Abwägung

Wer hier aufmerksam liest, weiß, dass ich viele Daten meines Körpers ständig messe – beim Sport, aber eben auch in Ruhe. Ich präsentiere hier nicht ständig alle Werte, weil viele eben doch eingependelt sind und über „Nichts Neues“ braucht man ja auch nicht zu berichten. Über Sport, aber auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung und anderes habe ich zudem ein Gefühl für Belastung von Physisches, Mentales und Psychisches entwickelt, ein paar Erfahrungswerte stecken auch in der Selbstbeobachtung.

Was ich nicht ganz so oft hier zeige, ist meine Trainings- und auch Lebensplanung, sondern meistens erst den Vollzug. Wie heißt es so nett: Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt! Daher wird natürlich modifiziert und angepasst, aber nicht auf’s Geratewohl, sondern unter Berücksichtigung der Vorkenntnisse und der aktuellen Ereignisse, die zur Modifikation des Plans führen müssen. Zum Beispiel hatte ich vor, auf den Badenmarathon im September nach Peter Greif zu trainieren, unter Verwendung des „Countdown“. Das hätte erfordert, dass ich gesund und ausgeruht Mitte Juli loslegen kann. Nun hat mich nach der Bergdorfmeile eben doch Sars-CoV-2 erwischt, also steht ein Loslegen mit Tempotraining ab 17.07. nicht zur Debatte – warum nicht? Weil ich unter Berufung auf die bisher gelesenen Erfahrungswerte mit Covid-19 für mich selbst beschlossen habe, dass auch bei einem Verlauf ohne Herzbeteiligung 14 Tage ab Symptombeginn oder eine Anzahl von symptomfreien Tagen, die mindestens der Zahl der symptombehafteten Tage entspricht, bis zum Wiederanfahren des langsamen Trainings verstreichen müssen – je nachdem, was länger ist. Dass ich dann vor hatte, Belastungsgefühl und Herzfrequenz im Verhältnis zum Tempo gut zu beobachten, versteht sich von selbst, dafür habe ich ja das PRAPP und den PRAGQ.

Ich gebe zu, dass das System an Datennahmen, Analysen und Abwägungen, gekoppelt mit dem Körpergefühl, reichlich komplex geworden ist. Dass ich zum Beispiel auch einbeziehe, ob ich gut geschlafen habe, weil ich erfahrungsgemäß negativer urteile, wenn ich schlecht geschlafen habe, macht es nicht besser. Auch, ob ich komplexe, hypothetische Gedanken zu Ende führen kann nach einem kurzen Absetzen oder einer Unterbrechung, spielt eine Rolle, denn oft ist die Unfähigkeit hierzu ein Zeichen, dass mental, emotional oder vielleicht sogar körperlich etwas nicht stimmt. Ich mache in den letzten Jahren allerdings zunehmend die Erfahrung, dass Menschen die Gültigkeit meiner Messungen, Analysen, Prognosen und daraus resultierender Pläne für mich selbst bezweifeln. Das rührt manchmal daher, dass sie das System nicht begreifen, manchmal daher, dass sie mir nicht zuhören und gelegentlich auch, dass sie eigene Erfahrungen (mit sich, ihrem Leben, ihrem Körper), Vorurteile, Ängste oder auch allgemeine Ideen ohne Berücksichtigung des Einzelfalles für wesentlich valider für meine Situation halten, als meine an meiner Situation und mehreren Krisen entwickelte Selbstbetrachtung.

  • Ich komme mit Fällen fiebriger Schwäche zum Arzt und man will mir das Laufen verbieten, weil ich als Nebenschauplatz vom langen Liegen durch den anschließenden, zweitägigen Migräneanfall leichte Schmerzen im unteren Rücken habe. Am Ende war’s Borreliose…
  • Selbe Krankheitsphase, ich gebe gegenüber dem Arzt zu, dass der Anteil intensiver Einheiten im Vorfeld etwas hoch war und dass ich das beim Wiederanfahren in Form von Korrekturen berücksichtigen will. Ich bekomme eine Überweisung mit der Bitte an den Orthopäden, mir Trainingsberatung zu geben…
  • Ich werde gefragt, wie es mir geht, mit meiner aktuellen Sars-CoV-2-Infektion. Ich erläutere, es geht schon besser und erzähle von dem Plan, mindestens zwei Wochen ab Ausbruch und mindestens doppelt so lange, wie ich symptomatisch war, mit sanftem Sport Wiederanfahren zu warten. Ich bekomme empfohlen, doppelt so lange zu warten.
  • Ich erzähle von meiner Trainingssteuerung und der eigenen Überwachung durch Messungen. Man sagt mir, ich solle es nicht übertreiben – jedes Mal.

