It’s always ashame, it’s just ashame, that’s all

Das Thema „Plagiate bei Doktorarbeiten von Politikern“ ist ein Dauerbrenner. Kaum kommt irgendwer aus den noch unbekannten Tiefen irgendeiner Partei an ein Amt, springen die Plagiatsjäger auf die Dissertation und finden Plagiate.

Mein erster Reflex ist stets zu fragen: „Boah, hab‘ ich in meiner Diss alles so weit kenntlich gemacht, was ich benutzt habe? Jede Annahme, jede Formel… Moment. Formel. Was war das eigentlich für eine Dissertation, die sie da auf Plagiate gescannt haben?“ Dann gucke ich nach. In der Regel sind es dann Arbeiten aus den „textlastigen“ Wissenschaften… Politikwissenschaft, Jura… und ich denke mir dann so: „Okay. In dem Bereich ist auch jedes Wort, jeder Satz, jede Folge von Sätzen in den Details ihrer Formulierung wichtig und die Menge an von diesen Wissenschaften fest belegten Worten, die Menge an Satzstrukturen ist zwar viel größer als bei Formeln, am Ende aber doch begrenzt. Ist was anderes als bei Natur- und Ingenieurwissenschaften…“

Schließlich folgt dann die Frage: Wenn diese Arbeiten bei der Erlangung des Doktortitels nicht auf diese Weise geprüft werden, wenn diese Arbeiten erst wichtig genug werden, sie in nickeliger Weise auf möglicherweise auch zufällig gleiche Formulierung zu prüfen wie in anderen Artikeln, was ist ein solcher Doktortitel dann überhaupt wert, eben auch BEVOR die Person, die ihn führt, in die Öffentlichkeit tretende Politikerin oder in die Öffentlichkeit tretender Politiker wird? Sind nicht Menschen, die nah an Recht, Gesetz oder an Ideen und Konzepte in Sprache ausdrückenden Texten denken, arbeiten und formulieren, daran gewöhnt, den als wahr geltenden Text zu nutzen? Wenn ich die Formulierung „die Mittel vorhanden und die Maßnahmen getroffen, damit nach Stand von Wissenschaft und Technik die Schutzvorschriften eingehalten werden“ verwende, dann entspricht diese – mehr oder minder wörtlich – der entsprechenden Regel im Strahlenschutzgesetz. Da wird dann erst im Begründungsteil auf § 13 Absatz 1 Nummer 6a StrlSchG verwiesen… und vielleicht habe ich diesen Satz hier auch auswendig nicht völlig exakt zitiert, weil noch irgendwo ein „erforderlich“ oder „notwendig“ dazwischen steht.

Und so stehe ich da und kann an diesem Spiel kaum etwas finden, das irgendeinem der Beteiligten schmeichelt: Politiker promovieren oder schreiben ein Buch in einem Bereich, der ihrer politischen Tätigkeit naheliegt, nur um ein Buch oder einen Doktortitel präsentieren zu können. Ashame, Teil 1. Es wird geprüft, ob das so passt und keine Ideen oder wirklich orginäre Formulierungen genutzt wurden, ohne es zu kennzeichnen – aber offenbar nicht genug. Ashame, Teil 2. Kein supernickeliger Plagiatsjäger schert sich drum. Ashame, Teil 3. Dann kommt der oder die Politiker/in in ein Amt und plötzlich interessiert sich der supernickeliger Plagiatsjäger dafür, findet was, das mehr oder minder der guten wissenschaftlichen Praxis zuwiderläuft, und plötzlich ist der Skandal da – die Uni hat nicht genau genug geschaut, der Politiker – ob nun bewusst oder unbewusst – für ein vermeintlich karriereanschiebendes Dokument mehr übernommen als gekennzeichnet und der Plagiatsjäger erst auf potentiellen Ruhm und Öffentlichkeitswirksamkeit hin beschlossen, die Arbeit oder das Buch auf gute wissenschaftliche Praxis zu durchleuchten. Ein Riesenskandal ist da, der Politiker das Amt kostet, arbeitsintensive Übergänge in Parteizentralen oder Ministerien erzeugt, in denen diese ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen können, und es ist mal wieder von wirklich wichtigen Themen abgelenkt.

Wann, ja wann kommt uns denn mal der Gedanke, dass der Doktortitel nicht zum besseren Menschen macht, sondern nur qualifiziert, wissenschaftlich zu arbeiten, Politik aber nicht kritische Wahrheitsfindung, sondern zeitkritische Konsensfindung ist?

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