Infrastruktur

Ich habe schonmal als Selbstbezeichnung den Begriff „Infrastruktur-Nerd“ verwendet. Vor vielen Jahren, als ich über eine Online-Textrollenspiel-Community und später ein (etwas abseitiges) Sammelkartenspiel deutschlandweit Freunde und Bekannte fand, vor sozialen Medien (bzw. als ein soziales Medium noch ein Internetforum oder ein IRC-Chat war), begann ich nach den Besuchen bei diesen Freunden aufzuzeichnen, welche Autobahnen ich dabei befuhr. Wir fuhren nie allein irgendwohin – damals nicht wirklich aus ökologischen Motiven, sondern vor allem aus ökonomischen Aspekten. Durch fünf geteilte Fahrtkosten waren weit einfacher zu tragen als die volle Summe. So kam meine Autobahnsammlung zusammen.

Für die abgefahrenen Formen von Autobahnkreuzen in Cities: Skylines konnte ich mich immer begeistern, später dann auch für kreative Strukturen des ÖPNV auf Schiene, Einschienen-Hochbahn und dergleichen sowie für die Frachtbahnen, für die ich ausgeklügelte Netze mit Einbahn-Gleisen, Rundkursen, Trennung interner von Import-/Export-Netzen usw. noch immer am kreieren bin. Dann kamen die Fuß- und Radwege auch in dem Spiel… und zunehmend auch die Radwege in der Realität, seit ich 2019 das Radfahren wieder anfing. Und so habe ich einen Wandel durchgemacht: Interesse für das Autobahnnetz, da ich es benutzte, in den Nuller-Jahren und den frühen 2010ern, dann zunehmend Interesse für den ÖPNV, aus ökonomischen, ökologischen und (mental) gesundheitlichen Gründen – und seit 2019 exzessiv Rad-Infrastruktur. Ähnlich wie die Excel-Tabelle, in der ich über meine Nutzung der deutschen Autobahnen buchführte, nutze ich nun die Heatmaps bei Strava.

Meine Strava-Heatmap NUR mit dem Rad, seit März 2020 geführt.

Wenn ich mir meine Heatmap auf Strava nur für’s Radfahren für die Jahre 2020 und 2021 anschaue, fällt fast alles in die Karlsruher Region. Es gibt noch einen Mini-Cluster an der Nordsee, das war Urlaub. Ansonsten sind’s die Landkreise Rastatt, Karlsruhe und Calw, dazu die Stadtkreise Karlsruhe und eventuell mal gestreift Baden-Baden sowie eine Fahrt durch das nördliche Elsass. Es sind drin: Pendeln zur Arbeit, Dienstreisen, Besuche bei und Treffen mit Freunden, Transfer zum Sport und Einkaufen. Natürlich ist auch Training aus Spaß an der Freude oder um besser zu werden dabei, aber alle signifikant aus dem inneren Cluster herausragenden Tracks betreffen Besuche bei Freunden (zweimal Hügelsheim, ganz im Süden, dazu die Schleife über Busenbach im Osten), Treffen mit Freunden (Bruchsal, im Nordosten – mit ein bisschen Spazierfahrten, um zu früh angekommene Zeit zu vertrödeln), Dienstreisen (Waghäusel im Norden, Bad Herrenalb im Südosten, Pfinztal und Durlach im Osten, KIT Campus Nord knapp oberhalb der Bildmitte) und Anfahrten zur Nebentätigkeit (auch KIT Campus Nord).

Man sieht der Strava-Heatmap also vor allem an, welche Strecken ich wirklich brauche, da ich bislang die „Joyrides“ für Training eher in meiner eigenen „Hood“ oder auf Strecken absolviert habe, die ich auch sonst als „Radverkehr“ benutze. Wenn man mich fragt, ob das (Renn-)Rad für mich vor allem Verkehrsmittel oder Sportgerät ist, dann ist der Instinkt freilich, von einem Sportgerät zu sprechen, in der Realität hat das Fahrrad für mich aber sehr, sehr große Bedeutung als Verkehrsmittel.

…und daraus resultieren Erkenntnisse. Wer das Fahrrad stark als Verkehrsmittel auch auf längeren Strecken einsetzt, lernt die Bedeutung von Infrastruktur kennen, die mit dem Auto ganz selbstverständlich ist: Guter Belag macht das Fahren angenehmer, leichter und schneller. Gerade Wege mit wenigen Kreuzungen und halbwegs vorteilhafter Schaltung von Ampeln verringert Warte- und Anfahr-Zeiten, bei letzteren auch den nötigen Kraftaufwand. Insbesondere bei Fahrten, die „jeder normale Mensch“ mit dem Auto mit eingebautem Navi machen würde, ist auch eine anständige Beschilderung guter Wege eine gute Sache – denn ich habe zwar die Möglichkeit, mit meinem Garmin Edge 830 zu navigieren, aber Hand auf’s Herz: Ich möchte auch mal nach Schildern fahren können und dabei nicht unbedingt auf Umwege oder schlechte Wege geleitet werden. Wie gesagt: halbwegs anständiger Asphalt, mindestens jedoch befestigter Belag, der sich bei Regen nicht in glitschigen Matsch verwandelt oder als Kiesbelag beim Bremsen oder Kurven Fahren zu steinewerfendem Rutschen führt, eine gute Beschilderung und halbwegs passable Ampelschaltungen sind beim Autofahren so selbstverständlich, dass jeder sich aufregt, wenn er zweimal denselben Verkehrsstrom fließen und stoppen sieht, während er wartet.

