Kein Spaß, Mann!

Gestern verschlug es mich dienstlich mal wieder auf die Bundesautobahn 8. Ich war vom Büro in Bruchsal mit einem Ford S-Max Richtung Stuttgart unterwegs, hatte das Karlsruher Dreieck bereits hinter mich gebracht und fuhr ohne Hast auf der linken Spur aus dem Pfinztal hinauf Richtung Pforzheim. Wie immer auf der dreispurigen Richtungsfahrbahn mit einiger Steigung waren die beiden rechten Spuren von LKW und langsamen anderen Fahrzeugen eingenommen – die rechte mehr, die mittlere etwas weniger. Es regnete, mal mehr, mal weniger, der Himmel war grau, der Verkehr lief langsam, aber zunächst scheinbar beständig. Mit etwas Abbremsen vor LKW, die auf der mittleren Spur den Berg hinaufschnauften, und etwas mehr Tempo in den Lücken dazwischen war durchaus eine gewisse Schwingung im Tempo – aber das ist ja so weit nicht schlimm. Wenn ein etwas schnellerer LKW auf der mittleren Spur fährt, scheren ja immer einige aus, die das Rechtsfahrgebot etwas strenger nehmen, während andere bei weniger als 200 oder 300 Meter hintereinander fahrenden, etwas schnelleren LKW das nicht für lohnenswert halten, und die Ausscherer mit den Spurhaltern zu verheiraten, das kostet eben etwas Tempo.

Wenn, ja wenn die Ausscherer nur dort auf die linke Spur ausscheren, wo es geht. Denjenigen, der einfach „herausgeschnibbelt“ ist, wie meine Großmutter das gesagt hätte, habe ich nicht gesehen. „Herausschnibbeln“ meint dabei das „Schneiden“ eines anderen Fahrzeugs, also das Wechseln auf eine andere Spur, auch wenn die Lücke zu kurz und insbesondere der Abstand zum künftigen Hintermann zu gering ist. Jedenfalls bremste, sehr wahrscheinlich aufgrund eines solchen „Herausschnibbelns“ einige Fahrzeuge vor mir der Lieferwagen vor mit plötzlich massiv ab. Ich hatte mich zwar bemüht, aber wie alle um mich herum hatte ich nicht den Abstand gehalten, den ich hatte halten wollen – und so schaffte ich es mit gerade noch einem halben Meter Abstand zum Heck des Vordermanns, meinen Dienstwagen zum Stehen zu bringen. Bei meinem Hintermann war’s noch knapper, der war aber immerhin dann geistesgegenwärtig genug, nicht nur zu bremsen, sondern auch die Warnblinkanlage anzuschalten.

Nach kurzem Schockmoment ging es weiter, es hatte keine Auffahrunfälle gegeben. Nur eben fast. Aber es war ein sehr knappes „fast“. Zu knapp, für meinen Geschmack.

Freilich geißele ich nun den unachtsamen oder rücksichtslosen „Herausschnibbler“, aber mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr trägt der allgemein mangelnde Abstand auf Autobahnen zu solchen Gefahrensituationen bei. Ich hatte – und das möchte ich betonen – mehr Abstand zum Vordermann als mindestens drei Fahrzeuge hinter mir zu ihren jeweiligen Vorderleuten. Aber auch mein Abstand war zu knapp, genau wie die Abstände auf dem Fahrstreifen rechts neben mir. Der Verursacher der Situation hat übrigens vermutlich gar nicht gemerkt, was er angerichtet hat. Für ihn wurde gebremst, aber das merkte er schon nur eingeschränkt. Dass die Hinterleute der Hinterleute immer heftiger zu bremsen hatten, weil allgemein zu wenig Abstand herrscht, und so eine Welle rückwärts durch den Verkehr läuft, kriegt der Verursacher der Welle auf der Autobahn in aller Regel nicht mit. Und so geben wir uns weiter alle der Illusion hin, dass wir toll fahren und nur die anderen spinnen. Letztlich ist aber jeder, der sich am Spiel mit zu geringem Abstand und zu häufigen Spurwechseln beteiligt, also de facto JEDER auf der Autobahn, Teil des Problems. Davon nehme ich mich explizit nicht aus, obwohl ich es besser weiß und danach handeln sollte. Oft geht das nicht. Manchmal tut man’s aber auch einfach nicht. Aus Eile, Gewohnheit, Unachtsamkeit. EIGENTLICH ist das fahrlässige Gefährdung von Eigentum und Unversehrtheit anderer. Sollte man sich mal klar machen. Immer wieder – und jeder. Auch die arrogant-besserwisserische Autorin dieser Zeilen.

