Nostalgie

Das Leben ist eine seltsame Sache.

Da kommt man aus einem Sommer, der „außen“ unheimlich heiß und trocken war. Das ist einerseits ein Zeichen für Klima… Wandel? Krise? Katastrophe? – wahrscheinlich von allem ein bisschen, und mehr vom Schlimmeren. Andererseits ist warm bis heiß und trocken, zumindest mit nächtlicher Abkühlung, rein von dem, was mein Körper und mein Geist abgetrennt von „Wahrnehmung der Entwicklung in Natur und Klima“ mögen, genau mein Ding. Es wäre also ein Sommer gewesen, in dem ich gerne Sport getrieben hätte, im Freibad gelegen hätte, einfach die trockene Hitze genossen hätte. Aber am Anfang der Phase hatte ich Covid, brauchte wie erwartet etwas länger, mich davon zu erholen, dann brach ich mir den Finger, schließlich kämpfte ich noch mit Zahnschmerzen. Dazu nimmt meinen Geist ziemlich ein, dass ein weiteres Tabu gebrochen wurde: Krieg zur Grenzverschiebung in Europa. Stück für Stück wurden Gewissheiten, die im kalten Krieg und auch in der Zeit danach herrschten, in den letzten dreißig Jahren erodiert: Krieg wird weniger – nein, mehr. Krieg in Europa gibt’s nicht mehr – doch, schon lange wieder! Autokratien und Diktaturen sind auf dem Rückzug – nicht anderswo, in Europa auch nicht mehr. Selbst in der EU sind Gewaltenteilung, Pressfreiheit und breite Zustimmung für die liberale Demokratie mit mindestens drei verschiedenen, institutionell getrennten Gewalten, vor denen jeder Mensch gleich ist, nicht mehr breiter Grundkonsens: In einigen Ländern erodieren Regierungen diese Grundsätze, in anderen behaupten oder „fühlen“ gar nicht mal so kleine, in jedem Falle aber sehr laute Gruppierungen, dass sie in Diktaturen leben würden, obwohl dem keineswegs so ist. Dazu ist nach bald drei Jahren weltweiten Lebens mit vermutlich nur der ersten unter vielen superansteckenden Zoonosen, nach immer mehr an Fahrt gewinnender Klimakatastrophe und zunehmend isolationistischen, nationalistischen und antiliberalen Entwicklungen weltweit der Optimismus aufgebraucht, der Verteilungskampf wird verschärft, die Kombination aus Kapitalismus und Agenda lässt uns alle spüren, dass die Bettdecke jeden Tag ein bisschen kleiner wird und es weniger denn je in unserer Hand ist, dass wir nicht irgendwann im Kalten liegen. Versteht mich nicht falsch: In diesem Verteilungskampf haben die, die unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen gelassen haben, den ersten Stein geworfen, den Wirtschaftskrieg haben wir nicht begonnen. So wie Panzer in der Osteuropäischen Ebene nicht zuerst Richtung Osten, sondern zuerst Richtung Westen gerollt sind, sind die wirtschaftlichen Angriffe, mit langfristiger strategischer Vorbereitung, nicht vom Westen ausgegangen. Aber sie treffen alle – Verteidiger wie auch Angreifer.

Gleichzeitig ist auch im Kleinen vieles los: Unvorhergesehenes, zum Teil Schönes, zum Teil nicht so Schönes lässt mein direktes Umfeld, Dinge, mit denen ich mich Drittel meines Tages herumschlage, hektischer, konfrontativer, schriller werden.

Ich hänge der Vergangenheit nach. Den – wohl verklärten – 90ern, in denen man sich der Illusion hingeben konnte, dass Handel und Zusammenarbeit die Armut irgendwann wegspülen werden, dass gegen die Verbreitung der drängendsten Infektionskrankheit ein Kondom hilft, dass jeder in der Zukunft mehr dürfen wird, und sich weniger drum scheren wird, dass man selbst zu sein kein Privileg der reichen, weißen, cis-heterosexuellen, gebildeten Menschen mit aus Sicht der Vorgeneration „normalem“ Musik-, Kunst- und Arbeitsgeschmack sein wird. Dass sich die Menschen freuen, was sie dürfen, und sich nicht darüber definieren, dass sie mehr dürfen als andere. Erinnert Ihr Euch an „Love Message“ von einer ganzen Reihe von Eurodance-Projekten?

