Sport-Fazit: Abernten im Mai

Der Mai war mein erster sportlicher Saisonhöhepunkt 2022. Das äußerte sich in drei Laufwettkämpfen mit drei jeweiligen Bestzeiten:

  • Badische Meile über 8,88889 Kilometer am 08.05.2022:
    Fünfter Platz der Damen in einer Zeit von 34:21 (Verbesserung von 1:41 gegenüber 36:02 bei der Badischen Meile im Jahr 2019)
  • SRH Dämmermarathon in Mannheim am 14.05.2022:
    Dritter Platz der Damen und Sieg in der Altersklasse W40 in 3:09:56 (Verbesserung von 8:37 gegenüber 3:18:33 beim Badenmarathon 2019)
  • Oberwald parkrun über 5 Kilometer am 21.05.2022:
    Gesamt-Erste mit 19:08 (Verbesserung von 0:08 gegenüber 19:16 beim Herbstlauf der TGÖ im Jahr 2019)

Dass in einem so laufwettkampfintensiven Monat nicht ganz so viel sonst gelaufen wurde, ist irgendwie klar: Man muss sich ja auf den Wettkampf hin erholen („Tapering“). Allerdings bin ich wieder richtig viel Rad gefahren – viel zur Arbeit, zu Dienstreisen und Vorträgen, aber auch ein bisschen aus Spaß an der Freude. Außerdem habe ich das Schwimmen endlich wieder aufgenommen. Und so fasste ich mal in Bildern zusammen:

Laufen wurde wegen Taperings weniger, Radfahren wieder erheblich mehr, Schwimmen kam endlich wieder dazu. Insgesamt geht die Kilometerleistung nicht stetig, aber doch nach oben, seit der Krankheit im letzten Herbst.
Mehr als die Hälfte der Zeit beim Sport habe ich auf dem Rad verbracht, etwa ein Drittel beim Laufen, dazu zwei Stunden beim Schwimmen und drei bei sonstigen Aktivitäten.
Der Löwenanteil meines Trainings fand im moderaten Bereich statt, wenig war sehr intensiv.

Nun geht es in den Juni, wo sich dank Stadtradeln für den Wohnort und Stadtradeln für den Arbeitsort die Radkilometer häufen sollten – und dank des Wetters wohl die Schwimmleistung weiter hoch geht. Erst Mitte Juli will ich wieder ins Marathontraining einsteigen, dann für den Badenmarathon. Großartig ist, dass ich die Lauftreffs des Regierungspräsidiums, mindestens die abteilungsübergreifenden, wieder gepusht hat, und es auch angenommen wird. Da wird wohl einige schöne Lauferei zusammenkommen!

[KuK] Zu müde…

…für ein Mai-Fazit zeige ich Euch erstmal etwas, wegen dessen ich ursprünglich meinen Strava-Account gemacht habe. Heatmaps. Meine Aktivitätscluster seit meinem Beitritt zu Strava.

Von links oben nach rechts unten:

  • Sommerurlaub 2020 in Bensersiel: Zehn Läufe, zwei Radfahrten.
  • Besuch bei Freunden 2022 nahe Buxtehude: Zwei Läufe, zwei Spaziergänge. Nicht dargestellt: Eine Schwimmaktivität.
  • Besuche bei Freunden 2020 und 2021 nahe Bonn: Ca. 20 Läufe, der Rest Spaziergänge.
  • Nordbaden: Läufe, Radfahrten, Freiwasserschwimmen… Spaziergänge, Skating-Einheiten. Marathon-Wettkämpfe… ca. 1600 Aktivitäten.
  • Main-Tauber-Kreis, Dienstreise 2020: Zwei Läufe.
  • …und zuletzt, ganz unten: Trainingslager in Castellana Grotte 2022, zehn Läufe, fünf Spaziergänge.

[KuK] Läuft…

Entwicklung meiner Wettkampfleistungen über die Zeit.