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Von Schwankung und Trend

Durch meine Arbeit und mein Studium habe ich ein bisschen damit zu tun, aus Daten Kurven abzuleiten – also aus einer Sammlung von Messungen eine Trendlinie zu bestimmen. Das ist ganz grundlegende Mustererkennung.

Meist unterliegt man hier einem Problem: Unser Gehirn ist ein hervorragender Mustererkenner – es erkennt auch dort Muster und Strukturen, wo gar keine existieren. Besonders augenfällig wird das bei Messdaten, die statistischen Schwankungen unterliegen, welche die vorhandene oder auch nicht vorhandene Entwicklung überlagern. Ein Beispiel:

Zerfall.jpg

Man sieht hier eine Messung von Zerfällen in jeweils zwei Minuten – das Ganze nimmt gemäß eines exponentiellen Trends ab. Für Fortgeschrittene: Ja, eine exponentielle Zerfallskurve in halb-logarithmischen Koordinaten wäre eine Gerade, die Krümmung kommt durch Einbeziehung des Nulleffekts hinein. Nehmen wir uns zwei aufeinanderfolgende Messpunkte, ist manchmal der Trend direkt ablesbar. Manchmal steigt aber von einem auf das nächste Zeitintervall die Zahl der Zerfälle wieder. Unser Gehirn würde eine Trendlinie ansteigender Zerfallszahlen zeichnen, weil es das „Große, Ganze“ nicht sieht. Bei einer solch einfachen Messung kann man ganz gut abschätzen, wie groß die zufälligen, also statistischen Abweichungen im Mittel sind – dargestellt durch die Fehlerbalken. In der Abschätzung und Darstellung der Unsicherheiten durch Fehlerbalken steckt aber auch schon eine gewisse intellektuelle Leistung drin, die unser Gehirn bei mit dem Auge gewonnenen Messreihen in der Regel nicht vollbringt. Unser Auge sieht zwei aufeinanderfolgende Messpunkte ohne Fehlerbalken und verlängert die Linie zwischen ihnen in die Zukunft. Dabei kann unsere Mustererkennung ein Muster finden, das gar nicht existiert – oder ein falsches.

Aber warum bringe ich so ein Beispiel?

Ganz einfach: Genau so läuft es auch in anderen Bereichen. Ob ich nun die Entwicklung meiner Laufleistung und meines Gewichts analysiere oder im Straßenverkehr unterwegs bin: Überall nehme ich Messdaten, die mit statistischen Fluktuationen behaftet sind, und versuche daraus eine Tendenz abzuleiten. Wenn ich auf der Waage stehe und mehr wiege als am Vortag, sagt mein Kopf: „Du musst was ändern, Du wirst schwerer!“ Auch ein langsamer Lauf – ob nun im Training als langsam vorgesehen oder einfach nur wegen Tagesform nicht so toll gelaufen – weckt sofort das Gefühl einer Tendenz. Wenn man dann nachdenkt, findet man oft einen Grund – manchmal aber auch nicht. Denn oft läuft’s halt einfach ein bisschen anders als zuvor, auch das unterliegt statistischen Schwankungen – Gewicht ebenso wie Tagesleistung.

