[KuK] Reflexion

Pfingstsonntag, halb acht. Ich frage mich, was eigentlich mit mir passiert ist.

Vor fünf Jahren wäre ich aufgestanden, hätte kurz WGT-Fotos meiner Freunde gecheckt, festgestellt, das manche noch gar nicht in ihren Zelten oder Hotels gewesen wären, und hätte mich wieder ins Bett gelegt.

Heute bin ich auf, trinke eine Tasse Kaffee und drei Tassen Tee und checke das Wetter, ob ich mir kurzer oder mittellanger Hose nach Karlsruhe radle, um mich mit meinen Laufpartnern auf einen Halbmarathon durch den Hardtwald zu treffen.

Es ist nicht nur „Corona passiert“. Meine Mama hat mal über den Ehemann einer Studienfreundin gesagt, er habe dasselbe „Asketisch Verbissene“ wie mein Papa damals. Ihre Freundin und sie redeten bei den Treffen der beiden Paare über das Studium, über Wein, die alten Zeiten. Mein Vater und der Ehemann der Freundin über Fahrräder, Kalorien, Sport.

Ich sehe mich gerne als intellektuelle und humanistische Erbin dessen, was meine Mutter verkörperte und war. Aber am Ende des Tages kann ich auch meinen Vater nicht verleugnen.

Wettstreit der Verbrenner

Es gibt – im Zuge des Klimaschutzes und des damit verbundenen Aufstiegs des E-Autos – derzeit viele Diskussionen, ob Elektromobilität oder „der Verbrenner“ das Mittel der Wahl seien. Das bezieht sich dann auf die Autos, und man kann ja mit dem Materialaufwand für Akkus (insbesondere die Herstellung bestimmter Metalle, die für Akkus gebraucht werden, und deren Lebensdauer) gewisse Punkte ins Feld führen, dazu noch die Erzeugung des Stroms. Grundsätzlich sind aber nicht alle Verbrenner schlecht.

Die „Verbrenner“, die in meinem Alltag zum Einsatz kommen oder kommen können, habe ich nun mal in Beziehung zu setzen begonnen. Die Elektromobilität kommt bei mir bisher nur in Form von ÖPNV und öffentlichem Fernverkehr zum Einsatz, daher ist es tatsächlich ein Wettstreit der Verbrenner, wenn ich meinen Individualverkehr nach Strecke aufführe. Zur Personenbeförderung sind bei mir derzeit im Einsatz:

  • Toyota Aygo der zweiten Generation, Verbrenner fossiler, eher kurzkettiger Kohlenwasserstoffe mit gewissem Anteil regenerativer Alkohole (derzeit eher unter 5% als unter 10%)
  • Für kurze (schwer erfassbar) und längere Strecken „Schusters Rappen“, also Gehen und Laufen. Da ich teils auf Laufschuhen ins Büro gependelt bin und auch schonmal mit Rucksack zum Einkaufen zum Bäcker gerannt bin, möchte ich den „Glykogen- und Lipid-Verbrenner ohne Räder/Rollen“ nicht von den Verkehrsmitteln ausnehmen, auch wenn der Großteil der erfassten Laufstrecken doch eher in Training und/oder vergnügliches, freizeitliches „Spazierenlaufen“ fällt.
  • Bisher eher nicht als Verkehrsmittel genutzt kommt noch das Inline-Skaten dazu. Aber Freunde von mir skaten durchaus ins Büro, und wenn ich mal mehr Praxis und weniger Homeoffice habe, werde ich diese Option sicher nicht ausschließen. Schneller und dabei weniger schweißtreibend als das Laufen ist es allemal, und damit effizienteres Pendeln.
  • Definitiv stark als Verkehrsmittel genutzt tritt derzeit das Radfahren auf. Auch hier haben wir – wie beim Laufen und Skaten – einen Glykogen- und Lipidverbrenner vorliegen, der aber regenerativ betrieben wird, denn sobald organische Verbindungen als „fossil“ gelten dürfen, bin ich ziemlich sicher, dass ich sie nicht mehr essen oder trinken mag.
  • Der Vollständigkeit halber aufgeführt sei hier das Schwimmen.

Über die unteren vier – Laufen, Radfahren, Skaten und Schwimmen – führe ich ja schon länger Buch. Da nun aber bei mir erstens das Radfahren zunehmend kurze Auto-Strecken ersetzt, selbst wenn viel Last zu befördern ist, und ich zweitens durchaus mit dem Gedanken kokettiere, beim „Stadtradeln“ mal als Stadtradeln-Star mitzumachen zu versuchen, habe ich beschlossen, auch Auto-Kilometer zu dokumentieren und in der Liste aufzuführen. Das tue ich nicht rückwirkend, sondern erst ab Mai 2021, also ab dem laufenden Monat. Einerseits habe ich schon mehrfach im Kopf den Vergleich angestellt, wie sich per Muskelkraft zurückgelegte Strecken zu den mit dem Auto abgespulten Kilometern monats- und jahresweise bei mir verhalten, andererseits hilft’s mir natürlich, abzuschätzen, wie viel Umstellung es erfordern würde, wenn das Auto nicht mehr als eigenes Auto jederzeit auf dem Hof stünde – entweder, weil’s kaputt wäre, oder weil wir nur noch über Carsharing eine Verfügbarkeit des Autos für uns gewährleisten würden. Das ist jeweils rein hypothetisch gesprochen, denn unser kleiner Aygo funktioniert, hat immer noch unter 110.000 Kilometer auf dem Buckel und eine Abschaffung ist auch nicht in Planung. Natürlich nutzt die Statistik, wie oft und über welche Strecken das Auto genutzt wurde, auch bei der Abschätzung, ob und wenn ja, was für ein neues Auto angeschafft werden sollte, wenn der Aygo dann doch mal den Geist aufgibt.

