Wenn ich mir Dinge vorstelle …

… wird das zumeist recht schnell sehr plastisch. Keine Phantasie von Körpern ohne Gesichter, Namen, Geschichten, Eigenschaften, nichtmal erotische ohne all das.

So auch zur Zeit mal wieder. In meinem Kopf entsteht derzeit ein ganz verrücktes Haus. Genau genommen entsteht es sogar WIEDER. Dieses verrückte Haus habe ich mir schon einmal vorgestellt. Es handelt sich hierbei um ein Haus am Hang, das mehr oder minder um einen Infinity Pool arrangiert ist. Der Pool ist etwas mehr als zwei Meter tief, an zwei Seiten umgibt ihn das „Erdgeschoss“ des Hauses, auf der Höhe des Plateaus, an dessen Hang sich das Haus befindet. Das Gelände fällt nach Süden um zwanzig Meter ab, der Pool ist in das obere von zwei Sockelgeschossen eingebettet – der Clou ist aber, dass drei Räume im „Keller“, eigentlich dem oberen Sockelgeschoss, gut wärmeisolierte Fenster mit Blick in den Pool haben. Der Raum im Osten hat auch, unterhalb der Hangkante, Fenster nach Osten, so dass morgens die Sonne durch den Raum im Osten das Wasser des Pools erleuchtet und so indirekt in die Räume mit Fenster ins Wasser hinein leuchtet.

Eines der Zimmer nördlich des Pools ist das Schlafzimmer der extravaganten Bewohnerin, die eher eine Einzelgängerin ist. Ihre Geldquelle habe ich mir überlegt, lasse sie aber hier gerne im Dunkeln, weil sie das auch so täte. Sie ist ein Partytier, aber in ihr mondänes Haus lässt sie kaum jemanden rein, gelegentlich verschleiert sie auch vor ihren Freunden, wo sie wohnt, indem sie mal den Eingang oben am Plateau und mal den unten am Hang benutzt.

Sie hat natürlich auch einen Namen und ich sehe ihre Handtücher unordentlich auf der hölzernen Sockelbank am Fenster in den Pool liegen, sandfarben und blau.

Imagination ist etwas wundervolles. Ob ich mehr von Mara und ihrem Haus erzählen mag? Ich weiß es nicht. In jedem Fall liebe ich die Vorstellung, den All- und Nichtalltag in dem Haus und außerhalb. Auch wie sie sich fragt, ob sie einsam ist, weil sie auf Parties in der Mitte des Trubels, aber daheim immer allein ist. Wie Sonnenbrille und dunkelblonder Pferdeschwanz zu ihrer „Maske“ draußen gehören, sie schon über ein bisschen ungewöhnliche Kleidung Distanz aufbaut.

Was man so phantasiert und niederschreibt, wenn man am Albtalbahnhof auf den Anschluss wartet …

Durch den Wind

Heute war so ein Tag. Es ist alles nicht besonders schlimm: Ich habe gearbeitet, zuhause war mein Mann für die Fenster-Handwerker da, dann hatte ich noch einen Arzttermin, Vorbereitung zur Entfernung einer tiefsitzenden, verstopften Talgdrüse, bei der der Hautarzt Sorge hatte, sie würde sich bald entzünden und dann würde das Entfernen schwieriger. Morgen fahre ich dienstlich weg – und da ist dann auch Teezeremonie.

Eigentlich alles harmlos? Ja!

Zusammengenommen waren irgendwie zu viele Dinge, die in meinem Kopf herumgeisterten, präsent. Beim Supermarkt, wo wir noch Milch, Butter und was zu knabbern zu Fuß holten, glaubte ich ganz sicher, dass ich meinen Schlüssel irgendwo verlegt hätte. In der Tasche war er nicht – auf dem Band an der Kasse auch nicht. Ich lief noch einmal durch den Markt, klapperte alle Stellen ab, wo ich was aus dem Regal geholt hatte. Mir war noch sehr präsent – und ist es noch immer – dass ich mal vor lauter „durch den Wind“ mein Telefon im Tiefkühlfach gelassen hatte, als ich gefrorenen Blattspinat …

Mein Mann und mein bester Freund ziehen mich noch immer damit auf.

Aber zurück zum Schlüssel. Den ganzen Heimweg war ich nervös. Und wo war er? Dort, wo er hingehört, auf dem Bord neben der Tür. Wo ich ihn unter normalen Umständen nie hinlege. Dieses mal schon. Und dann führe ich dieses Theater auf!

