ist es noch gar nicht vorbei. Immer wieder klingt mir in letzter Zeit über das Radio Cluesos „Neuanfang“ in den Ohren, und das charakterisiert das Jahr 2017 doch nicht so schlecht, wenn ich mir das so ansehe.

Neben dem Laufen, dessen großen Einfluss auf mein Leben man hier bei The Highway Tales nur schwer übersehen konnte, kamen noch andere Dinge neu auf. Meine kleine Schwester hat geheiratet, mein Vater hat sich von der Frau getrennt, mit der er nach dem Tod meiner Mutter fast neun Jahre zusammen war. Ich war seit langem mal wieder Tanzen – und das nicht nur einmal, ich habe so viel und so ausführlich Freunde überall in Deutschland besucht, wie schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Ich habe meine Kopfschmerzen erheblich reduziert – und meine Colitis ulcerosa im Griff behalten, obwohl ich das Immunsuppressivum begleitet durch meinen Arzt abgesetzt habe.

Das alles liest sich wie ein Jahresrückblick? Ist es dafür nicht zu früh?

In der Tat. Für einen Jahresrückblick ist es noch zu früh. Das Jahr 2017 ist erst zu drei Vierteln vorbei. Drei Monate sind es noch bis zum Jahresende – aber drei Monate sind auch meine Kündigungsfrist. Ich werde ab 01.01.2018 eine kürzere Strecke pendeln, etwas Anderes arbeiten. Natürlich sind Neuanfänge Chancen, natürlich sind Neuanfänge auch Weiterentwicklungen. Neues, Veränderung macht aber auch etwas Angst – und auch diese habe ich. Das kenne ich aber schon: Vor neuen Dingen, vor Veränderung keine Angst zu haben, das wäre gelogen. Ob das bei anderen Leugnung, ein wirklich so furchtloser Blick in ungewisse Zukunft oder ein stärkeres Selbstvertrauen sind, kann ich nicht beurteilen. Für mich ist diese Angst ein Hilfsmittel, neue Dinge nicht zu leicht zu nehmen, so dass ich sie wieder zerstören könnte. Aller Anfang ist fragil.

Und dennoch brauche ich derzeit auch öfter mal den Schubs aus dem Radio. In diesem Falle nicht das symptomatische „Neuanfang“, sondern Mark Forsters „Sowieso“. Egal was kommt, es wird gut, sowieso. Das wäre schön. Damit es so gut kommt, muss dieser Respekt vor der Veränderung ein bisschen kribbeln und es mich ernst nehmen lassen. Dann wird’s aber auch gut. Vielleicht nicht „sowieso“, aber eben doch.

Mal sehen, wann ich es auf die Reihe bekomme, die „Über mich“-Seite zu aktualisieren … und wie ich es tu. So eindeutig ist die Strecke künftig nicht mehr. Vielleicht kommen auch Erzählungen vom S-Bahn-Pendeln dazu. Das wäre mal was ganz was Neues, so richtig schön salopp gesagt.

Wieder laufen – endlich!

Anderthalb Wochen ist der Halbmarathon nun her. Ich wollte mir drei Tage Ruhe danach gönnen – durch die Erkältung, die am Abend des zweiten Tages einsetzte, waren es nun eher zehn Tage. Aber heute war es endlich so weit: Mattigkeit ist passé, Husten ist nur noch eine Reminiszenz, die Nase läuft nicht mehr. Ich fühle mich wieder gut – und das liegt auch, liegt vor allem daran, dass ich wieder laufen konnte. Dass ich wieder gelaufen bin.

Es ist erstaunlich, wie wichtig Laufen für mich inzwischen geworden ist. Ich habe den Eindruck, in früheren Laufphasen war das nicht so stark der Fall. Laufen hat für mich viele Funktionen: Es hebt die Laune, ordnet die Gedanken. Es macht müde für die Nacht, verbraucht überschüssige Energien des Körpers, die bei vor allem geistiger Arbeit – sowohl meine Arbeit als auch Autofahren – durch mentale Belastungssituationen erzeugt, aber nicht physisch abgebaut werden. Dazu regelt es meinen Kalorienverbrauch und meinen Hunger, bringt auch meinen Appetit auf Linie. Das Immunsystem regt es auch an.