Und somit habe ich nun die Möglichkeit, den „Wettstreit der Verbrenner (im Individualverkehr)“ in meinem Leben aufzumachen:

Das neue Gesamtkilometer-Diagramm ab Mai 2021. Stand der Monate vor Mai ohne Erfassung von Autofahrten, Stand der Erfassung im Mai: 05.05.2021, 6:00.

Bis jetzt ist nur in der Legende das Auto dazugekommen. Monate, in denen eine „0“ an Autokilometer zusammenkommt, erfasse ich für das Diagramm mit einem „#NV“, was in Excel dem Fehler „no value“ entspricht. In den Diagrammen erscheint dann kein Punkt. Natürlich geht das Auto nicht in die Kilometersumme „Cardio Gesamt“ ein, sondern steht als Gegenstück dazu mit drin. Da ich die Erfassung von Autofahrten erst ab Mai 2021 beginne und rückwirkende Schätzungen sicherlich sehr ungenau wären, und wir im Mai noch gar nicht Auto gefahren sind, gibt’s bisher keine Punkte in Braun, sondern nur den Legendeneintrag.

Ich bin sehr gespannt, ob ich die Disziplin habe, tatsächlich quasi ein Fahrtenbuch draus zu machen und somit eine Datenbasis zu legen, die auch die Entscheidung beim nächsten Auto fundierter machen wird. Wenn nämlich nur sehr wenige, lange Fahrten auftreten, ist eventuell die Mietwagen-Lösung gangbar. Sind’s einige kurze und weniger lange, dann könnte neben dem Rad eine Carsharing- und Mietwagen-Lösung her, sind es etwas mehr kurze, ist vielleicht ein E-Auto eine Idee. Nur bei eher mehr, eher langen Fahrten müsste man wohl, wenn die technische Entwicklung der tatsächlich verfügbaren Fahrzeuge und der Ladeinfrastruktur dann nicht wesentlich vorangekommen sein sollte, wieder einen eigenen Verbrenner in Erwägung ziehen.

Das klingt nun schon fast nach einem „ganzheitlichen persönlichen Verkehrskonzept“. Oh weh!

Die ganze Geschichte

Oh, das ist eine vollmundige Ankündigung, nicht wahr? Ein Blogbeitrag, der mit „Die ganze Geschichte“ überschrieben ist, verspricht unheimlich viel. Man könnte mir vorwerfen, bewusst fehlzuleiten…

Aber eigentlich bezwecke ich etwas damit und der Titel ist vielleicht etwas verkürzt. Oft ist es so, dass man irgendetwas sagt oder hinschreibt, das im Kontext der eigenen, der „ganzen Geschichte“ etwas bedeutet – und aus dem Zusammenhang gerissen etwas ganz anderes. Dieser Punkt ist mir mal wieder bewusst geworden, anhand eines Beitrags, den ich am Samstag auf Strava geteilt habe. Ich greife das mal raus…

Der Anlass

Nach zwei Wochen schaffte ich es am Samstag endlich, mit meiner Nichte (11) eine Runde Inliner zu fahren (wie sie es ausdrückt) oder skaten zu gehen (wie ich es ausdrücke). Sie hat deutlich mehr Praxis, da sie schon deutlich mehr gefahren ist und als junger Mensch auch motorische und koordinative Abläufe deutlich schneller erlernt als ich mit meinen Anfang 40. Nicht unerwartet war, dass sie zuverlässiger und mit mehr verschiedenen Methoden bremsen kann und auch weniger leicht die Balance verliert als ich. Auch, dass sie mit ihrer größeren Praxis mit Unebenheiten des Bodens besser umgehen kann, war mir bewusst. Etwas überrascht hingegen hat mich, dass ich schneller und auch ausdauernder skaten kann als sie – denn natürlich bin ich als Marathon-Läuferin fit, aber die Bewegungen des Skatens sind mir halt doch noch fremd und daher hinreichend anstrengend – zweimal verlangte meine Nichte eine Pause, die ich sicher nicht gebraucht hätte, mehrfach merkte ich, dass ich schon auf freiem Radweg die 15 km/h überschritt, während sie meinte, dass sie bisher maximal 15 km/h schnell gewesen sei – ich habe schonmal 20 erreicht.

Unter der Aktivität (GPS-Track, Geschwindigkeitsverlauf usw.), die ich auf Strava hochgeladen hatte, kommentierte ich, dass meine Nichte sicherer im Bremsen und generell sei, aber ich schneller und ausdauernder sei. Damit drückte ich diese Verwunderung aus.

