Gute Ratschläge

Es heißt, der Weg zur Hölle sei gepflastert mit guten Vorsätzen. Vielleicht auch mit guten Absätzen, allerdings nicht im Sinne des Absatzes eines Schuhs. Ihr wisst natürlich, dass gute Absichten gemeint sind, und so gut sind die Absätze hier vermutlich auch nicht, dass der Teufel seine Auffahrt mit meinen Worten pflastern würde.

Leider gibt es einen Anlass, dass ich hier auf so hohem Ross beginne. Nun, der Auslöser dessen ist etwas, das zur Zeit wohl vielen passiert ist: Wie wohl im Moment weit mehr Leute als in den zweieinhalb Jahren zuvor habe ich mich in den vermeintlich „postpandemischen“ Zeiten mit dem Corona-Virus infiziert. Ich bin inzwischen schon wieder negativ und symptomfrei, eine Woche hat’s gedauert. Damit habe ich es ganz gut erwischt. Am Mittwoch endet – hoffentlich weiterhin negativ getestet und dann volle 48 Stunden symptomfrei – meine Isolationszeit. Meinen Mann hat’s etwas später erwischt, er ist drei, vier Tage im Verlauf hinterher und leider dank seiner Affinität zum Husten auch da ein bisschen schlimmer mit Symptomen der Infektion gestraft als ich.

So weit, so blöd. Dass ich, ohne es zu wissen, beim Start bei der Bergdorfmeile das Virus schon im System hatte, am Wettkampfmorgen bei der Fahrt zur Arbeit mit dem Rad in den Regen kam, einen anstrengenden und von wenig Zeit für’s umziehen und Kaffee machen geprägten Arbeitstag hatte, zur Bergdorfmeile per Rad anreiste, 36 Minuten an der anaeroben Schwelle lief und es dann beim Heimradeln recht kühl war, dürften den Kampf zwischen meinem Immunsystem und dem Virus ein wenig in Richtung „Ausbruch der Krankheit“ verschoben haben, aber ich wusste halt nicht, dass da was im System war. Seit dem Rauslaufen der Spannung in den Muskeln nach der Bergdorfmeile bin ich nicht mehr gelaufen, nicht mehr Rad gefahren – denn ab Samstagabend war ich krank. Rund eine Woche hatte ich’s.

Nun bin ich auf dem Weg raus aus der Krankheit, eigentlich schon ganz raus und nur noch in Isolation mit negativem Test und weniger als 48 Stunden ohne Symptome, und beginne, meinen Plan zum wieder in Bewegung kommen zu schmieden. Meinen eigentlichen Plan für den Herbst-Saisonhöhepunkt habe ich mit dem ersten Anzeichen eines Infekts, noch lange vor dem positiven Corona-Test am Sonntagabend nach der Bergdorfmeile, ad acta gelegt. Zwei Wochen nach dem Beginn eines Infekts in hochanstrengendes Marathon-Training mit drei Tempo-Einheiten je Woche (Tempodauerlauf, Wiederholungen, Endbeschleunigung) einzusteigen, das kann man schon machen, aber es ist gefährlich – zu gefährlich für mich, die ich gerne bis ins hohe Alter laufen, radfahren und schwimmen können möchte. Mit dem Ausbruch von Covid-19 war klar, dass der Wiedereinstieg noch deutlich vorsichtiger zu erfolgen hat. Also baute ich mir meinen Schlachtplan: Das erste Mal laufen sollte vierzehn Tage nach Beginn der Erkrankung oder mindestens so viele symptomfreie Tage nach ihrem Ende erfolgen, wie ich Symptome hatte – je nach dem, was später ist. Dass ich dann nicht mit einem Dauerlauf, sondern mit einer vorsichtigen, kurzen Einheit im Bereich der aktiven Regeneration, eng auf Puls-, Atemfrequenz- und Körpergefühlabweichungen überwacht, jederzeit zum Abbrechen bereit anfangen würde, meinte ich, nicht dazu sagen zu müssen. Dass ich nicht mal so vorsichtig, sondern gar nicht loslegen würde, wenn die Ruheherzfrequenz dann noch merklich erhöht sein sollte, Ehrensache.

Aber entweder ist das nicht vorsichtig genug, oder andere Menschen schließen von ihrem Vorgehen und meinem hohen Tempo darauf, dass ich viel heftiger, anstrengender wieder einsteigen würde. Die Warnungen, ich müsste länger warten, ich solle mich lieber erstmal „ohne Anstrengung/Belastung bewegen“ irritierten mich. Ich glaubte, genau dieses vorsichtige Beginnen genannt zu haben. Hätte ich Anzeichen einer Herzmuskelentzündung oder noch Symptome, klar, dann wäre auch das zu viel. Aber mit sieben Tagen Symptome, Ruhepuls bereits am dritten Tag wieder auf Niveau wie vor der Infektion, keine Atemnot, und einem deutlich vorsichtigeren, angekündigten Wiedereinstieg als ich (und wohl viele andere) ihn nach anderen Virus-Infektionen (die auch, wenn auch weniger großes Myokarditis-Risiko bergen) üblicherweise betreiben, bin ich irritiert. Klar sind Long Covid, Myokarditis und andere Komplikationen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe oder Erkältungen durch Rhino- oder konventionelle Corona-Viren. Dafür beginnt man aber auch langsamer, vorsichtiger und später nach der Infektion wieder – und beobachtet kritisch alle Werte, was ich sowieso immer tue. Denn nach JEDER Virusinfektion kann zu früher, zu intensiver Start in die Myokarditis führen. Viele Sportler vergessen das, ich nie – der lange Ausfall durch Entzündung des Herzmuskels macht mir mehr Angst, als ich auszudrücken in der Lage bin, weswegen ich nach jeder Virusinfektion mit detaillierter Beobachtung, langsamem Anfahren und geringer Intensität wieder einsteige – und ganz besonders eben nun nach Covid-19. Selbst symptomlos positiv sein und dabei Sport treiben weckt ein komisches Gefühl bei mir, wie zuletzt, als ich von Guillaume Martins Ausstieg Widerwille bei seinem Ausstieg von der Tour de France las, nach seinem positiven Corona-Test.

Oder ist es einfach, dass wir Sars-CoV-2 in den letzten zwei Jahren unterschätzt haben – manche mehr, manche weniger – und nun, wo’s auch die meisten vorsichtigen (und vielleicht etwas weniger vorsichtig gewordenen) bekommen haben, ein bisschen überkompensieren? Ich werde jedenfalls ohne Anzeichen auf eine Herzbeteiligung nicht zwölf Wochen mit Sport aussetzen, bloß weil’s ja sein könnte, aber eben auch nach Covid-19 länger mit dem Wiedereinstieg warten als nach einer Erkältung, und langsamer und kritischer beobachtend wieder einsteigen als nach einer normalen Erkältung. Aber genau das habe ich kommuniziert und nur warnende Stimmen geerntet.

Ich lauf‘ ja schließlich nicht sieben Tage nach dem Ende des Hustens als Auftakt hochintensive Intervalle – würde ich nach einer Erkältung auch nicht tun. Ihr vielleicht?

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