Gezähmt: Der innere Schweinehund

Mein innerer Schweinehund ist derzeit wohl ein ziemlich zahmes Tierchen. Ich mache recht viel Sport, meinen Jahres-Durchschnitts-Zielen bin ich (vom derzeit schwer zu realisierenden Schwimmen abgesehen) weit voraus:

Zielerreichung, Stand 30.03.

Beim Laufen sind’s fast zwei Wochen, die ich meinem Ziel voraus bin, beim (niedrig gesteckten) Skate-Ziel sogar fast zwei Monate. Generell läuft’s gut. Aber aus verschiedenen Gründen habe ich nun, in der letzten Halbwoche des ersten Quartals, mit dem Laufen ein bisschen langsam getan. Am Sonntag war’s „nur“ Halbmarathon-Distanz, gestern und heute bin ich gar nicht gelaufen. Freilich, für morgen sind Intervalle geplant, aber… die letzten Wochen war ich Stand Dienstag meistens schon bei 30 Kilometern.

Eine Ruhewoche manchmal tut einem gut. Das weiß ich, und ich beherzige es seltener, als ich es vielleicht sollte. Allerdings geht es mir gut dabei. Und wie gesagt: Ich bin meinen Zielen voraus, zumindest das Ende des Quartals mal ein bisschen ruhiger anzugehen, das ist durchaus drin. Erst recht, weil man ja über Ostern nicht viel anderes tun können wird als Sport zu treiben… Wahrscheinlich werde ich meinen vierten Marathon für 2021 schon an Ostern erledigen und somit auch den Grundstein für drei oder mehr Marathons oder längere Distanzen im zweiten Quartal legen.

Und dennoch ist da diese kleine Stimme, die in mein Ohr wispert: „Zwei Tage nicht gelaufen? Himmel, Tally, Du lässt es schleifen! Was, wenn das so anhält? Wie schnell verliert man diese prägende Gewohnheit?“

Ich werde wieder laufen, ich verliere nicht die Gewohnheit, und dick und fett werde ich auch nicht, immerhin bin ich gestern wie heute ein erkleckliches Stückchen Rad gefahren und jeweils auch auf Inline-Skates unterwegs gewesen. Aber es ist schon krass, wie sich mein Kopf meldet, wenn mal mehr als ein Lauf-Ruhetag dazwischen ist…

Entertainer

Wie es scheint, ist an mir wohl ein Entertainer verloren gegangen. Freilich liegt das immer im Auge des Betrachters, aber heute hatte ich gewisse Indizien, dass ich eine Geschichte im realen Leben, sofern ich viel Anteil daran nehme, ganz gut erzählen kann.

Heute Mittag hatte ich aus irgendeinem Anlass kurz mit einer Kollegin zu tun, die auch Physik studiert hat, wenn auch mit anderen Fokus als ich. Wir hatten es dann kurz von Physik-Professoren und wie die so drauf sind, dann erzählte ich ihr noch etwas anderes und sie fragte nach. Wie es so kam, verquatschten wir uns: Von meinem Physik-Hauptdiplom in theoretischer Physik kamen wir auf meine (ganz gegensätzlich verlaufene) Hauptdiplomprüfung in experimenteller Physik. Dann kam das Thema auf meine Selbstbelohnung danach (eine abenteuerliche Fahrt mit dem Auto über mautfreie Straßen durch die Schweiz und Frankreich nach Le Bourg d’Oisans, Übernachtungen im Auto, das Bergzeitfahren in l’Alpe d’Huez während der Tour de France 2004) und dann auf Radsport.

Schließlich landeten wir dabei, dass sie fragte, wie Radsport schauen so sei. Also schilderte ich, was mich daran fasziniert – anhand dreier Bergankünfte, die großen Eindruck bei mir hinterlassen haben, durch die Bank aber schon sehr lange her sind:

  • Miguel Indurains Verfolgungsjagd nach Lourdes Hautacam 1994, als er zusammen mit Luc Leblanc alle Spitzengruppen jagte, einholte und hinter Luc Leblanc zweiter in Hautacam wurde.
  • Bjarne Riis‘ Angriff von der Spitze der fünfköpfigen Spitzengruppe, diese schiere Demonstration bloßer Überlegenheit, als vier starke Bergfahrer, die normal sehr wechselschnell fahren können, einem von der Spitze der Gruppe wegradelnden Riis nicht mehr folgen konnten – wieder in Lourdes Hautacam.
  • Jan Ullrichs Zurückfallen zum Teamwagen mit Walter Godefroot, sein lässiges zurückradeln in die zerrupften Reste des Hauptfeldes – und dann seine Attacke, wie er in der Serpentine forciert, wie er Virenque abhängt, die Zweiergruppe um Cédric Vasseur im gelben Trikot stehen lässt.
    Wie er dann den Kopf schüttelt, als er den führenden Ausreißer stehen lässt, höher hinaus stürmt, seinen Trikot-Reißverschluss schließt und sich dann umschaut, ob ihm jemand folgt, doch da ist keiner mehr…