Farbe

Im Rahmen meines Beitrages zu einem nicht gezündeten Witz kam zwischen mir und einer Freundin die Frage auf, welche Farbe Protonen denn nun wirklich haben. Ich antwortete in der Inbrunst der Überzeugung: Keine. Warum? Nun: Protonen sind sehr, sehr klein – im Femtometerbereich. Das sind 10-15 Meter. Das sichtbare Licht hat Wellenlängen von 400 bis 800 Nanometern, also 10-7 Meter. Langwelligeres Licht wird dabei als rot wahrgenommen, kurzwelligeres als blau oder violett. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass die kleinsten Strukturen, die man mit elektromagnetischen Wellen einer bestimmten Wellenlänge auflösen kann, etwa ein Zehntel der Wellenlänge groß sind.

Im sichtbaren Licht Protonen oder auch Neutronen zu sehen ist also vollkommen aussichtslos. Es stellt sich nun aber noch die Frage: Welche Wellenlängen oder Frequenzen der elektromagnetischen Strahlung absorbieren oder emittieren Protonen? Ich möchte nicht zu tief einsteigen, denn eigentlich will ich auf Farbe hinaus, nicht auf Teilchenphysik. Dennoch, ein bisschen muss ich in diesen sauren Apfel beißen: Atomhüllen sind ungefähr 0,1 Nanometer groß, im sichtbaren Licht also nicht auflösbar – aber sie absorbieren und emittieren sichtbares Licht. Das kommt, weil die Elektronen der Atomhüllen zwischen verschiedenen Schalen – verreinfacht könnte man von Umlaufbahnen sprechen – hin- und herwechseln können. Wechseln sie auf eine Schale weiter außen, brauchen sie dafür Energie – und absorbieren bestimmte Wellenlängen des Lichts. Durch diese Absorptionslinien hat man das Helium entdeckt, weil man im Licht der Sonne fehlende Wellenängen vorfand, die zu keinem auf der Erde bekannten Element gehörten. Natürlich können angeregte Atome durch sich abregen auch wieder Licht emittieren – Licht einer bestimmten Wellenlänge. Bei Übergängen auf der Atomhülle sind viele dieser emittierten Wellenlängen im sichtbaren Bereich, wir können sie also sehen und einer Farbe zuordnen.

Gehen wir von der Atomhülle zum Atomkern, wird alles rund 100.000fach kleiner. Da Protonen genausostark geladen sind wie Elektronen, wir sie aber einhunderttausendfach enger zusammenpacken, wirken viel größere Abstoßungskräfte. Damit wird die Energie, die bei Übergängen frei wird, auch viel größer – so dass der Atomkern typischerweise elektromagnetische Strahlung, also sowas wie Licht, wesentlich höherer Energie aussendet: Energien im Bereich des Millionenfachen der Energien, die von der Atomhülle freigesetzt werden, damit Wellenlängen, die um den Faktor einer Million kleiner sind – Gamma-Strahlung. Die können wir nicht sehen und es gibt auch keinen biochemischen Prozess, der mit einigermaßen gutem Wirkungsgrad einen bestimmten Wellenlängenbereich von Gamma-Strahlung unserem Sehnerv zugänglich machen könnte.

So. Nun komme ich zurück zur Farbe. Wie entsteht unser Farbeindruck? Nun – das ist nicht so schwierig, erst recht, wenn wir gerade von der Physik kommen. Unser Auge hat vier Rezeptoren für Licht: Die nur auf Hell oder Dunkel reagierenden, sehr empfindlichen Stäbchen und drei, bei manchen Leuten vier verschiedene Typen Zapfen. Die Sehzapfen haben ihren höchsten Wirkungsgrad für das Verwandeln von einfallendem Licht in Sinnesreize in unterschiedlichen Bereichen. Weil die Sehzapfen ihre Wirkungsgradmaxima jeweils in Bereichen haben, die wir dann Blau, Grün und Rot nennen, können wir Farben aus diesen Grundfarben zusammensetzen. „Blau“ ist dabei aber nicht „eine Wellenlänge“, sondern alles, was mehr Licht im Bereich um 420nm Wellenlänge herum enthält als anderes Licht, sehen wir als Blau. Da unser Sehen ein wesentlich komplexerer Vorgang ist als nur „Licht fällt ein, Sehsinnesreiz entsteht“, müssen wir die Wechselwirkungen innerhalb der Netzhaut, den Sehsinnesnerv und unsere optische Nachbearbeitung in den Gedanken einbeziehen, wo Farbe entsteht. Zunächst einmal sieht man dem Signal, das  auf dem Sehnerv transportiert wird, nicht an, ob es vom Zapfen mit 420nm Wirkungsgradmaximum, vom Zapfen mit 534nm Wirkungsgradmaximum oder vom Zapfen mit 564nm Wirkungsgradmaximum erzeugt wurde. Viele Signale vieler Rezeptoren mit einem Sehzentrum im Hirn, das anhand des jeweils ankommenden Kabelstrang weiß, welche Art Sinneszelle am anderen Ende hängt, werden dann zu einem Farbeindruck zusammenprozessiert.

