Kubistische Insomnia

Ein Glück ist dieser Montag ein Feiertag! Ich finde es zwar schade, nicht mit meinen Lieben zusammen zu sein, aber ich bin im Moment unglaublich froh, dass heute frei ist. Das hängt damit zusammen, dass ich gestern beim zu Bett gehen der festen Überzeugung war, schnell einschlafen zu können.

Ich erzählte meinem Mann (und den versammelten Kuscheltieren und unsichtbaren Mauzen und unsichtbaren, kybernetischen Wölfen – was halt in unserem Haushalt so kreucht und fleucht) eine Katzen-Superhelden-Geschichte. Dann gab’s für die Mauzen, die Kuscheltiere und den Wolf (meinen Mann) ein „Püh!“ zum Einschlafen, von meinem Mann dann ein „Püh!“ für mich, Licht aus –

Gedanken an. Keine Ahnung, was ich zuerst dachte. Jedenfalls konnte ich nicht schlafen. Vielleicht dachte ich auch gar nicht und konnte nur nicht schlafen, die Gedanken kommen dann automatisch. Ich versuchte es mit Phantasie, die sowas üblicherweise bricht, aber es klappte nicht. Es dauerte nicht lange, dann war mein Kopf bei einer Idee angekommen, die wohl schon den ganzen Ostersonntag in meinen Gedanken gelauert hatte: Eine Fracht-Bahn-Linie für unseren Minecraft-Server. Genau genommen: Ein bis drei Facht-Bahn-Linien, die in der Gleishalle West (Fracht) meines großen Haupt- bzw. Tiefbahnhofs Warenumschlag zwischen

  1. meiner Betriebsebene (Zentrallager),
  2. der Core-Lobby meines Turms (ganz unten, mit Minenzugang) und
  3. der Poststation

erledigen sollen. Farblich sollten die Gleise der ersten beiden Linien wohl schwarz oder grau unterlegt werden, die der dritten natürlich gelb – sie führt ja zur Post! Dafür musste ich mir weitgehende automatische Belade- und Entlade-Systeme für Güterloren ausdenken, und genau das geisterte in meinem Kopf herum. Hätte ich doch gegen 1:30 oder gegen 2:30, also bei den ersten beiden Malen, die ich draußen war, selbige Systeme in einer Welt im „Kreativmodus“, wo man frei bauen kann, als Protoypen erstellt und getestet! Aber ich dachte mir: „Tally, Du bist doch nicht SO albern! Du liest einen Moment und dann gehst Du ins Bett und schläfst.“

Aber natürlich bin ich doch so albern, weil das Schlafen nicht funktioniert, wenn mir sowas im Kopf rum geht. Gegen 5:00 gab ich meinen „vernünftigen“ Widerstand auf und baute einen ersten Prototypen. Nun konnte ich schlafen! Nun, nach wenig und unruhigem Schlaf, zudem nicht unbedingt zur richtigen Zeit, habe ich besagten Prototypen eines Be- und Entladesystems erweitert und einen Prototypen der oben genannten gelben Linie, die den Warenumschlag zwischen meinem Tiefbahnhof und der Post ermöglicht, zusammengezimmert. Bis auf eine Variante – bei mehr Fracht als auf einmal in die Lore geht – funktioniert das System super! Für den „Großmengen“-Fall habe ich aber einen manuellen Override gebaut, mit dem man das System wieder auf Schiene setzen kann.

Nun gilt’s, das Ganze irgendwann einzubauen. Ob ich für die Frachtbahnhöfe auf der Betriebsebene und in den Minen das Frontend Typ „Post“ oder das Frontend Typ „Tiefbahnhof“ verwende, weiß ich noch nicht – vermutlich wird’s die Post-Variante. Im Tiefbahnhof werden sich drei Frachtbahngleise Typ „Tiefbahnhof“ die „Gleishalle West (Fracht)“ teilen.

Ich würde ja gerne schreiben: Und jetzt kann ich schlafen. Aber es ist heller Tag! Ich sollte mich allmählich selbst gut genug kennen, dass ich bei manchen Gedankenmühlen einfach das machen sollte, was ich im Kopf zusammenbastele, aber nicht sicher bin, ob’s funktionieren wird. Erst recht, wenn es ohne Leute zu wecken geht!

Herrlicher Frühling

Der derzeit herrliche Frühling lässt mich ein wenig melancholisch werden. Eigentlich wäre das meine Zeit, in der ich viele Wettkämpfe laufen würde, das Laufen draußen genießen würde – eigentlich.

