Infrastruktur

Ich habe schonmal als Selbstbezeichnung den Begriff „Infrastruktur-Nerd“ verwendet. Vor vielen Jahren, als ich über eine Online-Textrollenspiel-Community und später ein (etwas abseitiges) Sammelkartenspiel deutschlandweit Freunde und Bekannte fand, vor sozialen Medien (bzw. als ein soziales Medium noch ein Internetforum oder ein IRC-Chat war), begann ich nach den Besuchen bei diesen Freunden aufzuzeichnen, welche Autobahnen ich dabei befuhr. Wir fuhren nie allein irgendwohin – damals nicht wirklich aus ökologischen Motiven, sondern vor allem aus ökonomischen Aspekten. Durch fünf geteilte Fahrtkosten waren weit einfacher zu tragen als die volle Summe. So kam meine Autobahnsammlung zusammen.

Für die abgefahrenen Formen von Autobahnkreuzen in Cities: Skylines konnte ich mich immer begeistern, später dann auch für kreative Strukturen des ÖPNV auf Schiene, Einschienen-Hochbahn und dergleichen sowie für die Frachtbahnen, für die ich ausgeklügelte Netze mit Einbahn-Gleisen, Rundkursen, Trennung interner von Import-/Export-Netzen usw. noch immer am kreieren bin. Dann kamen die Fuß- und Radwege auch in dem Spiel… und zunehmend auch die Radwege in der Realität, seit ich 2019 das Radfahren wieder anfing. Und so habe ich einen Wandel durchgemacht: Interesse für das Autobahnnetz, da ich es benutzte, in den Nuller-Jahren und den frühen 2010ern, dann zunehmend Interesse für den ÖPNV, aus ökonomischen, ökologischen und (mental) gesundheitlichen Gründen – und seit 2019 exzessiv Rad-Infrastruktur. Ähnlich wie die Excel-Tabelle, in der ich über meine Nutzung der deutschen Autobahnen buchführte, nutze ich nun die Heatmaps bei Strava.

Meine Strava-Heatmap NUR mit dem Rad, seit März 2020 geführt.

Wenn ich mir meine Heatmap auf Strava nur für’s Radfahren für die Jahre 2020 und 2021 anschaue, fällt fast alles in die Karlsruher Region. Es gibt noch einen Mini-Cluster an der Nordsee, das war Urlaub. Ansonsten sind’s die Landkreise Rastatt, Karlsruhe und Calw, dazu die Stadtkreise Karlsruhe und eventuell mal gestreift Baden-Baden sowie eine Fahrt durch das nördliche Elsass. Es sind drin: Pendeln zur Arbeit, Dienstreisen, Besuche bei und Treffen mit Freunden, Transfer zum Sport und Einkaufen. Natürlich ist auch Training aus Spaß an der Freude oder um besser zu werden dabei, aber alle signifikant aus dem inneren Cluster herausragenden Tracks betreffen Besuche bei Freunden (zweimal Hügelsheim, ganz im Süden, dazu die Schleife über Busenbach im Osten), Treffen mit Freunden (Bruchsal, im Nordosten – mit ein bisschen Spazierfahrten, um zu früh angekommene Zeit zu vertrödeln), Dienstreisen (Waghäusel im Norden, Bad Herrenalb im Südosten, Pfinztal und Durlach im Osten, KIT Campus Nord knapp oberhalb der Bildmitte) und Anfahrten zur Nebentätigkeit (auch KIT Campus Nord).

Man sieht der Strava-Heatmap also vor allem an, welche Strecken ich wirklich brauche, da ich bislang die „Joyrides“ für Training eher in meiner eigenen „Hood“ oder auf Strecken absolviert habe, die ich auch sonst als „Radverkehr“ benutze. Wenn man mich fragt, ob das (Renn-)Rad für mich vor allem Verkehrsmittel oder Sportgerät ist, dann ist der Instinkt freilich, von einem Sportgerät zu sprechen, in der Realität hat das Fahrrad für mich aber sehr, sehr große Bedeutung als Verkehrsmittel.

…und daraus resultieren Erkenntnisse. Wer das Fahrrad stark als Verkehrsmittel auch auf längeren Strecken einsetzt, lernt die Bedeutung von Infrastruktur kennen, die mit dem Auto ganz selbstverständlich ist: Guter Belag macht das Fahren angenehmer, leichter und schneller. Gerade Wege mit wenigen Kreuzungen und halbwegs vorteilhafter Schaltung von Ampeln verringert Warte- und Anfahr-Zeiten, bei letzteren auch den nötigen Kraftaufwand. Insbesondere bei Fahrten, die „jeder normale Mensch“ mit dem Auto mit eingebautem Navi machen würde, ist auch eine anständige Beschilderung guter Wege eine gute Sache – denn ich habe zwar die Möglichkeit, mit meinem Garmin Edge 830 zu navigieren, aber Hand auf’s Herz: Ich möchte auch mal nach Schildern fahren können und dabei nicht unbedingt auf Umwege oder schlechte Wege geleitet werden. Wie gesagt: halbwegs anständiger Asphalt, mindestens jedoch befestigter Belag, der sich bei Regen nicht in glitschigen Matsch verwandelt oder als Kiesbelag beim Bremsen oder Kurven Fahren zu steinewerfendem Rutschen führt, eine gute Beschilderung und halbwegs passable Ampelschaltungen sind beim Autofahren so selbstverständlich, dass jeder sich aufregt, wenn er zweimal denselben Verkehrsstrom fließen und stoppen sieht, während er wartet.

Beim Radfahren sind wir davon weit entfernt. Ich fahre mit meinem Alltagsrenner (nicht GANZ schmale Reifen, Schutzbleche, natürlich voll beleuchtet) öfter mal einem Radwegsschild nach und lande nach 100 Metern Asphalt oder Beton auf Kies oder gar festgefahrener Erde. Radwegsschilder für Fernziele führen allzugerne mal auf Wege, die als „Fußweg, Radfahrer erlaubt“ beschildert sind, neben Straßen, auf denen es keinen Schutzstreifen gibt – auf beidem darf man fahren, auf beidem ist man Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. An vielen Kreuzungen kriegt man als Radfahrer Rot, weil die Rechtsabbieger grün bekommen – ist ja kein relevanter Verkehrsteilnehmer da, der da rüber will – und schaut zu, wie die Ampel über den Geradaus-Auto-Weg rot, grün, wieder rot wird. Wenn ich nach den Schildern gehe (und nicht mit Erfahrung und Neugier suche), finde ich MEHR Wege über die A5 und den Gleisstrang Ettlingen-Karlsruhe, die „Auto-only“ sind (teils sogar wirklich straff „Auto-only“ wie die B462 bei Rastatt Nord), als es welche für Radler und Fußgänger gibt. Freilich, Feldwegtunnels oder asphaltierte Brücken, zu denen matschige Waldwege als Zubringer führen, die gibt’s. Aber zu vielen davon führt kein Radwegschild und wetterunabhängig sicher auf den Zubringern flott fahren ist auch nicht.

