Mord im Orient-Express (2017er-Film und mein Kopf)

Wir waren nochmal im Kino! Nach Jahren, in denen wir kaum ins Kino gegangen waren, sind es dieses Jahr sehr viele Filme gewesen – zumindest für unsere Verhältnisse. Dieses Mal war es auf Empfehlung von Freunden, die die neue Verfilmung von „Mord im Orient-Express“, vielleicht DIE Hercule-Poirot-Geschichte schlechthin.

Ich habe vor langer, langer Zeit das Buch gelesen, zwar in deutscher Übersetzung, aber eben doch den Stoff, wie er im Buche steht. Ja, das Wortspiel war beabsichtigt. Persönlich war ich der Ansicht, man kann Agatha Christie nicht wirklich sensibel verfilmen, zumal ich zwar die Miss-Marple-Filme mit Margaret Rutherford kenne und mochte, aber nur abgetrennt von den Miss-Marple-Büchern. Denn Miss Marple ist ganz anders als in den Filmen, wenn man die Bücher liest. So ähnlich dachte ich über Poirot, bis mein Mann die Serie mit David Suchet anschleppte – die vielleicht sensibelste, akkurateste Umsetzung des schwierigen Belgiers, die ich mir vorstellen konnte. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Serie mit einem Schauspieler dem Bild, das ich mir von Poirot gemacht hatte, so nahe hätte kommen können wie David Suchet.

Daher ging ich mit deutlich vorsichtigen Erwartungen gestern ins Kino. Erst recht, da ich wusste, dass einige Änderungen vorgenommen worden waren an der Geschichte. Aber wie soll ich sagen? Die Umsetzung des Stoffes ist näher am „Spirit“ von Hercule Poirot und näher am Spirit der Buchvorlage als an den Buchstaben der Vorlage. Natürlich, man hat Dr. Constantin wegrationalisiert und Colonel Arbuthnot eine Arzt-Karriere gegeben, das schwedische Kindermädchen war nun eine Hispanic, gespielt von Penelope Cruz – und so weiter. Aber hey, darauf kommt es nicht an. Auch, dass Poirot härter, vielleicht ein wenig direkter agierte als im Buch, spielte keine Rolle für mein Gefallen am Film. Ich fand die Umsetzung großartig, auch die zeitliche Raffung, die insgesamte Straffung und modernere Darstellung der Geschichte und ihrer Figuren. Der Film funktioniert für mich standalone und in Bezug auf das Buch hervorragend, macht aber auch Lust auf mehr und beflügelt meine Phantasie, wie eine Verfilmung des Stoffes noch sein könnte – ohne den Film selbst als eine Version abzuwerten, die mich gut unterhalten und sehr gefreut hat.

Als ich damals allerdings das Buch gelesen habe, waren in meiner Vorstellung Oberst Arbuthnot und Gräfin Andrenyi meine optischen Highlights, der rote Kimono aus glänzenderer Seide. Das war in der neuen Verfilmung anders – wo ich Daisy Ridley in Star Wars cool fand, aber nicht mehr, war sie als Mary Debenham mit anderer Frisur und anderer Kleidung eine Gestalt zum Verlieben – Dr. Arbuthnot blieb allerdings mein rein optisches Highlight, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als in meiner Vorstellung beim Lesen des Buchs. Ich glaube, eine deutlich nähere Verfilmung des Buchs mit David Suchet als Poirot, gemischt mit einer verdüsterten Optik des Films „Moulin Rouge“ wäre meine Version gewesen. Aber das wäre dann auch ein Film, der nur mich angesprochen hätte – so war’s dann wahrscheinlich gut, dass bei dieser Verfilmung andere Entscheidungen getroffen wurden. Top war die Besetzung allemal und alle Gestalten waren passend besetzt und für mich akkurat gespielt – obwohl ich mir, unabhängig von möglicherweise anderer Beschreibung, Gräfin Andrenyi immer als schwarzhaarig vorgestellt habe.