Nun kommen aber leider neben der Corona-Krise auch noch dumme Effekte hinzu. Vermutlich ist es die Anpassung an mehr Radfahren, vielleicht habe ich es im März auch etwas überzogen mit der Trainingsmenge. Jedenfalls habe ich eine kleine Verletzung im Unterschenkel. Das, was zuvor im Februar links ein wenig plagte, plagt nun ein bisschen mehr auf der rechten Seite. Ich bin 100% davon überzeugt, dass mit ein wenig Warmlaufen alles einigermaßen flüssig gelaufen wäre, aber ich wollte es nicht darauf anliegen. Seit Freitag pausiere ich nun schon, und auch wenn es vernünftig ist, lässt es mich doch die Wände hochgehen – insbesondere bei diesem herrlichen Wetter, das zur Zeit herrscht. Heute Nachmittag waren’s 500 Meter Testlauf, da ich es beim Gehen gar nicht mehr spüre, was da ist. Aber so richtig prall war’s einfach nicht, also mache ich noch etwas länger Pause.

Wie schwer mir das fällt!

Dennoch: Der Frühling ist herrlich und über eine kleine Radtour, auf der wir einige Besorgungen machten (zwei regelmäßig notwendige Rezepte bei Ärzten, zur Apotheke, was Frisches für auf den Abendbrottisch einkaufen) haben mein Mann und ich ihn per Fahrrad genossen. Da war dann schon fast wieder vergessen, dass mich das Aufhören beim Laufen nach nicht einmal einem Kilometer, aus eher Vorsicht als allem anderen, tierisch störte.

Ich tue zur Zeit cool, also dass es mich nicht fertig macht. Aber wie Ihr hier lest: Ich könnte die Wände hochgehen. Laufen ist wichtig für mich, für meinen Kopf, mein mentales Gleichgewicht. Ich lerne gerade zu schätzen, welch positive Effekte das Laufen auf mich hat, da ich mal ein paar Tage schonen muss. Vielleicht ist das der Lerneffekt. Denn Krise ist stets auch Chance, nicht?

Ihr dürft gerne …

… über mich lachen, so lange ich mitlache, lachen wir gemeinsam.

Das ist ein Satz, den ich mir hart erarbeitet habe. Gestern habe ich den Satz mal wieder gesagt, als ich meine Kollegen trotz … oder vielleicht eher in Kompensation meiner Kopfschmerzen und dahingehend dumpfer Laune mit multiplen Wort- und Flachwitzen nervte. Da ging’s um die Fortpflanzung der Metzger … Eier natürlich, an den Brutstätten steht, was drin ist: „Metzger-Ei“. Es gab noch mehr, das mir nun nicht mehr einfällt. So lange ich mit euch lache, wenn ihr über mich lacht, lachen wir gemeinsam.

Das ist gar nicht so einfach für mich gewesen. Ich war in der Schule scheu, ein bisschen zu gut in der Schule, um trotzdem cool zu sein, verträumt und vor allem leicht zum heulen zu bringen. Dazu war ich ein bisschen anders, was ich erst in der Retrospektive so richtig verstanden habe. Natürlich wollte ich auch unbedingt dazu gehören. Allein sein unter vielen Leuten, die man täglich sieht, kann furchtbar sein. Je mehr ich an Spott abbekam, um so empfindlicher wurde ich. In Erinnerung ist mir deutlich, dass ich nach der Lektüre des „Was ist Was“-Bandes über Höhlen eine fiktive Höhlenkarte mit Eingängen in der Umgebung meines Heimatortes auf den Rand meines Heftes zeichnete. In der Pause schnappte sich ein Klassenkamerad das Heft und las zur Belustigung der Klasse und mit beißendem Spott meine Beschriftungen vor. Zu anderen Anlässen fragten mich Mitschüler immer wieder, immer drängender, unter Nennung meines Namens, wie ich hieße. Man kann einem Kind, einem Jugendlichen noch so oft sagen, dass man so etwas ignorieren soll. Es funktioniert nicht. Man will dazugehören, den Erwartungen entsprechen, und zugleich steht man damit vor einer unlösbaren Aufgabe, denn das Spiel mitzuspielen führt zu Demütigung, und mit der Neigung zu Tränen…