Puh. Das war viel, oder? Fand ich auch. Ich hoffe, ich habe nicht zu stark vereinfacht und bin nicht zu schnell vorgegangen. Aber ich brauche diese Voraussetzungen, um meinen Gedanken aufzubauen. Denn: Nach der Frage einer Freundin, ob nicht vielleicht irgendein Wesen, das einen anderen Rezeptor für elektromagnetische Wellen hat, vielleicht doch sagen könnte, welche Farbe Protonen haben, kam in mir Widerwille auf. Ich konnte es nicht genau benennen, WARUM, aber ich war mir ganz sicher, dass man nicht einfach hingehen, einen Rezeptor definieren und den ausgelösten Eindruck dann eine neue Farbe nennen kann, die dann die Farbe eines Protons ist. Spricht ja eigentlich nichts dagegen, oder? Wie gesagt, meine Intuition brüllte: „NEIN! Das geht so nicht!“, aber meine Ratio fand keine Begründung. Ich habe das dann noch mit der Freundin weiter diskutiert und wohl ziemlich weit ausgeholt, dann hatte ich darüber noch eine Debatte mit einer anderen Freundin. Inzwischen habe ich, glaube ich, herausgefunden, wo der Grund für diesen Widerwillen liegt.

Dafür fragte mich eine Freundin: „Was hindert uns daran, eine Farbe ‚Gnirf‘ mit beispielsweise 345nm Ansprechmaximum des zugehörigen Sehzapfens zu definieren?“ Die Debatte war etwas länglich, im Endeffekt fand ich im ersten Satz des Wikipedia-Artikels zu Farbe meine Begründung.

Farbe ist ein durch das Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird, genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer.
Quelle: Wikipedia.

Ja. So einfach ist das. Farbe ist der Sinneseindruck, der durch Auge und Gehirn vermittelt wird und durch Licht bestimmter Wellenlänge hervorgerufen. Hier liegt mein Unbehagen bei der Farbe „Gnirf“. Unser Gehirn wird sie dann doch nur wieder als eine der Farben interpretieren, die wir kennen.

Natürlich können wir nun fragen: „Was, wenn es einen weiteren Rezeptor gibt, der ans Auge angeflanscht ist und…?“ Gute Frage. Es gibt solche weiteren Rezeptoren, denn manche Menschen besitzen einen vierten Typ Sehzapfen mit Anschlagmaximum im Türkis, bei 498nm Wellenlänge. Nun kann man die Frage stellen, ob diese Tetrachromaten mehr Farben sehen – oder nur unsere Farben auf andere Weise. Sicher, das additive Farmischsystem funktioniert bei ihnen immer noch irgendwie so ähnlich wie bei den Trichromaten. Wie wir mit dem Sinneseindruck „Farbe“ umgehen, ist nämlich in hohem Maße Konvention. An dieser Stelle ist die Sichtweise „Farbe“ auf den unserem Erleben zugänglichen Ausschnitt des elektromagnetischen Spektrums ein grundlegend anderes Paradigma als die Sichtweise „Wellenlänge“. Wir haben für unser Erfassen von elektromagnetischen Wellen das Konstrukt Farbe, das an unser ganzes biochemisches System gekoppelt ist, den ganzen Ballast aus emotionalen Reaktionen auf bestimmte Farben, Instinkten bei bestimmten Farbkombinationen beinhaltet und somit kaum von unseren biologischen Rezeptoren und der Nachbearbeitung im Gehirn abkoppelbar ist. Speise ich in dieses System, das aus dem direkten Erleben des Feuerwerks, das Sehzapfen, Netzhaut, Sehnerv und Sehzentrum mit uns veranstalten, einen Reiz ein, der eine andere Wellenlänge repräsentiert, wird dieser Reiz im Kontext unseres Erlebens verarbeitet und ist somit – eine Falschfarbe. Schaffe ich ein System, das hinreichend weit von unserer optischen Signalverarbeitung abgekoppelt ist, dass ich wirklich und wahrhaftig den Output eines Sensors für hochenergetische Gamma-Strahlung einkoppeln kann, lande ich bei einem Sinnesreiz-Interpretationssystem, das nicht mehr unser Konzept von Farbe ist, sondern etwas Anderes.

