Gehe zurück auf Los

Eigentlich heißt es ja: „Gehe in das Gefängnis, gehe nicht über Los, ziehe nicht [Betrag] [Spielwährung] ein.“ Wobei es auch eine Karte gibt, mit der man zurück auf „Los“ geschickt wird, im Monopoly.

Zurückgeschickt auf „Los!“ hat mich im April die Verletzung an der Wade. Dass ich nicht laufen konnte, hat mir gezeigt, wie wichtig das Laufen für mich ist. Das Radfahren hilft zwar, die Form zu halten und zu verbessern, es ist ein schnellerer, geeigneterer Weg zur Arbeit als das Laufen. Fünfmal die Woche morgens 20 Kilometer hin und abends 20 Kilometer zurück zu laufen, das ist nicht drin. Aber das Radfahren ersetzt mir nicht das Laufen. Es kann es nicht. Woran ich das merke?

Im April war ich unausgeglichen wie selten. Ich hatte Kopfschmerzen wie schon sehr lange nicht mehr, in Häufigkeit und Intensität. Es hat mich schrecklich gefrustet, nicht laufen zu können. Es war aber auch zum durchdrehen: Ein paar Tage nach dem Tag, an dem es so hart in der Wade zwickte, konnte ich schmerzfrei und symmetrisch gehen, stehen, sitzen. Auch dass beim Liegen im Bett nicht alle Positionen schmerzfrei waren, hatte sich nach vier Tagen erledigt. Ich konnte sogar im Stand Hüpfen, auf den Zehenspitzen wippen, auf der Stelle laufen – aber sobald ich richtig ans Laufen ging, setzte schnell der Schmerz ein. Rechte Wade, vorne, außen, etwa fünf Zentimeter unter dem Knie. Ich konnte danach mit den Fingern den harten, etwas schmerzenden Gewebsstrang, kurz vor der festen Kante des Wadenmuskels, mit dem Finger spüren und feststellen, dass er härter war als auf der anderen Seite – und wehtat. Einschränkungen hatte ich weiter nicht – außer eben beim Laufen.

Aber das Laufen ist – wie ich im April deutlich gemerkt habe – wichtig für mein seelisches, mentales und körperliches Gleichgewicht. Missgestimmt war ich, teils unkonzentriert. Schlafstörungen hatte ich in einer Form, wie ich sie sonst nicht gewohnt bin – und Kopfschmerzen. Die kenne ich, klar, aber nicht in der Häufigkeit und nicht in der Intensität, zumindest schon recht lange nicht mehr.

Daher habe ich im April auch immer mal wieder versucht, ob es wieder ging mit dem Laufen, um danach noch mehr geknickt nach Hause zu kommen und festzustellen: „Geht noch nicht!“ Nachdem dann drei Kilometer gingen, aber es danach eben doch weiter wehtat, habe ich es gelassen – für eine ganze Weile. In der Zeit hatte ich den härtesten und längsten Kopfschmerzanfall der letzten drei Jahre, war gereizt und habe vieles einfach nicht so hinbekommen, wie ich das wollte. Auch die Flucht in das Bauen mit den Klötzchen war nicht zielführend.

Heute morgen ging es wieder. Drei Kilometer habe ich erstmal riskiert, ich wollte testen, was passiert. Ich hätte wohl auch fünf geschafft. Die Wade fühlt sich noch etwas „angefasst“ an, aber eher wie „geheilt, nur noch nicht neu belastet danach“. Wo bei den früheren Versuchen ein Schmerz direkt am Anfang da war und an derselben Stelle blieb, intensiver wurde, war das „angefasste“ Gefühl nach einem Moment da, wurde dann wieder schwächer, ein leichtes Ziehen verlagerte sich zunehmen nach unten in der Wade. Ein Gefühl, wie ich es kenne – aus gesunden Laufzeiten. Auch mein Running Dynamics Pod attestierte mir eine Verbesserung: Die Bodenkontaktzeiten waren wieder symmetrisch zwischen links und rechts, wo ich zuvor aus Schonhaltung und Schmerz 52% der Bodenkontaktzeit auf einem, 48% auf dem anderen Fuß verbrachte. Nun waren’s wieder perfekte 50-50.

Das hinterlässt mich zuversichtlich, mich vorsichtig wieder herantasten zu können. Heute morgen hatte ich echt Angst, gleich wieder Schmerzen zu haben, kam nach kurzer Runde euphorisch nach Hause. Zwar hatte ich nicht die 30-60 Minuten, die ich zuvor großspurig meinem Mann angekündigt hatte, draußen verbracht – aber immerhin 3,2 Kilometer in einem Tempo von knapp schneller als 10km/h. Das klingt nicht viel, aber für einen Neuanfang nach Wochen, in denen langsameres Tempo, kürzere Strecke, und das bei asymmetrischem Laufstil und Schmerzen das einzige war, was ging und was ich vernünftigerweise gelassen hätte, war’s grandios. Ich hoffe, es bleibt bei dieser Tendenz!