Es kommen wieder Wettkämpfe – wie man sieht. Mit dem Rißnertlauf, der Badischen Meile und dem Dämmermarathon bin ich dieses Jahr wieder drei Wettkämpfe gelaufen. Da mich interessiert, wie sich meine Leistung über die Zeit entwickelt, aber meine Wettkampfdistanzen sehr differieren (5, knapp 9, 10, 12, 15, 20 Kilometer sowie Halb- und voller Marathon) und entsprechend auch das Tempo sehr unterschiedlich ist, musste ich mir was ausdenken. Also habe ich an meine persönlichen Bestleistungen Modellkurven angefittet (eine Parabel und eine Exponentialfunktion). Was besser passt, bewerte ich über die Summe der quadratischen Abweichungen („Chi-Quadrat“) bei der Anpassung. Mit dieser Kurve rechne ich dann meine Wettkampf-Geschwindigkeit auf das um, was ich wohl bei einem Zehner gelaufen wäre… und stelle damit Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Distanzen her.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mit einem Rechenmodell mache ich aus jedem Wettkampf ein „Was wäre, wenn’s ein Zehner gewesen wäre.“ Diese geschätzten Tempowerte für Zehner (bei gelaufenen Zehnern sind’s natürlich exakte Werte) trage ich dann über die Zeit auf… und heraus kommt das oben gezeigte Bild.

Bis auf den einen doppelt virtuellen Zehner im Jahr 2020 bin ich also mit meinen Wettkämpfen in der Saison 2022 bisher sehr gut dabei, (fast) besser als je zuvor.

Dämmermarathon (Teil 3)

Was wäre ein Lauf ohne eine gewisse Analyse, zumindest auf diesem, meinem Blog? Zunächst einmal die Strecke…

Der Dämmermarathon – zwei Runden, vom Wasserturm (grüner Pfeil) raus nach Seckenheim, durch Seckenheim zurück, am Neckar entlang. Auf der ersten Runde eher kurz durch die Quadrate und über den Friedrichsplatz am Wasserturm wieder raus Richtung Seckenheim – auf der zweiten Runde elend lang durch die nächtlichen Quadrate.

Eigentlich wollte ich ja die hohe Kunst produzieren und negative Splits laufen. Wie man in den folgenden Diagrammen sieht, ist mir das nicht gelungen, aber sowas von gar nicht. Dafür waren insbesondere Kilometer zehn, elf, neunzehn und zwanzig zu schnell. Seckenheim, Planken und Wasserturm, Stadionatmosphäre, oh Rausch des jubelnden Publikums, was verführt ihr mich zu Unvernunft! Auch wieder in Seckenheim, um Kilometer dreißig, wird es vom Publikum getragen nochmal schneller – und dann habe ich mich nur noch durchgebissen, die gute Zeit nach Hause zu laufen.

Mit 190 bis 200 Schritten pro Minute und relativ konstanter vertikaler Bewegung hat immerhin der Laufstil verhältnismäßig wenig unter den Härten gelitten. Klar ist auch: Der Running Dynamics Pod von Garmin (pink im Bild unten) und der Stryd Footpod (grün) liefern Daten, die ganz gut zueinander proportional sind, aber doch einen deutlichen systematischen Offset zueinander zeigen. Da die Daten des Stryd deutlich näher an dem liegen, was ich als realistisch erachte, werde ich wohl künftig auch weiterhin der Stryd-Power mehr vertrauen als dem RD Pod. Für die Laufstilanalyse und Optimierung sind aber die absoluten Normierungen nicht so wichtig, dass man Schritthöhe nicht übertreibt, hochfrequent läuft, ein gutes Verhältnis von physikalischer Leistung (=Kraftaufwand) zu Pace erhält, ist mit beiden Mitteln zu machen.

Insgesamt hat der Dämmermarathon gezeigt, dass ich mit dem Training nach Greif einiges erreicht habe – indes, die maximale Tempohärte für die zweite Hälfte habe ich nicht so geschafft, wie ich mir das vorgenommen habe. Die Abstände waren allerdings ab Kilometer 30, 35 schon so groß, dass nach einigen Überholaktionen im Bereich der hohen 20er und frühen 30er am Ende keiner mehr überholte – ich allerdings auch niemanden überholte. Am Ende des Tages haben wohl alle mehr oder minder so stark nachgelassen wie ich.