Das Erfassen elektromagnetischer Wellen als Spektrum mit vielen verschiedenen Wellenlängen ist hinreichend allgemein, um neue Frequenzen einzukoppeln – aber es ist nicht unser Konzept von Farbe.

Ich habe mein Unbehagen und den Grund dafür also aufgelöst, indem ich unsere Idee von „Farbe“ als ein Konstrukt (oder eine Gesamtheit von Konstrukten) definiert habe, das nicht beliebig auf andere Wellenlängen verallgemeinerbar ist, ohne mit dem Bezug auf unser Erleben von biochemisch wahrgenommenen, neuronal aufbereiteten Daten eine seiner wesentlichen Eigenschaften zu verlieren. Ein ähnlich geartetes, erweitertes oder erweiterbares Konstrukt „Farbartige Gesamtheit von menschlichen und hypothetischen weiteren Sinneseindrücken ausgelöst von elektromagnetischen Wellen“ halte ich nicht für undenkbar, spreche ihm aber wesentliche Eigenschaften des Konstrukts, das ich unter „Farbe“ verstehe, vehement ab.

Offenbar ist es mal wieder Zeit, mir vor Augen zu führen, dass die aus dem radikalen Konstruktivismus für mich resultierende Toleranz für andere Sichtweise auch beinhaltet, dass andere möglicherweise Farbe nicht mit all dem Eigenschaftenballast überfrachten, den ich als integralen Bestandteil des Konzepts Farbe empfinde.

Sicherheitssystem – Navigationssystem

Als wir gestern zu einer Hochzeit fuhren, habe ich etwas festgestellt. Aber ich fürchte, ich muss da etwas ausholen, so weit allerdings auch nicht: Der Freitag war ein anstrengender, da ich sehr viele Dinge noch zu tun hatte – da musste noch das vorletzte Training vor dem Campus Run absolviert werden, der Körper epiliert, ein Geschenk zumindest ein bisschen präpariert werden, auch wenn es nur eine Karte war, dann musste ich noch ein Rezept von meiner Frauenärztin holen. Außerdem stand noch Blumengießen bei den Schwiegereltern an, abends war Teezeremonie-Unterricht. Und wie das so oft ist, wenn man zu viel auf einmal plant, eine Sache geht schief. Lustigerweise nicht im eigentlichen Sinne eines der oben aufgeführten Dinge, nein: Rezept holen und bei der Apotheke einlösen lief gut, der Lauf zeigte, dass ich knapp vor meinem Wettkampfziel bin, leckeres Essen gab es beim Firmenfest meines Mannes, die Blumen waren recht flott gegossen und beim Teezeremonie-Unterricht war ich recht angetan, wie viel ich eben nicht vergessen hatte, auch wenn ich eigentlich zu lang ausgesetzt hatte. Aber mit dem Fokus auf die Zeremonie entfiel mir, dass ich meine Tasche bei Matsushima-sensei liegen gelassen hatte. Das merkte ich erst, als ich kurz nach Mitternacht zuhause aus dem Auto ausstieg. Die Nacht war dementsprechend so lala, denn in der Tasche war ja auch der Ausweis, die EC-Karte, der Führerschein, die Fahrzeugpapiere … und vor allem die Kreditkarte.