Ich möchte es nicht kleinreden, dass an vielen Stellen Radwege hoher Qualität gebaut werden, dass Schilder für Rad-Fernziele aus dem Boden sprießen und „Radnetz“-Aufdrucke auf den Straßen erscheinen, so dass man zumindest nominell nicht nur geduldet, sondern berechtigt auf der Straße fährt. Dennoch ist ein zwei Lenkerbreiten breiter Radweg, ein Schotterweg, ein Waldweg, ein Fußweg mit geduldeten Radfahrern sicher nicht das, wo wir hin wollen, wenn wir ein schnelles und effizientes Radnetz haben wollen, das einem ergänzt durch den ÖPNV unter vernünftiger Menge zusätzlichen Zeitaufwands erlaubt, das Auto für alle alltäglichen Wege auch außerhalb der Stadt stehen zu lassen oder abzuschaffen.

Daher möchte ich klar machen: Ein 1,20 Meter breiter Asphaltweg, der von Fußgängern und Radlern gemeinsam benutzt werden soll, ist im Verhältnis zur vierstreifigen Bundesstraße 20 Meter weiter ein Schlag ins Gesicht des Verkehrsmittels Fahrrad. Kies- und Waldwege als reguläre, von Beschilderung referenzierte Fernradwege sind vielleicht für nette Trekking-Touren eine Option, aber mit Verkehrswende hat das so viel zu tun wie ein Sessellift.

Dass man glatte, befestigte Radwege braucht, um mit Taschen oder Kindern hoch am Rahmen oder einem Lasten-, Kinder- oder Hunde-Radanhänger immer noch zuverlässig fahren zu können, dass man auch ohne Navi nach Schildern einen komfortablen und schnellen Weg auch auf längeren Strecken finden können muss, damit das Rad ein ernsthaftes Verkehrsmittel sein kann, ist an vielen Stellen noch nicht angekommen.

Wir sind ein Autoland, können uns das aber längerfristig einfach nicht mehr in der aktuellen Form leisten – und wenn wir nicht begreifen, dass zur Verkehrswende zum Fahrrad als VERKEHRSMITTEL hin nicht nur Rahmen, Laufräder, Ketten, Ritzel und Kettenblätter, nicht nur Beleuchtung gehören, sondern auch schnell und sicher befahrbare Wege, zuverlässige Beschilderung und ausreichende Trennung vom Fußgängerverkehr, wird es ein hartes Erwachen werden, wenn wir irgendwann merken, dass Elektrifizieren der Autos nicht ausreicht und man einfach nicht überall hin Schienen bauen kann.

Analogien

Es ist schwer, ein bestimmtes Thema zur Zeit zu umgehen. Bis zu einem gewissen Grad geht mir das natürlich auf die Nerven wie jedem. Es gibt allerdings so ein paar Dinge, die mir immer wieder auffallen und zu denen ich Ansichten habe, aber auch neue Gedanken entwickle.

Da ist das Impfen. Viele Menschen misstrauen insbesondere der Impfung gegen Sars-CoV-2, und ganz besonders den mRNA-Impfstoffen, weit mehr als sie die Krankheit fürchten. Das ist mir unverständlich, denn bei der Impfung wurde bewusst ein Stoff entwickelt, der dem Körper so wenig wie möglich antut, aber dennoch das Immunsystem auf das Virus vorbereitet. Man hat die Vektor- und mRNA-Impfstoffe getestet – und zwar darauf, ob sie dem Körper das antun, was das Virus ihm antut (was sie nicht sollen und nicht oder zumindest extrem viel seltener als das Virus tun) und darauf, ob sie dem Körper anderes antun (was sie ebenfalls nicht sollen und nur extrem selten doch tun). Deswegen verstehe ich das Misstrauen gegen die Impfung nur sehr bedingt. Mir hat auch jemand im Zusammenhang mit dem Impfen erzählt, Impfungen für Erwachsene seien ja auf jeden Fall zu befürworten, aber ob man einem sich entwickelnden Immunsystem das antun solle, da sei er skeptisch. Außerdem habe ich nach dem zuvor diffusen Verdacht inzwischen einige Bestätigungen aus meinem Umfeld, dass Leute sich und ihre Kinder teils bewusst mit dem Virus infizieren, weil sie dem Virus mehr trauen als der Impfung.

Es gibt hier ein gefährliches Missverständnis, das ich schon lange beobachte. Was „natürlich“ ist, wie eben Sars-CoV-2, das von einem Tier in natürlicher Virus-Evolution auf einen Menschen übergesprungen ist, wird für per se gut gehalten, während künstliche, menschgemachte Dinge per se als ungesund oder schlecht angesehen werden – wie eben die Impfung. Natürlich sind industriell gefertigte Lebensmittel nicht der Weisheit letzter Schluss, die Überlegenheit frischer Lebensmittel aber unreflektiert auf andere Bereiche zu übertragen, ist ein gefährliches Unterfangen. Da wäre die laktosefreie Milch, auf der ein „ohne Gentechnik“ Label pappte. Habe ich zum Glück lange nicht mehr gesehen, denn es ist eine glatte Lüge! Wo sollte denn die Lactase, das Enzym, das den Lactose-Intoleranten fehlt, sonst herkommen? Sicher wurden keine Baby-Tiere ihrer Lactose entmolken, das wäre nicht nur grausam, sondern auch unwirtschaftlich teuer. Nein, man baut die Sequenz, mit deren Hilfe die Zellen Lactase herstellen, in Mikroorganismen ein – in deren DNA. Die transkribieren das dann in mRNA und daraus wird dann von der Zelle mit Hilfe von tRNA Lactase aufgebaut. Aber das nur als Nebenschauplatz…

