DIY-Di2-Iteration (1)

Seit geraumer Zeit plane ich, mein Rennrad mit einer elektronischen Schaltung zu bestücken. Das hat mehrere Vorzüge:

  1. Umwerfer und Schaltwerk kommunizieren, so dass die angetasteten Kompensations-Schaltvorgänge, an die man manuell bei mechanischer Schaltung immer denken muss, wegfallen. Schaltet man so, dass die Kette „über Kreuz“ vom großen Zahnkranz auf das größte Ritzel geht, oder umgekehrt vom kleinen Zahnkranz auf das kleinste Ritzel, so bewegt sich der Umwerfer automatisch ein bisschen nach innen bzw. außen, so dass nix schleift.
  2. Es gibt „Schaltlogiken“. Schalte ich am Rennrad, so benehme ich mich meist wie alle anderen: Ich bleibe auf dem selben Zahnkranz und reguliere die Übersetzung über die Ritzel der Kassette. Wechsle ich den Zahnkranz, schalte ich auf der Kassette manuell ein bis drei Ritzel gegen. Letzteres kann Shimano Di2 mit der „Semi-Synchroshift“-Schaltlogik automatisch für mich machen – ich wechsle den Zahnkranz und meine Schaltung wechselt hinten Ritzel, so dass ich nicht gegen eine Wand oder völlig ins Leere trete. Mit „Synchroshift“ kann ich sogar dafür sorgen, dass ich trotz Schaltwerk und Umwerfer nur noch mit einer Taste hoch- und einer anderen runterschalte. Automatisch wählt das System dann den nächstleichteren oder nächstschwereren Gang – 52×11, 52×13, 52×15, 36×11, 52×17 zum Beispiel. Ob ich das im Alltag haben will, weiß ich noch nicht – ich bin skeptisch, aber ich lese überall, dass Leute auch zweifelten, es probierten und dann nur noch Synchroshift fahren wollten.
  3. Elektronische Schaltung, hier Shimano Di2, unterstützt mehrere Schalter, um Gänge zu wechseln. Da ich – für mich und meine Anwendung optimiert – ein Fahrrad mit Rennlenker und Zeitfahr-Extensions benutze, hat das für mich viel Charme. Denn gerade in Aero-Position möchte man optimale Trittfrequenz treten, und dafür muss man eben manchmal schalten, aber umgreifen will ich eigentlich nicht müssen.
  4. So richtig cool wird das Ganze aber erst durch meinen Datenfimmel, denn ich kann Schaltvorgänge aufzeichnen und danach dann auswerten, welche Übersetzungen ich gefahren bin, wie oft ich geschaltet habe und so weiter.

So viel zum Grundsatz…

In der praktischen Umsetzung habe ich nun einige Kabel gekauft, nachdem ich nach Anleitung meinen Rahmen vermessen habe. Kabeltüllen habe ich auch, dazu Schalt-Bremshebel-Kombinationen, die Verteiler- und Steuerbox sowie Schaltwerk und Umwerfer. Ein ziemlicher Haufen an Komponenten liegt nun hier und wartet, verbaut zu werden. Aber noch geht das nicht, denn wenn man dann die Sachen vor sich liegen hat, mit den echten Kabeln an den Rahmen geht, sich die Griffe anschaut… dann ist es manchmal eben diese Sache mit Theorie und Praxis, wenn man etwas selbst macht.

  • Mir ist völlig entgangen, dass ich noch eine Verteilerbox für die „unteren“ Komponenten, also Akku in der Sattelstütze, Schaltwerk und Umwerfer brauche. Vielleicht hätte ich das über die vielen Anschlüsse am Akku regeln können, aber das Problem war dann tatsächlich, dass dafür dann meine Kabel zu kurz gewesen wären.
  • Dass beim Akku für Montage in der Sattelstütze die Halterung für in der Sattelstütze nicht dabei war (weil Sattelstützen ja auch unterschiedliche Durchmesser haben und somit oft eine unpassende dabei wäre, wenn’s inclusive wäre), ist mir auch entgangen.
  • Außerdem hatte ich zwei, drei Kabelschleifen nicht beachtet, so dass ich zwei Kabel etwas zu kurz gekauft hatte.
  • Der vielleicht ärgerlichste Part ist, dass ich die Schalter zum Schalten am Zeitfahraufsatz nun… nicht falsch bestellt habe. Das, was ich gekauft habe, ist montierbar an der Stelle, ist kompatibel mit dem restlichen System – aber es sind auch mechanische Bremsgriffe dran. Das würde gehen, in meinen Augen auch cool aussehen, aber es wäre Gewicht ohne Funktion. Ausgelacht werden will ich dafür auch nicht – naja, vielleicht würde ich es riskieren, aber nicht am Rennrad, wo ich um jedes Gramm kämpfe. Was mir nämlich entgangen war: Für frühere elektronische Schaltungen der Ultegra-Gruppe gab es Zweiknopf-Schalter für die Enden des Aufsatzes, die sind aber nicht mit der modernen Generation des elektronischen Schaltens kompatibel. Ultegra-Schalter für die Enden des Zeitfahraufsatzes gibt es in der modernen Version nicht, und ich hatte mich verkauft, indem ich die Schalt-Bremsgriffe für den „Unterlenker“ eines Zeitfahrlenkers genommen hätte.
    Des Rätsels Lösung: die relativ kleinen, kompakten, wenig Material beinhaltenden Schalter für das Ende der Zeitfahrlenkers gibt’s in der Shimano Ultegra Di2 R8050 Gruppe gar nicht, aber die aus der Shimano Dura Ace Di2 R9150 Gruppe sind kompatibel und nicht so viel teurer.

Somit sind nun zwei längere Kabel, die Verteilerbox, der Akku-Halter und die richtigen Schalter auf dem Weg. Ich hoffe, ich brauche beim Material nicht noch eine Iteration für mein Do-it-yourself Digital Integrated Intelligence (DIY Di2) Projekt.

Eine Gabelung der Evolution?

