Tief im Westen

Ein Gänsehaut-Moment. Warum es damals die Live-Version von „Tief im Westen“ oder auch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer in meine Sammlung geschafft hat, weiß ich gar nicht mehr genau. Jedenfalls ist es eine Version, die sehr, sehr „live“ ist. Als am Achtziger-Tag auf SWR3 irgendein Grönemeyer-Song im Radio lief, bekam ich Lust auf dieses kaum vier Minuten lange Stückchen „Grönemeyer live“.

Ich kann’s gar nicht genau sagen, warum es so ist. Ich komme nicht aus dem Ruhrpott, in Bochum habe ich zwar Freunde, aber im Grunde genommen keine Beziehung zu der Stadt. Nicht, dass ich den Ruhrpott nicht mögen würde – im Gegenteil! Ich fühle mich dort, ebenso wie im Hamburger Raum, von Menschen, Landschaft und auch Bebauung immer sehr wohl, obwohl meine (durchaus als solche geliebte) Heimat im südwestdeutschen Raum liegt. Der Südwestdeutsche an sich, gleich ob Schwabe oder Badener, ist ja durchaus in seiner klischeehaften Mentalität vom Ruhrpottler verschieden. Dennoch …

Wenn man sich insbesondere bei „Grönemeyer-Live“-Aufnahmen, all diese Atmosphäre, den sympathischen Grönemeyer auf der Bühne, all das vorstellt – dann ist das Wahnsinn. Gänsehaut. Heimat und Hexenkessel; nicht glorifiziert, zumindest nicht für etwas golden Angepinseltes, sondern für’s echt, hässlich, verbaut Sein geliebt und vielleicht doch ein bisschen gerade dafür bejubelt. Eine Art von Heimat, in der der Staub, der Taubendreck auf der Jacke, das Mitgehen in diesem etwas rauen Gefühl des herzlichen Verbundenseins alle gleich macht und zusammenbringt. Ich kann mit rein, in dieses Gefühl, allein, wenn ich Grönemeyer die Zeile „Tief im Westen – wo die Sonne verstaubt!“ jubeln höre. Ist „Jubel“ das richtige Wort? Ja, ich denke schon – vielleicht nicht im Sinne eines Gewinner-Jubelns, aber in Form des Herausrufens eines positiven Verbundenheitsgefühls. Am Ende der Aufnahme ruft Grönemeyer in den Jubel der Fans hinein: „Bangemachen gilt nicht!“ und wenn man die Aufnahme auf Schleife setzt, ist es schwer zu sagen – eigentlich gar nicht – ob das der Auftakt zu „Tief im Westen“ ist oder die Überleitung zum nächsten Lied. In meinem Kopf entstehen da Bilder und Gedanken. Der Welt, in der Am Rand des Strömungsabrisses spielt, habe ich schon lange eine Art „Ruhrpott“ gegeben, aber gestern, beim Hören der Aufnahme, haben sich diese Gedanken verfestigt. Da jubelte eine Tethys-Variante von Grönemeyer auf seine Heimatstadt – in natürlich etwas angepassten, aber letztlich ähnlich liebevoll-despektierlichen Beschreibungen wie Grönemeyer. Auf einem großen Festival, das fast schon am Rand der Stadt stattfindet, die im Sinne des Textes von „Tief im Westen“ Düsseldorf entsprechen soll.

Ja, das ist ein großes Gefühl. Eine Einigkeit über das Schicksal, in das man hineingeworfen ist – der Ort, an dem die Sonne verstaubt, der vor Arbeit ganz grau ist. Wo es egal ist, wer man ist, so lange das Herz zählt – grau macht der Staub sie eh alle, und es sind sie, die nur aus Gier handeln, die vielleicht ein bisschen als Feindbild zählen.

Ob das nun gut und richtig ist, moralisch gesehen, weiß ich nicht. Aber ich bin tief drinnen in dem Gefühl, das mir „Tief im Westen“ vermittelt. Wohlig eingepackt in die Gewissheit, dass das eine Art von Heimat ist. Egal, ob es nun Bochum im wörtlichen oder in einem übertragenen Sinne ist.