Ich sehe an vielen Stellen, dass „Natürliches“ als gut, „Künstliches“ als schlecht angesehen wird. Menschen gehen in Radonstollen, wegen der natürlichen Heilkraft, aber bei künstlicher Radioaktivität geht gar nichts mehr. Mir wurde ernsthaft schon geantwortet, als ich auf gelöstes Radon aus dem Wasser, das beim Duschen freigesetzt wird, oder die Strahlung aus Granit verwies, das sei doch nicht schlimm, sei doch natürlich – aber jedes Mikrosievert Dosis aus Kernkraftwerken ist zu viel. Dabei ist die Einheit Sievert genau auf die „gleiche Schädigung“ geeicht, man nennt die zugehörige Größe auch „Äquivalentdosis“, weil sie ein Strahlenschaden-Risiko aus verschiedenen Strahlungsarten oder Strahlenquellen zahlenmäßig gleich abbilden soll. Oder anders – von natürlicher, frisch vom Melken kommender Milch wurde mir aufgrund der Menge an Fett darin schlecht – und wie kann ich keinen Knoblauch vertragen, wie kann Knoblauch meine chronisch entzündliche Darmerkrankung antriggern, ist doch ganz natürlich…

Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass der Mensch auch viel Murks und Müll produziert und in die Gegend kippt. Aber wenn ich in der Apotheke jemanden „was gegen Erkältung“ anfragen höre und dann werden zwei Mittel vorgestellt, eines „pflanzlich“, das andere „Chemie“, und ich weiß doch, dass weitgehend das gleiche drin – einmal synthetisch hergestellt, das andere Mal von einer Pflanze synthetisiert, aber genau derselbe Stoff, dann geht mir das Messer in der Tasche auf. Und genau an dieser Stelle greift’s wieder ein. Wenn Sars-CoV-2 aus purem Eigennutz, um sich zu vervielfältigen und biologisch erfolgreich zu sein, seine ssRNA in eine menschliche Zelle einbringt, woraufhin daraus mRNA entsteht, mit der als Bauplan die tRNA Sars-CoV-2-Viren herstellt, dann ist das natürlich und gut und tötet Menschen, je nach Altersgruppe, im Prozentbereich der Erkrankungen. Wenn ich mir aber menschgemachte mRNA spritzen lasse, die nur das Spike-Protein von Sars-CoV-2 von der Zelle bauen lässt, worauf hin das Immunsystem lernt, dass dieses Spike-Protein böse ist und Abwehr dagegen aufstellt, dann ist das schlimm, weil künstlich, dem ist zu misstrauen, weil’s Menschen gemacht haben, die die Krankheit bekämpfen wollen – und natürlich ist es gelogen, dass wir hier bei schweren Nebenwirkungen eher über einstellige Fallzahlen pro 100.000 oder gar Million sprechen, weil es ist ja künstlich und böse. Und von diesen einstelligen Fallzahlen pro Hunderttausend sterben nicht zehn Menschen pro Fall (dann wären wir nämlich bei den 2 Promille Covid-Sterblichkeit in der Altersgruppe von 40-49, wie ich sie vorhin für Deutschland gelesen habe), sondern nichtmal EINER pro Fall, da die meisten möglicherweise mit Spikevax zusammenhängenden Herzmuskelentzündungen nicht zum Tod führten…

Aber ich hatte Analogien versprochen. Wem die obige Analogie zur Strahlung nicht genug war, und die mit der Gentechnik auch nicht akzeptiert hat, für den habe ich noch eine: Laufen. Damit kenne ich mich ein bisschen aus. Dennoch wird mir immer wieder erklärt, von allen Seiten, ich müsse vor dem Wettkampf, dieser enormen Belastung, dafür trainieren. Ich müsse die stark belastenden Training wie zum Beispiel Intervalle nicht so oft tun. Mein Körper vertrage es nicht, wenn er sofort oder dauernd mit maximaler Belastung klarkommen müsse… Seltsamerweise empfiehlt man auch Kindern nicht, ohne zu üben sportliche Wettkämpfe einzugehen, sondern vor einem Lauf- oder Turnwettkampf erstmal die Bewegungen, die Belastung der Muskeln, die Beweglichkeit zu trainieren, bevor man sie auf der Bühne oder im Wettkampf unter dem Druck von Publikum und Siegeswillen auf die Probe stellt. Warum sollte das beim Immunsystem anders sein? Soll denn das Immunsystem an ernsten Krankheiten mit möglichen Spätfolgen lernen, wie es die Erreger bekämpft? Das wäre so, als solle ein Sportler – egal welchen Alters – im Marathon-Wettkampf lernen, wie man sich die Kraft für 42,195 Kilometer einteilt, und nicht auf langen, langsamen Läufen in der Vorbereitung. Ach und zum Thema Vermeidung statt Training – was man nicht trainiert, gilt einer biologischen Lebensform als unnötige Energieverschwendung. Durch Schonen wird man beim Laufen nicht schneller, und auch das Immunsystem wird nicht besser, wenn es nichts zu tun hat. Im Gegenteil, der Körper schickt das Immunsystem dann in den Energiesparmodus.

Da stellt sich mir die Frage: Ist die Erkrankung an Masern, Windpocken, Sars-CoV-2 denn tolles Training, wenn der Körper gleich im Wettstreit zu einem von der Evolution auf Erfolg getrimmten Virus zu treten hat? Ist das nicht eher wie „Wettkampf ohne adäquates Training vorher“? Sollten wir nicht schauen, dass wir erstmal an zahnlosen Raubtieren, wie Vektor-, Tot- oder mRNA-Impfstoffen üben, oder an langen Läufen ohne Konkurrenz, die uns hinter sich lässt?

Tja. Vermutlich bin ich allmählich wütend, weil ich den ganzen Bullshit auch ohne Analogien als Kot männlicher Rinder erkenne, UND mir dazu noch Analogien einfallen, es aber dennoch nichts bringt. Wenn wir „natürlich“ leben würden, wäre unsere Lebenserwartung erheblich kleiner. Viele Krankheiten, deren Wahrscheinlichkeit durch unseren industriellen, rotes-Fleisch-lastigen, ungesunden Lebensstil wahrscheinlicher werden, würden wir ohne Impfungen, ohne Lebensmittel und Arzneimittel aus der Biochemie gar nicht erleben, weil wir vorher elend an dem Zeug verrecken würden, an dem unsere Vorfahren in ihren 30ern verreckt sind. Impfen, Antibiotika, Schmerzmittel… das ist alles biotechnisches, teils gentechnisches „Teufelszeug“, ohne das wir vermutlich nicht lange genug leben würden, um Verschwörungstheorien in die Absichten und Ziele hinter all diesen Mitteln hinein zu phantasieren.