Manchmal schaue ich auf die Welt, schaue mir die Perspektiven anderer Menschen an und staune. Natürlich klingt es ein bisschen überheblich, über die Perspektiven anderer Leute zu staunen. Aber von Anfang an…

Eine Freundin und ich chatteten heute über meinen Besuch bei der „Radlabor“-Konferenz der Hochschule Karlsruhe. Dort wird zum Thema Radverkehr geforscht, sowohl im Ingenieursbereich, als auch im stadtplanerischen Bereich und natürlich auch ganz stark in der Datenerfassung von Radverkehr – Bedarf, Gefahren, Regeleinhaltung, Gefahrenstellen, Konflikte und sogar Simulation. Dabei kam das Thema auf, wie sich in einem Experiment in Baiersbronn der Modal Split massiv veränderte – aus zuvor 72 % Auto in der Aktionsgruppe, die kostenlos ein Pedelec gestellt bekamen, wurden 28 % Auto und 68 % der Fahrten mit dem Pedelec. Bei der Gelegenheit kamen wir dann auf generelles Verkehrsverhalten. Zur Sprache kamen Extreme wie Menschen, die 20 bis 30 Kilometer (eine Strecke!) zur Arbeit mit dem Rad pendeln, oder gar einzelne Strecken laufend und den Rest mit dem Rad oder dem ÖPNV pendeln auf der einen Seite. Der andere Pol sind dann Leute, die beim Bäcker vor der Tür parken und dann ihr Auto drei Häuser weiter zum Metzger bewegen, und ja, das waren keine aus der Luft gegriffenen Beispiele. An dieser Stelle kamen mir zwei Bilder, zwei… Perpektiven, die sich vor allem darin unterscheiden, ob die Menschheit in zwei Gruppen zerfallen ist, die voneinander wissen, einander gar teils bedingen, aber in vielen Aspekten so unterschiedlich sind, als gehörten sie zwei verschiedenen Spezies an – oder ob das Ganze doch noch ein Spektrum ist, dessen Enden auch ob des kontinuierlichen Übergangs dazwischen doch noch kompatibel sind. Lasst mich erst einmal die Gabelung der Evolution zeichnen.

Man stelle sich vor… ein Mensch erhebt sich morgens aus seinem Bett, setzt Kaffee auf, trinkt diesen, putzt sich die Zähne und sperrt dann die Tür zwischen Flur und Garage auf. Ohne unter freiem Himmel gewesen zu sein, setzt er sich in sein Auto und rollt durch den morgendlichen Verkehr in einen entfernten Ort, stellt sein Gefährt in eine Tiefgarage, fährt mit dem Aufzug ins Büro hinauf und verweilt dort, vor einem Rechner sitzend, geht in die Kaffeeküche, geht zu einer Besprechung in den Konferenzraum. Zum Mittag bestellt die Kollegenrunde Pizza direkt ins Büro. Gegen 17:00 verlässt jener Mensch sein Büro, fährt mit dem Aufzug in die Tiefgarage, steigt ein, fährt nach Hause – kurz vor dem heimatlichen Dorf biegt er auf einen Parkplatz ab, ist das erste Mal an diesem Tag außerhalb eines Gebäudes oder des Autos, erreicht vielleicht seinen 800sten oder 1000sten Schritt an diesem Tag, während er Chips und Bier kauft. Dann trägt er selbiges in sein Auto, setzt sich hinein und fährt nach Hause. Mit der Fernsteuerung lässt er das Garagentor hochfahren, verlässt die Garage durch die Verbindungstür in den Flur, während das Garagentor herunterfährt, und schaltet den Fernseher an. Ein Glück! Das Spiel läuft erst 10 Minuten, freut er sich, während er mit seinem Feuerzeug die erste Bierflasche öffnet und die Chipstüte aufreißt. 1200 Schritte sind auf seinem heutigen Bewegungskonto. Als auf dem Bildschirm der Ball wechselt, zur von unserem Probanden bevorzugten Mannschaft, in Richtung Mittellinie gespielt wird, ein Mittelfeldspieler dribbelt und flankt… unser Proband auf dem Sofa spuckt Chipsreste auf den Tisch, als er in Richtung des Bildschirms brüllt: „Mann, du musst im Sechzehner sein, wenn die Flanke kommt! Das ist zu langsam…“ Wir reflektieren: Selbiger Mensch hat auf dem Supermarktparkplatz das erste Mal freien Himmel ohne Glas davor gesehen, am heutigen Tage vielleicht 1200 Schritte zurückgelegt, und fordert vom Stürmer seiner Mannschaft, in etwa zehn Sekunden von „wir wollen den Ball“ auf „wir haben den Ball“ umzuschalten und mehr als 50 Meter über das Spielfeld zurückzulegen, sich dann auch noch freizulaufen, hakenschlagend, um ungedeckt von einem Verteidiger eine Flanke annehmen und im Tor versenken zu können. Er guckt ein Spiel an, in dem die Spieler acht bis vierzehn Kilometer in einem Spiel laufen, dabei 10.000, vielleicht 20.000 oder mehr Schritte machen, was unserem Menschen auf dem Sofa vielleicht nicht unmöglich ist, vielleicht nicht unmöglich erscheint, aber in der Multiplikation von Unfähigkeit und Unwilligkeit doch niemals passieren wird. Nicht täglich, wie’s der Fußballspieler trainiert, nicht einmal wöchentlich, wie’s unser Mensch beim Fußballspieler tatsächlich sieht, nicht einmal im Jahr.

Sind dieser auf der Couch sitzende Mensch, der offenkundig von den Fußballspieler auf dem Bildschirm etwas erwartet, was für ihn durch Entwöhnung und Unlust unmöglich ist, noch ein und dieselbe Spezies? Können dieses beiden, die ganz offensichtlich in ihren körperlichen Fähigkeiten völlig inkompatibel sind, und das ganz ohne Unfall oder Behinderung, noch in irgendeiner Weise dieselben sein?

Das war ein extremes Beispiel und es war auch zumindest beim Fußballer nicht so auf den Verkehr, auf die Alltagsbewegung fokussiert, wie ich das vielleicht gerne hätte – bei unserem Menschen auf dem Sofa habe ich schon illustriert, wie viel Bewegung im Alltag vermieden wird. Wechseln wir also die Perspektive.

