Angelaufen: Altra Vanish Carbon

Derzeit ist ja sehr viel von Dekarbonisierung der Wirtschaft die Rede. Die Laufszene dagegen erlebt eine massive Karbonisierung… seit Eliud Kipchoge auf dem Nike VaporFly mit seiner Carbon-Platte in Wien unter zwei Stunden auf Marathondistanz gelaufen ist, werden Carbon-Schuhe fleißig diskutiert, durchaus auch mal kontrovers. Zuerst hatte nur Nike die neue Technologie, es war von Schuh-Doping und Verboten die Rede. Dann übernahmen andere Hersteller die Technologie und inzwischen wird sehr viel Carbon gelaufen.

Als Läuferin, die eher auf dem Natural-Running-Trip ist, habe ich den Carbon-Trend zunächst mit Misstrauen beäugt. Schuhe mit Sprengung, steifer Sohle, viel Dämpfung verschwanden über die Jahre zunehmend aus meinem Schuhregal… ich bin eigentlich noch in einer Entwicklung begriffen, an deren Ende ein Schuhregal hätte stehen können, das Barfußschuhe (in erster Linie Vibram FiveFingers verschiedener Ausprägung) und Null-Sprengungs-Laufschuhe mit großzügiger Zehenbox – Altra Escalante, Altra Escalante Racer und Altra Lone Peak enthält und sonst nichts. Der einzige verbliebene „Fremdkörper“ war ein Mizuno WaveShadow, den ich für schnelle Trainings und kurze Wettkampfdistanzen nutze. Kurz: Ich laufe auf dem Vorfuß, komme auf der Außenseite des Fußballens auf, rolle nach vorne und zur Mitte hin ab und stoße mich mit dem Wade-Achillessehne-Plantar-Faszie-System wieder über die Großzehe kraftvoll nach vorne ab.

Und dann kommt Altra und baut mit dem Vanish Carbon einen Null-Sprengungs- und Altra-Zehenbox-Carbon-Schuh. Ein wenig irritiert nahm ich zur Kenntnis, dass manche den Schuh schon zu haben schienen, an anderer Stelle aber noch nichts ausreichend Konkretes darüber bekannt war. Der Start stellte sich für mich etwas verstolpert dar. Also lief ich vom Büro aus zum Laufladen meines Vertrauens, dem rennwerk Karlsruhe, und fragte einfach mal dreist: „Altra hat ja einen Carbon-Schuh… hört man was über den?“ Petar grinste und meinte: „Hab‘ ihn da, willst’n probieren?“ Tja… eine halbe Stunde später verließ ich mit breitem Grinsen und einem Paar Schuhe in der Hand den Laden. Aber genug der Vorrede, dann springen wir mal rein…

Erste Erfahrungen mit dem Altra Vanish Carbon

Meine ersten Versuche mit dem Altra Vanish Carbon fanden direkt vor dem rennwerk statt. Ich zog das Pärchen an und rannte vor dem Laden auf und ab. Schon da merkte ich, da steckt Dampf dahinter. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, zog ich einen Escalante und einen Vanish Carbon an und lief nochmal hin und her. Abgesehen von der unterschiedlichen Sohlendicke – bei all der Carbon- und Zwischensohlen-Technik, die in der EGO Pro Sohle steckt, ist der Vanish Carbon natürlich dicker als der Escalante – war auch der deutlich stärkere Abdruck und ein bisschen das nach vorne kippen spürbar. Dieses „nach vorne kippen“, das ich bei einem Testlauf mit dem Saucony Endorphin Pro beim rennwerk vor einiger Zeit schonmal als „Bevormundung“ beschrieb, ist für mich beim Vanish Carbon aber lange nicht so stark ausgeprägt wie beim Endorphin Pro.

Um etwas mehr sagen zu können, lief ich meine Tempotreppe am Tag nach dem Kauf auf den Vanish Carbons. Angesagt waren ein Kilometer einlaufen und dann vier, drei und zwei Kilometer im Halbmarathon-Renntempo, danach jeweils hundert Meter gehen und neunhundert Meter traben, schließlich noch ein guter Kilometer auslaufen. Ich trug dabei meinen Stryd Footpod und auch meinen Garmin Running Dynamics Pod, um einen Zugang zu eventuellen Veränderungen zu finden, die sich ergeben.