Ich scheine es gut gemacht zu haben. Ich scheine meine Begeisterung, meine Gänsehaut von damals gut transportiert zu haben, denn sie tupfte kurz ihre Augen. Es ist selten, dass jemand die Dramatik, die unglaubliche Spannung und diese Gänsehaut nachfühlen kann, die es in mir weckt, einen Helden an einem Berg eines Straßenradrennens geboren werden zu sehen. Und sei’s nur bis zum nächsten Tag, wenn die anderen ihn deklassieren, oder bis herauskommt, dass er gedopt hat, oder alles zusammen.

Vermutlich kann ich das wirklich nur bei Dingen, von denen ich überzeugt bin, zu denen ich eine emotionale Bindung habe. Aber bei denen scheine ich es zu können – eine Spannung aufzubauen, eine Erzählung zu kreieren, die mitreißt. Das freut mich, denn ich weiß, dass es mir sehr viel bedeutet, diese enorme Begeisterung transportieren zu können. Vielleicht werde ich, wenn ich nun wieder anfange, Radsport zu schauen, neue solche Szenen erleben und den Leuten erzählen… das wäre schon klasse, finde ich.

Zahlen und Analyse – diesmal nicht Sport

Zahlen, Analyse, Statistik und deren Darstellung in Diagrammen sind mein Ding. Das weiß ich selbst, das weiß jeder, der diesen Blog liest. Bisher habt Ihr das vor allem für meinen Sport gesehen – Monatsbilanzen, Projekt „zum Mond“, Wettkampfanalysen und dergleichen.

Da ich aber auch mit Spannungskopfschmerzen und einer chronischen entzündlichen Darmerkrankung geschlagen bin und leider dieses Jahr auch mit psychischer Belastung durch eine Kombination mehrerer Faktoren kämpfe, habe ich mir ein Tagebuch hierfür angelegt. Die Idee resultiert aus dem Trainingstagebuch in Excel und der Frage, ob ich wegen der Kopfschmerzen nicht ein Schmerztagebuch führen wolle. Also habe ich mal angefangen…

Toll geht es mir dieses Jahr nicht, wie man sieht.

Freilich höre ich schon die ersten unken, ich solle die Probleme lösen, statt sie nur zu dokumentieren. Das ist aber gar nicht so einfach voneinander zu trennen. Für mich ist die Aufzeichnung, die Analyse, die Darstellung Teil der Lösung. Wenn ich für mich ehrlich aufschreibe, wann war ich wie krank, was war los und so weiter, dann hilft mir das. Es hilft vor allem dabei, zu erkennen, wo die Ursachen, wo die gerade drängendsten Probleme liegen.

Zu meiner Verblüffung habe ich, vielleicht auch dank des Sports (insbesondere Dehnen und Rückenstärkung in Sachen Kopfschmerz, insbesondere Stressabbau durch Ausdauersport in Sachen Darm) die beiden physischen Aspekte Kopfschmerz und Darmerkrankung trotz unglücklich verlaufenem ersten Jahressechstel ganz gut im Griff. Das freut mich schon deswegen, weil mit einer nicht-ansteckenden, aber für beide belastenden Sache bei meinem Mann, hoher Last auf der Arbeit und der Pandemie mit allen Auswirkungen einiges zusammenkam, das mich psychisch belastet hat. Das gilt es nun in den Griff zu bekommen. Dabei hilft die Vogelperspektive, die ich mit diesen Diagrammen einnehme, aber auch Listendarstellung, mit der man ja vielleicht Korrelationen zwischen verschiedenen Dingen erkennen können wird. Ich bin allerdings noch nicht so weit, die Korrelationssuche zu teilautomatisieren. Vielleicht braucht es das aber auch gar nicht.

Ich will zum Mond!

Seit einer Weile trage ich diese Idee mit mir herum. Ich will zum Mond!