Ein mir flüchtig und nur online bekannter Skater und Triathlet kommentierte darunter, schnell skaten könne jeder. Er ergänzte, dass bei schnellem Skaten gefährlich sei, wenn man nicht sicher skaten und bremsen könne. Tja, meine Aktivität war mit „Skaten Üben mit meiner Nichte“ überschrieben, und für mich selbst bedeutete das, dass ich in diesem Falle Sicherheit und Technik übe. Aber natürlich habe ich nicht die ganze Geschichte erzählt… sondern vorausgesetzt, dass ich Technik, Sicherheit und Bremsen übte und mir Tipps von der jungen Dame holte, nebendran aber meiner Verwunderung Ausdruck verlieh, dass meine Ausdauer und Kraft vom Laufen und Radfahren mich durchaus auch in der nicht so gewohnten Sportart des Inlineskatens schneller sein ließ als meine Nichte. Ich fühlte mich zuerst zu unrecht belehrt, erst recht, weil ich natürlich vor Unsicherheiten bei hohem Tempo wie 30 km/h gewarnt wurde.

Annahmen über den Kontext

Was ist also, was ich sagen möchte? Nun… eine Lehre gibt es nicht, wohl aber so eine Art Erkenntnis: Vieles erscheint herausgerissen aus dem Kontext anders, als wenn man den Kontext kennt und für sich selbst voraussetzt. Kennt man das Publikum genau, weiß man, welchen Teil der „ganzen Geschichte“ man nochmal wiederholen muss. Aber gerade bei Vorträgen vor unbekanntem Publikum oder bei Postings im Netz ist unklar, wer welche Anteile der ganzen Geschichte kennt. Manche Leute setzen dann voraus, dass sie nicht die ganze Geschichte kennen – andere imaginieren die ganze Geschichte dazu, und landen natürlich nicht immer einen Treffer.

So war der Hinweis des Kommentators richtig: Schnell skaten kann fast jeder. Das ist einfacher, als sicher zu skaten und zu bremsen. Ich übe das seit einer Weile und wage mich langsam, mit zunehmender Sicherheit, auf raueren Grund, an Stellen, an denen ich ein bisschen schneller reagieren muss, als ich es zu Anfang konnte, aber noch nicht an Stellen, an denen ich auch nur halb so schnell reagieren müsste, wie ich es mir zutraue. Das schrieb ich dann dazu und alles war gut.

Sich getroffen Fühlen – und Perspektivwechsel

Meine (sicher nicht mehr pubertäre) trotzige Eitelkeit jedoch wollte schreien: „Warne mich nicht vor Dingen, vor denen ich mich mehr fürchte und die ich mehr meide, als Du Dir vorstellen kannst!“ Indes, ich habe das nicht geschrien, und geschrieben habe ich es auch nicht. Aber es geisterte in meinem Kopf herum – und deswegen habe ich es hier hingeschrieben. Ich selbst versuche meistens, auch bei Dingen, die in mir Warnlampen angehen lassen, unter der Voraussetzung zu kommentieren, dass ich vielleicht nicht die ganze Geschichte kenne.

Aber es ist noch gar nicht so lange her, da musste ich bei sowas zurückgepfiffen werden – jemand fragte, welche Tests er machen und Werte er bestimmen lassen müsse, um festzustellen, ob er als Läufer Nahrungsergänzung gegen Mängel brauche. Ich brach die Lanze für ausgewogene Ernährung und dass man ohne Nahrungsergänzung auskommen könne – aber hey: Der Kollege fragte, wie man bestimmen könne, ob und wenn ja, welche Dinge er ergänzen müsse! Er wollte sich nicht vollpumpen, sondern erstmal prüfen, und das ist definitiv besser, als einfach mal auf doofe Dunst etwas oder auch nichts zu tun!

Die Moral von der Geschicht‘ – oder vielleicht auch nicht?

Und so plädiere ich hier vor mir selbst dafür, mehr nachzufragen und weniger anzunehmen, wie etwas gemeint ist. Denn ich selbst mag’s ja auch nicht, wenn man aufgrund einer Äußerung falsch annimmt, dass ich etwas falsch mache, und mir das (in meinen Augen) vorhält!

Entertainer

Wie es scheint, ist an mir wohl ein Entertainer verloren gegangen. Freilich liegt das immer im Auge des Betrachters, aber heute hatte ich gewisse Indizien, dass ich eine Geschichte im realen Leben, sofern ich viel Anteil daran nehme, ganz gut erzählen kann.

Heute Mittag hatte ich aus irgendeinem Anlass kurz mit einer Kollegin zu tun, die auch Physik studiert hat, wenn auch mit anderen Fokus als ich. Wir hatten es dann kurz von Physik-Professoren und wie die so drauf sind, dann erzählte ich ihr noch etwas anderes und sie fragte nach. Wie es so kam, verquatschten wir uns: Von meinem Physik-Hauptdiplom in theoretischer Physik kamen wir auf meine (ganz gegensätzlich verlaufene) Hauptdiplomprüfung in experimenteller Physik. Dann kam das Thema auf meine Selbstbelohnung danach (eine abenteuerliche Fahrt mit dem Auto über mautfreie Straßen durch die Schweiz und Frankreich nach Le Bourg d’Oisans, Übernachtungen im Auto, das Bergzeitfahren in l’Alpe d’Huez während der Tour de France 2004) und dann auf Radsport.