Aber zunächst einmal zum Gefühl, das sich da ergab: Ich musste noch einmal an der Schnürung arbeiten, weil der Halt recht wichtig ist, gleichzeitig aber für diesen zusätzlichen Halt die Zehenbox nicht ganz so großzügig ausfällt wie sonst bei Altra. Vor allem eine gleichmäßige Schnürung spielt eine große Rolle, Festigkeit ist oben auf dem Mittelfuß wichtiger als in Richtung der Zehen. Der kleine Wulst in dem äußerst leichten und dünnen, aber robusten Material an der Ferse hilft, mit der Ferse nicht nach oben aus dem Schuh zu rutschen und hält einen fest im Schuh. Insbesondere der Abdruck ist überaus stark, da merkt man, wie viel Dampf dahinter steckt, dass der Schuh durch die Carbon-Platte und das somit versteifte Zehengelenk den Hebel um einige Zentimeter verlängert. Das System aus Fuß, Achillessehne und Wadenmuskulatur bringt die beim Auftreten hineingespeicherte Energie wesentlich effizienter wieder auf die Straße als auf anderen Schuhen – eben wegen des größeren Hebels.

Um meine direkten und wenig überlegten Worte zu verwenden: Der Abdruck ist sexy!

Mein Testlauf (Tempotreppe abwärts nach Greif) mit den Altra Vanish Carbons in Laufleistung (grau, Stryd-Messung), Pace und Herzfrequenz.
Testlauf in Schrittfrequenz und Schrittlänge.

Sehr deutlich fällt mir ins Auge, dass die Schrittlänge gegenüber anderen Schuhen hochgegangen ist. 130 Zentimeter sind bei mir sonst eher selten, hier kam das ganz automatisch. Der hauptsächliche Tempogewinn für mich passiert über längere Schritte bei gleicher Schrittfrequenz, weil einfach die Kraft beim Abdruck, der Vortrieb größer ist. Natürlich setzt das voraus, dass die Achillessehne, der Fuß und vor allem die Wade an Vorfußlauf gewöhnt sind, vom Training für die Belastung vorbereitet sind und auch die nötige Kraft haben. Ohne diese Kraft bringt auch der längere Hebel wenig, mit dieser Kraft würde ich sagen, dass ich einige Sekunden pro Kilometer allein an der stärkeren Mechanik gewinne. Durch das starke, mächtige Gefühl und den Rausch, den das erzeugt, wird’s noch ein bisschen mehr Tempo, das dann aber halt auch in zusätzlicher Belastung, zusätzlichem Ausdaueraufwand resultiert, so dass ich nicht weiß, ob ich das über ganz lange Distanzen halten könnte. Alles in allem würde ich einschätzen, bei meinen ca. 4:10/km Halbmarathon-Renntempo in der Größenordnung um die zehn Sekunden pro Kilometer gewinne. Und das ist eine MENGE!

Das hat seinen Preis. Nicht nur, dass Carbon-Schuhe (überall, so auch bei Altra) nicht ganz günstig sind: Der Vanish Carbon kostet nach Liste 250 Euro. Die Sohle ist, um all diese Kraft auf die Straße zu bringen, eher weich und griffig, was sich auch in der Abnutzung zeigt. Der vielleicht entscheidendste Preis lässt sich aber nicht in Euros oder verringerter Laufleistung in Kilometern beim Schuh beziffern – er betrifft den Bewegungsapparat der Läuferin oder des Läufers. Der Zug auf der Achillessehne und die Kraft, die die Waden aufbringen müssen, auch die plötzlichen Zugbelastungen bei Aufkommen und Abdrücken durch den längeren Hebel sind spürbar größer. Meine Waden haben schon lange nicht mehr so gezogen wie nach dem Vanish Carbon Testlauf. Auf längeren Distanzen würden sich vermutlich auch die Gewölbe des Fußes und die Achillessehne melden. Da man diese Systeme weder mit Geld noch mit Laufleistung reparieren kann, ist das vielleicht der stärkste begrenzende Faktor für den Einsatz von Carbon-Schuhen im Allgemeinen und dem Vanish Carbon im Speziellen.