Ist sie nicht ein bisschen alt, um zur Astronautin umzuschulen, fragt Ihr? Ist es nicht ein weiter Schuss, wo schon seit 1972 kein Mensch mehr auf dem Mond war und die bisherigen Planungen für einen erneuten bemannten Mondflug – nun, eher vage sind?

Ja, alles richtig. Der Satz „Ich will zum Mond!“ ist ein wenig metaphorisch zu verstehen, denn ich möchte nicht in einer Raumkapsel zu unserem Erdtrabanten reisen. Was hat das also mit dem Mond zu tun, was ich hier will?

Es ist ganz einfach – oder zumindest fast ganz einfach. Seit einiger Zeit erscheint es mir erreichbar, mit Muskelkraft in absehbarer Zeit die äquivalente Strecke einer Erdumrundung zu erreichen: 40.000 Kilometer. Mit meiner Lauferei habe ich knappe 13.000 Kilometer, dazu kommen inzwischen deutlich über 8.000 Kilometer auf dem Rad. Letztere werden schneller anwachsen, so dass ich realistischerweise irgendwann 2022 mit Rad- und Laufkilometern zusammengenommen den Erdumfang erreichen kann, 2025 wohl an Radfahrkilometern die 40.000 gesammelt haben könnte und bis Ende des Jahrzehnts wohl auch mit reinen Laufkilometern der Erdumrundung nahe kommen werde. Freilich, das sind langfristige Fleiß-Ziele, aber alle erreichbar innerhalb meines aktuellen Lebensjahrzehnts.

Deswegen habe ich mir nun eine neue Distanz gesucht, die ich danach noch anstreben kann: Die Entfernung Erde-Mond. Ich möchte also im übertragenen Sinne mit Muskelkraft zum Mond, also eine Strecke mit dem Rad, auf Laufschuhen, mit Inline-Skates, beim Schwimmen… erreichen, die eben dieser Entfernung entspricht. Nun gibt es nicht „die“ Entfernung Erde-Mond, denn wie die Erde um die Sonne vollführt auch der Mond um die Erde eine Ellipsenbahn. Mit rund 363.300 Kilometern kommt der Mond in seinem Perigäum der Erde am nächsten, maximal entfernt ist er mit 405.500 Kilometern in seinem Apogäum. Als Physikerin könnte ich nun einerseits die mittlere Entfernung wählen, aber ich nehme lieber eine wesentliche Größe der Bahndaten: Die große Halbachse der Bahnellipse. Das sind dann 384.400 Kilometer.

Ich werde mir also irgendwann die Tage all meine Strecken als Summe zusammenführen und mir jeweils anzeigen lassen, welchen Bruchteil des Erdumfangs ich mit einzelnen Aktivitäten und der Summe zurückgelegt habe – und als Gesamtziel, welchen Bruchteil der Entfernung Erde-Mond (große Halbachse) ich bereits hinter mir habe. Das ist dann freilich ein Lebensziel. Mit rund 22.400 Kilometern habe ich seit 2017 zwar bereits eine Menge Strecke absolviert, aber es sind gerade erst etwas mehr als 5% der Distanz zum Mond. Durch das Wiederentdecken der Radlerei ist es nicht ganz so hoffnungslos, wie es in der Extrapolation (1% pro Lebensjahr) erscheint, aber ein Weilchen wird’s schon dauern. Wenn ich aber, wie der Schwiegervater meiner Schwester, bis jenseits der 70 laufe und auch Rad fahre, dann kann es klappen. Und irgendwann kann ich dann vielleicht sagen: Ich habe zwar nicht buchstäblich, aber zumindest im übertragenen Sinne den Mond erreicht. Das wäre doch mal was!

Messfehler und zwei Arten von Ruhe

Weihnachten und der Jahreswechsel waren schön – das kann man nicht anders sagen. Leider habe ich nicht mit all den vielen Leuten mein Wiegenfest am Heiligen Abend verbringen können – und die Besuche zu Silvester waren auch eingeschränkt. Mein Mann und ich haben zwei gute Freunde, die einen Haushalt bilden, über die Festtage hier gehabt, und diese dann über den Jahreswechsel besucht. Es gab noch einen direkten Kontakt mehr, sonst war es das – Corona-konform.

Sportlich allerdings war die Zeit von Weihnachten über den Jahreswechsel suboptimal. Ich wollte nicht dauernd draußen sein, während ich Besuch hatte, die Lauftreff-Möglichkeiten waren auch eingeschränkt, und so lief es irgendwie nicht. Und so waren die wenigen Läufe, die ich nach den Festtagen gemacht habe, von zu hoch gemessenem Puls geprägt, dazu fehlte ein bisschen Dehnung und Training für den Nacken – und prompt hatte ich überhäufig Kopfschmerzen und war auch ansonsten nicht so fit.