Am Morgen der Hochzeit war dann klar, dass die Tasche nicht bei Sensei vor der Tür auf der Straße lag, sondern drinnen an der Garderobe und wir konnten sie auf dem Weg zur Hochzeit abholen. Und da passierte es mir:

Auf der A5 Richtung Norden, ich wollte in Karlsruhe Nord abfahren, sprach ich mit meinem Mann über die Organisation des Tages, über vieles sonst – zu keinem Zeitpunkt war die Sicherheit gefährdet, ich nahm die Fahrer um mich herum wahr, wechselte Spuren mit Schulterblick und allem drum und dran, hielt Abstand, passte Abstände an … und fuhr eiskalt und ohne es zu merken an der Ausfahrt Karlsruhe Nord vorbei, so dass ich in Bruchsal drehen musste.

Was schließe ich daraus? Ich habe ein Sicherheitssystem beim Fahren, das auf jeden Fall funktioniert. Das kann man so leicht nicht ablenken, es funktioniert auf halbbewusster Ebene und auch dann, wenn ich eigentlich noch was anderes am denken, mir vorstellen oder bereden bin. Dieses System holt mich wieder voll zurück in die Fahraufmerksamkeit, wenn zum Beispiel ein Abstand aus irgendeiner Richtung schnell schrumpft, wenn irgendetwas komisch ist. Es gibt gewissermaßen einen Sollzustand, ein paar automatische Anpassungsvorgänge und Regelkreise für einfache Vorgänge. Nur navigieren kann das halbbewusste, nicht abschaltbare Sicherheitssystem nicht. Es verpasst Ausfahrten, fährt morgens aus Reflex auf sichere Weise in Lücken auf Abbiegespuren hinein, nur eine Ausfahrt zu früh – so bin ich das eine oder andere Mal in Rastatt Nord Richtung Basel auf die Autobahn gefahren, obwohl ich Richtung Stuttgart/Frankfurt/Karlsruhe musste. Das Navigationssystem in meinem Kopf, auch die Aufmerksamkeit für das Navi in der Mitte des Fahrzeugs läuft bewusst ab. Es hat mit der Fahrsicherheit nichts zu tun, wohl aber damit, wo ich hin fahre.

Es ist schon verblüffend, dass bei etwas so wenig auf der „instinktgesteuerten Zeit als Jäger und Sammler“ aufbauendes wie Autofahren zumindest in Sicherheitsaspekten auf dieser instinktiven Ebene stattfindet, die man ganz eindeutig von der bewussten Ebene unterscheiden kann – schon allein dadurch, welche zuerst abschaltet.

Blogsie

Was ist eine Blogsie?

Ich fange mal am Anfang an, sozusagen in grauer Vorzeit. Ich war frisch auf dem Gymnasium, zehn oder elf Jahre alt, und begann Englisch zu lernen. In meiner Muttersprache, dem Deutschen, benutzte ich die Grammatik instinktiv und meistens richtig, im Englischen musste ich sie erst einmal lernen. Eines der ersten Themen war das grammatikalische Geschlecht bzw. die Art, wie man grammatikalisches Geschlecht und Plural – zum Beispiel – zusammen verwendet. Was mich damals tief beeindruckte, war die Tatsache, dass es im Englischen an vielen Begriffen kein „-in“ braucht, um eine weibliche Form zu bilden. Ob ich nun Mann oder Frau bin, ein „pupil“ im britischen Englisch und ein „student“ im amerikanischen Englisch deckt Schüler/in im Deutschen ab. Mir wurde bewusst, dass Begriffe eine starke Auswirkung haben. In einem anderen Kontext wurde dann die Frage gestellt, wann für eine Gruppe ein feminines Plural-Pronomen verwendet wird – nicht, wenn sie größtenteils aus Frauen besteht, nein, sondern nur, wenn sie ausschließlich aus Frauen besteht. Ansonsten gilt das generische Maskulinum. Das kam wohl von meinem Französischlehrer, einige Jahre später – und löste hämisches Grinsen bei den Jungs in der Klasse aus.

Ich möchte hier nun kein Fass bezüglich gender-korrekter Sprache aufmachen, auch wenn ich fürchte, genau das zu tun. Der Gedanke treibt mich aber um, denn ich habe recht früh einen spielerischen Gebrauch von Sprache erlernt – zum Beispiel in Form des „Sprachbastelbuchs“, das mir meine Mutter geschenkt hatte. Darin gab es so lustige kleine Spielchen wie ein Dreieck, das den Osterhasen anflehte, „es nicht zu tun“. Der Hase tat’s doch und zurück blieb nur Dreck. Auch über Komposita, Assoziationen und viele weitere Spielereien mit Begriffen, Sprachstrukturen und dergleichen wurde darin geschrieben, aber nicht in abstrakter Form, sondern in anschaulichen, lustigen, manchmal auch nicht so lustigen Beispielen. Was die Assoziationen, die Spiele mit der Sprache, das Jonglieren mit Begriffen mit mir machten, mit meinem Geist und meinen Emotionen, hat mich beeindruckt. Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Begriffe, teils auch Sprachstrukturen haben Einfluss auf unser Denken.