…ich bin also wieder da. Auch den Howard-Goldstein-Vortex habe ich verspätet, aber heute dann doch mit einer neuen Folge beglückt. Die über 400 Tage dauernde Serie von „täglich ein Post“ ist futsch. Aber das ist gut so! Nun geht’s von vorne los. Neuanfang, aber nicht bei Null – ein gutes Gefühl.

Müdigkeit

Manchmal schlafe ich schlecht… das hat manchmal nachvollziehbare Gründe, manchmal aber auch nicht. Zum Glück kommt es sehr selten vor. Aber wenn ich schlecht geschlafen habe, dann ist alles schlimm.

Natürlich gibt es körperliche Auswirkungen. Wenn ich nach einer schlechten Nacht laufe, dreht der Puls höher bei gleicher Geschwindigkeit, ich laufe unachtsamer und der Stil ist schlechter. Insgesamt versteife ich leichter den Nacken und Rücken, habe eine schlechtere Haltung.

Die psychischen Auswirkungen sind aber viel, viel größer! Negative Gefühle überwältigen mich sehr viel leichter, wenn ich übermüdet bin. Nicht nur, dass die Konzentration auf die Arbeit oder sonstige Tätigkeiten fehlt, nein, es kratzt sehr viel mehr an meinem Nervenkostüm, was dann nicht funktioniert. Ich bin müde, Dinge funktionieren nicht, es ist meine Schuld und prompt fühle ich mich wertlos. Das muss dann noch nicht einmal am Schlafmangel und meiner Konzentration liegen, generell fühle ich mich dann schnell wertlos. Auch Ärger, Traurigkeit und Wut kommen viel stärker raus und brauchen viel weniger Trigger, wenn ich übermüdet bin. Auch die positiven Gefühle kommen schneller bei mir an, aber weit weniger schnell und stark als die negativen.

Mit zunehmendem Alter habe ich diese Umstände ein wenig mehr verstanden. Denn wenn man so heftig reagiert, wird man auch recht leicht selbstgerecht. Man merkt ja selbst nicht bewusst, dass man anders drauf ist, dass der Schlafmangel einen zu einem unausgeglicheneren Menschen macht. Inzwischen sehe ich an anderen und auch an mir selbst viel häufiger, was der Schlafmangel anstellt – und sage manchmal auch bewusst: „Ich gehe jetzt ins Bett. Morgen kriege ich das hin und reagiere nicht wie ein Berserker, wenn ich es nicht hinbekomme.“ Ich versuche das auch zu vermitteln, wenn ich jemanden mit rotgeriebenen Augen und Dauergähnen vor mir habe, der nah am Heulen oder Rumschreien – oder beidem – ist.

Am Montag war eine Freundin von mir sehr unausgeschlafen und reagierte entsprechend. Ein Freund von mir bekam schon eine Weile zu wenig Schlaf. Tja- aber wie das so ist: Mich erwischte es dann am Dienstag. Eine Nacht, die von Montag auf Dienstag, in der ich gefühlt vielleicht 90 Minuten geschlafen hatte – tatsächlich war’s wahrscheinlich etwas mehr, aber unter dem Strich viel zu wenig. Boah, ging es mir komisch. Ich bin dann gestern früh ins Bett, aber wie das so üblich ist: Es hält länger an. Heute früh ging es mir zwar gut, der Schlafmangel war ausgeglichen, dafür tat der Kopf etwas weh. Aber nach der Radfahrt zur Arbeit ging es mir deutlich besser.

Ich versuche, mehr zu schlafen. Das tut mir gut – es hilft mir, die Dinge besser zu erledigen und ein ausgeglichenerer Mensch zu sein. Aber wenn man so unheimlich viele Dinge tun will und gefühlt tun muss, ist das manchmal gar nicht so einfach. Und wenn das Kontingent ohnehin nicht reichlich ist, das man für Schlaf hat, sind unruhige Nächte die Pest – und selbstverstärkend. Wenigstens hilft Sport oft, besser und tiefer und zuverlässiger zu schlafen.

Die Ruhe weg

Ich habe inzwischen eher die Ruhe weg als früher. Wenn ich früher etwas vergaß oder jemanden hängen ließ, weil’s schlicht nicht ging oder mir zwischen allem Anderen entging, dann war ich sofort in massivem Alarmzustand. Zittrig wie drei durchwachte Nächte und fünf Kannen Kaffee, voller Angst, mit dem Wunsch, mich auf Knien zu entschuldigen – also vollkommen von der Rolle.