Tja, nun hat sich das geklärt: Ruhe vor dem üblichen Stress mit Arbeit und allem drum und dran tut mir gut, Ruhe vor Sport nicht. Der zu hohe Puls lag schlicht daran, dass ich eine schlechte Batterie in meinen Pulsgurt eingebaut hatte – und der somit keine Daten lieferte. Die Laufeffizienz-Daten kamen nur vom RD-Pod. Die Handgelenksmessung des Pulses, das weiß ich schon, ist bei kaltem Wetter nicht so toll bei mir. Somit habe ich leider für mein neu geschaffenes Schmerztagebuch in Excel schon einige Einträge, ein paar Läufe mit absurd schlechter Form (die aber falsch bestimmt ist, wegen der Messfehler) – und weiß eines genau: Ruhe vor der üblichen Jagd des Lebens mit Arbeit und Alltag tut mir gut, Ruhe vor Sport nicht so.

Schade, dass es die freien Tage fast ganz brauchte, bis diese Erkenntnis da war. Aber besser Erkenntnis als keine!

Dunkel, kalt und unsicher

Ich wusste schon lange, dass ich die Kälte nicht mag. Dafür brauchte ich nicht viel zu forschen – ich gehe im Winter raus und merke, es gefällt mir nicht, wenn’s kalt ist. Die Kältetoleranz ist durch Sport auch durch den Winter hindurch besser geworden, aber noch immer mag ich es lieber, wenn die Sonne auf mich scheint und die Temperatur es erlaubt, der Sonne viel Haut zu zeigen – auch beim Sport. 30 °C beim Laufen? Kein Problem für mich!

Das bringt mich zum anderen Punkt. Dunkel! Als Mensch, der in seinen Zwanzigern noch gerne bis Mittag schlief und in den krassesten Zeiten zwei bis drei Mal die Woche bis zum Morgengrauen in Discos mit bevorzugt schwarz gekleideten Menschen tanzte, war ich eigentlich der Ansicht, dass die Dunkelheit mich nicht stört. Tatsächlich gehe ich auch gerne mal bei Dunkelheit spazieren, laufe auch mal im Streulicht der Großstadt ohne Stirnlampe über die Felder, vorausgesetzt ich werde nicht geblendet. In zunehmendem Maße merke ich aber, dass nun, in meinen Vierzigern, mir das frühe Dunkeln im Winter zusetzt. Schon beim Pendeln nach Stuttgart, das den größten Teil meiner Dreißiger einnahm, störte es mich, im Dunkeln aus dem Haus zu gehen und dann im Dunkeln wieder nach Hause zu kommen. Im Auto geht das ja sogar noch besser, aber auf dem Fahrrad macht es gar keinen Spaß. Nun, wo ich wegen der Corona-Pandemie auch einiges an Homeoffice machen darf oder muss – ich empfinde es eher als ein „Dürfen“, wo ich mich nun daran gewöhnt habe – bemühe ich mich, so früh wie möglich zu Arbeiten zu beginnen, um nach dem Feierabend gegen 15:00 oder 15:30 noch ein bis zwei Stunden im Hellen zu haben – für Sport, Spaziergänge, irgendwas.