Die Nachwirkungen merke ich noch heute. Es ist einfach, mich zu verunsichern, dass ich nicht dazugehöre. Ich denke dann, ich habe etwas falsch gemacht. Ich misstraue Lob und nehme Kritik zu schwer, insbesondere unfaire, un- oder nur teilberechtigte Kritik kann ich nur ganz schwer an mir abprallen lassen und fühle mich allzuleicht mit Lob aufgezogen und mit Kritik persönlich abgelehnt. Eine Mobbing-Vergangenheit nennt man das wohl. Ich kenne das Gefühl gut und manchmal erkenne ich es auch, wenn ich von den spröden Reaktionen betroffen bin, die andere Mobbing-Opfer manchmal zeigen, wenn sie sich durch unbeabsichtigte oder eingebildete Angriffe meinerseits daran erinnert fühlen. Zum Glück wird das heute meistens von Gelassenheit und Selbstvertrauen aufgefangen.

Mitte bis Ende meiner Zwanziger kam ich langsam dahin, dass ich eines der zugrundeliegenden Probleme, die mich zu einem solch dankbaren Opfer machten, zu lösen begann. Aus dem unglücklichen Jungen wurde eine mindestens zufriedenere, bald glückliche Frau. Ich walze diese Entwicklung ungern aus – auch wenn sie wichtig für mich ist und meine Perspektive zum Teil definiert. Das Ganze vor sich herzutragen, macht’s nicht einfacher und es ist auch kein zentraler Kern dessen, was ich bin. Aber über diesen Wechsel bekam ich langsam mit, dass ich mich selbst mögen kann. Kunststück, sich zu mögen, wenn man nicht einmal merkt, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt, aber es eben so ist, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt.

Inzwischen bin ich durchaus manchmal laut, lustig oder vermeintlich lustig. Ich rate den Menschen, mich nicht zu ernst zu nehmen, ich täte das schließlich auch nicht. Dazu gehört eine Menge Mut und Selbstvertrauen, die mir lange Zeit abgingen. Begonnen hat es als Panzer gegen die Unsicherheit. Aber es war ein Mantel, der bald zur zweiten Haut wurde, als sei ich bereit dazu gewesen, in diese Attitüde hineinzuwachsen.

Und doch reizt es mich immer wieder, mit dem Anderssein zu spielen, die Grenzen des Muts auszutesten, den ich mittlerweile habe. Meine Gedanken, was ich gerne anziehe, wer ich bin, es fällt auf. Die Angst vor dem Ausgestoßensein, untermauert von den Erfahrungen des tatsächlichen gemobbten Außenseitertums, gepaart mit der eigenen Auffälligkeit, wenn ich mich nicht verstelle, sie sind noch da.

Und so gehört zu den schönsten Erinnerungen an meine Schulzeit jener Abi-Streich, an dem einer unserer Lehrer mit der Abi-Band BAPs „Verdamp‘ lang her“ sang und ich, Arm in Arm mit einigen meines Jahrgangs auf dem Schulhof im Takt hüpfte. Es waren da welche dabei, die weder zu meinen wenigen Freunden gehörten noch zu den etwas mehr, von denen ich mich gemobbt fühlte. Es waren einfach Leute, die nicht darüber nachdachten, ob ich so unberührbar war, wie ich mich fühlte. Es ist eine spontane Woge der Freude, des Wohlig-Warmen, wenn ich daran denke.

Damals war es noch viel häufiger so, dass ich, in einer Gruppe gut aufgenommen, schnell misstrauisch wurde. Wie konnte man mich aufnehmen, ohne Ironie und Spott dahinter zu legen, obwohl ich doch ich war? Heute habe ich dieses Gefühl nur noch selten, und wenn doch, überspiele ich es. Aber es ist noch da. Vermutlich geht das auch nie weg. Manchmal frage ich mich, ob diese Narbe in meiner Persönlichkeit vielleicht eher ein Orden ist, der mir geholfen hat, die zu werden, die ich bin. Aber eigentlich ist es nur mies, dass dieses Spiel mit der Furcht vor dem Alleinsein, diese Abhängigkeit von denjenigen, die die Schwächen anderer rücksichtslos zur Befriedigung ihres eigenen Egos benutzen, einen so lange prägen kann.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Verdamp‘ lang her“ nennen und damit anfangen, eben wegen der wohligen Erinnerung. Vielleicht ist’s besser gewesen, es nicht zu tun. Denn ich bin heute jemand anders – jemand, der mit einer gewissen Sicherheit anderen raten kann, mich nicht so ernst zu nehmen, ich täte es ja auch nicht. Jemand, der sich nur noch ganz selten panisch vor dem Ausgestoßensein fürchtet, wenn sie sich herauswagt.

