Analogien

Es ist schwer, ein bestimmtes Thema zur Zeit zu umgehen. Bis zu einem gewissen Grad geht mir das natürlich auf die Nerven wie jedem. Es gibt allerdings so ein paar Dinge, die mir immer wieder auffallen und zu denen ich Ansichten habe, aber auch neue Gedanken entwickle.

Da ist das Impfen. Viele Menschen misstrauen insbesondere der Impfung gegen Sars-CoV-2, und ganz besonders den mRNA-Impfstoffen, weit mehr als sie die Krankheit fürchten. Das ist mir unverständlich, denn bei der Impfung wurde bewusst ein Stoff entwickelt, der dem Körper so wenig wie möglich antut, aber dennoch das Immunsystem auf das Virus vorbereitet. Man hat die Vektor- und mRNA-Impfstoffe getestet – und zwar darauf, ob sie dem Körper das antun, was das Virus ihm antut (was sie nicht sollen und nicht oder zumindest extrem viel seltener als das Virus tun) und darauf, ob sie dem Körper anderes antun (was sie ebenfalls nicht sollen und nur extrem selten doch tun). Deswegen verstehe ich das Misstrauen gegen die Impfung nur sehr bedingt. Mir hat auch jemand im Zusammenhang mit dem Impfen erzählt, Impfungen für Erwachsene seien ja auf jeden Fall zu befürworten, aber ob man einem sich entwickelnden Immunsystem das antun solle, da sei er skeptisch. Außerdem habe ich nach dem zuvor diffusen Verdacht inzwischen einige Bestätigungen aus meinem Umfeld, dass Leute sich und ihre Kinder teils bewusst mit dem Virus infizieren, weil sie dem Virus mehr trauen als der Impfung.

Es gibt hier ein gefährliches Missverständnis, das ich schon lange beobachte. Was „natürlich“ ist, wie eben Sars-CoV-2, das von einem Tier in natürlicher Virus-Evolution auf einen Menschen übergesprungen ist, wird für per se gut gehalten, während künstliche, menschgemachte Dinge per se als ungesund oder schlecht angesehen werden – wie eben die Impfung. Natürlich sind industriell gefertigte Lebensmittel nicht der Weisheit letzter Schluss, die Überlegenheit frischer Lebensmittel aber unreflektiert auf andere Bereiche zu übertragen, ist ein gefährliches Unterfangen. Da wäre die laktosefreie Milch, auf der ein „ohne Gentechnik“ Label pappte. Habe ich zum Glück lange nicht mehr gesehen, denn es ist eine glatte Lüge! Wo sollte denn die Lactase, das Enzym, das den Lactose-Intoleranten fehlt, sonst herkommen? Sicher wurden keine Baby-Tiere ihrer Lactose entmolken, das wäre nicht nur grausam, sondern auch unwirtschaftlich teuer. Nein, man baut die Sequenz, mit deren Hilfe die Zellen Lactase herstellen, in Mikroorganismen ein – in deren DNA. Die transkribieren das dann in mRNA und daraus wird dann von der Zelle mit Hilfe von tRNA Lactase aufgebaut. Aber das nur als Nebenschauplatz…

Ich sehe an vielen Stellen, dass „Natürliches“ als gut, „Künstliches“ als schlecht angesehen wird. Menschen gehen in Radonstollen, wegen der natürlichen Heilkraft, aber bei künstlicher Radioaktivität geht gar nichts mehr. Mir wurde ernsthaft schon geantwortet, als ich auf gelöstes Radon aus dem Wasser, das beim Duschen freigesetzt wird, oder die Strahlung aus Granit verwies, das sei doch nicht schlimm, sei doch natürlich – aber jedes Mikrosievert Dosis aus Kernkraftwerken ist zu viel. Dabei ist die Einheit Sievert genau auf die „gleiche Schädigung“ geeicht, man nennt die zugehörige Größe auch „Äquivalentdosis“, weil sie ein Strahlenschaden-Risiko aus verschiedenen Strahlungsarten oder Strahlenquellen zahlenmäßig gleich abbilden soll. Oder anders – von natürlicher, frisch vom Melken kommender Milch wurde mir aufgrund der Menge an Fett darin schlecht – und wie kann ich keinen Knoblauch vertragen, wie kann Knoblauch meine chronisch entzündliche Darmerkrankung antriggern, ist doch ganz natürlich…

Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass der Mensch auch viel Murks und Müll produziert und in die Gegend kippt. Aber wenn ich in der Apotheke jemanden „was gegen Erkältung“ anfragen höre und dann werden zwei Mittel vorgestellt, eines „pflanzlich“, das andere „Chemie“, und ich weiß doch, dass weitgehend das gleiche drin – einmal synthetisch hergestellt, das andere Mal von einer Pflanze synthetisiert, aber genau derselbe Stoff, dann geht mir das Messer in der Tasche auf. Und genau an dieser Stelle greift’s wieder ein. Wenn Sars-CoV-2 aus purem Eigennutz, um sich zu vervielfältigen und biologisch erfolgreich zu sein, seine ssRNA in eine menschliche Zelle einbringt, woraufhin daraus mRNA entsteht, mit der als Bauplan die tRNA Sars-CoV-2-Viren herstellt, dann ist das natürlich und gut und tötet Menschen, je nach Altersgruppe, im Prozentbereich der Erkrankungen. Wenn ich mir aber menschgemachte mRNA spritzen lasse, die nur das Spike-Protein von Sars-CoV-2 von der Zelle bauen lässt, worauf hin das Immunsystem lernt, dass dieses Spike-Protein böse ist und Abwehr dagegen aufstellt, dann ist das schlimm, weil künstlich, dem ist zu misstrauen, weil’s Menschen gemacht haben, die die Krankheit bekämpfen wollen – und natürlich ist es gelogen, dass wir hier bei schweren Nebenwirkungen eher über einstellige Fallzahlen pro 100.000 oder gar Million sprechen, weil es ist ja künstlich und böse. Und von diesen einstelligen Fallzahlen pro Hunderttausend sterben nicht zehn Menschen pro Fall (dann wären wir nämlich bei den 2 Promille Covid-Sterblichkeit in der Altersgruppe von 40-49, wie ich sie vorhin für Deutschland gelesen habe), sondern nichtmal EINER pro Fall, da die meisten möglicherweise mit Spikevax zusammenhängenden Herzmuskelentzündungen nicht zum Tod führten…

Aber ich hatte Analogien versprochen. Wem die obige Analogie zur Strahlung nicht genug war, und die mit der Gentechnik auch nicht akzeptiert hat, für den habe ich noch eine: Laufen. Damit kenne ich mich ein bisschen aus. Dennoch wird mir immer wieder erklärt, von allen Seiten, ich müsse vor dem Wettkampf, dieser enormen Belastung, dafür trainieren. Ich müsse die stark belastenden Training wie zum Beispiel Intervalle nicht so oft tun. Mein Körper vertrage es nicht, wenn er sofort oder dauernd mit maximaler Belastung klarkommen müsse… Seltsamerweise empfiehlt man auch Kindern nicht, ohne zu üben sportliche Wettkämpfe einzugehen, sondern vor einem Lauf- oder Turnwettkampf erstmal die Bewegungen, die Belastung der Muskeln, die Beweglichkeit zu trainieren, bevor man sie auf der Bühne oder im Wettkampf unter dem Druck von Publikum und Siegeswillen auf die Probe stellt. Warum sollte das beim Immunsystem anders sein? Soll denn das Immunsystem an ernsten Krankheiten mit möglichen Spätfolgen lernen, wie es die Erreger bekämpft? Das wäre so, als solle ein Sportler – egal welchen Alters – im Marathon-Wettkampf lernen, wie man sich die Kraft für 42,195 Kilometer einteilt, und nicht auf langen, langsamen Läufen in der Vorbereitung. Ach und zum Thema Vermeidung statt Training – was man nicht trainiert, gilt einer biologischen Lebensform als unnötige Energieverschwendung. Durch Schonen wird man beim Laufen nicht schneller, und auch das Immunsystem wird nicht besser, wenn es nichts zu tun hat. Im Gegenteil, der Körper schickt das Immunsystem dann in den Energiesparmodus.

