Ziele

Inspiriert von diesem Beitrag auf laufzeile.de habe ich mich mal mit Zielen beschäftigt. Denn ein Ziel kann so vieles sein… 

Ich habe mich dann gedanklich mal darauf eingelassen, was ein Ziel überhaupt ist, und bin dabei auf den Punkt gekommen, dass Ziele verschiedenen Kategorien angehören, die man als solche benennen kann. Diese können dann helfen zu verstehen, wie man das Ziel angehen sollte. Folgende Aspekte sind mir dabei eingefallen: 

  1. Motivation:
    Der Fokus liegt hierbei darauf, warum ich etwas tue und warum ich etwas erreichen will bzw. was ich damit genau erreichen will. Beim Laufen gibt es da eine Menge verschiedene Möglichkeiten. 

    1.a. Gesundheits-Aspekte: Ich möchte verhindern, dass ich krank werde, und mich so über das Laufen fithalten. Vielleicht möchte ich auch ganz konkret meinen Rücken entspannen, um weniger Kopfschmerzen zu haben, oder Stress (und damit Stresshormone) abbauen, um meine chronisch entzündliche Darmerkrankung in den Griff zu kriegen. Das waren nun von meiner Situation inspirierte Ziele. Bei anderen geht’s vielleicht darum, Fettpolster abzubauen, um einen niedrigeren Cholesterinspiegel zu haben, Herzerkrankungen vorzubeugen, Gelenke wieder beweglich zu bekommen… 

    1.b. Andere Selbstverbesserungs-Aspekte: Ich möchte schlanker oder hübscher aussehen und laufe daher, um Fett zu verbrennen oder einen knackigeren Hintern zu bekommen (auch wenn da Krafttraining sicher besser geeignet ist), oder ich möchte den antrainierten Muskel-Sixpack am Bauch von seiner Unterhaut-Fettgewebe-Polsterverpackung befreien (wofür Laufen wieder ganz gut funktioniert). Eventuell möchte ich auch den Alltag besser bewältigen und mir dafür Kondition anlaufen – vielleicht auch besser schlafen. 

    1.c. Wettkampf-Aspekte: Ich möchte eine gewisse Strecke laufen können, oder eine gewisse Strecke schneller als eine bestimmte Zeit bewältigen. Eventuell möchte ich auch Siege erlaufen oder einen bestimmten Konkurrenten schlagen. Mir persönlich sind die Wettrennen gegen mich und meine Ziele wie auch die Vorbereitung darauf sympathischer und letztlich haben sie mich über die Zeit auch mehr motiviert. Wer genau auch beim nächsten Wettlauf sein wird und ob man dann dort siegen kann oder nicht, hängt ja auch vom anderen ab. 

    1.d. Freude am Laufen: Spricht wohl für sich selbst, ist aber auch die Erreichung in sich selbst.

    Dieser ganze Block 1 bildet Ziele orientiert an der dahinterstehenden Motivation ab. Da wir für vieles erstmal die Motivation, gegebenenfalls (insbesondere im wettkampforientierten Bereich) sogar eine Menge Hingabe brauchen, ist die Frage, warum wir uns ein Ziel setzen, durchaus eine bedeutende. Insbesondere bei ambitionierten Zielen kann es eine Menge Hingabe sein, die gefordert ist…
  2. Ambition:
    Wie schwierig ist das Ziel zu erreichen? Das hängt natürlich auch von der Ausgangsposition ab. Sehr schwer zu erreichende Ziele brauchen eine stärkere Motivation, mehr Hingabe, als einfach zu erreichende. Oftmals ist es hilfreich, ein realistisches Ziel zu formulieren – was ich ganz einfach erreiche, ist eigentlich kaum ein Ziel, das mir Fokus und Richtung gibt, was unmöglich zu erreichen erscheint, demotiviert mich eher. Ein Weg, den ich für mich als überaus sinnvoll und hilfreich erlebt habe, ist es, Ziele abzustufen. Man kennt das zum Beispiel vom Crowdfunding: Es gibt das Mindestziel und Stretch-Goals, eventuell sehr verschiedene Stretch-Goals. Das Konzept ist auf vieles anwendbar: Laufe ich, um abzunehmen, so kann ich mir als Mindestziel definieren, die über den Grundumsatz hinaus vertilgten Kalorien per Ausdauersport wieder rauszuhauen, als Soll, ein bestimmtes Kaloriendefizit für den Tag zu bestimmen und als Stretch-Goal ein höheres Defizit ansetzen. Auch beim Erreichen von bestimmten Wettkampfzeiten kann ich mir Stufen definieren: „Mindestens will ich die 44 Minuten unterbieten – unter 42 Minuten beim Zehner-Wettkampf wären das Soll, wenn’s gar unter 41 geht, dann muss das aber gefeiert werden!“ Gerade diese Ambitionsabstufung hat mir oft sehr geholfen, nicht ganz den Fokus zu verlieren, wenn es mal nicht so lief. 
  3. Dimension:
    Wie groß ist das Ziel eigentlich? Es kann ein kurzfristiges Ziel sein – eine gewisse Zahl von Kilometern in der Woche oder gar nur am Tag. Dann kann es ein mehrwöchiger Trainingsplan sein, eine Anzahl von Intervalltrainings in einem gewissen Zeitraum, so und so viele Kilometer im Jahr – oder gar ein langfristiges Ziel wie einen Ultramarathon oder beispielsweise den Marathon unter drei Stunden zu laufen.

