Krankzeit ist Lesezeit

Wenn ich krank bin, fällt mir oft schwer, etwas am Bildschirm zu tun. Krank meint hier das „übliche“ krank – denn die mit Abstand meisten Tage, in denen ich den Zustand „krank“ erfüllte, gehen wohl auf Kosten ganz normaler Erkältungsviren wie Rhinoviren und vier der sieben beim Menschen zirkulierenden Coronaviren (HCoV-HKU1, HCoV-NL63, HCoV-OC43 und HCoV-229E, also NICHT SARS-CoV, SARS-CoV-2 und MERS-CoV) und erfüllten das Krankheitsbild einer leichten respiratorischen Infektion, auch wenn „leicht“ nicht immer das Gefühl ist, das man dabei hat. Wie oft ich stattdessen unter Influenza-Viren litt, weiß ich nicht. Aber wie gesagt, ich meine „das übliche Kranksein“, also die winterliche Erkältung, die mich als Kind und Jugendliche meist mehrfach in der Saison erwischte, inzwischen glücklicherweise eher sogar seltener als einmal pro Jahr.

Aber zurück zum eigentlichen Thema – wenn ich erkältet bin, schone ich mich. Natürlich weiß ich, dass viele Leute mit einer leichten Erkältung arbeiten, und wenn die Symptome sehr leicht sind, versuche ich das auch. Meistens läuft aber die Nase heftig, ich huste heftig und wenn ich nicht Ruhe halte, dauert es eher länger – zwei Wochen halbkrank, dritteleffizient und nach dem Arbeiten kaum erholt, bringt meistens weniger, als sich drei bis fünf Tage rauszunehmen und dann wieder voll starten zu können. Also liege ich im Bett oder auf dem Sofa, schlafe viel und trinke Tee, vielleicht gelegentlich eine heiße Milch mit Honig und wenn der Schleim es mir nicht zu sehr vergällt, einen Kaffee – und lese. Meist liegt schon ein Stapel Bücher bereit, der sich angesammelt hat und gelesen werden will. So auch dieses Mal: Gelesen habe ich

