Verrückt

Verrückt war dieser Tag heute, verrückt ist diese Zeit. Klar, jeder denkt nun an Corona, aber das Thema ist tatsächlich bei dem Grund, warum ich das hier schreibe, nur als einer von mehreren „Grundbässen“ dabei. Die Melodie machen andere Sachen…

Das Leben verändert sich für mich gerade mit einem atemberaubenden Tempo. Nicht nur, dass ich inzwischen mit einem Fahrradanhänger Wocheneinkäufe und Essensabholungen erledige, somit das Auto steht, nein, ich habe auch das Inline-Skaten begonnen – das habe ich ja hier schon mehrfach erzählt.

Was nicht so viel thematisiert wurde, sind andere Dinge, die ins Rutschen gerieten. Mein Mann und ich beginnen derzeit, unsere Wohnung ein wenig umzugestalten und mehr unseren Bedürfnissen anzupassen. Vor neuneinhalb Jahren sind wir hier eingezogen, wir haben die eine oder andere Sache modifiziert, aber dann war lange Ruhe. Derweil veränderte sich unser Leben, veränderten sich unsere Lebensgewohnheiten, und wir wohnten immer noch in einer Wohnung, die wir von der Schwester meines Mannes und ihrer Familie übernommen hatten, mit kleinen Veränderungen und nicht wenigen Teilen des Mobiliars der Junggesellen-Wohnung meines Mannes und meiner Studentenbude. Nun haben wir den noch hier verbliebenen Holzofen abbauen lassen, den Kamin dafür schließen. Wir nutzten ihn eh nicht, nun ist an seiner Stelle erheblich mehr Platz und eine Spirituosen- und Sport-Trophäen-Vitrine. Das Gästezimmer wird langsam zum Homeoffice/Gästezimmer/Ersatzwohnzimmer. Es geht vieles voran!

Dazu merke ich wieder, wie sehr das Radfahren bei mir etwas anspricht, das bei anderen von Autos angesprochen wird: Tuning, Bastelei, Upgrades. Leistungsmesser-Kurbeln, Trikots, die zu meinen Geschichten passen, Trikots der Sport Löwen, nun auch Zeitfahr-Lenker-Extensions für das grüne Carbon-Rad, den Green Scooter Killer.

Warum ich heute darüber schreibe? Nun, gestern Abend wollte ich die Lenker-Extensions montieren, das erwies sich als nicht ganz einfach, so ganz nebenbei entdeckte ich dabei, dass meine Vorderradbremse am Rennrad nicht mehr richtig zurückschnappte, weil eine Achse verdreckt war. Das habe ich behoben, dazu die Extensions montiert und war stolz wie eine Königin. Heute früh war ich morgens im Homeoffice, dann beim Arzt, bekam meinen ersten Impftermin vereinbart, fuhr ins Büro, um Post zu sichten und ein paar Dinge zu klären, fuhr wieder heim und hielt eine Schulung für unsere Neuen. Dann testete ich ausgiebig die Lenker-Extensions und war völlig begeistert. Dazu wird es langsam wärmer – freilich, schön wird’s nur am Sonntag, aber kalt ist inzwischen nicht mehr so kalt wie noch in der kalten Jahreszeit.

Ich sprieße, blühe auf. Der metaphorische Winter, in den Corona uns am Ende des letzten Winters geschickt hat, hat mich viele Knospen treiben lassen – und vieles davon blüht nun auf. Und da wird einiges verrückt, an neue Stellen, gewinnt neue Qualitäten.

Ver-rückt eben!

1. Virtueller Lauf nach Bari

Eigentlich sind virtuelle Läufe ja nicht meine Sache. Klar, in diesen Tagen, in denen Massenstarts nicht akzeptabel sind, in denen die Dinge hoffentlich mit einer Impfung besser werden, aber das Impfen schleppend geht, kommt man nicht ganz drumherum, wenn man läuft und Wettkampf mag. Aber ein virtueller Wettkampf ist nicht dasselbe.