Das hat sich geändert. Ich habe schleichend über die letzten zehn Jahre eine neue Haltung entwickelt, die mich das, was schief ging, aber nicht mehr zu heilen ist, gelassener sehen lässt. Das, an dem ich eh nichts mehr ändern kann, sollte mich nicht davon abhalten, das zu gestalten, was noch zu ändern ist. Klingt einfach, logisch, richtig?

Ist es auch! Aber deswegen ist es noch lange nicht einfach umzusetzen. Die tiefe Angst, nicht zu genügen, für einen Fehler nicht mehr geschätzt zu werden, alles verloren zu haben, blockierte mich dabei, genau das zu verhindern. Sehr wenige Fehler sind endgültig, so gut wie niemand macht gar keine Fehler. Das allerdings nicht nur mental, sondern auch emotional zu verstehen, ist schwer, wenn man diesen Panik-Modus hat.

Woher aber kommt dieser Panik-Modus? Nun … da gibt es viele Erklärungen. Das Mobbing auf das leicht zum Weinen zu bringende Kind in der Schule, das immer wieder auf alten Fehlern herum Hacken unserer toxischen Fehlerkultur, dazu eine tiefsitzende Unsicherheit, die kann ich alle anführen.

Es brauchte lange, die Sicherheit und das Selbstvertrauen zu erwerben, mit Fehlern und den Konsequenzen zu leben. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht die Lebenserfahrung. Das Wissen, in zwei Jobwechseln jeweils persönliche Entwicklungsschritte gemacht zu haben, auch das Laufen an sich und die Erfolge dabei helfen. Am Ende des Tages ist es so leicht zu sagen: „Weine nicht um verschüttete Milch.“ Es ist so leicht zu sagen: „Ich gestalte die Zukunft, statt die Fehler der Vergangenheit mein Jetzt verderben zu lassen.“ Es war so ein weiter Weg, dorthin zu kommen, wo man das meistens auch genau so halten kann.

Warum ich schreibe

Die Frage stelle ich mir gelegentlich, eigentlich sogar öfter. Das bezieht sich nun erstmal nicht auf diesen Blog. Die Highway Tales habe ich angefangen, weil ich über meine Erlebnisse beim Pendeln schreiben wollte, mit der Zeit wurde sowas wie ein Tagebuch daraus, in dem manchmal Gedanken, manchmal Erlebnisse und manchmal auch irgendwas niedergeschrieben wird. Auch wenn mal nicht so Wichtiges dazwischen ist, sorgt die Regelmäßigkeit dafür, dass ich nicht „aus Gewohnheit“ nicht schreibe, wenn mal was Wichtiges in meinem Kopf herumgeht. Aber eigentlich sollte es gar nicht um diese Motivation gehen – also: „Exkurs: Ende!“

Warum schreibe ich also meine Geschichten auf? Zunächst einmal gehen mir dauernd Geschichten im Kopf herum. Die Geschichte um Esther Goldstein-Howard, der Howard-Goldstein-Vortex, begann auch als so eine „Im-Kopf-Geschichte“. Zunächst hatte ich erste Bilder im Kopf, eine Vorstellung, wer Esther ist und was sie tut, dann kamen immer mehr Gedanken dazu. Immer wieder wälzte ich die Geschichte, erzählte sie in Teilen Leuten – zunächst meinem Nenn-Bruder, Codename Q, danach dem Pärchen, mit dem ich mehr oder minder regelmäßig DSA spiele. Auch mit anderen Geschichten lief es so, zum Beispiel auch mit der Geschichte von Jenny Korrenburr, deren ersten Teil ich als „Am Rand des Strömungsabrisses“ veröffentlicht habe. Auch hier gab es Testläufe, Gedankenspiele, Chat-Rollenspiele mit meinem Nenn-Bruder, ich hab’s immer wieder Freunden erzählt – und natürlich oft zuerst und vor allem meinem Ehemann. Mit einer in der Schublade liegenden, großen SciFi-Geschichte namens „Sternenbrennen“ verhält es sich ähnlich. Für Sternenbrennen habe ich noch keine Ambition, es öffentlich zu machen, auch wenn es schon ein großer, ausgearbeiteter Storybogen mit eigener Welt ist. Diese Geschichten sind in meinem Kopf immer präsent. Selbst aus kleinen Bildern, die ich für irgendeinen emotionalen Zweck im Kopf habe, entwickle ich Hintergründe, Persönlichkeiten, Handlungsstränge – sogar, wenn es sich nur um eine erotische Phantasie zum mich selbst anheizen handeln sollte. Die Geschichten sind also DA.