Schließlich landeten wir dabei, dass sie fragte, wie Radsport schauen so sei. Also schilderte ich, was mich daran fasziniert – anhand dreier Bergankünfte, die großen Eindruck bei mir hinterlassen haben, durch die Bank aber schon sehr lange her sind:

  • Miguel Indurains Verfolgungsjagd nach Lourdes Hautacam 1994, als er zusammen mit Luc Leblanc alle Spitzengruppen jagte, einholte und hinter Luc Leblanc zweiter in Hautacam wurde.
  • Bjarne Riis‘ Angriff von der Spitze der fünfköpfigen Spitzengruppe, diese schiere Demonstration bloßer Überlegenheit, als vier starke Bergfahrer, die normal sehr wechselschnell fahren können, einem von der Spitze der Gruppe wegradelnden Riis nicht mehr folgen konnten – wieder in Lourdes Hautacam.
  • Jan Ullrichs Zurückfallen zum Teamwagen mit Walter Godefroot, sein lässiges zurückradeln in die zerrupften Reste des Hauptfeldes – und dann seine Attacke, wie er in der Serpentine forciert, wie er Virenque abhängt, die Zweiergruppe um Cédric Vasseur im gelben Trikot stehen lässt.
    Wie er dann den Kopf schüttelt, als er den führenden Ausreißer stehen lässt, höher hinaus stürmt, seinen Trikot-Reißverschluss schließt und sich dann umschaut, ob ihm jemand folgt, doch da ist keiner mehr…

Ich scheine es gut gemacht zu haben. Ich scheine meine Begeisterung, meine Gänsehaut von damals gut transportiert zu haben, denn sie tupfte kurz ihre Augen. Es ist selten, dass jemand die Dramatik, die unglaubliche Spannung und diese Gänsehaut nachfühlen kann, die es in mir weckt, einen Helden an einem Berg eines Straßenradrennens geboren werden zu sehen. Und sei’s nur bis zum nächsten Tag, wenn die anderen ihn deklassieren, oder bis herauskommt, dass er gedopt hat, oder alles zusammen.

Vermutlich kann ich das wirklich nur bei Dingen, von denen ich überzeugt bin, zu denen ich eine emotionale Bindung habe. Aber bei denen scheine ich es zu können – eine Spannung aufzubauen, eine Erzählung zu kreieren, die mitreißt. Das freut mich, denn ich weiß, dass es mir sehr viel bedeutet, diese enorme Begeisterung transportieren zu können. Vielleicht werde ich, wenn ich nun wieder anfange, Radsport zu schauen, neue solche Szenen erleben und den Leuten erzählen… das wäre schon klasse, finde ich.

Kubistische Insomnia

Ein Glück ist dieser Montag ein Feiertag! Ich finde es zwar schade, nicht mit meinen Lieben zusammen zu sein, aber ich bin im Moment unglaublich froh, dass heute frei ist. Das hängt damit zusammen, dass ich gestern beim zu Bett gehen der festen Überzeugung war, schnell einschlafen zu können.

Ich erzählte meinem Mann (und den versammelten Kuscheltieren und unsichtbaren Mauzen und unsichtbaren, kybernetischen Wölfen – was halt in unserem Haushalt so kreucht und fleucht) eine Katzen-Superhelden-Geschichte. Dann gab’s für die Mauzen, die Kuscheltiere und den Wolf (meinen Mann) ein „Püh!“ zum Einschlafen, von meinem Mann dann ein „Püh!“ für mich, Licht aus –

Gedanken an. Keine Ahnung, was ich zuerst dachte. Jedenfalls konnte ich nicht schlafen. Vielleicht dachte ich auch gar nicht und konnte nur nicht schlafen, die Gedanken kommen dann automatisch. Ich versuchte es mit Phantasie, die sowas üblicherweise bricht, aber es klappte nicht. Es dauerte nicht lange, dann war mein Kopf bei einer Idee angekommen, die wohl schon den ganzen Ostersonntag in meinen Gedanken gelauert hatte: Eine Fracht-Bahn-Linie für unseren Minecraft-Server. Genau genommen: Ein bis drei Facht-Bahn-Linien, die in der Gleishalle West (Fracht) meines großen Haupt- bzw. Tiefbahnhofs Warenumschlag zwischen

  1. meiner Betriebsebene (Zentrallager),
  2. der Core-Lobby meines Turms (ganz unten, mit Minenzugang) und
  3. der Poststation

erledigen sollen. Farblich sollten die Gleise der ersten beiden Linien wohl schwarz oder grau unterlegt werden, die der dritten natürlich gelb – sie führt ja zur Post! Dafür musste ich mir weitgehende automatische Belade- und Entlade-Systeme für Güterloren ausdenken, und genau das geisterte in meinem Kopf herum. Hätte ich doch gegen 1:30 oder gegen 2:30, also bei den ersten beiden Malen, die ich draußen war, selbige Systeme in einer Welt im „Kreativmodus“, wo man frei bauen kann, als Protoypen erstellt und getestet! Aber ich dachte mir: „Tally, Du bist doch nicht SO albern! Du liest einen Moment und dann gehst Du ins Bett und schläfst.“

Aber natürlich bin ich doch so albern, weil das Schlafen nicht funktioniert, wenn mir sowas im Kopf rum geht. Gegen 5:00 gab ich meinen „vernünftigen“ Widerstand auf und baute einen ersten Prototypen. Nun konnte ich schlafen! Nun, nach wenig und unruhigem Schlaf, zudem nicht unbedingt zur richtigen Zeit, habe ich besagten Prototypen eines Be- und Entladesystems erweitert und einen Prototypen der oben genannten gelben Linie, die den Warenumschlag zwischen meinem Tiefbahnhof und der Post ermöglicht, zusammengezimmert. Bis auf eine Variante – bei mehr Fracht als auf einmal in die Lore geht – funktioniert das System super! Für den „Großmengen“-Fall habe ich aber einen manuellen Override gebaut, mit dem man das System wieder auf Schiene setzen kann.