Jedoch habe ich nun an einem ziemlich speziellen virtuellen Lauf teilgenommen… der sonntägliche Lauftreff der LG Hardt, an dem ich recht konsequent, wenn auch nicht immer teilnehme, hat natürlich auch Federn gelassen. In Zeiten, in denen aus gutem Grund sogar größere Läufergruppen beim Outdoor-Sport nicht gestattet sind, der Lauftreff zerfasert und die Motivation leidet, da ist’s schon schwer für so eine Gruppe. Auch ein gemeinsames Ziel, nämlich der Wettkampf, in dem die Gruppe je nach Gusto Marathon, Halbmarathon oder Marathonstaffel läuft, aber gemeinsam hinreist, ist nicht vorhanden. Ebenso ist die gemeinsame Reise einiger Lauftreffmitglieder, die diese schon lange als Trainingslager jedes Jahr bestritten haben, nun das zweite Jahr in Folge ausgefallen.

Man hat’s deutlich gemerkt: Wir wurden nach dem Hochsommer nicht in der gewohnten Weise wieder mehr, und im Winter stellte sich kaum eine Routine ein, nach dem kältesten, schmuddeligsten Part ging’s auch nur langsam, dass die Leute sich wieder einfanden. Da präsentierte einer meiner Laufpartner aus der „schnellen“ Gruppe eine Idee: Wir können nicht echt ins Trainingslager nach Apulien, aber wir können die Strecke in der Gruppe an akkumulierten Kilometern zurücklegen! Schnell waren viele begeistert…

Es gab auch das volle Programm: Anmeldung per Email, regelmäßige Stichtage zum Melden der wöchentlich erlaufenen Kilometer, Startnummern…

Als wir virtuell in Österreich ankamen, fanden alle Läufer plötzlich Motivationskugeln (Mozartkugeln, vom Organisator bei uns vorbeigebracht) in den Briefkästen, um den Anstieg zum Brenner zu bewältigen, und in Italien angekommen, gab’s auf demselben Weg Cantuccini. Ebenso gab es jede Woche einen Bericht, wie weit wir gekommen waren, mit einem kleinen Reiseführer für die jeweilige Route. Und am Schluss gab es dann sogar noch eine Urkunde!

Urkunde und Startnummer.

Ich finde es total schade, dass wir Verrückten nur vier Wochen gebraucht haben, um die 1400 Kilometer nicht nur zu bewältigen, sondern mit 1628 Kilometern sogar deutlich zu übererfüllen!

Dunkel, kalt und unsicher

Ich wusste schon lange, dass ich die Kälte nicht mag. Dafür brauchte ich nicht viel zu forschen – ich gehe im Winter raus und merke, es gefällt mir nicht, wenn’s kalt ist. Die Kältetoleranz ist durch Sport auch durch den Winter hindurch besser geworden, aber noch immer mag ich es lieber, wenn die Sonne auf mich scheint und die Temperatur es erlaubt, der Sonne viel Haut zu zeigen – auch beim Sport. 30 °C beim Laufen? Kein Problem für mich!

Das bringt mich zum anderen Punkt. Dunkel! Als Mensch, der in seinen Zwanzigern noch gerne bis Mittag schlief und in den krassesten Zeiten zwei bis drei Mal die Woche bis zum Morgengrauen in Discos mit bevorzugt schwarz gekleideten Menschen tanzte, war ich eigentlich der Ansicht, dass die Dunkelheit mich nicht stört. Tatsächlich gehe ich auch gerne mal bei Dunkelheit spazieren, laufe auch mal im Streulicht der Großstadt ohne Stirnlampe über die Felder, vorausgesetzt ich werde nicht geblendet. In zunehmendem Maße merke ich aber, dass nun, in meinen Vierzigern, mir das frühe Dunkeln im Winter zusetzt. Schon beim Pendeln nach Stuttgart, das den größten Teil meiner Dreißiger einnahm, störte es mich, im Dunkeln aus dem Haus zu gehen und dann im Dunkeln wieder nach Hause zu kommen. Im Auto geht das ja sogar noch besser, aber auf dem Fahrrad macht es gar keinen Spaß. Nun, wo ich wegen der Corona-Pandemie auch einiges an Homeoffice machen darf oder muss – ich empfinde es eher als ein „Dürfen“, wo ich mich nun daran gewöhnt habe – bemühe ich mich, so früh wie möglich zu Arbeiten zu beginnen, um nach dem Feierabend gegen 15:00 oder 15:30 noch ein bis zwei Stunden im Hellen zu haben – für Sport, Spaziergänge, irgendwas.