Ja. Ich bin nicht nur vermutlich wütend. Ich BIN wütend. Weil unsere Politiker beschwichtigen und glauben, man müsse wissenschaftsfeindliche Wähler berücksichtigen, die auf von Quantenmechanik und Relativitätstheorie möglich gemachten Mini-Computern bei von Gentechnik lactose-frei gemachter Milch in ihrem hochnottechnisch entkoffeinierten Kaffee vom natürlichen Leben und der bösen Absicht hinter der Wissenschaft fabulieren und gedeckt von der Meinungs- und Versammlungsfreiheit skandieren, dass wir eine Meinungs- und Versammlungsfreiheits-freie Diktatur hätten.

Jetzt höre ich aber auf. Mir reicht’s selbst, wie wütend und zugleich erwachsen ich klinge. Ich gehe mal mit meinem Lego-Teilchenbeschleuniger spielen.

gezeichnet
Der innere Babysitter

[KuK] Die Expertin sagt…

Xue begutachtet meinen Impfpass.

„Mau wurde gepiekst“, sagte Xue. „Hoffentlich denkt sie dran, ihren Rucksack wieder mitzunehmen, wenn wir gleich zurückfahren. Das große Abenteuer ist noch nicht lange genug her, dass ich ein neues brauche. Erst recht nicht, wenn Rocky nicht dabei ist!“ Danach sinnierte die kleine Schneeleopardin über drei verschiedene Impfstoffe – aber recht schnell verlor sie das Interesse und war mit den Gedanken wieder bei Karlsruhes neuer U-Straßenbahn.

Xue mit ihrem Ticket bei der Einfahrt in die U-Station Ettlinger Tor.

[KuK] Wollen und Nichtwollen

Ich verstehe gut, dass man nicht will. Ich will nicht gepikst werden, ich will nicht unter Nebenwirkungen leiden. Aber ich will auch nicht krank werden, meine sportliche Leistungsfähigkeit potentiell verlieren oder gar an Covid-19 sterben.

Ich entscheide mich ja auch aktiv für andere Vorsorge, weil das Risiko ohne Vorsorge zu groß ist, auch wenn die Vorsorge zum Beispiel bei der Gynäkologin oder beim Gastroenterologen nun wirklich kein Spaß ist.

Doch mal wieder Plots…

Heute flog mir in den Pausen einer Fortbildung eine rein qualitative Aussage zum Zusammenhang zwischen Impfquoten und Inzidenzen bezüglich Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 um die Ohren. Ich nutzte die Kaffeepausen der Fortbildung, um ein bisschen in Excel zu spielen, da es für ernsthafte Arbeit eh nicht gereicht hätte…

Was ich getan habe: Werte zu Impfquote und Inzidenz bundeslandweise eintippen und dann Inzidenz auf der vertikalen, Impfquote auf der horizontalen Achse auftragen. Ein Zusammenhang drängte sich regelrecht auf, also versuchte ich einen Fit… mein Versuch war: Inzidenz ist proportional zur Impflücke hoch variablem Exponenten, ein ganz einfaches, empirisches Modell mit zwei freien Variablen. Auf die Schnelle die quadratischen Abweichungen der Kurve vom Modell berechnet, mit dem Solver-Modul von Excel deren Summe minimiert… und das kam dabei raus:

Kurve unter der Annahme, dass Inzidenz proportional zu Impflücke hoch 2,2 ist, dazu die Bundesländer wie beim RKI heute angegeben.

Dass dort, wo besonders viele Menschen symptomatische Verläufe haben, weil sie nicht geimpft sind, und besonders viele Menschen die Krankheit mit größerer Wahrscheinlichkeit weitergeben als Geimpfte, die Krankheit besonders oft registriert wird, ist eine Binsenweisheit. Die Deutlichkeit des Zusammenhangs hat mich jedoch überrascht. Es ist aber natürlich nur eine Momentaufnahme.

Wenn man sich das Diagramm – immer unter der Prämisse, dass es eine Momentaufnahme ist – nochmal anschaut, fallen Systematiken auf. Über der Kurve, also mit höherer Inzidenz als im Vergleich zu den anderen aufgrund der Impflücke zu erwarten, liegen fünf Bundesländer – drei davon im Südosten, vier davon mit besonders niedriger Impfquote. Eine weitere Gruppe liegt nahe der Kurve, die meisten eher entlang einer Diagonale von Südwest nach Nordost durch Deutschland – und die meisten, die deutlich unter der Kurve liegen, liegen im Nordwesten. Nun ist bekannt, dass die Bevölkerungsdichte in Beziehung zur Zahl möglicher Kontakte steht und der Osten und auch der Südosten Deutschlands dünner besiedelt ist. Also habe ich den naheliegenden Zusammenhang prüfen wollen und die Abweichung von der Kurve mit der Bevölkerungsdichte der Bundesländer in Beziehung gesetzt. Um regionale Unterschiede abzubilden und zwischen Stadtstaaten und Flächenländern zu nivellieren, habe ich vier Regionen – Nordwest, Nordost, Südost und Südwest gebildet.

Abweichung der Bundesländer (blau) und Regionen aus 3-5 zusammengefassten Bundesländern (rot) von der obigen Kurve als Funktion der Bevölkerungsdichte.

Einen Zusammenhang zu sehen, fände ich an dieser Stelle einen weiten Schuss. Zwar liegen zwei dünn besiedelte Flächenländer (Schleswig-Holstein und Niedersachsen) besonders deutlich unter der Kurve, Brandenburg – ebenfalls recht dünn besiedelt – recht gut auf, Bayern und Sachsen-Anhalt jedoch deutlich über der Kurve. Berlin und Hamburg als Stadtstaaten liegen unter, Bremen ebenfalls als Stadtstaat über der Kurve. Also lande ich wieder beim regionalen Zusammenhang…

Bundesländer nach willkürlich definierten „Regionen“ und die jeweilige Summe der Region mit ihrer Lage bezüglich der Kurve im ersten Plot des Beitrages. Aufzählung der Länder in den Textfeldern nach absteigender Bevölkerungszahl.