Zu Kälte und Dunkel kommt dieses Jahr die Unsicherheit. Als Sportlerin mag ich es eh nicht, mich zu erkälten. Rhino-, Grippe- und Coronaviren (nicht nur Sars-CoV-2) treiben sich im Winter ja sowieso überall herum, und ich möchte diesen Mist nicht in meiner Nase, meinen Bronchien, Lungen und erst recht nicht an meinem Herzen haben. Dass ich das nicht möchte, hat sich mit der zunehmenden Bedeutung des Lauf- und nunmehr auch Radsports in meinem Leben verschärft, denn Erkältung heißt Sportverbot, damit der Infekt schnell weggeht und nicht auf’s Herz schlägt, und Herzmuskelentzündung hieße LANGE keinen Sport. Aber das ist ja nicht alles! Da man sich Sars-CoV-2 leichter einfängt als irgendeinen HxNy-Grippevirus und Covid-19 tendenziell mehr Spätfolgen, die einem den Sport verleiden, haben kann, ist das sowieso super-ätzend mit einem solch neuen Erreger auf dem Markt der winterlichen Erkältungsviren. Aber es kommt ja dazu, dass nicht nur ich Sorge vor dem Erreger habe, und nicht nur ich mit allem Recht. Sars-CoV-2 mit seinem Erkrankungsbild Covid-19 mag vielleicht nicht schlimmer sein als die spanische Grippe damals, problematischer als die übliche saisonale Grippe-Epidemie ist es aber definitiv, denn erstens haben bisher nur einige Menschen durch Infektionen mit anderen Corona-Viren eine gewisse Resistenz gegen das Zeug und zweitens sind die Folgen potenziell schwerwiegender und noch nicht voll bekannt. Deswegen finde ich es richtig, dass Gesellschaften, Staaten und Menschen mehr Infektionsschutz als sonst betreiben. Ich finde es auch in normalen Wintern ohne neue, aggressive Influenza-Variante oder neues Coronavirus nicht gut, wenn ein rotnäsig-schniefend-hustender Mensch sich in der Bahn neben mich setzt oder wild in den Zug niest oder hustet. Auch wenn ich es nicht auf meinen Alltag anwenden konnte oder wollte, hatte für mich der Usus fernöstlicher Gesellschaften, mit Mund-Nase-Maske in Zug oder anderweitig die Öffentlichkeit zu gehen, wenn man erkältet ist, einen großen Appeal. Meine Idee war einfach, dann zuhause zu bleiben, um die anderen nicht anzustecken. Mit dem Mix aus schweren und symptomlos-ansteckenden Verläufen verschärft Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 all das und ich bin voll dabei, dass wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten müssen. Vielleicht verabschiedet sich nun endlich auch der letzte davon, dass man sich erkältet, weil man in der Kälte steht oder mit nach dem Sport feuchten Haaren irgendwo sitzt… freilich sind Sport und Kälte Aspekte, die das Immunsystem vorübergehend ein wenig schwächen, während mindestens der Sport es langfristig stärkt. Dieses „Open Window“ für Infektionen aber als den Grund von Erkältungen zu sehen, spricht für eine Haltung, die die allgemeine Verbreitung, die Allgegenwart von Erkältungserregern im Winter als unausweichliche Tatsache akzeptiert. Das ist aber nicht so! Das Kind, das beim gemeinsamen Essengehen über zwei Stunden hinweg unaufhörlich Tisch, Besteck, Geschirr aller Begleiter der Eltern anhustet und anniest ist genauso vermeidbar wie der „heldenhaft“ mit knallroter Nase, Husten und Schnupfen im Büro krächzende Mensch, der sich für unersetzlich hält. Dass man nicht bei jedem kleinen Naselaufen daheim bleiben muss, wenn nicht gerade Sars-CoV-2 oder ein neuer Influenza-Flavour grassiert, ist mir auch klar – als Läuferin läuft mir im Winter durchaus auch mal ohne Infektion die Nase, weil die Schleimhäute in Nase und Augen auf Kälte und starke Temperaturwechsel nunmal mit Sekretion von Schleim reagieren. Feucht-kalte Luft, die angewärmt wird, wird dadurch nunmal in relativer Luftfeuchtigkeit trockener und reizt auch wieder die Schleimhäute. Aber verantwortungsvoll mit dem eigenen Körper und dem Infektionsrisiko der anderen umgehen fängt nicht erst bei Fieber an. Egal, was Kollegen und gegebenenfalls der Arbeitgeber sagen, den schlappen, infektiösen Körper nicht in den ÖPNV und nicht das Büro zu schleppen, ist kein Drückebergertum.

Tja. Ich schweife ab. Unsicherheit war das Thema. Mit einem neuen, auf schnelle Verbreitung sehr gut angepassten Erreger mit verhältnismäßig häufigen schweren Verläufen auf dem Markt ist unsere europäische Haltung zu Infektionsschutz und Drückebergertum gefährlich. An der Stelle ist es sinnvoll, die nicht „aus Vernunft“ heraus von jedem einzelnen ergriffenen Schutzmaßnahmen doch anzuordnen. Das beschränkt natürlich Freiheiten – und das sehen wir gerade. Mich nervt das ebenso wie so ziemlich jeden. Der lange, abschweifende Absatz vor diesem Absatz hier ist jedoch daraus geboren, dass ich mir selbst klar gemacht habe – schon vor Corona – und anderen klar machen will, dass Infektion durch Viren Erkältungen erzeugt und nicht die Kälte – und dass der Infektionsschutz sinnvoll ist. Freilich ist extreme Eindämmung bei eher milden Erregern übertrieben – es beschränkt unsere Freiheit zu sehr, macht die Produktivität kaputt und hindert zudem an der Entwicklung von Immunität gegen genau diesen und von Resistenz gegen ähnliche Erreger. Ist aber ein Erreger mit heftigeren Eigenschaften auf dem Markt, muss man das anpassen. Aber im Gedanken an „Kälte verursacht Erkältung“ und in der Erfahrung, dass die jährliche Grippewelle ja „noch nie so schlimm war, wie das immer aufgebauscht wurde“ sind wir nicht geübt in Infektionsschutz, auch wenn er nötig wäre. Und so lassen wir in Freiheitsdrang, Unwissen und teils der bewusst die Fakten durch Verschwörung ersetzender Kombination daraus den Infektionsschutz auch da zu gering, wo er nötig wäre – und bekommen ihn verordnet, in entsprechend harter Form.