Zu Kälte und Dunkel kommt dieses Jahr die Unsicherheit. Als Sportlerin mag ich es eh nicht, mich zu erkälten. Rhino-, Grippe- und Coronaviren (nicht nur Sars-CoV-2) treiben sich im Winter ja sowieso überall herum, und ich möchte diesen Mist nicht in meiner Nase, meinen Bronchien, Lungen und erst recht nicht an meinem Herzen haben. Dass ich das nicht möchte, hat sich mit der zunehmenden Bedeutung des Lauf- und nunmehr auch Radsports in meinem Leben verschärft, denn Erkältung heißt Sportverbot, damit der Infekt schnell weggeht und nicht auf’s Herz schlägt, und Herzmuskelentzündung hieße LANGE keinen Sport. Aber das ist ja nicht alles! Da man sich Sars-CoV-2 leichter einfängt als irgendeinen HxNy-Grippevirus und Covid-19 tendenziell mehr Spätfolgen, die einem den Sport verleiden, haben kann, ist das sowieso super-ätzend mit einem solch neuen Erreger auf dem Markt der winterlichen Erkältungsviren. Aber es kommt ja dazu, dass nicht nur ich Sorge vor dem Erreger habe, und nicht nur ich mit allem Recht. Sars-CoV-2 mit seinem Erkrankungsbild Covid-19 mag vielleicht nicht schlimmer sein als die spanische Grippe damals, problematischer als die übliche saisonale Grippe-Epidemie ist es aber definitiv, denn erstens haben bisher nur einige Menschen durch Infektionen mit anderen Corona-Viren eine gewisse Resistenz gegen das Zeug und zweitens sind die Folgen potenziell schwerwiegender und noch nicht voll bekannt. Deswegen finde ich es richtig, dass Gesellschaften, Staaten und Menschen mehr Infektionsschutz als sonst betreiben. Ich finde es auch in normalen Wintern ohne neue, aggressive Influenza-Variante oder neues Coronavirus nicht gut, wenn ein rotnäsig-schniefend-hustender Mensch sich in der Bahn neben mich setzt oder wild in den Zug niest oder hustet. Auch wenn ich es nicht auf meinen Alltag anwenden konnte oder wollte, hatte für mich der Usus fernöstlicher Gesellschaften, mit Mund-Nase-Maske in Zug oder anderweitig die Öffentlichkeit zu gehen, wenn man erkältet ist, einen großen Appeal. Meine Idee war einfach, dann zuhause zu bleiben, um die anderen nicht anzustecken. Mit dem Mix aus schweren und symptomlos-ansteckenden Verläufen verschärft Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 all das und ich bin voll dabei, dass wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten müssen. Vielleicht verabschiedet sich nun endlich auch der letzte davon, dass man sich erkältet, weil man in der Kälte steht oder mit nach dem Sport feuchten Haaren irgendwo sitzt… freilich sind Sport und Kälte Aspekte, die das Immunsystem vorübergehend ein wenig schwächen, während mindestens der Sport es langfristig stärkt. Dieses „Open Window“ für Infektionen aber als den Grund von Erkältungen zu sehen, spricht für eine Haltung, die die allgemeine Verbreitung, die Allgegenwart von Erkältungserregern im Winter als unausweichliche Tatsache akzeptiert. Das ist aber nicht so! Das Kind, das beim gemeinsamen Essengehen über zwei Stunden hinweg unaufhörlich Tisch, Besteck, Geschirr aller Begleiter der Eltern anhustet und anniest ist genauso vermeidbar wie der „heldenhaft“ mit knallroter Nase, Husten und Schnupfen im Büro krächzende Mensch, der sich für unersetzlich hält. Dass man nicht bei jedem kleinen Naselaufen daheim bleiben muss, wenn nicht gerade Sars-CoV-2 oder ein neuer Influenza-Flavour grassiert, ist mir auch klar – als Läuferin läuft mir im Winter durchaus auch mal ohne Infektion die Nase, weil die Schleimhäute in Nase und Augen auf Kälte und starke Temperaturwechsel nunmal mit Sekretion von Schleim reagieren. Feucht-kalte Luft, die angewärmt wird, wird dadurch nunmal in relativer Luftfeuchtigkeit trockener und reizt auch wieder die Schleimhäute. Aber verantwortungsvoll mit dem eigenen Körper und dem Infektionsrisiko der anderen umgehen fängt nicht erst bei Fieber an. Egal, was Kollegen und gegebenenfalls der Arbeitgeber sagen, den schlappen, infektiösen Körper nicht in den ÖPNV und nicht das Büro zu schleppen, ist kein Drückebergertum.