Was sich nun an Fragen stellt: Welchen Effekt hatten die hohen Temperaturen? Wie viel ist noch drin, wenn ich statt Altra Escalante Racer auf Altra Vanish Carbon laufe? Diese Fragen gedenke ich ein bisschen zu wälzen und mit dem Badenmarathon im September zu beantworten. Da wird dann auch volle acht Wochen nach Greif trainiert, wenn keine Krankheit dazwischen kommt.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon.

Dämmermarathon 2022 (Teil 2)

Der Dämmermarathon… mein neues Personal Best, sogar die 3:10 unterboten. Damit könnte alles gesagt sein, aber irgendwie ist es das doch noch nicht. Auf 42,195 Kilometern, in der Rennvorbereitung und auch nach dem Lauf passiert so einiges, und vieles davon fühlt sich auch berichtenswert an. Ob es das auch ist, sei dahingestellt, aber das hier ist ja ein Blog…

Mein Wettkampftag begann natürlich nicht in Mannheim, sondern zuhause. Am Vorabend hatte ich meinen Mann zu dessen Firmenjubiläumsfeier begleitet. Das Essen dort war von der Qualität her top, von der Zusammenstellung aber nicht zwingend das Essen für den Vorabend des Marathons – aber es hat ja dennoch funktioniert. Wir waren auch mit dem Rad zum Restaurant gefahren und dann natürlich auch wieder nach Hause. Am Morgen des Wettkampftags traf mein „Rheinland-Pfälzer Fanclub“ ein, in Gestalt meines Nennbruders und dessen Vater. Wir frühstückten zusammen, machten noch einen Spaziergang zum Supermarkt und brachen dann zu viert nach Mannheim auf… heiß war es, und ich merkte schon, dass die Wärme auch an meinen Reserven etwas zehrte. Wahrscheinlich wäre ich bei einem am Morgen gestarteten Marathon schneller gewesen, aber ich hatte mir nun einmal den Dämmermarathon ausgesucht. Nachdem ich meine drei Herren – Ehemann und Fanclub – in einem Café zurückgelassen hatte, holte ich meine Startnummer und gesellte mich dann wieder zu den dreien, montierte die Startnummer mit Magneten auf das Trikot, trank noch eine Flasche Wasser und ging noch einmal auf Toilette.

Ready to go.

Dann ging es in die Startblöcke auf der Augusta Anlage. Ein bisschen lief ich mich im Startblock ein, drehte kurze Runden und sah einen, bei dem ich dachte: „Den kennst du doch!“ Kurze Zeit später wurde es mir bestätigt: Simon Stützel von der LG Region Karlsruhe war im Teilnehmerfeld und somit war mir klar, dass es bei den Herren vorne schnell werden würde. Langsam wurde ich ein bisschen nervös, erst kurz nach 19:00 wurden wir von der Augusta Anlage vor den Rosengarten geführt, wo eigentlich um 19:00 schon gestartet werden sollte – aber die Strecke war noch nicht freigegeben. Als wir zwischen Tribüne und Sprecher-Bühne an die Startlinie gingen, und der Sprecher vom „Einmarsch der Athleten“ sprach, hatte ich schon das erste Mal richtig Gänsehaut. Und dann ging es los!