Die Motivation gibt mir oft die Idee, wie ich andere Ziele organisiere. Geht es mir um die Regelmäßigkeit beim Laufen, um als Basisziel regelmäßig unterwegs zu sein und damit – „Soll“ – meine Kopfschmerzen vorbeugend einzudämmen, und als „Stretch-Goal“ akut bei Ansätzen zu Verspannung morgens nicht liegen zu bleiben, sondern aufzustehen und den beginnenden Schmerz wegzulaufen? Da geht es nicht um die großen Bögen. Hier wähle ich einen Bottom-Up-Ansatz: Jeden Tag ein bisschen laufen, und wenn’s nur ein bisschen ist. Kein komplexes Ding. Das große Ziel fügt sich aus vielen, kleine, gleichartigen Zielen zusammen.

Geht es mir um den Marathon in drei Stunden, dann werde ich mir einen Plan schreiben. Das Ziel erfordert, Stück für Stück aufzubauen – mein großes Ziel wird zerlegt in eine Steigerung, bestehend aus mittelfristigen Wochen- oder Vierwochenzielen, die wiederum aus kleinen Stücken bestehen, also Top-Down.

Egal wie, es hilft auf jeden Fall, sich klar zu machen, warum man etwas will – dann kann man es besser in Ziele, Teilziele, Mindest-, Teil- und Vollerfolgsanforderungen zerlegen und so über Klärung von Motivation und Ambition mit der Berücksichtigung des Realismus mittels angemessenem Verfahren (meist Top-Down oder Bottom-Up) sein großes Ziel in viele Kleine zerlegen (Trainingsplan) oder das große Ziel aus dem immer wiederholten kleinen (Gewohnheit) aufbauen. Und vielleicht, vielleicht, greift ja auch beides plötzlich mit Synergie ineinander!

Memory

Das Grab meiner Mutter und ihrer Eltern.

Vergangene Woche Freitag ist mein Patenonkel gestorben, ganz unverhofft beim Schachspiel. Meine Großcousinen und meine Tante wollte ich damit auf keinen Fall allein lassen und so fuhren wir heute in meine alte Heimat zur Beerdigung in den Nachbarort meines alten Heimatorts.

Auf dem Heimweg drehten wir noch eine Schleife durch meinen Heimatort und besuchten auf dem Friedhof das Grab meiner Mutter und derer Eltern. Ich weiß, dass meine Mama es ohnehin weiß, aber ich habe ihr erzählt, dass ich nun wieder Rennrad fahre und ihr versprochen, dass ich nicht so wild Rad fahre wie früher. Wir gingen mit dem wohligen Gefühl, dass mein Mann – den sie im Leben nie kennengelernt hat – meiner Mutter nun viel vertrauter ist als die ersten Male, die er mit am Grab war.

Auf dem weiteren Heimweg fügte ich noch eine Schleife an – wir fuhren nicht direkt von Wimpfen wieder nach Bonfeld und dann auf die Autobahn, sondern die Erich-Sailer-Straße in Wimpfen raus Richtung Heinsheim, am Wimpfener Schwimmbad die Steige runter und Richtung Guttenberg. In umgekehrter Richtung hatte ich in einer denkwürdigen Rennrad-Tour vor über 23, vielleicht sogar vor 24 Jahren bis Heinsheim am Hinterrad meines Vaters im Windschatten gehangen und ihn dann, mit einer Kletterer-Attacke am Wimpfener Schwimmbad, für die „Bergwertung“ hinter mir gelassen. Mein Mann war durchaus beeindruckt von der damaligen Rennstrecke.

