Aufholjagd, die heiße Phase

In meinem Trainingstagebuch findet derzeit die heiße Phase eines harten Wettkampfes statt. Wie Ihr wisst, führe ich über mein Laufen, Radeln, Schwimmen, Skaten, Gehen, aber auch meine Eigengewichts-Kraftübungen, Stabilisationsübungen, das Dehnen, Zeit auf dem Balanceboard und mittlerweile auch Yoga Buch. Insbesondere das Dehnen, bei dem ich mir mindestens 45 Minuten in der Woche und jeden Tag mindestens fünf Minuten verordnet habe, aber auch Yin Yoga, das mir beim Runterkommen und auch bei Vorbeugung gegen Rückenvorfälle wie im September hilft, stehen zur Zeit im Fokus. Aber das ist etwas, das mir gut tut, kein Wettbewerb. Die Mindestzeiten, und dass ich sie als „Streak“ mit mindestens fünf Minuten am Tag und einer Vorgabe von 39 Stunden im Jahr (also 0,75 Stunden pro Woche) protokolliere und diese Statistik sehr motivierend finde, sind eher ein Nebenschauplatz. Das große Duell findet woanders statt…

Die Läuferin und die Radfahrerin

Die Läuferin Talianna gibt es schon eine Weile. Mit ungefähr 25 Jahren, in der Endphase des Diplomstudiums Physik, habe ich mit dem Laufen angefangen. Damals geschah das auf Rat meiner Ärztin. Das Laufen hat mir geholfen, mich zu fokussieren, Stress abzubauen, Kopfschmerzen vorzubeugen. Es blieb aber eine sporadische Sache, auch wenn ich in dieser Zeit meinen ersten Wettkampf, 5,5 Kilometer beim Karlsruher B2Run, mitgelaufen bin. Dann kam eine Phase, in der ich wegen des Pendelns nach Stuttgart und vor allem der Colitis ulcerosa nicht gut laufen konnte – das Pendeln ließ wenig Zeit und die Krankheit bedingte Probleme mit der Kondition, mit Blutverlust und dann durch die Behandlung die Vorgabe, nicht in die Sonne zu gehen. Alles blöd für die Läuferin. Und so wurde ich zur wiedergeborenen Läuferin: Ende meines 37. Lebensjahres war ich dicker geworden, außerdem war das Immunsuppressivum, das ich gegen die Colitis ulcerosa bekam, nun in anderer Darreichungsform verschrieben worden – und durch Missverständnisse zwischen Arzt und mir sowie das höhere Gewicht nahm ich das Zeug plötzlich in einer Dosierung unterhalb der Wirkschwelle, die in Masse des Wirkstoffs pro Kilogramm Körpergewicht des Patienten angegeben wird. Ich hatte vom Beginn der Behandlung 10 bis 15 Kilogramm zugenommen und nahm durch das Missverständnis mit dem Arzt nur noch zwei Drittel der vorherigen Dosis. Indes, es geschah… nichts. Ich war unterhalb der Wirkschwelle, aber blieb in Remission. Daraufhin vereinbarte ich mit meinen Ärzten, dieses Medikament auszuschleichen. Ich blieb weiterhin symptomfrei und begann, wieder zu laufen. Das war März 2017… die Wiedergeburt von mir als Läuferin. Seit dem verging nicht ein Monat ohne Laufen. November und Dezember 2017 waren noch eher schwach – unter 100 Kilometer – aber danach lagen nur der März 2020 verletzungs- und die Monate September und Oktober 2021 unter 100 Laufkilometern.

Von ihrer Wiedergeburt im März 2017 bis zum heutigen Tag hat die Läuferin 15.412 Kilometer zurückgelegt, mehr als ein Drittel des Äquatorumfangs der Erde.