Kurz gefasst als Fazit: Der Vanish Carbon bringt die Verlängerung des Hebels durch die Carbon-Platten-Versteifung des Großzehengelenks mit einer Altra-typisch großzügigen Zehenbox und ohne die übliche recht große Sprengung bei solchen Schuhen. Der „Kipppunkt“ im Bereich knapp vor dem Zehengelenk, der ein recht abruptes Abrollen in den Vorfuß-Absprung erzwingt, ist weit weniger ausgeprägt als bei anderen Carbon-Schuhen, die ich mal anhatte – man muss und DARF das vorfüßige Laufen selbst umsetzen, was für mich einen Mehrwert darstellt. Die Belastung des Bewegungsapparat steigt im Verhältnis zu nicht-Carbon-Schuhen stark an, die Abnutzung der Sohle ist auch spürbar schneller als bei anderen Schuhen. Im Endeffekt ist es ein reiner Wettkampfschuh für die kürzeren der Langdistanzen, und ob man einen Marathon drauf laufen möchte, sollte man auf Unterdistanzen gut testen und eventuell je nach Ergebnis auch lieber unterlassen.

Bei allen Mahnungen und Warnungen die hier heraus sprechen, muss ich aber ganz klar sagen: Der Schuh ist vom Laufgefühl und Tempo her nur in Superlativen und Vulgärsprache zu beschreiben. Es wird nicht mein letzter Vanish Carbon sein, da bin ich mir sicher – ein Hammerteil!

Die Grundversorgung sicherstellen

Derzeit hat – wie kaum anders zu erwarten – das rennwerk zu. Die Filiale in Karlsruhe mit Petar und Mario ist ja der Laufladen, den ich nach Mittagspausenläufen gerne mal auf einen Plausch und wann immer ich neue Schuhe brauche, besuche. Allerdings steht insbesondere bei meinen Vibram Fivefingers ein Generationenübergang an. Außerdem will ich, dass das rennwerk die Zu-Phase überleben kann. Zum Glück haben sie mit dem Shop4Runners auch ein Angebot, wie man außerhalb des Ladens zu deren Schuhen kommt.

Normalerweise kommt das für mich nicht in Frage. Warum nicht? Ich möchte die kompetente Beratung, das Probieren von Alternativen zu meinen vielfach eingefahrenen Wegen und den netten Plausch nicht missen, auch die Begegnungen mit anderen Läufern im Laden – egal, ob die oder ich Schuhe kaufen – ist mir wichtig. Aber im Moment geht es nicht. Also habe ich meine Gutscheine hier liegen gelassen, um sie später mal einzulösen, und online beim Shop für Läufer des Rennwerks bestellt. Es war natürlich nur die Grundversorgung – Altra Escalante, fünftes Paar und Vibram FiveFingers V-Run, drittes Paar.

Ein Drei-Generationen-Gruppenbild: Altra Escalante, Paare Nummern 3, 4 und 5, Vibram FiveFingers V-Run Paare Nummern 2 und 3.

Das jeweils vorderste, teilweise umgedrehte Paar ist gerade im Straßeneinsatz. Man sieht’s den FiveFingers an, dass sie bald durch sind – die schwarze und die gelbe Schicht sind schon durch, das Innenmaterial der Sohle liegt an einer Stelle frei. Das laufe ich noch durch, dann haben sie ihre Schuldigkeit getan.

Die grünen Escalantes (ich hatte vorher schon so ein Paar) sind gerade im Straßeneinsatz und wohl schon über die Hälfte ihrer Lebensdauer belaufen, die blauen Escalante 1.5 belaufe ich gerade indoor auf dem Laufband und habe sie im Fitnessstudio an. Sobald die grünen durch sind, kommen die blauen auf die Straße. Indoor, im Fitnessstudio und in Reserve rücken dann meine fünften, die gelbgrünen Escalante 2.0 nach.

Ein wenig fasziniert realisiere ich, dass ich tatsächlich meine Vorfuß-Lauferei deutlich sehen kann: Aufkommzone an der Außenkante des Vorfußes, Abdruck über die große Zehe. Insbesondere der Abnutzung auf der großen Zehe bin ich mir gerade erst so richtig bewusst geworden, wo ich das Schwarze bei den Altra Escalante und das gelbe bei den V-Runs durchschimmern sehe.