Bei Gelegenheit muss ich mal die existierende Verfilmung von „Mord im Orient Express“ mit David Suchet beschaffen und anschauen. Mal sehen, ob ich dann noch immer eine eigene Version in meinem Kopf brauche. Wobei ich davon ausgehen würde – ich brauche zum meisten eine eigene Version in meinem Kopf – zumindest von dem, das mich wirklich anspricht.

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Vorstellung meines Buchs auf Youtube

Der zugegebenermaßen voreingenommene Ehemann der Autorin – also mein Ehemann, um genau zu sein, hat Am Rand des Strömungsabrisses auf seinem Youtube Kanal vorgestellt. Wenn Ihr aus seiner Perspektive einen Blick auf mein Erstlingswerk werfen möchtet, schaut doch mal rein:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/m8L5L2lQHK8?rel=0

Hauptsächlich macht er allerdings Let’s Plays und das schon über einer lange Zeit sehr regelmäßig – auch da lohnt es sich, mal hineinzuschauen, wenn Ihr Euch dafür interessiert.

Inspiration und Mut

Wo ist das Problem damit, Dinge nach außen zu tragen, die einem viel bedeuten?

Die Antwort auf diese Frage ist verhältnismäßig einfach: Alle können es sehen, lesen, hören – und darüber urteilen. Sie können einem sagen, was daran schlecht ist, wie man es umgesetzt hat. Viel schlimmer noch, etwas nach außen zu tragen, was einem viel bedeutet, und dann kommt eine Resonanz, dass diese Geschichte, diese Vorstellung peinlich, seltsam oder anderweitig nicht akzeptabel sei … das tut dann weh.

Aber ich habe ein Buch geschrieben, ich habe mich also damit befasst oder auch mich damit befassen müssen. Nun schwirren, wie ich vielleicht schon das eine oder andere Mal zum Ausdruck gebracht habe, noch viel mehr Ideen in meinem Kopf herum: Ideen zu Figuren, Geschichten, Orten … Welten. Eine davon habe ich in den letzten Tagen zwei Menschen erläutert, zwei Freundinnen erläutert, die vorher noch nicht so viel davon wussten. Beide waren fasziniert, begeistert und eine davon meinte, ich solle doch DARÜBER ein Buch schreiben.

Konkret geht es dabei um eine Vorstellung, die in meinem Kopf, in meinen Gedanken, unter dem Label „Der Park“ firmiert. Was also ist nun „der Park“? Kurz gesagt: Ein abgegrenztes, nicht gerade kleines Areal, in dem die Regeln des Zusammenlebens ein bisschen anders sind als überall drum herum. Natürlich ist der Park selbst fiktiv – die Idee kam mir damals, als ich ein paar meiner „nicht eingeordneten Vorstellungen“ beheimaten wollte und kurz vorher den Film „The Village“ gesehen hatte. Ganz so strikt wie jenes wiederauferstandene Gründerväter-Dorf in „The Village“ ist der Park nicht von der realen, normalen Welt abgegrenzt, und erst recht ist er nicht so thematisch korrekt. Aber sehr ernst nehmen die Initiatoren, Gründer und Bewohner des Parks das Projekt auch. Überaus ernst sogar! In diesem Szenario einer zwar mit der normalen Welt verbundenen, aber nach anderen Regeln laufenden, kleinen Welt habe ich etliche Geschichten angesiedelt, die ich auch in wundervollen interaktiven Spielen – Rollenspielen – mit den Charakteren besonders eines Freundes angereichert habe.

Nun raten mir Freunde – unter anderem auch derjenige, der recht tief mit in den Park einsteigen durfte – ein Buch aus den Geschichten im Park zu machen. Vielleicht auch mehrere. Auch mein Eindruck ist es, dass die Geschichte gut ankommt, etwas originales ist, interessante Charaktere mit einem spannenden Plot verbindet.