Die Bevölkerungsdichten in den Regionen sind höchst unterschiedlich – der Nordosten ist am dünnsten besiedelt (im Mittel 134 Einwohner pro Quadratkilometer, trotz Berlin), der Südosten sollte eigentlich auch ein „dünn besiedelt“ Gebiet sein, weil Bayern und Sachsen zwar einige Einwohner haben, aber im Verhältnis sehr große Ausdehnung besitzen – 183 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Südwesten sind’s 283, zumal das Saarland, Baden-Württemberg und Teile Hessens sehr dicht besiedelt sind – und der Norden schießt trotz der dünn besiedelten norddeutschen Tiefebene dank NRW, Bremen und Hamburg mit 317 Einwohner pro Quadratkilometer den Vogel ab. An Fläche ist übrigens mit 105.000 Quadratkilometern der Südosten (knapp 20 Millionen Einwohner) die größte definierte Region, der bevölkerungsreiche Nordwesten (31 Millionen) mit knapp 100.000 Quadratkilometern die zweitgrößte. Für den Moment habe ich Schleswig-Holstein dem Nordwesten zugeschlagen, überlege aber, im Interesse gleichmäßigerer Verteilung, es zum Nordosten umzuwidmen. Einen großen Unterschied in der Darstellung macht’s indes nicht, nur sind dann die Flächen und Bevölkerungszahlen etwas gleichmäßiger zwischen den vier Quadranten verteilt.

Im Plot benutze ich die offiziellen Kürzel der Bundesländer. Die Lage des summierten Punkts über den drei eingehenden Punkten von Thüringen, Sachsen und Bayern hat mich auch irritiert, ist aber durch die Krümmung der Fit-Kurve bedingt und korrekt.

Im Fazit: Auch wenn der Südwesten mit dem dicht besiedelten Saarland, der Nordwesten mit dem stark beimpften Bremen mit niedriger, aber dennoch über der Kurve liegender Inzidenz und der Nordosten mit dem dünn besiedelten Sachsen-Anhalt je einen Eintrag über der Kurve hat, zeigt sich doch recht deutlich ein regionaler Zusammenhang – die im Südosten der Republik gelegenen Länder haben nicht nur geringe Impfquoten, sondern auch im Verhältnis zum angenommenen Zusammenhang aus meiner ersten Kurve höhere als mit dem Zusammenhang und der bekannten Impfquote zu erwartende Inzidenzen.

Was man daraus schlussfolgern kann und sollte? Das ist aufgrund der Unsicherheiten schwer zu sagen. Es kann die Nähe zu den Hochinzidenzgebieten in Tschechien und Österreich sein, die hohe Inzidenzen im Südosten bedingen, auch über einen deutlichen Zusammenhang zwischen Impflücke und Inzidenz hinaus. Vielleicht ist auch einfach der Zusammenhang zwischen Impflücke und Inzidenz noch etwas stärker und hat einen „Knick“ bei 65-70% Impfquote bzw. 30-35% ungeimpfter Bevölkerung und nur das Saarland zieht uns aufgrund irgendwelcher Sondereffekte den Fit zu einem weicheren, näher am Linearen liegenden Zusammenhang.

Aber ganz unabhängig von Ost-West-, Nord-Süd-, Stadt-Land- und anderen Effekten, ganz unabhängig von meinem rechnerischen Modell zeigt sich deutlich, dass eine inzidenz- oder auch hospitalisierungs-basierte Einschränkung von Grundrechten basierend auf der Wahrung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit für alle durch Schließung der Impflücke, ob freiwillig oder mit Impfpflicht, vermieden oder zumindest stark verzögert werden kann.

Sicher hat das RKI, haben die Modellierer bei der Helmholtz-Gemeinschaft und beim PEI wesentlich feinere und bessere Modelle, aber wenn ich mir diesen Zusammenhang in der Kaffeepause einer Fortbildung zusammenschrauben und ihn darstellen kann, sollte er doch eigentlich vielen, fast jedem offensichtlich sein, oder nicht?

Verhältnismäßigkeit

Als ich vom universitären Bereich über einen Berater in die Verwaltung wechselte, durfte ich über den Begriff der „Verhältnismäßigkeit“ einiges nachlernen. Die Juristen erklärten einer ebenso neuen Kollegin und mir, Verhältnismäßigkeit einer Maßnahme, das setze sich daraus zusammen, dass die Maßnahme geeignet sei, ein Schutzziel zu erreichen, dass es erforderlich sei, was man mit der Maßnahme erreichen wolle, und dass die Einschränkungen durch Maßnahme angemessen seien im Verhältnis zur Erreichung des Schutzzieles.

Über Verhältnismäßigkeit hört man auch viel in der Corona-Pandemie. Vor Gericht werden Maßnahmen gekippt, weil sie unverhältnismäßig seien, und bei der Frage nach der Impfpflicht kriegt man den Rausch seines Lebens, wenn man bei jeder Nennung des Wortes „Verhältnismäßigkeit“ einen kurzen kippt. Ich weiß nicht, wie die, die das lesen, zur Impfung im allgemeinen und zur Impfung gegen das Corona-Virus im speziellen steht. Das will ich auch gar nicht beurteilen, aber ich möchte eine Frage der Abwägung aufwerfen. Denn Verhältnismäßigkeit heißt auch, dass ein Schutzziel durch eine möglichst milde Maßnahme erreicht werden soll, insbesondere, wenn Grundrechte gegeneinander aufgewogen werden müssen. In dieser Pandemie haben wir einen Haufen Grundrechte zu schützen, die zur Debatte stehen – bei uns in Deutschland stehen die besonders schützenswerten Grundrechte in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes, unserer Verfassung. Ich habe in letzter Zeit oft gehört, dass Menschen anzweifeln, dass das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG)) gewährleistet sei, oft verbunden mit dem Satz „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Weder vor noch in der Pandemie ist das richtig gewesen und es ist auch jetzt nicht richtig. Artikel 5 Absatz 1 GG erlaubt uns, die heftigsten Exkremente männlicher Rinder (Anglizismus: „Bullshit“) von uns zu geben, gewährleistet aber nicht, es ohne Gegenwind durch freie Meinungsäußerung ggf. vieler anderer zu tun.