Nun sind wir wieder daheim und ich hänge Gedanken nach…

Gehe zurück auf Los

Eigentlich heißt es ja: „Gehe in das Gefängnis, gehe nicht über Los, ziehe nicht [Betrag] [Spielwährung] ein.“ Wobei es auch eine Karte gibt, mit der man zurück auf „Los“ geschickt wird, im Monopoly.

Zurückgeschickt auf „Los!“ hat mich im April die Verletzung an der Wade. Dass ich nicht laufen konnte, hat mir gezeigt, wie wichtig das Laufen für mich ist. Das Radfahren hilft zwar, die Form zu halten und zu verbessern, es ist ein schnellerer, geeigneterer Weg zur Arbeit als das Laufen. Fünfmal die Woche morgens 20 Kilometer hin und abends 20 Kilometer zurück zu laufen, das ist nicht drin. Aber das Radfahren ersetzt mir nicht das Laufen. Es kann es nicht. Woran ich das merke?

Im April war ich unausgeglichen wie selten. Ich hatte Kopfschmerzen wie schon sehr lange nicht mehr, in Häufigkeit und Intensität. Es hat mich schrecklich gefrustet, nicht laufen zu können. Es war aber auch zum durchdrehen: Ein paar Tage nach dem Tag, an dem es so hart in der Wade zwickte, konnte ich schmerzfrei und symmetrisch gehen, stehen, sitzen. Auch dass beim Liegen im Bett nicht alle Positionen schmerzfrei waren, hatte sich nach vier Tagen erledigt. Ich konnte sogar im Stand Hüpfen, auf den Zehenspitzen wippen, auf der Stelle laufen – aber sobald ich richtig ans Laufen ging, setzte schnell der Schmerz ein. Rechte Wade, vorne, außen, etwa fünf Zentimeter unter dem Knie. Ich konnte danach mit den Fingern den harten, etwas schmerzenden Gewebsstrang, kurz vor der festen Kante des Wadenmuskels, mit dem Finger spüren und feststellen, dass er härter war als auf der anderen Seite – und wehtat. Einschränkungen hatte ich weiter nicht – außer eben beim Laufen.

Aber das Laufen ist – wie ich im April deutlich gemerkt habe – wichtig für mein seelisches, mentales und körperliches Gleichgewicht. Missgestimmt war ich, teils unkonzentriert. Schlafstörungen hatte ich in einer Form, wie ich sie sonst nicht gewohnt bin – und Kopfschmerzen. Die kenne ich, klar, aber nicht in der Häufigkeit und nicht in der Intensität, zumindest schon recht lange nicht mehr.

Daher habe ich im April auch immer mal wieder versucht, ob es wieder ging mit dem Laufen, um danach noch mehr geknickt nach Hause zu kommen und festzustellen: „Geht noch nicht!“ Nachdem dann drei Kilometer gingen, aber es danach eben doch weiter wehtat, habe ich es gelassen – für eine ganze Weile. In der Zeit hatte ich den härtesten und längsten Kopfschmerzanfall der letzten drei Jahre, war gereizt und habe vieles einfach nicht so hinbekommen, wie ich das wollte. Auch die Flucht in das Bauen mit den Klötzchen war nicht zielführend.

Heute morgen ging es wieder. Drei Kilometer habe ich erstmal riskiert, ich wollte testen, was passiert. Ich hätte wohl auch fünf geschafft. Die Wade fühlt sich noch etwas „angefasst“ an, aber eher wie „geheilt, nur noch nicht neu belastet danach“. Wo bei den früheren Versuchen ein Schmerz direkt am Anfang da war und an derselben Stelle blieb, intensiver wurde, war das „angefasste“ Gefühl nach einem Moment da, wurde dann wieder schwächer, ein leichtes Ziehen verlagerte sich zunehmen nach unten in der Wade. Ein Gefühl, wie ich es kenne – aus gesunden Laufzeiten. Auch mein Running Dynamics Pod attestierte mir eine Verbesserung: Die Bodenkontaktzeiten waren wieder symmetrisch zwischen links und rechts, wo ich zuvor aus Schonhaltung und Schmerz 52% der Bodenkontaktzeit auf einem, 48% auf dem anderen Fuß verbrachte. Nun waren’s wieder perfekte 50-50.