Das einzige Problem (neben der Zeit, die man natürlich für ein solches Projekt braucht) ist nun: Viele der Gestalten im Park sind unheimlich nahe an mir dran, verkörpern sehr direkt und explizit Eigenschaften, Persönlichkeitsteile, Ereignisse und Geschichten, die zu mir gehören. Ich würde sogar noch weiter gehen: Das sind Dinge, die „Ich“ sind. Aber ich glaube, ich werde es dennoch oder vielleicht gerade deswegen tun – mindestens die erste, kurze, recht kompakte Geschichte im Park in ein kleines Büchlein packen und schauen, was passiert.

Das Gefühl dabei auszudrücken, ist nicht so einfach. Andererseits vielleicht doch: Es gibt da im Titel „Standing“ meiner Lieblingsband VNV Nation eine Zeile, die (ein wenig auf meine Situation gemünzt und vielleicht auch ein ganz kleines Bisschen aus dem Zusammenhang):

„I bear my heart for all to see.“
VNV Nation – Standing

Ja. Das tu‘ ich. Und seit ich gelernt habe, das mit meinem Gefühlen und Gedanken zu tun, so ab Mitte 20 für mehr und mehr Bereiche meines Lebens, geht es mir besser als früher. Wahrscheinlich sollte ich nicht zweifeln an dem Weg, den Park mit all seinen Gestalten öffentlich zu machen. Denn wie diese Zeile so viel in mir berührt, hat genau das zu tun mir so viel mehr Lebensqualität gebracht, auch wenn die damit erzeugte Haut dünner und verletzlicher ist als der dicke Panzer von vorher.

Alanna von Trebond / Song of the Lioness

Nach einer ganzen Weile möchte ich hier mal wieder ein Buch – oder in diesem Falle eher vier davon vorstellen. Es geht dabei um den „Alanna-von-Trebond“-Zyklus von Tamora Pierce, im Englischen als „Song of the Lioness“ zusammengefasst. Konkret besteht der Zyklus aus den vier Bänden:

  • Die Schwarze Stadt (Originaltitel: Alanna: The First Adventure), 1983
  • Im Bann der Göttin (Originaltitel: In The Hand Of The Goddess), 1984
  • Das Zerbrochene Schwert (Originaltitel: The Woman Who Rides Like A Man), 1986
  • Das Juwel der Macht (Originaltitel: Lioness Rampant), 1988

Die vier Bücher haben jeweils ungefähr 250 groß und lesefreundlich beschriebene Seiten – ich habe die einzelnen Bände damals jeweils an einem Tag verschlungen, als ich 14 war und mehr, wesentlich mehr Zeit zum Lesen hatte. Es ist also auch kein besonders umfangreicher Stoff, zusammengenommen ist das Lied der Löwin durchaus ein Werk epischer Länge, das durch die Strukturierung der vier Bände überschaubar wird.

Die Hintergrundwelt des Lieds der Löwin ist das Land Tortall, das nach Augenschein mittelalterlich ist. Intrigen und Schwerter und Kriege gibt es, aber nicht in einer blutigen Intensität wie das in „Game Of Thrones“ der Fall ist. Dazu ist’s keine „High Fantasy“, Elfen, Zwerge und dergleichen wird man vergeblich suchen. Aber es gibt Magie, es gibt Götter, die sich auch in das Leben der Sterblichen einmischen. Ab „Im Bann der Göttin“ spielen dann auch andere Länder eine gewisse Rolle, „Das Juwel der Macht“ spielt sogar zum größten Teil außerhalb Tortalls. So weit die Welt zum Verständnis der Bücher nötig ist, wird sie ausreichend erklärt, aber umfangreiche Exkurse zu Details gibt es nicht, die Handlung geht immer voran – dabei ist hilfreich, dass Alanna selbst aus „der Provinz“ kommt und somit viele der Dinge selbst noch nicht kennt. Viele wichtige Figuren erlebt man in allen Bänden, neben Alanna selbst treten viele der Figuren über den gesamten Zyklus hinweg immer wieder auf, manche davon mit Pausen. Es ist möglich, in Alannas Weg eine Art der typischen „Heldenreise“ zu sehen, allerdings schlägt sie sich mit (für ihre Situation) ganz normalen Problemen herum. Allerdings ist Alannas Situation nicht ganz normal: Als der „Wildfang“ des Zwillingspaares Thom und Alanna ist es ihr ein Gräuel, als sie von ihrem Vater in ein Kloster geschickt werden soll, wo sie die Etikette der feinen Damen lernen soll, um anschließend an den Hof zu kommen. Thom dagegen hat zwei linke Hände und hängt sehr an der magischen Gabe, die er ebenso wie Alanna hat – während Alanna selbst sich vor der Magie fürchtet. Thom will also nicht den vorgezeichneten Weg als Ritter nehmen, Alanna nicht den ihrigen als Dame annehmen. Praktischerweise liegen die Akademien für die Magie in derselben Stadt wie das Kloster, in das sie soll – und so tauschen die beiden die Rollen. Mit gefälschten Briefen des Vaters brechen sie auf – für Thom ist das einfach, er kann ein Junge bleiben. Aber die Ausbildung über Page und Knappe zum Ritter ist Jungen vorbehalten – und so wird aus Alanna Alan. Mehr spoilern möchte ich auch gar nicht, denn sehr viele der Probleme und Schwierigkeiten, die Alanna beschäftigen, sind mit ihrem Inkognito und dem dazugehörigen Mangel an Erklärung, was sie als Mädchen in der Pubertät erwartet, bereits angelegt.