Sehr konkret wurden in der Corona-Pandemie aber zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG) verschiedene Grundrechte eingeschränkt. Das waren und sind namentlich:

  • Artikel 8 GG, die Versammlungsfreiheit – um nämlich das Weitertragen von Sars-CoV-2 zu verhindern.
  • Artikel 2 Absatz 1 GG, die freie Entfaltung der Persönlichkeit – in Form von Maskenpflicht, nächtlichen Ausgangssperren, ggf. Quarantäne-Regeln, Schließung von Sport- und Kulturstätten
  • Artikel 12 GG, die freie Wahl der Arbeit – denn viele Gewerbe wurden über eine ganze Zeit hinweg geschlossen, man nennt das „Lockdown“.

Über die 3G- bzw. 2G-Regeln kommen Dinge hinein, die in Richtung der Beschränkung von Artikel 3 Absatz 1 GG gehen, nämlich der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Aber ein weiteres Grundrecht einzuschränken, um eben genau dieses selbe Grundrecht zu schützen, hat man nie erwogen. Denn die Unversehrtheit des Körpers zu schützen (vor dem Corona-Virus), in dem man in ein, nur ein und genau dasselbe Grundrecht in Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG eingreift, das hat man von vorneherein ausgeschlossen: Die Impfpflicht.

Nun ist der Staat verpflichtet, für alle Menschen (denn die sind nach Artikel 3 Absatz 1 GG vor dem Gesetz gleich) das Recht auf Unversehrtheit des Körpers zu schützen, er MUSS, er KANN NICHT ANDERS ALS in Grundrechte eingreifen, um die Mehrheit der Bevölkerung vor (wissenschaftlich erwiesenen) möglichen Schäden durch Sars-CoV-2 und die davon ausgelöste Krankheit Covid-19 zu schützen. In welche und in wie viele Grundrechte der Staat dabei eingreift, muss abgewogen werden. Ich kann nun Lockdown und Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren verhängen und einen Haufen von Grundrechten aus den Artikeln 2 bis 19 GG einschränken, um Menschen vor ungewollter Infektion durch Sars-CoV-2 während der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu schützen – und genau das wurde ja auch getan.

Ich kann aber auch, als Staat, einen nach allen vorliegenden Studien erwiesenermaßen kleinen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit vornehmen – nämlich eine Impfpflicht verhängen – und somit die Beschränkung anderer Grundrechte durch Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren verhindern oder zumindest SEHR weit hinauszögern – Spanien macht’s vor, dass das geht. Denn wenn die Risiken durch die Impfung gering sind, läuft es drauf raus, für eine eher kleine Gruppe die Rechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit oder die Religionsfreiheit (Artikel 4 Absätze 1 und 2 GG, da noch nicht vorher genannt) zu beschränken, um mit EINER Maßnahme, die insgesamt 3 Grundrechte einmalig und eindeutig begrenzt auf ein paar Pikser (zwei bis drei nach aktuellem Stand) beschränkt, eine Fülle von Beschränkungen diverser Grundrechte auf teils unbestimmte Zeit zu verhindern.

Rein von der Abwägung von Grundrechten und Eingriffen in diese fände ich da nicht unbedingt gesetzt, dass die im Infektionsschutzgesetz ermächtigten, in Form der Corona-Verordnungen der Länder umgesetzten Maßnahmen milder sind als eine Impfpflicht für alle. Aber ich bin nur „Technikerin“, wie man die aus technischen und naturwissenschaftlichen Berufen kommenden Leute in der Verwaltung nennt, keine Juristin. Dennoch finde ich es bedenkenswert, ob wir nicht aus der Debatte um ganz viele Grundrechtseinschränkungen zum Schutz der Unversehrtheit des Körpers herauskommen, indem wir auf eine Einschränkung genau dieser Freiheit mit recht gut erforschtem Umfang setzen, statt auf unbestimmte Zeit einen ständig wechselnden, ziemlich breiten Blumenstrauß von Grundrechtsbeschränkungen in Kauf nehmen und immer wieder vor den Gerichten verhandeln.

Das ist natürlich Meinung. Aber die darf ich äußern, denn schließlich gibt es ja Artikel 5 Absatz 1 GG.

Was macht das mit Dir?

Diese Frage bekommt man oft gestellt. Sie trendet sozusagen. Ich bin nicht sicher, ob ich diese Frage in dieser Form mir selbst stellen möchte – aber vom Sinn her schon. Ich versuch’s mal.

  • Corona-Krise, Klima-Krise, ganz persönliche Krankheits-Krise – was fühle ich dabei?
    Einerseits fühle ich mich hilflos. Ich bin auf andere angewiesen und lerne, dass die anderen nicht immer die Entscheidungen treffen, die ich für richtig halte – und dass genau das meinem Wohl, meiner Wahrnehmung des Allgemeinwohls und nicht zuletzt deren eigenem Wohl nicht zuträglich ist.
  • Corona-Krise, Klima-Krise, ganz persönliche Krankheits-Krise – was folgere ich daraus?
    Auch wenn die anderen vielleicht anderer Ansicht sind, was getan werden muss, auch wenn die anderen vielleicht anderes tun – ich muss das tun, was für mich und aus meiner Sicht heraus für die anderen, vielleicht die Welt am besten ist. Konkret: Ich möchte weniger Auto fahren, ultimativ das Auto ganz abschaffen. Mehr Rad fahren, mehr laufen, den ÖPNV und Fernverkehr nutzen – als Verkehrsmittel und für mich selbst, weil es mir gut tut – Bewegung auf dem Rad und beim Lauf, Zeit zum denken, rumspinnen, kommunizieren in der Bahn, statt stur auf die Straße zu starren. Ich möchte mehr Zeit für mich haben, weniger arbeiten, mehr schlafen, mehr auch mal in die Sauna gehen oder einfach auf dem Sofa liegen.
  • Corona-Krise, Klima-Krise, ganz persönliche Krankheits-Krise – und was mache ich daraus?
    Gelaufen bin ich ja schon, das Auto-Pendeln zur Arbeit habe ich 2018 eingestellt, damals zugunsten des ÖPNV. Ich habe das Fahrradfahren wieder angefangen, nach 20 Jahren Angst wegen eines Unfalls. Ich nutze die Krankheits-Krise, um im Hinblick auf persönliche Prioritäten und Leistungsfähigkeit umzudenken, Krankheit nicht als Stigma, sondern als Warnzeichen zu begreifen – und als Chance, aus akutem Anlass die Work-Life-Balance neu zu verhandeln, ebenso die Mental-Load-Self-Balance neu zu justieren.