Tja. Ich schweife ab. Unsicherheit war das Thema. Mit einem neuen, auf schnelle Verbreitung sehr gut angepassten Erreger mit verhältnismäßig häufigen schweren Verläufen auf dem Markt ist unsere europäische Haltung zu Infektionsschutz und Drückebergertum gefährlich. An der Stelle ist es sinnvoll, die nicht „aus Vernunft“ heraus von jedem einzelnen ergriffenen Schutzmaßnahmen doch anzuordnen. Das beschränkt natürlich Freiheiten – und das sehen wir gerade. Mich nervt das ebenso wie so ziemlich jeden. Der lange, abschweifende Absatz vor diesem Absatz hier ist jedoch daraus geboren, dass ich mir selbst klar gemacht habe – schon vor Corona – und anderen klar machen will, dass Infektion durch Viren Erkältungen erzeugt und nicht die Kälte – und dass der Infektionsschutz sinnvoll ist. Freilich ist extreme Eindämmung bei eher milden Erregern übertrieben – es beschränkt unsere Freiheit zu sehr, macht die Produktivität kaputt und hindert zudem an der Entwicklung von Immunität gegen genau diesen und von Resistenz gegen ähnliche Erreger. Ist aber ein Erreger mit heftigeren Eigenschaften auf dem Markt, muss man das anpassen. Aber im Gedanken an „Kälte verursacht Erkältung“ und in der Erfahrung, dass die jährliche Grippewelle ja „noch nie so schlimm war, wie das immer aufgebauscht wurde“ sind wir nicht geübt in Infektionsschutz, auch wenn er nötig wäre. Und so lassen wir in Freiheitsdrang, Unwissen und teils der bewusst die Fakten durch Verschwörung ersetzender Kombination daraus den Infektionsschutz auch da zu gering, wo er nötig wäre – und bekommen ihn verordnet, in entsprechend harter Form.

Hier beschränkt dann unser Staat Grundrechte, um ein anderes Grundrecht, nämlich das Recht auf Leben und Unversehrtheit des Körpers (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) zu schützen. Damit greift die Beschränkung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 erster Halbsatz GG) durch den zweiten Halbsatz: „soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Genau da kommt die Unsicherheit auf. Wir alle sind nicht daran gewöhnt, ICH bin nicht daran gewöhnt, dass unsere, meine freie Entfaltung der Persönlichkeit das Leben und die Unversehrtheit anderer gefährdet (bzw. insbesondere im Straßenverkehr sind wir zu sehr dran gewöhnt, dass wir’s nicht mehr sehen). Und so entstehen „plötzliche“ Einschränkungen, und je weniger Leute es einsehen, dass an dieser Stelle die Beschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, die im SELBEN Artikel des Grundgesetzes festgelegt ist, desto härter und unvorhersehbarer werden diese Einschränkungen.

Das Ergebnis ist eine Unsicherheit, die zusätzlich zu Kälte und Dunkelheit in diesem Winter auf meiner Seele liegt. Es gesellt sich in meinem Fall in diesem Jahr noch eine gewisse Unsicherheit in anderen Bereichen dazu – mit neuer Chefin, neuen Aufgaben und neuen Kollegen ist die Abstimmung der Gruppe noch nicht final, und wo durch den Corona-Winter Sicherheiten wegbrechen, sind zusätzliche Unsicherheiten für mein sprödes Nervenkostüm Gift.

Dunkel, kalt, unsicher. Keine gute Kombination, um froh, gesund, produktiv und kreativ zu sein. Ich musste mir das mal von der Seele schreiben.