Wo diese „schnelle“ Mustererkennung, das Ableiten eines Trends aus wenigen, zu wenigen statistisch unsicheren Daten gefährlich oder zumindest problematisch wird, ist der Straßenverkehr. Damit meine ich nicht die Unterstellung: „Gestern war frei, heute ist etwas Stau, morgen steht alles!“ Auch diese Gedanken kommen einem, aber das Verkehrsaufkommen und das Auftreten von Staus sind zwar sicher an externe, sich kontinuierlich verändernde Einflussfaktoren gekoppelt, allerdings durchaus auch mal von zufälligen Aspekten beeinflusst. Allein das Auftreten eines Unfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit heißt: Mal tritt er auf, mal nicht. Vorhersagbar ist eventuell aus früheren Daten die Auftrittswahrscheinlichkeit, nicht aber der genaue Zeitpunkt, nicht der genaue Ort und nicht, an welchem Wochentag es passiert.

Aber ich schweife ab. Gefährlich wird das genau dort, wo ich aus einer Schwankung des Verkehrsstroms einen Trend ableite: Die vor mir im Stau beschleunigen, weil wohl gerade wieder ein Stück Straße frei geworden ist, für mich macht ein Beschleunigen ein Ende des Staus und ich beschleunige ebenfalls – stark. Dann darf ich wieder stark bremsen und die hinter mir müssen noch stärker bremsen und der Stau wird schlimmer. Deswegen bemühe ich mich, das Stop-And-Go im Stau als Schwankung zu betrachten und langsam hinterherzurollen, die Fluktuationen auszugleichen. Dafür braucht man Abstand, dafür riskiert man auch mal, dass drei oder vier Schlauberger von einer anderen Spur in diese Lücke springen. Insgesamt sollten wir uns aber nicht von den Schwankungen der Geschwindigkeit foppen lassen. Meist geht es auf allen Spuren im Stau gleich langsam voran, Spurwechsel bringen Unruhe in den stockenden Verkehrsfluss und lassen ihn noch mehr stocken, während sie dem Lückenspringer wenig bis gar keinen Zeitgewinn bringen.

Wir sollten uns bewusst machen, dass die Geschwindigkeit der Vorderleute, der Leute auf dem Streifen neben uns, sowohl im Stau als auch bei frei fließendem Verkehr, gewissen Schwankungen unterliegt. Daraus sollten wir keine Tendenz machen und deswegen lieber Abstand und Spur halten – den vermeintlichen Trends zu folgen, dass es vorne oder auf der Nebenspur schneller vorangeht, bringt uns meistens im Endeffekt recht wenig und stört dabei den Verkehrsfluss sehr stark.

Was will der Künstler uns damit sagen?

So geschehen auf der Autobahn 8, heute Morgen.

Bei strahlendem Sonnenschein und völligem Chaos auf den Autobahnen – unter anderem schwere Unfälle außerhalb meiner Strecke, aber mit Auswirkungen aufmeine Strecke – war die Steigung vom Karlsruher Dreieck hoch nach Karlsbad ungewohnt frei. Kurz vor Ende der 7%-Steigung scherte ein LKW aus, er ließ dann einen anderen LKW noch vor sich heraus – ich fuhr ganz bequem hinterher. Auf der linken Spur fuhren sie alle schneller, der Verkehr war einigermaßen dicht, aber lief flüssig – ich hätte die Leute alle nur ausgebremst, und dafür ziehe ich nicht rüber, wenn der Gewinn vielleicht 5-10km/h über ein oder zwei Kilometer wäre … das lohnt sich einfach nicht.

Und plötzlich fing der LKW vor mir an, den Warnblinker zu setzen. Er wurde aber nicht langsamer, machte keine Anstalten, rechts rüber zu fahren oder sonstwie zu reagieren, als habe er eine Panne. Er hatte einfach den Warnblinker an. Ich hatte meine ca. 12-15m Abstand bei Tempo 35km/h, was nun nicht unbedingt vorbildlich ist – aber bei dem Tempo und zudem einer 7%-Steigung unter den Reifen nicht ZU knapp. Etwa einen Kilometer lang fuhren der langsame LKW vorne – wohl kaum 5m vor meinem Vordermann – mein Vordermann mit Warnblinker und ich mit langsam auf 20m steigendem Abstand mit 35-40km/h den Berg hoch. Dann scherte der langsame LKW ein, mein Vordermann überholte ihn warnblinkend – setzte so nahtlos den Blinker, dass es erschien, als sei der linke Blinker ausgefallen und er warnblinke noch immer – und scherte ein.