Viele davon schreibe ich auf. Es gibt da mehrere Formate: Ich erzähle sie jemandem per Email, ich notiere sie mir in kleinen Text-Dateien, die dann ausufern, ich chatte mit Freunden darüber und sammle die Chat-Protokolle in Dateien, erstelle Listen von Charakteren, bevorzugt mit der Option, sie zu ordnen und zu verknüpfen, gerne auch als umfangreiche, sortierbare Excel-Dateien … der Text ist da, aber nicht aufbereitet, um ihn vorzuzeigen. Meistens fehlen auch große Teile des Korpus der Geschichte, weil ich mir nur Gedankenstützen notiere, nur das Skelett – das Fleisch der Geschichten ist in meinem Kopf. Über vieles Erzählen ermutigten mich Freunde, die Dinge niederzuschreiben – und irgendwann führte das zu kleinen Geschichten und dann eben auch dem Buch „Am Rand des Strömungsabrisses“ sowie dem Blog „Howard-Goldstein-Vortex“. Über die richtige Form für meine Geschichten halte ich noch Experimente ab, vielleicht auch darüber, welche Form zu welcher Geschichte passt. Große Literatur zu schaffen, das ist nicht mein Anspruch. Ich hätte nichts dagegen, aber das ist einfach nicht das, was bei meinem Schaffensprozess herauskommt, da bin ich mir sicher. Erfolge zu schaffen – ja, schön wäre das, aber ich bin vermutlich nicht die Person, die mit der richtigen Geschichte in der richtigen Form zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Damit kann ich leben, auch wenn ich manchmal träume und die Nicht-Erfüllung solcher Träume sich manchmal so anfühlt, als hätte man etwas verloren.

Warum veröffentliche ich also, was ich phantasiere, durch Erinnern und Vergessen filtere, erzähle, sortiere, niederschreibe und doch wieder umsortiere? Ganz einfach: Ich kann’s nicht jedem persönlich erzählen, und vielleicht mag’s ja irgendwer. Wenn ich durch die Veröffentlichung in Schriftform auch nur das Leben einer Person bereichere, die diese Geschichten ohne die Veröffentlichung nicht mitbekommen hätte, habe ich schon etwas erreicht – selbst wenn ich nie davon erfahre. Und deswegen schreibe ich: Weil ich glaube, dass wir alle Geschichten brauchen, und weil ich mittlerweile – zu meinem Entsetzen – erfahren habe, dass nicht in jedem Kopf eine solche Fülle von Geschichten sprudelt wie in meinem, dass viele Menschen tatsächlich größtenteils auf Geschichten von außen angewiesen sind. Sicher könnte ich sagen: Die, die besser schreiben können, ausgefeiltere Geschichten am Puls der Zeit verfassen, könnten dieses Bedürfnis bedienen und ich brauch’s nicht zu tun. Aber da ich gerne schreibe und meine Geschichten an die Leute bringe, kann ich’s auch tun. Selbst wenn’s nie erfolgreich sein wird – es kostet mich nicht viel, und vielleicht bringt’s jemandem was. Mir bringt es jedenfalls etwas, denn es ordnet die Fülle der Geschichten in meinem Kopf und hält mich bei Stange, weiter zu Phantasieren. Denn wenn in meinem Kopf das Phantasieren versiegt, fühle ich mich wie tot, und das hat mich die paar wenigen Male, die es in meinem Leben passierte, so erschreckt, wie sonst gar nichts, das mir bisher passiert ist. Und DESWEGEN schreibe ich.

Entwirrungsversuch

Nachdem ich offenbar am Montag ein wenig die Menschen verwirrt habe, versuch‘ ich’s jetzt zu entwirren und aufzurollen. Es ist leider so, dass die Dinge oft sehr kompliziert sind, wenn wir uns und unsere Prioritäten auf die Reihe bekommen wollen. Ich sehne mich danach, einfache Kriterien oder Bilder zu haben, an denen ich mich orientieren kann. Das Leben drum herum bleibt komplex genug und das sollte man über die einfachen Grundsätze nicht vergessen.

Um es mathematisch auszudrücken: Meine Vorliebe für den Satz aus Star Trek Generations, die ich am Montag ausgeführt habe, drückt ein Ordnungsprinzip aus.

[1] „If something’s important [3], you’ll make the time [2].“

Das ist ganz simpel. Aber was vielleicht nicht ganz klar ist: Bloß, weil etwas (für mich) wichtig ist, entsteht daraus nicht mehr Zeit. Der Begriff „Time“ bzw. „Zeit“ steht in meinen Gedanken nicht nur für Jahre, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden – sondern auch für Kraft. Diesen Aspekt kann man in der Löffeltheorie darstellen. Grundsätzlich gilt für den Aspekt „Zeit“ die Nebenbedingung

[2] Zeit und (psychische wie physische) Kraft (in der Löffeltheorie als Löffel dargestellt) sind begrenzt. Wenn die „Löffel“ leer sind, macht man nichts mehr (oder nur auf Kosten des Löffelvorrats des nächsten, übernächsten oder aller folgenden Tage), wie wichtig es auch sein mag.