Nun gilt’s, das Ganze irgendwann einzubauen. Ob ich für die Frachtbahnhöfe auf der Betriebsebene und in den Minen das Frontend Typ „Post“ oder das Frontend Typ „Tiefbahnhof“ verwende, weiß ich noch nicht – vermutlich wird’s die Post-Variante. Im Tiefbahnhof werden sich drei Frachtbahngleise Typ „Tiefbahnhof“ die „Gleishalle West (Fracht)“ teilen.

Ich würde ja gerne schreiben: Und jetzt kann ich schlafen. Aber es ist heller Tag! Ich sollte mich allmählich selbst gut genug kennen, dass ich bei manchen Gedankenmühlen einfach das machen sollte, was ich im Kopf zusammenbastele, aber nicht sicher bin, ob’s funktionieren wird. Erst recht, wenn es ohne Leute zu wecken geht!

Herrlicher Frühling

Der derzeit herrliche Frühling lässt mich ein wenig melancholisch werden. Eigentlich wäre das meine Zeit, in der ich viele Wettkämpfe laufen würde, das Laufen draußen genießen würde – eigentlich.

Nun kommen aber leider neben der Corona-Krise auch noch dumme Effekte hinzu. Vermutlich ist es die Anpassung an mehr Radfahren, vielleicht habe ich es im März auch etwas überzogen mit der Trainingsmenge. Jedenfalls habe ich eine kleine Verletzung im Unterschenkel. Das, was zuvor im Februar links ein wenig plagte, plagt nun ein bisschen mehr auf der rechten Seite. Ich bin 100% davon überzeugt, dass mit ein wenig Warmlaufen alles einigermaßen flüssig gelaufen wäre, aber ich wollte es nicht darauf anliegen. Seit Freitag pausiere ich nun schon, und auch wenn es vernünftig ist, lässt es mich doch die Wände hochgehen – insbesondere bei diesem herrlichen Wetter, das zur Zeit herrscht. Heute Nachmittag waren’s 500 Meter Testlauf, da ich es beim Gehen gar nicht mehr spüre, was da ist. Aber so richtig prall war’s einfach nicht, also mache ich noch etwas länger Pause.

Wie schwer mir das fällt!

Dennoch: Der Frühling ist herrlich und über eine kleine Radtour, auf der wir einige Besorgungen machten (zwei regelmäßig notwendige Rezepte bei Ärzten, zur Apotheke, was Frisches für auf den Abendbrottisch einkaufen) haben mein Mann und ich ihn per Fahrrad genossen. Da war dann schon fast wieder vergessen, dass mich das Aufhören beim Laufen nach nicht einmal einem Kilometer, aus eher Vorsicht als allem anderen, tierisch störte.

Ich tue zur Zeit cool, also dass es mich nicht fertig macht. Aber wie Ihr hier lest: Ich könnte die Wände hochgehen. Laufen ist wichtig für mich, für meinen Kopf, mein mentales Gleichgewicht. Ich lerne gerade zu schätzen, welch positive Effekte das Laufen auf mich hat, da ich mal ein paar Tage schonen muss. Vielleicht ist das der Lerneffekt. Denn Krise ist stets auch Chance, nicht?

Ihr dürft gerne …

… über mich lachen, so lange ich mitlache, lachen wir gemeinsam.

Das ist ein Satz, den ich mir hart erarbeitet habe. Gestern habe ich den Satz mal wieder gesagt, als ich meine Kollegen trotz … oder vielleicht eher in Kompensation meiner Kopfschmerzen und dahingehend dumpfer Laune mit multiplen Wort- und Flachwitzen nervte. Da ging’s um die Fortpflanzung der Metzger … Eier natürlich, an den Brutstätten steht, was drin ist: „Metzger-Ei“. Es gab noch mehr, das mir nun nicht mehr einfällt. So lange ich mit euch lache, wenn ihr über mich lacht, lachen wir gemeinsam.

Das ist gar nicht so einfach für mich gewesen. Ich war in der Schule scheu, ein bisschen zu gut in der Schule, um trotzdem cool zu sein, verträumt und vor allem leicht zum heulen zu bringen. Dazu war ich ein bisschen anders, was ich erst in der Retrospektive so richtig verstanden habe. Natürlich wollte ich auch unbedingt dazu gehören. Allein sein unter vielen Leuten, die man täglich sieht, kann furchtbar sein. Je mehr ich an Spott abbekam, um so empfindlicher wurde ich. In Erinnerung ist mir deutlich, dass ich nach der Lektüre des „Was ist Was“-Bandes über Höhlen eine fiktive Höhlenkarte mit Eingängen in der Umgebung meines Heimatortes auf den Rand meines Heftes zeichnete. In der Pause schnappte sich ein Klassenkamerad das Heft und las zur Belustigung der Klasse und mit beißendem Spott meine Beschriftungen vor. Zu anderen Anlässen fragten mich Mitschüler immer wieder, immer drängender, unter Nennung meines Namens, wie ich hieße. Man kann einem Kind, einem Jugendlichen noch so oft sagen, dass man so etwas ignorieren soll. Es funktioniert nicht. Man will dazugehören, den Erwartungen entsprechen, und zugleich steht man damit vor einer unlösbaren Aufgabe, denn das Spiel mitzuspielen führt zu Demütigung, und mit der Neigung zu Tränen…