Vielleicht versuche ich sogar, künftig dieses „Was macht das mit Dir?“ für mich persönlich in die Fragen „Wie fühle ich mich dabei?“, „Was folgere ich daraus?“ und „Was mache ich daraus?“ aufzusplitten. Mit etwas Glück werde ich sogar, wenn ich den Drang spüre, jemanden zu fragen, was „das“ mit ihm oder ihr „mache“, stattdessen die drei genannten Fragen sequentiell zu stellen.

Und am Ende kann ich sagen: Das macht das mit mir, dass man mich fragt, was das mit mir macht.

Vielleicht verwende ich auch künftig noch öfter die Konjunktion „Und“ als Satz-Eröffnung in der bewusst ironisierten Form und nicht mehr so oft einfach so.

Auszug aus einem Rant auf Facebook

Am vergangenen Wochenende war in Berlin der 100-Meilen-Mauerlauf. Ich bezog mich auf diesen Lauf, als ich in einer Gruppe dort meinen Sonntagslauf postete – denn mit 160 Kilometern konnte ich nicht aufwarten. In einem Kommentar wurde daraufhin angemerkt, dass ich nicht mit dem Mauerlauf aufwarten könne, sei auch gut so – denn Laufveranstaltungen seien Viren-Spreader-Events. So weit, so gut.

Ich antwortete, dass ich nicht ganz auf Laufveranstaltungen verzichte – denn ich möchte ja beim Baden-Marathon meine Halbmarathon-Zeit verbessern und, sofern alles halbwegs bleibt, beim Köhlbrandbrückenlauf mitlaufen. Beide Veranstaltungen haben Hygiene-Konzepte: Wie weit sie auf Masken und Tests setzen, weiß ich noch nicht, aber Abstand zur Reduktion des Ansteckungsrisikos wird durch gestaffelten Start in Kleingruppe hergestellt. Als Geimpfte komme ich zudem mit geringerem Risiko dort hin. Daraufhin wurde ich belehrt, dass Masken und Impfung keinen vollständigen Schutz bilden… Da ich all das erläuterte, als ich meine beiden Anmeldungen zu diesen Läufen benannte, fühlte ich mich von dieser Belehrung schon ein wenig angegangen. Daraufhin formulierte ich folgende Antwort, die ich so auch hier teilen möchte:

Schutzkonzepte und auch die Impfung sind keine völligen Verhinderer des Weitertragens des Virus‘ – sie verringern das Risiko aber dennoch. Das Schwarz-Weiß-Denken stört mich in der Pandemie: Was nicht zu 100% schützt, ist für die einen fruchtlos und darf daher keine Treffen und Veranstaltungen ermöglichen, für die anderen ist’s unnötig und man sollte es daher nicht brauchen und trotzdem Normalität haben. Die Wahrheit liegt zwischen den beiden Polen. Ich betrachte die Impfung und das Schutzkonzept nicht als 100%-Schutz, bin aber auch in der Vergangenheit trotz potentiell ansteckender, noch symptomloser Grippe-Patienten ganz ohne Schutzmaßnahmen in Massenstarts in Winterlaufserien gestanden. Das Denken „100%-Schutz oder alle bleiben daheim“ gegen „gibt keinen 100%-Schutz, daher bleibt keiner daheim“ ist eines der Probleme unserer Zeit. Denn gegen die meisten Gefahren gibt es keinen 100%-Schutz. Aber das heißt nicht, dass Schutzmaßnahmen sinnlos sind – in die öffnende wie auch die schließende Richtung nicht. Geimpft sein und im Startblock Abstand halten und Maske tragen – und die Maske an den Arm packen, wenn sich‘s auf der Strecke verläuft, schützt mich nicht zu 100%, sondern vielleicht zusammengenommen zu 80% vor Infektion, zu 85% davor, dass ich’s weitertrage und zu 98% vor einem schweren Verlauf (keine Garantie für die Werte), das heißt für mich aber weder zwingend, dass ich diese Maßnahmen fruchtlos nenne, noch dass ich wirklich alles lassen muss. Ich versuche das differenziert zu sehen.

Meine Antwort auf Facebook

Am Ende des Tages glaube ich auch, dass wir über dieses Schwarz-Weiß-Denken dem Virus Vorschub leisten. Denn wenn ich, die ich eigentlich schon eine differenzierte Sichtweise zum Ausdruck gehabt zu haben glaubte, mich dann von einer Belehrung, alle Veranstaltungen seien schlimm, angegangen fühle, wie mag es dann Leuten gehen, die schon länger und mit mehr psychischem Druck zurück zu Veranstaltungen möchten? Sicher gibt’s Leute, die nicht abwägen, sondern einfach losschlagen. Aber ich denke, die große Mehrheit hat ein ausgebildetes Risiko-Bewusstsein und wägt ab, wird aber mit generellen Totschlagargumenten „nur Lockdown“ mit dem mitschwingenden Bass „für immer“ angegangen – und das schürt Trotz, der gegebenenfalls kein guter Berater ist.

Nutzlast

Wenn ich zur Arbeit fahre… dann ist meine Idee eigentlich, 60-65 Kilogramm Mensch, 2-3 Kilogramm Kleidung und (bei Homeoffice-Office-Hybridlösungen) noch 2-4 Kilogramm Arbeitsmittel zu transportieren. Auf Dienstreisen kommt gegebenenfalls noch persönliche Schutzausrüstung, vielleicht Wechselkleidung oder anderes Gepäck hinzu. Unser Toyota Aygo wiegt zwischen 800 und 900 Kilogramm. Mein rotes Stahl-Fahrrad wiegt mit allem drum und dran (Gepäcktaschen, Zeugs) ca. 20 Kilogramm, wenn es hoch kommt.

Da ich mich in meiner Kindheit und Jugend gerne und fasziniert mit Raumfahrt befasst habe und auch mal Astronautin werden wollte, im Endeffekt dann aber in der Physik gelandet bin, kenne ich natürlich den Begriff der Nutzlast. Den kennen auch z.B. Spediteure – die würden nicht auf die Idee kommen, den Lastwagen größer und breiter zu machen, ohne den tatsächlich genutzten und benötigten Laderaum zu vergrößern. Denn jede Masse, die ich von A nach B bewegen muss, die aber kein Geld bringt, verteuert den Transport und macht den Spediteur am Ende weniger konkurrenzfähig.