[KuK] Prioritäten

Als wir gestern zum Supermarkt gingen, um den Wocheneinkauf zu machen, waren die Regale mit Toilettenpapier schon wieder fast leer, die günstigeren Sorten waren ganz geplündert. Wir waren zwei Stunden früher als normal im Markt, mindestens seit Donnerstag hängt im Edeka wieder das Schild aus, dass von bestimmten Artikeln pro Einkauf nur eine Packung ausgegeben wird. Und dennoch…

Gleichzeitig sieht man viele Leute, die ihre nun einmal im Rahmen der AHA-Regeln verpflichtende Maske nur über den Mund tragen und die Nase oben raushängen lassen. Wenn ich auf dem Bürgersteig vor Nagelstudio, Bar und Supermarkt, wo auch der Aufgang zu unserem Büro liegt, meinen Buff über Mund und Nase hochziehe, wenn ich mit dem Rad oder laufend um die Ecke komme, werde ich teils komisch angeschaut – und dort ist es wirklich eng.

Aus der Klopapier-Horterei und gleichzeitig nur sehr eingeschränktem Verschärfen der eigenen Vorsicht angesichts der wirklich explodierenden Zahlen lässt sich eigentlich nur ein Schluss ziehen:

Nicht allzu wenigen Menschen ist ihr Arsch wichtiger als ihre Gesundheit.

Provokante Äußerung von Talianna Schmidt

[KuK] Eins pro Tag

Vor langen Wochen habe ich bei Skill up your Life von der Methode gelesen, Fitness-Übungen in die Gewohnheiten zu integrieren. Die Idee dabei war, sich ein Set von Übungen zu nehmen und immer, auf jeden Fall und stets eine Wiederholung jeder dieser Übungen am Tag zu machen. Jeden Tag!

Dabei geht es um Gewohnheit. Viel werden nun sagen, machst du nur eine, bringt es das nicht. Der Trick ist, dass man meistens eben nicht nur eine Übung machen wird. Funktionierte auch bei mir so. Ich hatte mir sauber ausgeführte Kniebeugen, Liegestützen und Crunches auf die Fahnen geschrieben. Mal machte ich wirklich nur je eine, aber teils waren es auch fünf, zehn, zwanzig…

Ein paar Tage, zwei, drei Wochen lang habe ich das gemacht, nun fange ich es gerade wieder an. Drei Tage läuft es wieder, und ich streue auch ein paar Atemzüge (meistens zwanzig) lang eine Brücke ein, denn die tut meinen Rückenmuskeln sehr gut. Ich hoffe, dass es dieses Mal anhält – denn so sehr ich wieder ins Fitnessstudio möchte, so wenig ich meinen Vertrag dort kündigen werde… mit den derzeitigen Regeln (kleines Studio, daher muss viel Aufwand für die Kontrolle von Abstand uns maximaler Personenzahl getrieben werden) kommt’s für mich nicht in Frage. Ich weiß, warum mein Studio zur vollen Stunde reinlässt und fünf vor der nächsten die Leute wieder raus sein müssen, und ich sehe das auch voll ein. Ich will und werde in der Zeit, in der das so geht, weiter meinen Beitrag zahlen – aber nicht hingehen. Da muss ich eine Alternative entwickeln.

Und genau diese Alternative ist die „eine Wiederholung eines überschaubaren Satzes von Übungen, jeden Tag“-Methode.

Der Koller

Nun ist er da, der Koller. So richtig und intensiv.

Die unterschiedliche Handhabung der Infektionsschutzmaßnahmen durch die verschiedenen Menschen in meinem Umfeld setzt mir enorm zu. Ich selbst wähne mich – ob nun berechtigt oder nicht – relativ sicher, dass ich, sollte ich die Infektion abbekommen, eher einen milden Verlauf zu erwarten hätte. Aber ich wäre auch Überträgerin. Daher gehe ich zur Arbeit, da wir nur beschränkt Homeoffice-fähig sind, gehe einkaufen, habe aber ansonsten nur Kontakt mit meinem Ehemann. Besuche bei Freunden und Verwandten soll man einschränken, auch wenn sie bis zu einem gewissen Grad erlaubt sind, also haben wir das getan – das Einschränken.

Nun tut es mir wirklich weh, Freunde nicht einfach mal so treffen zu können, meine Lieben (außer meinem Mann) nicht in den Arm nehmen zu können, und den Trek Monday beständig und auf unbestimmte Zeit ausfallen lassen zu müssen, das macht mich richtig fertig! Aber es ist sinnvoll, es ist vernünftig. Wir wollen möglichst wenige Infektionsherde, die Zahl der aktiven Fälle und der infektiösen Personen so weit drücken, dass auch mit mehr Lockerungen die Sache kontrollierbar bleibt. Je strenger man sich dran hält, um so früher geht’s wieder mit weniger Beschränkungen, zumindest ist das der Tenor meiner vernünftigen inneren Stimme.