Da stellt sich mir die Frage: Ist die Erkrankung an Masern, Windpocken, Sars-CoV-2 denn tolles Training, wenn der Körper gleich im Wettstreit zu einem von der Evolution auf Erfolg getrimmten Virus zu treten hat? Ist das nicht eher wie „Wettkampf ohne adäquates Training vorher“? Sollten wir nicht schauen, dass wir erstmal an zahnlosen Raubtieren, wie Vektor-, Tot- oder mRNA-Impfstoffen üben, oder an langen Läufen ohne Konkurrenz, die uns hinter sich lässt?

Tja. Vermutlich bin ich allmählich wütend, weil ich den ganzen Bullshit auch ohne Analogien als Kot männlicher Rinder erkenne, UND mir dazu noch Analogien einfallen, es aber dennoch nichts bringt. Wenn wir „natürlich“ leben würden, wäre unsere Lebenserwartung erheblich kleiner. Viele Krankheiten, deren Wahrscheinlichkeit durch unseren industriellen, rotes-Fleisch-lastigen, ungesunden Lebensstil wahrscheinlicher werden, würden wir ohne Impfungen, ohne Lebensmittel und Arzneimittel aus der Biochemie gar nicht erleben, weil wir vorher elend an dem Zeug verrecken würden, an dem unsere Vorfahren in ihren 30ern verreckt sind. Impfen, Antibiotika, Schmerzmittel… das ist alles biotechnisches, teils gentechnisches „Teufelszeug“, ohne das wir vermutlich nicht lange genug leben würden, um Verschwörungstheorien in die Absichten und Ziele hinter all diesen Mitteln hinein zu phantasieren.

Ja. Ich bin nicht nur vermutlich wütend. Ich BIN wütend. Weil unsere Politiker beschwichtigen und glauben, man müsse wissenschaftsfeindliche Wähler berücksichtigen, die auf von Quantenmechanik und Relativitätstheorie möglich gemachten Mini-Computern bei von Gentechnik lactose-frei gemachter Milch in ihrem hochnottechnisch entkoffeinierten Kaffee vom natürlichen Leben und der bösen Absicht hinter der Wissenschaft fabulieren und gedeckt von der Meinungs- und Versammlungsfreiheit skandieren, dass wir eine Meinungs- und Versammlungsfreiheits-freie Diktatur hätten.

Jetzt höre ich aber auf. Mir reicht’s selbst, wie wütend und zugleich erwachsen ich klinge. Ich gehe mal mit meinem Lego-Teilchenbeschleuniger spielen.

gezeichnet
Der innere Babysitter

Doch mal wieder Plots…

Heute flog mir in den Pausen einer Fortbildung eine rein qualitative Aussage zum Zusammenhang zwischen Impfquoten und Inzidenzen bezüglich Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 um die Ohren. Ich nutzte die Kaffeepausen der Fortbildung, um ein bisschen in Excel zu spielen, da es für ernsthafte Arbeit eh nicht gereicht hätte…

Was ich getan habe: Werte zu Impfquote und Inzidenz bundeslandweise eintippen und dann Inzidenz auf der vertikalen, Impfquote auf der horizontalen Achse auftragen. Ein Zusammenhang drängte sich regelrecht auf, also versuchte ich einen Fit… mein Versuch war: Inzidenz ist proportional zur Impflücke hoch variablem Exponenten, ein ganz einfaches, empirisches Modell mit zwei freien Variablen. Auf die Schnelle die quadratischen Abweichungen der Kurve vom Modell berechnet, mit dem Solver-Modul von Excel deren Summe minimiert… und das kam dabei raus:

Kurve unter der Annahme, dass Inzidenz proportional zu Impflücke hoch 2,2 ist, dazu die Bundesländer wie beim RKI heute angegeben.

Dass dort, wo besonders viele Menschen symptomatische Verläufe haben, weil sie nicht geimpft sind, und besonders viele Menschen die Krankheit mit größerer Wahrscheinlichkeit weitergeben als Geimpfte, die Krankheit besonders oft registriert wird, ist eine Binsenweisheit. Die Deutlichkeit des Zusammenhangs hat mich jedoch überrascht. Es ist aber natürlich nur eine Momentaufnahme.