Das hinterlässt mich zuversichtlich, mich vorsichtig wieder herantasten zu können. Heute morgen hatte ich echt Angst, gleich wieder Schmerzen zu haben, kam nach kurzer Runde euphorisch nach Hause. Zwar hatte ich nicht die 30-60 Minuten, die ich zuvor großspurig meinem Mann angekündigt hatte, draußen verbracht – aber immerhin 3,2 Kilometer in einem Tempo von knapp schneller als 10km/h. Das klingt nicht viel, aber für einen Neuanfang nach Wochen, in denen langsameres Tempo, kürzere Strecke, und das bei asymmetrischem Laufstil und Schmerzen das einzige war, was ging und was ich vernünftigerweise gelassen hätte, war’s grandios. Ich hoffe, es bleibt bei dieser Tendenz!

…ich bin also wieder da. Auch den Howard-Goldstein-Vortex habe ich verspätet, aber heute dann doch mit einer neuen Folge beglückt. Die über 400 Tage dauernde Serie von „täglich ein Post“ ist futsch. Aber das ist gut so! Nun geht’s von vorne los. Neuanfang, aber nicht bei Null – ein gutes Gefühl.

Herrlicher Frühling

Der derzeit herrliche Frühling lässt mich ein wenig melancholisch werden. Eigentlich wäre das meine Zeit, in der ich viele Wettkämpfe laufen würde, das Laufen draußen genießen würde – eigentlich.

Nun kommen aber leider neben der Corona-Krise auch noch dumme Effekte hinzu. Vermutlich ist es die Anpassung an mehr Radfahren, vielleicht habe ich es im März auch etwas überzogen mit der Trainingsmenge. Jedenfalls habe ich eine kleine Verletzung im Unterschenkel. Das, was zuvor im Februar links ein wenig plagte, plagt nun ein bisschen mehr auf der rechten Seite. Ich bin 100% davon überzeugt, dass mit ein wenig Warmlaufen alles einigermaßen flüssig gelaufen wäre, aber ich wollte es nicht darauf anliegen. Seit Freitag pausiere ich nun schon, und auch wenn es vernünftig ist, lässt es mich doch die Wände hochgehen – insbesondere bei diesem herrlichen Wetter, das zur Zeit herrscht. Heute Nachmittag waren’s 500 Meter Testlauf, da ich es beim Gehen gar nicht mehr spüre, was da ist. Aber so richtig prall war’s einfach nicht, also mache ich noch etwas länger Pause.

Wie schwer mir das fällt!

Dennoch: Der Frühling ist herrlich und über eine kleine Radtour, auf der wir einige Besorgungen machten (zwei regelmäßig notwendige Rezepte bei Ärzten, zur Apotheke, was Frisches für auf den Abendbrottisch einkaufen) haben mein Mann und ich ihn per Fahrrad genossen. Da war dann schon fast wieder vergessen, dass mich das Aufhören beim Laufen nach nicht einmal einem Kilometer, aus eher Vorsicht als allem anderen, tierisch störte.

Ich tue zur Zeit cool, also dass es mich nicht fertig macht. Aber wie Ihr hier lest: Ich könnte die Wände hochgehen. Laufen ist wichtig für mich, für meinen Kopf, mein mentales Gleichgewicht. Ich lerne gerade zu schätzen, welch positive Effekte das Laufen auf mich hat, da ich mal ein paar Tage schonen muss. Vielleicht ist das der Lerneffekt. Denn Krise ist stets auch Chance, nicht?

Wer ich bin

Gerne stellt eine Freundin von mir, wenn sie ein bisschen durch den Wind ist, die Frage: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Das ist auch der Titel eines Buches von Richard David Precht über Philosophie, das ich noch nicht gelesen habe, es mir aber bald zulegen möchte.