Zurück zu mir: Wenn ich grob überschlagen 80 Kilogramm Mensch und Zubehör aus der Gemeinde Bietigheim (Wohnort) ca. 20 Kilometer weit in die Großstadt Karlsruhe (Arbeitsort) bewege und dafür ein 20 Kilogramm schweres Gefährt benutze, kann ich eigentlich jede beliebige Energiequelle einsetzen, denn ich bewege ja nur ungefähr 100 Kilogramm, von denen 80% Nutzlast sind. Würde ich stattdessen mit dem Auto fahren, wären es 80 Kilogramm Nutzlast und 800 Kilogramm Gefährt… weniger als 10% der bewegten Masse sind Nutzlast. Wenn ich das mit Muskelkraft machen soll, beschwere ich mich natürlich… das geht nicht! Also würde ich dafür fossile Energieträger oder Elektrizität oder Wasserstoff oder hastenichtgesehen was für einen Energieträger benutzen… Würde ich dagegen elektrisch mit der Straßenbahn fahren, wäre es zwar nicht mein Fahrzeug, aber immer noch SEHR viel mehr Fahrzeug als Nutzlast.

Am Ende des Tages sprechen wir sehr viel darüber, wo wir die Energie herbekommen, um Zeug… also Nutzlast von A nach B zu bewegen. Wenn wir aber ökonomisch (in Energieverbrauch) denken, dann sollten wir – wie der Spediteur – auch darüber nachdenken, wie schwer unser Gefährt im Verhältnis zur Nutzlast ist.

Nun bin ich geneigt, mal ein paar ketzerische Überschlagsrechnungen aufzustellen:

  1. Wenn ich für die Bewegung von 80 Kilogramm Nutzlast über zweimal 20 Kilometer ca. 1000 kCal für Hin- und Rückfahrt zur Arbeit verbrauche, dann habe ich ca. 1,16 kWh verbraucht. Bei fünf Litern pro 100 Kilometern Benzin und ca. 8,5 kWh pro Liter Benzin hätte ich auf denselben 40 Kilometern grob überschlagen 17 kWh verbraucht. Bezogen auf die Nutzlast habe ich also mehr als 90% des Energieverbrauchs eingespart – der zudem vollständig aus regenerativen Energiequellen (Biomasse) stammt, der Energieträger höchstens in Kunststoff verpackt war. Zudem wird ein Gutteil der Energieerzeugungssysteme mit regenerativen Ressourcen repariert – nämlich Proteinen für Muskelaufbau.
  2. Für die genannten zwei Liter Benzin zahle ich ca. drei Euro. Natürlich stufe ich mich höherwertig ein als das Auto, aber wenn ich mir überlege, was 1000 kCal zu Futtern kostet und was dementsprechend die 14600 kCal, die an Energiegehalt zwei Litern Benzin entsprechen, zu futtern kosten würde, kann man schon ins Grübeln kommen, ob fossile Energie nicht zu billig ist. Denn Kraft und Energie zu sparen, die ich höchstselbst meinen Muskeln aufbringen muss, ist jedem einsichtig. Ein nicht elektrisch unterstütztes Fahrrad, das man regelmäßig benutzt, wird niemand in der doppelten oder dreifachen Größe und Masse kaufen, die er braucht. Also ist Energie für’s Auto zu billig, um entsprechend wehzutun und einen geld-ökonomisch so zu motivieren wie körperkraft-ökonomisch Energieeffizienz beim Rad motiviert wird.

Da kommt dann schon die Frage auf: setzen wir die richtige Priorität, wenn wir einen SUV brauchen, um veganes, lokal produziertes Essen bei fünf verschiedenen Hofläden in 20 Kilometer Umkreis zu kaufen, oder sind wir mit Einkauf beim Supermarkt, nicht völligem Fleischverzicht, aber allen Wegen mit dem Rad und ggf. dem Radanhänger auch ganz gut dabei?

Ein Gedanke…

…setzt sich langsam in meinem Kopf fest.

Denn: Seit April diesen Jahres fahren mein Mann und ich für alle regelmäßigen, alltäglichen Tätigkeiten kein Auto mehr. Wofür haben wir das Auto seit dem benutzt?

  • Sperrige, größere Abfälle zur Deponie bringen
  • Urlaubsfahrt

Eine kurze Aufzählung? Ja, sonderlich lang ist sie nicht. Bevor wir den Fahrradanhänger hatten, gab es noch regelmäßig Fahrten zum Einkaufen, dazu ein paar wenige Fahrten bei schlechtem Wetter zu Vorträgen, aber das würde ich sicher auch mit dem Fahrrad machen, wenn kein Auto da wäre, oder halt mit ÖPNV-Fahrrad-Hybrid-Lösungen.

Dann habe ich mir überlegt, dass ich für unser Auto einen ganzen Batzen Geld an Versicherung, einen (deutlich kleineren, da kleiner Motor) Batzen Geld an Steuer unabhängig von allen Aktionen zahle, dazu Wartungskosten – und das, ohne dass das Ding bewegt wird. Dann kommen noch Spritkosten dazu und auch vom Rumstehen wird das Gefährt nicht besser, auch wenn die anderen, bei regelmäßiger Bewegung anfallenden Verschleißeffekte am Ende teurer sind.

So ganz langsam stellt sich dann die Frage, ob es nicht nur ökologisch sinnvoll und platzsparender, sondern auch ökonomisch sinnvoll wäre, für die wenigen verbleibenden Fahrten auf ein flexibles Modell aus Mietwagen, Carsharing und Taxi zu setzen. Denn ganz offen: Sogar Taxifahren kann man für den Mindestsatz Haftpflichtversicherung eine Menge, und dann ist noch keine Spritersparnis eingerechnet.

Freilich ist das Ganze noch nicht spruchreif, aber ich muss gestehen, dass vom ersten Mal laut und in Beisein anderer diese Idee formulieren bis zu einem recht konkreten Planen des „Wie“ statt nur des „Ob“ verblüffend wenig Zeit verging. Der Boden ist also bereitet. Mal sehen, wie sich der Gedanke weiter entwickelt.