Wenn man sich das Diagramm – immer unter der Prämisse, dass es eine Momentaufnahme ist – nochmal anschaut, fallen Systematiken auf. Über der Kurve, also mit höherer Inzidenz als im Vergleich zu den anderen aufgrund der Impflücke zu erwarten, liegen fünf Bundesländer – drei davon im Südosten, vier davon mit besonders niedriger Impfquote. Eine weitere Gruppe liegt nahe der Kurve, die meisten eher entlang einer Diagonale von Südwest nach Nordost durch Deutschland – und die meisten, die deutlich unter der Kurve liegen, liegen im Nordwesten. Nun ist bekannt, dass die Bevölkerungsdichte in Beziehung zur Zahl möglicher Kontakte steht und der Osten und auch der Südosten Deutschlands dünner besiedelt ist. Also habe ich den naheliegenden Zusammenhang prüfen wollen und die Abweichung von der Kurve mit der Bevölkerungsdichte der Bundesländer in Beziehung gesetzt. Um regionale Unterschiede abzubilden und zwischen Stadtstaaten und Flächenländern zu nivellieren, habe ich vier Regionen – Nordwest, Nordost, Südost und Südwest gebildet.

Abweichung der Bundesländer (blau) und Regionen aus 3-5 zusammengefassten Bundesländern (rot) von der obigen Kurve als Funktion der Bevölkerungsdichte.

Einen Zusammenhang zu sehen, fände ich an dieser Stelle einen weiten Schuss. Zwar liegen zwei dünn besiedelte Flächenländer (Schleswig-Holstein und Niedersachsen) besonders deutlich unter der Kurve, Brandenburg – ebenfalls recht dünn besiedelt – recht gut auf, Bayern und Sachsen-Anhalt jedoch deutlich über der Kurve. Berlin und Hamburg als Stadtstaaten liegen unter, Bremen ebenfalls als Stadtstaat über der Kurve. Also lande ich wieder beim regionalen Zusammenhang…

Bundesländer nach willkürlich definierten „Regionen“ und die jeweilige Summe der Region mit ihrer Lage bezüglich der Kurve im ersten Plot des Beitrages. Aufzählung der Länder in den Textfeldern nach absteigender Bevölkerungszahl.

Die Bevölkerungsdichten in den Regionen sind höchst unterschiedlich – der Nordosten ist am dünnsten besiedelt (im Mittel 134 Einwohner pro Quadratkilometer, trotz Berlin), der Südosten sollte eigentlich auch ein „dünn besiedelt“ Gebiet sein, weil Bayern und Sachsen zwar einige Einwohner haben, aber im Verhältnis sehr große Ausdehnung besitzen – 183 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Südwesten sind’s 283, zumal das Saarland, Baden-Württemberg und Teile Hessens sehr dicht besiedelt sind – und der Norden schießt trotz der dünn besiedelten norddeutschen Tiefebene dank NRW, Bremen und Hamburg mit 317 Einwohner pro Quadratkilometer den Vogel ab. An Fläche ist übrigens mit 105.000 Quadratkilometern der Südosten (knapp 20 Millionen Einwohner) die größte definierte Region, der bevölkerungsreiche Nordwesten (31 Millionen) mit knapp 100.000 Quadratkilometern die zweitgrößte. Für den Moment habe ich Schleswig-Holstein dem Nordwesten zugeschlagen, überlege aber, im Interesse gleichmäßigerer Verteilung, es zum Nordosten umzuwidmen. Einen großen Unterschied in der Darstellung macht’s indes nicht, nur sind dann die Flächen und Bevölkerungszahlen etwas gleichmäßiger zwischen den vier Quadranten verteilt.

Im Plot benutze ich die offiziellen Kürzel der Bundesländer. Die Lage des summierten Punkts über den drei eingehenden Punkten von Thüringen, Sachsen und Bayern hat mich auch irritiert, ist aber durch die Krümmung der Fit-Kurve bedingt und korrekt.