Er muss mich im Rückspiegel gesehen haben, spätestens in den Kurven – auch wenn mein Auto eher schmal ist. Ich hatte mehr Abstand als er zum Vordermann, und der Verkehr links gab ein Überholen nicht her – ein Ende einer langsam fahrenden Kolonne bildete er auch nicht, das war nämlich ich statt ihm. Die fast 700 mit Warnblinker gefahrenen Kilometer hinterlassen mich einigermaßen ratlos – auf der anderen Seite ist niemandem etwas passiert, was schon einen gewissen Gegensatz zu diversen Autobahnabschnitten an diesem Montagmorgen bildet. Alles okay also, nur die Irritation bleibt.

Driving on the edge

Gestern war es mal wieder so weit. Der Koller! Er schlug um sich!

Aber nicht bei mir. Es war kurz vor dem Rasthof Pforzheim auf der A8 Richtung Karlsruhe. Ich rollte gemütlich mit lauter Musik entlang, da es eh nicht schnell voranging und der Reißverschluss an der Verengung von drei auf zwei Spuren wie immer ein bisschen schleppend lief. Natürlich, wie immer, drängten sich die ersten von links an der Markierung „Verengung auf zwei Fahrstreifen in 600m“ rein – und tröpfelten dann immer weiter. Weil auf dem endenden Fahrstreifen die Leute oftmals denken, sie müsste jetztgleichsofort rüberziehen, sind ja oft diejenigen im Vorteil, die den endenden Streifen noch bis zum Ende nutzen – wie es eigentlich in den Regeln steht.

Am Ende des Streifens angekommen – ich fuhr auf dem mittleren Fahrstreifen, auf den der Linke geführt wurde – drängte sich dann, halb in der Leitplanke, eine große Menge Blech neben mich und versuchte, mit gerade mal 20cm Abstand neben meinem Auto, noch VOR mich zu kommen, nach dem ich die drängeligen drei Vorderleute des Fahrers bereits reingelassen hatte. Ich zog also gegen meine Überzeugung KEINE Lücke auf, sondern hielt mich direkt an meinem eben eingescherten Vordermann und dachte: „Gut, okay … “

Aber noch war die Sache nicht abgehakt! Denn kaum lief es auf der rechten Spur geringfügig schneller, scherte mein nun Hintermann aus und fuhr seinen Kleinlaster mit ziemlichem Zug an mir vorbei und scherte dann in die für ihn als Parklücke gerade ausreichende Lücke vor mir ein. Ich stand voll auf der Bremse. Im Überholtwerden hatte ich an dem polnischen Kleinlaster einen ziemlich böse guckenden Herrn in Feinripp-Unterhemd feindselig zu mir rüber starrend sehen. Nun hatte er eine Wagenlänge gewonnen – fein für ihn. Ich hatte heftig gebremst und die Hinterleute auch, nach dem es zuvor mit so 10-20km/h gelaufen war.

Ich weiß nicht, wie breit so ein Kleinlaster ist, aber da schon ein Mittelklassewagen oft breiter als zwei Meter ist, würde ich tippen, dass so ein Kleinlaster mehr als 2,20m von Spiegelspitze zu Spiegelspitze misst. Dennoch betrieb der gute Mann weiterhin in der Baustelle bei Pforzheim Nord riskantes Lückenspringen, immer wieder Vollbremsungen für die Hinterleute …

Bei Pforzheim West habe ich ihn wieder eingeholt, obwohl die Baustelle da noch nicht lange zu Ende ist und ich die 120km/h nicht überschritten habe. Er hatte nichts davon – und der Blick nach links rüber war beinahe wie ein Speer.