Für mich war sehr wichtig und schön zu sehen, wie Alanna mit all dem umgeht – sie geht es direkt an, kämpft für ihren Platz zuerst unter den Pagen und Knappen, später bei Hof und in der Welt. Selbstzweifel werden illustriert, aber auch Hartnäckigkeit, genauso wie die Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung, sowohl gegen Einmischung von anderen Menschen als auch des Schicksals beziehungsweise der Götter. Längere Passagen, in denen nichts oder nur wenig passiert, lassen die Bücher aus, sie konzentrieren sich auf die Phasen mit (innerer oder äußerer) Entwicklung. Ich fand für mich wertvoll, eine Figur an die Hand zu bekommen, die Ideale hat, aber durchaus mit ihrem Temperament und der Umgebung hadert, wenn sie diese Ideale verfolgen will – und die sich im Laufe der Zeit stark entwickelt, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Dabei lässt Tamora Pierce an vielen Stellen Platz für eigene Vorstellungen, gerade auch die Phasen, in denen wenig passiert, kann man eben als „die leere Seite zwischen zwei Kapiteln“ ansehen, oder sie mit plastischen Bildern, für deren Vorstellung die Information aus dem Buch ausreicht, auffüllen – letzteres war mein Weg.

Ich habe die vier Bücher als Jugendliche zweimal gelesen – und später dann, jenseits der dreißig, noch weitere zweimal. Mein Blickwinkel und was ich darin sehe, das hat sich verändert. Nicht verändert hat sich dagegen, dass hier eine ungewöhnliche Geschichte einer starken Figur erzählt wird, die aber an keiner Stelle oberflächlich bleibt. Nicht zuletzt ist Alanna auch eine Figur, an der man sich in Entwicklungsphasen festhalten kann. Sie macht nicht alles richtig, ihr fehlt manchmal die Kontrolle ihres Temperaments, manchmal auch die Information und Reife, um eine bestimmte Situation so zu lösen, wie es eigentlich richtig wäre – dennoch versucht sie, so gut es geht, damit fertig zu werden.

Nicht zuletzt sind Themen wie gesellschaftlich ungewöhnliche Wahl der Rolle, die man einnehmen möchte, Liebe, Gefühle und Umgang mit Gefühlen, aber auch ernste Themen wie Mobbing und die erschreckende, an manchen Stellen auch ungewollte Entwicklung von Körper und Rolle beim Erwachsenwerden behandelt, ohne psychologisierend oder vorschreibend daherzukommen.

Leider sind die Bücher nur noch antiquarisch zu bekommen, aber ich würde die empfehlen – für Heranwachsende, wie ich sie damals mit 13 oder 14 gelesen habe, aber auch für Erwachsene, die keine Berührungsängste mit Jugendbüchern haben.