Mitte 20, also reichlich zehn Jahre später, bastelte ich an einer Phantasie-Welt, die inzwischen schon wieder in der Versenkung verschwunden ist. Dort gab es ein Volk, dem ich auch eine Sprache geben wollte – denn ich wollte die in Konversationen eingestreuten Begriffe auch richtig verwenden, auch wenn es die Phantasie-Sprache eines von mir geschaffenen Phantasie-Volkes war. Obwohl das nichts zur Sache tut: Dieses Drachenreiter-Volk lebte in einer uralten, gewaltigen Caldera eines erloschenen Super-Vulkans, umgeben von ihnen mehr oder weniger feindlich gesinnten anderen Völkern. Sie ritten meist zu zweit – ein Ritter, ein Magier – auf dem Rücken großer Drachen, die eine mystische mental-emotionale Verbindung zum Ritter des Reiter-Duos hatten. Die grob humanoiden Reiter selbst konnten mit raubvogelartigen Flügeln fliegen, da ich mir nicht so recht vorstellen mochte, dass ein nicht flugfähiges Volk sich dem Ritt auf fliegenden, VIEL größeren Tieren anvertrauen würde – einfach aus Gründen des Selbsterhalts. Nun ja, ich schweife ab.

Jedenfalls gab ich denen eine Sprache. Ich hatte mich durch das „Sprachbastelbuch“ und meine oben erwähnten Aha-Erlebnisse während des Erlernens von Fremdsprachen darauf eingestellt, dass auch die Grammatik einer Sprache ein Abbild des Denkens ihrer Sprecher ist. In meinen Augen waren Drachenreiter und Drachen selbst ein Volk, das schon sehr lange gleichberechtigt agierte. Ob eine Aufgabe von einem Mann oder einer Frau erledigt wurde, war im sturmumtosten, oft kalten, kargen Gebirge, in dem die Drachenreiter mit anderen fliegenden Wesen um Jagdbeute konkurrierten und oft auch gegen sie kämpften, nicht so bedeutend. Viel bedeutender war, dass die Aufgabe erledigt wurde. Außerdem wollte ich in der Sprache zum Ausdruck bringen, dass bei gemischten Gruppen dieses Volks eigentlich keine Rolle spielte, ob sie vorwiegend weiblich oder vorwiegend männlich waren – nur, wenn es reine Männer- oder Frauengruppen waren, sollte man das zum Ausdruck bringen können. In der Konsequenz gab es damit FÜNF grammatikalische Geschlechter in dieser Sprache: dinglich (unbelebt), geschlechtsneutral (belebt, aber kein Geschlecht spezifiziert), weiblich, männlich und schließlich „sowohl als auch“. Das Fünfte, also das „sowohl-als-auch“-Geschlecht, war zuerst nur für explizit geschlechtsgemischte Personengruppen, also im Plural gedacht.

Also gab es dann fünf grammatikalische Geschlechter, und die jeweils in Singular und Plural. Nach kurzem Nachdenken fielen „dinglich/unbelebt“ und „nicht festgelegt“ wieder in sich zusammen, denn ich überlegte mir, wie das grammatikalische Geschlecht sich in der Sprache tatsächlich äußern sollte. Ich kam auf die Idee, an meine Phantasie-Wortstämme Suffixe anzuhängen: -u für männlich, Singular, -a für weiblich, Singular und -o für „sowohl-als-auch“, Singular. Für unspezifiziert oder dinglich sollte nur der Wortstamm verwendet werden. Wie ich das mit dem Plural genau geregelt hatte, weiß ich nicht mehr. Allerdings hatte ich auch dabei darauf geachtet, dass die weibliche Version nicht „generisches Maskulinum plus Suffix“ war, sondern es einen geschlechtsneutralen Stamm gab, ein Pluralsuffix und dann, falls relevant – über voneinander unabhängige weitere Suffixe das Geschlecht spezifiziert werden sollte.