Unter was für einem Druck müssen solche Fahrer stehen, dass sie so fahren? Oder macht denen das Spaß? Ich glaube nämlich nicht, dass es effektiv einen spürbaren Zeitgewinn für den Herrn gab … Und ich möchte ihm nicht unterstellen, dass er aus bösem Willen oder Testosteron-Überschuss so fährt. Wie gesagt, der Druck, der auf Berufskraftfahrern liegt, ist auch in Deutschland enorm, und ob das bei polnischen Transportunternehmen besser ist, wage ich zu bezweifeln. Dennoch hält sich mein Mitleid in dem Fall in Grenzen, denn eigentlich rechtfertigt auch sowas nicht, auf Kosten des Vorankommens und unter Risiko eines Unfalls zu fahren wie die Axt im Walde.

Blinder Aktionismus

Die eine oder andere Aktion auf der Straße kann ich mir nur so erklären, also durch blinden Aktionismus. Hier zwei Beispiele von heute:

Blinder Aktionismus aus Altruismus: Auf der Autobahn, direkt vor einer Anschlussstelle. Der Verkehr fließt, vielleicht etwas zäh, auf jeden Fall ziemlich dicht, aber alles rollt, und zwar meist mit mehr als 50 oder 60. Und dann kommt jemand auf den Besschleunigungsstreifen gerollt, von der Rampe herunter – und ordnet sich auf dem Beschleunigungsstreifen neben dem LKW ein und tut – nichts. Fährt einfach neben dem LKW her. Und was macht der LKW? Ohne Rücksicht auf den fließenden Verkehr wird der Blinker gesetzt und einfach ausgeschert. Oftmals sogar, wenn der versuchte Auffahrer gerade schon massiv gebremst hat, um hinter dem LKW oder sogar hinter dessen Hintermann auffahren wollte. Klar, wenn man kann, ist es nett, die Leute rein zu lassen. Aber so – denn heute hat mich das an den Anschlussstellen Karlsbad auf der A8 und Ettlingen auf der A5 jeweils eine recht harsche Bremsung gekostet. Und der Auffahrer konnte in beiden Fällen nicht in die entstehende Lücke rein, der LKW scherte direkt nach dem mich Ausbremsen wieder ein.

Blinder Aktionismus aus Egoismus: Da zwischen Karlsruhe Süd und Rastatt Nord auf der A5 heute wohl irgendwas passiert ist, war auch auf meiner Route auf der B3 nach Hause ziemlich viel Verkehr. Solcher Ausweichverkehr staut sich in aller Regel an der recht langen Rotphase in Neumalsch, die davon ausgeht, dass auf der B3 und auf der Straße von Durmersheim nach Malsch jeweils vergleichbar viele Autos bewältigt werden müssen. Wenn Stau ist auf der A5 ist das schlicht nicht wahr. Heut fing der Stau direkt hinter Bruchhausen an – und ich überlegte mir: Bis Neumalsch ist es weit. Ich habe eigentlich keine Lust, immer drei-Autolängen-weise aufzufahren und dann wieder zu stehen. Das mag meine Kupplung nicht. Anfahren kosten Sprit. Also ließ ich Abstand und zuckelte hübsch langsam im ersten Gang im Standgas hinter den anderen Autos hinterher. Nun war mein Hintermann offenbar nervös – und während ich bei offenem Fenster laut die Toten Hosen mit Hier kommt Alex laufen hatte, sah er seine Chance, als kein Gegenverkehr kam – er zog mit Macht vorbei, in die lange Lücke vor mir, bremste vor dem Vordermann voll … und stand in Neumalsch genau und direkt vor mir an der Ampel, gefühlte zwanzig Mal Anfahren bei ihm (bei mir waren’s Null) später. Auch an der Muggensturmer Straße/K3737 stand er direkt vor mir an der Ampel, nur dass ich ihm – gemeinerweise – noch nett winkte, als ich an ihm vorbei auf den Rechtsabbiegerstreifen fuhr, um nach Bietigheim abzubiegen.