Dass ich auf diesen Schuhmodellen 50% meiner Laufkilometer bestreite, rechtfertigt durchaus, immer ein Modell in Reserve und eventuell sogar eines im Halleneinsatz auf Wartestellung zwischen Reserve und Straßeneinsatz zu haben.

Gewonnene Schuhe

Meine neuen Trail-Sauconys stehen auf meinen alten, ziemlich am Ende ihres Lebenszyklus befindlichen Saucony RideIso.

Beim Regio Cup gab es für mich einen Schuhgutschein – ein kostenloses Paar Saucony Laufschuhe. Eigentlich wollte ich die Saucony RideIso ersatzlos streichen, aber in den letzten Wochen, vor allem nach dem Marathon, kam ich davon ab. Zudem hatte ich mich bei der Wanderung im Murgtal aus Mangel an Profil unter meinen Schuhen mal auf den Hintern gesetzt.

Also ging ich sofort drauf ein, als Petar vom Rennwerk mir statt des Ersatzes der alten RideIso durch neue RideIso die oben gezeigten, wasserfesten, trail-profilierten Schuhe hinstellte. Sobald die alten Sauconys „fertig“ sind, werden dann wohl im Winter gerne die neuen Trail-Schuhe benutzt. Beim Probelaufen auf einem vom eigenen Laufen gesteuerten Laufband beim Rennwerk und einem Spaziergang durch den Schlossgarten danach fühlten sich die neuen Schuhe schon angenehmer an als die alten – es könnte doch etwas werden – oder bleiben, mit mir und Saucony. Die gezeigten Peregrine 8 Ice jedenfalls mag ich gerne! Das ändert nichts an meiner gestählten Liebe zu den Altra Escalante und der neuen Liebe zu den Mizuno WaveShadows sowie meiner innigen Beziehung zu meinen FiveFingers … aber … wie gesagt: Es könnte auch etwas bleiben mit mir und Saucony, so wie sich das anfühlt. Nur die Kinvara 9, die waren ein tolles Experiment, aber die WaveShadows sind mir lieber.

Dampf im Schritt

Uff! Das ist eine Überschrift, nicht?

Noch besser: es war ein Mann, der mir sagte, ich hätte Dampf im Schritt. Genaugenommen sagte er, es (das ich gleich näher definieren werde) sei kein Wunder, da ich so viel Dampf im Schritt habe.

Ihr werde es kaum glauben: Die Unterhaltung war völlig unschuldig und harmlos! Es ging nämlich um die mittlerweile schon recht deutlichen Abnutzungserscheinungen an meinen Saucony RideIso. Die sehen an der Spitze und an der vorderen Außenkante schon recht zerkaut auf – was daran liegt, dass ich als Vorfußläuferin auf der vorderen Schuh-Außenkante aufkomme, auf die Spitze abrolle und dann abstoße – und das mit Schmackes. Eben mit „Dampf im Schritt“. Genau das meinte Mario vom Rennwerk auch, und erst, als ich die Szene jemandem (meinem Mann) erzählte, wurde mir die mögliche zweite Bedeutung klar –

Und dann fand ich es nicht nur schmeichelhaft, sondern auch sehr lustig.

Die Lehre

Ich hatte mich ja gestern am Fuß verletzt. Daraus habe ich mehrere Lehren gezogen, die ich heute, wo es schon wieder besser wird, recht klar sehe:

  1. Feldwege sind kein Asphalt. Klingt banal – aber sollte sich im Schuhwerk niederschlagen.
  2. Ich bin eher keine Trailrunnerin, sondern auf Straße und Bahn ausgelegt. Ich sollte nicht so tun, als wäre ich es – und auf unebenem, schrägem Untergrund hinreichend vorsichtig laufen.
  3. Mein Laufstil, der vor allem auf dem Vorfuß aufkommt und von ihm wieder abspringt, benutzt intensiv die Muskeln, Sehnen und Knochen des Fußes, insbesondere des Gewölbes.

Und so freue ich mich, dass bereits gestern Abend das Humpeln weniger wurde, mein linkes Fußgewölbe wieder zunehmend tragfähig wird, ohne wehzutun. Mit dem ganzen Gewicht drauf ist es immer noch am schmerzen – deswegen habe ich das Laufen heute unterlassen. Morgen früh schaue ich mal wieder in mich hinein und gucke, ob ich zum Lauftreff gehe – die zwei Mal siebzehn Kilometer am Freitag und die dreißig Kilometer, die ich für Sonntag geplant habe, sind aber definitiv passé.