Dann ist da noch das „important“, der Begriff der Wichtigkeit. Das sind die Prioritäten. Da steckt auch ein Haufen Komplexität drin. Man kann das aber runterbrechen auf eine ganz einfache zweite Nebenbedingung:

[3] Wie „wichtig“ etwas ist, stellt meine persönliche Prioritätenliste dar. Da geht ein: Was brauche ich und wie wichtig ist es mir? Was ist notwendig zu tun für das, was ich brauche? Was brauchen Leute um mich herum und wie wichtig ist es mir, dass ICH ihnen das gebe? Kann es vielleicht jemand anders machen und wie wichtig ist es mir, den anderen zu entlasten?

Am Ende des Tages wird damit in meiner Interpretation aus

[2] und [3] in [1]:

[4] Am Ende von Zeit und Kraft („Löffeln“) sollte das, was ich getan habe, in meiner Priorisierung wichtiger gewesen sein als das, für das die Löffel nicht gereicht haben.

Ist das Gebot aus [4] nicht erfüllt, muss ich mich fragen: war das, was ich getan habe, aber „nicht so wichtig“ war, vielleicht eben doch so wichtig? Aus der Frage heraus analysiere ich mein Prioritätensystem. Denn am Begrenztsein der Zeit kann ich nichts ändern, an der Tatsache, dass ich Dinge eher tue, die mir in diesem Moment wichtig („nötig“, „unausweichlich“, „muss ich doch“) erscheinen, kann ich ebenfalls nichts ändern.

Aber ich kann – und muss ständig – überdenken, ob meine Prioritäten (für MICH) richtig sind, wenn ständig was hinten runterfällt, das mir wichtig ist. Dass das mit den Prioritäten die eigentliche Crux ist, weiß ich, aber das ist ja der eigentliche, zentrale Punkt: Ich habe nicht „keine Zeit“. Mir sind nur andere Dinge wichtiger. Wenn das nicht gut ist, muss ich erstmal meine Prioritäten analysieren und als Startpunkt annehmen, dann kann ich über Änderungen der Prioritäten und ihre Konsequenzen nachdenken.

Bedingung [4] ist halt sperrig und setzt immer noch viel voraus, um sie zu verstehen. Deswegen lasse ich in meinem Kopf lieber [1] als Mantra laufen, wenn’s nicht läuft. Die Komplexität kommt eh über den Begriff „important“ und das Beschränktsein der zur Verfügung stehenden Zeit und Kraft.

Wirres zum Thema Prioritäten

Da ich zur Zeit eine ganze Menge und durchaus auch mit (für mein Gefühl) sehr passablen Erfolgen die Lauferei betreibe, erzähle ich gerne davon. Oftmals begegnet mir im Kontext dieses „Angebens“ seitens meines Gegenübers eine Art Rechtfertigung. Oftmals hat diese Rechtfertigung, selbst nicht so viel Sport zu betreiben, mit dem Satz „Ich sollte auch mal…“ oder „Ich sollte auch mal wieder…“ zu tun. Fast stets ist die Argumentation, warum’s doch nicht passiert: Keine Zeit.

Ich für meinen Teil habe darauf eine Antwort, die ich meistens in diesen Gesprächen eben NICHT gebe, da sie meistens missverstanden wird. Ich kann das einfach illustrieren über ein Zitat, das ich gerne bemühe:

Kirk, Scott und Chekov begegnen auf der Brücke der Enterprise-B der Steuerfrau des brandneuen Schiffes, Demora Sulu, der Tochter von Hikaru Sulu. Nachdem sie sich über einige nostalgische Gedanken ausgetauscht haben, fragt Kirk Scotty: „Sulu. When did he find the time to have family?“ Scott antwortet ihm: „Well like you always say, if something’s important, you’ll make the time.”

Fühlt sich nun jemand angegriffen, weil er oder sie aufgrund von Kindern, Familie und Job nicht einfach die Zeit für einen Luxus wie Laufen freischaufeln kann? Ja? Genau deswegen antworte ich auf „Ich habe keine Zeit dafür“ in aller Regel nicht mit diesem Zitat. Das Problem ist nicht das Zitat. Das Zitat an sich ist wahr und weise. Denn für das, was wichtig ist, finden wir die Zeit. Die Frage ist nur: Was ist uns wichtig? Wer definiert das – und was von den Definitionen, die nicht von uns stammen, akzeptieren wir oder machen es uns gar zueigen?