Hier beschränkt dann unser Staat Grundrechte, um ein anderes Grundrecht, nämlich das Recht auf Leben und Unversehrtheit des Körpers (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) zu schützen. Damit greift die Beschränkung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 erster Halbsatz GG) durch den zweiten Halbsatz: „soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Genau da kommt die Unsicherheit auf. Wir alle sind nicht daran gewöhnt, ICH bin nicht daran gewöhnt, dass unsere, meine freie Entfaltung der Persönlichkeit das Leben und die Unversehrtheit anderer gefährdet (bzw. insbesondere im Straßenverkehr sind wir zu sehr dran gewöhnt, dass wir’s nicht mehr sehen). Und so entstehen „plötzliche“ Einschränkungen, und je weniger Leute es einsehen, dass an dieser Stelle die Beschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, die im SELBEN Artikel des Grundgesetzes festgelegt ist, desto härter und unvorhersehbarer werden diese Einschränkungen.

Das Ergebnis ist eine Unsicherheit, die zusätzlich zu Kälte und Dunkelheit in diesem Winter auf meiner Seele liegt. Es gesellt sich in meinem Fall in diesem Jahr noch eine gewisse Unsicherheit in anderen Bereichen dazu – mit neuer Chefin, neuen Aufgaben und neuen Kollegen ist die Abstimmung der Gruppe noch nicht final, und wo durch den Corona-Winter Sicherheiten wegbrechen, sind zusätzliche Unsicherheiten für mein sprödes Nervenkostüm Gift.

Dunkel, kalt, unsicher. Keine gute Kombination, um froh, gesund, produktiv und kreativ zu sein. Ich musste mir das mal von der Seele schreiben.

Mit leichter Sorge

Meine neue Espresso-Maschine – eine Graef Baronessa.

Kennt Ihr das? Ihr habt Euch einen Wunsch erfüllt, etwas Neues besorgt, das schon lange auf Eurer Agenda stand. Nun ist es da und aufgestellt – und irgendwie steht man davor und fragt sich: Kann ich überhaupt damit umgehen?

Bisher hatte ich eine recht günstige Espresso-Maschine, simpel und mit wenigen Einstellmöglichkeiten, ein eher kleines Gerät von De Longhi. Schon seit längerer Zeit stand auf meiner Agenda, für die zwei verschiedenen Sorten Espresso-Bohnen, die ich immer vorrätig habe, auch zwei Mühlen zu haben, so dass ich nicht jeweils bei Bohnenwechsel einen Übergang habe, beide direkt nacheinander ohne Mischen brühen und vergleichen kann. Ich kaufte mir eine Kaffeemühle, und zwar die, die Ihr halb verdeckt hinter der Baronessa seht. Daneben sah die alte Kaffeemaschine und die alte Kaffeemühle so klein – ja, fast schäbig aus, dass ich Nägel mit Köpfen machen wollte.

Nun steht hier die Baroness in meiner Küche, aufgebaut, ausgespült, einmal aufgeheizt und Wasser durchgelassen habe ich. Für einen Espresso war’s mir nun doch zu spät heute. Das Handbuch habe ich zumindest schonmal gelesen, was Einstellmöglichkeiten und Bedienung angeht. Sicher werde ich noch das eine oder andere Mal nachlesen müssen, aber jetzt heißt es erstmal:

Learning by doing.

Etwas unbedingt gewollt zu haben und nun noch nicht zu wissen, wie gut ich damit klar komme, oder eher zu wissen, dass ich es erst lernen muss, erfüllt mich immer mit leichter Sorge. Daher auch der Titel dieses Beitrags.