Die Nachwirkungen merke ich noch heute. Es ist einfach, mich zu verunsichern, dass ich nicht dazugehöre. Ich denke dann, ich habe etwas falsch gemacht. Ich misstraue Lob und nehme Kritik zu schwer, insbesondere unfaire, un- oder nur teilberechtigte Kritik kann ich nur ganz schwer an mir abprallen lassen und fühle mich allzuleicht mit Lob aufgezogen und mit Kritik persönlich abgelehnt. Eine Mobbing-Vergangenheit nennt man das wohl. Ich kenne das Gefühl gut und manchmal erkenne ich es auch, wenn ich von den spröden Reaktionen betroffen bin, die andere Mobbing-Opfer manchmal zeigen, wenn sie sich durch unbeabsichtigte oder eingebildete Angriffe meinerseits daran erinnert fühlen. Zum Glück wird das heute meistens von Gelassenheit und Selbstvertrauen aufgefangen.

Mitte bis Ende meiner Zwanziger kam ich langsam dahin, dass ich eines der zugrundeliegenden Probleme, die mich zu einem solch dankbaren Opfer machten, zu lösen begann. Aus dem unglücklichen Jungen wurde eine mindestens zufriedenere, bald glückliche Frau. Ich walze diese Entwicklung ungern aus – auch wenn sie wichtig für mich ist und meine Perspektive zum Teil definiert. Das Ganze vor sich herzutragen, macht’s nicht einfacher und es ist auch kein zentraler Kern dessen, was ich bin. Aber über diesen Wechsel bekam ich langsam mit, dass ich mich selbst mögen kann. Kunststück, sich zu mögen, wenn man nicht einmal merkt, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt, aber es eben so ist, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt.

Inzwischen bin ich durchaus manchmal laut, lustig oder vermeintlich lustig. Ich rate den Menschen, mich nicht zu ernst zu nehmen, ich täte das schließlich auch nicht. Dazu gehört eine Menge Mut und Selbstvertrauen, die mir lange Zeit abgingen. Begonnen hat es als Panzer gegen die Unsicherheit. Aber es war ein Mantel, der bald zur zweiten Haut wurde, als sei ich bereit dazu gewesen, in diese Attitüde hineinzuwachsen.

Und doch reizt es mich immer wieder, mit dem Anderssein zu spielen, die Grenzen des Muts auszutesten, den ich mittlerweile habe. Meine Gedanken, was ich gerne anziehe, wer ich bin, es fällt auf. Die Angst vor dem Ausgestoßensein, untermauert von den Erfahrungen des tatsächlichen gemobbten Außenseitertums, gepaart mit der eigenen Auffälligkeit, wenn ich mich nicht verstelle, sie sind noch da.

Und so gehört zu den schönsten Erinnerungen an meine Schulzeit jener Abi-Streich, an dem einer unserer Lehrer mit der Abi-Band BAPs „Verdamp‘ lang her“ sang und ich, Arm in Arm mit einigen meines Jahrgangs auf dem Schulhof im Takt hüpfte. Es waren da welche dabei, die weder zu meinen wenigen Freunden gehörten noch zu den etwas mehr, von denen ich mich gemobbt fühlte. Es waren einfach Leute, die nicht darüber nachdachten, ob ich so unberührbar war, wie ich mich fühlte. Es ist eine spontane Woge der Freude, des Wohlig-Warmen, wenn ich daran denke.

Damals war es noch viel häufiger so, dass ich, in einer Gruppe gut aufgenommen, schnell misstrauisch wurde. Wie konnte man mich aufnehmen, ohne Ironie und Spott dahinter zu legen, obwohl ich doch ich war? Heute habe ich dieses Gefühl nur noch selten, und wenn doch, überspiele ich es. Aber es ist noch da. Vermutlich geht das auch nie weg. Manchmal frage ich mich, ob diese Narbe in meiner Persönlichkeit vielleicht eher ein Orden ist, der mir geholfen hat, die zu werden, die ich bin. Aber eigentlich ist es nur mies, dass dieses Spiel mit der Furcht vor dem Alleinsein, diese Abhängigkeit von denjenigen, die die Schwächen anderer rücksichtslos zur Befriedigung ihres eigenen Egos benutzen, einen so lange prägen kann.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Verdamp‘ lang her“ nennen und damit anfangen, eben wegen der wohligen Erinnerung. Vielleicht ist’s besser gewesen, es nicht zu tun. Denn ich bin heute jemand anders – jemand, der mit einer gewissen Sicherheit anderen raten kann, mich nicht so ernst zu nehmen, ich täte es ja auch nicht. Jemand, der sich nur noch ganz selten panisch vor dem Ausgestoßensein fürchtet, wenn sie sich herauswagt.

Warum tue ich mir das an?

Froh, nach dem Training noch Enthaarung hinbekommen zu haben. Mit Läuferbräune usw.

Gestern nach dem Training und dem „Frühstück“ nach dem langen Lauf habe ich mir noch anderthalb, eher zwei Stunden genommen, um meine Beine zu epilieren. Jetzt könnte man fragen: Rasieren geht doch viel schneller? Aber mein „Warum tue ich mir das an?“ war anders gemeint. Dennoch zunächst die Antwort auf diese Frage: Epilieren hält länger. Rasieren müsste ich dauernd, nach dem Epilieren habe ich etliche Wochen Ruhe.