Ich habe allerdings das Gefühl, dass ich eine solche Verletzung schon einmal hatte – ich kann nicht sagen, ob links oder rechts, aber das Gefühl kommt mir bekannt vor. Es ist so ein Gefühl, wie man es manchmal bei Verspannungen hat – man müsste nur ein bisschen stärker anspannen oder dehnen, dann knackt’s und ist besser. Das werde ich aber nicht ausprobieren, da ich mir sicher bin, damit etwas kaputt zu machen. Auch letztes Mal, wenn ich die indifferenten, dumpfen Erinnerungen deute, ging’s recht schnell mit der Genesung, danach kam ich recht schnell wieder ans Laufen. Für die Zukunft gilt allerdings: Wenn ich Feldwege laufe, brauche ich definitiv weniger direkte, besser gedämpfte, mehr stützende Schuhe als den superschnellen Kinvara 9. Mit den Escalantes, dem RideIso oder einem Mizuno WaveRider wäre das vermutlich nicht passiert. Außerdem ist es besser, ein bisschen die harten Halme und Zweige auf der geraden Trekker-Rad-Spur gegen die nackten Schienbeine zu bekommen, als sich auf der schrägen, halm- und zweigfreien anderen Trekker-Rad-Spur den Fuß zu vertreten.

Ganz am Ende des Tages ist aber auch noch eine Erkenntnis: Es ist für mich und für mein Umfeld ein Segen, dass ich recht robust bin gegen Laufverletzungen. Warum? Ganz einfach: Ich merke schon jetzt, wie ich unleidlich werde. Ich würde vermutlich die Wände hochgehen und mein gesamtes Umfeld unglaublich stressen, wenn ich länger nicht laufen könnte. Jetzt dürft Ihr gerne mit dem Schlagwort „Sucht“ kommen – allerdings behaupte ich, dass rein von der Biologie des Menschen das regelmäßige Laufen dem Bedürfnis nach Essen näher kommt als einer Sucht nach Alkohol oder Nikotin, zum Beispiel.

Killer Queen

Ich brauche kein Schießpulver, kein Dynamit und keinen Laserstrahl.

Von oben sehen sie noch nicht so fertig aus, meine zweiten Escalantes, hier im Bild mit den dritten.

Ich mache Dinge mit Ausdauer kaputt – zumindest Schuhe. Mein zweites Paar Altra Escalante zeigte gestern morgen schon leichte Anzeichen von … Degeneration. Etwa 1100 bis 1200 Kilometer haben die Freunde nun. Sie haben mich über fast ein Jahr getragen – am 09.06.2018 habe ich die alten, blauen der ersten Generation ausgemustert. Die sahen damals aber noch viel besser aus als die zweite Generation jetzt:

Unverkennbar, welches das belaufene Paar ist …

900 Kilometer habe ich dem ersten Paar Escalantes zugemutet. Dem zweiten habe ich es mit über 1100 Kilometern dreckig gegeben. Dementsprechend sehen sie auch aus. Gestern habe ich sie ausgemustert.

Von unten ist die Vernichtung an meinen abgeliebten Escalantes fast noch weniger beeindruckend als von der Seite.

Die Aufkommzone an der Außenkante, die Abdruckzone an der Spitze, viel ist jeweils nicht übrig. Am linken Schuh habe ich die Verbindung zwischen Sohle und Obermaterial auf drei Zentimetern Länge aufgerissen, auf der Fußspitze ist der Schuh an einer Stelle von innen aufgeschabt. Zwischen den grünen Segmenten wird die Sohle allmählich instabil, quietscht leicht, wenn ich sie beim Gehen stauche. Hinten sehen sie bei mir als Vorfußläuferin natürlich noch deutlich besser aus als vorne. Nichtsdestotrotz: sie sind fertig. Elf- bis zwölfhundert Kilometer intensivstes Training und einige Wettkämpfe sind durchaus ein Alter, in dem Laufschuhe die Flügel strecken dürfen. Getragen haben sie mich zu neuen Bestleistungen über 12 Kilometer (Campus Run Uni Stuttgart 2018, Köhlbrandbrückenlauf 2018), 10 Kilometer (Stadtwerkelauf Karlsruhe 2018, Neureuter Volkslauf 2019), 15 Kilometer (Winterlaufserie Rheinzabern 2018/2019, Rißnertlauf 2019) und Halbmarathon (Dämmermarathon 2019) und meinen ersten Marathon (Baden-Marathon 2018). Zweite Plätze haben sie mir öfter beschert – dreimal insgesamt, mehrfach in der Altersklasse.