Sporty Spice

Eine Freundin und eine Kollegin bezeichnen mich – unabhängig voneinander – als Rennmaus. Ein wenig befremdlich war das anfangs schon, denn wenn ich mich mit einem Tier identifiziere, ist es eher eine Katze. Nun, die Rennmaus bin ich also. Anhand meiner Laufleistungen dieses Jahr meinte eine andere Freundin, ich mutierte von der Rennmaus zum Road Runner.

Miep-Miep!

Nun fügt sich für jemand anderen wohl die Kombination aus dem Rennrad, mit dem ich stets zur Arbeit radle und das ich aus Sorge, dass der Carbon-Rahmen im engen Fahrradkeller unsachgemäß behandelt wird, mit hoch ins Büro trage, meiner Lauferei und meinem Kleidungsstil zu einem anderen Spitznamen zusammen. Mit Rennrad, Lauferei und dem Hineinkombinieren von Sportkleidung in meine Alltagskleidung beschwöre ich das wohl herauf.

Und so bin ich bei unserer Juristin nun „Sporty Spice“. In den Neunzigern konnte ich zwar eigentlich mehr mit Mel B anfangen, so in Sachen „mit welchem Spice Girl identifizierst du dich?“. Inzwischen aber muss ich sagen, dass mit dem Einfluss, den Sport auf meinen Lebensstil hat, Sporty Spice mein Ding ist – wenn auch nicht unbedingt genau in der Form wie bei Melanie Chisholm. Einen Flicflac – nee, kriege ich nicht hin, ich bin eher die Ausdauersportlerin – auch wenn ich zumindest die kleidungstechnische Eleganz der eleganteren Sportarten auf mich anwenden kann, so bin ich doch beim Ballett, Eiskunstlaufen und Turnen nur Zuschauerin.

Also neben der Rennmaus nun auch Sporty Spice.

Find ich gut!

Ziele

Inspiriert von diesem Beitrag auf laufzeile.de habe ich mich mal mit Zielen beschäftigt. Denn ein Ziel kann so vieles sein… 

Ich habe mich dann gedanklich mal darauf eingelassen, was ein Ziel überhaupt ist, und bin dabei auf den Punkt gekommen, dass Ziele verschiedenen Kategorien angehören, die man als solche benennen kann. Diese können dann helfen zu verstehen, wie man das Ziel angehen sollte. Folgende Aspekte sind mir dabei eingefallen: 

  1. Motivation:
    Der Fokus liegt hierbei darauf, warum ich etwas tue und warum ich etwas erreichen will bzw. was ich damit genau erreichen will. Beim Laufen gibt es da eine Menge verschiedene Möglichkeiten. 

    1.a. Gesundheits-Aspekte: Ich möchte verhindern, dass ich krank werde, und mich so über das Laufen fithalten. Vielleicht möchte ich auch ganz konkret meinen Rücken entspannen, um weniger Kopfschmerzen zu haben, oder Stress (und damit Stresshormone) abbauen, um meine chronisch entzündliche Darmerkrankung in den Griff zu kriegen. Das waren nun von meiner Situation inspirierte Ziele. Bei anderen geht’s vielleicht darum, Fettpolster abzubauen, um einen niedrigeren Cholesterinspiegel zu haben, Herzerkrankungen vorzubeugen, Gelenke wieder beweglich zu bekommen… 

    1.b. Andere Selbstverbesserungs-Aspekte: Ich möchte schlanker oder hübscher aussehen und laufe daher, um Fett zu verbrennen oder einen knackigeren Hintern zu bekommen (auch wenn da Krafttraining sicher besser geeignet ist), oder ich möchte den antrainierten Muskel-Sixpack am Bauch von seiner Unterhaut-Fettgewebe-Polsterverpackung befreien (wofür Laufen wieder ganz gut funktioniert). Eventuell möchte ich auch den Alltag besser bewältigen und mir dafür Kondition anlaufen – vielleicht auch besser schlafen. 

    1.c. Wettkampf-Aspekte: Ich möchte eine gewisse Strecke laufen können, oder eine gewisse Strecke schneller als eine bestimmte Zeit bewältigen. Eventuell möchte ich auch Siege erlaufen oder einen bestimmten Konkurrenten schlagen. Mir persönlich sind die Wettrennen gegen mich und meine Ziele wie auch die Vorbereitung darauf sympathischer und letztlich haben sie mich über die Zeit auch mehr motiviert. Wer genau auch beim nächsten Wettlauf sein wird und ob man dann dort siegen kann oder nicht, hängt ja auch vom anderen ab. 

    1.d. Freude am Laufen: Spricht wohl für sich selbst, ist aber auch die Erreichung in sich selbst.