Recht schnell war mir klar, dass die 3:15-Pacer nicht meine Orientierung sein würden. Ich lief 4:28/km und fühlte mich wohl dabei. Ich hatte viel 4:30 bis 4:26 pro Kilometer trainiert, ich war stark, ich war vorbereitet. Bereits auf der anderen Seite des Wasserturms hatte ich ein bisschen nach „langsam“ zu korrigieren, aber das schaffte ich dann auch. Raus auf die Augusta Anlage und dann am Planetarium links, schließlich raus Richtung Seckenheim stellte sich ein halbwegs konstantes Tempo ein. Plötzlich schloss jemand zu mir auf: „Hi, ich glaub‘, ich kenn‘ Dich von Strava!“ Tatsache, ja, er kannte mich von Strava und ich ihn. Eigentlich müsste er schneller sein, aber es war sein erster Marathon. Wir quatschten miteinander und flogen mit konstanten ca. 4:30/km, vielleicht etwas schneller, durch die recht einsame Passage nach Seckenheim und südlich um Seckenheim herum. Wie stets ist das Einbiegen in die ersten Wohnstraßen von Seckenheim erstmal eine Enttäuschung: „Stadionatmosphäre ist das nun nicht…“ Dann, nächste Kurve, BÄM! Überall Leute an der Straße, Kinder, die Hände zum Abklatschen hinhalten, teils auch Erwachsene, die das tun. Wenn man Kamikaze machen wollte, würden sie einem sicher auch Sekt zureichen, all die Leute, die da an der Straße sitzen, stehen, jubeln, anfeuern… drängende, treibende Musik spielen und einen mit der Begeisterung in restlos zu schnelle Pace treiben. Zum Glück – auf der ersten Runde zum Glück – kommt dann die lange Landstraße wieder rein nach Mannheim und der verhältnismäßig ruhige Radweg am Neckar entlang, so dass man wieder ein bisschen ausgleichen kann. Mein Gefährte und ich sprachen nun weniger, waren viel mit Ausweichen beschäftigt: Der schnelle Part des Halbmarathons überholte uns und wir liefen von hinten in das langsame Ende des Monnemer Zehners rein. Fünf Kilometer dauerte dieser anstrengende Part, ein Stück durch die Quadrate durch. Dann wurde es am Wasserturm wieder laut, anfeuernd, motivierend – und dann waren wir wieder einsam, bei freier Strecke allein auf dem Weg hinaus Richtung Seckenheim. Hier war das noch angenehm – es war hell, es war endlich genug Platz, man konnte sein Tempo laufen. Knapp schneller als 4:30/km waren wir unterwegs, wenn ich von 21 Kilometern hochrechnete, war eine Zeit deutlich unter 3:10 drin. Aber der Marathon hat zwei Hälften, und die harte zweite beginnt nicht bei 21, sondern bei 32 Kilometern.

Im Falle des Dämmermarathons beginnt diese harte zweite „Hälfte“ nach dem zweiten Durchlauf durch Seckenheim. Es wird dunkel, Lampions und Feiernde sind an der Strecke – und dann kommt man zurück auf die Seckenheimer Landstraße. Plötzlich ist da keiner mehr. Plötzlich ist da gar nichts mehr – es wird dunkel, keine Leute an der Strecke, kaum noch Läufer auf der Strecke… Kilometer 32 beginnt. Noch kann man sich der Illusion hingeben, dass es nur heißt, dass es nun hart wird. Noch scherzt man darüber. Dann ist es völlig dunkel, man weicht den letzten Halbmarathonis aus, wenn man sie gerade sieht, auf dem Radweg nahe des Neckars ist keiner mehr, spätestens am City Airport wünscht man sich, es wären nur noch drei, vier Kilometer – und nicht noch acht oder neun. Dann brach, nach vorheriger kurzer Gehpause und Wiederaufschließen, kurz vor dem Wiedereintritt in die Innenstadt, auch noch mein Laufgefährte bei Kilometer 36 weg. Der Geist bäumt sich auf, ich bin auf dem Weg zu meiner Bestzeit – ihr geschniegelten Affen, die aus dem Theater kommen und unbedingt über die Rennstrecke in meinen Weg stolpern müssen, die Ordner, die sie nicht zurückhalten: „Ey, was soll’n das!?!“ Der Ärger ist gut, er hält aufrecht. Dann geht es wieder in die Quadrate, und dann dürfen die Halbmarathonis zwischen O3 und O4 links abbiegen, haben noch 1500 Meter zum Ziel. Die Planken ziehen sich, und dann geht es rechts auf die Fressgasse – da ist die Mitte als Strecke abgesperrt, kein Mensch auf der Straße, das Licht gelblich, vor mir kaum noch zu erkennen, aber nicht weit weg ein anderer Läufer in schwarzem Trikot, hinter mir scheinbar lange keiner mehr. Es scheint gar nicht mehr aufzuhören. Die Moral ist am Ende…

Aber wenn die Psyche nicht mehr mitzumachen scheint, ist sie noch nicht am Ende, und der Körper sowieso nicht. Jetzt umkehren wäre auch blöd, nicht? Und die Zeit ist zu gut, um zu gehen oder gar stehen zu bleiben. Und dann geht es am Arbeitsgericht den Radweg runter Richtung Ludwigshafen – was? DA runter? Ein paar Meter runter zum Rhein, man könnte meinen, es sei eine Wohltat, aber mein Geist sagt nur: „Seid Ihr verrückt? Ich muss das auch wieder hoch laufen, ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne eine Seilbahn schaffen soll!“ Aber ich schaffe es, zeitweise zeigt die Uhr erschreckende 5:25/km an, aber der Kilometer bleibt doch unter der fünf-Minuten-Grenze. Dann die Wendepunktstrecke vor der Universitätsbibliothek – rechts abbiegen, obwohl es links zum Wasserturm ginge. Aber da läuft eine andere Frau!