Aber die Frage war – wie geschrieben – generellerer Natur. Warum brauche ich haarlose oder zumindest fast haarlose Beine? Ein richtiger „Pelz“ ist es auch ohne Aktionen nicht. Aber tue ich es vor allem für die anderen, vor allem für mein Gefühl zum Urteil der anderen oder vor allem für mich? Letztlich ist von allem ein bisschen dabei. „Für die anderen“ ist aber am wenigsten, denn ganz aufrichtig: Ich ziehe auch meine Röcke für mich und nur für mich an. Es geht mir dabei nicht um die Blicke der Männer oder das Urteil der Frauen (im Klischee – sicher spielt beides auch beim jeweils anderen Geschlecht rein). „Wie kann die Ihre behaarten Beine in einem kurzen Rock zeigen?“, das tangiert mich mehr, als ich zugeben möchte, aber deutlich weniger, als es das noch früher tat. Nichtsdestotrotz mag ich es nicht, dieses Urteil zu antizipieren, selbst wenn es gar nicht da sein sollte!

Vor allem wichtig ist mir aber, dass ich selbst es schöner finde. Auch, wenn ich nicht dem Urteil „der anderen“ unterworfen wäre, würden mir wenig bis nicht behaarte Beine an mir selbst besser gefallen. Meinem Mann ist’s egaler als mir, ihm gefalle ich auch in … äh, nicht aus dem Ei gepellt. Er sagte mal zu mir: „Du bist so hübsch!“ Ich fühlte mich gar nicht hübsch und erwiderte: „Aber hab‘ viel mehr Haare auf den Beinen, als mir lieb ist, habe ungewaschene Haare, bin verschwitzt…“ Und er so eiskalt: „Und stinkst vor dich hin.“ Das fand ich ganz großartig. Aber ich gefalle mir selbst besser, wenn ich gewisse Aspekte der nicht erforderlichen, aber gewisser Ästhetik Vorschub leistenden Kosmetik fröne. Also epiliere ich meine Beine. So ganz nebenbei mag ich auch das Gefühl von Stoff – sei es nun eine Strumpfhose, ein Rocksaum oder die Bettdecke – auf der haarlosen Haut. Das Gefühl zu haben, spielt auch eine Rolle.

Und so kann ich dann doch sagen: Nein, es ist weitestgehend nicht die Gesellschaft, die mich dazu nötigt, den Epilierer auszupacken. Ich möchte nicht, dass jemand weitestgehend oder nur wegen dieser Ideale sich zum Enthaaren zwingt – aber ich möchte auch nicht, dass der Akt des Enthaarens zur Unterwerfung unter die Konventionen hochstilisiert wird.

Komisch eigentlich, was man sich nach ca. 75 Minuten Krach und Ziepen für Gedanken macht, nicht?

Unsichtbares, rosafarbenes Einhorn

Vor einiger Zeit entdeckte ich das unsichtbare, rosafarbene Einhorn. Analog zum fliegenden Spaghettimonster ist es eine Parodie auf den Theismus, den Glauben an einen personifizierten, mit Eigenschaften behafteten Gott, über dessen Beweisbarkeit und weitere Eigenschaften man herrlich streiten, diese Thematik unglaublich ernst und schwer nehmen kann. Der Clou am unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn ist, dass die Eigenschaft „rosafarben“ durch die Unsichtbarkeit per se der Wahrnehmung unzugänglich ist. Das unsichtbare, rosafarbene Einhorn wird als weibliche Gottheit angesehen, SIE tauchte das erste Mal als „invisible pink unicorn“ in atheistischen Diskussionsplattformen der frühen 90er auf. Für Atheisten ist SIE und all die Theologie um SIE herum ein Weg gewesen, das Unverständnis nicht-gläubiger Menschen für leidenschaftlich-dogmatische theologische Debatten zu illustrieren.

Ich für meinen Teil empfinde das unsichtbare, rosafarbene Einhorn als ein sehr angenehmes Konzept in dieser Richtung. Es ist für mich glitzernder als das fliegende Spaghettimonster, der in den beiden intrinsisch zugeschriebenen Eigenschaften verankerte Widerspruch per se spricht mich an – als Konzept, das erklärt, wie Glaube funktioniert. SIE ist unsichtbar, und dennoch wissen wir, dass SIE rosafarben ist.

Ich bin nicht sicher, ob ich mit dem Antagonisten, der lila Auster, etwas anfangen kann, ähnlich wie der christliche Teufel erscheint sie mir arg konstruiert.

Lustigerweise ist ein Synkretismus aus Last-Thursdayism und dem Glauben an das unsichtbare, rosafarbene Einhorn für mich sowohl als religionsparodierendes Konstrukt wie auch als Glaubensgebilde durchaus ansprechend. Vermutlich wird die Kirche des unsichtbaren, rosafarbenen Einhorns ebensowenig auf Umfragebögen zum Bekenntnis auftauchen wie der Glaube, alles sei inklusive der Erinnerungen an das „davor“ letzten Donnerstag erschaffen worden (Last-Thursdayism).