Now Reading …

Nachdem ich mich schon über Anleitung für eine Revolution und über Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister geäußert habe, in zugegeben eher sehr persönlicher Weise, ist’s nun vielleicht nicht völlig uninteressant, was ich vor kurzem gelesen habe und was ich gerade lese.

Vor einiger Zeit gelesen habe ich „Das Ballettmädchen. Eine Berliner Novelle“ von Mori Ogai. Ob ich darüber bloggen werde, weiß ich noch nicht. Das Buch hat mich eher indifferent hinterlassen, auch wenn es mich definitiv berührt hat. Ich fand hier sehr schwierig, meine persönliche Einschätzung der Handlungen des Protagonisten von der Botschaft und dem künstlerischen Aspekt zu trennen. Aber wir werden sehen, vielleicht finde ich noch eine gewisse Distanz zum Buch.

Im Moment habe ich mich wieder einem etwas anderen Stoff verschrieben – nämlich „My Secret Garden“ von Nancy Friday. Wie in vielen Rezensionen erwähnt, finde ich das Buch bereits jetzt befreiend. Es ist eine sehr beruhigende Sache, Phantasien auch bei anderen, insbesondere auch bei anderen Frauen als ein mehr oder minder selbstverständliches, nicht anrüchiges Phänomen wahrzunehmen. Es ist auch sehr ermutigend, dass offen über diesen verborgenen Garten geschrieben wird, der wohl bei jeder anders gehegt, gepflegt, angelegt und auch benutzt wird. Ich bin noch lange nicht durch, aber ich kann mir schon jetzt sehr gut vorstellen, am Ende darüber zu schreiben – darüber schreiben zu müssen.

Allerdings werde ich sicher nicht zu einer Art Bücherblog werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Nur spielt Lesen für mich eine nicht unbeträchtliche Rolle, und somit sind Bücher wichtige Freunde auf dem Weg durch mein Leben. Sehr wahrscheinlich werde ich auch noch die Autobiographien von Nichelle Nichols („Beyond Uhura“), Grace Lee Whitney („The Longest Trek: My Tour to the Galaxy“) sowie die autobiographischen Werke „Wishful Drinking“ von Carrie Fisher und „To The Stars“ von George Takei irgendwann wieder rauskramen und darüber schreiben, dass ich sie gelesen habe … und vor allem, wie ich sie wahrgenommen habe.

Eines allerdings sage ich noch dazu – wo mein jeweils aktuelles Buch eigentlich immer liegt: Es liegt im Bad, genaugenommen auf dem Bord neben der Toilette. Dort ist es greifbar, wenn man in der Badewanne oder auf der Toilette lesen möchte – letzteres tu ich wirklich nicht ganz selten – und ich weiß ganz genau, wo es liegt, wenn ich woanders lesen will, und kann’s mir holen. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte das war Anrüchiges an sich, aber eigentlich glaube ich, dass das der Ort ist, wo viele ihre Bücher, Magazine oder Roman-/Comichefte bereitliegen haben.

… und noch ein Buch: Anleitung für eine Revolution

An anderer Stelle habe ich vor einiger Zeit erzählt, was ich damals gerade am Lesen war – und zwar „Anleitung für eine Revolution“ von Nadja Tolokonnikova, den meisten wohl als Teil von Pussy Riot bekannt.

Ich habe dann meinen persönlichen Eindruck geschildert – und als ich gestern „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ hier in sehr persönlicher Weise vorgestellt habe, kam mir der Gedanke, auch meine Eindrücke über andere Bücher zu posten. Also:

Nadja Tolokonnikova – Anleitung für eine Revolution

Zunächst einmal: Das Buch besteht aus recht kurzen und einigen wenigen längeren Fragmenten. Oft sind diese als Aufrufe aufgebaut, man findet recht häufig die Struktur: Anekdote – griffiger Aufruf in einem Satz – detailliertere (Kurz-)Geschichte aus dem Leben der Autorin.

