[KuK] Ungefragt

Heute früh in der Bahn:

Fast alle Sitze sind von Schülern auf dem Weg nach Durmersheim Nord besetzt, als ich in Bietigheim in die Bahn steige. Drei Herren steigen ebenfalls zu. Ein paar Schüler drängen sich vorbei.

Beginnt der eine: „Morgen müssen die ja wieder demonstrieren.“ Er wird noch abfälliger, während die anderen das Gespräch wieder einzufangen versuchen. Dass er Dinge aufbringe, die keinen interessieren, sagen sie.

Egal, was man vom Klimawandel und Fridays for Future hält oder halten mag, pauschal Abfälligkeiten auf sitzende Kinder in der vollen Bahn zu projizieren erfüllt mich mit Ärger. Ganz egal, ob die Kids morgen den unverantwortlichen Umgang mit Ressourcen tatsächlich morgen öffentlich geißeln oder nicht – ihnen das zuzuschreiben, weil man gerade in der vollen Bahn zur Schulbeginnzeit stehen muss und weil sie junge Menschen sind, geht gar nicht!

Kids

Heute beim Laufen gab’s zwei Momente mit Jugendlichen, bei denen ich dachte: „Oh herrje, werde ich alt, dass ich sowas bemerke und mich drüber aufrege? Vernünftig?“

Erster Vorfall: Bei unserem Edeka im Dorf gibt’s eine Straßenbrücke über die Bahnlinie. Unter der Straße, neben der Bahn, führt ein Rad- und Fußweg entlang, mit dem man in das Viertel Richtung Bahnhof kommt, ohne eine Straße queren zu müssen. Das ist super-angenehm, da entlang zu laufen. So kann man auch herrlich die eher engen Bürgersteige an der „Hauptstraße“ vermeiden, die eher inzwischen verkehrsberuhigte Lebensader des Dorfes ist. Der Radweg neben der Bahn, unter der Brücke, ist unbeleuchtet – und gerne sitzen mal Gruppen von Jugendlichen oben auf der gemauerten Schräge, auf die die Träger für den Brückentisch aufgesetzt sind. Oft treiben sie sich auch so in dieser Gegend herum. Als ich heute aus dem Hellen ins Dunkle unter der Brücke joggte, brüllte es plötzlich: „Vorsicht!“ Ich erschrak, bekam aber erst zwei Meter vor dem mitten auf dem dunklen Weg herumliegenden Fahrrad mit, WARUM eigentlich Vorsicht geboten war. Da lagen noch zwei weitere Fahrräder, die zu zwei weiteren Jungs gehörten – alle drei Jungs standen auf der anderen Seite der Brücke, alle drei Fahrräder lagen auf dem dunklen Weg. Sowas wie ordentliches Abstellen von Fahrrädern und Ständer scheint außer Mode zu sein …

Zweiter Vorfall: Zurück in unserer Straße, auf den letzten Metern nach Hause stand eine Gruppe Mädchen zwischen zwei Autos vor einem Wiesengrundstück und blödelte herum. Ich grüßte halblaut, wurde aber eventuell nicht gehört – vielleicht auch doch. Jedenfalls rief dann eines der Mädchen „Guten Tag!“ und ich wiederholte mein „Guten Abend!“ lauter, das ich bereits zuvor in Richtung der Gruppe geworfen hatte. Eine andere fuhr die eine an: „Das heißt guten Abend, du Mongo.“ Äh. Ja. Ich nehm‘ gerne ein „Guten Abend“, ein „Guten Tag“ nehme ich auch, aber sich für’s vermeintlich inkorrekte Grüßen gegenseitig zu beschimpfen, und das mit Worten, die ich als respektlos gegenüber Personen mit Down-Syndrom empfinde, ist – speziell.

Aber wenn ich hier seufze: „Oh Tempora! Oh Mores!“, dann fühle ich mich wie eine Erwachsene – was ich sonst eigentlich gar nicht tue.

Schreibt es auf, ich kümmere mich später darum

Eine Freundin von mir berichtete vor einiger Zeit, dass sie im Homeoffice saß und hinter ihr, in der Küche, ihre beiden Töchter beim Kochen stritten. Die ältere beschuldigte die jüngere, nicht mitzuhelfen, die jünger die ältere, sie die ganze Zeit zu ärgern. Daraufhin forderte meine Freundin ihre Kinder auf:

„Schreibt es auf, ich kümmere mich später darum.“

Mir gegenüber ergänzte sie, dass sie das auch tue – sofern es nach ihrer Arbeitszeit noch aktuell sei. Ich finde diese Lösung sehr gut. Denn sie vereinigt zwei Komponenten: Das Problem, wie lächerlich der Streit auch sein mag, wird ernst genommen. Zugleich wird es aber nicht auf Zuruf gelöst – sondern erst, wenn es lang genug Bestand hat, um nach ein paar Stunden noch aktuell zu sein. Es gibt viele akute Probleme, die bei Geschwistern, Kindern, Partnern, Eltern zu einem „Komm‘ mal!“ führen, und so lange der dazu aufgeforderte nicht kommt, wird das Problem erhalten. Oftmals hätten diese Probleme nicht mal mehr Bestand, wenn sie nicht durch den Ruf bis zum eintreffen des aus seinem tun herausgerissenen Gegenüber erhalten werden müssten.

Aber das Problem wird durch „Schreibt es auf, ich kümmere mich später darum.“ nicht nur so weit in die Zukunft verlagert, dass es vielleicht keinen Bestand mehr hat, ebenso wird der Gegenüber nicht nur nicht aus seinem tun herausgerissen. Nein, es kommt noch etwas dazu: Die Erkenntnis des oder der Aufschreibenden, dass das Problem sich tatsächlich ohne Zutun von außen erledigt hat! Es braucht eben nicht immer alles eine Intervention, bloß weil jemand, der intervenieren könnte, gerade verfügbar ist.

Diese Erkenntnis zu vermitteln, finde ich wichtig. Deswegen musste ich über den Satz meiner Freundin schreiben.