Heute Morgen habe ich mit zwei Kolleginnen darüber gesprochen, dass ich eigentlich ein „Unfall“ war. Meine Mutter, mit abgeschlossenem Studium des Graphikdesigns, war drauf und dran, in einer Agentur in Frankfurt zu arbeiten, so zumindest meine Erinnerung an ihre Erzählungen. In dieser Zeit stellte ihr Frauenarzt sie von einer „Pille“ auf eine andere um. Das neue Präparat war etwas schwächer, und zwei oder drei Zyklen war damit die Empfängnisverhütung weniger zuverlässig, der Arzt sagte ihr das aber nicht – und gleich im ersten fraglichen Zyklus gab’s dann mich oder eher meinen Anfang. Ich habe erst spät davon erfahren, konnte dann zurücksehen, kurz nachdenken und sagen: „Hat man nicht gemerkt.“ Dennoch macht es natürlich etwas mit einem, wenn man als geliebtes, erwünschtes, aber zu einem anderen Zeitpunkt vorgesehenes Kind den Berufseinstieg der Mama verhagelt hat. Ich fühle mich deswegen nicht zurückgesetzt, ich habe auch kein schlechtes Gewissen deswegen. Ich sehe nur, wie groß der Einfluss auf das Leben meiner Mutter war. Für ihre Eltern und die Eltern meines Vaters war ganz selbstverständlich, dass meine Mutter zuhause zu bleiben hatte und sich um die Kinder kümmerte. Sie stieg erst ein, als etwa 15 Jahre später meine Schwester und ich beide in unseren Teenager-Jahren waren. Ich würde gerne sagen, heute ist das völlig anders. Freilich, es IST anders. Aber an der Aufgabenverteilung in Familien mit Kindern hat sich wenig geändert, sondern vor allem an dem Druck, was die Mütter neben allen Aufgaben, die sie als Hausfrauen und Mutter früher tun sollte, eben zusätzlich noch tun sollen – Arbeiten, erfolgreich und sportlich sein… Zwei meiner Freundinnen kämpfen mit diesem Problem, die eine zuhause, die andere mit Job, bei beiden funktioniert das paritätische Verteilen der Aufgaben zwischen den Eltern nicht richtig.

Ich leite schon über. Denn ich habe keine Kinder, kann keine bekommen und habe mich auch in Abstimmung mit meinem Mann irgendwann Mitte 30 entschieden, dass wir nicht den Adoptionsweg gehen. Bei uns bin ich die Hauptverdienerin, ich arbeite voll, mein Mann hat reduziert und kümmert sich mehr um den Haushalt als ich. Wäre das mit einem adoptierten Kind auch so? Ich weiß es nicht. Es ist immer anders, wenn’s wirklich ist, als wenn man es sich nur theoretisch überlegt.

Aber ich bin nicht nur die kinderlose Hauptverdienerin als Beamtin im Strahlenschutz. Ich bin auch auffällig. Es kennen mich fast stets mehr Leute, als ich im Gegenzug kenne, ganz oft muss ich nachdenken und erstmal forschen: „Wer könnte das sein, wo kenn ich diese Person her, die mich da gerade mit Namen gegrüßt hat?“ Ich rede mich gerne darüber raus, dass ich nicht besonders gut in Namen-Gesicht-Zuordnung bin. Aber tatsächlich besteht wohl eine Asymmetrie: Wesentlich mehr Leute wissen, wer ich bin, als ich umgekehrt Leute kenne. Warum das so ist? Nun… ich bin auffällig, wie eingangs dieses Absatzes geschrieben. Ich rede viel, erzähle über mich, kleide mich auffällig, habe mehrere Hobbies, die mich auffallen lassen. Ich könnte natürlich zur grauen Maus werden, aber das wäre nicht mehr ich. Also muss ich damit leben, dass Leute mich kennen, ich aber manchmal erst eine Weile brauche, um zu wissen, wer sie sind – oder manchmal auch schlicht zugeben muss, dass mich da jemand kennt, den ich nicht kenne.

Wer bin ich also, und wenn ja, wie viele?

Zunächst einmal ist die Antwort eindeutig „ja“. Auf die bedingte Frage, wie viele ich bin, muss ich natürlich wegen des „ja“ auch antworten. Diese Zahl ist ein bisschen unbestimmt.

Ich bin die, die dumme und ganz selten auch mal schlaue Wortspiele macht. Ich bin die, die über ihre eigenen Witze lacht, wenn’s sonst keiner tut. Ich bin die, die nach dem Absolvieren des Arbeitswegs auch mal (wenn es keinen Publikumsverkehr gibt) den Tag lang in Sportsachen im Büro herumhängt. Ich bin die mit den Nerdshirts, gerne mit Wonder-Woman-Logo auf der Brust, oder mit Star-Trek-Referenzen oder Schrödingers Katze. Alternativ bin ich die, die einen Turnanzug als normales Oberteil im Alltag unter VNV-Nation-Sweaterjacke oder auch mal unter Blazer trägt. Ich bin die, die ein komisches, nicht besonders erfolgreiches Buch geschrieben hat. Ich bin die Sportlerin, Bloggerin, Minecraft-Spielerin. Nicht zuletzt, alles andere als zuletzt bin ich die Mau vom Wolf, also die Frau meines Mannes – Mau und Wolf sind unsere Spitznamen füreinander.