Warum tue ich mir das an?

Froh, nach dem Training noch Enthaarung hinbekommen zu haben. Mit Läuferbräune usw.

Gestern nach dem Training und dem „Frühstück“ nach dem langen Lauf habe ich mir noch anderthalb, eher zwei Stunden genommen, um meine Beine zu epilieren. Jetzt könnte man fragen: Rasieren geht doch viel schneller? Aber mein „Warum tue ich mir das an?“ war anders gemeint. Dennoch zunächst die Antwort auf diese Frage: Epilieren hält länger. Rasieren müsste ich dauernd, nach dem Epilieren habe ich etliche Wochen Ruhe.

Aber die Frage war – wie geschrieben – generellerer Natur. Warum brauche ich haarlose oder zumindest fast haarlose Beine? Ein richtiger „Pelz“ ist es auch ohne Aktionen nicht. Aber tue ich es vor allem für die anderen, vor allem für mein Gefühl zum Urteil der anderen oder vor allem für mich? Letztlich ist von allem ein bisschen dabei. „Für die anderen“ ist aber am wenigsten, denn ganz aufrichtig: Ich ziehe auch meine Röcke für mich und nur für mich an. Es geht mir dabei nicht um die Blicke der Männer oder das Urteil der Frauen (im Klischee – sicher spielt beides auch beim jeweils anderen Geschlecht rein). „Wie kann die Ihre behaarten Beine in einem kurzen Rock zeigen?“, das tangiert mich mehr, als ich zugeben möchte, aber deutlich weniger, als es das noch früher tat. Nichtsdestotrotz mag ich es nicht, dieses Urteil zu antizipieren, selbst wenn es gar nicht da sein sollte!

Vor allem wichtig ist mir aber, dass ich selbst es schöner finde. Auch, wenn ich nicht dem Urteil „der anderen“ unterworfen wäre, würden mir wenig bis nicht behaarte Beine an mir selbst besser gefallen. Meinem Mann ist’s egaler als mir, ihm gefalle ich auch in … äh, nicht aus dem Ei gepellt. Er sagte mal zu mir: „Du bist so hübsch!“ Ich fühlte mich gar nicht hübsch und erwiderte: „Aber hab‘ viel mehr Haare auf den Beinen, als mir lieb ist, habe ungewaschene Haare, bin verschwitzt…“ Und er so eiskalt: „Und stinkst vor dich hin.“ Das fand ich ganz großartig. Aber ich gefalle mir selbst besser, wenn ich gewisse Aspekte der nicht erforderlichen, aber gewisser Ästhetik Vorschub leistenden Kosmetik fröne. Also epiliere ich meine Beine. So ganz nebenbei mag ich auch das Gefühl von Stoff – sei es nun eine Strumpfhose, ein Rocksaum oder die Bettdecke – auf der haarlosen Haut. Das Gefühl zu haben, spielt auch eine Rolle.

Und so kann ich dann doch sagen: Nein, es ist weitestgehend nicht die Gesellschaft, die mich dazu nötigt, den Epilierer auszupacken. Ich möchte nicht, dass jemand weitestgehend oder nur wegen dieser Ideale sich zum Enthaaren zwingt – aber ich möchte auch nicht, dass der Akt des Enthaarens zur Unterwerfung unter die Konventionen hochstilisiert wird.

Komisch eigentlich, was man sich nach ca. 75 Minuten Krach und Ziepen für Gedanken macht, nicht?

Unsichtbares, rosafarbenes Einhorn

Vor einiger Zeit entdeckte ich das unsichtbare, rosafarbene Einhorn. Analog zum fliegenden Spaghettimonster ist es eine Parodie auf den Theismus, den Glauben an einen personifizierten, mit Eigenschaften behafteten Gott, über dessen Beweisbarkeit und weitere Eigenschaften man herrlich streiten, diese Thematik unglaublich ernst und schwer nehmen kann. Der Clou am unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn ist, dass die Eigenschaft „rosafarben“ durch die Unsichtbarkeit per se der Wahrnehmung unzugänglich ist. Das unsichtbare, rosafarbene Einhorn wird als weibliche Gottheit angesehen, SIE tauchte das erste Mal als „invisible pink unicorn“ in atheistischen Diskussionsplattformen der frühen 90er auf. Für Atheisten ist SIE und all die Theologie um SIE herum ein Weg gewesen, das Unverständnis nicht-gläubiger Menschen für leidenschaftlich-dogmatische theologische Debatten zu illustrieren.