…und dann sehe ich Teile meines Umfeld. Da wird sich besucht, quer durch das Land. Freilich: Die Verordnung des Landes Baden-Württemberg gibt „Versammlungen im nicht-öffentlichen Raum“ bis fünf Personen her, außerdem ist die Beschränkung auf fünf Personen von geradliniger Verwandtschaft (also Groß- und Eltern, Kinder, Enkel), Partnerschaft oder Haushaltsgemeinschaft aufgeweicht. Wenn ich so reinlese, könnten zwei zusammenlebende Pärchen und zwei sonstige Personen (also Personen aus vier Haushalten) zumindest in einer Grauzone der Verordnung gemeinsam DVDs schauen… aber wir tun’s nicht. Bloß, weil es nicht in den bußgeldbewehrten Bereich des Verbots geht, sondern nur die Empfehlung zum Infektionsschutz in ihrem Geiste verletzt, braucht man es nicht zu machen.

Nun sitze ich hier und frage mich: Bin ich vernünftig oder antisozial, wenn ich statt eines Besuchs lieber einen Anruf mache (oder auch nicht, da ich ungern telefoniere), wenn ich präventiv meinen Trek Monday ausfallen lasse, so weh mir das auch tut? Die vernünftige, richtige Antwort ist, dass ich nicht antisozial bin, aber da ist so eine nagende, böse kleine Stimme…

Eigentlich will ich mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich den Geist einer Schutzmaßnahme umsetze, die unter anderem auch ihrer eigenen Unnötigmachung dient. Das Gefühl, sich vor sich selbst und den anderen, die das Ganze nicht so ernst nehmen, verteidigen zu müssen, bleibt aber leider. Zweieinhalb Stunden habe ich über dieses Lamento heute verbracht und meinen Mann damit gestresst. Das Ergebnis bleibt: Wir behalten bei, wie wir agieren. Auch wenn viele um uns herum es nicht tun – und vielleicht kein Verständnis haben. Ich will mich lieber strenger dran halten und früher wieder raus dürfen.

In Gedanken…

…bin ich bei all dem, was zur Zeit nicht geht. Es ist komisch, ich habe manchmal das Gefühl, nicht „gesellig genug“ zu sein. Über Text und Teamspeak zu kommunizieren, das macht einen ganz erklecklichen Teil meiner sozialen Kontakte aus, ansonsten renne ich auch öfter allein durch Wald und Wiesen, radle allein oder mit jemandem aus meinem Haushalt durch die Gegend oder spiele am Rechner. Eigentlich sollte es kein Problem sein, dachte ich mir.

Aber ich vermisse meinen „Trek Monday“, den montäglichen SciFi-Video-Abend. Freilich heißt er nur noch Trek Monday, denn längst ist nicht mehr alles, was am Trek Monday läuft, Star Trek. Eine Watchparty über’s Netz zu machen, das wäre nicht dasselbe. Die nun kommende Lockerung der Maßnahmen erlaubt, Einkaufsmöglichkeiten wieder aufzutun, aber „private Besuche und Reisen“ sind weiter tabu. Somit ist der Trek Monday auch noch nicht wieder drin und ich merke doch, wie sehr es meiner Woche Struktur und gute Laune gibt, wenn ich meine lieben Freunde von der Trek Monday Crew jeden oder zumindest fast jeden Montag sehe. Auch die Verabredungen mit lieben Freunden – zum Mittagessen und zum Abendessen war angesetzt, mit zwei sehr lieben Freunden, die ich beide zu lange nicht gesehen habe – sind nicht drin. Genauso fiel der österliche Besuch bei meinem Vater und bei den Schwiegereltern aus, die Geburtstage zweier Schwägerinnen und auch der Besuch lieber Freunde für ein Wochenende bei uns.

So ganz allmählich merke ich, dass auch wenn ich nicht „tagtäglich gesellig unter Leute“ gehe, im Gegenteil sogar manchmal denke, dass nach „normaler Konvention“ zu viele meiner sozialen Kontakte „virtuell“ sind, mir die Corona-Virus-Maßnahmen zusetzen.