Die Radfahrerin Talianna gibt es allerdings sogar noch länger. Irgendwann um das Jahr 1993 wurde meinem Vater eine Fehlstellung des Knies diagnostiziert, er hatte Schmerzen und konnte nicht mehr laufen, nicht mal mehr gehen, ohne dass es wehtat. Krankengymnastik war für ihn sehr schwer in seinem Arbeitsalltag unterzubringen, also fragte er, was er selbst tun könne. Die Antwort war einfach – und bringt mich heute auf den Gedanken, dass es wohl damals die Adduktoren waren, die zu schwach waren und sein Knie krumm zogen. Er sollte Radfahren. Mehr als mir lieb ist, habe ich etwas von meinem Vater geerbt, und das ist Konsequenz bis zum geht-nicht-mehr in solchen Sachen: „Ich soll radfahren?“, fragte mein Papa damals. Also fuhr er Rad – JEDEN Tag von zuhause zur Arbeit und zurück, irgendwas zwischen 10 und 15 Kilometer je Richtung, bei jedem Wetter. „Bisschen gibt’s nicht!“, das sagte er. Da Radfahren auf Rennrädern schneller, leichter und besser geht, kam nach dem ersten Trekkingrad ein Rennrad – und meine Schwester und ich bekamen auch welche. Ich fuhr damals mit meinem Vater oft Touren, einmal fuhren wir sogar gemeinsam das Scheuerbergrennen, ein Bergzeitfahren nahe Heilbronn, als Wettkampf. 1997 verunglückte ich auf dem Weg zu einem Treffen mit meinem Vater auf halbem Weg zu seiner Arbeitsstätte. Ein Geländewagen erwischte mich, als ich ihm auf einem Feldweg, sicht- und hörgehindert durch ein Maisfeld und Wind auf der Ecke, die Vorfahrt nahm. Der knöcherne Bandabriss heilte, die Angst auf dem Fahrrad nicht, die wurde immer größer. Das neue Peugeot-Rennrad mit Shimano-Ultegra-Schaltung, nun mit Schalthebeln am Lenker, nicht mehr am Unterrohr, es wurde fast nicht benutzt. Über 20 Jahre ließ ich es, sah zu, wie mein Mann mit Pedelec und „normalem“ Fahrrad seinen Arbeitsweg zu bestreiten begann und kein Auto mehr brauchte. Dann schenkte mir mein Schwiegervater sein altes Mountainbike und Radfahrerin Talianna wurde wiedergeboren. Am 01.12.2019 saß ich das erste Mal seit über 20 Jahren wieder auf einem Fahrradsattel, unsicher und wackelig. Bereits im Januar 2020 fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit, 20 Kilometer hin, 20 zurück. Im Juni 2020 gab’s zusätzlich zum MTB ein Rennrad, den „Green Scooter Killer“, seit Januar 2021 nenne ich mit dem „Alltags-Renner“, „Randonneur-Bike“ oder einfach „Red Flash“, wie ich die Maschine nenne, das dritte Fahrrad mein eigen. 14760 Kilometer habe ich seit dem auf dem Rad zurückgelegt, gut 4200 davon auf dem „Red Flash“, mehr als 6600 auf dem „Green Scooter Killer“, mehr als 2800 auf dem Mountainbike und fast 900 auf unserem Heimtrainer.

Und genau da kommt das Rennen ins Spiel: Nur noch 650 Kilometer beträgt der Rückstand der Radlerin auf die Läuferin. Da ich meist etwa zehn Kilometer pro Tag laufe und 20 pro Tag radle, wird wohl Ende März die Radlerin die Läuferin einholen, sich vielleicht ein paar Tage direkt mit ihr duellieren, und dann für immer davonziehen. Man könnte sagen, für mich ist das ein kosmisches Ereignis.

Gesamtstrecke verglichen mit dem Erdumfang und der Strecke zum Mond, links und unten. In der Mitte und rechts das spannende Rennen… nur noch etwas weniger als 2% des Erdumfangs trennen die Radlerin vom Einholen der Läuferin.

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