Ganz allmählich frage ich mich, warum ich eigentlich von meinem internen Mess-, Analyse- und Planungssystem, modifiziert durch Körpergefühl erzähle. Warum ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe und am korrigieren bin. Wer das System nicht versteht, bezweifelt instantan, dass es funktionieren kann. Vermutlich, weil es komplex und umfangreich und mathematisch ausgedrückt ist. Wenn ich von meinem Körpergefühl erzähle, wird dem grundsätzlich misstraut. Wenn ich von Fehlern erzähle, die ich erkannt habe, werden mir die fortan auf’s Brot geschmiert – dass sie selbst erkannt und dabei bin, daraus für die Zukunft zu lernen, wird entweder ignoriert oder die Person hat da schon aufgehört, mir zuzuhören.

Es gibt so viele Leute, die mich fragen, wie es mir geht oder was ich gerade mache. Sie bekommen dann eine ausführliche, ehrliche Antwort, teils auch unter Erwähnung der Irrwege, aus denen kein „How to“ entsteht, sondern ein „Wie es nicht geht und weswegen man es nun anders macht“. Vielleicht sollte ich floskelhaft „danke, gut“ oder „schon langsam besser“ verwenden, statt einer ausführlichen Antwort. Vielleicht sollte ich die Überlegungen, die zu meinen Plänen führen, sowie meine Pläne selbst, verschließen.

Es sind sicher nicht die Hälfte der Leute, deutlich weniger, auf die das zutrifft – für mich sind’s aber zu viele. Ich mag es, Ratschläge zu bekommen. Aber bloß, weil deren Freiheitsgefühl, deren Angst, deren Körpergefühl und Vorstellungsvermögen völlig anders funktioniert als meines, ist meines noch nicht falsch. Und bloß, weil mein System aus Körpermessdaten (beim Sport und in Ruhe), abgeleiteten Schätzern und daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht verstanden wird, ist es noch nicht falsch oder unsicher, im Gegenteil: Ich habe viele Schätzer im Stillen ausprobiert, diskutiert, evaluiert – und benutze sie, WEIL sie über Jahre hinweg funktioniert haben, auch für Trainings- und Lebensplanung.

Ganz konkret: Wenn ich auf so manche Ratschläge gehört hätte, hätte ich nicht mit dem Laufen eine Methode, die mir eine erhebliche Reduktion meiner Kopfschmerz- und Stressproblematik gibt. Hätte ich auf all die Leute, die nicht nur von sich ausgehen (das tue ich nämlich auch), sondern ihre Limitierungen und Vorstellungen auf andere übertragen, wäre ich niemals unter 3:10 auf den Marathon gelaufen. Hätte ich mich mit der Anzeige der maximalen Sauerstoffaufnahme meiner Uhr und der Ansage: „Sie brauchen einen externen Trainer!“ abgefunden, hätte ich nie herausgefunden, dass ich meistens, wenn auch nicht immer, über das PRAPP noch symptomlose Infektionen detektieren kann, ich hätte das PRAPP überhaupt nicht entwickelt, sondern mich auf eine andere Person verlassen, ohne es zu hinterfragen, dass diese andere Person analytisch auch nur mit Wasser kocht – sicher nicht schlechter als ich, aber zwingend besser?

Am Ende des Tages reagiere ich wahrscheinlich im Moment deswegen so empfindlich, weil ich gerade sehr konkret spüre, wie das Bedürfnis nach Vor-Pandemie-Normalität auf der einen Seite und die Sorge, mich und andere zu infizieren, das Sicherheitsbedürfnis auf der anderen Seite an mir zerren. Wenn Leute gute Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die ich wissentlich oder aus Versehen nicht ergriffen habe, frage ich mich, ob ich das hätte tun sollen. Wenn Leute Dinge tun, die ich mich nicht traue, frage ich mich, ob die mir auch gut getan hätten, und das Risiko in dem Falle wert gewesen wären. Wenn es um das Handling der Infektion geht, frage ich mich, ob ich in Sachen Sport, in Sachen Arbeit, in Sachen Leben so damit umgehen solle, als sei es ein Schnupfen (wie es sich im Moment anfühlt), oder als hätte ich unbemerkt eine Mykarditis, bzw. wo dazwischen ich mich ansiedeln sollte.

Aber ganz aufrichtig: Bloß, weil Menschen sich anderswo dazwischen ansiedeln als ich, ist meine Ansicht noch nicht falsch. Wenn mich das zu einer Querdenkerin macht, fürchte ich um mich. Aber ich glaube, ich bewege mich argumentativ und analytisch auf einer faktenbasierteren Grundlage als sowohl die Querdenker als auch die, die gefühlsmäßig einfach immer nochmal in Sachen Angst und Vorsicht einen draufsetzen.

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