Dass die Menge an Zeit, die uns zur Verfügung steht, begrenzt ist – insgesamt und jeden Tag gleichermaßen – ist ein Fakt. Was wir mit diesem wertvollen, begrenzten Gut anfangen, ist zunächst einmal unsere Sache. 

Es ist leicht, das „Aber“, das ich in dem hier begonnenen Absatz anreiße, zu ignorieren, wenn man niemanden hat, der von einem abhängig ist. Deswegen füge ich es ein. Natürlich ist unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen, insbesondere für jene, die von uns abhängig sind, ein ganz entscheidender Faktor dafür, ob etwas „wichtig“ ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass „wichtig“ auch in unserer von Individualismus als Wert geprägten Gesellschaft nicht allein „was ist uns nur aus uns selbst heraus wichtig“ bedeutet. Wir können das auch nicht ignorieren. Es gibt das, was uns aus uns selbst heraus wichtig ist. Es gibt das, was uns aus unserem Verantwortungsgefühl für andere wichtig ist. Es gibt auch das, was uns aufgrund dessen, dass andere, deren Meinung wir achten, Wert darauf legen, wichtig ist. Wenn wir all diese Rahmenbedingungen einbeziehen, bleibt oft wenig Zeit übrig. Das, wofür wir uns verantwortlich fühlen und der essentielle Selbsterhalt sind kaum verhandelbar. Wenn uns nach diesen beiden Punkten schon die Zeit ausgeht, geht’s an die Grundsätze, wo wir uns vielleicht für Dinge verantwortlich fühlen, die andere machen sollten. Gerade bei der Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene ist das ganz schwierig. Das nachzuvollziehen ist für mich manchmal schwer, da ich keine Kinder habe, dennoch habe ich volles Verständnis dafür, dass man damit hadert. Bei mehreren, die sich eine Verantwortung dieser Art teilen, wird’s erst recht komplex, denn hier spielt bei nicht verhandelbar zu erfüllenden Aufgaben noch die nach den Bedürfnissen richtige Verteilung eine Rolle. Weil das schwierig ist, werfe ich ungern Leuten dieses „If something’s important, you’ll make the time!“ entgegen, da es ohne die Ansage, wie viel eigentlich in dem kleinen Wort „important“, „wichtig“ drinsteckt, der Komplexität nicht gerecht wird.

Wenn allerdings nach diesem Punkt noch Zeitkontingente übrig sind, ist die Frage verhältnismäßig leicht: Ist die mündige Person, die nicht auf meine Zeit angewiesen ist, in sich selbst und ihrem Anliegen für mich wichtig genug, um meine eigenen Anliegen hintenanzustellen? An dieser Stelle gilt es, die selbst entschiedene Prioritätsliste zu akzeptieren – oder sie zu ändern. Vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen, dass man ja die Erwartungen von Person X erfüllen muss und deswegen nicht zum Sport gehen kann, obwohl man das gerne möchte, führt nirgendwo hin. Entweder ist mir das Erfüllen der Erwartungen von Person X wichtiger, oder ich sollte es ändern.

Oft habe ich den Eindruck, dass Menschen allzu leicht die Erwartungen mündiger Personen X als „Verantwortung“ übernehmen. Die eigentliche Kunst an der ganzen Sache ist, festzulegen, was unverhandelbar wichtig aus Verantwortung für Schutzbedürftige resultiert. Das ist nämlich die Stellschraube, an der man hinterfragen kann, in wie weit „If something’s important, you’ll make the time“ es sich zu einfach macht – und in wie weit der Mensch, der keine Zeit hat, es sich zu schwer macht. Ich habe dafür natürlich keine Lösung, ich bewundere das Problem. Wobei – für mich selbst verhandle ich die Antwort ständig neu, und immer bewusster. Die Antwort besteht nämlich nicht über die gesamte Zeit, die wir leben, sondern verändert sich mit Umständen und Lebensalter.

Auf und Ab

Es sind diese Momente, die zusammenwirken. Diese Momente völliger Begeisterung und der Ernüchterung, die manchmal unglaublich intensiv im Kontrast nebeneinander stehen. Der Alltag ist voller Dinge, die man gerne macht und solcher, die man ungern macht oder die einem ein schlechtes Gewissen machen. Den Alltag zu bewältigen heißt, den emotionalen Kontrast abzumildern, die regelmäßigen kleinen Erfolge und Niederlagen nicht so extrem zu sehen. Bei den Erfolgen gelingt das meist zu schnell, Niederlagen sind schwieriger, da geht’s eher zu langsam.