Bye, bye, Escalantes, es lebe Escalante: The Next Generation!

Angelaufen, eingelaufen: Saucony RideIso

Und weiter geht die Gear-Woche!

Der Saucony RideIso war einer von zwei Schuhen, die in der engeren Auswahl waren, als ich meinen Mizuno WaveRider ersetzte. Die WaveRiders haben mich eine ganze Weile begleitet – und ich wollte einen angenehmen, komfortablen Schuh, in dem ich mir keine Gedanken machen muss. Petar vom rennwerk stellte mir (neben einigen anderen) den Mizuno WaveShadow und den Saucony RideIso hin. Zu den WaveShadows könnte es in einem halben Jahr was hier geben, die habe ich mir bestellen lassen. Im Moment des Kaufes „damals“, letzten Herbst, waren aber die RideIso meine Wahl – und sie haben sich bewährt. Einige hundert Kilometer sind schon drauf.

Meine Saucony RideIso.

Mein Schuh und ich
Der RideIso ist nicht so ein spezieller, aktivierender Null-Sprengungs-Schuh wie der Altra Escalante und auch nicht so ein recht hartes, leichtes Wettkampfmaterial wie der Kinvara 9. Nein, es ist ein Schuh zum Wohlfühlen, das Laufschuh-Äquivalent einer weichen Bettdecke auf dem Sofa, zumindest für mich. Ich falle auf die Ferse runter – kein Problem. Ich tänzle auf den Ballen – geht auch. Ich experimentiere mit Stil oder irgendwas – ebenfalls in Ordnung. Gerade, wenn ich mit Rucksack unterwegs bin und ein bisschen mehr Zeug drin ist, laufe ich am liebsten den RideIso, weil das Zusatzgewicht auf dem Rücken den Zusatzkomfort am Fuß haben will.

Nochmal der RideIso.

Saucony RideIso und Laufstil
„Lauf doch, wie Du willst!“, das sagt der RideIso zu mir. Die Sprengung ist klein genug, um mein „leichtfüßiges Getänzel“, wie Lauftrefffreunde es nennen, auch mal mit schweren Beinen durchzuziehen, aber die Dämpfung erlaubt auch, mal schnell und hart über die Ferse zu laufen. Stabilität ist auch genug vorhanden, insbesondere wohl durch die Form der „Zunge“ und der Schnürung. Man kann mit dem Stil rumspielen – ein Allrounder. Nur so richtig schnell ist er nicht, und die Richtungswechselspritzigkeit, die ich beim Kinvara 9 so genieße, ist auch nicht da. Dafür verzeiht der Schuh ziemlich viel, was man sonst oder in anderen Schuhen nicht macht. Zum Wohlfühlen und nicht auf den Stil achten halt.

Mittlerweile habe ich an der Außenkante, meiner Aufkommzone, ein bisschen die Sohle abgenutzt.

Trainingstest
Auch beim RideIso gab’s keinen Wettkampftest. Da laufe ich Altra Escalante. Aber ich habe den RideIso bei Regen, Eis, Kälte, Wärme, Matsch, Asphalt eingesetzt, auch mal bei Experimenten mit Gewichtsmanschette, beim Heimlaufen mit Rucksack – nirgendwo weckt er den Wunsch, Wettkampf drauf zu laufen, aber immer tut er seine Pflicht, erfüllt seine Aufgabe und verzeiht, wenn man mal unaufmerksam ist. Insbesondere auf unebenen Feldwegen und Matsch oder Eis kommt einem die Mischung aus Dämpfung und Stabilität entgegen. Ein Trainingsschuh. Für alle Gelegenheiten. Kein Wunder, dass er von den heißgeliebten Escalantes abgesehen am schnellsten Kilometer gewinnt, mein RideIso.