Eigentlich wollte ich nicht darüber schreiben. Eigentlich sollte der heutige Post etwas sein, das gar nichts mit Virus und Lockdown und allem zu tun hat. Aber jedes Mal, wenn ich nach Inspiration suchte, landete ich doch wieder dort. Die anderen Themen sind alle noch unausgegoren, oder hatten schon vor nicht allzu langer Zeit Rampenlicht, so dass es noch nichts signifikant Neues dazu gibt.

Nun, aber eine Neuigkeit gibt es doch: Heute waren es 600 Meter, nach denen ich aus Vernunft abgebrochen habe, mit dem Laufen. 250 Meter waren es beim letzten Mal, und am Ende derer war’s wesentlich blöder als heute nach 600. Es wird also. Aber ich bin ungeduldig. Vermutlich würde ich weit weniger Lockdown-Koller haben, der solche Beiträge auslöst, wenn ich nicht nur mit Radfahren, der Ersatzdroge, kompensieren könnte. So ganz nebenbei und zur Ersatzdroge: Ich sollte bald mal die Navigation meines Edge 830 testen, damit ich über meine ersten Erfahrungen mit dem Ding schreiben kann. Begeistert für die Arbeitsfahrten und andere Touren nutze ich es ja schon, mit sechs Werten auf dem Display auf einen Blick, statt Anzeige stumpf auf der Uhr. Morgen wird’s wohl wieder eine Tour geben. Vielleicht gucke ich da zumindest mal die Karte an!

Konsequenz ist, was man draus macht…

Eine Folge aus der Serie „CKB – Corona-Krisen-Blog“. Mal sehen, ob’s eine Serie wird!

Heute morgen, als ich mit dem Fahrrad durch das kühle, aber sonnige Karlsruhe sprintete, sah ich an der Karlstraße eine Herren. Er stand in der Straße, die zum Ludwigsplatz führt, und mir fielen seine blauen Nitrilhandschuhe zu ganz normalen Straßenklamotten auf. Mundschutz trug er keinen.

Exkurs: Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, verbreitet sich das neuartige Corona-Virus, so wie Erkältungen und die Grippe, vor allem über Tröpfcheninfektion. Schmierinfektion ist theoretisch möglich, aber selten bis nicht nachgewiesen, während die Tröpfcheninfektion allerorten ist. Handschuhe nutzen also gegen den der beiden Hauptverbreitungswege von Infektionen, der beim aktuell grassierenden Sars-CoV-2 ohnehin die kleinere Rolle spielt. Die ganzen (Privat-)Leute mit Einweghandschuhen und ohne Mundschutz im Supermarkt und in der Stadt regen mich also ein bisschen auf. Hab‘ ich den Mist auf den Mund- oder Nasenschleimhäuten, bringt auch Abwaschen nix mehr, angedockt haben die Rezeptoren schon. Hab ich den Mist auf den Händen, kann ich ihn auch einfach Waschen und mit Seife die Lipidhülle mit den Andockstellen zerstören – und produziere nicht dauernd zusätzlichen Kunststoffmüll an Handschuhen. Immer vorausgesetzt, ich fasse mir nicht – mit oder ohne Handschuhe ins Gesicht.

Zurück zu dem Herrn in der Karlstraße. Ich sah recht schnell, warum er keinen Mundschutz trug. Denn er fasste sich ins Gesicht. Die behandschuhten Greiferchen schön an die Lippen. Was nützen Handschuhe dann?

Natürlich hatte der Herr einen guten, wichtigen Grund, sich ins Gesicht zu fassen, mit seinen Nitrilhandschuhen, nämlich etwas anderes, das er mit seiner Lunge ganz ohne Corona-Virus anstellt – die Kippe zwischen den blauen Fingern.

Ich seh‘ es genau!
Die Hände sind blau!
– River Tam / Firefly

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Heute habe ich mit etwas angefangen, was ich noch nie zuvor getan habe. Nur durch die Corona-Krise war dies möglich, denn meine Kollegen und ich werden nun ad hoc ermutigt, von Zuhause zu arbeiten. Und so war es heute mein allererster Tag im Homeoffice.

Um ehrlich zu sein: ich hatte den Horror davor, weil ich mich darauf freute. Ich fürchtete all die Ablenkungen und all den Komfort, den ich zuhause habe, und der so richtig gar nichts mit der Arbeit zu tun hat. Ich fürchtete, nichts auf die Reihe zu bekommen, mich in Ablenkungen zu verlieren.