Es ist ja echt schön, dass sich Leute bemühen, anderen oder auch sich selbst einen Vorteil zu verschaffen – aber wenn es absolut nichts bringt und eventuell sogar noch den Rest der Autofahrer in Gefahr bringt oder zumindest Zeit kostet, dann ist’s doch echt unnötig … 

An die eigene Nase fassen

Ich merke immer wieder, wie ich mich über andere Verkehrsteilnehmer ärgere. Oder über andere Leute im allgemeinen. Wie ich sage, dieses oder jenes „gehe überhaupt nicht“.

Und dann ertappe ich mich dabei, selbst nicht so viel anders oder gar genau so zu handeln. Ich sehe zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen in aller Regel ein. Aber dennoch korrigiere ich mich nicht auf die 75 der LKW und fahre rechts rüber, wenn ich bei Tempolimit 80 in der Baustelle mit etwas über 90 auf dem Tacho links im Verkehr mitschwimme. Ich sehe ein, dass Abstand wichtig ist, ich ärgere mich über Drängler – und doch merke ich immer mal, dass ich nun doch dichter aufgefahren bin, als ich das bei einem anderen Fahrer hinter mir als okay akzeptieren würde. Ich ärgere mich darüber, wenn ich im Stau eine größere Lücke lasse, um Stop-And-Go in langsames Fließen zu verwandeln und vor mir dann einer von der genau gleich schnellen anderen Spur die Lücke zumacht und prompt abrupt bremst. Aber gelegentlich nutze ich auch Lücken und stelle hinterher fest, dass ich etwas schnell war, muss bremsen – und der Hintermann nimmt’s vermutlich genau so wahr wie ich, wenn ich mich über sowas ärgere.

Ich nehme es recht persönlich, wenn ich merke, dass ich die von mir selbst an andere gesetzten Standards gefühlt oder auch echt nicht erfülle. Nicht nur im Straßenverkehr, auch im Privaten und vor allem im Beruf. Mir wurde schon das ein oder andere Mal gesagt, ich scheitere an meinen eigenen Ansprüchen. Das mag sein – aber irgendwie halte ich es für eine gute Sache, auch die eigenen Fehler schwer zu nehmen. Freilich, Abhaken und beim nächsten Mal besser Machen sollte es sein. Aber die eigenen Fehler Ausblenden und bei anderen Monieren, wenn sie das machen, ist irgendwie scheinheilig.

So gesehen: Ich bin nun zwar nicht unbedingt das, was man eine praktizierende Christin nennen würde, aber in der Hinsicht gibt es zwei griffige Formulierungen, die mir beim Thema „eigene Fehler – anderer Leute Fehler“ in den Sinn kommen und aus dem Neuen Testament stammen:

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

Das hier ist das eine, sehr konkrete. Im Prinzip die Vorwegnahme der netten Redensart vom „an die eigene Nase fassen“. Sollte man auch im Straßenverkehr immer mal wieder machen. Und dann, sehr konkret, die Anweisung, sich in den anderen hinein zu versetzen:

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Also: Wenn’s mich nervt, dass mir jemand dicht auffährt, sollte ich es selbst auch vermeiden. Allerdings muss ich sagen, dass das eigentlich schon wieder zu schwach formuliert ist. Wenn’s jemandem egal ist, ob ihm dicht aufgefahren wird, ob er bedrängelt wird oder was auch immer, darf er nach der Formulierung ruhig auch anderen dicht auffahren. Der Abstand ist im Interesse der Sicherheit beider Parteien aber dennoch zu klein. Wahrscheinlich greift mein Vergleich zu kurz, aber letztlich sehe ich doch im Stau, dass solche Dinge wie Drängeln und Lückenspringen für einen selbst akzeptabel erscheinen und man sie auch anderen zubilligt, der Tendenz nach. Zumindest bestimmte Fahrer, die allerdings in der Regel nicht mir entsprechen.

