Schlangenlinien

Ich mag meine Schlangen, ich habe wohl sogar eine ausgewachsene Phobie. Es war zwar ein wenig überzogen, als ich behauptete, die Ideallinie am weitesten von den Terrarienscheiben der Schlangen im Reptilienhaus der Wilhelma in Stuttgart brauche man nicht berechnen, denn man könne sie anhand meiner Angstschweiß-Tropfspur ablesen. Aber so ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht.

Was mir allerdings auch den Angstschweiß auf die Stirn treibt, manchmal zumindest, sind andere Verkehrsteilnehmer, die Schlangenlinien fahren oder gehen. Öfter allerdings nervt mich das einfach nur restlos und treibt mir statt des Angstschweißes auf der Stirn die Zornesröte ins Gesicht. Meist ist der Grund nämlich keineswegs Alkohol – schlimm genug – sondern das Smartphone. So auch heute – ich rollte gerade auf dem letzten Drittel meines Nachhausewegs mit dem Rad entlang. Wie immer ist das dienstliche Notebook in der einen, die bürotauglich-unsportliche Kleidung in der anderen Gepäcktasche, was natürlich zu ein wenig mehr Last auf der Notebook-Seite führt, und dazu noch einen Teil der Masse recht hoch über der Achse der Laufräder bedingt. Aber damit komme ich klar – ich merke es nur wesentlich deutlicher, dass da eine Unwucht da ist, wenn ich neben dem mittlerweile unbewussten Ausgleichen dieser Unwucht auch noch einem unvorhersehbar agierenden Verkehrsteilnehmer eine hohe Menge meiner Aufmerksamkeit widmen muss. Ich erwarte ja nur bedingt, dass sich andere Verkehrsteilnehmer an die Regeln in Sprints der Tour de France halten – nicht mit Bidons werfen, keine Ellbogen ausfahren, aber vor allem: Fahrlinie halten. Wenn allerdings ein anderer Radfahrer ohne Blick auf den restlichen Verkehr an seinem Hintern herumnestelt und dabei über eine volle Fahrbahn Schlangenlinien fährt, um dann – aha! – das Handy aus der Tasche der Hose zu fischen, in die Hand zu nehmen und sich dann mit Blick auf das Display und der anderen Hand gegen die Kälte in der Tasche völlig vom Rest des Verkehrs abzukoppeln, dann finde ich das problematisch. Vor allem dann, wenn das Ganze weiterhin in voller Fahrt stattfindet.

Ich hab’s schonmal woanders geschrieben: Wenn wir Radfahrer von den Autofahrern erwarten, dass sie uns wahrnehmen, uns die uns zustehende Vorfahrt gewähren, uns bemerken und berücksichtigen, statt auf ihr Handy zu gucken und uns umzufahren, dann haben wir VERDAMMT NOCHMAL auch selbst dem Verkehr die nötige Aufmerksamkeit zu widmen und eben nicht auf dem Sattel sitzend freihändig am Handy herumzuspielen. Nicht nur, um unaufmerksamen Autofahrern auszuweichen, sondern auch um die nötige Rücksicht auf Fußgänger und andere Radfahrer zu nehmen.

Mir persönlich ist es besonders unangenehm, mich so einem Schlangenlinienfahrer von hinten zu nähern. Meistens rollern die mit deutlich unter 20 km/h dahin, brauchen die vollen Breite des Radwegs oder der Straße und reagieren entweder mit einem Fast-Sturz, noch langsamerer Fahrt aus Erschrecken und so auf ein Klingeln – oder gar nicht. Sicher, viele sind der Ansicht, man könne doch auch hinter ihnen herfahren – aber wenn ich mit 12 km/h durch die Gegend rollere, kann ich genauso gut zur Arbeit laufen, dann ist kein Zeitvorteil mehr da. Ich pendele ja mit dem Rad und gondle nicht nur zum Spaß und mit beliebig viel Zeit durch die Gegend, wenn ich über 20 Kilometer bis zur Arbeit zurücklege. Mich nervt schon, dass ich laufend vergesse, meinem Handy die Push-Mitteilungen auf die Sport-Smartwatch zu verbieten, wenn ich auf dem Rad sitze, aber ich gucke da nicht drauf, mich nervt nur das fordernde „Vibration-Piep-Guckmichan!“ – aber wer als Radfahrer oder Radfahrerin am Verkehr teilnimmt, kann bei hinreichender Radbeherrschung (ich habe die nicht so ganz) gerne freihändig fahren, aber NICHT mit den Händen tief in den Hosen- oder Jackentaschen und ganz bestimmt nicht am Handy. Man ist immer noch Verkehrsteilnehmer! Das erfordert Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, jederzeit durch Griff am Lenker einzugreifen – lenkend oder bremsend.

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