In Seckenheim haben sie mir beim zweiten Durchgang zugebrüllt, ich seit die vierte Frau. Das muss die dritte sein, schauen wir mal, wie lange die Wendepunktstrecke ist, wie weit sie weg ist. Zu weit in jedem Fall, um sie einzuholen, aber vielleicht dranbleiben, irgendwie! Aber es geht ganz schon weit nach rechts, bevor wir zurück dürfen. Als ich dort bin, wo ich die Frau vor mir gesehen haben, biegt mein ehemaliger Begleiter gerade ein: „Tally, lauf es fertig! Du schaffst es!“, brüllt er! Ich gebe mir Mühe, aber noch immer sind die gelben Lichter und die Einsamkeit eine Herausforderung, die alles in meinem Inneren schwer werden lässt. Seit wann trage ich diese schweren, schweren Gefühle mit mir herum? Hätte ich früher nochmal trinken, hätte ich meinen zweiten Fruchtriegel noch essen sollen? Eine Straßenbahn, die scheinbar im Weg steht, holt mich aus meinen düsteren Gedanken. Man hält die Straßenbahn auf, ich darf die Schienen überqueren, und ich laufe endlich wieder auf den Kapuzinerplanken – die Sicht ist geradeaus frei bis zum Wasserturm! Das Ende ist nah, und das ist nun nichts mehr Apokalyptisches. Als die Halbmarathonis von links wieder auf unsere Strecke geführt werden, wird es noch besser – da sind Leute, die jubeln mir zu, da sind Leute, die brüllen begeistert, und die brüllen auch für die ganzen erschöpften Halbmarathonis, die ich nun überhole. Ich werde wieder schneller – keine 4:30/km, nein, das nicht mehr, aber schneller! Der Wasserturm, das bunte Licht zieht mich an wie eine Motte, der Jubel trägt mich.

Meine Uhr zeigt Kilometer 42 an, als ich den Kaiserring überquere, ich weiß, 300 Meter zu wenig zeigt sie. Noch ein halber Kilometer. Kurz bevor ich in das Halbrund des Friedrichsplatzes einbiege, das dritte Mal, höre ich den Sprecher meinen Namen sagen, auf der anderen Seite des Platzes, am Ziel vor dem Rosengarten. Dieses Mal muss ich nicht in die Augusta Anlage biegen, dieses Mal darf ich rum laufen. Der Jubel lässt mich aufdrehen, ich merke, es ist bald vorbei, ich bin grandios in der Zeit, ich habe lange nicht mehr auf die Uhr geschaut, aber es KANN nicht so schlimm sein, es muss weit unter dem sein, was ich mir vorgenommen habe. „Und da kommt sie, die dritte Frau – Talianna Schmidt!“, ruft der Sprecher, und ich begreife: Irgendwo, unter all den Frauen, deren Startnummern ich nicht nicht auf roten Zehner-Rahmen, blauen Halbmarathon-Rahmen, orangen Staffelläufer-Rahmen angeschaut habe, muss die vormals Viertplatzierte gewesen sein, die ich überholt habe…

Rotleuchtend ticken die Zahlen über dem Zielbogen. 3:09:39… 3:09:40… unter 3:10! Ich brülle… ich reiße die Arme hoch, wild schwingt mein Kopf die beschleunigenden Schritte mit… zu schnell, um ohne Blitz von meinem Nennbruder fotografiert zu werden:

…und dann hängen sie mir den Zugangsbendel zur Bühne, zur Siegerehrung um. Erst als ich stehe, realisiere ich richtig, wie erschöpft ich bin. Als wir gefühlt ewig auf die Zweite warten, der Betreuer, die Siegerin und ich, setzen Krämpfe ein: Oberschenkel, Waden, Längsgewölbe, Zehen. Ich ziehe sie Schuhe aus, dehne, leide – und kann dann doch lächeln auf der Bühne:

…mehrfach heule ich, muss stehen bleiben, wegen Krämpfen oder weil mir in Freudentränen alles verschwimmt. Man lässt uns rein, im Restaurant, weil ich meinen Pokal trage, und endlich, über das Salz auf der Pizza, lassen die Krämpfe nach.