Ich bin die eine, die viele ist. Ich bin die Borg… nee, halt, das war nun falsch.

Die Frage, wer ich bin, habe ich schon mehrfach hier gestellt. Es gab auch schonmal das gesungene Fragespiel zwischen Rachel House und Auli’i Cravalho: „Who am I? I am a girl who loves my island, and a girl who loves the sea – it calls me […] I am Vaiana!”, das ich als Symbol für die verwendet habe, die ich bin. Es tut mir gut, die Frage hin und wieder hier zu stellen. Meistens bekomme ich dafür ganz schrecklich positive Resonanz, wenn ich diese Fragen stelle und mir selbst beantworte. Vermutlich auch deswegen, weil durchscheint, dass ich (mittlerweile) das Selbstvertrauen habe, im Zweifel grinsend selbstironisch mit einer ebenfalls musikalischen Zeile zu antworten, nämlich mit Eminem (ohne mich mit „Without Me“ von ihm zu identifizieren, nur den Satz herausgegriffen):

„It’s just me, I’m just obscene!“

Gemischte Quellen

Heute hatte ich ein paar Termine am Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie. Früher (innerhalb meiner „Beziehung“ zu diesem Ort) hieß der Campus Nord „Forschungszentrum Karlsruhe“, noch früher, außerhalb meiner Zeit, die ich dort oder in Beziehung zu dort verbracht habe, Kernforschungszentrum Karlsruhe. Meine Vermieterin zu Studienzeiten fragte mich immer, wenn ich dorthin aufbrach, ob ich „in den Reaktor“ führe.

Während meines Termines lernte ich eine Reihe neuer Leute kennen, mit denen ich inzwischen beruflich zu tun habe. Allerdings durfte ich feststellen, dass ich auf Campus Nord heute Leute aus diversen Phasen bzw. Aspekten meines Lebens getroffen habe – zwei Personen, mit denen ich in meinem derzeitigen Hauptamt zu tun habe, eine Person, mit der ich in meiner derzeitigen Nebentätigkeit kennengelernt habe. Etliche Leute aus meiner Promotionszeit. Eine Freundin, die ich von außerhalb der Uni bei meinem Trek Monday kenne. Einen Dozenten, der in meiner Zeit in Stuttgart öfter mit Studentengruppen zum Praktikum kam, das ich dort leitete. Wenn ich es darauf angelegt hätte, wäre da vermutlich auch noch eine Person dabei gewesen, mit der ich beruflich zu tun habe, die ich aber zwischen meiner Zeit an der Uni in Stuttgart und meiner jetzigen Tätigkeit erstmals traf.

Ich finde schon ein bisschen krass, auf wie vielen Wegen ich Leute auf KIT Campus Nord kenne und dass ich von allen welche am heutigen Tag dort getroffen habe. Der Gedanke hat mich ein bisschen davon abgelenkt, wie nass ich heute beim Heimradeln wurde – 33,2 Kilometer bin ich gefahren, danach lief mir das Wasser aus den Schuhen.

Mag sein, dass der Gedanke unspektakulär war, aber ich fand ihn irgendwie krass.

Müdigkeit

Manchmal schlafe ich schlecht… das hat manchmal nachvollziehbare Gründe, manchmal aber auch nicht. Zum Glück kommt es sehr selten vor. Aber wenn ich schlecht geschlafen habe, dann ist alles schlimm.

Natürlich gibt es körperliche Auswirkungen. Wenn ich nach einer schlechten Nacht laufe, dreht der Puls höher bei gleicher Geschwindigkeit, ich laufe unachtsamer und der Stil ist schlechter. Insgesamt versteife ich leichter den Nacken und Rücken, habe eine schlechtere Haltung.