Heute Morgen hatte ich das Extrem mal wieder. Ich wurde von einer Kollegin angesprochen, auf eine dienstliche Geschichte, die heute läuft. Ich reagierte begeistert, denn dieser Aspekt – diese Arbeitsstätte, mit der ich zu tun habe, was ich dort machen darf, dass sie in meine Zuständigkeit fällt, was die Leute dort tun – das begeistert und fasziniert mich. Es ist einfach superspannend! Dabei ist es eigentlich nur Arbeit. Keine zwanzig Schritte weiter holte ich eine Mappe aus der Post, auf der ein Post-It klebte. Jemand, der mir zuarbeitet und das gut tut, monierte ein Versäumnis, mit dem ich der Kollegin das Leben etwas schwerer gemacht hatte. Nicht beabsichtigt, nicht aus bösem Willen, einfach nur, weil ich nicht dran gedacht hatte. Dabei war ohne auch nur die Spur eines Nachdenkens einzusehen, warum an der Stelle zwei Büroklammern Wunder wirken, um besser zuordnen zu können, was zu was gehört. Mir ist natürlich klar, was wozu gehört, weil ich die Dokumente erstellt habe, um die es ging. Aber unter anderen Aspekten muss man da echt suchen, wie alles zusammengehört. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, auf weniger als 15 Meter Flur. Das ist wie das erste Mal frisch verliebt und so kann man seinen Alltag nicht bestreiten, erst recht nicht bei für alle gesundem sozialen Arbeitsleben, denn Stimmungsschwankungen wirken sich ja immer auch auf die anderen aus.

Ich bin froh, dass ich so intensiv empfinden kann, ich bin auch froh, dass ich eine Arbeit habe, in der ich mich so wohl fühle, die ich gut machen will, dass sie so etwas auslöst. Dennoch ist es nötig, diese Achterbahn etwas einzuebnen, die Kurven, Steigungen und Gefälle, mindestens mal die Loopings aus den Schienen rauszunehmen. Dieses Auf und Ab ist nämlich emotional anstrengend, sehr sogar. Nur zu sehr einebnen sollte man’s nicht. Sonst wird es stumpf.

Es gibt da einerseits die Balance aus Gutem und Schlechtem. Durch Gewöhnung wird meist ein allzu guter Durchschnitt der Ereignisse des Alltags normal, das funktioniert – nicht ganz so schnell – auch beim Ausschlag in die schlechte Richtung. Aber die Bilanz am Ende ist nicht die ganze Wahrheit. Auch die Amplitude, die Stärke und Häufigkeit der guten und schlechten Ausschläge, die sich (durch die Gewohnheit) am Ende meist zu irgendwas um die Mitte herum ausgleichen, spielt eine Rolle. Ein Alltag, der aus einer Achterbahn von Euphorie und Katastrophengefühl besteht, ist kaum auf Dauer bewältigbar. Auch hier reduziert die Gewohnheit die Amplitude, wie sie auch den Mittelwert Richtung Ausgleich verschiebt. Und das ist auch gut so, sonst würden wir alle durchdrehen, glaube ich.

Ein Stück zweifelhafte Weisheit

Ich hatte eine Zeit in meinem Leben, in der ich durch verschiedene Aspekte sehr auffällig war. Da war etwas mit mir los, und jeder konnte es sehen. Heute ist das besser, aber auch nicht ganz weg.

Nun – aus dieser Zeit habe ich eine Art Weisheit mitgenommen. Eine Kollegin von mir, die um jene Zeit weiß, saß vor nicht allzulanger Zeit mit mir bei einem Kaffee in einer Shopping-Mall nahe dem Büro. Ich erklärte ihr, sie solle sich nicht wundern, wenn mich der Barista kenne – und in diesem Moment sah er rüber und rief: „Espresso Doppio?“ Ich bestätigte mit einem Lächeln. Dann spekulierte ich gegenüber der Kollegin, ob mein Bekanntheitsgrad meinen häufigen Besuchen in diesem Café oder meiner Auffälligkeit geschuldet sei. Sie meinte, es sei wohl beides. Daraufhin sagte ich:

Wenn ich schon auffällig bin, dann kann ich auch auf mir genehme Weise auffällig sein.

Damit fasste ich meinen manchmal eigenwilligen Kleidungs- und Verhaltensstil zusammen. Sie meinte, das klänge fast schon weise. Ich bezweifelte das – und bezweifele es weiterhin. Aber dennoch handele ich weiterhin nach diesem Prinzip. Wenn ich ohnehin auffällig bin, dann kann ich auch Dinge tun, die auffällig sind, aber meinem Wohlbefinden Vorschub leisten.