Ich für meinen Teil empfinde das unsichtbare, rosafarbene Einhorn als ein sehr angenehmes Konzept in dieser Richtung. Es ist für mich glitzernder als das fliegende Spaghettimonster, der in den beiden intrinsisch zugeschriebenen Eigenschaften verankerte Widerspruch per se spricht mich an – als Konzept, das erklärt, wie Glaube funktioniert. SIE ist unsichtbar, und dennoch wissen wir, dass SIE rosafarben ist.

Ich bin nicht sicher, ob ich mit dem Antagonisten, der lila Auster, etwas anfangen kann, ähnlich wie der christliche Teufel erscheint sie mir arg konstruiert.

Lustigerweise ist ein Synkretismus aus Last-Thursdayism und dem Glauben an das unsichtbare, rosafarbene Einhorn für mich sowohl als religionsparodierendes Konstrukt wie auch als Glaubensgebilde durchaus ansprechend. Vermutlich wird die Kirche des unsichtbaren, rosafarbenen Einhorns ebensowenig auf Umfragebögen zum Bekenntnis auftauchen wie der Glaube, alles sei inklusive der Erinnerungen an das „davor“ letzten Donnerstag erschaffen worden (Last-Thursdayism).

Ich möchte auch niemandem den Eindruck vermitteln, ich nähme seinen Glauben nicht ernst. Für mich persönlich sind in sich durch Widersprüche gebrochene, im spirituellen Part nicht beweisbare Bekenntnisse aber schlicht nicht überlegen, bloß weil sie Tradition haben. Wenn ich mich zum unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn bekenne, folgt daraus, dass ich einen festen, christlichen, muslimischen, jüdischen, buddhistischen, pastafarischen Glauben nicht verurteilen kann und darf. Was ist auch an einem Synkretismus aus dem Glauben an das unsichtbare, rosafarbene Einhorn und einer last-thursdayistischen Schöpfungslehre auszusetzen, gewürzt mit etwas radikalem Konstruktivismus und der Erkenntnis, dass im Last-Thursdayism eine gute Portion Solipsismus steckt?

Es gibt bestimmt den einen oder anderen, der mit weniger mündiger Überzeugung „Christ“ auf der Religionsumfrage ankreuzt oder mit weniger Nachdenken kreationistische Glaubenssätze übernimmt.

Wenn zwei sich streiten …

… freut sich der Dritte, sagt man. Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass es meistens anders ist. Von Streit hat keiner was. Meistens ist es auch so, dass Streits abstrahlen. Neutral zu bleiben ist nicht so einfach, wenn es im eigenen Umfeld stattfindet und man mit beiden Beteiligten arbeiten muss oder befreundet ist. Sich zu entscheiden ist auch immer schwierig, weil meistens die Lage nicht ganz eindeutig ist. Am Ende wird es meistens darauf hinauslaufen, dass man egoistische Entscheidungen trifft: Man schaut, dass man es mit der Seite hält, die einem wichtiger oder näher ist.

Niemand trifft solche Entscheidungen gerne. Ich habe derzeit einen Punkt offen, an dem ich eine solche Entscheidung nicht getroffen habe, aber jemand anderes, ein anderer „Dritter“, eine Entscheidung getroffen hat – und vermutlich auf die Dauer die eine Streitpartei ersetzen wird. Dann ist da noch eine Stelle offen, an der ich noch gar nicht vor der Entscheidung stehe, aber ganz genau weiß, wie meine Entscheidung ausfallen wird. Konkreter kann und möchte ich nicht werden, da dies hier öffentlich ist.