Nehmen wir mal an, da ist ein Mensch, der 1500 Meter zum S-Bahnhof von zuhause zu gehen hat, das auch immer zu Fuß macht. Manchmal muss dieser Mensch diesen Weg sehr schnell zurücklegen, weil unsere Probandin nach dem Tee Trinken einfach nicht in die Gänge kommt. Sie fährt mit der S-Bahn in die Stadt, wechselt dort den Zug, schaut sehnsüchtig auf den nebenan abfahrenden IC nach Westerland („Ich will wieder an die Nordsee…“) und rollt mit einer anderen S-Bahn zum Arbeitsort. Dort hat sie noch fast einen Kilometer zu gehen. Nachdem sie Mittags mit einem Kollegen, der mit dem Rad zum Büro kam, einen halben Kilometer zum Supermarkt gegangen ist, um was zu Essen zu kaufen, und den Nachmittag über weiter gearbeitet hat, zieht sie sich im Büro um, lässt ihren Büroklamotten da – fährt 20 Kilometer mit der S-Bahn an den Bahnsteig, wo sie zuletzt „Westerland“ von den Ärzten gesummt hatte, und rennt von dort einen Halbmarathon nach Hause. Später in ihrem Leben wechselt sie zu einer Arbeitsstätte in der Stadt mit dem Bahnhof, an dem der Zug nach Westerland abfährt, pendelt mit der Bahn und rennt öfter mal ganz vom Büro nach Hause – später pendelt sie fast nur noch mit dem Fahrrad und schafft eigenes Auto und Monatskarte ab.

Unsere Probandin weiß, wie schwer Bewegung fällt, wenn man sich lange kaum bewegt hat, sie ist mal völlig unglücklich Langstrecke mit dem Auto gependelt. Aber sie hat weniger Laufen und Radfahren im Fernsehen angeschaut (auch wenn sie das auch gerne tut), sondern hat es auch und mehr getan. Zehn Kilometer Aktionsradius zu Fuß, dreißig und mehr Kilometer Aktionsradius mit dem Fahrrad hat sie, in ihrem ganz persönlichen Modal Split kommt das Auto gar nicht mehr vor. Sie weiß, dass Spitzensportler, denen sie zujubelt, vielleicht eine Mischung aus Talent und Verletzungsresistenz mehr haben als sie, aber grundsätzlich sind Anna Kiesenhofer, Eliud Kipchoge, Wout van Aert und wie sie alle heißen, keine grundsätzlich unerreichbaren Sagengestalten. Freilich bemerkt sie, wenn jemandem die Kraft ausgeht, er oder sie eigentlich Aufgaben in einem Rennen oder Spiel zu erfüllen hätte – aber sie kennt’s selbst, manchmal geht das einfach nicht. Statt in den Bildschirm hinein zu fordern, bedauert sie, dass es nicht geht. Sie hat bemerkt, dass Menschen, die eher berührbar sind, neben denen sie auf den Veranstaltungen nach Läufen saß, auf deutschen Meisterschaften über zehn Kilometer gelaufen sind, sie hat mit Menschen auf einem Marathon-Podium gestanden (viel weiter unten freilich), die in einer anderen Disziplin Weltmeister waren.

Für mich, die ich eine recht gute Vorstellung vom Potential auch des menschlichen Körpers einer Person hat, die normal arbeitet, erscheint es vom Couch Potato bis zum Spitzensportler als ein kontinuierliches Spektrum. Die Positionierung unserer selbst in diesem Spektrum hängt weit mehr von unserem Willen ab, uns zu bewegen, als von Anlagen und Talenten. Natürlich gibt es Krankheiten und andere Probleme, die einen hier rausnehmen. Aber ein Großteil der Menschen gebraucht „keine Zeit“ für Bewegung sehr gedankenlos. Man kann mit dem Rad zur Arbeit fahren. Man kann sich zum ÖPNV gehend hinbewegen, statt mit dem Auto hinzufahren. Man findet Zeit für einen Spaziergang. Bewegung und Sport lassen sich an vielen Stellen unterbringen, und Bewegung in die alltäglichen Wege einzubringen, schon 100 Meter nicht mit Umparken des Autos, sondern zu Fuß zurückzulegen, spart Energie. Das greift ineinander.

Sind wir nun zwei verschiedene Spezies? Biologisch sicher nicht. Das Potential ist da. Dass wir nicht alle das körperliche und mentale Potential haben, Marathon unter 2:30 zu laufen, die Tour de France zu bestreiten oder Fußball auf hohem Niveau zu spielen, und nur sehr wenige die Chance bekommen, entsprechend intensiv zu trainieren, ist gegeben. Nicht allzuselten höre ich von Menschen, die eigentlich um Weltrekorde im Marathon wissen, dass man „so schnell doch gar nicht laufen“ könne, nachdem ich von Intervalltraining mit 400-Meter-Abschnitten in 1:30 und weniger berichte. Eliud Kipchoge läuft schneller, deutlich schneller, und nicht 400 Meter am Stück, sondern 42,195 Kilometer. Ich höre von Leuten, die das Straßenrennen bei den Olympischen Spielen angeschaut haben, dass vierzig Kilometer Radfahren zur Arbeit und zurück am Tag „irre“ seien, ich höre es so oft, dass ich es selbst auf mich und andere anwende. Wenn ich mir allerdings das am Anfang gezeichnete, zugegebenermaßen überspitzte Beispiel anschaue, möchte ich sagen: Wir sollten in Sachen Bewegung und Sport, in Sachen wissenschaftlichem Denken und Logik, in so vielen Dingen uns nicht in Trägheit suhlen und vermeintliches oder echtes „gottgegebenes“ Talent bewundern, am Ende noch die, die sich all diese Fähigkeiten hart erarbeitet haben, vor dem Fernseher, im Stadion oder an der Strecke dafür verurteilen, wenn’s mal nicht so läuft.

Man kann Zuhause-Arbeit-Zuhause fahren und sich ein bisschen wie bei Lüttich-Bastogne-Lüttich fühlen, man kann von der Arbeit heimrennen, sich wie bei einem Städtemarathon fühlen, beim Einbiegen in die heimische Straße die Hände hochreißen und am nächsten Tag mit der Bahn wieder hinfahren, wenn man keine Dusche im Büro zur Verfügung hat. Man kann zur S-Bahn gehen und wieder zurück, zum Bäcker und wieder heim, man kann einen Lastenanhänger ans Rad hängen und Getränkekästen kaufen oder die Picknickdecke damit zur Wiese befördern. Wenn das Gelände zu anspruchsvoll ist, kann man über ein Pedelec statt ein rein muskelgetriebenes Rad nachdenken.