Was ein wilder Ritt!

Dämmermarathon 2022 (Teil 1)

Seit dem September 2019 bin ich keinen Wettkampf über die Marathon-Distanz mehr gelaufen. Damals habe ich beim Badenmarathon in Karlsruhe ein Personal Best von 3:18:33 aufgestellt, viele Erfahrungen zur Einteilung des Marathons, zur Schuhwahl und dergleichen gesammelt – und dann war mit der Corona-Zeit erstmal nichts los mit Marathon-Wettkämpfen. Ich bin in dieser Zeit Marathondistanz gelaufen, aber nicht im Wettkampf.

Am 14.05.2022 stand dann der Dämmermarathon in Mannheim wieder an. Wo ich doch eigentlich endlich über den roten Teppich durch das Mannheimer Schloss laufen wollte – und ursprünglich sogar noch etwas ganz anderes geplant war, nämlich der Trollinger-Marathon in Heilbronn, lief ich nun die Doppelrunde durch Mannheim: Wasserturm-Seckenheim-Wasserturm-Quadrate-Wasserturm… und dann dasselbe nochmal. Ich hatte nach einer Erkältung im Februar, einem neuen 15er-Personal-Best beim Rißnertlauf und dem Trainingslager in Apulien durchaus gemischte Signale erhalten, was in Mannheim herauskommen könnte, zumal ich ja letztes Jahr im Herbst lange und mit viel Formverlust krank war.

Nun, wie soll ich sagen: Vieles hat funktioniert. Manches nicht – wollte ich doch negativen Split laufen. Aber das Ergebnis spricht für sich:

Ich bin noch immer zu platt, zu erschöpft, zu euphorisch, um so richtig zusammenzubauen, wie es genau lief, die Fotos zu sichten und all das. Das kommt irgendwann kommende Woche. Für’s erste kann ich sagen: Mindestens ein neues Personal Best, also 3:18:32 hatte ich angepeilt. 3:14:59 war das erklärte, zu unterbietende Ziel, und irgendwas im Bereich 3:10:xx zu erreichen, das war ein Maximalziel, ein Traum. Am Ende waren es sogar vier Sekunden weniger als 3:10:00, die auf der Uhr standen. Dass ich noch dazu Dritte wurde und neben einer Duathlon-Weltmeisterin (der Siegerin) auf dem Treppchen stand, war das Sahnehäubchen.

Völlig irre. More to come, stay tuned.

Vorabend

Heute waren wir beim 25-Jährigen Betriebsjubiläum meines Mannes, in ein ziemlich nobles Restaurant eingeladen von seiner Firma. Wir sind natürlich mit dem Fahrrad gekommen. Tags zuvor wurde „The Highway Tales Cycling“ für das Stadtradeln in 76467 Bietigheim (Baden) als Team mit den drittmeisten Kilometern ausgezeichnet.

Nun geht es gleich ins Bett… mein Stryd sagt, dass mein Running Stress nach der Erholungswoche niedrig ist und ich die aktuelle Fitness ausnutzen soll. Tja, genau das habe ich vor. Der Marathon startet in 16 Stunden. Vielleicht werde ich einen neuen, einen grün umrandeten und tief liegenden Punkt in meinem Wettkampf-Diagramm mit Personal Bests und sonstigen Wettkampfleistungen ergänzen… wir werden sehen.

Stand: 13.05.2022

31. Badische Meile

Nachdem die Badische Meile nun pandemiebedingt eine Weile nicht stattfinden konnte, wurde sie dieses Jahr mit Rücknahme der Maßnahmen wieder durchgeführt. Freilich ist Corona noch nicht vorbei – aber zumindest war heute im Freien der UV-Index hoch. Daher mache ich mir nun nicht so sehr Sorgen, obwohl doch die Warnapp angeschlagen hat. Allerdings stelle ich mir die Frage: Jemand geht mit positivem Test in der Warnapp auf eine Veranstaltung? Muss das sein? Denn die Risikobegegnung in der App war heute, die Meldung natürlich auch heute.