Ich möchte auch niemandem den Eindruck vermitteln, ich nähme seinen Glauben nicht ernst. Für mich persönlich sind in sich durch Widersprüche gebrochene, im spirituellen Part nicht beweisbare Bekenntnisse aber schlicht nicht überlegen, bloß weil sie Tradition haben. Wenn ich mich zum unsichtbaren, rosafarbenen Einhorn bekenne, folgt daraus, dass ich einen festen, christlichen, muslimischen, jüdischen, buddhistischen, pastafarischen Glauben nicht verurteilen kann und darf. Was ist auch an einem Synkretismus aus dem Glauben an das unsichtbare, rosafarbene Einhorn und einer last-thursdayistischen Schöpfungslehre auszusetzen, gewürzt mit etwas radikalem Konstruktivismus und der Erkenntnis, dass im Last-Thursdayism eine gute Portion Solipsismus steckt?

Es gibt bestimmt den einen oder anderen, der mit weniger mündiger Überzeugung „Christ“ auf der Religionsumfrage ankreuzt oder mit weniger Nachdenken kreationistische Glaubenssätze übernimmt.

Wenn zwei sich streiten …

… freut sich der Dritte, sagt man. Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass es meistens anders ist. Von Streit hat keiner was. Meistens ist es auch so, dass Streits abstrahlen. Neutral zu bleiben ist nicht so einfach, wenn es im eigenen Umfeld stattfindet und man mit beiden Beteiligten arbeiten muss oder befreundet ist. Sich zu entscheiden ist auch immer schwierig, weil meistens die Lage nicht ganz eindeutig ist. Am Ende wird es meistens darauf hinauslaufen, dass man egoistische Entscheidungen trifft: Man schaut, dass man es mit der Seite hält, die einem wichtiger oder näher ist.

Niemand trifft solche Entscheidungen gerne. Ich habe derzeit einen Punkt offen, an dem ich eine solche Entscheidung nicht getroffen habe, aber jemand anderes, ein anderer „Dritter“, eine Entscheidung getroffen hat – und vermutlich auf die Dauer die eine Streitpartei ersetzen wird. Dann ist da noch eine Stelle offen, an der ich noch gar nicht vor der Entscheidung stehe, aber ganz genau weiß, wie meine Entscheidung ausfallen wird. Konkreter kann und möchte ich nicht werden, da dies hier öffentlich ist.

Mir persönlich ist es viel lieber, wenn jemand beim Erzählen vom Streit, beim Sprechen über das, was am anderen stört, von sich ausgeht und von seinen Gefühlen – und das auch klar macht und selbst klar sieht; wenn jemand sich dessen bewusst ist, dass er oder sie mir seine oder ihre Perspektive erzählt, vielleicht aber mehr und anderes dahintersteckt. Das macht es einfacher. Ich selbst gehe von mir aus, von dem, wie ich die Dinge wahrnehme und was mir wichtig ist. Das ist immer nur eine der vielen möglichen Perspektiven und Wahrnehmungen. Meist sind die Menschen, die ihre eigene Perspektive einnehmen, es sich aber auch bewusst machen, die eher Kompromissbereiten. Ich höre gerne zu, wenn jemand über das spricht, was ihm Probleme mit anderen bereitet, und versuche, zu helfen – und sei’s nur durch zuhören. Was ich nicht mag ist, wenn über andere hergezogen wird. Damit meine ich nicht die Rumflachserei, die jeder mal macht – die ist ja in der Regel auch zu Ende, wenn man sagt: „Ernst mal, bitte – das ist mir wichtig.“ Schwierig wird’s, wenn das auch nicht akzeptiert wird. Konstruktiv wird die Sache, wenn jemand zu mir kommt: „Ich möchte Deine Perspektive hören oder zumindest meine Perspektive an Deinem Zuhören und Deinem ‚Hmmm‘ oder ‚Ja‘ oder ‚Ich verstehe Dich‘ überprüfen.“ Oft kann man dann dennoch nicht helfen, sieht aber, dass die Situation wenigstens von dieser Seite noch nicht völlig verfahren ist. Ich hatte in den letzten Tagen einige Gespräche mit Parteien solcher Streits, in der ich „Dritte“ war. Ich hatte auch Gespräche über solche Streits und wie Partei ergriffen wurde, mit anderen „Dritten“ dieser Streits. Konkret sind’s mindestens zwei solche „Gefechte“, in denen ich zumindest potentiell gefährdet bin, bei Eskalation Kollateralschaden abzubekommen.

Nun sitze ich hier und denke mir: Die zwei Fälle sind nicht miteinander vergleichbar. Einer ist von beiden Seiten verfahren, der andere von einer, von der anderen erlebe ich gerade erst die Resignation. Beide spielen sich unmittelbar in meiner Umgebung ab, aber in unterschiedlichen Teilen meiner Umgebung. Aber beide Fälle zeigen: wenn zwei sich streiten, freut sich eben nicht der Dritte. In diesem Falle möchte die Dritte das Ganze auflösen, zur Ruhe bringen. Denn wenn es eskaliert, trifft’s auch mich als diese Dritte. Vermitteln ist aber auch vermintes Gelände.

Und so hoffe ich, dass die Dinge okay gehen, dass sie sich lösen. Parallel überlege ich mir Strategien, wie ich mit der Eskalation umgehen werde – und dabei selbst Porzellan zerschlagen. Blöde Sprichwörter könnten manchmal nicht falscher sein.

Nebenbei: Beim Laufen ist es genauso. Wenn sich zwei (gute, starke) streiten, werden sie schneller, wachsen an der Konkurrenz. Und der oder die Dritte wird abgehängt.