Großthematisch spielen Feminismus, Anprangerung der autoritäten Verquickung von Kirche und Staat, sowie die in der Gesellschaft verankerten, laut Tolokonnikova rückständigen Überzeugungen in Russland eine große Rolle. Natürlich kommt auch die Provokation nicht zu kurz. Immer wieder taucht das Motiv auf, dass Nadja Tolokonnikova sich nicht in die klassisch-feminine Rolle fügen will, sowohl in der Gesellschaft als auch im Straflager. Teils äußert sich das in dem Wunsch, wie ein Junge oder gar ein Junge zu sein, aber andererseits präsentiert sie sich wieder ganz deutlich als froh, eine Frau zu sein. Vielleicht auch reagierend auf das Verbot von „homosexueller Propaganda“ in Russland erzählt sie in provokativem Ton und teils recht explizit lesbische Abenteuer insbesondere während ihrer Lagerhaft. Es tauchen aber noch eine Reihe weiterer Motive auf: Polizisten Umarmen und Küssen, Protestaktionen mit Leitern, um in einen Garten zu steigen, aber auch das Verstecken vor den Behörden werden thematisiert. Im Teil über ihre Lagerhaft greift sie das Motiv der „Tradition“ auf, die hinter der Lageraufseherschaft der mordwinischen Bürger steht, ebenso wie die Kontinuität zwischen heutigen russischen Straflagern und dem Gulag-System der Sowjetunion. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass Tolokonnikova diese Leute nicht nachdrücklich verurteilt, sondern viele quasi in einer Tradition sieht, der sie schwer entkommen können.

Insgesamt spürt man über den Verlauf des Buchs (wie auch unter dem Eindruck der Aktionen vor dem Punk-Gebet und dem nachfolgenden Prozess) eine gewisse Veränderung in den Motiven hinter der Aktionskunst des Protestes gegen die Autokratie Putins und die Verquickung von extrem konservativen Einstellungen, Kirche und Staat in Russland, die die derzeitige, antidemokratische Tendenz zementiert. Die Lagerhaft macht Tolokonnikova vor allem zu einer Kämpferin gegen die Haftbedingungen in den russischen Lagern. Insgesamt bleibt es aber bei einer teils durchaus provokanten, überspitzten Sprache und bei Motiven, die durchaus vielleicht eher revolutionär als reformerisch sind – wenn auch aktionskünstlerisch-friedfertig-frech – nicht Mahatma Gandhi, aber sicher auch nicht Sturm auf die Bastille, vom Motiv her.

Vom Sprachstil würde ich das Buch als „höher“, als „gebildeter“ ansehen als die Texte, die sie von „Pussy Riot“ in das Buch integriert. Derb ist die Sprache jedoch immer noch, teils sehr plakativ. Mir ist aufgefallen, dass sich viele Motive (Verniedlichungen, Bildung von Bezeichnungen als feststehende Begriffe) aus der Übersetzung von Solschenizyns „Archipel Gulag“ in diesem Buch wiederholen. Ich würde unterstellen, dass hier eine Mischung von typischen Sprachmotiven des gesprochenen Russisch und auch bewusste Annäherung an den Stil von Solschenizyn mischen – denn mit der Lagerhaft, dem Protest gegen die Gesellschaft, die Autokratie und die Haftbedingungen und das Haftsystem ähneln sich die Motive, wenn auch Solschenizyn als „Bildungs-Dissident“ daherkommt und Tolokonnikova bewusst teils ihre Bildung hinter dem Punk-Aktionismus, wie sie es nennt, zurücknimmt.

Insgesamt ein Buch, das ich teils recht extrem finde, mich teils aber auch exakt in den Positionen wieder finde. Ein Buch, das sicher weniger polarisieren wird, als man erwarten würde, selbst wenn es an manchen Stellen provokant – bewusst provokant gehalten ist. Dass Handlungen, die bei uns eher Kopfschütteln verursachen würden, in Russland mit gefühlt archaischen Methoden geahndet werden, ist inzwischen weit verbreitet bekannt. Das reduziert natürlich das Sensationspotential. Außerdem ist es ein Buch, das eine kämpferisch-positive, humoristische Grundhaltung mit schwierigen Themen und schwierigen Methoden zusammenbringt. Ob es mir oder anderen ‚gefällt‘, finde ich nicht so relevant. Ich finde es einfach SEHR lesenswert, würde im Kontext aber auch zu ‚Archipel Gulag‘ raten, falls mandas noch nicht gelesen hat.