Nicht, dass ich meine Auffälligkeit prinzipiell schlecht fände. Individualismus ist toll. Verwunderte Blicke und dieser Moment, in dem sich die Menschen fragen, ob sie mit „der da“ reden wollen, die so anders ist, sind nicht so toll. Wenn die aber eh passieren – hey, wen stört’s dann, wenn ich im Sommer Stiefel trage oder Klamotten, die auffällig sind und/oder mir gefallen, aber eigentlich in anderen Zusammenhang zu gehören scheinen?

Was vor einem Jahr noch unmöglich erschien…

Im August 2017 war ich unglücklich über das Pendeln nach Stuttgart und wollte an einem Ort näher an zuhause arbeiten. Aber meine Initiativen dafür trugen (noch) keine Früchte, was mich frustrierte. Ich bereitete Halbmarathon vor und fragte mich, welche Zeit ich schaffen könnte – an Marathon dachte ich nicht. Als sich im August abzeichnete, dass ich über 200km in einem Monat laufen würde, rechnete ich aus, dass ich für 300km in einem Monat 70km in der Woche laufen müsste und sagte mir: „Niemals schaffst Du das!“

Nun arbeite ich weniger als 20km von zuhause, pendle mit der Straßenbahn, bereite Marathon vor und bin seit letzten August zweimal Halbmarathon gelaufen. Im August stehen bereits 301,5km auf dem Laufkonto.

Was ein wilder Ritt!

Vom Fehlermachen

„Das war falsch, das war falsch, verdammt – das war falsch!“

Metaphorisch, seltener buchstäblich rennen wir im Kreis, die Arme gen Himmel geworfen, da wir etwas „verbockt“ haben. Am besten noch gleich so, dass es ein größerer Personenkreis gesehen hat – und oftmals läuft’s dann auch noch so, dass wir nicht einmal mehr die Initiative haben, weil jemand anderes es merkt und mitteilt!

Ihr kennt das auch? Mies fühlt sich das an, und es nützt überhaupt nichts. Ich habe lang gebraucht, dieses aufwallende Gefühl der Demütigung zu begrenzen. Ich meine, es ist nur ein Fehler. Meist macht nur der, der gar nichts macht, keine Fehler. Es soll zwar nicht so sein, aber nicht selten schleichen sich auch Fehler ein, selbst wenn man sich kontrollieren lässt. Klar, man kann noch gewissenhafter rangehen, oft ist das sogar gar keine schlechte Idee.

Und da fängt es an. Ich lerne aus dem Fehler, beim nächsten Mal gewissenhafter drauf zu schauen. Ich sehe ihn, korrigiere ihn, kommuniziere das korrigierte Ergebnis. Ich renne nicht panisch im Kreis, die Arme hochgeworfen – vielleicht werde ich sogar nur noch rot im Gesicht, weil ich mich schäme, etwas übersehen zu haben. Vielleicht nicht einmal mehr das. Vielleicht lerne ich aus dem Fehler nicht nur etwas über meinen Umgang mit Qualitätssicherung, sondern auch über die Sache, in der ich einen Fehler gemacht habe.

Es heißt nicht, dass ich nicht kritikfähig bin, wenn ich mich von berechtigter oder unberechtigter Kritik nicht mehr persönlich angegriffen fühle. Aus dem interpretierten Angriff, den der Fehler – ob von anderen wahrgenommen oder nur von mir selbst gesehen – auf meine Gewissenhaftigkeit, meine Person darstellt, kann ich Wut auf den Überbringer der Fehler-Botschaft oder auf den Fehlermacher generieren. Ich kann – und sollte – es aber lieber lassen. Denn dass jeder mal Fehler macht, auch manche Fehler wieder macht, ist Fakt. Wut oder Scham machen weder den Fehler noch die Erkenntnis einer Gruppe, dass ich fehlbar bin, wieder rückgängig. Sie behindern mich sogar dabei, weiter zu machen und den Fehler zu beheben, erst recht, weil dann eine übersteigerte Angst vor einem erneuten Fehler hinzukommt.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass eine gute Fehlerkultur eine solche ist, in der man ausruft: „Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht.“ Ich halte das für Utopie. Aber je näher ich an dieses Ideal herankomme, um so weniger beherrschen meine Fehler mein Tun und meine Reflektion über mein Tun, sondern verbessern es.

Ich bin stolz darauf, mich dieser guten Fehlerkultur anzunähern. Langsam, in kleinen Schritten, manchmal auch mit Rückschritten. Aber zumindest bringen mich Fehler im Umgang mit meinen Fehlern weiter – im Umgang mit meinen Fehlern. Das ist doch mal ein Modell für den Umgang mit Fehlern in anderen Dingen als dem Umgang mit Fehlern, nicht wahr?