Es gibt so viele Wege, sich von Sport, für den man sich begeistert, für das eigene Leben inspirieren zu lassen, und oft ist es so, dass etwas zu betreiben – als Hobby- oder Vereinssport, als Verkehrsmittel, was auch immer – in einem Verständnis und Begeisterung für einen bewunderten Leistungssport verstärkt und es befriedigender macht, diesen anzusehen. Denn wir sind eine Spezies, und dass es manchmal nicht so aussieht, ist bei so manchem eben keine krankheits- oder talentlosigkeitsbedingtes Schicksal, sondern schlicht Trägheit.

Gute Ratschläge

Es heißt, der Weg zur Hölle sei gepflastert mit guten Vorsätzen. Vielleicht auch mit guten Absätzen, allerdings nicht im Sinne des Absatzes eines Schuhs. Ihr wisst natürlich, dass gute Absichten gemeint sind, und so gut sind die Absätze hier vermutlich auch nicht, dass der Teufel seine Auffahrt mit meinen Worten pflastern würde.

Leider gibt es einen Anlass, dass ich hier auf so hohem Ross beginne. Nun, der Auslöser dessen ist etwas, das zur Zeit wohl vielen passiert ist: Wie wohl im Moment weit mehr Leute als in den zweieinhalb Jahren zuvor habe ich mich in den vermeintlich „postpandemischen“ Zeiten mit dem Corona-Virus infiziert. Ich bin inzwischen schon wieder negativ und symptomfrei, eine Woche hat’s gedauert. Damit habe ich es ganz gut erwischt. Am Mittwoch endet – hoffentlich weiterhin negativ getestet und dann volle 48 Stunden symptomfrei – meine Isolationszeit. Meinen Mann hat’s etwas später erwischt, er ist drei, vier Tage im Verlauf hinterher und leider dank seiner Affinität zum Husten auch da ein bisschen schlimmer mit Symptomen der Infektion gestraft als ich.

So weit, so blöd. Dass ich, ohne es zu wissen, beim Start bei der Bergdorfmeile das Virus schon im System hatte, am Wettkampfmorgen bei der Fahrt zur Arbeit mit dem Rad in den Regen kam, einen anstrengenden und von wenig Zeit für’s umziehen und Kaffee machen geprägten Arbeitstag hatte, zur Bergdorfmeile per Rad anreiste, 36 Minuten an der anaeroben Schwelle lief und es dann beim Heimradeln recht kühl war, dürften den Kampf zwischen meinem Immunsystem und dem Virus ein wenig in Richtung „Ausbruch der Krankheit“ verschoben haben, aber ich wusste halt nicht, dass da was im System war. Seit dem Rauslaufen der Spannung in den Muskeln nach der Bergdorfmeile bin ich nicht mehr gelaufen, nicht mehr Rad gefahren – denn ab Samstagabend war ich krank. Rund eine Woche hatte ich’s.

Nun bin ich auf dem Weg raus aus der Krankheit, eigentlich schon ganz raus und nur noch in Isolation mit negativem Test und weniger als 48 Stunden ohne Symptome, und beginne, meinen Plan zum wieder in Bewegung kommen zu schmieden. Meinen eigentlichen Plan für den Herbst-Saisonhöhepunkt habe ich mit dem ersten Anzeichen eines Infekts, noch lange vor dem positiven Corona-Test am Sonntagabend nach der Bergdorfmeile, ad acta gelegt. Zwei Wochen nach dem Beginn eines Infekts in hochanstrengendes Marathon-Training mit drei Tempo-Einheiten je Woche (Tempodauerlauf, Wiederholungen, Endbeschleunigung) einzusteigen, das kann man schon machen, aber es ist gefährlich – zu gefährlich für mich, die ich gerne bis ins hohe Alter laufen, radfahren und schwimmen können möchte. Mit dem Ausbruch von Covid-19 war klar, dass der Wiedereinstieg noch deutlich vorsichtiger zu erfolgen hat. Also baute ich mir meinen Schlachtplan: Das erste Mal laufen sollte vierzehn Tage nach Beginn der Erkrankung oder mindestens so viele symptomfreie Tage nach ihrem Ende erfolgen, wie ich Symptome hatte – je nach dem, was später ist. Dass ich dann nicht mit einem Dauerlauf, sondern mit einer vorsichtigen, kurzen Einheit im Bereich der aktiven Regeneration, eng auf Puls-, Atemfrequenz- und Körpergefühlabweichungen überwacht, jederzeit zum Abbrechen bereit anfangen würde, meinte ich, nicht dazu sagen zu müssen. Dass ich nicht mal so vorsichtig, sondern gar nicht loslegen würde, wenn die Ruheherzfrequenz dann noch merklich erhöht sein sollte, Ehrensache.

Aber entweder ist das nicht vorsichtig genug, oder andere Menschen schließen von ihrem Vorgehen und meinem hohen Tempo darauf, dass ich viel heftiger, anstrengender wieder einsteigen würde. Die Warnungen, ich müsste länger warten, ich solle mich lieber erstmal „ohne Anstrengung/Belastung bewegen“ irritierten mich. Ich glaubte, genau dieses vorsichtige Beginnen genannt zu haben. Hätte ich Anzeichen einer Herzmuskelentzündung oder noch Symptome, klar, dann wäre auch das zu viel. Aber mit sieben Tagen Symptome, Ruhepuls bereits am dritten Tag wieder auf Niveau wie vor der Infektion, keine Atemnot, und einem deutlich vorsichtigeren, angekündigten Wiedereinstieg als ich (und wohl viele andere) ihn nach anderen Virus-Infektionen (die auch, wenn auch weniger großes Myokarditis-Risiko bergen) üblicherweise betreiben, bin ich irritiert. Klar sind Long Covid, Myokarditis und andere Komplikationen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe oder Erkältungen durch Rhino- oder konventionelle Corona-Viren. Dafür beginnt man aber auch langsamer, vorsichtiger und später nach der Infektion wieder – und beobachtet kritisch alle Werte, was ich sowieso immer tue. Denn nach JEDER Virusinfektion kann zu früher, zu intensiver Start in die Myokarditis führen. Viele Sportler vergessen das, ich nie – der lange Ausfall durch Entzündung des Herzmuskels macht mir mehr Angst, als ich auszudrücken in der Lage bin, weswegen ich nach jeder Virusinfektion mit detaillierter Beobachtung, langsamem Anfahren und geringer Intensität wieder einsteige – und ganz besonders eben nun nach Covid-19. Selbst symptomlos positiv sein und dabei Sport treiben weckt ein komisches Gefühl bei mir, wie zuletzt, als ich von Guillaume Martins Ausstieg Widerwille bei seinem Ausstieg von der Tour de France las, nach seinem positiven Corona-Test.