Hier endet die Vorgeschichte. Mir fiel nun auf, dass fast überall in unserer Sprache Berufs- oder Tätigkeitsbezeichnungen sich auf Männer beziehen und weibliche Bezeichnungen durch Suffixe an die männliche Bezeichnung gebildet werden. Ich bin eine Bloggerin. Eine Pendlerin und Physikerin. Mein Mann ist Kommunikationselektriker – ohne ein „-in“ hintenan. An sich ist diese Erkenntnis weder innovativ noch revolutionär. Darüber haben schon viele nachgedacht und Lösungen mit „*“ oder „Binnen-I“ oder was auch immer gesucht und gefunden. Im Andenken an das Sprachbastelbuch habe ich nun den Blogger als Blog-Er gelesen. Eine Frau, die ein Blog betreibt, wäre demnach eine Blog-Sie … verkürzt zu „Blogsie“. Pendelsie bin ich auch, und Physiksie.

Nicht, dass ich das 100% ernst meinen würde, zumal der Ansatz nicht voll verallgemeinerbar ist. Aber: Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, das über Begriffe das Denken prägt, jedoch auch ein herrlicher Baukasten für spielerische Experimente. Wenn nun die Blogleuts aus Bloggern und Blogsies bestehen, kann ich damit gut leben, wenn das einfach nur eine Schnapsidee ist. Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist ein anderer – auch wenn ich inzwischen am Klang der Wortschöpfung „Blogsie“ echt einen Narren gefressen habe.

Über Realität und Toleranz

Vor einiger Zeit habe ich mich in irgendeiner Debatte – ich weiß nicht mehr genau, wo das war – zum Thema Realität geäußert. Es ging dabei um Perspektiven und darum, welche „besser“, „echter“ sind als andere.

Im Zuge dessen fiel bezogen auf meine Sichtweise der Begriff des „radikalen Konstruktivismus“, einer Haltung der Erkenntnistheorie. Ich gebe zu, dass gewisse Übereinstimmungen da sind, aber ich ziehe andere Schlussfolgerungen, bin vielleicht auch nicht in der vollen Konsequenz radikal im Sinne der Radikalität des radikalen Konstruktivismus.

Aber von vorn. Wo entsteht Realität? Als Mensch mit umfangreicher Phantasie und mit einer manchmal von der gesellschaftlichen Referenz abweichenden Selbstwahrnehmung ist das für mich eine interessante Frage. Die gefühlt „natürliche“, einfachste, aber auch zutiefst egoistische Sichtweise ist, dass es die eine Realität gibt, die meiner Welt und Weltsicht entspricht und gleichgesetzt werden kann mit der objektiven Realität, also dem, was unabhängig von mir und meiner Betrachtung vorhanden ist. In diesem Falle ist der, der die Welt anders sieht, eben einer, der falsch liegt. Das kann man beliebig nuancieren, eine Weiterentwicklung der eigenen Realität durch Lernen und das Machen von Erfahrungen postulieren und so weiter. Dennoch bleibt am Ende des Tages das Realität, was ich wahrnehme, unterstellterweise identisch mit dem, was andere wahrnehmen würden, wenn sie klar sähen.

Für mich ist es offenkundig, dass das nicht dem entspricht, was aus der Vielzahl von Wahrnehmungen und Nuancen meiner Freunde und anderer Mitmenschen um mich herum spricht. Letztlich ist das, was ich sehe, auch nicht das, was am Auge ankommt oder von den Rezeptoren in meinem Auge wahrgenommen wird – nein, das Bild entsteht erst dort, wo mein Gehirn Kontrast erhöht, Muster hinzufügt und so weiter. So ähnlich sieht es mit gesellschaftlichen Zusammenhängen aus. Jeder, der einen bestimmten Sachverhalt unter Schlafmangel oder völlig ausgeschlafen unterschiedliche beurteilt hat, kann das sehen. Auch Hormonspiegel (nein, ich spiele nicht auf den Zyklus an, ich spiele auf den Unterschied zwischen Mann und Frau an), traumatische Ereignisse, prägende Ereignisse und so weiter spielen eine entscheidende Rolle, was wir in bestimmten Dingen, Ereignissen, Zusammenhängen sehen und was nicht. Sicher sind da auch religiöse Überzeugungen und dergleichen mit dabei.