  • Sokrates auf dem Rennrad von Guillaume Martin:
    Oft zitiert während der Übertragung der Tour de France, vor allem natürlich auf jener für Guillaume Martin unseligen Abfahrt vom Port d’Envalira hinunter nach Andorra, als er mit offenem Trikot einfach nicht mehr an die hinabsausende Gruppe herankam. Ich habe mich amüsiert, aber auch über mein zum Teil lückenhaftes Wissen über Philosophie nachgedacht, während ich Martins fiktiven, aber durchaus in ihren Vorbildern offensichtlich erkennbaren Velosophen, Philosophen und Radsportlern durch ihre Vorbereitung und eine Austragung der Tour de France gefolgt bin. Natürlich hilft es, Martins Erzählungen aus dem eigenen Training (Intervalle am Berg, Nüchterntraining für die Fettverbrennung) zu folgen, wenn man Ausdauertraining vom Laufen gewohnt ist. Natürlich hilft es, die Frühjahrsklassiker zu kennen, die Radsportsaison ein bisschen intus zu haben, Typen von Radsportlern zu kennen. Vorausgesetzt wird es nicht, aber ich glaube, jemand der nicht in wenigstens einem der Gebiete beleckt ist, stolpert nicht über das Buch. Interessant finde ich, wie die Beziehung zwischen Perspektive Einnehmen und ins Handeln Kommen von den Personen der Philosophen auf deren Handeln als Radsportler und Teamchefs übertragen wird – wie Machiavelli eine Windkante inszeniert, Nietzsche an Bergen solo brilliert, aber den Vorsprung mangels Team nicht ins Tal bringt… immer wieder gemischt mit Radsportlern, die man durchaus erkennt, deren Namen und Charakteristik aber leicht verändert sind.
    Ich hatte Freude an dem Buch, auch wenn ich sicher nochmal einiges an Philosophie lesen sollte und dann einen zweiten Durchlauf wagen. Dann werden mir sicher einige Anspielungen und Gedanken weniger entgehen. Denn Martin hat eines erreicht: Das Buch wird ein anderes, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Es ist offen genug dafür, aber es steckt auch genug dafür drin. Dass er genau das erreichen wollte, sagt er im Nachwort der mir vorliegenden neuen Ausgabe. Hat er geschafft – und ich glaube, es wird ein Mehrwert, das Buch noch einmal zu lesen
  • Radsportberge und wie ich sie sah von Geraint Thomas:
    Welch ein Gegensatz zum asketischen, Philosophie und Radsport mit strebsamem Ernst orchestrierenden Guillaume Martin! Geraint Thomas – immerhin Tour-Sieger – personifiziert Radsportberge, nennt einen davon einen „Sausack“, ordnet sie wie verschiedene Biersorten auf einer Sauftour ein. Die Sprache ist derber. Mit Martin sitze ich beim Tee im Studentenhauscafé, sein Rennrad steht vor der Tür, meines auch, wir haben beide Bücher auf dem Tisch liegen – er ein paar mehr als ich, und schwierigere. Mit Geraint Thomas sitze ich off-season in einem Pub in den Valleys in Südwales, ich halte mich schon längst an Softdrinks, mache mir Sorgen, wie ich mit dem Rennrad über den Rhigos („Rick-Oss – sage es so, sonst schicken Dich die Einheimischen sonstwohin“) nach Hause oder eher zum Hotel nach Cardiff komme, nachdem ich mit ihm Bier getrunken habe, und er nötigt mir ein weiteres Kwaremont auf, von dem er sein Körpergewicht beim E3 Harelbeke gewonnen hat.
    Wie war das mit der Perspektive, bei Guillaume Martin? Geraint Thomas nimmt eine Perspektive ein, aber er nimmt Dich auch an die Hand und zeigt Dir die Berge aus seiner Sicht. Das ist schon im Untertitel verankert, und genau so kommt das Buch auch daher. Klar, auch Geraint Thomas ist ein Radsportler, auch er spricht über die Entbehrungen in Ernährung, Zeit, allem, wenn man Profiradsportler ist. Die Trainingseinheiten, die er beschreibt, sind überaus ähnlich denen, die auch Martin beschreibt. Aber wie anders ist der Ton! Ich bekomme Lust, mir ein paar der Berge aus Geraint Thomas‘ Buch mal anzusehen, mit dem Rad manche, andere definitiv nicht mit dem Rad. Den Col du Portet ganz bestimmt nicht mit dem Rad, das Stilfser Joch wahrscheinlich auch nicht. Aber bei l’Alpe d’Huez, da kitzelt’s noch mehr, nachdem ich seine Sicht gelesen habe, genau wie beim Tourmalet. Davon bin ich noch weit entfernt, aber hey, ich hab‘ Zeit, ich muss da nicht schnell hoch.
    Ich werde auch dieses Buch wieder lesen und empfehlen, aber es ist GANZ anders. Vielleicht habe ich mit den krassesten Gegensatz von Büchern von Radsportlern über sich und den Radsport in dieser Krankphase gelesen, die man so ad hoc finden kann. Ich weiß gar nicht genau, wie ich auf „Radsportberge und wie ich sie sah“ gekommen bin, aber es ist definitiv eine Empfehlung – auch weil’s zugänglicher ist als Sokrates auf dem Rennrad.
  • Nun steht was ganz anderes auf dem Plan: Autokorrektur von Katja Diehl ganz aktuell, und danach Massive von Ian Sample.

Aber wahrscheinlich wird sich das Ziehen. Ich bin nämlich schon massiv am Gesundwerden – und da wird die Zeit zum Lesen abnehmen. Einfach, weil ich wieder die Kraft zum Arbeiten habe – und damit auch all die anderen Dinge, die damit verbunden sind, wieder einsetzen: Mit dem Rad zur Arbeit pendeln, Sport treiben, weil ich nämlich nicht mehr das Risiko einer Myokarditis durch verschleppte Erkältung im Kopf haben muss, und so weiter. Aber vielleicht muss ich ja nicht bis zur nächsten Erkältung warten – sondern lese im Urlaub. Oder einfach mal so, im Bett vor dem Schlafen oder auf der Toilette, was auch ein nicht zu unterschätzender Lesezeitslot sein kann – auch wenn dort „Alles unter dem Himmel“ von Zhao Tingyang nun seit geraumer Zeit rumliegt und ich nicht vorankomme. Liegt aber vermutlich auch am Gewicht der Lektüre.

3 Kommentare zu „Krankzeit ist Lesezeit

    1. Och, das wird schon. Katja Diehl erweist sich als ein anstrengender, aber lohnenswerter Brocken – bei „Massive“ muss ich mal schauen.

      Ich lese lieber sporadisch und bin gesund 🙂

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