Oder ist es einfach, dass wir Sars-CoV-2 in den letzten zwei Jahren unterschätzt haben – manche mehr, manche weniger – und nun, wo’s auch die meisten vorsichtigen (und vielleicht etwas weniger vorsichtig gewordenen) bekommen haben, ein bisschen überkompensieren? Ich werde jedenfalls ohne Anzeichen auf eine Herzbeteiligung nicht zwölf Wochen mit Sport aussetzen, bloß weil’s ja sein könnte, aber eben auch nach Covid-19 länger mit dem Wiedereinstieg warten als nach einer Erkältung, und langsamer und kritischer beobachtend wieder einsteigen als nach einer normalen Erkältung. Aber genau das habe ich kommuniziert und nur warnende Stimmen geerntet.

Ich lauf‘ ja schließlich nicht sieben Tage nach dem Ende des Hustens als Auftakt hochintensive Intervalle – würde ich nach einer Erkältung auch nicht tun. Ihr vielleicht?

[KuK] Unsichtbar

„Wo ist denn der Rocky?“, fragte die kleine Schneeleopardin Xue. Das Mäusepärchen Sidney Maus und Indiana Maus tauschte Blicke. „Piep!“, stellte Indiana fest, und Sidney bekräftigte: „Piep.“ Xue legte den Kopf schräg: „Ich glaube nicht, dass er weg ist, ihr beiden. Wahrscheinlich hat er sich nur versteckt.“

Das zufriedene Kichern, das aus dem mit Tiger-Bettwäsche bezogenen Kissen kam, ließ Xue lächeln. „Naja, vielleicht ist er doch weg. Ich sehe ihn jedenfalls nicht“, meinte Xue, halb zu Sidney und Indiana, halb zum Kissenbezug, und im Kissenbezug lächelte ein Stück des Tigermusters dankbar.

Abwägung

Wer hier aufmerksam liest, weiß, dass ich viele Daten meines Körpers ständig messe – beim Sport, aber eben auch in Ruhe. Ich präsentiere hier nicht ständig alle Werte, weil viele eben doch eingependelt sind und über „Nichts Neues“ braucht man ja auch nicht zu berichten. Über Sport, aber auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung und anderes habe ich zudem ein Gefühl für Belastung von Physisches, Mentales und Psychisches entwickelt, ein paar Erfahrungswerte stecken auch in der Selbstbeobachtung.

Was ich nicht ganz so oft hier zeige, ist meine Trainings- und auch Lebensplanung, sondern meistens erst den Vollzug. Wie heißt es so nett: Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt! Daher wird natürlich modifiziert und angepasst, aber nicht auf’s Geratewohl, sondern unter Berücksichtigung der Vorkenntnisse und der aktuellen Ereignisse, die zur Modifikation des Plans führen müssen. Zum Beispiel hatte ich vor, auf den Badenmarathon im September nach Peter Greif zu trainieren, unter Verwendung des „Countdown“. Das hätte erfordert, dass ich gesund und ausgeruht Mitte Juli loslegen kann. Nun hat mich nach der Bergdorfmeile eben doch Sars-CoV-2 erwischt, also steht ein Loslegen mit Tempotraining ab 17.07. nicht zur Debatte – warum nicht? Weil ich unter Berufung auf die bisher gelesenen Erfahrungswerte mit Covid-19 für mich selbst beschlossen habe, dass auch bei einem Verlauf ohne Herzbeteiligung 14 Tage ab Symptombeginn oder eine Anzahl von symptomfreien Tagen, die mindestens der Zahl der symptombehafteten Tage entspricht, bis zum Wiederanfahren des langsamen Trainings verstreichen müssen – je nachdem, was länger ist. Dass ich dann vor hatte, Belastungsgefühl und Herzfrequenz im Verhältnis zum Tempo gut zu beobachten, versteht sich von selbst, dafür habe ich ja das PRAPP und den PRAGQ.

Ich gebe zu, dass das System an Datennahmen, Analysen und Abwägungen, gekoppelt mit dem Körpergefühl, reichlich komplex geworden ist. Dass ich zum Beispiel auch einbeziehe, ob ich gut geschlafen habe, weil ich erfahrungsgemäß negativer urteile, wenn ich schlecht geschlafen habe, macht es nicht besser. Auch, ob ich komplexe, hypothetische Gedanken zu Ende führen kann nach einem kurzen Absetzen oder einer Unterbrechung, spielt eine Rolle, denn oft ist die Unfähigkeit hierzu ein Zeichen, dass mental, emotional oder vielleicht sogar körperlich etwas nicht stimmt. Ich mache in den letzten Jahren allerdings zunehmend die Erfahrung, dass Menschen die Gültigkeit meiner Messungen, Analysen, Prognosen und daraus resultierender Pläne für mich selbst bezweifeln. Das rührt manchmal daher, dass sie das System nicht begreifen, manchmal daher, dass sie mir nicht zuhören und gelegentlich auch, dass sie eigene Erfahrungen (mit sich, ihrem Leben, ihrem Körper), Vorurteile, Ängste oder auch allgemeine Ideen ohne Berücksichtigung des Einzelfalles für wesentlich valider für meine Situation halten, als meine an meiner Situation und mehreren Krisen entwickelte Selbstbetrachtung.