Mir persönlich ist es viel lieber, wenn jemand beim Erzählen vom Streit, beim Sprechen über das, was am anderen stört, von sich ausgeht und von seinen Gefühlen – und das auch klar macht und selbst klar sieht; wenn jemand sich dessen bewusst ist, dass er oder sie mir seine oder ihre Perspektive erzählt, vielleicht aber mehr und anderes dahintersteckt. Das macht es einfacher. Ich selbst gehe von mir aus, von dem, wie ich die Dinge wahrnehme und was mir wichtig ist. Das ist immer nur eine der vielen möglichen Perspektiven und Wahrnehmungen. Meist sind die Menschen, die ihre eigene Perspektive einnehmen, es sich aber auch bewusst machen, die eher Kompromissbereiten. Ich höre gerne zu, wenn jemand über das spricht, was ihm Probleme mit anderen bereitet, und versuche, zu helfen – und sei’s nur durch zuhören. Was ich nicht mag ist, wenn über andere hergezogen wird. Damit meine ich nicht die Rumflachserei, die jeder mal macht – die ist ja in der Regel auch zu Ende, wenn man sagt: „Ernst mal, bitte – das ist mir wichtig.“ Schwierig wird’s, wenn das auch nicht akzeptiert wird. Konstruktiv wird die Sache, wenn jemand zu mir kommt: „Ich möchte Deine Perspektive hören oder zumindest meine Perspektive an Deinem Zuhören und Deinem ‚Hmmm‘ oder ‚Ja‘ oder ‚Ich verstehe Dich‘ überprüfen.“ Oft kann man dann dennoch nicht helfen, sieht aber, dass die Situation wenigstens von dieser Seite noch nicht völlig verfahren ist. Ich hatte in den letzten Tagen einige Gespräche mit Parteien solcher Streits, in der ich „Dritte“ war. Ich hatte auch Gespräche über solche Streits und wie Partei ergriffen wurde, mit anderen „Dritten“ dieser Streits. Konkret sind’s mindestens zwei solche „Gefechte“, in denen ich zumindest potentiell gefährdet bin, bei Eskalation Kollateralschaden abzubekommen.

Nun sitze ich hier und denke mir: Die zwei Fälle sind nicht miteinander vergleichbar. Einer ist von beiden Seiten verfahren, der andere von einer, von der anderen erlebe ich gerade erst die Resignation. Beide spielen sich unmittelbar in meiner Umgebung ab, aber in unterschiedlichen Teilen meiner Umgebung. Aber beide Fälle zeigen: wenn zwei sich streiten, freut sich eben nicht der Dritte. In diesem Falle möchte die Dritte das Ganze auflösen, zur Ruhe bringen. Denn wenn es eskaliert, trifft’s auch mich als diese Dritte. Vermitteln ist aber auch vermintes Gelände.

Und so hoffe ich, dass die Dinge okay gehen, dass sie sich lösen. Parallel überlege ich mir Strategien, wie ich mit der Eskalation umgehen werde – und dabei selbst Porzellan zerschlagen. Blöde Sprichwörter könnten manchmal nicht falscher sein.

Nebenbei: Beim Laufen ist es genauso. Wenn sich zwei (gute, starke) streiten, werden sie schneller, wachsen an der Konkurrenz. Und der oder die Dritte wird abgehängt.

Miniatur Writers Retreat

Nachdem wir heute auf einem Geburtstag in der Verwandtschaft waren, habe ich sozusagen die Miniversion eines Writers Retreat gemacht. Um mich zu konzentrieren, habe ich das Notebook mit nach draußen in den Garten genommen, die meisten ablenkenden Kommunikationswege eliminiert und mich dann dem Schreiben gewidmet. Es ging dabei um das Weiterkommen am Howard-Goldstein-Vortex.

Mein kleiner Writers Retreat im Garten.

Am Freitag ging die letzte bis dahin vorgeplante Folge des Howard-Goldstein-Vortex online, es war Folge 1.5: Das Werk eines Toten. Nun galt es, die weiteren vorgeschriebenen Abschnitte mal wieder eine Weile vorauszuplanen – bis Folge 1.10 ist mir das gelungen. Damit bin ich allerdings noch immer nicht an dem Punkt angekommen, an dem ich im Moment weiter schreibe. Vier bis fünf Folgen lagen auch vor dem kleinen Retreat am heutigen Spätnachmittag schon in einer Textdatei auf meinem Rechner bereit, sind aber noch nicht vorgeplant hier auf dem Blog. Ein bis zwei weitere Folgen habe ich heute geschrieben – die großen Zusammenhänge sind bereits geplant, aber ausformuliert ist noch nicht alles. Im Moment befriedigt mich enorm, dass ich das Ganze zwar scheibchenweise online stelle, aber schon einen festen Plan für den Fortgang von Veröffentlichung und Geschichte habe. Über drei Staffeln wird das Ganze laufen, jeweils zwanzig bis dreißig Sequenzen, die ich als Folgen bezeichne, wird jede Staffel umfassen. Vermutlich wird früher oder später eine Index-Seite auf dem Howard-Goldstein-Vortex hinzukommen müssen, um das Lesen zu erleichtern. Vielleicht, aber das muss ich noch einige Male gedanklich hin und her wenden, werde ich auch die Reihenfolge der Beiträge des Howard-Goldstein-Vortex‘ ändern – älteste zuerst statt neueste zuerst. Es ist also noch viel in Planung!