Im Fazit: Auch wenn der Südwesten mit dem dicht besiedelten Saarland, der Nordwesten mit dem stark beimpften Bremen mit niedriger, aber dennoch über der Kurve liegender Inzidenz und der Nordosten mit dem dünn besiedelten Sachsen-Anhalt je einen Eintrag über der Kurve hat, zeigt sich doch recht deutlich ein regionaler Zusammenhang – die im Südosten der Republik gelegenen Länder haben nicht nur geringe Impfquoten, sondern auch im Verhältnis zum angenommenen Zusammenhang aus meiner ersten Kurve höhere als mit dem Zusammenhang und der bekannten Impfquote zu erwartende Inzidenzen.

Was man daraus schlussfolgern kann und sollte? Das ist aufgrund der Unsicherheiten schwer zu sagen. Es kann die Nähe zu den Hochinzidenzgebieten in Tschechien und Österreich sein, die hohe Inzidenzen im Südosten bedingen, auch über einen deutlichen Zusammenhang zwischen Impflücke und Inzidenz hinaus. Vielleicht ist auch einfach der Zusammenhang zwischen Impflücke und Inzidenz noch etwas stärker und hat einen „Knick“ bei 65-70% Impfquote bzw. 30-35% ungeimpfter Bevölkerung und nur das Saarland zieht uns aufgrund irgendwelcher Sondereffekte den Fit zu einem weicheren, näher am Linearen liegenden Zusammenhang.

Aber ganz unabhängig von Ost-West-, Nord-Süd-, Stadt-Land- und anderen Effekten, ganz unabhängig von meinem rechnerischen Modell zeigt sich deutlich, dass eine inzidenz- oder auch hospitalisierungs-basierte Einschränkung von Grundrechten basierend auf der Wahrung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit für alle durch Schließung der Impflücke, ob freiwillig oder mit Impfpflicht, vermieden oder zumindest stark verzögert werden kann.

Sicher hat das RKI, haben die Modellierer bei der Helmholtz-Gemeinschaft und beim PEI wesentlich feinere und bessere Modelle, aber wenn ich mir diesen Zusammenhang in der Kaffeepause einer Fortbildung zusammenschrauben und ihn darstellen kann, sollte er doch eigentlich vielen, fast jedem offensichtlich sein, oder nicht?

Verhältnismäßigkeit

Als ich vom universitären Bereich über einen Berater in die Verwaltung wechselte, durfte ich über den Begriff der „Verhältnismäßigkeit“ einiges nachlernen. Die Juristen erklärten einer ebenso neuen Kollegin und mir, Verhältnismäßigkeit einer Maßnahme, das setze sich daraus zusammen, dass die Maßnahme geeignet sei, ein Schutzziel zu erreichen, dass es erforderlich sei, was man mit der Maßnahme erreichen wolle, und dass die Einschränkungen durch Maßnahme angemessen seien im Verhältnis zur Erreichung des Schutzzieles.

Über Verhältnismäßigkeit hört man auch viel in der Corona-Pandemie. Vor Gericht werden Maßnahmen gekippt, weil sie unverhältnismäßig seien, und bei der Frage nach der Impfpflicht kriegt man den Rausch seines Lebens, wenn man bei jeder Nennung des Wortes „Verhältnismäßigkeit“ einen kurzen kippt. Ich weiß nicht, wie die, die das lesen, zur Impfung im allgemeinen und zur Impfung gegen das Corona-Virus im speziellen steht. Das will ich auch gar nicht beurteilen, aber ich möchte eine Frage der Abwägung aufwerfen. Denn Verhältnismäßigkeit heißt auch, dass ein Schutzziel durch eine möglichst milde Maßnahme erreicht werden soll, insbesondere, wenn Grundrechte gegeneinander aufgewogen werden müssen. In dieser Pandemie haben wir einen Haufen Grundrechte zu schützen, die zur Debatte stehen – bei uns in Deutschland stehen die besonders schützenswerten Grundrechte in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes, unserer Verfassung. Ich habe in letzter Zeit oft gehört, dass Menschen anzweifeln, dass das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG)) gewährleistet sei, oft verbunden mit dem Satz „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Weder vor noch in der Pandemie ist das richtig gewesen und es ist auch jetzt nicht richtig. Artikel 5 Absatz 1 GG erlaubt uns, die heftigsten Exkremente männlicher Rinder (Anglizismus: „Bullshit“) von uns zu geben, gewährleistet aber nicht, es ohne Gegenwind durch freie Meinungsäußerung ggf. vieler anderer zu tun.