Ich bin nicht sicher, ob ich damit dem Buch gerecht werde.

Zwei Richtungen

… „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister. Die, aus der sie kommen und die, in die sie fahren. Oder sehen sie noch eine andere?“

Mit diesem coolen Spruch lädt sich ein Anhalter bei einem Amerika-Reisenden ein, und mit diesen Worten beginnt ein neuer Teil der Geschichte des Buches „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister.“ von Reinhold Ziegler. Ich möchte diesem Buch nun endlich einen Beitrag in meinem Blog widmen, da ich es – nun ja, ähm – schon wieder lese. Es ist das 33. Mal, glaube ich, vielleicht auch das 32., möglicherweise auch das 34., aber darauf kommt es nicht an. Das Exemplar, das bei mir Zuhause liegt, ist inzwischen nicht mehr hübsch, reichlich zerfleddert, kurz: ziemlich zerlesen.

Was also bringt mich immer wieder zu diesem Buch? Die Geschichte scheint simpel: Achim fliegt nach Amerika, auf der Flucht vor einer ganzen Reihe von Problemen, die sich nicht auf „Liebe“ reduzieren lassen. Er ist auch auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die der Satz „Papa ist in Amerika“, von der Mutter in sein klein-kindliches Ohr geflüstert, in ihm aufgeworfen hat. Doch Achim ist kein Kind mehr, er ist Anfang 30 und brauchte schon eine große Krise und den Schubs eines Freundes, der aus New York kommt, um endlich aufzubrechen. Was sich dann auf recht überschaubarer Taschenbuchlänge entfaltet, ist ein tiefer Einblick in die Frage: „Wer bin ich, wer will ich sein? Wie kann ich die Balance zwischen dem ‚für mich leben‘ und ‚für andere und mit anderen leben‘ halten?“ Man kann in dem Buch eine Liebesgeschichte sehen, auch wenn Rika, Achims Freundin, fast ausschließlich in Briefen und Telefonaten und vor allem seinen Gedanken vorkommt. Man kann einen Reisebericht darin sehen, über eine Rundreise um die USA. Auch eine Liebeserklärung an die Musik von Simon and Garfunkel und einige ihrer Zeitgenossen kann man darin sehen. Für mich war das Buch immer mehr. Mit vielen persönlichen, erstaunlich treffsicheren Metaphern, mit vielen vermeintlich coolen Sätzen, die sich als mehr entpuppen, als sie zuerst zu sein scheinen, kann man in „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ eine Reise durch Emotionen und Veränderung, durch Erkenntnis und Bewältigung machen. Von Mobbing in der Schule schreibt Zieglers Ich-Erzähler Achim nicht viel, und doch kann man fühlen, dass auch diese Erlebnisse Achim zu demjenigen gemacht haben, der er ist, ebenso wie die Probleme mit der Vater-Figur und deren Erwartungen.

Reinhold Ziegler beschreibt auch, wie Achim in Musik, Büchern und verschiedenen anderen Dingen Trost findet. Besonders beeindruckend fand ich die Passage, in der Achim darüber erzählt, was „Walden“ von Henry David Thoreau für ihn bedeutet. Wenn man ein Suchender sei, nach Sinn, nach mehr, nach Erklärungen suche, finde man in diesem Buch immer wieder etwas Neues. So geht es mir mit dem „Mister“, wie das Buch wohl während seines Entstehens intern von Ziegler und seinen Lektoren und Verlegern genannt wurde. Ich entdecke jedes Mal etwas Neues. Insbesondere für Phasen der Veränderung, des Zweifels und der Verarbeitung möchte ich es empfehlen, es mal mit Achim und seinen Reisebegleitern Sparky und Babe zu versuchen.