Auch sehr gefreut hat mich, dass ein Freund Resonanz auf die Entwicklung meines Schreibstils gegeben hat. Eine Entwicklung zwischen „Am Rand des Strömungsabrisses“ und dem „Howard-Goldstein-Vortex“ ist also sichtbar. Das freut mich und ich hoffe, daran weiter wachsen zu können.

Wenn ich mir Dinge vorstelle …

… wird das zumeist recht schnell sehr plastisch. Keine Phantasie von Körpern ohne Gesichter, Namen, Geschichten, Eigenschaften, nichtmal erotische ohne all das.

So auch zur Zeit mal wieder. In meinem Kopf entsteht derzeit ein ganz verrücktes Haus. Genau genommen entsteht es sogar WIEDER. Dieses verrückte Haus habe ich mir schon einmal vorgestellt. Es handelt sich hierbei um ein Haus am Hang, das mehr oder minder um einen Infinity Pool arrangiert ist. Der Pool ist etwas mehr als zwei Meter tief, an zwei Seiten umgibt ihn das „Erdgeschoss“ des Hauses, auf der Höhe des Plateaus, an dessen Hang sich das Haus befindet. Das Gelände fällt nach Süden um zwanzig Meter ab, der Pool ist in das obere von zwei Sockelgeschossen eingebettet – der Clou ist aber, dass drei Räume im „Keller“, eigentlich dem oberen Sockelgeschoss, gut wärmeisolierte Fenster mit Blick in den Pool haben. Der Raum im Osten hat auch, unterhalb der Hangkante, Fenster nach Osten, so dass morgens die Sonne durch den Raum im Osten das Wasser des Pools erleuchtet und so indirekt in die Räume mit Fenster ins Wasser hinein leuchtet.

Eines der Zimmer nördlich des Pools ist das Schlafzimmer der extravaganten Bewohnerin, die eher eine Einzelgängerin ist. Ihre Geldquelle habe ich mir überlegt, lasse sie aber hier gerne im Dunkeln, weil sie das auch so täte. Sie ist ein Partytier, aber in ihr mondänes Haus lässt sie kaum jemanden rein, gelegentlich verschleiert sie auch vor ihren Freunden, wo sie wohnt, indem sie mal den Eingang oben am Plateau und mal den unten am Hang benutzt.

Sie hat natürlich auch einen Namen und ich sehe ihre Handtücher unordentlich auf der hölzernen Sockelbank am Fenster in den Pool liegen, sandfarben und blau.

Imagination ist etwas wundervolles. Ob ich mehr von Mara und ihrem Haus erzählen mag? Ich weiß es nicht. In jedem Fall liebe ich die Vorstellung, den All- und Nichtalltag in dem Haus und außerhalb. Auch wie sie sich fragt, ob sie einsam ist, weil sie auf Parties in der Mitte des Trubels, aber daheim immer allein ist. Wie Sonnenbrille und dunkelblonder Pferdeschwanz zu ihrer „Maske“ draußen gehören, sie schon über ein bisschen ungewöhnliche Kleidung Distanz aufbaut.

Was man so phantasiert und niederschreibt, wenn man am Albtalbahnhof auf den Anschluss wartet …

Herrenloser Koffer

Heute früh in der Bahn sah ich eine leere Vierersitzgruppe, die ich zu nehmen beabsichtigte. Doch darin stand ein großer Rollkoffer, dennoch setzte ich mich dort hin.

Doch dann setzten die Gedanken ein: „Das ist nicht mein Koffer, wem hier gehört er?“ Eine Dame stand im Eingang des Zuges direkt daneben und ich ordnete ihr den Koffer zu. Doch sie schien ihn nicht zu beobachten. Vielleicht die Frau mit dem Kinderwagen? Oder die Dame gegenüber, vielleicht die Gruppe im nächsten Vierersitz?

Der Koffer rollte leicht gegen mein Knie. Ich dachte nach: „Eine Kofferbombe im Karlsruher Arbeitsverkehr?“ Ich saß direkt daneben. Wenn es eine Bombe wäre, würde es wenigstens schnell gehen! Aber wenn das Ding eine Bombe war und erst nach meinem Ausstieg hochgehen würde – und ich nichts gesagt hätte? Könnte ich damit leben?