  • Ich komme mit Fällen fiebriger Schwäche zum Arzt und man will mir das Laufen verbieten, weil ich als Nebenschauplatz vom langen Liegen durch den anschließenden, zweitägigen Migräneanfall leichte Schmerzen im unteren Rücken habe. Am Ende war’s Borreliose…
  • Selbe Krankheitsphase, ich gebe gegenüber dem Arzt zu, dass der Anteil intensiver Einheiten im Vorfeld etwas hoch war und dass ich das beim Wiederanfahren in Form von Korrekturen berücksichtigen will. Ich bekomme eine Überweisung mit der Bitte an den Orthopäden, mir Trainingsberatung zu geben…
  • Ich werde gefragt, wie es mir geht, mit meiner aktuellen Sars-CoV-2-Infektion. Ich erläutere, es geht schon besser und erzähle von dem Plan, mindestens zwei Wochen ab Ausbruch und mindestens doppelt so lange, wie ich symptomatisch war, mit sanftem Sport Wiederanfahren zu warten. Ich bekomme empfohlen, doppelt so lange zu warten.
  • Ich erzähle von meiner Trainingssteuerung und der eigenen Überwachung durch Messungen. Man sagt mir, ich solle es nicht übertreiben – jedes Mal.

Ganz allmählich frage ich mich, warum ich eigentlich von meinem internen Mess-, Analyse- und Planungssystem, modifiziert durch Körpergefühl erzähle. Warum ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe und am korrigieren bin. Wer das System nicht versteht, bezweifelt instantan, dass es funktionieren kann. Vermutlich, weil es komplex und umfangreich und mathematisch ausgedrückt ist. Wenn ich von meinem Körpergefühl erzähle, wird dem grundsätzlich misstraut. Wenn ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe, werden mir die fortan auf’s Brot geschmiert – dass sie selbst erkannt und dabei bin, daraus für die Zukunft zu lernen, wird entweder ignoriert oder die Person hat da schon aufgehört, mir zuzuhören.

Es gibt so viele Leute, die mich fragen, wie es mir geht oder was ich gerade mache. Sie bekommen dann eine ausführliche, ehrliche Antwort, teils auch unter Erwähnung der Irrwege, aus denen kein „How to“ entsteht, sondern ein „Wie es nicht geht und weswegen man es nun anders macht“. Vielleicht sollte ich floskelhaft „danke, gut“ oder „schon langsam besser“ verwenden, statt einer ausführlichen Antwort. Vielleicht sollte ich die Überlegungen, die zu meinen Plänen führen, sowie meine Pläne selbst, verschließen.

Es sind sicher nicht die Hälfte der Leute, deutlich weniger, auf die das zutrifft – für mich sind’s aber zu viele. Ich mag es, Ratschläge zu bekommen. Aber bloß, weil deren Freiheitsgefühl, deren Angst, deren Körpergefühl und Vorstellungsvermögen völlig anders funktioniert als meines, ist meines noch nicht falsch. Und bloß, weil mein System aus Körpermessdaten (beim Sport und in Ruhe), abgeleiteten Schätzern und daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht verstanden wird, ist es noch nicht falsch oder unsicher, im Gegenteil: Ich habe viele Schätzer im Stillen ausprobiert, diskutiert, evaluiert – und benutze sie, WEIL sie über Jahre hinweg funktioniert haben, auch für Trainings- und Lebensplanung.

Ganz konkret: Wenn ich auf so manche Ratschläge gehört hätte, hätte ich nicht mit dem Laufen eine Methode, die mir eine erhebliche Reduktion meiner Kopfschmerz- und Stressproblematik gibt. Hätte ich auf all die Leute, die nicht nur von sich ausgehen (das tue ich nämlich auch), sondern ihre Limitierungen und Vorstellungen auf andere übertragen, wäre ich niemals unter 3:10 auf den Marathon gelaufen. Hätte ich mich mit der Anzeige der maximalen Sauerstoffaufnahme meiner Uhr und der Ansage: „Sie brauchen einen externen Trainer!“ abgefunden, hätte ich nie herausgefunden, dass ich meistens, wenn auch nicht immer, über das PRAPP noch symptomlose Infektionen detektieren kann, ich hätte das PRAPP überhaupt nicht entwickelt, sondern mich auf eine andere Person verlassen, ohne es zu hinterfragen, dass diese andere Person analytisch auch nur mit Wasser kocht – sicher nicht schlechter als ich, aber zwingend besser?

Am Ende des Tages reagiere ich wahrscheinlich im Moment deswegen so empfindlich, weil ich gerade sehr konkret spüre, wie das Bedürfnis nach Vor-Pandemie-Normalität auf der einen Seite und die Sorge, mich und andere zu infizieren, das Sicherheitsbedürfnis auf der anderen Seite an mir zerren. Wenn Leute gute Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die ich wissentlich oder aus Versehen nicht ergriffen habe, frage ich mich, ob ich das hätte tun sollen. Wenn Leute Dinge tun, die ich mich nicht traue, frage ich mich, ob die mir auch gut getan hätten, und das Risiko in dem Falle wert gewesen wären. Wenn es um das Handling der Infektion geht, frage ich mich, ob ich in Sachen Sport, in Sachen Arbeit, in Sachen Leben so damit umgehen solle, als sei es ein Schnupfen (wie es sich im Moment anfühlt), oder als hätte ich unbemerkt eine Mykarditis, bzw. wo dazwischen ich mich ansiedeln sollte.

Aber ganz aufrichtig: Bloß, weil Menschen sich anderswo dazwischen ansiedeln als ich, ist meine Ansicht noch nicht falsch. Wenn mich das zu einer Querdenkerin macht, fürchte ich um mich. Aber ich glaube, ich bewege mich argumentativ und analytisch auf einer faktenbasierteren Grundlage als sowohl die Querdenker als auch die, die gefühlsmäßig einfach immer nochmal in Sachen Angst und Vorsicht einen draufsetzen.

Die Bergdorfmeile

Gestern Abend nahm ich das erste Mal an der Bergdorfmeile teil. Ich hatte vom rennwerk eine Startnummer für „kleine Schwester“ der Badischen Meile bekommen. Die Bergdorfmeile hat – wegen der Enge der Wege – begrenzte Teilnehmerzahl (1000 statt 6000 Leute bei der Badischen Meile unten in der Stadt) und statt den ca. 15 Höhenmeter ca. 150, da sie sich zwischen Hohenwettersbach und Thomashof abspielt.