Kurz: Ich habe gezwungenermaßen nach dem Wettkampf eineinhalb Wochen ohne Laufen auskommen müssen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer sein würde. Es waren gestern Abend zwar nur sechs Kilometer, auch deutlich langsamer als sonst. Man möchte trotz erfolgter Genesung ja nicht das Risiko eines Rückfalls signifikant erhöhen. Der gemütliche Lauf auf den Fivefingers durch die einbrechende Dunkelheit, mehr oder minder um den mit Training besetzten Fußballplatz des Dorfes herum, hat mich mit dem Gefühl hinterlassen: „Ach DAS hat die ganzen Tage gefehlt!“ Rational wusste ich natürlich, dass das Laufen fehlte. Ich war aber auch der Ansicht, dass der Körper nichts fordert, was er nicht brauchen kann. Ich habe noch ein bisschen länger ohne Laufen durchgehalten, aus Vernunft. Ob ich hätte früher wieder anfangen sollen – ich weiß es nicht. Ich glaube es auch nicht. Aber nun, da ich wieder gelaufen bin, weiß ich wieder: „Hier kann ich laufen, hier will ich sein.“

Kaffee … Genuss!

Seit vielen, vielen Jahren trinke ich Kaffee. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich beim ersten Angebot meiner Mutter, mal Kaffee zu probieren, die Brühe zurück in die Tasse spuckte. Damals fand ich Kaffee widerlich – und das geht vielen in meinem Umfeld weiterhin und ihr ganzes Leben so.

Spätestens ab dem Studium allerdings habe ich Kaffee zu schätzen gelernt und trinke gerne Kaffee – nicht nur aus Gewohnheit, sondern oft auch ganz bewusst aus Genuss. Ein gut gemachter Cappuchino, ein würzig-aromatischer Espresso … oder in den Niederlanden ein kultig benamter „Koffie verkeerd“. Zuhause steht eine Siebträger-Maschine mit einer Mühle daneben, damit Kaffee zu machen ist für mich schon ein Ritual. Mit einer guten Bohne, frisch gemahlen … das ist dann schon ein richtiger Luxus.

Allerdings muss man – korrekterweise eher – muss ich aufpassen: Kaffee zu trinken wird schnell zum selbstverständlichen Zwischending, das man nicht mehr bewusst und mit Genuss tut, sondern einfach so, weil halt Kaffee da ist. So habe ich mir – obwohl ich die Bohnenauswahl bei der Bestückung des Geräts nicht ganz so für mich passend finde – recht oft vom Kaffee-Vollautomaten auf der Arbeit einfach eine Tasse Espresso geholt. Nicht, dass die Maschine schlecht wäre, auch die Bohnen sind passabel, aber es ist halt nicht das, was ich haben wollen würde. Dennoch – dauernd stand eine Kaffeetasse vor mir, neben den Früchte- oder Kräutertee-Tassen, die meine Hauptflüssigkeitszufuhr über den Tag bilden.

Nun habe ich den Beschluss gefasst, dass Kaffee für mich künftig Genuss ist. Genuss oder gar nicht. Also habe ich den Kaffeekonsum auf der Arbeit eingestellt – beziehungsweise: Mir ein Limit gesetzt. Zwei Espresso – oder ein doppelter – pro Arbeitstag, nicht mehr. Und auch nur dann, wenn ich es als Genuss empfinde und genau weiß, dass ich das Käffchen nicht „nebenbei“ trinke, während ich was schreibe, programmiere, plane, telefoniere, sondern höchstens eine nette Konversation parallel habe. Achtsamkeit und Kaffee – passt für mich durchaus zusammen. Ein Vorzug ist auch, dass die Koffein-Zufuhr damit sinkt. Damit wird eine mögliche (wahrscheinliche!) Gewöhnung abgebaut und ich werde, wenn ich den Kaffee bewusst des Koffeins wegen trinken sollte, mehr davon spüren. Außerdem habe ich gelesen, dass Koffein zwar aufputscht, aber auch die Durchblutung des Herzmuskels eher negativ beeinflussen kann – also kommt die Reduktion auch dem Ausdauersport entgegen. Dazu kommt die Hoffnung, mit einer kleineren, kontrollierteren und bewussteren Zufuhr an Koffein aus Kaffee, (echtem) Tee und Schokolade, die ja jeweils Genussmittel sind, die Schlafqualität zu verbessern.

Viel Aufhebens um eine kleine Veränderung, deren Dauerhaftigkeit ich noch nicht beschwören würde, nicht wahr?