Beim Radfahren sind wir davon weit entfernt. Ich fahre mit meinem Alltagsrenner (nicht GANZ schmale Reifen, Schutzbleche, natürlich voll beleuchtet) öfter mal einem Radwegsschild nach und lande nach 100 Metern Asphalt oder Beton auf Kies oder gar festgefahrener Erde. Radwegsschilder für Fernziele führen allzugerne mal auf Wege, die als „Fußweg, Radfahrer erlaubt“ beschildert sind, neben Straßen, auf denen es keinen Schutzstreifen gibt – auf beidem darf man fahren, auf beidem ist man Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. An vielen Kreuzungen kriegt man als Radfahrer Rot, weil die Rechtsabbieger grün bekommen – ist ja kein relevanter Verkehrsteilnehmer da, der da rüber will – und schaut zu, wie die Ampel über den Geradaus-Auto-Weg rot, grün, wieder rot wird. Wenn ich nach den Schildern gehe (und nicht mit Erfahrung und Neugier suche), finde ich MEHR Wege über die A5 und den Gleisstrang Ettlingen-Karlsruhe, die „Auto-only“ sind (teils sogar wirklich straff „Auto-only“ wie die B462 bei Rastatt Nord), als es welche für Radler und Fußgänger gibt. Freilich, Feldwegtunnels oder asphaltierte Brücken, zu denen matschige Waldwege als Zubringer führen, die gibt’s. Aber zu vielen davon führt kein Radwegschild und wetterunabhängig sicher auf den Zubringern flott fahren ist auch nicht.

Ich möchte es nicht kleinreden, dass an vielen Stellen Radwege hoher Qualität gebaut werden, dass Schilder für Rad-Fernziele aus dem Boden sprießen und „Radnetz“-Aufdrucke auf den Straßen erscheinen, so dass man zumindest nominell nicht nur geduldet, sondern berechtigt auf der Straße fährt. Dennoch ist ein zwei Lenkerbreiten breiter Radweg, ein Schotterweg, ein Waldweg, ein Fußweg mit geduldeten Radfahrern sicher nicht das, wo wir hin wollen, wenn wir ein schnelles und effizientes Radnetz haben wollen, das einem ergänzt durch den ÖPNV unter vernünftiger Menge zusätzlichen Zeitaufwands erlaubt, das Auto für alle alltäglichen Wege auch außerhalb der Stadt stehen zu lassen oder abzuschaffen.

Daher möchte ich klar machen: Ein 1,20 Meter breiter Asphaltweg, der von Fußgängern und Radlern gemeinsam benutzt werden soll, ist im Verhältnis zur vierstreifigen Bundesstraße 20 Meter weiter ein Schlag ins Gesicht des Verkehrsmittels Fahrrad. Kies- und Waldwege als reguläre, von Beschilderung referenzierte Fernradwege sind vielleicht für nette Trekking-Touren eine Option, aber mit Verkehrswende hat das so viel zu tun wie ein Sessellift.

Dass man glatte, befestigte Radwege braucht, um mit Taschen oder Kindern hoch am Rahmen oder einem Lasten-, Kinder- oder Hunde-Radanhänger immer noch zuverlässig fahren zu können, dass man auch ohne Navi nach Schildern einen komfortablen und schnellen Weg auch auf längeren Strecken finden können muss, damit das Rad ein ernsthaftes Verkehrsmittel sein kann, ist an vielen Stellen noch nicht angekommen.

Wir sind ein Autoland, können uns das aber längerfristig einfach nicht mehr in der aktuellen Form leisten – und wenn wir nicht begreifen, dass zur Verkehrswende zum Fahrrad als VERKEHRSMITTEL hin nicht nur Rahmen, Laufräder, Ketten, Ritzel und Kettenblätter, nicht nur Beleuchtung gehören, sondern auch schnell und sicher befahrbare Wege, zuverlässige Beschilderung und ausreichende Trennung vom Fußgängerverkehr, wird es ein hartes Erwachen werden, wenn wir irgendwann merken, dass Elektrifizieren der Autos nicht ausreicht und man einfach nicht überall hin Schienen bauen kann.

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