Die psychischen Auswirkungen sind aber viel, viel größer! Negative Gefühle überwältigen mich sehr viel leichter, wenn ich übermüdet bin. Nicht nur, dass die Konzentration auf die Arbeit oder sonstige Tätigkeiten fehlt, nein, es kratzt sehr viel mehr an meinem Nervenkostüm, was dann nicht funktioniert. Ich bin müde, Dinge funktionieren nicht, es ist meine Schuld und prompt fühle ich mich wertlos. Das muss dann noch nicht einmal am Schlafmangel und meiner Konzentration liegen, generell fühle ich mich dann schnell wertlos. Auch Ärger, Traurigkeit und Wut kommen viel stärker raus und brauchen viel weniger Trigger, wenn ich übermüdet bin. Auch die positiven Gefühle kommen schneller bei mir an, aber weit weniger schnell und stark als die negativen.

Mit zunehmendem Alter habe ich diese Umstände ein wenig mehr verstanden. Denn wenn man so heftig reagiert, wird man auch recht leicht selbstgerecht. Man merkt ja selbst nicht bewusst, dass man anders drauf ist, dass der Schlafmangel einen zu einem unausgeglicheneren Menschen macht. Inzwischen sehe ich an anderen und auch an mir selbst viel häufiger, was der Schlafmangel anstellt – und sage manchmal auch bewusst: „Ich gehe jetzt ins Bett. Morgen kriege ich das hin und reagiere nicht wie ein Berserker, wenn ich es nicht hinbekomme.“ Ich versuche das auch zu vermitteln, wenn ich jemanden mit rotgeriebenen Augen und Dauergähnen vor mir habe, der nah am Heulen oder Rumschreien – oder beidem – ist.

Am Montag war eine Freundin von mir sehr unausgeschlafen und reagierte entsprechend. Ein Freund von mir bekam schon eine Weile zu wenig Schlaf. Tja- aber wie das so ist: Mich erwischte es dann am Dienstag. Eine Nacht, die von Montag auf Dienstag, in der ich gefühlt vielleicht 90 Minuten geschlafen hatte – tatsächlich war’s wahrscheinlich etwas mehr, aber unter dem Strich viel zu wenig. Boah, ging es mir komisch. Ich bin dann gestern früh ins Bett, aber wie das so üblich ist: Es hält länger an. Heute früh ging es mir zwar gut, der Schlafmangel war ausgeglichen, dafür tat der Kopf etwas weh. Aber nach der Radfahrt zur Arbeit ging es mir deutlich besser.

Ich versuche, mehr zu schlafen. Das tut mir gut – es hilft mir, die Dinge besser zu erledigen und ein ausgeglichenerer Mensch zu sein. Aber wenn man so unheimlich viele Dinge tun will und gefühlt tun muss, ist das manchmal gar nicht so einfach. Und wenn das Kontingent ohnehin nicht reichlich ist, das man für Schlaf hat, sind unruhige Nächte die Pest – und selbstverstärkend. Wenigstens hilft Sport oft, besser und tiefer und zuverlässiger zu schlafen.

Sturm und Graupel

Gestern Mittag war… tolles Wetter. Nur dummerweise war genau der Zeitslot toll, in dem unsere Sitzung zu Ende, aber ich noch am Dinge hochtragen und mich umziehen war. Denn gestern war es sehr windig und so zog nach Graupel und sogar einem oder zwei Blitzen während der Sitzung ein Stück blauer Himmel durch. Als ich dann rausging, zog sich der Himmel mit regelrecht stürmenden Wolken wieder zu…

Als ich dann auf den Weg, der sich wie ein Ring außen um den Karlsruher Schlossgarten zieht, einbog, da merkte ich schon: „Es stürmt und… ähm? Hagel? Graupel? Autsch!“ Jedenfalls brach ein Graupelschauer, der sich hart wie Hagel anfühlte, sturmgepeitscht über mich herein. Allerdings hielt das nicht sehr lange, aber es regnete immer wieder und war saukalt. Da aber auch immer wieder Sonne dazwischen kam, lief ich weiter und muss sagen: Es fühlte sich großartig an. Bei solchen Bedingungen zu laufen, kann einfach nur widerlich sein – aber es kann auch ein purer Rausch sein. Letzteres war gestern bei mir der Fall – es lief wie von allein. Mein Gesicht war rosig-aufgeregt und ich rannte über nasse Pfade und Wege, durch den Schlossgarten, durch dessen Umgebung und durch den Campus Süd des KIT. Dann kehrte ich mit euphorischer Laune ins Büro zurück.