Reisefieber

In den letzten Tagen wurde mir sehr bewusst – also so RICHTIG sehr bewusst – dass wir bald auf Reisen gehen. Noch sind wir nicht losgefahren, aber eine Packliste für meinen Koffer, meinen Rucksack, meine Handtasche und meine Notebooktasche existiert schon, ebenso ein tabellarischer Ablaufplan mit Einträgen für die jeweiligen Hotels, dazu ausgedruckte Reservierungen und so weiter.

Aber da ist noch mehr, das mich derzeit beschäftigt. Beim ersten Besuch eines Orts lasse ich mich meistens treiben, lasse mich von den Menschen, die ich dort treffe, ein bisschen herumführen. Ich besuche ja eher Freunde, als dass ich Orte besuche. Es hilft oft, einen Bezug zu diesem Ort zu gewinnen, weit mehr, als zuvor einen starren Touristen-Plan zu bauen. Beim zweiten Mal sieht es aber oft anders aus. Ich lese nach, was ich dort gesehen habe – und mit einem Bild, einem direkten Eindruck von vor Ort, haben die Beschreibungen doch weit mehr Realität. Dann beginne ich, die Dinge aufzufüllen, die ich gerne noch sehen oder machen würde. Dazu kommt, dass ich natürlich meine Laufsachen mitnehme und nun schonmal anfange, Laufstrecken zu planen. Schließlich ist einfach loslaufen und sich treiben lassen gefährlich, weil man in ungewohnter Umgebung eventuell riskiert, sich zu verlaufen. Es ist nicht so sehr, dass ich Angst hätte, dann nicht mehr nach Hause zu kommen. Aber wenn ich nicht abschätzen kann, wie weit es noch ist, eventuell von anderem Wetterverhalten an anderen Orten überrascht werde, könnte es doch eher vorkommen, dass ich das Tempo drosseln muss, weil die Strecke zu weit wird, dann weht starker Wind, ich friere und erkälte mich. Nach zehn oder fünfzehn Kilometern ist der ironisch geäußerte Satz „Wer friert, läuft zu langsam“ gar nicht mehr lustig.

Und so habe ich mir nun überlegt, was ich sehen will, wenn ich an der Unterelbe bin: Eine der Binneninseln will ich mir angucken. Klingt banal, aber ich finde es unglaublich interessant und schön zu sehen, was aus der Interaktion von Sand und Strömung entsteht. Somit steht, angesichts des Übernachtungsstandorts zwischen Buxtehude und Stade, entweder Lühesand oder Hanskalbsand läuferisch vom Deich aus über den jeweiligen Elbarm hinweg anschauen auf dem Programm. Danach ist der Plan, an der Lühe entlang zu laufen und am besten quasi von einem gemeinsamen, motorisierten Ausflug mit den anderen, nicht ganz so starken Läufern, den Rest der Strecke bis zur Unterkunft läuferisch zurückzulegen. Fünfzehn Kilometer, vielleicht zwanzig wären das, in vernünftigem Tempo ohne Druck und Hast ist das ein schöner Abschluss für einen Ausflug. Ich bin gespannt, ob es klappt, die Strecke habe ich mir schon herausgesucht. Sicherlich wird sich zwischen Lühe, Aue und altem Land noch eine weitere Strecke finden, die Interessantes zeigt. Zwei Stationen vorher, in Bochum, wird wohl der Kortumpark in der Nähe unseres Hotels eine Laufstrecke bieten – keine so richtig lange, aber vermutlich gibt auch die Dauer des Aufenthaltes in Bochum einen solchen nicht her. Vielleicht laufe ich da dann sogar zusammen mit meinem Mann!

In Amsterdam gibt’s in der Nähe unseres Hotels eine große Grünfläche, da muss ich dann mal schauen, ob ich da morgens ein paar Runden drehen kann …

Menschen. Orte. Laufmöglichkeiten. Interessante Prioritäten.