Vernünftiger wäre wohl, die Fahrer anzuweisen, dass sie sich konform mit Regeln verhalten, die für alle gelten sollten – man versetzt sich also nicht nur in sich hinein und guckt, was man nicht haben will, wie die anderen handeln – sondern man fordert, dass wie man sich verhält gemäß Regeln verläuft, die problemlos und gut für alle gelten könnten. Und da landet man dann, denke ich, schon beim kategorischen Imperativ.

Aber mit großer Wahrscheinlichkeit stoße ich da in einen Bereich von Ethik und Philosophie vor, von dem ich nichts verstehe – oder unterstelle teils einfach, dass ich selbst und auch die Menschen um mich herum erstens besser und zweitens mir ähnlicher sind, als das in Wirklichkeit der Fall ist. Denn dann verschwimmen in meinen Augen die Grenzen zwischen dem, wie ich behandelt werden möchte und dem, was ich mir unter einer allgemeinen Gesetzgebung vorstelle.

Ereignislos gut

Genau diese Beschreibung trifft auf meine Hinfahrt zur Arbeit heute zu. Zwar bin ich die Ausweichstrecke über Ettlingen und Busenbach gefahren, aber weder auf dieser Strecke noch auf der A8 gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse, es lief alles wunderbar, ohne jeden Stress, ich konnte in aller Ruhe Musik hören und meinen Gedanken nachhängen. Klar, natürlich muss man auch wenn alles glatt läuft, einigermaßen konstantes Tempo gefahren wird und so weiter, ordentlich auf die Straße aufpassen und immer bereit sein, sofort einzugreifen, wenn was nicht okay geht. Aber wenn alles glatt läuft, nicht dauernd jemand die selbst gewählten Abstände zufährt und kein anderweitiger Stress läuft, schweifen meine Gedanken durchaus auch mal ab. Für wirklich Produktives in Sachen Arbeit reicht es in aller Regel nicht, aber ein wenig meine Phantasie spielen Lassen, das geht schon.

Und genau an dieser Phantasie hänge ich sehr. Ich glaube, hätte ich nicht eine geschichtenerzählende Phantasie, ich würde das Pendeln, egal, in welcher Ausformung, nicht durchhalten. Zur Zeit ist es mal wieder eine Geschichte um eine junge Dame, die eine große Affinität zum Fliegen hat – als Pilotin. Klar, dass hier gelegentlich Realismus der Dramatik weichen muss, aber das ist ja auch bei „professionellen“ Geschichtenerzählern wie Filmemachern und Romanautoren so. Und dazu habe ich das ganze in einem fiktionalen Universum angesiedelt, das mir erlaubt, ein paar SciFi-Elemente rein zu nehmen, ein paar zusätzliche Elemente, die mir gefallen, zu integrieren. Eine Zeit lang war besagte Welt der Platz, in denen ich meine auf der Basis der realen Welt gesponnenen, aber in dieser aus irgendwelchen Gründen aneckenden Geschichten eine Heimat zu geben. Und nun, mehr und mehr, wird diese recht stark ausgearbeitete Welt Schauplatz einer Geschichte, die sich quasi über ruhige Momente daheim in meinem Kopf entwickelt hat, über Autofahrten weiter gesponnen wird – und dann, meistens mit einiger Verzögerung, in einem mittlerweile 23 A4-Seiten umfassenden Dokument niederschlägt.

Tatsächlich überlege ich, diese mir wichtigen Geschichten früher oder später auch mal in irgendeiner Form öffentlich zu machen, da ich schwer vermute, dass es für ein Verkaufen an einen Verlag weder gut genug ist noch konsequent genug bis zur fertigen Buchform verfolgt werden wird. Naja, vielleicht bau ich ja irgendwann eine Art „Phantasieblog“ parallel zu den doch (abgesehen von „Der Stau“) aus der Realität stammenden Highway Tales.