Sehr konkret wurden in der Corona-Pandemie aber zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG) verschiedene Grundrechte eingeschränkt. Das waren und sind namentlich:

  • Artikel 8 GG, die Versammlungsfreiheit – um nämlich das Weitertragen von Sars-CoV-2 zu verhindern.
  • Artikel 2 Absatz 1 GG, die freie Entfaltung der Persönlichkeit – in Form von Maskenpflicht, nächtlichen Ausgangssperren, ggf. Quarantäne-Regeln, Schließung von Sport- und Kulturstätten
  • Artikel 12 GG, die freie Wahl der Arbeit – denn viele Gewerbe wurden über eine ganze Zeit hinweg geschlossen, man nennt das „Lockdown“.

Über die 3G- bzw. 2G-Regeln kommen Dinge hinein, die in Richtung der Beschränkung von Artikel 3 Absatz 1 GG gehen, nämlich der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Aber ein weiteres Grundrecht einzuschränken, um eben genau dieses selbe Grundrecht zu schützen, hat man nie erwogen. Denn die Unversehrtheit des Körpers zu schützen (vor dem Corona-Virus), in dem man in ein, nur ein und genau dasselbe Grundrecht in Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG eingreift, das hat man von vorneherein ausgeschlossen: Die Impfpflicht.

Nun ist der Staat verpflichtet, für alle Menschen (denn die sind nach Artikel 3 Absatz 1 GG vor dem Gesetz gleich) das Recht auf Unversehrtheit des Körpers zu schützen, er MUSS, er KANN NICHT ANDERS ALS in Grundrechte eingreifen, um die Mehrheit der Bevölkerung vor (wissenschaftlich erwiesenen) möglichen Schäden durch Sars-CoV-2 und die davon ausgelöste Krankheit Covid-19 zu schützen. In welche und in wie viele Grundrechte der Staat dabei eingreift, muss abgewogen werden. Ich kann nun Lockdown und Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren verhängen und einen Haufen von Grundrechten aus den Artikeln 2 bis 19 GG einschränken, um Menschen vor ungewollter Infektion durch Sars-CoV-2 während der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu schützen – und genau das wurde ja auch getan.

Ich kann aber auch, als Staat, einen nach allen vorliegenden Studien erwiesenermaßen kleinen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit vornehmen – nämlich eine Impfpflicht verhängen – und somit die Beschränkung anderer Grundrechte durch Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren verhindern oder zumindest SEHR weit hinauszögern – Spanien macht’s vor, dass das geht. Denn wenn die Risiken durch die Impfung gering sind, läuft es drauf raus, für eine eher kleine Gruppe die Rechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit oder die Religionsfreiheit (Artikel 4 Absätze 1 und 2 GG, da noch nicht vorher genannt) zu beschränken, um mit EINER Maßnahme, die insgesamt 3 Grundrechte einmalig und eindeutig begrenzt auf ein paar Pikser (zwei bis drei nach aktuellem Stand) beschränkt, eine Fülle von Beschränkungen diverser Grundrechte auf teils unbestimmte Zeit zu verhindern.

Rein von der Abwägung von Grundrechten und Eingriffen in diese fände ich da nicht unbedingt gesetzt, dass die im Infektionsschutzgesetz ermächtigten, in Form der Corona-Verordnungen der Länder umgesetzten Maßnahmen milder sind als eine Impfpflicht für alle. Aber ich bin nur „Technikerin“, wie man die aus technischen und naturwissenschaftlichen Berufen kommenden Leute in der Verwaltung nennt, keine Juristin. Dennoch finde ich es bedenkenswert, ob wir nicht aus der Debatte um ganz viele Grundrechtseinschränkungen zum Schutz der Unversehrtheit des Körpers herauskommen, indem wir auf eine Einschränkung genau dieser Freiheit mit recht gut erforschtem Umfang setzen, statt auf unbestimmte Zeit einen ständig wechselnden, ziemlich breiten Blumenstrauß von Grundrechtsbeschränkungen in Kauf nehmen und immer wieder vor den Gerichten verhandeln.

Das ist natürlich Meinung. Aber die darf ich äußern, denn schließlich gibt es ja Artikel 5 Absatz 1 GG.