Fazit
Bequemer Schuh für alle Trainingsanlässe. Funktioniert. Im Gelände, auf Asphalt, in platt oder frisch, mit Rucksack oder ohne, bei Eis, Schnee, Regen, Hitze. Dämpfung passt, Stabilität ist super. Wettkampf drauf laufen würde zumindest ich nicht. Da gibt’s schnellere, die immer noch bequem sind. Aber wenn ich so richtig gar nicht weiß, was auf mich zukommt, beim Loslaufen – oder beim Packen für eine Dienstreise, bei der nur ein Paar Schuhe in den Koffer passt – keine Frage: RideIso.

Angelaufen, eingelaufen: Saucony Kinvara 9

Ich wollte mal wieder Abwechslung für die Füße – das war irgendwann letzten Frühsommer. Im Rennwerk empfahl mir Petar den Saucony Kinvara 9, da ich etwas recht direktes haben wollte – und so habe ich den Schuh auch erlebt. Direkt beim ersten Mal mit dem Schuh draußen kam ich in eine Situation, für die der Kinvara eigentlich nicht gemacht ist – auf dem geteerten Feldweg entlang der B36 und der neuen Bahnlinie zum Rastatter Tunnel hatten Baufahrzeuge eine fünf bis acht Zentimeter dicke Schicht aus sandigem Schlamm hinterlassen, zehn Meter breit. Daher hatte der nicht wasserdichte Schuh gleich mal eine sandig-dreckige Schicht drauf. Doch da kann natürlich auch der Schuh nichts für.

Mein Schuh und ich
Der Kinvara 9 hat verhältnismäßig wenig Sprengung, was mir als Vorfußläuferin entgegenkommt. Er ist leicht und – so schreibt es Saucony – dynamisch gedämpft. Ein tolles Erlebnis! Dass ich dennoch mit dem Kinvara 9 zwar warm geworden bin, er aber dennoch noch nicht so viele Kilometer drauf hat, liegt an der Konkurrenz – der Altra Escalante ist einfach mein Schuh. Dennoch: Der Kinvara 9 kommt meinem Laufstil, bei dem ich kaum die Ferse absetze, eigentlich sogar gar nicht, sehr entgegen.

Meine Saucony Kinvara 9. Vorne sieht man noch immer die Spuren, die eine Begegnung mit sandigem Bauschlamm auf dem ersten Auslauf mit den Maschinen hinterlassen haben.

Saucony Kinvara 9 und Laufstil
Petar vom Rennwerk hat mir den Kinvara 9 in die Hand oder besser an den Fuß gedrückt, weil er meinen vorfüßigen Laufstil kennt. Dem kommt er durchaus entgegen, weil er leicht, sehr direkt und mit verhältnismäßig wenig Sprengung behaftet ist. Man hat ein lockeres Laufen, das auch nicht das Gefühl macht, bei den häufigen, schnellen Richtungsänderungen des Fußes bei hoher Schrittfrequenz beschwert zu sein. Anfangs bin ich auf dem Kinvara 9 mit Slalom und übermütigen Haken durch die Gegend gefetzt, weil es einfach Laune macht – vom Laufgefühl ist der Schuh für mich spritziger bei Richtungsänderungen als meine anderen Schuhe – mehr als die stärker gedämpften, aber auch mehr als der spritzige Altra Escalante. Gerade bei schnellen Richtungsänderungen fand ich den Kinvara 9 auch etwas fester als meine anderen Schuhe.

Ich habe den Schuh sichtbar benutzt – mit Spaß dran!