Im Endeffekt komme ich zu dem Schluss, dass abhängig von der jeweiligen Person das, was diese Person für die Realität hält, sich mehr oder minder stark von dem unterscheiden kann, was irgendwer anders für die Realität hält – dieser „irgendwer anders“ könnte auch ich sein. Es ist nun eine ziemlich anmaßende Haltung, wenn ich meine Realität als „mit der objektiven Realität identisch“ identifiziere und alle anderen zu fehlgeleiteten Idioten oder Verrückten abstempele (Achtung, überspitzt). Wenn ich also als Subjekt nicht beurteilen kann, ob meine persönliche Realität mit dem, was meine Wahrnehmungsorgane, meine mentalen und spirituellen Filter ursprünglich gesehen und in meine Realität transformiert haben, kann ich es auch bei anderen nicht. Wenn also jede Realität eines Subjekts gleichberechtigt und beliebig weit von einer objektiven Realität entfernt ist, ist die Beurteilung der „Entfernung“ einer individuellen, subjektiven Realität von der objektiven Realität nicht mehr möglich. Es gibt dabei – in meinen Augen – nicht einmal mehr die Notwendigkeit einer objektiven, absoluten Realität – zumindest interessiert sie nicht, weil wir ja eh nicht sehen können, wie nah oder weit wir davon weg sind oder ob wir recht haben, jemand anderes recht hat oder gar keiner. An dieser Stelle bin ich beim radikalen Konstruktivismus.

Jetzt kommen aber zwei (nicht ganz unwichtige) „Aber“: Erstens gibt es sowas wie einen Konsens, was wahr, real und – ja, genau: richtig ist. Ich behaupte, dass dieser Konsens vor allem davon geprägt ist, dass sich viele Individuen einig sind, weniger von einer akkurateren Darstellung der objektiven Realität durch viele Augen. Eine Argumentation, viele gemeinsam würde etwas „Objektiveres“ als Konsens produzieren, möchte ich nicht völlig ausschließen, aber eben auch nicht stützen. Wichtig ist, den Konsens einer Gemeinschaft nicht per se für identisch mit der objektiven Realität zu halten. Zweitens gibt es Menschen, deren Realität eher stark vom Konsens abweicht – bei manchen merklich, bei anderen so stark, dass sie keine gemeinsame Sprache, kein gemeinsames Denken mehr mit den anderen haben. Diese Personen sind – im wahrsten Sinne des Wortes – diesem Realitätskonsens „verrückt“ oder „entrückt“. Noch einmal, ich spreche – ganz besonders in der Selbstwahrnehmung – auch den Personen mit abweichender Realität jedes Recht auf diese Realität zu – und genau das möchte ich auch von anderen erwarten.

Im Gegensatz zu einem Vertreter des radikalen Konstruktivismus, der keine Ethik aus der Theorie ableitbar sieht, bin ich allerdings der Ansicht – und darin auch nicht allein – dass gerade aus dem Anerkennen, dass jeder aus seiner eigenen Realität heraus handelt, ich dessen Realität anerkennen muss – und das Anerkennen der meinen auch von ihm verlangen sollte. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass wir vielleicht nicht in derselben Welt leben, da diese Welt, diese Realität in unseren jeweiligen Köpfen entsteht. Aber so lange wir interagieren, gibt es einfach Dinge, die in der Welt, der Realität, der Selbstwahrnehmung des Gegenüber für ihn untragbar sind. Wenn ich meinen Gegenüber als fühlendes, denkendes Wesen mit daraus resultierend eigener Realität anerkenne, deren Identität mit einer „übergeordnet objektiven Realität“ nicht mehr und nicht weniger nachgewiesen werden kann als meine eigene Realität, habe ich seine Grenzen und Bedingungen zu akzeptieren.

… ohne es recht zu merken, habe ich nun hier aus dem radikalen Konstruktivismus eine abweichende Formulierung eines leicht modifizierten „Kant’schen Kategorischen Imperativs“ hergeleitet und gegen die christliche „Goldene Regel“ abgegrenzt, kann das sein, oder denke ich das gerade nur?

Dass hier eine gewisse Spannung mit naturwissenschaftlicher Erkenntnisfindung besteht, die ich ja als Physikerin durchaus ebenfalls betreibe, ist mir bewusst. Aber ich werde diesen Beitrag erstmal sacken lassen, bevor ich mich daran mache, wie ich damit im Verhältnis zum oben Geschriebenen umgehe.