Vor kurzem habe ich auf Twitter erfahren, dass ich zur späten „Generation X“ gehöre, keine „Boomerin“ bin und auch nicht Gen Y. Zu einer Generation, die erstmals Zweifel hatte, dass es nur bergauf geht, zu einer Bevölkerungskohorte in Westeuropa, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt. Als Kind glaubte ich, das riesige, ohne Grenzen dargestellte Gebiet, das auf den Karten des furchtbaren Krieges in der Tagesschau dargestellt wurde, müssten die USA sein, da ja eigentlich USA, Iran und Irak die einzigen Nationen waren, die in diesen Sendungen genannt wurden. Als Kind habe ich Grenzen kennen gelernt – die nach Österreich fühlte sich „zivilisiert“ an: Ausweis vorzeigen, bisschen warten, vielleicht noch sowas wie Zoll und Währungsumtausch, gut war. Von Österreich nach Ungarn war da schon etwas krasser. Die Innerdeutsche, das war bedrückend. Auf der einen Seite meine Heimat, auf der anderen Seite Menschen, die aus Angst vor Gefängnis selbst bei neutralen Äußerungen die Stimme senkten. Sie hatten nicht Angst, dass ihnen widersprochen würde – nein, sie hatten Angst, dass man sie holte, internierte, wenn sie bestimmte Dinge sagten, die jeder wusste. Dazwischen eine Kombination aus Panzersperren, Stacheldraht, bewaffneten und aus Prinzip unfreundlichen Grenzern, aus Schikane und Angst. Wenn ich heute Leute höre, die von Diktatur reden, denke ich an die DDR- und Zonengrenz-Erfahrungen meines sechs- bis zehnjährigen Ichs und zucke die Schultern. Wenn ich daran denke, wie geschockt, wie angstvoll etliche meiner jüngeren Kollegen auf zwei Überschallknalle reagierten, ich nur dachte: „Hups? Explosion auf einem Schrottplatz wäre nicht gut, hoffentlich sind’s übende Kampfflugzeuge.“… es waren zwei Eurofighter. Als ich in die Grundschule ging, zertrampelten französische Soldaten meiner Mutter den Vorgarten, standen die Bauernhöfe auf den Feldern hinter dem Haus voller Panzer, beim NATO-Brückenkopfmanöver am Neckar, Überschallknalle waren während und auch abseits des Manövers etwas, das man kannte, genau wie Kampfflugzeuge am Himmel.

Ich möchte niemandem vorhalten, über die aktuellen Entwicklungen zu Krieg, Unsicherheit, wirtschaftlichen Abschwungs bestürzt zu sein, Angst zu haben, nach Lösungen zu rufen, obwohl man selbst nicht weiß, wie das gehen soll. Aber bloß, weil wir privilegierten, abgeschotteten „Westler“ im westlichen Mitteleuropa, in Westeuropa und Nordamerika für dreißig Jahre Ruhe davor hatten, heißt das nicht, dass die Methoden, die im Rest der Welt nie aufgehört haben – Repression, Krieg, echte Zensur, nicht nur Widerspruch gegen abseitige oder weniger abseitige Meinungen, Gewalt gegen Andersdenkende, -aussehende, -fühlende – die Lösung sind, oder dass sie bei uns schon da sind, bloß weil wir merken, dass sie anderswo nie aufgehört haben.

Aber es macht mich fertig. Mein Sommer war nicht so gut, ich konnte den Sommer nicht genießen, gleichzeitig stürzt die Welt in die Krise und viele Menschen in meinem Umfeld glauben, dass sie nicht mehr frei sagen dürfen, was sie wollen, nur weil ihnen widersprochen wird, dass unsere Freiheit nicht in Wirtschaft und auch auf dem Schlachtfeld verteidigt wird, sondern wir den Aggressor angegriffen hätten – der unsere Gasspeicher gekauft und leerlaufen lassen hat, um uns erpressen zu können, der Panzer über eine Grenze hat rollen lassen. Weltschmerz nennt man das, oder?

Nun wurde mein Vater, der letzte meiner Familie, dessen Leben mehrheitlich vor der großen Zäsur des späten 20. Jahrhunderts verlief, am Mittwoch 70 Jahre alt. Wir schenkten ihm eine Ballonfahrt, was meine Schwester und ich mit ihm schon einmal gemacht hatten – vor vielen Jahren, ich kann Euch gar nicht sagen, ob vor oder nach dem Mauerfall, ob vor oder nach dem Zerfall der Sowjetunion. Irgendwann zwischen 1987 und 1992 fuhren meine kleine Schwester, mein Vater und ich Ballon, unser Ballonführer (ich glaube, so nennt man ihn) funkte demonstrativ über dem Odenwald unsere Position „drei Meilen südlich von Korsika“, meine Ballonfahrer-Taufe habe ich in Erinnerung, die Urkunde habe ich nicht mehr. Dreißig Jahre später sehe ich Bilder von meiner Mama, von meinem Papa auf die Wand projiziert, bei der Übergabe des Geschenks, höre ein Lied, das meine Mama mir schmackhaft machte – sie ist seit 16 Jahren tot. Harpos „Movie Star“ ist vier Jahre älter als ich. Mama mochte es sehr. Am Mittwoch spielten sie’s, während wir ausgelassen, aufgedreht zusammensaßen, um den 70. meines Vaters zu feiern.

Seit dem drehe ich mich um mich selbst. Denke an frühere Zeiten, an wohlig-imaginierte Geschichten, die ich mit meinem besten Freund zusammen geteilt, „bespielt“ habe. Teils habe ich Grundlagen dieser Geschichten geschrieben, um den Tod meiner Mutter zu verarbeiten. Eskapismus in Phantasiewelten, parallel Musik aus Zeiten, die scheinbar besser, einfacher waren – aber ob’s so viel besser war, in den Kalter-Krieg-80ern, den unsicheren 90ern, den Nach-9/11-Nullern, den Nach-Lehman-Brothers-Zehnern? Glaub‘ nicht, ich glaube eher, wir verklären das.

Jedenfalls hänge ich den Dingen nach. Betreibe Eskapismus. Vielleicht auch, weil’s Herbst wird.

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