    Dieser ganze Block 1 bildet Ziele orientiert an der dahinterstehenden Motivation ab. Da wir für vieles erstmal die Motivation, gegebenenfalls (insbesondere im wettkampforientierten Bereich) sogar eine Menge Hingabe brauchen, ist die Frage, warum wir uns ein Ziel setzen, durchaus eine bedeutende. Insbesondere bei ambitionierten Zielen kann es eine Menge Hingabe sein, die gefordert ist…
  2. Ambition:
    Wie schwierig ist das Ziel zu erreichen? Das hängt natürlich auch von der Ausgangsposition ab. Sehr schwer zu erreichende Ziele brauchen eine stärkere Motivation, mehr Hingabe, als einfach zu erreichende. Oftmals ist es hilfreich, ein realistisches Ziel zu formulieren – was ich ganz einfach erreiche, ist eigentlich kaum ein Ziel, das mir Fokus und Richtung gibt, was unmöglich zu erreichen erscheint, demotiviert mich eher. Ein Weg, den ich für mich als überaus sinnvoll und hilfreich erlebt habe, ist es, Ziele abzustufen. Man kennt das zum Beispiel vom Crowdfunding: Es gibt das Mindestziel und Stretch-Goals, eventuell sehr verschiedene Stretch-Goals. Das Konzept ist auf vieles anwendbar: Laufe ich, um abzunehmen, so kann ich mir als Mindestziel definieren, die über den Grundumsatz hinaus vertilgten Kalorien per Ausdauersport wieder rauszuhauen, als Soll, ein bestimmtes Kaloriendefizit für den Tag zu bestimmen und als Stretch-Goal ein höheres Defizit ansetzen. Auch beim Erreichen von bestimmten Wettkampfzeiten kann ich mir Stufen definieren: „Mindestens will ich die 44 Minuten unterbieten – unter 42 Minuten beim Zehner-Wettkampf wären das Soll, wenn’s gar unter 41 geht, dann muss das aber gefeiert werden!“ Gerade diese Ambitionsabstufung hat mir oft sehr geholfen, nicht ganz den Fokus zu verlieren, wenn es mal nicht so lief. 
  3. Dimension:
    Wie groß ist das Ziel eigentlich? Es kann ein kurzfristiges Ziel sein – eine gewisse Zahl von Kilometern in der Woche oder gar nur am Tag. Dann kann es ein mehrwöchiger Trainingsplan sein, eine Anzahl von Intervalltrainings in einem gewissen Zeitraum, so und so viele Kilometer im Jahr – oder gar ein langfristiges Ziel wie einen Ultramarathon oder beispielsweise den Marathon unter drei Stunden zu laufen.

Die Motivation gibt mir oft die Idee, wie ich andere Ziele organisiere. Geht es mir um die Regelmäßigkeit beim Laufen, um als Basisziel regelmäßig unterwegs zu sein und damit – „Soll“ – meine Kopfschmerzen vorbeugend einzudämmen, und als „Stretch-Goal“ akut bei Ansätzen zu Verspannung morgens nicht liegen zu bleiben, sondern aufzustehen und den beginnenden Schmerz wegzulaufen? Da geht es nicht um die großen Bögen. Hier wähle ich einen Bottom-Up-Ansatz: Jeden Tag ein bisschen laufen, und wenn’s nur ein bisschen ist. Kein komplexes Ding. Das große Ziel fügt sich aus vielen, kleine, gleichartigen Zielen zusammen.

Geht es mir um den Marathon in drei Stunden, dann werde ich mir einen Plan schreiben. Das Ziel erfordert, Stück für Stück aufzubauen – mein großes Ziel wird zerlegt in eine Steigerung, bestehend aus mittelfristigen Wochen- oder Vierwochenzielen, die wiederum aus kleinen Stücken bestehen, also Top-Down.

Egal wie, es hilft auf jeden Fall, sich klar zu machen, warum man etwas will – dann kann man es besser in Ziele, Teilziele, Mindest-, Teil- und Vollerfolgsanforderungen zerlegen und so über Klärung von Motivation und Ambition mit der Berücksichtigung des Realismus mittels angemessenem Verfahren (meist Top-Down oder Bottom-Up) sein großes Ziel in viele Kleine zerlegen (Trainingsplan) oder das große Ziel aus dem immer wiederholten kleinen (Gewohnheit) aufbauen. Und vielleicht, vielleicht, greift ja auch beides plötzlich mit Synergie ineinander!