Einen ganzen Stapel Schreiben hatte ich mit nach Hause genommen, die zu prüfen und in die elektronische Erfassung einzutragen ich über so viel Aktuelles, Hereinkommendes im Büro nicht geschafft hatte. Sie lagen, sie lagen lange, sie lagen hinter meinem Schreibtischstuhl auf der Arbeit auf dem Boden, weil im Regal kein Platz war. Clear Desk ist viel einfacher, wenn man elektronisch arbeitet, aber wir auf der Behörde tun das noch nicht. Ich befürchtete, kaum ein kleines Stück davon abarbeiten zu können, weil Ablenkungen, die Kaffeemaschine, mein privater Rechner…

Eben weil all das da ist. Indes: Ich habe konzentrierter gearbeitet als auf der Arbeit! Binnen kürzester Zeit stellte sich eine Routine beim Abarbeiten dieser drei Typen von Meldungen ein. Ich las sie, glich den „Ist“-Inhalt mit dem „Soll“ in unserer Datenbank ab, machte Notizen, trug es in die Tabelle ein, wo für jede Arbeitsstätte der Arbeitsaufwand der Überwachung erfasst wird, machte Markierungen, in welches Heft die Schreiben geheftet werden sollen, wenn ich sie wieder mit ins Büro genommen habe – wie am Fließband. Diese Arbeit, bei der ich normalerweise recht schnell die Lust verliere, zog mich in den Bann. Klar, ich machte meine Pausen, aber danach ging’s frisch weiter.

Nun bin ich einerseits begeistert, dass es so gut geklappt hat, und ich nur drei Vorgänge unerledigt wieder mitnehme, weil ich für deren Bewertung auch die umfangreichen Papier-Akten auf Arbeit brauche. Andererseits aber betrachte ich die Kehrseite des in der Überschrift verwendeten Hesse-Zitats: Wird sich auch hier eine Routine, eine größere Anfälligkeit für Ablenkungen einstellen? Ich hoffe nicht.

Für’s erste aber kappte ich die VPN-Verbindung, fuhr das Arbeits-Notebook herunter, stand von meinem Stuhl auf – und war im Wochenende. Da ich vom Sport heute eh einen Ruhetag machen wollte und auch mache, war das super, dass kein Arbeitsweg mehr vor mir lag.

Homeoffice. Das erste Mal. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Nun hat’s meinen Wettkampfplan auch erwischt

Ein Thema ist derzeit allgegenwärtig: Das Corona-Virus Sars-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19. Ich habe mich ein bisschen zurückgehalten damit, denn auch wenn ich mir durchaus sorgen mache – vor allem um meinen Vater (jenseits der 60) und meine Schwiegereltern (jenseits der 70), war ich doch der Ansicht, dass vernünftiger Respekt und entsprechende Vorbeugung bei dem Thema allzuleicht in Panik umschlugen. Das äußerte sich unter anderem in völlig leergekauften Regalen Klopapier letzte Woche.

Noch vor nicht allzulanger Zeit meinte ich zu dem Thema: „Wenn man nur eine Runde durch den Wald läuft und sich anschließend die Urkunde bei raceresult ausdruckt, wieso nicht auf einen Wettkampf gehen?“ Allerdings ist da noch die Enge beim Start und bei einer großen Veranstaltung eben noch das „danach“ in großen, mit Menschen vollgepackten Hallen. Ich halte letzteres für viel problematischer als ersteres, aber beides muss in Zeiten rasanter Verbreitung des Virus nicht sein.

Folgerichtig wurden also der Freiburg-Marathon, für den ich angemeldet war, als Veranstaltung weit über 1000 Teilnehmern abgesagt, und der TuS Rüppurr hat den Rißnert-Lauf gecancelt. Der liegt zwar deutlich unter 1000 Teilnehmern, aber das Vereinsheim ist eng und die Siegerehrung wäre sicher eine Brutstätte gewesen. Somit laufe ich im März keine Wettkämpfe und fokussiere mich auf meinen Marathon-Aufbau. Ich hoffe inständig, dass es nicht ganz zu „italienischen Verhältnissen“ kommt, ich also wenigstens weiterhin allein durch den Wald rennen darf.