Trainingstest
Einen Wettkampftest gab’s mit dem Kinvara 9 für mich bisher nicht. Ich habe da keine Experimente gemacht, für Wettkämpfe gibt es für mich nur den Altra Escalante. Aber von allen meinen Schuhen (Vibram Fivefingers, Saucony RideIso, Brooks Launch 6, Mizuno WaveRider plus die genannten) könnte ich mir insbesondere auf Strecken unterhalb der Halbmarathon-Distanz den Kinvara 9 am ehesten statt dem Escalante vorstellen. Zum Intervalltraining habe ich den Kinvara 9 oft und gerne an, da merkt man sehr deutlich das direkte, schnelle Ansprechen auf den Bodenkontakt. Insbesondere die etwas slalom-artige Umkurvung einer Schranke auf meiner typischen „außerhalb der Bahn“-Intervallstrecke macht mit dem Kinvara 9 besonders viel Spaß. Da schwimmt nichts! Etwas nervig fand ich anfangs, dass meine recht mächtigen großen Zehen – vor allem, wenn die Füße beim Laufen nach einem langen Tag schon etwas dick waren – in Berührung mit der Innenseite der Zehenbox bekamen. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall, ich glaube, die paar Zehntelmillimeter, die das Einlaufen den Kinvara 9 gedehnt hat, haben das Problem gefixt. Da ich das Problem bei vielen, sehr vielen Schuhen habe – und viel stärker als beim Kinvara 9 – spricht das eher FÜR den Schuh als dagegen.

Der Kinvara 9 nach mehreren Hundert Kilometern an meinen Füßen. Sieht nach mehr Sprengung aus, als es ist oder sich anfühlt.

Fazit
Für mich ist der Kinvara 9 ein Schuh, den ich auf verwinkelten Laufkursen bis 15 Kilometer gerne laufen werde – eher auf schnellen Strecken als beim gemütlichen Training. Insbesondere die Stabilität bei schnellen Richtungsänderungen habe ich zu schätzen gelernt, auch den direkten, sich wenig gedämpft anfühlenden Kontakt zur Straße. Der Kinvara 9 ist für mich ein Schuh für glatten, festen Untergrund – aber auf dem ist er der Verbündete, um alles zu geben.

Erkennungszeichen

Als ich heute Mittag von der Arbeit aus eine Runde laufen war, schaute ich nach vollbrachter, kurzer Runde beim Laufladen vorbei, den ich auf dem Weg vom Büro zum Schlossgarten fast unweigerlich passiere. Petar vom rennwerk meinte, er habe mich vorher schon gesehen … er erkenne mich immer, wenn ich vorbeilaufe, an meinem eleganten Vorfußlaufstil mit hoher Schrittfrequenz.

Analog dazu bekannte einer der Läufer vom Lauftreff am vergangenen Sonntag, es sei irritierend, zwischen mir und einem anderen der Läufer zu laufen. Denn er passe sich immer ein bisschen dem Laufstil der Mit-Läufer an – und der andere Läufer macht lange Schritte, kommt auf Mittelfuß oder Ferse auf, dafür ist die Schrittfrequenz deutlich niedriger als bei mir.

Zur Zeit merken also alle irgendwie wieder an, dass ich vorfüßig, mit hoher Schrittfrequenz und eher kurzen Schritten laufe. Im Wettkampf werden auch meine Schritte länger, aber die Schrittfrequenz geht nochmal hoch. Ich laufe also bei 185 bis 200 Schritten pro Minute, auf dem Vorfuß und mit verhältnismäßig kurzen Schritten, und das wird so auch von den anderen bemerkt. Mir war gar nicht so sehr bewusst, wie augenfällig das ist und wie verhältnismäßig selten. In dieser Hinsicht hat mich natürlich rot werden lassen, dass einer meiner Lauftreff-Kameraden anmerkte, er habe noch nie einen langsamen Vorfußläufer erlebt, und ich sei da keine Ausnahme. Auch, dass mein Laufstil nicht nur elegant, sondern auch ein Beispiel sei, wie man „richtig“ laufe, wurde mir schon gesagt. Dabei habe ich mir irgendwann nur anhand von Fivefingers, dem Gefühl, so schneller zu sein und der Erkenntnis, dass meine Knöchel und Knie es honorieren, diesen Stil angewöhnt. Da das so aus den Notwendigkeiten heraus war, fühlt es sich gar nicht wie etwas Besonderes an, und doch wird’s als etwas Besonderes honoriert.

Irgendwie komme ich mir da vor, als würde ich Lob abbekommen, das ich so gar nicht verdiene – aber die Leute, die mir diese Dinge sagten, haben viel Erfahrung mit dem Laufen. Mehr jedenfalls als ich. Da scheine ich was richtig zu machen und es gar nicht zu merken! Aber wenn sowas mein Markenzeichen als Läuferin ist, will ich mich nicht beschweren, alles andere als das!