Nach einem anstrengenden, von ungeplanten Änderungen dominierten Tag kam ich mit einer wirklich unangenehmen Laune dort oben in Hohenwettersbach an. Mein Mann, der mit mir hoch geradelt war, hatte heftig unter meiner Stimmung zu leiden, der Arme – auch zwei Lauffreunde vom Oberwald parkrun waren ziemlich bestürzt über mein Nervenkostüm. Erst kurz vor dem Start wurde mir besser, ich habe mich noch bei meinem Mann für die Laune entschuldigt, beim Start dann bei den beiden anderen – dann kam der Start.

Natürlich hatte ich das Teilnehmerfeld anhand der Anmeldungen gecheckt, schließlich kennt und schätzt man sich, die Läufergemeinde ist ja echt ein verrückt-lieber Haufen! Emma Simpson Dore, die ich schon von etlichen Läufen kenne und die „in Sichtweite“ schneller ist als ich, war zwar gemeldet, aber unauffindbar. Ich orientierte mich an zwei anderen mir bekannten (Miriam und Birge) und an einer mir noch unbekannten Läuferin (Marisa). Bei Kilometer zwei fiel mir schon auf, dass Miriam von einem Fahrrad begleitet wurde – da ich da noch annahm, dass ich Emma nur nicht gesehen hatte, sie aber mitliefe, kam ich erst sehr langsam auf die Idee, was dieses Fahrrad bedeutete… es war die Begleitung der führenden Frau. Erwartungsgemäß lief Birge etwas langsamer als ich – das kennen wir beide schon, bei der Badischen Meile unten in der Stadt sind wir im selben Team angetreten, es lagen zweieinhalb Minuten zwischen uns. Marisa und eine weitere Läuferin überholte ich dann, ich bin nicht sicher, wann ich mich genau von ihnen abgesetzt habe – Miriam lief vor mir, an ihr orientierte ich mich. Der Abstand war bis zum höchsten Punkt der Strecke immer halbwegs konstant, schmolz dann erst im Gefälle um Kilometer drei herum zusammen – dann liefen wir den tiefsten Teil der Strecke gemeinsam bis zum Wasserreservoir. Dort passierte es dann – ich überholte, lief in den Berg hinein, und mittlerweile war mir klar: Die Radbegleitung war die der führenden Frau. Das hatte ich dann begriffen… und sie bestätigte es mir. In einem kurzen Dialog sagte sie mir, sie habe angesagt bekommen, sich an Miriam zu halten – klarer Hinweis für mich, dass Emma nicht da war. Da dachte ich mir schon: „Oh je, die wird doch nicht krank sein?“

Den Rennverlauf habe ich in das Höhenprofil-Rundenpace-Strydpower-Diagramm reingetextet.

Und dann lief ich vorneweg, in den ersten 35 Positionen des Rennens, wie ich inzwischen weiß. Der Jubel an der Strecke war enorm, zumal die Fahrradbegleitung mich als „erste Frau“ anpries, wo immer Leute an der Strecke standen. Im Ziel hatte ich erstmal nur ein „Hinhocken und Atmen“, dann gab es erstmal Lachen und Heulen bei meinem Mann und schließlich der Konkurrenz zu ihren Leistungen gratulieren. Bis zur Siegerehrung dauerte es freilich noch eine Weile, ich machte Bilder von meinen Oberwald parkrun Freunden kurz vor dem Ziel, gratulierte Marisa, Miriam und Birge (die auf Rang vier gelaufen war) zu ihren Leistungen und futterte ein bisschen was. Nebenbei wurden noch Pläne geschmiedet, eine Berglauf-Aktion mit den parkrunnern zu organisieren, dann aber nicht in den Karlsruher Bergdörfern, sondern am Mahlberg.

Ich bin die im rennwerk-Shirt, neben mir die Zweite Marisa und daneben die Drittplatzierte Miriam im Asics-Sweater.

Dann kam die Siegerehrung… zuerst wurden all die Schüler und Schülerinnen geehrt, die zwei Kilometer mit anspruchsvollem Profil in teils SEHR beachtlichen Zeiten gelaufen waren. Es gab noch eine Tombola und schließlich kam dann die Siegerehrung für den Hauptlauf. Dann die Bestürzung: eine riesige Tasche in hellblau, voll mit praktischen Sachen! Das war der Preis… mein Rucksack war voll mit Laufschuhen, Wechselklamotten… prall voll, und Holger und ich waren mit den Rädern da.

Meine Aufzeichnung der Bergdorfmeile mit meine GPS-Uhr.

Ein völlig irrer Tag mit einem völlig irren Wettkampf! Nach Hause ging es dann mit dem Rad, langsam fuhren wir durch die Abenddämmerung und waren um elf Uhr zuhause. Meine Preise brachte parkrunner Michael dann heute vorbei. Ich hätte es außerdem sehr bevorzugt, von Emma verdient geschlagen zu werden, statt hinterher zu erfahren, dass sie leider krank fehlte.

[KuK] Schussel-Sicherung

Seit einiger Zeit habe ich mit mehreren Aspekten der Apple Airtags herumgespielt. Um meine Räder nach Diebstählen wieder auffindbar zu machen, taugen die Dinger sicher nur bedingt – freilich: man kann sie als verloren melden, dann wird angezeigt, wo sie sind. Aber mittlerweile sind natürlich auch Diebe darauf gepolt, und insofern ist der Nutzen eingeschränkt, wenn auch sicher nicht Null. Ich bin ja auch eine Person, die auch Maßnahmen, die ein paar Prozent bringen, für sinnvoll hält – absolute Sicherheit mit einer Maßnahme gibt’s eh nicht.