Eine Dame ging an mir vorbei. Dieser Blick! „Die blockiert mit sich und ihrem Koffer einen ganzen Vierer!“ – „Aber das ist doch gar nicht mein Koffer!“, will ich schreien. Doch ich sage nichts, weil sie vielleicht nur böse geschaut hat, weil sie noch müde ist.

Wieder rollt der Koffer gegen mein Bein. Wem gehört er? Wenn er eine Bombe ist, geht er bestimmt am Hauptbahnhof hoch, maximaler Effekt. Verdammt, wenn ich aussteige und den Koffer zurücklasse, werde ich damit verbunden!

„Entschuldigung, kann ich?“ Die Dame, die mit Handy am Eingang lehnte, die ich gleich nach der Frage nach dem Besitzer erwähnte, hat inzwischen mit dem Ticketautomaten interagiert, zwei Stationen später hat sie sich gegenüber des Vierers mit Koffer und mir gesetzt. Nun, am Albtalbahnhof, bittet sie mich um etwas Platz, nimmt ihren Koffer und steigt aus.

Einfach so.

Lügen ist anstrengend

Das klingt nun sehr plakativ. Ich drücke es auch gerne so plakativ aus, auch wenn ich es vielleicht nicht ganz so hart meine, wie ich es hier schreibe.

Lügen ist natürlich moralisch nicht unbedingt vertretbar, auch wenn an vielen Stellen unserer Gesellschaft die Notlüge oder die Auslassung üblich sind und vielleicht auch zur Umgangsform gehören. Dennoch finde ich es anstrengend, denn: Wenn ich eine Lüge oder eine Auslassung aufrecht erhalten möchte, muss ich mich darum kümmern und im Blick behalten, wem ich was erzählt habe. Nicht nur, dass ich sicherstellen muss, dass derjenige, dem ich die Wahrheit gesagt habe, und derjenige, dem ich eine Lüge erzählt habe – oder gar Leute, denen ich verschiedene Lügen erzählt habe – miteinander austauschen. Nein, vielmehr muss ich auch die Übersicht behalten, WEM ich WAS erzählt habe – oder bei Auslassungen eben nicht erzählt habe. Dafür bin ich zumeist zu faul. Ich erzähle viele Dinge öfter mal. Wenn sie mir im Kopf rum gehen und ich gerade mit jemandem über ein Thema spreche, zu dem die Geschichte, Begebenheit oder Erkenntnis passt, die mir gerade im Kopf herumgeht, dann erzähle ich darüber. So hören immer wieder Leute Geschichten von mir zweimal. Oder dreimal. Oder viermal. Oder ich denke, ich habe sie der Person schon erzählt, aber der Person ist neu, was ich erzähle.

Ich müsste mir klar machen, wem ich was erzählt habe, wenn ich an verschiedenen Stellen, bei verschiedenen Leuten unterschiedliche Geschichten erzählen würde. Dafür bin ich zu faul, viel zu faul. Der Vorteil an der Wahrheit und einer halbwegs homogenen Struktur, wie weit ich die Dinge offenlege, liegt auf der Hand: Ich muss überhaupt nicht im Blick behalten, wer was weiß und wer was nicht wissen soll. Ich kann einfach drauflos erzählen und die meisten Fettnäpfchen, die ich dabei erwische, basieren darauf, WER ich bin, und nicht darauf, was ich wem vorenthalten oder wem ich was auftischen will. Mir würden Lügen eh immer um die Ohren fliegen, weil ich ja doch nicht im Blick behalte, wo ich was schon erzählt habe.

Lügen und Auslassen ist deswegen an sich nicht anstrengend. Die Lüge aber aufrecht erhalten und das Ausgelassene nicht an den unerwünschten Adressaten geraten zu lassen, ist aber sehr anstrengend. Im Endeffekt mach das das Leben mit dem Lügen anstrengend – verkürzend gesprochen ist somit aber eben doch das Lügen anstrengend. Wenn man aber stets das erzählt, was wahr ist oder was man (konsistent) für wahr hält, wird das alles sehr einfach. Deswegen lasse ich das Lügen und hasse es, wenn ich für andere lügen soll. Weil es anstrengend ist, und es gibt so viele andere Dinge, für die sich anzustrengen viel mehr lohnt.