Allerdings muss ich sagen, dass ich zeitweise durchaus ein bisschen Sorge hatte, dass der Sturm mir Teile von Bäumen um die Ohren blasen würde. Die Angst trieb den Puls hoch, ließ mich aber sehr lebendig fühlen und das steigerte die Euphorie noch. Nun hoffe ich, während ich das vorschreibe, dass heute früh (also auf der Zeitskala des Schreibens dieses Beitrages) der Regen und Sturm nicht mehr da sind und ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann. Denn ganz aufrichtig: Beim Laufen kriege ich das auf die Reihe. Beim Radfahren ist der Wind durch meine noch bestehende Unsicherheit kritischer – und durch den stärkeren Fahrtwind ist Regen und Graupel noch unangenehmer als beim Laufen.

Adaptieren

Training – sportlich wie mental oder sonstig – soll dazu führen, dass der Körper oder Geist, eventuell auch die Psyche – sich an ein höheres Leistungsniveau anpasst. Man möchte also die Adaptierung erreichen.

Dafür aber muss man manchmal die Belastung anpassen – also sein Training an das Feedback des zu trainierenden Systems adaptieren.

So war das auch jetzt, wo ich nach der Erkältung wieder antrainiert habe: nach einem ersten Zehn-Kilometer-Versuch am Dienstag (erfolgreich!) und je einem morgendlichen sowie einem weiteren Zehner in der Mittagspause machte ich eine geplante Pause bis Donnerstagspätnachmittag. Dann allerdings lief ich von der Arbeit nach Hause, mit kurzer Pause für Toilette, Wasser und Gespräch bei einer Verwandten in Forchheim. Die Ansage war, heute morgen wieder zur Arbeit zu laufen. Heute Nacht merkte ich aber: Das wird zu viel!

Statt nun den Plan stur durchzuziehen, passte ich mich an. Mein Körper sagte mir: „Mach‘ mal kurz Pause“, also sitze ich nun im Zug zur Arbeit und werde heute Abend oder Samstagsfrüh wieder laufen. Passt ja auch. Man muss manchmal adaptieren, um zu adaptieren.

Back on Track

Nach einem Aussetzer von mehr als einer Woche wegen der Erkältung geht es nun langsam wieder aufwärts. Ich fühle mich wieder fitter und kann wieder laufen – wie ich das vermisst habe! Jedes Mal, wenn ich während der Erkältung oder in der Zeit, nachdem die Symptome weg, aber die Ansage, ich sollte Ruhe halten, bis meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch sei, jemanden laufen sah, packte mich der Neid.

Das hat schon was von einer Sucht, ich weiß. Es ist allerdings eine Sucht, die meinem Körper über die letzten drei Jahre richtig gut getan hat, mich von meiner chronischen Darmerkrankung zwar nicht geheilt, aber symptomfrei werden lassen hat und auch meine Kopfschmerzen wurden ordentlich zurückgedrängt. Nun war ich wieder laufen, gestern und heute. Die Erholung nach dem Laufen ist noch langsamer, als ich das gerne hätte, aber es geht wieder.

Vermutlich werde ich mich mal mit dem Aspekt, den die Regelmäßigkeit des Sports in mein Leben gebracht hat, befassen müssen – unter dem Aspekt der „Sucht“, den allerdings nur untergeordnet, sondern auch insgesamt, was das für Auswirkungen hatte. Ich habe gemerkt, dass Erkältungssymptome in Ruhe quasi nicht mehr merkbar sind, es sei denn, ich lasse die Erkältung durch Sport, während ich nicht gemerkt hatte, dass ich erkältet war, an die Luft. Ich würde keinen Sport machen, wenn ich nicht symptomfrei bin, schließlich hänge ich an der langfristigen Perspektive der Lauferei (und der langfristigen Perspektive von allem anderen). Auch das ist ein Aspekt des Trainings – auch reagiere ich ruhiger als früher, bin auch sonst robuster. Eine längere Wanderung macht mich nicht fertig.

Wahrscheinlich habe ich einiges an mir verändert, das mir noch gar nicht klar ist. Das Jahr 2019 war mit nur einer kleinen Verletzungspause im Juni quasi durchgehend läuferisch aktiv und erfolgreich. So lang und vehement ausgesetzt wie vergangene Woche habe ich seit langem nicht. Und nun merke ich, dass da einiges ist, das ich zu erfühlen habe, was sich durch das Laufen nachhaltig verändert hat. So sehr ich die Erkältung und die dadurch erzeugte Pause hasse, zugleich war’s vielleicht auch gut, mal den Aussetzer und damit das Anregen zum Nachdenken zu bekommen.