Einen anderen Aspekt der Nützlichkeit von Airtags durfte ich gestern erleben. Wir waren zu Fuß beim Supermarkt, ich packte unsere Einkäufe ein, während mein Mann noch Brot in der Bäckerei holte. Dabei habe ich wohl meinen Schlüssel auf dem Bord liegen gelassen, im Supermarkt, wo ich unser Zeug zum Verpacken in den Rucksack ausgebreitet hatte. Zwei- oder dreihundert Meter vom Supermarkt weg meldete sich mein Handy. „Tallys Schlüssel wurde zurückgelassen!“ Also drehte ich um und siehe da, ich fand den Schlüssel prompt wieder, auch ohne ihn Pingen zu lassen. Ohne das Airtag am Schlüssel hätte ich es wohl erst daheim gemerkt, vielleicht nicht einmal da, weil mein Mann ja auch einen Schlüssel dabei hatte. So konnte ich sofort gegensteuern und habe mir eine ganze Weile aufgeregte Unsicherheit erspart.

[KuK] Heulboje

Auf meinen drei-Minuten-Versuch von einigen Schwimmstößen im Rhein habe ich – wohl auch teils in Missverstehen, wie weit ich im Fluss war, einiges an warnender Resonanz bekommen. Das ich kaum mehr als zehn Schwimmstöße am Stück gemacht habe, bevor ich wieder die Beine zum Boden gebracht habe und stand, ändert nichts daran, dass es gefährlich ist, in einem Fließgewässer mit Schiffsverkehr zu schwimmen und dass man das nur mit Aufsicht und Boje tun sollte. Dahingehend habe ich mir – für’s Schwimmen in stehendem Freiwasser – nun eine Boje besorgt. Diese kann blinken, heulen kann sie aber nur mit Zusatzausstattung:

Boje mit akustischem Warnsystem. Der Vollmond, der für die Aktivierung des akustischen Warnsystems benötigt wird, ist nicht dabei, den muss man selbst mitbringen.

Freiwasserschwimmen wird zwar weiterhin nicht der Löwenanteil meiner Schwimmaktivitäten sein, und erst recht nicht der Löwenanteil meines Sports, aber richtig und sicher ausgerüstet zu sein ist auf jeden Fall eine gute Sache.

[KuK] Matter of Perspective

Kennt Ihr das? Ihr tut etwas, und eigentlich kommt es Euch nicht wie eine große Sache vor. Aber ringsum gucken alle, als wäre das völlig abwegig, dass ausgerechnet Ihr ausgerechnet das tut, was Ihr da getan habt?

Tja. So ging es mir heute. Auf der einen Seite unken um mich herum diverse Leute in die Triathlon-Richtung, dass ich mal beim Schwimmen mit einer Freundin bitterlich gefroren habe, um Grunde aber gerne schwimme, habe ich auch einigen erzählt. Außerdem gibt’s da eine Ecke am Fluss, wo ein kleiner, flacher Kanal – zumindest bei aktuellem Wasserstand – zwischen einer im Moment trockenen Sandbank und dem Ufer verläuft, mit ordentlich Strömung zwar, aber man kann überall stehen und hat es nirgends mehr als zehn Meter zum Ufer.

Rein in den Rhein. Teils musste ich aufpassen, dass ich nicht mit den Ellenbögen unten anschlage.

Nun staune ich etwas: Was ich für komische Experimente mache, fragt ein Laufkumpel – sicherlich ein bisschen neckend – ich vermute, er meint eher den Shorty als den Rhein. Ob ich wirklich im Rhein geschwommen bin, fragt eine andere Lauffreundin.

In Anbetracht der Strömung, die ich zwar dank Bodenkontakt überall nicht fürchtete, die dann aber doch unkomfortabel beim Schwimmen war, weil ich nicht dauernd aufpassen wollte, dass ich nicht am Ende des kleinen Kanals raustreibe, war’s nur ein kurzes Experimentieren, ob der Shorty passt und es sich gut drin schwimmt – und wie es sich so im Rhein schwimmt.

Selbst das pienzige Ich ist nun – dank zumindest für mittelkalte Temperaturen ausreichendem Neopren und FiveFingers Aqua gegen „Ihgitt, Bodenkontakt im Wasser!“ – für Freiwasserschwimmen auch außerhalb der badewannenwarmen Saison gerüstet. Wenn ich bedenke, wie langwierig das mit dem Umziehen ist, hab‘ ich erst recht keinen Bock auf einen Wettkampf, der Schwimmen mit was anderem kombiniert. Strömung macht auch keinen Spaß, es gibt aber stehendes Freiwasser. Aber von den Freibädern ein bisschen unabhängiger zu sein, ist doch schonmal was!

Unverbrüchlich

Das Wort „unverbrüchlich“ verbinde ich immer mit einer Treueforderung, die in ihrer Intensität fast schon fanatisch ist, und zugleich auf Zeiten hindeutet, in denen solche Treueforderung mit düsterer Ideologie zu tun hatte. Aber eventuell ist das nur, wie der Begriff für mich konnotiert ist.

Unzerbrechlich hingegen hat sich meine kleine Zehe gezeigt. Am Donnerstag hatte ich einen „kleinen“ Unfall mit unserem Glastisch im Wohnzimmer. Nachdem ich ausgeschlafen hatte und beschloss, die Radfahr- und Schwimmaktion, die ich am Donnerstag geplant hatte, auf Freitag zu verschieben, wollte ich noch rasch den Tisch abräumen… verhakte meine kleine Zehe mit dem Tischbein und ging beherzt los.

Die Sirenen in meinem Kopf gingen dann auch beherzt los. Über den Tag hinweg bildete sich ein wahrhaft beeindruckender Bluterguss, begleitet von einer spektakulären Schwellung. Da ich die kleine Zehe weiterhin normal bewegen konnte und auch der Schmerz nicht besonders groß war, zudem keine unnatürliche Haltung auftrat, war ich recht zuversichtlich, dass das Teil nicht gebrochen war – aber durch doch ein wenig Schmerz und eben die spektakuläre Natur von Schwellung und Bluterguss ging ich dann am Freitag zum Arzt. Gebrochen ist die Zehe nicht, die Schwellung geht schon zurück, der Bluterguss ist erheblich besser und verteilt einen blau-roten Schimmer entlang der Zehengelenke.

Vier Tage nach dem Unfall. Große und lange Zehe haben die Verfärbungen der Nägel von früheren Lauf-Blessuren, die eigentlich längst der Vergangenheit angehören, aber Zehennägel vergessen nicht so schnell.

Aber gebrochen ist nichts. Meine unzerbrechliche kleine Zehe hält mir die unverbrüchliche Treue. Sowas braucht man doch!