Aber das nur am Rande. Selbstverständlich hatten wir in der Bahn unsere Masken auf – und auch korrekt auf, wie vorgeschrieben. Mit der Bahn sind wir nämlich zum Wettkampf gefahren. Dann hatte ich erstmal eine recht umfangreiche Phase, in der ich lauter Leute getroffen habe – mit Abstand, unter freiem Himmel, aber eine Menge lieber Leute, die ich aus den verschiedensten Anlässen und in den verschiedensten Umfeldern kennen gelernt habe. Für mich ging es nach zwei Gruppenfotos in den Favoritenblock, denn mit einer Zehn-Kilometer-Zeit unter 42 Minuten und einer Platzierung unter den ersten 250 der 30. Badischen Meile hatte ich Anrecht auf diesen Platz. So ganz langsam laufe ich ja auch nicht. Ich wollte eigentlich ganz vorsichtig mit ca. 4:15/km, eher 4:20/km angehen. Indes, so lief es nicht. Ich war prompt recht flott dabei, getragen von den tollen Altra Vanish Carbon. So richtig anstrengend fühlte es sich auch gar nicht an, und so zog ich einfach das Tempo weiter. Ich war einfach gut drauf – und dass ich nur noch sieben Kilometer zu bewältigen hatte, statt 40, als ich beim Zwei-Kilometer-Schild durchlief, ließ mich auch einfach denken: „Dann isses halt so!“

Tatsächlich wurde es dann ein bisschen anstrengender, aber dass ich mich in der Nähe einer anderen sehr starken Läuferin halten konnte und von meinem Vereinskollegen Nobse, der zu vielen Streckenpunkten skatete, meine aktuelle Position im Rennen und die Abstände nach vorne ansagen lassen konnte, beflügelte mich weiter. Zuerst lief ich an Position vier des Rennens der Damen, dann überholte noch eine zuerst mich, dann die starke Läuferin vor mir, so dass ich auf Position fünf abfiel. Aber die hielt ich dann auch – bei Kilometer acht kam dann die Schikane der Badischen Meile: Man läuft unter den Brücken des Bulacher Kreuzes hindurch, in Richtung Günter-Klotz-Anlage… sieht das Schild „Kilometer 8“ und denkt sich: Nun noch 900 Meter sanft den Berg hoch um das Europabad…

Bäääm! Nein, nicht geradeaus weiter, sondern scharf rechts den Hügel hoch, ziemlich steil sogar. Normal ist das nicht besonders schwer, aber nach acht schnellen Kilometern beißen diese sechs, sieben, acht Meter, die man auf knappen 200 Metern nach oben muss. Das pure Glück ist es, dass man danach nur noch runter und ins Stadion muss:

Am Ende lief ich mit einer Nettozeit von 34:12 als fünfte Frau und 67. Finisher durch das Ziel. Ein Ergebnis, das sich absolut sehen lassen kann! Ich fühle mich auch immer noch stark, kein Ziehen in den Beinen, kein zerschlagenes Gefühl, nicht das Gefühl, heute wirklich alles rausgehauen zu haben – im Gegenteil, eher angeregt. Dementsprechend geht es jetzt in die erholende letzte Woche vor dem Marathon.

Nach dem Lauf gab’s dann noch Gratulation an alle anderen, ein Faust-auf-Faust mit der auf Platz vier gelandeten Frau, und viele nette Gespräche auf der weiten Wiese des Stadions, vor allem vor dem Stand des rennwerks, das heute sieben Jahre alt wurde. Die Altra Vanish Carbon hatten sicher ihren Anteil daran, dass ich trotz verhältnismäßig wenig angespanntem Lauf an der Schwelle mit einem Tempo von 3:52/km durchlaufen konnte.

Und so konnte ich heute meinen letzten Tempodauerlauf vor dem Marathon als Wettkampf mit tollem Ergebnis laufen und die Sonne genießen! Nun geht’s in die letzte Woche mit Erholung und dann schauen wir mal, was auf die volle Distanz drin ist.